Arbeit und Freizeit - unvereinbare Gegensätze?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

20 Seiten, Note: 1,7


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Gliederung

1. Der Arbeitsbegriff

2. Der Alltagsbegriff

3. Perspektiven der Emanzipation Jenseits des Marxismus

4, Einfluß von Markt und Staat

1. Der Arbeitsbegriff

Früher wurde der Begriff „Arbeit“ ganz anders definiert als in der heutigen Zeit. So unterschied Locke zwischen den „werkenden“ Händen und dem „Arbeitenden Körper“, ebenso wie die Griechen im Altertum zwischen dem Handwerker und denjenigen, die „mit ihrem Körper der Notdurft des Lebens dienen“, also den Sklaven und Haustieren, die körperlich arbeiten1.

Im klassischen Altertum hingegen wurde dieser Definition wenig Beachtung geschenkt. Die Verachtung der Arbeit galt ursprünglich nur den Tätigkeiten, die unmittelbar mit der Notdurft des Lebens verbunden waren, und keine Spuren hinterließen (kein Denkmal, kein Werk etc.)2. Aber im Lauf der Zeit bezog sich Verachtung auf alles, was mit größerer körperlichen Anstrengung verbunden war3. Vor dieser Entwicklung wurde zwischen den Sklaven, die sklavische Arbeit für den Hausherrn verrichten mußten, und dem Handwerker, der nicht zu Hause tätig war, sondern beim Volk auf Arbeit ging, sich also freizügig in der Öffentlichkeit bewegte, unterschieden4. Doch mit Ende des fünften Jahrhunderts wurden alle Beschäftigungen nach dem Maß der dafür erforderlichen körperlichen Beschäftigungen klassifiziert. Aristoteles bezeichnete diejenigen als am niedrigsten, deren Körper sich am meisten abnutzte5. Alle Beschäftigungen wurden dem Stand der Arbeit gleichgestellt, sobald sie nicht um ihrer selbst willen unternommen wurden, sondern um Lebensnotwendigkeiten herbeizuschaffen6. Im Altertum herrschte die Meinung, das Sklaven wichtig seien, weil es notwendige Beschäftigungen gab, die in ihrer Natur „sklavisch“ waren, also dem Leben und seiner Notdurft versklavt. Arbeiten hieß somit Sklave der Notwendigkeit sein. Die umgekehrte Meinung, daß in der Antike das Arbeiten und das Herstellen verachtet wurde, weil sich nur Sklaven damit beschäftigten, wird als Vorurteil bezeichnet7.

Im Altertum war die Erschaffung der Sklaverei nicht, wie später, ein Mittel, um sich billige Arbeit zu verschaffen oder Menschen auszubeuten, sondern der Versuch, das Arbeiten von den Bedingungen auszuschließen, unter denen Menschen das Leben gegeben ist8. Was dem menschlichen Leben mit anderen Formen tierischen Lebens gemeinsam war, galt als nichtmenschlich, somit nahm man an, die Sklaven hätten eine nichtmenschliche Natur9.

In der Neuzeit ist hingegen nirgendwo ein Unterschied gemacht worden zwischen „der Arbeit unseres Körpers“ und „dem Werk unserer Hände“10. Nach Locke sind die Arbeit des Körpers eines Menschen und das Werk seiner Hände im eigentlichen Sinne sein11. Anstatt dessen findet sich die Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit, was dann durch die Differenzierung von gelernter und ungelernter Arbeit ersetzt wurde. Als letzter Schritt wurde dann die Unterteilung von Kopf- und Handarbeit vorgenommen12. Auch die Einstellung zur Sklaverei hat sich geändert. So sagt Locke „wenn die Erde und alle niederen Lebewesen wohl allen Lebewesen gemeinsam eignen, so hat doch jeder Mensch ein Eigentum an seiner eigenen Person“13. Nach Marx habe nicht Gott, sondern die Arbeit den Menschen gemacht, und diese unterscheide ihn auch vom Tier14.

Marx hat zudem einen neuen Begriff der Arbeit formuliert, indem er sagte, daß rein sachlich und unabhängig von historischen Umständen dem Arbeiten eine nur ihm eigene „Produktivität“ zukomme, trotz der Flüchtigkeit seiner Produkte. Und diese „Produktivität“ setzt sich im privaten und im öffentlichen Bereich durch15. Sie beruht aber nicht in den jeweiligen Ergebnissen der Arbeit selbst, sondern in der „Kraft“ des menschlichen Körpers.

Dessen Leistungsfähigkeit ist nach dem Herstellen noch nicht erschöpft, sondern ist in der Lage seien „Überschuß“ zu produzieren16.

In einer Menschheit, die ganz und gar gesellschaftlich ist, deren einziges Anliegen die Aufrechterhaltung und Erneuerung des Lebensprozesses wäre, würde es keinen Unterschied mehr geben zwischen Arbeiten und Herstellen. Denn alles Herstellen verwandelt sich in Arbeit in dem Moment, in dem man die Produkte nicht mehr als Dinge versteht, die einen weltlich-gegenständlichen Bestand haben, sondern als das Resultat der lebendigen Arbeitskraft und als Funktionen des Lebensprozesses17.

2. Der Alltagsbegriff

Unser heutiges Leben wird immer mehr von der Arbeit bestimmt. Menschen, die voll im Geschäftsleben stehen, haben immer weniger Freizeit und wenden immer mehr Zeit für ihr Arbeitsleben auf.

Helga Novotny hat sich mit dem Alltagsbegriff auseinandergesetzt. Für sie hat sich der Begriff hat sich der Alltagsbegriff verändert, und dies zeigt, daß sich auch die Wahrnehmungsqualität der Zeit verändert hat18. Früher wurde der Alltag als eine „gnadenlose Routine einer nie endenden Kette von Mühsal und Plackerei gesehen, abgelöst lediglich durch den zeitlichen Kontrast, die zeitweilige Erlösung, die durch den Festtag, den Sonntag, symbolisiert wurde“. Er war eine Art ereignisloses Kontinuum, welches lediglich durch Ereignisse am Wochenende unterbrochen wurde19. Zudem erfolgte eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Freizeit20.

Betrachtet man die Zeit heute, findet durch die „zeitliche Dimension des Wohlfahrtsstaates“ eine Vorgabe von Lebensabschnitten durch Institutionen wie Schule, Gesundheitssystem (Altersversorgung), Sozialversicherung etc. statt21. Eine Verschiebung des Wochenendes ist nun möglich durch Flexibilisierung der Arbeitszeit. Dadurch hat sich ein gewisser Bedeutungsverlust des Wochenendes entwickelt22.

Auch Festlichkeiten haben an Bedeutung verloren an Bedeutung. Sie finden nun in Relation kürzer statt (Karneval). Die Gesellschaft kann sich heutzutage keine längeren freie Zeiten leisten23.

Der Alltag verbindet heute im Gegensatz zu früher Arbeit und Freizeit24,25. Der Alltag wird als Klammer bezeichnet, welche die Arbeit und die Freizeit verbindet26. Alltag bezeichnet heute nicht mehr die Woche, unterbrochen durch Freizeitaktivitäten am Wochenende. Heute wird Arbeit auch aufs Wochenende verlegt. Man nimmt Arbeit an diesen Tagen oder über die Feiertage mit nach Hause, was zu diesen Zeiten die Freizeit wiederum verdrängt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung des Wortes „Alltag“. Mit diesem Begriff wird heute nicht die gesamte Woche bezeichnet, inklusive Entspannung am Wochenende. „Alltag“ bezeichnet den „alltäglichen“ Tag, den Tag, der jeden Tag gelebt wird. „Alltag“ hat in der heutigen Zeit ein in gewisser Weise negatives Image aufgedrückt bekommen. Es steht für Routine, oft auch für Langeweile, auf jeden Fall aber für etwas, daß als nichts außergewöhnliche definiert wird. Jeder Mensch lebt seinen anderen Alltag.

3. Perspektiven der Emanzipation Jenseits des Marxismus

Dank der zunehmenden Spezialisierung hat die Arbeitsteilung eine immense Umsetzung wissenschaftlichen Wissens auf gesamtgesellschaftlicher Ebene möglich gemacht. Hier liegt die Wurzel für die rapide technologische Entwicklung, die hohe Produktivität und für den Reichtum der lndustriegesellschaften27. Die einzelnen Arbeiter beherrschen nur noch einen Bestandteil der angewandten Wissenschaften. In ihren Berufen finden sie weder Kriterien noch Anhaltspunkte, um sich in der Alltagswelt zu orientieren28. Und dieses Alltagsleben ist geprägt durch eine zusammenhangslose Abfolge von aggressiver Überbeanspruchung, „toten“ Zeiten und Routinetätigkeiten29. Dieses war, wie oben schon angesprochen, früher durch eine „gnadenlose Routine einer nie endenden Kette von Mühsal und Plackerei gekennzeichnet, abgelöst lediglich durch den Arbeit eben nicht mit ihrer Freizeit in Verbindung bringen (z.B.Fließbandarbeiter) zeitlichen Kontrast, die zeitweilige Erlösung, die durch den Festtag, den Sonntag, symbolisiert wurde“30.

Nach Marx würden die lndividuen Kraft der wissenschaftlichen Beherrschung der Natur innerhalb der Arbeit eine "Totalität von Fähigkeiten" entwickeln und die freie Entfaltung der lndividualitäten entwickle sich zum Bedürfnis aller. Und Dank der "Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft auf ein Minimum" werde dieses Bedürfnis auch außerhalb der Arbeit Befriedigung suchen und finden31. Die lndustriegesellschaften haben aber keine Kultur der Arbeit hevorgebracht, die zur "vollen Entwicklung" der individuellen Fähigkeiten geführt hätte und durch die die Individuen in der Lage gewesen wären, während ihrer verfügbaren Zeit in freiwilliger Kooperation ihre wissenschaftlichen, künstlerischen, erzieherischen, und politischen Fähigkeiten zu entfalten32.

Es existiert aber kein Weg, der es ermöglicht, daß jeder seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdient, aber gleichzeitig weniger arbeitet und durch wachsendes Einkommen seinen Anteil am sich steigernden gesellschaftlichen produzierten Reichtum erhält33

Aber nur eine solche Umverteilung der Arbeit gibt der Verringerung an gesellschaftlich notwendiger Arbeit einen Sinn34. Nur eine Verkürzung der Arbeitszeit für alle ermöglicht den Zugang zu qualifizierten Arbeitsplätzen. Und auch nur dadurch wird allen, die es wünschen, der lebenslange Erwerb neuer Qualifikationen und Kompetenzen ermöglicht35. Der Konflikt um die Arbeitszeitverkürzung entwickelt sich noch immer hauptsächlich aus der traditionellen Vorstellung einer einheitlichen, kontinuierlichen und überwiegend männlichen Erwerbsbiographie, während die soziale Wirklichkeit am Arbeitsmarkt sich entstetigt und z.T. auch feminisiert hat36.

In dem Maße nämlich, wie sich die Abschnitte verfügbarer Zeit ausdehnen, kann die Zeit der Nicht-Arbeit aufhören, nur Gegenteil der Arbeitszeit zu sein: Zeit für Erholung und Entspannung; für Nebentätigkeiten und Ergänzungen zum Arbeitsleben37. Mit wachsender verfügbaren Zeit erhöhen sich die Möglichkeiten und Bedürfnisse, diese Zeit selbst durch andere Tätigkeiten und Beziehungen zu strukturieren: in denen die Individuen ihre Fähigkeiten anders entwickeln, andere Fertigkeiten erwerben und ein anderes Leben führen können38 Arbeitsplatz und Beschäftigung können dann aufhören, das einzige Feld für Sozialisierung und die einzige Quelle von sozialer Identität zu sein. In den verfügbaren Zeit können neue Kooperations-, Kommunikations- und Austauschbeziehungen geknüpft werden und einen neuen Kultur- und gesellschaftsbildenden Raum eröffnen, der sich durch autonome Tätigkeiten und selbst gewählte Ziele definiert39.

Es wird sich ein umgekehrtes Verhältnis zwischen Arbeitszeit und frei verfügbarer Zeit ergeben. Die Lebenszeit wird einerseits nicht nur als pure Funktion der Arbeitszeit verwendet, andererseits erhält die Arbeitszeit einen untergeordneten Platz im Leben jedes einzelnen40.

Nach Nowotny sind die Austauschrelationen zwischen der öffentlichen Verwendung von Zeit, das ist die Zeit die mit bezahlter Arbeit verbracht wird, und der privaten, hauptsächlich unbezahlten, Zeit, gesellschaftlich ungleich verteilt41. Öffentlich verbrachte Zeit ist eine Vorraussetzung dafür, das Zeit auch privat genutzt werden kann.42

Die Befreiung von der Arbeit wird zu einer Befreiung in der Arbeit führen müssen, ohne diese jedoch zur freien, die eigenen Ziele setzenden, persönlichen Selbstentfaltung machen zu können, was ursprünglich die Idee von Marx war43.

Im 19 Jahrhundert galt Arbeit als Quelle des ökonomischen Reichtums, als Bedürfnis des Menschen. Er hatte ein Recht auf Arbeit (=auf Teilnahme am ökonomischen Mehrwert), Arbeit diente der Entfaltung der Fähigkeiten des Menschen, Befriedigung aus Arbeit. Die Arbeit sollte „erlöst“ werden über die radikalen Veränderungen der sozialen Beziehungen. im 20. Jahrhundert hat Freizeit einen hohen Stellenwert. Die „Hoffnung auf Freizeit“, die Befreiung von der totalen Vereinnahmung durch die Arbeit, Zeit als Quelle der Freiheit, Emanzipation und Selbstverwirklichung ist wichtig44. Für Arendt beginnt das Reich der Freiheit da, wo das Arbeiten, daß durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört. Die Freiheit beginnt jenseits des „Reichs der Notwendigkeit“45.

Für Marx mußte Arbeit produktiv sein. Unproduktive Arbeit verachtete er als parasitär46. Er war der Überzeugung, daß die volle Entfaltung der individuellen Fähigkeiten mit der vollen Entwicklung der Produktivkräfte entstehen würde. Und dies werde in einer (philosophischen) Revolution enden47:

1. Die Individuen werden sich der Arbeit bemächtigen, die ihre Fähigkeiten innerhalb der Arbeiten entwickelt haben, d.h.: Die Freiheit, die den Individuen durch die historische Entwicklung als ein Ensemble von Fähigkeiten übereignet wurde, diese Freiheit wird sich nunmehr auch ihrer selbst über eine reflexive Revolution bemächtigen: als praktische Selbstreflexion einer Rückwendung (revolutio) des Subjekts auf sich selbst48. So sieht Marx die Unterscheidung zwischen der vollen Entwicklung der Individuen als Ergebnis der historischen Entwicklung der Produktivkräfte einerseits und der freien Entfaltung der Individualitäten andererseits trifft49.

2. In dem Maße, wie die Menge gesellschaftlich notwendiger Arbeit abnimmt, wie "die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, muß die Arbeitszeit aufhören sein Maß zu sein und daher der Tauschwert das Maß des Gebrauchswerts50. Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhende Produktion zusammen", und das Ziel wird die "freie Entwicklung der lndividualitäten" sein51.

Mit anderen Worten: die ökonomische Rationalität ist an ihre Grenze gestoßen52. Der Zweck, durch die ökonomische Rationalität Produktionsmittel einzusparen, besteht darin, diese wieder woanders einzusetzen. Werden also Arbeit und Zeit eingespart, dann nur, um diese wiederum woanders einzusetzen. Das Ziel der Arbeitszeitersparnis ist also nie die „Befreiung der Zeit“ selbst53. Diese Krise kann nur so umgangen werden indem die Arbeitszeitersparungen eine neue Rationalität erhalten, die als einziges Ziel die „Freisetzung von Zeit für höhere Tätigkeiten“, die als Zweck die „Entfaltung des (guten) Lebens in sich selbst“ haben54.

Das Ziel solcher Tätigkeiten ist nicht die Einsparung, sondern die Verausgabung von Zeit55. Zeit ist notwendig für Konsum. Und Zeit steht in Verbindung mit Arbeit. Wieweit darf Konsum gehen? Locke meint „Gott gibt uns reichlich allerlei zu genießen wieweit hat er es und gegeben? Es zu genießen. So viel, als ein jeder zu irgendwelchem Vorteil für sein Leben nutzen kann, bevor es verdirbt, darf er sich zu seinem Eigentum machen“56. Eine Einstellung, die in der heutigen Zeit so sicherlich nicht mehr haltbar ist. Nach Arendt sind das Arbeiten und das Konsumieren nur zwei Stadien des gleichen, dem Menschen von der Lebensnotwendigkeit aufgezwungenen Prozesses. Somit ist die moderne Gesellschaft nach ihr eine Arbeitsgesellschaft57.

Marx sieht die Arbeit als „einen Prozeß zwischen Mensch und Natur, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert“, so daß sein Produkt „ein durch Formveränderung menschlichen Bedürfnissen angeeigneter Naturstoff“ ist, so ist die biologisch-physiologische Gebundenheit dieser Tätigkeit ebenso deutlich, wie daß Arbeiten und Konsumieren nur zwei verschiedene Formen und Stadien in dem Kreislauf des biologischen Lebensprozesses sind58.

Für Marx ist die Befreiung in der Arbeit die unverzichtbare Voraussetzung für die Befreiung von der Arbeit; denn nur durch die Befreiung innerhalb der Arbeit könne jenes Subjekt entstehen, das überhaupt in der Lage sei, die Befreiung von der Arbeit zu wollen und ihr einen Sinn zu verleihen. Nach Gorz handelt es sich hierbei jedoch um eine unbegründete Utopie59. Schon bei Marx fällt der Widerspruch auf zwischen seiner Theorie und seiner Beschreibungen zum Arbeiter-Machine Verhältnis: Trennung des Arbeiters von seinen Arbeitsmitteln, von seinem Produkt, von der In der Maschinerie verkörperten Wissenschaft. Nichts hier kann die Aneignung einer Totalität von Produktivkräfte durch die Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten beim Arbeiter rechtfertigen60.

Die einzigen nicht ökonomischen Ziele, die den ökonomischen Zeit- und Arbeitseinsparungen Sinn und Wert verleihen können, müssen die Individuen in sich selber suchen. Der politische Wille, diese Ziele zu erreichen, stützt sich auf keine existierende soziale Basis, auf keine Tradition oder auf kein früher oder heute geltendes Normensystem61. Er kann sich nur auf sich selbst stützen. Peter Glotz stellt in seinem Manifest für eine Neue Europäische Linke eine Art Kontrapunkt zum Kommunistischen Manifest dar62. Nach ihm zersetzt die dritte industrielle Revolution die überlieferten Solidarbindungen, bringt die Klassengrenze durcheinander, löst die Familienbande auf und führt zu einem gewaltigen Individualisierungsschub, der einerseits neue soziale Mobilität bedeuten kann, andererseits aber auch soziale Isolation63.

Auf der einen Seite werde durch die elektronische Zivilisation Millionen von Arbeitskräfte vernichtet, sie bietet auf der anderen Seite aber auch die Möglichkeit, schwere und menschenunwürdige Arbeit auf die Maschinen zu übertragen. Somit erlangt der Mensch die Möglichkeit, immer mehr Zeit zur Verfügung zu haben, die er frei für sich nutzen kann64. Diese Freizeit wäre dann nicht nur alleine für Zerstreuung oder Erholung reserviert, sie würde auch Freiraum für Entwicklung von Fähigkeiten, Knüpfung von sozialen Kontakten und anderen Möglichkeiten bieten. Doch um zu diesem Ziel zu gelangen, fehlt etwas entscheidendes: Eine homogene soziale Basis65. Denn die Sektoren der klassischen Schwerindustrie, deren Beschäftigungsbedeutung mit ihrer ökonomischen und strategischen Bedeutung einherging, befinden sich im Untergang66.

Die Schlüsselsektoren der dritten industriellen Revolution hingegen beschäftigen nur relativ geringe Belegschaften mit einem starken Anteil an Technikern und Angestellten, die nicht in der gewerkschaftlichen Tradition stehen oder in der Arbeiterbewegung politisch verankert sind67. "Der Weg der modernen lndustriegesellschaften geht in die Segmentierung; das ist die dunkle Seite der lndividualisierung. Noch nie waren die Lageunterschiede innerhalb der Arbeiterschaft so groß wie jetzt"68.

4. Einfluß von Markt und Staat

In der heutigen Zeit findet eine Konfrontation der Zeitperspektiven von großen öffentlichen Institutionen des Staates und der Wirtschaft mit denen der Staatsbürger und Arbeitnehmer69. Es ergeben sich große Veränderungen: in Bezug auf die Qualität der Zeit, die ihr zugeschriebene Wertigkeit und die Austauschrelationen zwischen Quantität und Qualität, was sich zunehmend im Alltag auswirkt70. Zum einen geht es um zusätzlich gestiegene Anforderungen an die Qualität des Alltagslebens und Eintritt der Frauen in das Erwerbsleben. Dies führt zu einer anderen Zeitkultur71. Zum anderen sind Dienstleistungen nun nicht wie die Produktion von Gütern automatisierbar und realisierbar, sie beanspruchen andere Zeitmuster, bezogen auf Informalität, der Qualität mitmenschlicher Beziehungen und Zuwendung72. Sie basieren auf anderen Austauschrelationen von Zeit und Geld als Güter73 Es wird eine neue Verteilungspolitik benötigt, um eine gerechte Verteilung von Arbeit und Freizeit zu schaffen. In Bezug auf Arbeit, weil die bisherige Normalbiographie bei zunehmender Erwerbsneigung und stagnierendem gesellschaftlichem Arbeitsvolumen nur einer kleinen Teilgruppe zugänglich sein wird, und bezogen auf Zeit, weil es um eine Umverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit zw. Frauen und Männern geht74.

Die Austauschrelationen sind gesellschaftlich höchst ungleich verteilt. So wird öffentliche und bezahlte Arbeit meist von Männer verrichtet, während private und unbezahlte Arbeit: meist von Frauen vollführt wird75. Öffentlich verbrachte Zeit (die bezahlte Arbeit) ist eine wichtige Voraussetzung für private Arbeit, private ermöglicht aber oft erst die öffentliche76.

Zeit ist nur erfahrbar, wenn sie als Konflikt existiert, wie z.B bei Gesundheit und Recht. Zeit wird nicht als solche erfahren, wenn sie nicht im Widerspruch zum eigenen Bedürfnis steht die Übertretung zeitlicher Normierungen nicht sozialem, ökonomischen oder psychischen Sanktionen unterliegt77. Der Ursprung der Konflikte, die benötigt werden um Zeit erfahrbar zu machen, liegt in den unterschiedlichen Machtkonstellationen, die sie auslösen, und den jeweils als ideal vorgestellten Gesellschaftsentwürfen78.

Konflikte finden sich überall. Z.B. in der Arbeitswelt sind sie zwischen den Zeitordnungen auffindbar, die Staat und Markt, oder im Bereich Arbeitszeitverkürzung zwischen Unternehmern und Gewerkschaften79. Auch im Alltagsleben finden sich Konflikte. So der Konflikt zwischen allgemeiner Geldpräferenz und Zeitpräferenzen der Arbeitnehmern, die den Wunsch nach mehr „Zeitqualität“: mehr Freizeit, mehr Gestaltbarkeit der Zeit am Arbeitsplatz, mehr Autonomie, Verringerung des Gefühls der Überlastung etc. hegen. Ein anderer Konflikt ist das ökonomische Dilemma zwischen etwas Kaufen und etwas Selbermachen, hier entsteht ein ökonomischer Konflikt80.

Zeit wird als eine zentrale Dimension von Macht gesehen, die sich in den Zeitordnungen, Prioritäten, Geschwindigkeiten, Anfang und Ende, Inhalt und Form der zu erfüllenden Tätigkeiten äußert81. So legten Priester früher die geltenden Zeitordnungen fest, trennten heilige Zeiten von profanen, während heute die Strukturierung des Alltags durch von Markt und Staat gesetzten Zeitordnungen festgesetzt wird82

Der Markt regelt insofern daß er die Zeiten über die zu leistende Arbeit vorgibt. Somit bestimmt er die Austauschbeziehungen zwischen Geld und Zeit. Die Zeit ist dem Geld unterworfen, da Geld akkumulierbar, übertragebar und lagerungsfähig ist83. Es kann zurückgelegt werden, um zu einen späteren Zeitpunkt wieder genutzt zu werden. Zeit hingegen ist vertan, wenn sie nicht aktuell genutzt wird. Die „Ruhezeit“ des Alters ist somit vorfinanzierte Zeit84. Nun taucht selbstverständlich die Frage nach der Wertigkeit auf. Geld wird benötigt, um sich Konsumgüter zu beschaffen. Nach Hanna Arendt haben aber unter allen Gegenständen, die man in der Welt vorfindet, die Konsumgüter die geringste Beständigkeit, da sie kaum den Augenblick ihrer Fertigstellung überdauern85. Was ist nun wichtiger für einen: Zeit oder Geld? Oder hat beides den gleichen Wert? Sicherlich eine sehr subjektive Fragestellung. Nach Arendt verlangt das Funktionieren der modernen Wirtschaft, die auf Arbeitende und Angestellte abgestellt ist, daß alle weltlichen Dinge in einem immer beschleunigteren Tempo erscheinen und verschwinden. Diese Wirtschaft würde sofort zum Stillstand kommen, wenn der Mensch anfangen würde, Dinge in Gebrauch zu nehmen, sie zu respektieren und den ihnen innewohnenden Bestand zu erhalten. Die Häuser, das Mobiliar und alle Dinge, die der Mensch benutzt und die ihn umgibt, müssen so schnell wie möglich verbraucht werden, als seien sie die „guten Dinge“ der Erde, die nutzlos verkommen, wenn sie nicht in den endlosen Kreislauf des menschlichen Stoffwechsels mit der Natur gezogen werden86

Auf dem Markt herrscht die Geldpräferenz, da dieses ohne Rücksicht auf Motive oder Interessenlagen weitergereicht werden kann, während Zeit hingegen an Personen und ihre Biographie und Fähigkeiten gebunden ist87. Erst der Markt schafft Knappheit von Zeit über das Geld, während der Staat die Knappheit der Zeit verwaltet88. Auf dem Markt dient Zeitmangel als Anreiz zur Steigerung der Effizienz der Lebensführung durch vermehrten Güter- und Dienstleistungskonsum. Zudem erfolgt die Bestimmung des Status anhand des Einkommens und nicht anhand der freien Zeit89.

Der Einfluß des Staates liegt darin, daß er seine Zeitordnung über das Rechtssystem erläßt, die Lebensläufe der Bürger strukturiert und den biographischen Status vorschreibt (Minderjährig, Kind etc., Wehrdienst, Mutterschutz, Rentenalter ...) 90. Er verwaltet die Knappheit von Zeit: bestimmt Feiertage, setzt zeitliche Begrenzungen wie Arbeitszeitregelungen, Ladenöffnungszeiten, Nachtarbeitsbestimmungen. Andererseits kann der Staat gegenüber der Geldpräferenz nur regulierend und kompensierend eingreifen, z.B. wenn es um Anrechnung von nicht-öffentlicher Lebensarbeitszeit geht91. Es hat sich zudem ein neuer Besitzstand entwickelt: Der Besitz eines Arbeitsplatzes92.

Es herrscht die Situation einer Übergangszeit zwischen alten Schemen der industriellen Produktion, in der starre Ordnung herrschte, und einer flexiblen Arbeitswelt93. Die alten Austauschrelationen von Arbeitszeit und Freizeit stimmen nicht mehr, da sie sich von dem Modell männlicher, linearer und kontinuierlicher Erwerbsarbeit ableiteten94. Die Quantität der freien Zeit läßt sich nicht gleichförmig in die Anforderungen, die aus den subjektiven Lebenslagen abgeleitet werden, umwandeln95. Unter den Begriffen „Arbeitszeit“ und „Freizeit“ herrschen ganz unterschiedliche Vorstellungen. Nach empirischen Untersuchungen dominieren zwei Wünsche: Zum einen der Wunsch nach „Normalisierung“ der Arbeitszeit, zum anderen der Wunsch nach Zeitsouveränität, d.h. selbstbestimmter Umgang in Einteilung und Gestaltung der Arbeitszeit in Abstimmung mit anderen Bedürfnissen96. Bei Frauen sind die Zeitkonflikte stärker spürbar, da durch ihren massiven Eintritt in das Erwerbsleben mit ihren anders strukturierten Zeitbedürfnissen ein stärkerer Widerspruch zu der noch immer herkömmlichen Zeitordnung entstanden ist97.

Im Rahmen der Veränderung des Produktionsprozesses nach dem „Grundsatz der optimalen Flexibilisierung“ wird der Mensch immer mehr durch die Maschine ersetzt 98. Nach Smith hat die Einführung der Arbeitsteilung den Anstoß zur Erfindung der Maschinen gegeben99. In den angesprochenen Veränderungen der Produktionsprozesse werden neue Organisationsprinzipien wichtig (zeitliche Optimalität, Effizienz durch synchrone Prozesse), moderne Fertigungstechniken kommen zum Einsatz was unter anderem einen Abbau von Vorratspuffern und Regelung der Produktionsabläufe durch neue Organisationsprinzipien zu Folge hat100. Andere Auswirkungen sind flexible Entstetigung des Produktionsrhythmus und Entkoppelung von Betriebszeiten und Arbeitszeiten. Die Verlagerung von Dienstleistungen und Zulieferfertigungen erfolgt nach außen und wird als „tertiäre Zuarbeit“ bezeichnet. Der eigentliche Produktionsakt setzt „eine geschickt vorausgeplante optimierende, aber räumlich und in der Fertigungsarbeit ausgelagerte Organisation“ voraus, alle anderen Bedingungen sind ausgelagert, aber auf Abruf bereit (Finanzabteilung etc., Einsatz hochspezialisierter Arbeitsteams auf Abruf)101.

Durch den Einsatz von Maschinen gelangt der Mensch zu mehr Zeit. Wie diese Zeit genutzt wird, ist eine ganz andere Frage. Entweder wird sie durch andere Arbeit ersetzt, oder sie wird in Freizeit umgewandelt. Feststeht, daß die Arbeit letztendlich immer ein Bestandteil des Lebens der Menschen sein wird, zumindest der meisten. Auch, wenn die Motivation dafür unterschiedlich ist. Die einen arbeiten, weil sie es nötig haben, um sich finanzielle Mittel für ihren Lebensunterhalt zu beschaffen, die anderen arbeiten einfach nur aus Spaß, der finanzielle Background ist vorhanden und die finanziellen Erträge sind für den Lebensunterhalt nicht von Bedeutung. Somit wird die Rolle der Freizeit auch für jeden einen anderen Stellenwert haben, abhängig jeweils von dem Raum, den die Arbeitszeit mit sich bringt. Eines wird für alle Menschen aber immer gleich bleiben. Und das ist der Konsum. Dieser war schon immer für jeden Menschen derselbe und wird es auch in absehbarer Zeit bleiben. Die Ebene ist sicherlich von Fall zu Fall eine andere (Luxusgüter kann sich nicht jeder leisten), aber der Akt des Konsums ist überall der gleiche.

Literaturverzeichnis

- Gorz, Andre´. (1989). Kritik der ökonomischen Vernunft. Berlin: Rotbuch
- Arendt, Hanna. (1981). Viva activa oder vom tätigen Leben. München: Piper
- Nowotny, Helga. (1993). Zeitpolitik: Die Verteilung von Arbeit und Zeit. IN: dieselbe, Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls, Frankfurt am Main
- Locke, John. (1983). Über die Regierung. Herausgegeben von Peter Cornelius Mayer Tasch. Original: The Second Treatise of Government. Stuttgart:Reclam
- Smith, Adam. (1982). Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Rev.Fassung. „.Aufl. München: dtv

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1 Arendt S.99

2 Arendt S.100

3 Arendt S.100

4 Arendt S.100

5 Arendt S.100

6 Arendt S.101

7 Arendt S.101

8 Arendt S.102

9 Arendt S.102

10 Arendt S.103

11 Locke S.22

12 Arendt S.103

13 Locke S.22

14 Arendt S.104

15 Arendt S.105

16 Arendt S.105

17 Arendt S.106

18 Nowotny S.105

19 Nowotny S.105

20 Nowotny S.105

21 Nowotny S.106

22 Nowotny S.106

23 Nowotny S.106

24 Nowotny S.106

25 Persönlich stimme ich dieser Meinung nicht in jedem Fall zu. Viele Arbeiter können ihre

26 Nowotny S.106

27 Gorz S.133

28 Gorz S.133

29 Gorz S.133

30 Nowotny S.105

31 Gorz S.134

32 Gorz S.134

33 Gorz S.134

34 Gorz S.134

35 Gorz S.134

36 Nowotny S.107

37 Gorz S.135

38 Gorz S.135

39 Gorz S.135

40 Gorz S.135

41 Nowotny S.107

42 Nowotny S.107

43 Gorz S.136

44 Nowotny S.120

45 Arendt S.123

46 Arendt S.104

47 Gorz S.136

48 Gorz S.137

49 Gorz S.137

50 Gorz S.137

51 Gorz S.137

52 Gorz S.137

53 Gorz S.138

54 Gorz S.138

55 Gorz S.138

56 Locke S.25

57 Arendt S.150

58 Arendt S.117

59 Gorz S.139

60 Gorz S.139

61 Gorz S.141

62 Gorz S.142

63 Gorz S.142

64 Gorz S.142

65 Gorz S.142

66 Gorz S.143

67 Gorz S.143

68 Gorz S.143

69 Nowotny S.106

70 Nowotny S.106

71 Nowotny S.107

72 Nowotny S.107

73 Nowotny S.107

74 Nowotny S.107

75 Nowotny S.107

76 Nowotny S.107

77 Nowotny S.108

78 Nowotny S.108

79 Nowotny S. 115

80 Nowotny S. 115

81 Nowotny S.108

82 Nowotny S.108

83 Nowotny S.108

84 Nowotny S.109

85 Arendt S.114

86 Arendt S.149

87 Nowotny S.109

88 Nowotny s.109

89 Nowotny S.109

90 Nowotny S.109

91 Nowotny S.109

92 Nowotny S.110

93 Nowotny S.111

94 Nowotny S.111

95 Nowotny S.111

96 Nowotny S.111

97 Nowotny S.112

98 Nowotny S.114

99 Smith S.11

100 Nowotny S.112

101 Nowotny S.113

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Arbeit und Freizeit - unvereinbare Gegensätze?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
HS Arbeit und Konsum - Identität und die materielle Welt
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
20
Katalognummer
V99032
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeit, Freizeit, Gegensätze, Konsum, Identität, Welt
Arbeit zitieren
Christoph Wiethaus (Autor), 2000, Arbeit und Freizeit - unvereinbare Gegensätze?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/99032

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