Sozialisation von Jungen und Männern mit Bezug auf die Genderdebatte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

20 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozialisation und Gender - Debatte im Wandel der Zeit

3. Sozialisation von Jungen

4. Anregungen zu einer gendersensiblen Erziehung in der Familie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Podcast Folge Die Rosa- und Hellblau- Falle - Genderwelt der Kleinen, produziert von SWR2 Tandem (2015), werden zwei junge Eltern interviewt. Zusammen mit ihrem Sohn Kalle (5 Jahre) entsprechen sie dem Bild einer modernen Familie. Der Vater nahm sich zunächst Elternzeit, arbeitet halbtags und erregt durch seine aktive Teilnahme an der Erziehung auf den Spielplätzen großes Aufsehen. Die Mutter arbeitet in Vollzeit und wird deshalb mit unterschwelligen sowie direkten Vorwürfen konfrontiert. Der Sohn gleicht es den Eltern und lässt sich nicht in traditionelle Rollenbilder zwängen. Er möchte lange Haare tragen, bevorzugt Rosa, kleidet sich in Röcken und bittet seine Eltern um Nagellack. Er spricht - trotz biologisch männlichen Geschlechts - mit feiner, heller Stimme, zeigt sich empathisch und sanft im Umgang mit seinen Mitmenschen. Auch sein Umfeld fühlt sich provoziert und lässt ihn das spüren. Im Kindergarten erwartet man ein eindeutiges, geschlechtstypisches Verhalten. Während im Elternhaus sein, von der Norm abweichendes Verhalten begrüßt und gefördert wird, erfährt er dort Ausgrenzung. Die Dissonanz wird zu groß und zunehmend schwerer zu ertragen; Kalle gibt nach und passt sich an die gesellschaftliche Norm an. Er lässt sich von der Mutter die Haare schneiden und die Nägel nur noch transparent lackieren. Die Eltern befinden sich nun in einem Dilemma. Sollen sie den Sohn weiter bestärken und riskieren das er weiterhin Ausgrenzung erfährt? Sollen sie ihm vorleben, dass die Werte und Normen der Familie dem gesellschaftlichen Druck nachgeben müssen? Projizieren sie ihre eigene, utopische Vorstellung von einer besseren Gesellschaft auf ihn?

Als junger Mann mit Kinderwunsch sind dies Fragen die ich mir schon selbst gestellt habe. In der hier vorliegenden Arbeit kann ich sie jedoch nur teilweise beantworten. Vielmehr wird in den folgenden Kapiteln die Debatte, die um die Geschlechtsentwicklung entstanden ist, dargelegt, die Sozialisation des Geschlechts anhand von Jungen beschrieben, um dann Anregungen zu einer geschlechtssensiblen Erziehung zu schaffen, da die Erziehung des eigenen Kindes einer der größten Wirkkreise ist, die man als Mensch hat.

2. Sozialisation und Gender - Debatte im Wandel der Zeit

„Als Sozialisation wird der Prozess bezeichnet, in dem das Individuum sich innerhalb der Gesellschaft entwickelt und an sie anpasst, ihre Normen aneignet und in angemessener Weise übernimmt [...]“ (Hummrich und Kramer 2017, S. 1). Dass dieser Interaktionsprozess auch Einfluss auf unser Geschlecht hat, war lange Zeit unvorstellbar. Man kam als Frau oder als Mann - eindeutig erkennbar am Genital - zur Welt. Das „Kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit“ (Mogge-Grotjahn 2004, S. 82) lässt diese Einteilung soziale Wirklichkeit werden. Den Anstoß, der dazu führte, diese strikten Kategorien in Frage zu stellen, kam durch den feministischen Diskurs in den 70er/80er Jahren. Überwiegend Frauen fühlten sich zu dieser Zeit aufgrund ihrer biologischen Merkmale in ihren Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Sie forderten die patriarchalisch geprägte Gesellschaft auf, aus einer Gleichheits- oder Differenzperspektive auf das Geschlecht zu blicken. Die Forderungen nach Gleichheit umfasste gleiche Rechte, gleiche Bildung, gleiche Entwicklungschancen für beide Geschlechter. Vor allem sollte aber anerkannt werden, dass es keine biologische Voraussetzung für eine Determination von Fähigkeiten des jeweiligen Geschlechtes gibt. Die Differenzperspektive beschreibt zwar Unterschiede, möchte diese aber als gleichwertig in der Gesellschaft bewertet haben. Die Begriffe sex und gender werden geprägt (vgl. Focks 2016, S. 84). „Bei diesen kulturellen Konstruktionen der Geschlechterordnung wird davon ausgegangen, dass es biologisch (nur) Frauen und Männer (sex) gibt, dass das Geschlecht konstant bleibt und dass es entsprechend dazu ein soziales und kulturelles Geschlecht (gender) gibt.“ (ebd. S. 70). Focks Wort- und Zeichenwahl („(nur)“) lässt schon Rückschlüsse darauf ziehen, dass dies nicht mehr die aktuelle Sichtweise darstellt. Vielmehr wird der Feminismus in den 90er Jahren durch den Diskurstheoretischen Konstruktivismus geprägt. Judith Butler, eine populäre Vertreterin dieser Theorie, möchte sowohl sex als auch gender spielerisch dekonstruieren, da die Zweigeschlechtlichkeit nur durch „[...] gesellschaftliche Diskurse hergestellt [wird]“ (Focks 2016, S. 84). Die Unveränderlichkeit sowie die biologische Determination des Körpers werden hierbei in Frage gestellt.

Im Diskurs entstehen zwei Extrempositionen. Die konservative, biologische Determination steht der Annahme gegenüber, Geschlecht ließe sich im Ganzen konstruieren und dekonstruieren. Beide Positionen überschneiden sich beim Prinzip „Doing Gender". Hierbei „ist die These in den Mittelpunkt gestellt, dass das Geschlecht nicht [nur] in der Person [...] verankert ist, sondern sich in sozial auffordernden Sprach- und Interaktionsstrukturen herausbildet und bestätigt, und sich demnach verändern kann [...]“ (Böhnisch 2013, S. 82) Ein Paradigma, das bis heute seine Gültigkeit nicht verloren hat.

Bleiben diese Mechanismen unbewusst und unreflektiert, bergen sie Risiken für die Entwicklung eines Menschen. Inzwischen stellt dies auch keine rein feministische Debatte mehr dar, vielmehr wurde erkannt, dass hegemoniale Männlichkeit nicht nur Frauen, sondern auch die Männer selbst in ihrer Selbstbestimmung einschränkt (vgl. Ehlert 2012, S. 18f).

Zu beachten gilt es auch, dass es weitaus mehr Kategorien als männlich/weiblich gibt, die einen bestimmten Effekt auf die Sozialisation eines Menschen haben. Neben vielen anderen plädiert Focks (2016, S. 82) für die sogenannte Intersektionale Perspektive: „Die verknüpfte Betrachtung von Geschlecht mit weiteren Differenzkategorien hilft Verallgemeinerungen zu verhindern, verhindert eine Dramatisierung von Geschlecht und zeigt die Lebenswelten von Kindern differenzierter.“ Die hier angesprochenen Differenzkategorien stellen beispielsweise Altersgruppen, Kultur, Ethnie und soziale Milieus dar, die sich im Englischen unter Race, Class and Gender zusammenfassen lassen. Trotz dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise der Intersektionalen Perspektive lohnt es sich, den Blick auch wieder auf einzelne Aspekte der Benachteiligung, in unserem Falle der Genderproblematik, zu verengen. Damit wäre eine Grundlage geschaffen, mit der man im Anschluss Schnittpunkte (engl. intersection) erkennen könnte.

Um die Entwicklung der Geschlechtsidentität besser nachvollziehen zu können eignet sich die Betrachtung Geschlechterdreiecks (Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Geschlechterdreieck

Quelle: Focks 2016, S.11

„Im Zuge ihrer individuellen Geschlechtsidentitätsentwicklung setzen sich Kinder aktiv - wenngleich nicht bewusst und insbesondere bei kleineren Kindern nicht reflektiert - mit den sie umgebenden Geschlechterverhältnissen auseinander. Sie lernen dabei nicht nur über Stereotype und Symbole (erste Ebenen des Geschlechter-Dreiecks), sondern vor allem durch die Modellfunktion der Erwachsenen, indem sie beobachten, welche Aufgaben und Arbeiten Frauen oder Männer übernehmen, an welchen Orten sie sich aufhalten (zweite Ebene des Geschlechter Dreiecks), wie sie sich bewegen, wie sie reden, wie sie miteinander kommunizieren, was sie von Mädchen bzw. von Jungen erwarten usw.“ (Focks 2016, S. 40). Die drei Ebenen des Geschlechterdreiecks wirken während des gesamten Sozialisationsprozesses eines Menschen. In der Kindheit werden Geschlechtsdifferenzierungen zunächst spielerisch erlernt. Dies geschieht über äußere Symbolisierungen (Spielmaterialien, Farben, Kleidung), später „[...] auch durch verschiedene Verhaltensweisen, Arten der Gefühlsäußerung und Körperpraxen“ (Focks. 2016, S. 42). Kinder testen, welches Verhalten ihren Emotionen entspricht und ob sie damit in der Umwelt auf Widerstand oder Wohlgefallen stoßen. Zwischen dem vierten und dem fünften Lebensjahr setzen sie ihre erlernten und erprobten Vorstellungen von Geschlechtsdifferenzen besonders streng um. Das äußert sich im Loben und Strafen von zum jeweiligen Geschlecht passenden bzw. unpassenden Verhalten und Symboliken in den Peergroups. In der weiteren Entwicklung nimmt die Darstellung von Geschlecht eine Eigendynamik an, in der die Kinder die spielerisch erlernten Unterschiede immer mehr verinnerlichen, es entwickelt sich ein kategoriales Denken. Die Symbolik tritt in den Hintergrund, die Kinder lösen sich aus ihrer Starre. Über typisch „weiblich" und typisch „männlich" können nun differenziertere Äußerungen getroffen werden. Auch im Kontext der Jugend spielt das Prinzip Doing Gender eine bedeutende Rolle. Jugendliche orientieren sich an erwachsenen Vorstellungen ihres Geschlechtes und tragen diese symbolkräftig durch beispielsweise starkes Schminken oder männliche Gangart nach außen. „Geschlechtszugehörigkeit ist [nach Faulstich - Wieland] nicht allein an mentales Wissen gebunden, sondern an praktisches Wissen, d.h. die Darstellung erfolgt über körperliche Routinen. [...] Dies entlastet die Interaktionen, weil über die Formierung der Körper eine Stabilität des Geschlechts gesichert wird" (Focks 2006, S. 109). Diese unbedarfte, jugendliche Symbolisierung mildert sich dann mit der Stabilisierung des Geschlechts im Alter, wobei die Vergeschlechtlichung aber ein lebenslanger Prozess bleibt. Auch im Erwachsenenalter sind vergeschlechtliche Körperpraxen, Verhaltens- und Gefühlsweisen in der sozialen Interaktion bedeutsam, wobei sich die Geschlechterpraxen ins Unbewusste verlagern (vgl. Focks, S. 42).

3. Sozialisation von Jungen

In Anbetracht der bereits unter 2. dargestellten Diskussion hinsichtlich des gesellschaftlichen Korsetts der Geschlechtereinteilung und der daraus resultierenden Einschränkungen für die individuelle Entwicklung soll im Folgenden auf die Sozialisation aus tiefenpsychologischer Sicht eingegangen werden. Die Einordnung von „Junge und Mädchen" sowie „Männer und Frauen" wirkt überholt. Da sich aber die Debatte und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in unterschiedlichen Tempi bewegen, lassen sich doch noch Unterschiede im Sozialisationsprozess deutlich erkennen und benennen, mit der steten Gefahr zu verabsolutieren. Im vorliegenden Text sind die Kategorien männlich und weiblich als eine Bestandsaufnahme im Hinblick auf eine zukünftige, spektrale Geschlechterdifferenzierung zu verstehen. Die Spezialisierung auf Jungen erfolgt nicht wahllos. Hatten Jungen vor ein paar Jahrzehnten noch einen sehr hohen gesellschaftlichen Status, werden sie heutzutage in Deutschland eher als kompliziert, anstrengend und wild stigmatisiert. Diese Defizite haben unter anderem ihre Ursache in der aktuellen Unsicherheit der Männer bezüglich ihres gesellschaftlich geforderten Rollenbildes. Der Mann vollführt in seiner fortschreitenden Suche nach der modernen Männerrolle einen Spagat. „‘[Die] Erwartung, leistungsstark, erfolgreich und kämpferisch zu sein, bleibt das Maß für Beruf und Karriere. Privat hingegen wird eine Männlichkeit verlangt, die kooperativ, empathisch, flexibel und irgendwie feminin ist‘ (Hollstein 2012, S. 13)" Böhnisch (2013, S. 14) Während Frauen diesen Spagat schon länger - jedoch richtungsverkehrt - leisten und inzwischen auch bereits gezielte Förderung und Aufklärung erfahren, ist die Erweiterung des Rollenbildes für den Mann relativ neu und wenig erprobt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Sozialisation von Jungen und Männern mit Bezug auf die Genderdebatte
Hochschule
Hochschule Ravensburg-Weingarten  (RWU Ravensburg - Weingarten)
Veranstaltung
Gender Soziale Arbeit
Note
1,4
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V987429
ISBN (eBook)
9783346344823
ISBN (Buch)
9783346344830
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender Sozialisation Jungen Männer Genderdebatte Gendersensibel Pädagogik
Arbeit zitieren
Simon Oliver Delle (Autor), 2020, Sozialisation von Jungen und Männern mit Bezug auf die Genderdebatte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/987429

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