Großarmenien zwischen Imperium Romanum und Partherreich. Von der Artaxiden-Dynastie bis zur Krönung Tiridates I.


Bachelorarbeit, 2007

42 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellen
2.1 Tacitus
2.2 Plutarch
2.3 Iustin

3. Expansion der Artaxiden
3.1 Erschaffung der Dynastie
3.2 Tigranes der Große
3.3 Bündnis mit Mithridates VI.

4. Niedergang der Araxiden-Dynastie
4.1 Erstes Aufeinandertreffen mit Rom
4.2 Unterwerfung Tigranes
4.3 Crassus´ Parther-Desaster
4.4 Antonius´ persönliche Rache
4.5 Augustus´ Partherpolitik
4.6 Die Letzten Artaxiden auf dem Thron

5. Klientelkönige
5.1 Thronwirren
5.2 Forderung und Ablehnung
5.3 Konsolidierung der Arsakiden-Herrschaft

6. Schlussbemerkung

7. Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Vorgängen in Großarmenien, in der Zeit nach der Oberherrschaft der Seleukiden. Im Mittelpunkt stehen der Verlauf und das Ende der Artaxiden-Dynastie. Es soll gezeigt werden, wie aus dem unabhängigen Großarmenien der Artaxiden-Herrscher, durch falsche Überlegungen und Strategien, ein Klientelfürstentum wurde. Zudem wird betrachtet wie es möglich wurde, dass in der Folgezeit die parthischen Arsakiden den armenischen Thron besteigen konnten. Die römisch-parthischen Konflikte werden demnach in dieser Arbeit berücksichtigt. Ebenfalls angeschnitten werden die armenisch-pontischen Beziehungen, da auch sie die armenischen Belange beeinflussten. Diese erwähnten Punkte dienen der besseren Orientierung und sollen im Folgenden erklären, wie die armenischen Territorien und die Armenier selbst zum Spielball der beiden Großmächte Rom und Parthien wurden. Hierzu stehen die Schriften des Plutarch, Tacitus, und Iustin im Mittelpunkt meiner Arbeit. Um einzelne Gesichtspunkte genauer zu beleuchten, oder weil dies in meinen hauptsächlich benutzten Quellen nicht deutlich zum Ausdruck kommt, beziehe ich Cassius Dio, Strabon, Sueton sowie vereinzelt Appian und Eutropius mit in diese Arbeit ein. Zunächst werde ich in einigen knappen Worten die von mir überwiegend verwendeten Quellen und deren Autoren vorstellen. Anschließend komme ich direkt auf die Expansionsphase der Artaxiden zusprechen. Wertungen der antiken Autoren werde ich in diese Arbeit einfließen lassen und durch Kommentare von Wissenschaftlern sowie durch eigene begründete Vermutungen ergänzen.

Widersprüchliche Chronologien in der Darstellung von Begebenheiten bei den antiken Autoren sind bei der Gegenüberstellung mit moderner Fachliteratur teilweise unstimmig gewesen. Auch für die scheinbar relativ gut dokumentierte Zeit von etwa 20 v. Chr. bis 54 n. Chr. gibt es selbst in neueren Forschungsarbeiten Überschneidungen und Widersprüche in den Daten und in der Reihenfolge von Herrscherbezeichnungen.1 Daher habe ich mich vorwiegend an die Vorgaben von Martin Schottky gehalten, da mir dieser am glaubhaftesten erschienen ist. Ein vorwiegend chronologisches Vorgehen hielt ich für ratsam, werde aber nicht exakt dementsprechend vorgehen, da nicht immer ein leichtes Verständnis für gewisse Sachverhalte erkennbar sein könnte.

2. Quellen

2.1 Tacitus

Über Publius Cornelius Tacitus ist nicht viel bekannt. Er wurde um das Jahr 55 n. Chr. geboren und starb zwischen 117 und 120 und war zeitlebens ein Gegner des Principats. In der Zeit Vespasians war er Statthalter in Britannien, später dann Quaestor, im Jahre 88 Praetor und bekleidete vermutlich eine längere Zeit ein militärisches Amt.2 Im Jahre 112 oder 113 war er Prokonsul in Asien und galt daneben als der berühmteste Redner seiner Zeit.3 Die „Annalen“, welche für diese Arbeit herangezogen sind, wurden im Jahre 115 bis 117 verfasst und wahrscheinlich im gleichen Zeitraum auch veröffentlicht. Die Annalen umfassten ursprünglich 16 Bücher, von denen einige verschollen bzw. einige unvollständig überliefert sind. Die Annalen beschreiben die römische Geschichte vom Jahre 14 bis 66. Allerdings fehlen die Bücher für die Zeit von Caligula; einige Jahre der Regierungszeit Claudius sind ebenfalls nicht erhalten geblieben. Sein Stil „streift oft das poetische“ und „vermeidet die gewohnten Fachausdrücke“ seiner Zeit, aber „ersetzt sie durch Umschreibungen und individuelle Prägungen“.4 Die Umstände in denen sich Rom befindet, werden negativer dargestellt, je weiter seine Beschreibungen in der Zeit fortschreiten.5

2.2 Plutarch

Der griechische stämmige Philosoph und Historiker Plutarch, der sich als Biograph verstand, lebte von 45 bis 125 n. Chr. Seine Arbeiten werden in philosophische und biographische Werke aufgeteilt, wobei letztere hier verwendet werden. Plutarch schrieb 23 Doppelbiographien. Hierin vergleicht er jeweils eine berühmte römische Persönlichkeit mit einer griechischen, deren Lebensläufe ähnlich verlaufen waren. Dabei charakterisiert er ihre Besonderheiten und Lebenswege jeweils separat und vergleicht sie anschließend miteinander. Diese Biographien sind für diese Arbeit deswegen herangezogen worden, da einige seiner Protagonisten wichtige Entscheidungsträger für meine behandelnde Zeit waren.

2.3 Iustin

Marcus Iunianus Iustinus stammte vermutlich aus Italien und lebte wahrscheinlich im 2. Jahrhundert nach Christus. Pompeius Trogus selbst stammte von den Kelten ab, den Namen erhielt bereits sein Großvater vom Feldherren Pompeius Magnus, da er im Krieg gegen Sertorius verdienstvoll gewesen war.6 Iustin hat in seinem Werk „Historiarum Philippicarum“ die wichtigsten Passagen des Pompeius Trogus zusammen getragen und möglicherweise selbst weiterbearbeitet. Von den 44 Büchern des Trogus, mit dem Titel „historiae pillippicae et totius mundi origines et terrae“, ist außer den Prologen nichts mehr erhalten.7 Iustins bzw. Trogus Werk behandelt vorwiegend die Geschichte der Makedonen.

3. Expansion der Artaxiden

3.1 Erschaffung der Dynastie

Die unter seleukidischer Herrschaft stehende Satrapie Ostarmenien, also das Gebiet von Großarmenien, wurde von dem Seleukiden-Herrscher Antiochos III. 220 v. Chr. dem letzten persischen Statthalter Orontes zur Verwaltung übertragen.8 Ihm folgte Artaxias I., der als Stammvater der Artaxidendynastie gilt. Nach der Niederlage der Seleukiden bei der Schlacht von Magnesia, ließ sich dieser um etwa 188 v. Chr. zum König ausrufen. Der Senat von Rom bestätigte dies und machte Artaxias I. faktisch von den Seleukiden unabhängig. Er ließ, angeblich von Hannibal beraten und inspiriert, die armenische Hauptstadt Araxata erbauen.9 Artaxias konsolidierte - neben Eroberungszügen gegen seine Nachbarn – die armenische Kultur und das wachsende Königreich. Einige seiner Maßnahmen die als besonders wichtig gelten sind das vereinigendes Element der Förderung der armenische Sprache, sowie eine Bodenreform und religiöse Elemente, die eine Art Volksgemeinschaft unter den Menschen in seinem Territorium erschaffen sollten. Artaxias, so wird vermutet, war der Vater von Artavazdes I. und dieser der Vater von Tigranes I, dessen Sohn als Tigranes der Große in die Geschichte einging.10

3.2 Tigranes der Große

Großkönig Mithridates II. von Parthien führte um etwa 120 v. Chr. Krieg gegen Artavazdes I.11 Bevor dieser Krieg zu Ende war, muss Artavazdes I. vermutlich gestorben und sein Sohn Tigranes I. ihm auf den Thron gefolgt sein. Da Armenien den Krieg verlor, musste Tigranes II. als Geisel an den parthischen Hof geschickt werden. Als um 95 v. Chr. der König von Armenien, Tigranes I., verstorben war, durfte Tigranes II. gegen Abtretung von 70 Tälern12 den armenischen Thron besteigen. Nachdem er als König inthronisiert war, begann er sein Reich auszudehnen. Ein Eingreifen der Parther war nicht zu befürchten, auch nicht als parthische Gebiete annektiert wurden, da es nach dem Tod des Mithidrates II. um 88/87 v. Chr. zu schwerwiegenden Thronschwierigkeiten und somit zu inneren Konflikten kam.

Tigranes II. gliedert Kleinarmenien und Sophene in sein Reich ein und erobert die abgetretenen 70 Täler. Diese Täler waren damals vermutlich an parthische Vasallenfürsten abgetreten worden, da es zu dieser Zeit keine direkte Grenze zwischen Großarmenien und Parthien gab.13 Schottky lokalisiert diese Gebiete in der Kaspiane, somit Medien Atropatene, das ebenfalls eingenommen wurde.14 Desweiteren rückt er unter anderem in Antiochia und Nordmesopotamien ein, erobert Palästina, Osrohene, Gordyene, sowie Phönizien und Kilikien.15

Syrien wird er später vom dortigen Adel quasi geschenkt bekommen. Denn es entbrennt in Syrien ein blutiger Konflikt um den Thron, durch dass sich das Volk veranlasst sieht Tigranes II., weil er ihrer Meinung nach der Beste wäre, auf ihren Thron zu bitten.16 Durch ihn wurde Syrien befriedet und er herrschte dort bis zur seiner Niederlage gegen Lucullus. Tigranes´ Reich - oder wenigstens sein direktes Einflussgebiet - erstreckte sich in seiner Hochphase vom Mittelmeer bis zum Kaspischen Meer, sowie vom Pontischen Gebirge bis nach Judäa.17

Tigranes ließ auch eine neue Hauptstadt rechts des Tigris erbauen und benannte sie nach sich selbst - Tigranokerta. Vermutlich wurde dazu eine bereits bestehende Siedlung ausgebaut. Möglicherweise ließ er sie bauen um eine Art Außenposten im Süden zu haben, damit man schneller in die eroberten gelangen konnte. Um die Stadt mit Bewohnern zu füllen, wurden Menschen aus ihrer gewohnten Heimat entrissen und dorthin gebracht. Tacitus schreibt hierzu:

„In ihr [Tigranokerta] befanden sich viele Griechen, die aus Kilikien ausgesiedelt worden waren, und viele Barbaren, die das gleiche Schicksal erlitten hatten, Adiabener und Assyrer, Gordyener und Kappadokier, deren Heimatstädte der König zerstört und sie selbst weggeführt und genötigt hatte, sich dort niederzulassen.“18

Auch wenn diese Maßnahmen aus heutiger Sicht grausam erscheinen; Zwangsumsiedlungen waren zwar im Altertum die Ausnahme, aber nicht unüblich. Auch noch heute gibt es staatlich erzwungene Umsiedlungsaktionen, meist im zivilen Bereich - auch in den von mir behandelten Gebieten.19

Um 70 v. Chr. war Tigranes II., der sich nun König der Könige nannte,20 - eine Bezeichnung die eigentlich den persischen Herrschern vorbehalten war - einer der mächtigsten Fürsten der bekannten Welt und zweifellos der mächtigste Mann in diesem Raum. Dennoch war er ein Herrscher über ein relativ instabiles Reich. Denn sein Reich war eher ein loses Gebilde von Landschaften, das bald zerbrechen sollte.

3.3 Bündnis mit Mithridates VI.

Der Untergang Tigranes´ II. und damit Großarmeniens, war mit dem des Mithridates VI. verkettet. Im folgenden Abschnitt sollen daher die vielschichtigen Querelen um Anatolien bzw. Kleinasien dargelegt werden. In einem schemenhaften Überblick werde ich Information darüber geben, in wie weit Tigranes II. im römisch-pontischen Machtkampf eine Rolle spielte. Konkret: wie es dazu kommen konnte, dass Armenien in den Sog des römisch-pontischen Konflikts und schließlich in den dritten Mithridatischen Krieg hineingezogen wurde. Der Verlauf und der Ausgang dieses Krieges führten nämlich dazu, dass Tigranes´ Großreich zerfiel und seine künftigen Nachfolger in römische Abhängigkeit drifteten. Daher soll zunächst ein Abriss über die Verwicklung Tigranes´ in den römisch-pontischen Krieges dargelegt werden.

Iustin schreibt, kaum an die Macht gekommen, um etwa 121 v. Chr., sei Mithridates´ „erster Gedanke nicht, zu herrschen, sondern das Reich [von Pontos] zu vergrößern.“21 Zunächst besiegte er die Skythen und marschierte mit hierdurch verstärkten Truppen nach Kappadokien und besetze es.22 Größtes Ärgernis für Rom brachte aber erst Mithridates´ Einfall in Paphlagonien. Zunächst ließ Eupator seine Nachbarländer erkunden und fiel schließlich mit seinem Verbündeten, Nikomedes II. von Bithynien, 107 v. Chr. in Paphlagonien ein - wegen augenscheinlicher Erbansprüche - und teilten es unter sich auf.23 Da Paphlagonien römischer Bundesgenosse war, hätte Rom schon zu diesem Zeitpunkt eingreifen müssen. Es wird aber angenommen, dass Rom zu einem Feldzug, in Mithridates´ Expansionsphase, kaum imstande war, da Kimbern und Teutonen vor Italien eine Gefahr bildeten und zudem Jugurtha noch nicht besiegt war.24

Dies wissend okkupierte Mithridates sogar noch das romfreundliche Galatien. Zeitgleich nahm aber Nikomedes Kappadokien ein, das zu erheblichen Konflikten untereinander führte. Jahre zuvor war die Schwester von Mithridates, namens Laodike, mit dem König von Kappadokien, Ariarathes VI., vermählt worden.25 Dieser wurde im Auftrag von Mithridates ermordet und Laodike übernahm die Regierungsgeschäfte. Als Kappadokien von Nikomedes III. besetzt war, heiratete er Laodike – ob nun freiwillig oder nicht, ist nicht zweifelsfrei zu klären. Mithridates entsandte ein Heer nach Kappadokien und Nikomedes musste zurück weichen.26 Die dortigen Thronstreitigkeiten gingen bis 98 oder 97 v. Chr. weiter.27 Im Jahre 95 v. Chr. fällt Kappadokien letztlich doch ganz in Mithridates Hand. Daher kam es zu einer Art Schiedsspruch durch Rom, in der Nikomedes Paphlagonien räumen musste und Kappadokien vom Reich des Mithridates´ abgetrennt und ein König mit Namen Ariobarzanes eingesetzt wurde.28

Hierdurch sieht sich Mithridates gezwungen Rom direkt zu bekämpfen. Geplant scheint dies schon länger gewesen zu sein, nur fehlte ihm noch ein mächtiger Verbündeter. In Tigranes sah er diesen und überredete ihn schließlich Ariobarzanes anzugreifen, wohl wissend, dass er den armenischen König in einen Konflikt mit Rom zieht. Um den Anschein einer Hinterlist zu vermeiden, vermählte Mithridates seine Tochter namens Kleopatra etwa im Jahre 93 v. Chr. mit dem armenischen König. Ariborzanes flieht um 90 v. Chr. beim Herannahen der armenischen Truppen nach Rom. Kappadokien fällt damit an Tigranes und somit indirekt auch an Mithridates. Denn inthronisiert wird dort Ariarathes IX. Er ist ein Sohn des Mithridates, wird allerdings als Enkel des Ariarathes V. ausgegeben und war somit quasi untergeschoben.29 Als sich Sulla in diese Region begibt, ist Tigranes gezwungen seine militärische Besatzung in Kappadokien zu beenden.

Eupator marschiert alsbald in Bithynien ein, nachdem Nikomedes III. 94 v. Chr. gestorben war und sein Nachfolger Nikomedes IV. Philopator das Erbe antrat.30 Philopator floh ebenfalls nach Rom, konnte aber im Jahre 92 und 84. v. Chr. wieder seinen Thron besteigen, auf Grund der beiden kommenden Niederlagen von Mithridates.31 Durch die Gegebenheiten um das Jahr 94 v. Chr. genötigt – aber erst nach dem ersten Bundesgenossenkrieg - entschließt sich der Senat von Rom, dass mit militärischer Gewalt, die in Rom um Hilfe bittenden Könige, auf ihre rechtmäßigen Throne zurückkehren sollen.32 Als Mithridates davon Kenntnis nahm, verbündete er sich sofort mit den Kimbern, Sarmaten und Bastarnern, keltischen und skythischen Stämmen.33 Daher auch die Vermutung, dass ein Krieg lange von Mithridates gegen Rom geplant sein muss, weil er sehr schnell diese Verbündeten an seiner Seite hatte. Es wurde vereinbart, dass als Beute Menschen und alle beweglichen Gegenstände Tigranes zufallen sollten und Mithridates die Städte und Ländereien.34

Was nun die nächsten Jahre folgt, sind die die ersten zwei von drei Mithridatischen Kriegen, von 89-85 v. Chr. und von 83-82 v. Chr. In den ersten beiden Kriegen gehen die Römer als Sieger hervor. Tigranes verhält sich allerdings neutral, sodass kein Kriegsgrund für Rom besteht. Die bisherigen Anstrengungen Roms, Mithridates im dritten Krieg aufzuhalten, schlagen fehl, sodass Lucullus gegen ihn berufen wird, der anfänglich große Erfolge erzielen kann.

4. Niedergang der Araxiden-Dynastie

4.1 Erstes Aufeinandertreffen mit Rom

Mithridates´ erste Erfolge im Frühjahr 73 v. Chr. halten nicht lange an, denn er verliert Schlacht um Schlacht, sowie erheblich an Heereszahl und ist daher gezwungen im Frühjahr 72 v. Chr., nach der Schlacht von Kyzikos, sich vor den Legionen Roms zurück zu ziehen. Lucullus indes muss bei seinen Soldaten Überzeugungsarbeit leisten, denn sie verstehen nicht, weshalb ihr Feldherr den fast besiegten Mithridates nicht weiter verfolgen lässt. Mithridates, fürchten sie, könnte in kurzer Zeit geschlagen werden, doch wenn man jetzt in dieser günstigen Situation von ihm abließe, könnte er wieder erstarken.35 Plutarch setzt eine wörtliche Rede ein, um zu veranschaulichen, was Lucullus als Gegenargumentation vorgebracht haben soll: Er verdeutlicht ihnen hier, dass Tigranes II., König der Armenier, sich veranlasst sehen könnte, Mithridates zu Hilfe zu kommen, da der pontische König sein Schwiegervater ist.36 Zudem solle man bedenken, dass dieser König der Könige über solch große militärische Stärke verfügt, dass er selbst die Parther verdrängen konnte und viele weitere Fürsten als Vasallen hat.37 Daher sei es klüger Mithridates ruhig aufrüsten zu lassen, um ihn alleine und ohne Verbündete in einer Endschlacht völlig zu unterwerfen.38

Eupator stellte, nachdem er sich über die See nach Pontos absetzen konnte, ein neues Heer zusammen. Nach einigen wechselhaften Scharmützeln, verschanzte er sich in der Festung von Kabera, weil er Kenntnis davon nahm, dass ganze Heeresteile übergelaufen waren. Im Frühjahr 71 v. Chr. wurde er dort belagert, konnte aber letztlich fliehen.39 Mithridates begab sich daraufhin zu Tigranes,40 der ihn allerdings nicht ehrenhaft bei sich aufnahm, sondern ihn „in sumpfigen, ungesunden Gegenden wie ein Gefangener“41 hielt. Ganz Pontos fiel aber erst nach der Flucht des Mithridates in römische Hand – ohne ernsthafte pontische Gegenwehr. In Kabera befanden sich neben gefangen gehaltenen Verwandten des Königs auch Griechen, welche in Opposition zu ihm standen, und eine Reihe von Schatzkammern.42 Das diese Schätze den Römern in die Hände fielen und Mithridates fehlten, weil er dadurch schneller eine neue Armee hätte ausheben können, ist verständlich.

Appius Clodius Pulcher, Lucullus´ Schwager, wurde um 71 v. Chr. zu Tigranes II. nach Antiocheia geschickt, um die Auslieferung des Mithridates zu fordern.43 Während Clodius zu Tigranes reiste, ordnete Lucullus die nicht zu unterschätzende Finanzlage der Provinz Asia. Denn im Jahre 84 v. Chr. wurde ihr durch Sulla eine exorbitante Reparationszahlung auferlegt, und diese war nur durch Wucherzinssätze bei römischen Geldverleihern zu bezahlen. Die Schuldenlast bzw. die Zinssätze wurden von Lucullus heruntergesetzt, sodass binnen weniger Jahre die ursprünglich auferlegte Summe gezahlt werden konnte. Während Clodius einige Zeit auf Tigranes warten musste, da der König der Könige „noch damit beschäftigt [war], einige Städte Phoinikiens zu unterwerfen -, knüpfte er freundschaftliche Beziehungen mit vielen Fürsten an, die nur widerwillig dem Armenier gehorchten“44. Im Namen des Lucullus sicherte er den von Tigranes unterworfenen Herrschern baldige Hilfe zu, doch sollten sie sich zunächst zurückhaltend verhalten.45 An folgender Stelle bei Plutarch wird deutlich, wie sich die unterworfenen Fürsten gefühlt haben müssen:

„[E]r [hatte] viele Völker unterworfen, die Macht der Parther wie kein anderer gedemütigt und Mesopotamien mit Griechen bevölkert […]. Auch hatte er die Zelte bewohnenden Araber aus ihren gewohnten Sitzen fortgeführt und genötigt, sich in seiner Nähe anzusiedeln, um durch sie den Handel in seine Hand zu bekommen. Viele Könige waren um ihn, um ihm aufzuwarten, unter ihnen vier, die er immer als Diener oder Trabanten um sich hatte, die ihm, wenn er ausritt, in bloßen Unterkleidern zu Fuß zur Seite gingen, wenn er saß und Audienzen erteilte, ihn umstanden mit ineinander gefalteten Händen, was unter allen Gebärden am meisten als Eingeständnis der Knechtschaft galt“46.

An dieser Textstelle ist zu sehen, dass Tigranes II. seine unterworfenen Fürsten nicht als gleichwertig sah, im Gegenteil, er behandelte sie nicht nur unstandesgemäß, sondern wie gewöhnliche Diener. Das sie unter allen Umständen von diesem König der Könige befreit werden wollten ist somit verständlich. Die römische Gesandtschaft und ihr späteres Eingreifen kamen diesen Fürsten also mehr als gelegen. Diese Sachlage erweckt den Anschein, dass Tigranes´ glücklich verlaufene Feldzüge und Eroberungen, wie auch jedem Eroberer, dem Größenwahn nahe brachte. Die erzwungenen Umsiedlungen habe ich bereits oben erörtert. Die anscheinend stets Handel treibenden arabischen Stämmesverbände aus Südmesopotamien waren in Osrohene angesiedelt worden, damit Tigranes durch ihre Zölle an den Handelsstraßen am Euphrat profitiert.47

Als Clodius nun Audienz gewährt wurde und Tigranes die Auslieferung des Mithridates ablehnte, ist dies als beiderseitige Kriegserklärung angesehen worden. Mithridates wurde sodann von Tigranes mit Ehren empfangen und Lucullus begann den Krieg mit Armenien im Jahre 70 v. Chr., mit der Belagerung und schnellen Eroberung von Sinop.48 In Gewaltmärschen erreichte Lucullus 69. v. Chr. die armenische Hauptstadt Tigranokerta, welche kurz zuvor vom armenischen König - aus Überraschung vor dem schnellen Vormarsch des Lucullus - verlassen wurde. Tigranes „ging auf den Tauros zurück und zog dort von allen Seiten seine Streitkräfte zusammen“49 und Lucullus „zog vor Tigranokerta, schlug bei der Stadt sein Lager auf und begann ihre Belagerung.“50 Hier beginnt der Untergang des armenischen Riesenreichs, da Tigranes II. sich auf seine folgenschwerste Schlacht einlässt.

Tigranes war hier zahlenmäßig überlegen, aber Lucullus´ Kriegstaktik sollte dies bald wettmachen. Die Stadt Tigranokerta „war voll von Schätzen und Weihgeschenken“51, zudem war sie, allein wegen des Namens, ein Prestigeobjekt. Tigranes konnte somit, allein aus Ehrverletzung einer Schlacht nicht aus dem Weg gehen. Mithridates, mit eigenen Truppen, an einem anderen Schauplatz befindlich, schickte „Boten und Briefe und riet ihm dringend, sich auf keine Schlacht einzulassen, sondern mit seiner Reiterei dem Feinde die Zufuhr abzuschneiden“52. Der armenische König bezichtigte Mithridates, er wolle ihm seinen Ruhm am Siege nehmen und marschierte mit einem großen Aufgebot von armenischen und verbündeten Verbänden53 in das Tal vor Tigranokerta. Lucullus teilte seine Legionen in zwei Gruppen auf und erlangte zuletzt einen triumphalen Sieg. Tigranes II. erlitt eine niederschmetternde, aber noch nicht völlig vernichtende Niederlage.

Kurz nach dieser Schlacht kam es zu Verhandlungen mit dem König der Parther, Phraates III. und Lucullus´ Gesandten, über eine Allianz gegen Mithridates und Tigranes. Da sich aber der Partherkönig neutral verhielt, aber sich angeblich mit Tigranes verständigt haben soll, dass er Mesopotamien abtreten würde, soll sich Lucullus entschieden haben „in einem Schwung, wie ein Athlet, drei Könige nacheinander niederzuringen und unbezwungen und siegreich die drei größten Reiche unter der Sonne zu durchziehen.“54 Lucullus soll demnach an die in Pontos stationierten Truppen Befehl gegeben haben, sich in die Gordyene in Marsch zu setzen, um gegen Phraates vorzugehen. Der im Winterlager in Pontos verbliebene römische Truppenteil widersetzte sich diesem Befehl 69/68 v. Chr.; und diese Verweigerung wirkte sich auch auf die Soldaten bei Lucullus aus, welche verlautbaren ließen, dass sie „nun Schonung und Ruhe verdient hätten“55. Die Soldaten waren auf Grund des Rechts auf Plünderung zu Wohlstand gekommen und wollten deswegen ihr Leben schonen und am liebsten natürlich in ihre Heimat entlassen werden. Plutarch bemerkt hierzu, dass die Truppen „infolge des erworbenen Reichtums und ihres Wohllebens den Kriegsdienst als Last empfanden und Ruhe verlangten“56.

[...]


1 Zu den teils kontroversen Auffassungen über Datierung, Herrschaftsreihenfolge und Herrschaftsbezeichnungen, siehe Martin Schottky, Media-Atropatene und Gross-Armenien in Hellenistischer Zeit, Bonn 1989.

2 Vgl. Tacitus. Sämtliche Werke. Unter Zugrundelegung der Übertragung von Wilhelm Bötticher neu bearbeitet von Andreas Schäfer, Magnus Verlag, Essen 2004, S. 671 f.

3 Vgl. Ebd. 672 f.

4 a.a.O. S. 678.

5 Eine eingehende Quellenkritik bezüglich Tacitus´ Werturteile gegenüber den Protagonisten, siehe Norbert Ehrhardt, Parther und parthische Geschichte bei Tacitus, in: Das Partherreich und seine Zeugnisse, Beiträge des internationalen Colloquiums Eutin (27. – 30. Juni 1996), Josef Wiesehöfer (Hg.), Stuttgart 1998, S. 302ff.

6 Vgl. a.a.O., S. 260, Anm. 17.

7 Wickevoort Crommelin, Bernard van, Die Parther und die parthische Geschichte bei Pompeius Trogus – Iustin, in: Das Partherreich und seine Zeugnisse, S. 259 f.

8 Vgl. Strab. 11, 14 ,15

9 Hannibal, der im Dienste des Antochios III. stand, sei nämlich nach dessen Niederlage zu Artaxias I. geflohen. Vgl. Strab. 11, 14, 15

10 Diese Chronologie und Genealogie ist vermutlich richtig, aber umstritten, siehe hierzu die verschiedenen Auffassungen bei Schottky, Media-Atropatene, Kapitel 5 b.

11 Vgl. Ebd., S. 237.

12 Welche Gebiete das gewesen sein könnten, siehe Schottky, Media-Atropatene, S. 220ff.

13 Vgl. Schottky, Media-Atropatene, S. 238.

14 Vgl. Ebd., S. 238.

15 Vgl. Strab. 11 , 14, 15

16 Vgl. Iust. 41, 1

17 Ein graphischer Überblick über die unter Tigranes´ Hoheit stehenden Gebiete, siehe Tafel 1 im Anhang.

18 Tac. Luc. 26

19 Z. B. Zwangsumsiedlungen auf dem Territorium der heutigen Türkei, auf Grund des Baus des „Ilisu-Staudamms“, bei dem das jahrtausende alte „Hasankeyf“ bis etwa 2013 in den Fluten untergehen wird. Neben dem menschlichen und ökologischen Aspekt kommt hier hinzu, dass viele archäologisch noch nicht vollständig erforschte Stätten unter den Wassermassen begraben werden. Vgl. http://oe1.orf.at/inforadio/74665.html?filter=0 (Stand:07.07.2007).

20 Vgl. Schottky, Media-Atropatene, S. 228 f.

21 Iust. 37,2

22 Vgl. Iust. 37,3

23 Vgl. Iust. 37, 4; Vgl. Olshausen, Eckart, Mithridates VI. und Rom, in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Geschichte und Kultur Roms im Spiegel der neueren Forschung, Hildgard Temporini (Hg.), Berlin und New York 1972, S. 810.

24 Vgl. Olshausen, Mithridates, S. 811.

25 Vgl. Iust. 38, 1

26 Vgl. Iust. 38, 1

27 Ein eindeutiges Datum ist nicht ersichtlich. Vgl. Olshausen, Mithridates, S. 812.

28 Vgl. Iust. 38, 2

29 Vgl. Iust. 38, 1-2; Olshausen, Mithridates, S. 812.

30 Vgl. Iust. 38, 3

31 Vgl. Iust. 38, 3; App. Mithr. 60

32 Vgl. Iust. 38, 3

33 Vgl. Iust 38, 3

34 Vgl. Iust. 38, 3

35 Vgl. Plut. Luc. 14

36 Vgl. Plut. Luc. 14

37 Vgl. Plut. Luc. 14

38 Vgl. Plut. Luc. 14

39 Vgl. Plut. Luc. 18

40 Vgl. Plut. Luc. 19

41 Plut. Luc. 21

42 Vgl. Plut. Luc. 18

43 Vgl. Plut. Luc. 21

44 Plut. Luc. 21

45 Vgl. Plut. Luc. 21

46 Plut. Luc. 21

47 Vgl. Strab. 11, 14, 27

48 Vgl. Plut. Luc. 23

49 Plut. Luc. 25

50 Plut. Luc. 26

51 Plut. Luc. 26

52 Plut. Luc. 26

53 Plutarch zählt Gordyener, Meder, Adiabener, Albaner, Araber und Iberer auf. Vgl. Plut. Luc. 26

54 Plut. Luc. 30

55 Plut. Luc. 30

56 Plut. Luc. 30

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Details

Titel
Großarmenien zwischen Imperium Romanum und Partherreich. Von der Artaxiden-Dynastie bis zur Krönung Tiridates I.
Hochschule
Universität Kassel  (Lehrstuhl für Alte Geschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
42
Katalognummer
V987446
ISBN (eBook)
9783346351203
ISBN (Buch)
9783346351210
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armenien, Großarmenien, Artaxiden, Tiridates, Triganes, Rom, Römer, Crassus, Mithridates, Arsakiden, Parther
Arbeit zitieren
Marcus Topuz (Autor:in), 2007, Großarmenien zwischen Imperium Romanum und Partherreich. Von der Artaxiden-Dynastie bis zur Krönung Tiridates I., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/987446

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