Besteht ein Zusammenhang zwischen Persönlichkeitstyp und Stresserleben?

Das Persönlichkeitsmodell der Big Five


Projektarbeit, 2020

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Entwicklung der Persönlichkeitstypologie

2 Big five

3 Stress

4 Forschungsstand zum Zusammenhang

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Big-Five-Faktoren und ihre Facetten nach Costa und McCrae (Rammsayer & Weber 2016)

Abbildung 2: Transaktionales Stressmodell nach Lazarus (nach Zapf & Semmer, 2004)

Zusammenfassung

Die Persönlichkeitsforschung brachte in der Vergangenheit unterschiedlichste Betrachtungsweisen und Modelle zur Kategorisierung von Personen hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsmerkmale hervor.

In der Einleitung sollen die Vorformen der heutigen Persönlichkeitsforschung beschrieben werden. Der Hauptteil widmet sich dann der Entstehung des heute wohl akzeptiertesten Modells der Persönlichkeitstypologie – den Big Five und seiner Beschreibung. Weiter werden relevante Stresskonzepte zur Erläuterung der theoretischen Hintergründe vorgestellt, um dann auf den persönlichkeitspsychologischen Umgang mit Stress einzugehen. Besteht ein Zusammenhang zwischen Persönlichkeitstyp und Stresserleben? Welche Ergebnisse bringt die aktuelle Forschung hervor? Das Facit soll mit einem Ausblick schließen, wie zukünftige Forschungsergebnisse können

1 Entwicklung der Persönlichkeitstypologie

Bereits seit der Antike bemühen sich die Menschen um eine möglichst exakte Beschreibung der menschlichen Persönlichkeit und ihrer Facetten. Das Wort persōna, ae, f. kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und bedeutete dort Maske, Rolle, Charakter (Stowasser 1979). Es bezeichnete die Tonmasken, die sich die antiken Schauspieler bei Theatervorführungen aufsetzten und damit in fremde Identitäten schlüpften. Schon damals wurden folglich unter persōna die Eigenschaften subsummiert, die menschliches Verhalten beschreiben. Pervin, Cervone und John (2005) definieren Persönlichkeit heute als: „Bei der Persönlichkeit geht es um jene Charakteristika oder Merkmale des Menschen, die konsistente Muster des Fühlens, Denkens und Verhaltens ausmachen.“ Ihren Anfang nahm die Persönlichkeitstypologie jedoch nicht in der Psyche des Menschen, sondern vielmehr in seinem Körper. Hippokrates und seine Schüler gingen davon aus, dass das unterschiedliche Wesen der Menschen auf die individuelle Mischung der Körpersäfte zurückzuführen ist und schlossen daraus auf das temperamentum: das richtige Verhältnis gemischter Stoffe. (Laux 2003) Den vier Körpersäften Blut, Schleim, schwarze Galle und gelbe Galle ordneten Hippokrates und seine Schüler gemäß ihrem naturalistischen Weltbild unter Einfluss von Empedokles (5. Jh. v. Chr.) die natürlichen Elemente Luft, Wasser, Erde und Feuer zu. Der griechisch-römische Arzt Galen (2. Jh. v. Chr.) entwickelte dieses System weiter und ordnete jedem dieser vier Typen eine Temperamentseigenschaft zu, die er in Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker unterteilte. Auch wenn diese Sichtweisen heute überholt sind, bildeten sie die Grundlage für die Persönlichkeitstypologie und waren lange Zeit wegweisend. Laux 2003 betont außerdem den Einfluss anderer Stoffe wie zum Beispiel das Stresshormon Cortisol auf Physis und Psyche des Individuums. Die Unterteilung nach Erregbarkeit und vorherrschender Stimmung herrscht in vielen Persönlichkeitstypologien noch heute vor. Laut Schönpflug (2000) ist hier schon die imaginäre Achse zwischen zwei Extremen zu sehen, die Wilhelm Wundt 1903 seinem Modell zugrunde legt. Die beiden Skalen nannte er „Stärke der Gemütsbewegungen“ und Schnelligkeit des Wechsels der Gemütsbewegungen“. 50 Jahre später greift Eysenck dieses Modell wieder auf und hat mit den Skalen Neurotizismus und Extraversion bereits zwei der heute gängigen Kategorien in Persönlichkeitsmodellen entwickelt.

2 Big five

Nachdem Freuds psychoanalytische Theorie der Persönlichkeit und auch der behavioristische Ansatz keine zufriedenstellenden Modelle für die Persönlichkeitsforschung liefern konnte, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit wieder auf den psycholexikalischen Ansatz. Dieser geht davon aus, dass die Sprache der Realität folgt und somit auch für alle relevanten Persönlichkeitseigenschaften entsprechende bedeutungsunterscheidende Worte entwickelt. Bereits in den 1930er Jahren hatten Gorden Allport und sein Mitarbeiter Harold Odbert Wortlisten von Persönlichkeitseigenschaften in Selbst- oder Fremdbeurteilungen aufgestellt. Raymond B. Cattell clusterte diese Begriffe auf der Suche nach den grundlegenden menschlichen Persönlichkeitszügen (Traits) und extrahierte mittels faktorenanalytischer Verfahren fünf Grunddimensionen. Mit dem Fünf-Faktoren Modell von Costa und McCrae (1997) entstand das anerkannteste Modell der Persönlichkeitstypologie. Es unterscheidet die Kategorien Neurotizismus, Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Erfahrungen. Goldberg (1981) bezeichnete diese als „Big Five“ um ihren überordnenden Charakter zu betonen. Den wohl bekanntesten Fragebogen zur Erfassung der Big-Five Faktoren entwickelten Costa und McCrae mit ihrem auf der Faktorenanalyse basierenden NEO-Personality-Inventory. Jeder der fünf Persönlichkeitsfaktoren wird darin in sechs Subskalen aufgespalten, welche die gesamte Bandbreite erfassen (Abb. 1). Diese Fünf-Faktorenstruktur bestätigte sich sowohl unter Berücksichtigung verschiedener Kulturen (De Raad 2000, S.44-61), Altersgruppen (McCrae & Costa 1997) und Zeiten (Costa & McCrae, 1989). Hinweise auf einen genetischen Zusammenhang weisen Jang, McCrae, Angleitner, Riemann & Livesley 1998, McCrae et al. 2000 und Riemann, Angleitner & Strelau 1997 nach.

3 Stress

Das Wort Stress wurde ursprünglich über das französische estrecier ins Deutsche entlehnt und geht zurück auf lat. strictus was so viel wie streng, straff, eng bedeutet. (Kluge 2002)

Gerrig (2016) definiert Stress als „Reaktionsmuster eines Organismus auf Stimulusereignisse, die dessen Gleichgewicht stören und dessen Fähigkeit, Einflüsse zu bewältigen stark beanspruchen oder übersteigen“. Selye (1974) versteht unter Stress „die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede an ihn gestellte Anforderung“ und liefert damit eine sehr breite Stressdefinition. Auf ihr baut er sein allgemeines Adaptationssyndrom auf, ein Reaktionsmuster des Körpers auf andauernden Stress. Dabei unterscheidet er zwischen Alarmreaktion, Widerstandsstadium und Erschöpfungsstadium. Bei Überforderung des Organismus in diesen Phasen drohen unerwünschte Folgen, bei Bewältigung der drei Phasen erwünschte, positive Folgen. (Bamberg et al. 2012)

Das Belastungs- und Beanspruchungskonzept nach Rohmert (1984) unterscheidet hingegen zwischen Auslöser und Reaktion und bietet damit für die Psychologie eine Möglichkeit, an beiden Seiten Ansätze zu finden und zum Beispiel Anforderungen an äußere Stressoren wie Arbeitsbedingungen zu stellen. Die DIN EN ISO 10075-1 definiert psychische Belastung daraufhin als: „Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken“ (S.3) Unter psychischer Beanspruchung hingegen versteht die Norm: „Die unmittelbare (nicht die langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhängigkeit von seinen jeweiligen überdauernden und augenblicklichen Voraussetzungen, einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien“. (S.3)

Das transaktionale Stressmodell von Lazarus (1999) fokussiert nun auf die Bewertungs- und Bewältigungsstrategie (coping) (Abb. 2). Es geht dabei von drei unterschiedlichen Stufen der Bewertung aus. In der primären Bewertung konzentriert sich das Individuum auf die Bedeutung der Situation auf sein Wohlbefinden. Empfindet es die Situation als stressend, setzt eine weitere Bewertungsstufe ein, die wiederum Schädigung, Bedrohung und Herausforderung differenziert. Die Bewältigung kann problemorientiert oder emotionsorientiert erfolgen. Anschließend erfolgt eine Bewertung des Copingprozesses und eine Neubewertung der Stresssituation.

4 Forschungsstand zum Zusammenhang

In zahlreichen Studien wurden die einzelnen Traits der Big Five im Zusammenhang mit unterschiedlichsten Coping-Strategien untersucht. Alle Studien und Ergebnisse hier zu nennen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb werden im Folgenden nur einige exemplarisch angeführt.

So kommen zum Beispiel Bolger & Zuckerman (1995), Grant & Langan-Fox (2007), Gunthert et al. (1999), Penley & Tomaka (2002) und Suls & Martin (2005) zu dem Ergebnis, der Neurotizismus prognostiziere eine Exposition gegenüber zwischenmenschlichem Stress und der Neigung, Ereignisse als hochgradig bedrohlich und die Bewältigungsressourcen als gering einzuschätzen. Hoher Neurotizismus bei niedriger Gewissenhaftigkeit sagt laut Grant & Langan-Fox (2006), Vollrath & Torgersen (2000) eine besonders hohe Stressbelastung und Bedrohungsbeurteilung voraus und ein niedriger Neurotizismus bei hoher Extraversion oder hoher Gewissenhaftigkeit eine besonders niedrige Stressbelastung und Bedrohungsbeurteilung. Lee-Baggley et al. (2005) sowie Vollrath (2001) stellen fest, Gewissenhaftigkeit sagt wahrscheinlich deswegen eine geringe Stressbelastung voraus, weil gewissenhafte Personen vorhersehbare Stressoren bereits im Vorfeld einplanen und impulsive Handlungen vermeiden, welche zu finanziellen, gesundheitlichen oder zwischenmenschlichen Problemen führen könnten. Asendorpf (1998) sieht Verträglichkeit mit geringen interpersonellen Konflikten und damit mit weniger sozialem Stress verbunden. Laut Penley & Tomaka (2002), Vollrath (2001) beziehen sich Extraversion, Gewissenhaftigkeit und Offenheit alle darauf, Ereignisse als Herausforderungen statt als Bedrohung wahrzunehmen und die Bewältigungsressourcen positiv einzuschätzen.

Connor-Smith und Flachsbart (2007) untersuchen in einer Metaanalyse den Zusammenhang zwischen habituellen Coping-Strategien und bestimmten Persönlichkeitsdimensionen des Fünf-Faktoren-Modells. Obwohl die Persönlichkeit dabei in nur schwachem Zusammenhang mit allgemeinen Coping-Strategien stand, stellten sie fest, dass alle fünf Merkmale doch spezifische Strategien voraussagten. So sagten Extraversion und Gewissenhaftigkeit mehr Problemlösung und kognitive Umstrukturierung voraus, Neurotizismus jedoch weniger. Neurotizismus hingegen sagte problematische Strategien wie Wunschdenken, Rückzug und emotionsfokussierte Bewältigung voraus aber auch, wie Extraversion, die Suche nach Unterstützung und kognitiver Bewältigung. Dabei kommen sie unter anderem zu dem Ergebnis, dass die Zusammenhänge mit der Stärke des Ereignisses zunehmen. Das heißt, je größer die Auswirkung des Ereignisses auf die Person ist, umso deutlicher zeigte sich ein Zusammenhang. Ebenso verweisen sie auf stärkere Effekte bei besonders jungen Probanden im Gegensatz zu älteren und dispositionellen Coping-Strategien versus situationsspezifischen Bewältigungsstrategien. Weitere Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Coping stellten sich im Vergleich zwischen täglichem und retrospektivem Coping dar, sowie bei der Betrachtung selbstgewählter und vom Versuchsleiter ausgewähltem Stressor.

Haupt (2004) untersuchte in seiner Dissertation ebenfalls die Fragestellung eines Zusammenhangs zwischen Persönlichkeit und Stresserleben. Mittels statistischer Methoden bildete er replizierbar als Kriterium validierbare Persönlichkeitstypen, die sich in ihrem differentiellen Erleben und Verhalten im Bereich Gesundheit und Stress signifikant unterschieden. Er konnte letztendlich zwischen fünf und sieben Typen psychometrisch belegen.

5 Fazit

Connor-Smith and Flachsbart (2007) schlussfolgern in ihrer Metastudie, dass für ein umfassenderes Verständnis der Rolle der Persönlichkeit im Bewältigungsprozess die Beurteilung von Persönlichkeitsfacetten und spezifischen Bewältigungsstrategien nötig wäre. Dies sollte unter dem Einsatz von Labor- und Tagesberichtstudien sowie multivariaten Analysen bei standardisierten Stressoren erfolgen. Carver und Connor-Smith (2009) stellen Empfehlungen vor, wie die zukünftige Forschung das wachsende Verständnis darüber, wie Persönlichkeit und Coping die Anpassung an Stress beeinflussen, erweitern kann.

Carver und Connor-Smith (2010) geben zu Bedenken, dass sich das Verständnis über die Beziehung zwischen Persönlichkeit und Stressbewältigung inzwischen hauptsächlich auf einzelne Persönlichkeitsausprägungen (traits) und deren Reaktionen in der Stressbewältigung beschränkt. Persönlichkeit stelle sich aber als Gesamtheit und nicht als ein Merkmal oder ein anderes dar. Vielmehr würde sich der Einfluss der gesamten Persönlichkeit auf das Stresserleben und die entsprechende Reaktion auswirken. Die Forschung sollte sich in Zukunft auf die gemeinsamen Einflüsse von Eigenschaften auf den Stressbewältigungsprozess konzentrieren. Dabei hilfreich wäre die Untersuchung von Persönlichkeitsprofilen und dabei die Fokussierung auf eine Eigenschaft, bei der Untersuchung oder auch auf die Untersuchung von Wechselwirkungen. Ebenso sollte die Forschung auch die gemeinsamen und interaktiven Auswirkungen von multiplen Coping-Strategien untersuchen. Einige Persönlichkeitsmerkmale zeigen beispielsweise in kontrollierbaren Situationen positive Ergebnisse, in Ermangelung einer Problemlösung aber negative. Wie verbreitet diese Wechselwirkungen sind, müsse überprüft werden. Außerdem würden die Beziehungen zwischen den Persönlichkeitstypen und dem Coping oft durch andere Variablen wie Alter, Schwere des Stressors und die Zeit zwischen Coping und Bericht über das Coping bestimmt.

Haupt (2004) verweist auf die weitere notwendige Erforschung der interkulturellen Unterschiede persönlichkeitstypologischer Forschung. Dabei schlägt er vor, bei der statistischen Methode zur Herleitung der Typen jeweils drei der vier genannten Faktoren konstant zu halten und jeweils einen zu variieren. Weiter plädiert er für die statistische Festigung der Stabilität der Typen. Ausblickend weckt er das Interesse der Verbindung der Persönlichkeitstypen zu anderen Modellen wie zum Beispiel Ainsworths Bindungsstilen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Besteht ein Zusammenhang zwischen Persönlichkeitstyp und Stresserleben?
Untertitel
Das Persönlichkeitsmodell der Big Five
Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen  (Wirtschaftspsychologie)
Veranstaltung
Persönlichkeitspsychologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
12
Katalognummer
V987902
ISBN (eBook)
9783346344885
ISBN (Buch)
9783346344892
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Big Five, Persönlichkeitstypen, Stress, Persönlichkeit, Transaktionales Stressmodell, Lazarus
Arbeit zitieren
Jana Schleske (Autor:in), 2020, Besteht ein Zusammenhang zwischen Persönlichkeitstyp und Stresserleben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/987902

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