Die Erzähltechnik in "Berlin Alexanderplatz". Wie durch diese die Großstadt im Roman entsteht


Hausarbeit, 2018

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Hinführung: „Der Bau des epischen Werks“

2. Erzähltechnik in „Berlin Alexanderplatz“
2.1 DieErzähltechnik
2.2 Besonderheit der Erzähltechnik: Die Montagetechnik
2.3 Sprachgebrauch

3. „Berlin Alexanderplatz“ alsGroßstadtroman
3.1 Der Titel als Kennzeichen für das Genre
3.2 Wie durch die Erzähltechnik, die Montagetechnik und den Sprachgebrauch die Großstadt entsteht
3.3 Die Krise des Individuums in der Großstadt

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Erzähltechnik des Romans „Berlin Alexanderplatz“ (BA) von Alfred Döblin darzustellen und zu erörtern, wie durch diese die Großstadt im Roman entsteht. In der Hinführung wird zunächst auf die von Döblin genutzte Erzähltechnik im Hinblick auf seinen Vortrag „Der Bau des epischen Werkes“ eingegangen. Im zweiten Teil wird die Erzähltechnik unter anderem mithilfe folgender erzähltheoretischer Begriffe analysiert: Erzählform, Erzählperspektive, Erzählstandort sowie unterschiedliche Darstellungsformen und wie diese im Text voneinander abgrenzbar sind. Besonders untersucht wird dabei auch die Montagetechnik. Zudem werden einige Merkmale zum Aufbau und Sprachgebrauch des Werkes genannt. Im dritten Teil der Arbeit wird erörtert, wie diese Erzähltechnik, die Montagetechnik und der Sprachgebrauch den Roman spezifisch zu einem Großstadtroman der Moderne haben werden lassen. Des Weiteren soll dargestellt werden, wie diese sich auf das Individuum auswirken. Der vierte Teil soll schließlich die wichtigsten Punkte zusammenfassen.

1.1 Hinführung: „Der Bau des epischen Werks“

Anfang des 20. Jahrhunderts brachten die technischen, sozialen und wissenschaftlichen Revolutionen die Vorstellung einer einheitlichen und objektiven Welt zum Erschüttern.1 Auch die Entwicklung des Romans ging durch das Aufkommen neuer Erzählweisen in eine andere Richtung als bisher.2 Infolge dessen äußerten sich namhafte Autoren zu der Debatte über die Krise des Romans, die aus dieser Entwicklung entstand; darunter auch Alfred Döblin in seinem Vortrag „Der Bau des epischen Werks“ von 1929.3 Die Position, die er darin bezieht, erprobt er in dem gleichzeitig verfassten Roman „Berlin Alexanderplatz“.4 Döblin fordert zunächst die Objektivität des Erzählers. Des Weiteren sieht er eine epische Dichtung, die nicht mehr der Tradition folgt.5 Besonders im Vordergrund steht die Forderung „die epische Form zu einer freien zu machen, damit der Autor allen Darstellungsmöglichkeiten, nach denen sein Stoff verlangt, folgen kann“.6 Zudem soll der Autor im epischen Werk mitsprechen und in „diese Welt hineinspringen“.7 Wie er seine Forderungen in BA umsetzt, wird im zweiten Teil der Arbeit gezeigt.

2. Erzähltechnik in „Berlin Alexanderplatz“

2.1. Die Erzähltechnik

Der Roman „Berlin Alexanderplatz“ ist in neun einzelne Bücher gegliedert. Vor dem ersten Buch erscheint der Erzähler in einer Vorrede, in der er den Inhalt des Romans zusammenfasst und den Leser darauf hinweist, dass der Inhalt „berichtet“8 wird.9 Der Erzähler „tritt hier [also] als „Berichtender“ auf“.10 Außerdem stellt er die Hauptfigur Franz Biberkopf vor und „deutet auf einige zentrale Stationen und Bedeutungsstrukturen der Geschichte“.11 Auch jedes der neun Bücher hat eine Vorrede, in der der Erzähler berichtet, wo sich der Leser innerhalb der Handlung befindet und was die Hauptfigur in dem jeweiligen Buch erwarten wird. Aus den Vorreden des Erzählers lässt sich zudem schließen, dass er die Handlung des Romans laufend kommentiert und bewertet, Anspielungen macht und voraus deutet.12 Besonders beispielhaft dafür ist die Vorrede des zweiten Buches:

Damit haben wir unseren Mann glücklich nach Berlin gebracht. Er hat seinen Schwur getan, und es ist die Frage, ob wir nicht einfach aufhören sollen. Der Schluss scheint freundlich und ohne Verfänglichkeit, es scheint schon ein Ende, und das Ganze hat den großen Vorteil der Kürze. Aber es ist kein beliebiger Mann, dieser Franz Biberkopf. Ich habe ihn hergerufen zu keinem Spiel, sondern zum Erleben seines schweren, wahren und aufhellenden Daseins. Franz Biberkopf ist schwer gebrannt, er steht jetzt vergnügt und breitbeinig im Berliner Land, und wenn er sagt, er will anständig sein, so können wir ihm glauben, er wird es sein. Ihr werdet sehen, wie er wochenlang anständig ist. Aber das ist gewissermaßen nur eine Gnadenfrist.13

An dieser Stelle wird auch erkennbar, dass der Erzähler in diesen Kommentaren in der Ich-Form erzählt. Er „steht über der beschriebenen Handlung und ausserhalb der Welt der Charaktere“.14 Somit kann die Erzählperspektive als auktorial identifiziert werden. Dafür spricht auch, dass Franz Biberkopf zwar im Mittelpunkt des Geschehens steht, aber nicht die einzige Person ist, der die Aufmerksamkeit des Erzählers zukommt15 ; sein Standpunkt wechselt also im Roman. Oft berichtet er von anderen Figuren des Romans, bis er seine Aufmerksamkeit schließlich wieder zu Franz Biberkopf lenkt. Dies kann innerhalb eines Kapitels geschehen:

Hier zeigt sich auch, dass der Erzähler die Er/Sie - Erzählform gebraucht, wenn er von den Figuren berichtet. Der Erzählstandort ist durch einen Wechsel zwischen Innen- und Außensicht gekennzeichnet. Innere Monologe und die erlebte Rede werden durch die Innensicht vermittelt: „Das weiß ich, seufzte er in sich, daß ich hier rin muß und daß ich aus dem Gefängnis entlassen bin.“17 Beschreibungen der Handlung sind in der Außensicht verfasst: „Sie zog langsam wieder in die Kneipe,

Cilly suchte plötzlich in einem Zorn nach Reinhold; vielleicht hatte der wieder dem Franz ein Weibsbild eingeredet, Franz ließ sie einfach sitzen. [...] Es war dreiviertel 10. Ein furchtbarer Sonntag. Um diese Zeit lag Franz schon in einer andern Stadtgegend auf dem Boden, den Kopf im Rinnstein, die Beine auf dem Trottoir.16

Prenzlauer Ecke, immer wieder in die Kneipe. Es schneite, aber der Schnee zerfloß.“18 Ein weiterer Aspekt, der kennzeichnend für den Erzähler in BA ist, ist „das merkwürdige, indifferente Ineins von Erzählbericht und erlebter Rede“.19 Der Erzählbericht wird derart von der erlebten Rede durchsetzt, dass oftmals nicht mehr unterschieden werden kann, wo die erlebte Rede anfängt und wo sie aufhört.20 Es ist folglich nicht unterscheidbar „wo erzählte fiktive Wirklichkeit vom Erzähler verbürgt ist, [und] wo sie wiederum in Bewusstseinsvorgängen der Figuren produziert wird“.21 Im Folgenden ein Beispiel:

Franz geht die Treppe runter. Eine Stufe, noch eine Stufe, noch eine Stufe, ne Stufe, Stufe, Stufe, vier Treppen, immer runter, runter, runter, noch runter. Dösig ist man, ganz verrammelt im Kopf. Kochste Suppe, Fräulein Stein, haste nen Löffel, Fräulein Stein - haste nen Löffel, Fräulein, kochste Suppe, Fräulein Stein. Nee, damit ist bei mir nichts zu machen, hab ich geschwitzt bei det Luder. Man muss mal an die Luft gehen. Treppengeländer, keene anständige Beleuchtung da, man kann sich ein Nagel einreißen.“22

Wie bereits erwähnt tritt der Erzähler mit in die erzählte Welt hinein. Dies geschieht nicht nur in den Vorreden sondern auch im Erzählbericht. So reflektiert er: „Ein anderer Erzähler hätte dem Reinhold wahrscheinlich jetzt eine Strafe zugedacht, aber ich kann nichts dafür, die erfolgte nicht.“23 Besonders zeichnen sich diese Kommentare durch das Einbeziehen und Ansprechen des Lesers aus. Dies tut er, „indem er ihm allwissend den Lauf der Geschichte verrät, ihm Fragen stellt oder ihn beruhigt“.24 Folgendes Beispiel zeigt, wie der Erzähler den Leser direkt anspricht: „Hier sieht jeder, der so weit gelesen hat, welche Wendung eingetreten ist: die Wendung nach rückwärts, und sie ist bei Franz beendet.“25 Ein letztes wichtiges Merkmal des Erzählers ist, dass er die „Kausalität und Chronologie der Handlungsverläufe“26 außer Kraft setzt. So berichtet er zuerst von dem, was passieren wird und erst daraufhin setzt diese Handlung ein. Diese Antichronologie bewirkt, dass BA kein „biographisch strukturierte[r]“27 Roman ist. Dieser Effekt wird insbesondere durch die Montagetechnik verstärkt, welche im folgenden Abschnitt erörtert werden soll.

2.2 Besonderheit der Erzähltechnik: Die Montagetechnik

Das „entscheidende Strukturelement“28 in BA ist die Montagetechnik. „Schilder, öffentliche Bekanntmachungen, Statistiken, Wetterberichte, Reklame“29 und einzelne Teile von Liedtexten werden collagenartig in den Text eingefügt. So heißt es in einer Kneipenszene: „Dreimal drei ist neuheune, wir saufen wie die Schweiheine, dreimal drei und eins ist zehn, wir saufen nochmal een, zwo, drei, vier, sechs, sieben.“30 Dies sind Einschübe, die direkt mit der Handlung verbunden sind. Auch gibt es solche, die direkt auf Franz Biberkopf zu beziehen sind. So fügt sich beispielsweise ein wissenschaftlicher Text in die Handlung ein, der die sexuelle Potenz erklärt, während Franz selbst Probleme mit seiner Potenz zu haben scheint.31 Doch es gibt auch Montagen, die nicht mit den Gedanken des Protagonisten in Verbindung gebracht werden können32 und demnach eine „große Eigenständigkeit“33 haben. Diese sind anfangs biblische und technisch - wissenschaftliche und später auch mythologische und literarische.34 Dabei kommentieren diese Montagen das Geschehen implizit und lassen es transzendent erscheinen.35 Weiterhin werden kurze Einblicke in das Leben einiger Menschen eingefügt, die Biberkopf beispielsweise in der Bahn begegnen. Das erste Kapitel des zweiten Buchs beschreibt der Kapitelüberschrift zufolge, wie Biberkopf Berlin betritt, erzählt aber von verschieden Personen, die ihm in der Stadt begegnen, bevor sich der Erzähler wieder seinem Protagonisten zuwendet.36 Allgemein lässt sich feststellen, dass die Diskurse und intertextuellen Bezüge die Haupthandlung in den Hintergrund drängen37 und „deren Chronologie zugunsten simultaner Polyphonie aufheben“.38 Das bedeutet also, dass sie „von sich aus ohne das Eingreifen des Erzählers“39 erscheinen und dieser sich „in diesem Fall zurückzieht“40. Ein anderer Sprecher drängt „aus dem großen Kollektiv der Stadt an seinen Platz [...], etwa der Statistiker und Zeitungsschreiber [...]“.41 Der verursachte Verlust der Chronologie lässt „die um Biberkopf zentrierte Geschichte [...] an Kontur und Bedeutungsschwere“42 verlieren. Daraus lässt sich ableiten,

[...]


1 Vgl. Gregor Streim: Einführung in die Literatur der Weimarer Republik. Darmstadt 2009, S. 68.

2 Ebd., S. 68.

3 Ebd., S. 67.

4 Vgl. Peter Bekes: Alfred Döblin - Berlin Alexanderplatz: Interpretation von Peter Bekes. München 1995, S. 18.

5 Vgl. Alfred Döblin: Der Bau des epischen Werks. In: Hartmut Steinecke/ Fritz Wahrenburg (Hrsg.): Romantheorie - Texte vom Barock bis zur Gegenwart. Stuttgart 1999. S. 419-422, hier S. 421.

6 Ebd., S. 421.

7 Ebd., S. 420.

8 Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz - Die Geschichte vom Franz Biberkopf. Frankfurt/Main 2013, S. 9.

9 Vgl. Christoph Dunz: Erzähltechnik und Verfremdung: die Montagetechnik und Perspektivierung in Alfred Döblin, „Berlin Alexanderplatz“ und Franz Kafka, „Der Verschollene“. Bern 1995, S. 15.

10 Ebd., S. 15.

11 Ebd., S. 15.

12 Vgl. Bekes: Alfred Döblin - Berlin Alexanderplatz, a.a.O., S. 29.

13 Döblin: Berlin Alexanderplatz, a.a.O., S. 49.

14 Dunz: Erzähltechnikund Verfremdung, a.a.O., S. 16.

15 Vgl. Wolfgang Heinz Schober: Erzähltechniken in Romanen - Eine Untersuchung erzähltechnischer Probleme in zeitgenössischen deutschen Romanen. Wiesbaden 1975, S. 69.

16 Döblin: Berlin Alexanderplatz, a.a.O., S. 223 f.

17 Ebd., S. 14.

18 Ebd., S. 223.

19 Friedbert Stühlen Totale Welten: der moderne deutsche Großstadtroman. Regensburg 1989, S. 40.

20 Ebd., S. 40.

21 Ebd., S. 40.

22 Döblin: Berlin Alexanderplatz, a.a.O., S. 224.

23 Döblin: Berlin Alexanderplatz, a.a.O., S. 242.

24 Hugues Gérard Dandjinoui: Modernistische Erzähltechniken im Roman der Weimarer Republik - Studien zur Ästhetik des neusachlichen Romans. Aachen 2007., S. 224.

25 Döblin: Berlin Alexanderplatz, a.a.O., S. 335.

26 Stühlen Totale Welten, a.a.O., S. 14.

27 Ebd., S. 14.

28 Dandjinoui: Modernistische Erzähltechniken im Roman der WeimarerRepublik, a.a.O., S. 219.

29 Streim: Einführung in die Literatur der Weimarer Republik, a.a.O., S. 126.

30 Döblin: Berlin Alexanderplatz, a.a.O., S. 216.

31 Vgl. Döblin: Berlin Alexanderplatz, a.a.O., S. 35f.

32 Vgl. Dunz: Erzähltechnik und Verfremdung, a.a.O., S. 47.

33 Streim: Einführung in die Literatur der Weimarer Republik, a.a.O., S. 126.

34 Vgl. Dunz: Erzähltechnik und Verfremdung, a.a.O., S. 47.

35 Vgl. Gabriele Sander: Alfred Döblin. Stuttgart 2001, S. 178.

36 Vgl. Döblin: Berlin Alexanderplatz, a.a.O., S. 51ff.

37 Sander: Alfred Döblin, a.a.O., S. 178.

38 Ebd., S. 178.

39 Dandjinoui: Modernistische Erzähltechniken im Roman der WeimarerRepublik, a.a.O, S. 220.

40 Ebd., S. 220.

41 Bekes: Alfred Döblin - Berlin Alexanderplatz, a.a.O., S. 35.

42 Ebd., S. 35.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Erzähltechnik in "Berlin Alexanderplatz". Wie durch diese die Großstadt im Roman entsteht
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V989178
ISBN (eBook)
9783346348449
ISBN (Buch)
9783346348456
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue Sachlichkeit, Erzähltechnik, Berlin Alexanderplatz
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Die Erzähltechnik in "Berlin Alexanderplatz". Wie durch diese die Großstadt im Roman entsteht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/989178

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