Die Nicht-Standardisierbarkeit professionellen Handelns. Grenzen von pädagogischen Ratgebern


Hausarbeit, 2018

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Professionelles Pädagogisches Handeln
2.2. Beratung als eine Form pädagogischen Handelns
2.3. Pädagogische Ratgeber und ihr Zugang
2.4. Vergleich der Zugänge von pädagogischer Beratung und Ratgebern
2.5. Grenzen von pädagogischen Ratgebern
2.6. Beurteilung

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Markt für Erziehungsratgeber floriert, pädagogisches Wissen verbreitet sich zunehmend. Eltern, die das Beste für ihre Kinder wollen und Sorge haben, etwas falsch zu machen in der Erziehung, sind auf der Suche nach Orientierung und Antworten auf ihre Fragen. Daher greifen sie zu Ratgebern, die ihnen die Lösung ihrer Probleme versprechen. Autoren und Autorinnen dieser Ratgeber, die vermitteln, welche pädagogische Methode sie für geeignet halten, schildern Erziehung aus der Perspektive eigener Erfahrungen und verweisen stets auf den Erfolg ihrer Erziehungsmittel.

Viele Pädagogen blicken kritisch auf pädagogische Ratgeber und deren Entwicklung. Sie sehen in der Realität viele Problematiken von Erziehungsratgebern und deren Praktiken, die auf den ersten Blick nicht typischem professionellen pädagogischen Handeln entsprechen. So werden Erziehungsratgeber und deren Standardisierung und Verbreitung pädagogischen Wissens oft durchweg kritisch betrachtet.

Doch wie sind Ratgeber beschaffen? Welchen Zugang haben sie? Was zeichnet sie aus? Wie stehen sie gegenüber geläufigen pädagogischen Arbeitsweisen wie der Beratung da? Bisher sei wenig über die praktische Anwendung und die Wirksamkeit von Erziehungsratgebern bekannt. Es gäbe hauptsächlich wissenschaftliche Analysen von Erziehungsbüchern und ihren pädagogischen Inhalten, sowie Überlegungen auf theoretischer Ebene. (Jahn 2012, S.2)

In dieser Arbeit gehe ich der Frage nach, welche unterschiedlichen Zugänge pädagogische Ratgeber und pädagogische Beratung aufweisen und inwieweit pädagogische Ratgeber professionell pädagogischem Handeln entsprechen können.

Zuerst werde ich eine Einführung in professionell pädagogisches Handeln und ihrer Merkmale machen, die für alle weiteren Punkte relevant sein wird. Anschließend werde ich erläutern, was einerseits eine pädagogische Beratung und andererseits pädagogische Ratgeber ausmacht, und wie die jeweiligen Zugänge der Optionen in einem Vergleich aussehen. Zuletzt werde ich die Grenzen von pädagogischen Ratgebern in Bezug auf professionelles pädagogisches Handeln analysieren und eine Beurteilung abgeben.

Diese Arbeit soll in Art eines theoretischen Überblicks die Grenzen von Erziehungsratgebern aufzeigen.

2. Hauptteil

2.1.Professionelles Pädagogisches Handeln

Garz und Raven setzen sich in ihrem Text damit auseinander, was Professionen und professionelles Handeln ausmacht, und was sie von Berufen unterscheidet. Die professionstheoretische Forschung habe ab den 1930er Jahren begonnen, Merkmale für Professionen zu ermitteln, die sie von anderen Berufen unterscheiden. Viele Merkmale aus dem sogenannten „Trait Model of Professionalism“ würde man heute den Professionen wahrscheinlich immer noch zuordnen, wie z.B. Expertenwissen, Professionsethik oder Selbstregulierung. Bei der Frage danach, welche Berufsgruppen als Professionen zu bezeichnen wären, genüge es allerdings nicht, die Berufsgruppe mit einem Merkmalskatalog abzugleichen und gegebenenfalls zur Profession zu erklären. Es müsse viel mehr nach Oevermanns strukturalen Theorie professionalisierten Handelns gedacht werden, die den Blick auf die Strukturlogik der Handlung von Berufen lenke. (vgl. Garz & Raven 2015, S.109 f.)

Bei professionellem-pädagogischem Handeln gehe es vor allen Dingen um die stellvertretende Bewältigung echter lebenspraktischer Krisen bzw. der Wiederherstellung lebenspraktischer Handlungsfähigkeit. Eine Krise trete beispielsweise dann auf, wenn bewährtes Wissen und gefestigte Routinen für die Bewältigung von Problemen versagen oder Überzeugungen und Glaubenssätze erschüttert werden, die für bisherige Problemlösungen relevant waren. (vgl. Becker-Lenz 2014, S.186)

Der professionelle handelnde trete, nach erteiltem Mandat eines sich in der Krise befindenden Klienten, vorübergehend an die Stelle der primären Lebenspraxis, um stellvertretend in einem Arbeitsbündnis die Autonomie des Klienten wiederherzustellen. (vgl. Garz & Raven 2015, S.111) Dieses Mandat werde einerseits durch das Eingeständnis des Scheiterns eigener Problembewältigungsversuche und den dadurch entstehenden Leidensdruck, und andererseits aufgrund des Wissens um die Expertise eines Professionellen erteilt. (vgl. Garz & Raven 2015, S.116)

Die Expertise basiere in jedem Fall aber nicht nur in fundiertem wissenschaftlichen Wissen, sondern benötige weiterhin auch rekonstruktives Fallverstehen und interventionspraktische Kompetenz. Der professionelle Experte müsse also insgesamt in der Lage sein, seine allgemein wissenschaftlichen Wissensbestände dem speziellen Fall entsprechend in krisenbewältigendes Handlungswissen transformieren. (vgl. Garz & Raven 2015, S. 116 f.)

Insgesamt benötige die stellvertretende Krisenbewältigung durch professionelle Experten jedoch auch Aktionen des Klienten, der neue Regeln nicht einfach strikt verfolge, sondern auch eine ganzheitliche Umsetzung dieser Regeln erbringt. Somit müsse professionelle Hilfe immer darauf abzielen, Hilfe zur Selbsthilfe zu gewährleisten. Dies könne nur auf Basis eines bestimmten Arbeitsbündnisses geschehen. (vgl. Garz & Raven 2015, S. 120)

Aufgrund des Arbeitsbündnisses würden in der Interaktion auch immer persönliche Elemente enthalten sein. Die professionell Handelnde Person lasse die persönlichen Beziehungsanteile zu und sorge gleich zeitig für eine gewisse Distanzaufrechterhaltung. Deshalb sei das Arbeitsbündnis diffus und spezifisch zur gleichen Zeit, auch weil der Klient als ganze Person von der Krise betroffen und in das Arbeitsbündnis involviert sei. (vgl. Becker-Lenz 2014, S.190)

Generell wird nach Garz und Raven bei professionell-pädagogischem Handeln von einer Nicht-Standardisierbarkeit gesprochen. Darunter falle zum Beispiel das umfassende Fallverstehen, da nur im Zusammenhang von verschiedensten fallspezifischen Informationen auch fallangemessene Maßnahmen getroffen werden könnten. (vgl. Garz & Raven 2015, S.119)

Eine weitere Begründung von Nicht-Standardisierbarkeit liege im Handeln selbst. Der Professionelle müsse neben umfassenden Fallverstehens auch seine routinierten Maßnahmen und sein Wissen an den Fall anpassen bzw. in den Lebenskontext des Klienten rückübersetzen. (vgl. Garz & Raven 2015, S.119)

Die wichtigste Begründung der Nicht-Standardisierbarkeit stellvertretender Krisenbewältigung sei aber besonders die widersprüchliche Einheit von Autonomie und Abhängigkeit. Sie beschreibe die Gefahr des Abhängig-Werdens nach gelingender Fall Rückübersetzung, auf die der Professionelle wiederum fallspezifisch, also nicht-standardisiert, reagieren müsse. (vgl. Garz & Raven 2015, S.119f.)

2.2. Beratung als eine Form pädagogischen Handelns

Nach Dewe und Schwarz, die sich in ihrem Text mit Beratung befassen, lasse sich Beratung klar als professionelle Handlung verordnen, da die „Hervorbringung einer spezifischen Handlungsstruktur rekonstruierbar ist, d.h. ihr Handeln einer eigenen Struktur und Grammatik folgt und unterliegt.“ (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S.121) Doch was sind die besonderen Merkmale der Beratung als professionelle pädagogische Handlung?

Beratung unterstütze die Problemlösungssuche und die Umsetzung gemeinsam erarbeiteter Vorschläge. Somit sei sie nie als eine einseitige Informationsweitergabe zu verstehen. Die Vermittlung von individuell zugeschnittenem Wissen spielt zwar eine Rolle im Beratungsprozess, wesentlich wichtiger sei es jedoch, den Prozess als einen engagierten Dialog zwischen dem Berater und dem Klienten zu sehen. (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S. 72)

Der Berater arbeite mit „methodisch inszenierte(n) und herbeigeführte(n) Perspektivwechsel(n)“ (Dewe & Schwarz 2011, S. 73), die für den Klienten neue Lösungswege eröffnen sollen. Gleichzeitig sei es seine Aufgabe, Handlungskompetenz des Klienten zu fördern, wozu auch gehöre, zu erkennen, welche Kompetenzen der Klient benötigt, um gewisse Perspektiven zu erlangen oder Lösungen umzusetzen. (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S. 73)

Beratung basiere auf dem Prinzip, das Klienten prinzipiell das Potenzial zur Autonomie und eigenen Lebensbewältigung innehaben, allerdings situativ Unterstützung und Förderung von Selbststeuerungsfähigkeiten benötigen. Dabei herrsche aber als insgesamter Rahmen die Freiwilligkeit der Teilnahme und die Abbruchfreiheit des Klienten. (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S.74)

Individuelles Fallverstehen und Rückübersetzung im Lebenskontext seien ebenfalls wichtig bei einer Beratung. Dies umfasse nicht nur die individuelle Lebenspraxis des Klienten, sondern auch soziale Kontexte, in denen der Klient lebt, was familiäre Lebensbedingungen, soziales Milieu, Institutionen etc. umfasse. Bei einer Erziehungsberatung bspw., sei dies besonders von Nöten, da Probleme und Krisen nicht nur den Klienten betreffen, sondern oft auch seine Kinder, seinen Ehepartner und andere Personen aus seinem Umfeld. Lösungen müssten daher auf alle Betroffenen gut abgestimmt sein. (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S.

Dewe und Schwarz schlagen vor allen Dingen 3 relevante Problemlösungen vor. Erstens die Problemlösung durch einen Perspektivwechsel, bspw. den Klienten durch eine neue Sichtweise, die der Klient durch seine Involviertheit selbst nicht entwickeln kann, dazu zu befähigen, anders und adäquat in einer Situation zu agieren. (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S. 80)

Eine weitere Problemlösung bestehe in der Wissensvermittlung. Diese geschehe jedoch strikt fallbezogen und auf die individuelle Problemsituation zugeschnitten. Außerdem gehe es dabei vor allen Dingen um handlungspraktisches Wissen und weniger um theoretisches, abstraktes Wissen. (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S.81 f.)

Die dritte Problemlösestrategie ist die des Empowerments bzw. der Kompetenzförderung. „Hierbei zielt Beratung auf die Stärkung des Selbstvertrauens und der Selbstmanagementkompetenz des Ratsuchenden, um ihn zu befähigen, das Leben in eigener Regie zu gestalten (...)“ (Dewe & Schwarz 2011, S. 82)

Neben des Verstehens des Falls durch den Berater und der Suche nach geeigneten Problemlösungen, stoße der Berater jedoch zwangsläufig an gewisse Grenzen, da er gewisse Handlungsoptionen und Lösungen nicht verordnen, sondern nur für sie argumentieren könne, da die Entscheidung über die tatsächliche Umsetzung stets der Autonomie des Klienten überlassen sei. Dies sei auch dadurch begründbar, dass der Klient im Endeffekt immer noch die lebensgeschichtlichen Konsequenzen jener Entscheidungen tragen muss, und da wissenschaftliches Wissen eben nicht hinreichende Aussagen für subjektiv ertragbare Lebenspraxis darbringe. (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S.110)

Ein weiterer Aspekt der Beratung ist der Entscheidungszwang und die Begründungspflicht. Diese ergäben sich aus der Erschöpfung wissenschaftlichen Wissens in der Praxis, d.h., dass wissenschaftliches Wissen in alltägliche Aushandlungsprozesse einfließe und dort zur Begründung von Entscheidungen wirksam sei, und nicht mehr wissenschaftlichen Maßstäben folge. (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S.122)

Als Produkt von Beratung könne die Personenveränderung in Bezug auf ein Handlungsproblem gelten. Diese wird auch „people-processing“ genannt, da Beratung so gesehen im Laufe dieses Prozesses Wissen, Lernfortschritt, Einsicht, Aufklärung, Kompetenzentwicklung, Wiederherstellung von Handlungs-, Orientierungs- und Entscheidungsfähigkeit, und Sicherung von gesellschaftlicher Teilhabe herstellen würde. (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S. 127)

Der Berater könne aber wie gesagt Handlungsoptionen nicht verordnen, sondern nur plausibilisieren, was man auch als überzeugen statt überreden betitelt. Insofern enthalte Beratung ein technologisches Defizit. (vgl. Dewe & Schwarz 2011, S. 127)

2.3 Pädagogische Ratgeber und ihr Zugang

Im Zuge der Entwicklung zur Wissensgesellschaft habe die Monopolstellung von Professionen abgenommen, da exklusives Sonderwissen, über welches die Professionen in der Berufsausbildung verfügen, immer zugänglicher für Externe wurde. Wissenschaftliches Wissen spiele eine immer größere Rolle im Alltagsleben und auch in Berufen, die nicht zu den Professionen zählen. So kam es zu der Verbreitung von pädagogischen Ratgebern, die wissenschaftliches Wissen und Methoden leicht zugänglich vermitteln wollen würden. (vgl. Becker-Lenz 2014, S. 184)

Eltern würden diese Angebote in Anspruch nehmen, wenn z.B. eine Krise vorliegt, bei der der Ratgeber mit zu vermittelnden Theoriewissen und/oder Handlungswissen bei der eigenen Krisenbewältigung helfen soll. Der Ratsuchende, der einen Erziehungsratgeber liest, hätte ein Problem bisher mit seinen Strategien nicht lösen können. Andererseits könne ein Ratgeber auch ohne das Vorliegen einer konkreten Krise erworben werden, bspw. aus Interesse und dem Willen zur privaten Weiterbildung bzw. Elternbildung oder um für künftige Krisen gewappnet zu sein und für eigene Fragen antworten zu finden. (vgl. Jahn 2012, S.20)

Bei der Nutzung eines Erziehungsratgebers könne die Person seine Probleme selbst bearbeiten, sofern die Ratschläge aus dem Buch zur Situation passen und die Person in der Lage ist, den Rat ohne weitere Unterstützung umzusetzen. Der Vorteil liegt nach Jahn dann darin, sich nicht erst einem Berater öffnen zu müssen und seine Schwierigkeiten zuzugeben. Erziehungsratgeber seien daher ein niedrigschwelliges Beratungsangebot, da der Käufer keine Rückmeldung über Erfolge erbringen müsse und anonym bleibe, da er sich nur privat mit dem Thema beschäftigt. (vgl. Jahn 2012, S.20)

Erziehungsratgeber seien an ein breites Publikum adressiert. Die Aufgabe sei es, Erwachsenen situationsabhängig Bildung zu vermitteln, d.h. sie anzuregen, Defizite und Wissenslücken zu schließen und selbstgesteuert neue Verhaltensweisen zu entwickeln. Anschließend müsse die Person das neue Verhalten evaluieren und prüfen, ob sich positive Ergebnisse ergeben oder ob das Verhalten erneut modifiziert werden muss. (vgl. Jahn 2012, S.21)

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Nicht-Standardisierbarkeit professionellen Handelns. Grenzen von pädagogischen Ratgebern
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V987121
ISBN (eBook)
9783346346018
ISBN (Buch)
9783346346025
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nicht-standardisierbarkeit, handelns, grenzen, ratgebern
Arbeit zitieren
Arno-Ben Meinicke (Autor:in), 2018, Die Nicht-Standardisierbarkeit professionellen Handelns. Grenzen von pädagogischen Ratgebern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/987121

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