Bilanzierung passiver Rechnungsabgrenzungsposten in der finanzgerichtlichen Rechtsprechung. Das Urteil des FG Nürnbergs vom 19.9.2013 - 4 K 1613/11


Bachelorarbeit, 2016

42 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

I Problemstellung

II Bilanzierung passiver Rechnungsabgrenzungsposten als Folge einer periodengerechten Gewinnermittlung in der dynamischen Bilanztheorie

1. Leitidee der Dynamik: Gewinn als Maßstab der Wirtschaftlichkeit

2. Prinzipien der dynamischen Bilanztheorie

3. Passive Rechnungsabgrenzung als Erfolgsregulierungsposten

4. Abgrenzung zum Verständnis passiver Rechnungsabgrenzung in der ausschüttungsstatischen Bilanztheorie

III Voraussetzungen der Bildung passiver Rechnungsabgrenzungsposten und Konkretisierung vor dem Hintergrund des Urteils des FG Nürnberg vom 19.09.13 - 4 K 1613/11

1. Einnahmen vor dem Abschlussstichtag

2. Ertragsrealisierung in Abhängigkeit vom Erfüllungszeitpunkt

3. Das Kriterium der bestimmten Zeit als zentraler Ausdruck der dynamischen Bilanztheorie

IV. Thesenförmige Zusammenfassung

Verzeichnis zitierter Schriften

Verzeichnis zitierter Rechtsprechung

Verzeichnis zitierter amtlicher Drucksachen

Verzeichnis zitierter Gesetze

Abkürzungsverzeichnis

AfA Abschreibung für Abnutzung

Abs. Absatz

Art. Artikel

Aufl. Auflage

BB Betriebs-Berater

Bd. Band

BFH Bundesfinanzhof

BStBl. Bundessteuerblatt

DB Der Betrieb

d.h. das heißt

EuGH Europäischer Gerichtshof

f. folgende

FG Finanzgericht

FR Finanzrundschau

GoB Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung

HdJ Handbuch des Jahresabschlusses

HGB Handelsgesetzbuch

hrsg. herausgegeben

i.e.S im engeren Sinne

i.S.d. im Sinne des

i.w.S im weiteren Sinne

nbf. Neue betriebswirtschaftliche Forschung

RAP Rechnungsabgrenzungsposten

Rn. Randnummer

Rz. Randziffer

S. Seite

Sp. Spalte

StbJb Steuerberater-Jahrbuch

StuW Steuer und Wirtschaft

Vgl. Vergleiche

WPg Die Wirtschaftsprüfung

z.B. zum Beispiel

ZfB Zeitschrift für Betriebswirtschaft

ZfbF Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung

I Problemstellung

Bei steuerlichen Betriebsprüfungen können Unstimmigkeiten bezüglich der ordnungs­mäßigen Bilanzierung erkannt werden. Obwohl diese Prüfung der kor­rekt ermittelten Besteuerungsgrundlage dient ergeben sich aus der Maßgeblichkeit der handelsrechtlichen Bilanz für die Steuerbilanz [1] Rückschlüsse auf die Bilanzierung nach den Grundsät­zen ordnungsmäßiger Buchführung [GoB]. Die GoB bilden das allgemeine Regelungssystem der Rechnungslegung, deren Anwendung dem Gläubigerschutz dient. [2]

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die passive Rechnungsabgrenzung und die Auslegung deren Kriterien. Passive Rechnungsabgrenzungsposten [RAP] unterscheiden sich insoweit von den Rückstellungen, dass sie Erträge verursachungs-gerecht abgrenzen, Rückstellungen dagegen die Aufwendungen. Zudem ist die Höhe der Zahlung der Zeitpunkt der Erfolgswirksamkeit bekannt, im Gegensatz zu den Rückstellungen. [3]

Die RAP entstanden aus wiederkehrenden Korrekturbuchungen am Ab­schlussstichtag zur Neutralisierung von Buchungsvorgängen mit Zukunftsbezug.[4] Vor der Aktienrechtsreform 1965 konnten antizipative sowie transitorische RAP ausgewiesen werden. Die heute zulässigen Transitorien im engeren Sinne [i.e.S] umfas­sen Einnahmen oder Ausgaben vor dem Bilanzstichtag, sofern deren entsprechender Ertrag oder Auf­wand zu einer bestimmten Zeit danach anfällt (§ 250 Abs. 1, Abs. 2 HGB; §5 Abs. 5 S. 1 EStG). Transitorien im weiteren Sinne [i.w.S.] fehlt es dagegen an der Voraussetzung der Zeitbestimmtheit. Antizipative RAP grenzen Ertrag oder Aufwand ab deren jeweilige Ein­nahme oder Ausgabe noch aussteht. [5] Die letzten beiden Ausprägungen sind nicht Bestandteil der ausschüttungsstatischen Bilanz. Hingegen waren diese in der dynamischen Bilanz zulässig. [6] Die dynamische Bilanzauffassung wurde stark von Eugen Schmalenbach geprägt.[7] In seinem Aufsatz Die Abschreibung werden Anfang des zwanzigsten Jahr­hunderts die Grundprinzipien erläutert. [8] Seitdem entwickelte er die dynamische Bilanztheorie stets weiter und prägte damit die Prinzipien der Rechnungslegung. Seine Ansichten über den Zweck der Bilanz und der Rechnungslegung stießen auf Kritik, z.B. von W. Rieger, W. Muscheid oder M. Lion. Deren kritische Auseinandersetzung mit den Prinzipien der dynamischen Auffassung oder den Zu- und Widerspruch wird in dieser Arbeit nicht näher betrachtet.

Entscheidend ist, dass bis zur Aktienrechtsreform 1965 die dynamischen Prinzipien zu den damaligen GoB zählten. [9] Die Rechtsprechung zog diese Prinzipien zur Urteilsbegründung heran. Obwohl das heutige deutsche Bilanzrecht die ausschüttungs-statische Sichtweise seiner Bilanzierung zugrunde legt, werden die passiven RAP als ein Element der dy­namischen Bilanztheorie angesehen. [10] Besonders interessant ist hierbei inwieweit sich die dynamischen Ansichten sich bis zur heutigen Zeit durchsetzen konnten und in wieweit sie die Auslegung der Tatbestandsmerkmale der passiven RAP beeinflussen. Anhand des Urteils des FG Nürnberg vom 19.9.2013 - 4 K 1613/11 soll diese Entwicklung näher betrachtet werden. Der Sachverhalt behandelt die passive Abgrenzung einer erhaltenen Entschädigungszahlung zur zeitlich unbefristeten Unterlassung der Betriebserweiterung. Der Schweinelandwirt hält 65 Muttersaunen und plant eine Vergrößerung des Betriebs und der Zucht. Aus diesem schließt der Zweckverband mit dem Landwirt im Oktober 2003 einen Tauschvertrag, voraus dem Landwirt ein größeres Grundstück und eine Zahlung für das Unterlassen der Erweiterung zugesprochen werden. Die Zahlung von 985.000€ teilte sich in eine Zuschusszahlung von 385.000€ zum Bau einer Biogasanlagen und einer Entschädigungszahlung von 600.000€ für die Unterlassungsleistung. Der Tauschvertrag wurde durch Nachträge geändert, das Ziel der Unterlassung einer Erweiterung des Betriebs bleibt dabei unberührt. [11]

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird die Entschädigungszahlung ausführlicher thematisiert, da diese für die Bildung des passiven RAP entscheidend ist der Umfang dieser Arbeit die Auseinandersetzung mit der Zuschusszahlung nicht zulässt.

Für den Ansatz des passiven RAP müssen die Voraussetzungen des § 250 Abs. 2 HGB, die wörtlich dem § 5 Abs. 5 S. 1 Nr. 2 EStG entsprechen, erfüllt sein. Es sind „[…] Einnahmen vor dem Abschlußstichtag auszuweisen, soweit sie Ertrag für eine bestimmte Zeit nach diesem Tag darstellen“ (§ 250 Abs. 2 HGB). Hierbei ist das Tatbestandmerkmal der bestimmten Zeit für die Rechtsklarheit und Objektivierungsfunktion grundlegend, welches sich in der Einschränkung von Ermessensspielräumen des Kaufmanns äußert. [12] Ob, und wieweit die Objektivierung durch die Auslegungsmöglichkeiten und besonders vor dem Hintergrund der richtlinienkonformen Auslegung der Jahresabschlussrichtlinie erreicht wird näher betrachtet.

Der Schweinelandwirt begehrte die Zahlung von 600.000 € passiv abzugrenzen für einen Zeitraum von 25 Jahren analog des Urteils eines ähnlichen Sachverhalts.[13] Dies wurde vom Finanzamt nicht zugelassen und dem FG Nürnberg zur Klärung vorgelegt. Auf der Berech­nungsgrundlage der Abschreibung für Abnutzung [AfA] der landwirtschaftlichen Be­triebe wurde die Abgrenzungsdauer von 15 Jahren ermittelt.

Fraglich ist ob sich diese Methode auf die dynamischen Grundsätze stütz und eine zu weite Interpretation der Zeitbestimmtheit vorliegt. Zur Klärung dieser Frage werden die Voraussetzungen der passiven RAP und deren Ausgestaltung anhand von Entscheidungen des Bundesfinanzhofs [BFH] in Referenzfällen näher be­trachtet. Besonderes Augenmerk wird auf das Tat­bestandsmerkmal der bestimmten Zeit und dessen Auslegung gelegt. Eine zu weite Auslegung birgt die Gefahr die pas­sive Rechnungsabgrenzung dynamisch zu interpre­tieren, d.h. die Abgrenzungsposten zum Zwecke der Verteilung geballt auftretender Einnahmen zu nutzen. [14]

Zwar scheinen die Tatbestandsvoraussetzungen eindeutig formuliert zu sein, doch ist deren Interpretation und Auslegung entscheidend. Diese sind weiterhin nicht hinreichend genau präzisiert und bergen die Gefahr einer zu weitreichenden Betrachtung.

II Bilanzierung passiver Rechnungsabgrenzungsposten als Folge einer perioden­gerechten Gewinnermittlung in der dynamischen Bilanztheorie

1. Leitidee der Dynamik: Gewinn als Maßstab der Wirtschaftlichkeit

Das vordergründige Ziel der dynamischen Bilanztheorie stellt die Ermittlung eines vergleichbaren Peri­odenerfolges mittels der Erfolgsrechnung dar. [15] Dabei ist eine ge­naue Abgren­zung erfolgsunwirksamer Sachverhalte der Periode grundlegend.[16] Der dynamische Periodenerfolg ergibt sich aus dem Unterschiedsbetrag von Aufwand und Leistung, die verursachungsgerecht aufgeteilt werden. [17] Dieser wird mit­hilfe der Gewinn- und Verlustrechnung ermittelt, während die Bilanz als Abgrenzungskonto, [18] der Gewinn- und Verlustrechnung zur Abbildung von Abgrenzungsposten dient für noch nicht erfolgswirksam gewordene Ausgaben und Einnahmen als erfolgsneutrale Vor- und Nachleistungen. [19] Le­diglich die liquiden Mittel und das Eigenkapital gehören nicht zu diesen. [20] Sind schwebende Vor- bzw. Nachleistungen in Form von aperiodischen Auf­wendungen und Erträgen entstanden, bleiben diese solange in der Bilanz des Unter­nehmens deren Erfolgswirksamkeit eintritt. Sie stellen in der Bilanz RAP i.w.S. dar. [21] Diese Art der Rechnungsabgrenzung spricht sowohl die Tran­sitorien als auch die Antizipa­tionen an.[22] Die Bilanz zeigt den Status, der sich während einer Rechnungsperiode abspielenden Bewegungen auf und wird auch als „Kräftespei­cher der Unternehmung“[23] bezeichnet.[24] Der Vermögens- und Schuldbegriff wird nach der dynami­schen Bi­lanzauffassung aufgegeben.[25]

Der Vergleichbarkeitsgrundsatz sagt aus, dass die Erfolgsrechnung ein gutes Maß zur Ermittlung der Wirtschaftlichkeit ist, [26] soweit sie absolut richtig ist, wobei praktische Anwendbarkeit aber entscheidender sei. Der Periodengewinn soll dabei mit anderen Perioden und mit dem Gewinn verwandter Unternehmen vergleichbar sein. [27] Die daraus resultierenden Informationen eignen sich zur Steuerung des Unternehmens und zur Rechenschaftslegung. [28]

Im Rahmen einer Zeitraumbetrachtung wird die Gewinnentwicklung mittels eines Vergleiches der Perioden miteinander festgestellt. [29] Diese Informationen werden für den in­nerbetrieblichen Zeitvergleich und den unternehmensübergreifenden Betriebsver­gleich gewonnen. [30] Dem Zeitvergleich kommt eine größere Rolle zu, da der Betriebs­vergleich stark von der Kostenrechnung abhängt.[31] Die erkennbaren Auf- und Abwärtsbewegung des Erfolges bringen Erkenntnisse über die Wirtschaftlichkeit, auf deren Grundlage un­ternehmensrelevante Entscheidungen getroffen werden. [32] Um auf Grundlage der Wirtschaftlichkeit sachlich entscheiden zu können, muss der reine Betriebs­erfolg des Unternehmens gemessen werden, nicht hingegen Vermö­gen oder Einkom­men des Kaufmanns. [33] Dies ist kein Bestand­teil der dynamischen Bilanz. [34] Insofern werden die Interessen möglicher Gläubiger durch den gut informierten Ei­gentümer, der seinen Betrieb zum Erfolg führt, gewährleitet. [35] Demnach wird auch die Bestimmung des Un­ternehmens­wertes nicht von der dynamische Bilanz be­wirkt, da sie keine Prognosen über zukünftige Gewinne leisten kann und darf.[36] Auftretende Konjunkturschwankun­gen sind Außeneinflüsse die das Unternehmen erkennen und woran es sich entspre­chend anpassen muss um sie auszugleichen. Unter der Voraussetzung das Störfaktoren kritisch geprüft und ergänzt werden, ist der korrekt ermittelte Erfolg ein Maß für die Wirtschaftlichkeit. [37]

2. Prinzipien der dynamischen Bilanztheorie

a) Realisationsprinzip

Das Realisationsprinzip der Erfolgsrechnung und der Vergleichbarkeitsgrundsatz beeinflussen einander. Die Vergleichbarkeit hängt von dem Zeitpunkt der Gewinn-realisierung ab, da nur bereits verwirklichte Erfolgsbeiträge berücksichtig wer­den. [38] Das Realisationsprinzip ist in seinen Grundzügen auf die Vergleichbarkeit aus­gelegt. Die Leistung stellt nur eine Einnahme da, sofern sie nicht durch Ausgaben neutralisiert wird und sie sich nur aus geringen Anstrengungen ergibt. Der Realisationstag des Erfolgs tritt mit der Vollendung der Leistung ein, welche den Zahlungsmitteleingang oder Rechnungsausgang darstellt. [39] Die Orientierung an Zahlungsvorgänge wird hier be­sonders deutlich. Die Ertragsrealisierung ist stets an den Um­satz geknüpft. [40] Die Gefahr der Erfolgsrealisierung besteht hauptsächlich im Verhalten des Empfängers nach dem Rechnungsversand.[41] Diese Me­thode birgt die Gefahr einer zu späten Erfassung konkretisierter Erträge und damit zu einer verzerrten Darstellung der tatsächlichen Wirtschaftlichkeit. [42] Daraus ergibt sich die Ungleichbehandlung von Gewinnchance und der höher gewichteten Verlustgefahr. [43] Die Folge ist eine Überbewertung von Abschreibungen und Rückstellungen.[44]

Ein durch die unsichere Erfolgsermittlung zu hoch ausgewiesener Ge­winn stellt eine größere Gefahr für den Unternehmer dar als ein zu niedrig berechneter Gewinn. [45] Demnach wird dieser aufgrund des Vor­sichtsprinzips regelmäßig zu nied­rig ausge­wiesen.[46] Dies birgt ein das Risiko des Missbrauchs dieses Grundsatzes. [47] Ein bedachter Umgang soll verhindern, das zum Willkürprinzip wird. [48]

Die Aufwendungen werden bereits im Zeitpunkt ihrer Verursachung berücksichtigt.[49] Sie sind an die Ausgabe, z.B. Rechnungseingang, und nicht an den Verbrauch geknüpft.[50] Ebenfalls sind Aufwendungen realisiert, wenn diese zur Generierung von Erträgen beitragen oder der Betriebsleistung zuordenbar erscheinen. [51] Damit sind Forschungs- und Werbekosten transitorisch ab­zugrenzen, wobei ihre Erfolgswirkung in diesem Fall nicht sicher feststeht. [52] Dieses Prinzip ist jedoch nicht geeignet die Willkürfreiheit der Perio­denabgren­zung sicherzustellen.

b) Periodenvergleichbarkeit

Schmalenbachs Vergleichbarkeitsgrundsatz stellt den wesentlichen Bestandteil der dyna­mischen Bilanztheorie dar. [53] Alle aperiodischen Sachverhalte, z.B. außerordentli­che Erträge, die die Vergleichbarkeit stören, sollen durch ein separates Erfolgskonto auf­gefangen werden. [54] Alle Vorfälle im Unternehmen müssen dabei berücksichtigt worden sein. Anderenfalls besteht die Gefahr keine lü­ckenlose Gewinnrechnung zu erreichen, was die Vergleichbarkeit der Rech­nungsperi­oden unmöglich macht. [55] Das Kontinuitätsprinzip besagt, dass die Summe der Perio­denerfolge während der Gesamtlaufzeit identisch zum Totalgewinn bei Beendigung der Geschäftstätigkeit ist. [56] Durch den Vergleich einzelner Pe­rioden wird die Unternehmensentwicklung erkennbar und vor allem der Zeitpunkt der Erfolgsumkehr. Das hat den Vorteil rechtzeitig eingreifen zu können um den Schaden gering zu halten. [57]

Nach dem Vergleichbarkeitsgrundsatz der dynamischen Bilanztheorie werden beson­dere Posten der Aufwandsabgrenzung, wie Rückstellungen zur Glättung der Gewinne ge­bildet. [58] Sie sichern das Ziel der Periodenvergleichbarkeit, [59] indem au­ßerordentliche Aufwendungen, die durch Außeneinflüsse hervorgerufen werden und nicht im Zusam­menhang mit dem betrieblichen Zweck stehen, von den übrigen Aufwendungen ge­trennt werden. [60] Sind Ausgaben zu erwarten, deren Verursachungszeit­punkt vor dem Abschlussstichtag liegt, werden dazu nach Ermessen des Bilanzieren­den Rückstel­lungen gebildet. [61] Nach dem Verursachungsprinzip sind Aufwendun­gen und Erträge den Jahren ihrer Entstehung zuzuordnen. [62] Im Periodenergebnis berücksichtigte außerordentliche Geschäftsvor­fälle würden zu irreführenden Aussagekraft der Gewinn- und Verlustrechnung führen.[63] Durch allgemeine Wagnisse würden Gewinne oder Verluste vorweggenommen werden, darum sind nur Spezielle Wagnisse, durch Rückstellungsbildung, berücksichtigt.[64] Zu diesen gehört das Ableiten von umweltbelasten­dem, giftigem Abwasser in einen Fluss. Das verursachende Unternehmen muss mit einer Strafzahlung rechnen. Hat die Verunreinigung in einer abgelaufenen Periode be­gonnen und wird dieselbe erst zu einem späteren Zeitpunkt festge­stellt, so muss die Strafzahlung rückwirkend für alle betroffenen Jahre gezahlt werden. Die Verursa­chung des Aufwands liegt vor dem Zahlungszeitpunkt. [65] Der Industriebe­trieb muss für die Abwasserschäden schon im Verursachungsjahr, d.h. im Jahr der Nutzenbeziehung durch die Ableitung, einen schätzbaren Betrag zu­rückstellen.[66] Garantierückstellungen werden durch Ansatz einer Selbstversicherung berücksichtigt. Die anfallenden Garantie­leistungen belasten dieses Konto. [67]

Die Rückstellungen stellen schwebende Nachleistungen dar. Deren Ansatz kann unter der Voraussetzung der Außenverpflichtung oder einer reinen innerbe­trieblichen Ver­pflichtung, soweit sie zweckmäßig erscheint, erfolgen. [68] Konnte die normale In­standhaltung nicht vor dem Abschlussstichtag erfolgen, so ist eine Rückstellung für Anlagenunterhaltung zu bilden. [69] Da diese Ausgabe nicht exakt fest­steht und eine reine Innenverpflichtung darstellt, ist der Begriff der Rückstellungen in der dynamischen Bilanzauffassung weiter gefasst als in der Statik.[70]

Der Vergleichbarkeitsgrundsatz der dynamischen Bilanzauffassung verlangt die Ste­tigkeit der Ansatz- und Bewertungsmethoden zu wahren. Eine festgelegte Methode soll beibehalten werden, auch sobald sich diese als ungenau herausstellt.[71] Die relative Genauigkeit wird dadurch nicht beeinflusst, denn die Schätzungsfehler wiederholen sich in den Perioden in die gleiche Richtung. [72]

Die Abschreibungshöhen der Anlagegüter unterliegen ebenfalls dem prägenden Vergleichbarkeitsgrundsatz. [73] Im Falle einer kürzeren Lebensdauer als erwar­tet müsste die bereits abgeschlossene Jahresrechnung korrigiert werden, was nicht zulässig ist. [74] Sonderabschreibungen sollen ebenfalls durch eine Überhöhung der Abschreibungs-beträge vermieden werden.[75] Daher würde in der aktuellen Rechnungspe­riode ein höherer Abschrei­bungsbetrag angesetzt werden. Damit wäre der Grundsatz der dynamischen Bi­lanzauf­fassung, die Vergleichbarkeit der Perioden, gestört. [76]

3. Passive Rechnungsabgrenzung als Erfolgsregulierungsposten

Erhaltene Einnahmen deren zugehörender Ertrag in nachgelagerten Perioden anfällt werden Einnahmerückstellungen oder er­tragswirksame Vorauszahlungen genannt.[77] Nachleistung oder passive Verpflichtun­gen beziehen sich auf die zukünftige Leistungserbringung, wie z.B. Lieferung. [78] Obwohl sich die komplette dynamische Bilanz auch schwebenden Posten zusammensetzt sind nur diese Posten geeignet die perioden­gerechte Gewinnermittelung zu gewährleisten, indem sie geballt anfallende Einnahmen verteilen. [79] Daraus ergibt sich ihre zentrale Bedeutung. Atypische Einnahmen mit ge­ringer Wiederholungswahr­scheinlichkeit sind, analog zu den Rückstellungen, auch ohne eine aus­stehende Gegenleis­tung erfolgsneutral erfasst. [80] Und aus dem glei­chen Grund wie außerordentliche Aufwen­dungen abzugrenzen. [81] Es fehlt an einer Legaldefinition für die passiven Abgrenzungsposten, daraus wird ihr Zweck nochmals deutlich lediglich der Verteilung der Einnahmen mit dem Ziel der Gewinnglät­tung zu dienen. [82] Objektivie­rungserfordernisse werden dabei zurückgestellt um dem Bilanzierenden Freiheiten einzuräumen. Die Ermessens-spielräume des Kaufmanns können in Unsicherheit und Orientierungs­losigkeit führen. [83]

[...]


[1] Vgl. Woerner (1994), S. 485.

[2] Vgl. Adler/Düring/Schmaltz (1998), § 250 HGB, Rz. 2; Kliem (2000), S. 229.

[3] Vgl. Adler/Düring/Schmaltz (1998), § 249 HGB, Rz. 38.

[4] Vgl. Fuchs (1987), S. 418; Berndt (1998), S. 67.

[5] Vgl. Scheffler (2011), S. 320 und S. 325f.

[6] Vgl. Münstermann (1969), S. 18f.

[7] Vgl. Moxter (1984), S. 29; Weber-Grellet (2010), S. 22; Döllerer (1968), S. 637.

[8] Vgl. Schmalenbach (1908/09), S. 81–88; Moxter (1984), S. 29.

[9] Vgl. Berndt (1998), S. 155 und S. 170f.

[10] Vgl. Rüdinger (2003), S. 44.

[11] Vgl. FG (2013), S. 906.

[12] Vgl. Moxter (1984), S.50f.; Kliem (2000), S. 221.

[13] Vgl. BFH (1993), S.204.

[14] Vgl. Berndt (2005), S. 1497.

[15] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 27; Freidank, Velte (2008), S. 714.

[16] Vgl. Schmalenbach (1919), S. 9; Walb (1926), S. 83–88; Kliem (2000), S. 23f.

[17] Vgl. Schmalenbach (1925), S. 100; Max (1948), S. 483–485; Münstermann (1948), S. 39; Weber-Grellet (2010), S. 22.

[18] Vgl. Kosiol (1959) S. 226; Witte (1959), S. 97–105; Schweitzer (1972), S. 163.

[19] Vgl. Schmalenbach (1919), S. 22–24; Schmalenbach (1956), S. 57–59; Seicht (1982), S. 167.

[20] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 48, S. 56; Moxter (1982), S. 71; Moxter (1984), S. 38; Tiedchen (2006), Abt. II/11, Rz. 7.

[21] Vgl. Schmalenbach (1919), S. 27; Kliem (2000), S. 29.

[22] Vgl. Schaffhauser-Linzatti (2006), S. 67.

[23] Schmalenbach (1926), S. 121; Schmalenbach (1956), S. 59; Schweitzer (1972), S. 163; Seicht (1982), S. 167.

[24] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 27; Moxter (1983), S. 300f.

[25] Vgl. Scheel (2009), S. 9.

[26] a.A. Moxter (1983), S. 301f.

[27] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 106f.

[28] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 33–38; Döllerer (1968), S. 637; Schneider (1980), S. 31f.

[29] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 107; Moxter (1996), S. 233; Müller (1989), S. 6.

[30] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 107f.; Dahl (1959), S. 22.

[31] Vgl. Dahl (1959), S. 22.

[32] Vgl. Schmalenbach (1919), S. 9f; Schmalenbach (1956), S. 27; Moxter (1983), S. 301; Moxter (1984), S. 29–31.

[33] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 93f.; Schmalenbach (1956), S. 41–42.

[34] Vgl. Schmalenbach (1919), S. 1–6; Moxter (1984), S. 30; Moxter (1996), S. 233.

[35] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 35; Schneider (1980), S.32; Freidank/Velte (2008), S.715.

[36] Vgl. Schmalenbach (1910/11), S. 384; Münstermann (1948), S. 35; Moxter (1984), S. 29–32; Kliem (2000), S. 23; Freidank/Velte (2008), S. 714.

[37] Vgl. Schmalenbach (1919), S. 8f.; Hax (1948), S. 8; Münstermann (1948), S. 37f.; a.A. Moxter (1983), S. 300–302.

[38] Vgl. Dahl (1959), S. 20.

[39] Vgl. Schmalenbach (1919), S. 98–100; Schmalenbach (1926), S. 62.

[40] Vgl. Moxter (1984), S. 51; Dahl (1959), S. 19f.; Moxter (1984), S. 1784.

[41] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 62.

[42] Vgl. Schmalenbach (1926), S.174; Moxter (1988), S. 447–449.

[43] Vgl. Dahl (1959), S. 21; Schweitzer (1972), S. 164.

[44] Vgl. Moxter (1984), S. 40, S. 46; Schweitzer (1972), S. 165.

[45] Vgl. Moxter (1996), S. 234; Schweitzer (1972), S. 164.

[46] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 84; Moxter (1984), S. 39, S. 47; Moxter (1996), S. 234; Wirth (2009), S. 38, S. 40.

[47] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 85.

[48] Vgl. Kosiol (1949), S. 195; Dahl (1959), S. 21.

[49] Vgl. Münstermann (1948), S. 42.

[50] Vgl. Schmalenbach (1919), S. 41f.; Kliem (2000), S. 27.

[51] Vgl. Schmalenbach (1925), S. 102; Moxter (1984), S. 35f.

[52] Vgl. Schmalenbach (1925), S. 93; Kliem (2000), S. 29, S. 223.

[53] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 106–108; Leffson (1987), S. 428.

[54] Vgl. Dahl (1959), S. 21; Leffson (1987), S. 331–334; Moxter (1983), S. 301.

[55] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 99; Dahl (1959), S. 22.

[56] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 96; Freidank/Velte (2008), S. 714.

[57] Vgl. Schmalenbach (1919), S. 12; . Schmalenbach (1926), S.107; Kliem (2000), S. 25; Moxter (1984), S. 1782.

[58] Vgl. Binger (2009), S. 115; Schrimpf-Dörges (2006), S. 64.

[59] Vgl. Strobl (1994), S. 425; Döllerer (1968), S. 640.

[60] Vgl. Münstermann (1948), S. 39; Kaiser (2008), S. 19f.

[61] Vgl. Moxter (1982), S.71; Rüdiger (2003), S. 44.

[62] Vgl. Moxter (1984), S. 45; Freidank/Velte (2008), S.714.

[63] Vgl. Leffson (1987), S. 336f.

[64] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 154–156; Moxter (1984), S. 36–38.

[65] Vgl. Strobl (1994), S. 425.

[66] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 80–81; Moxter (1984), S. 37.

[67] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 156f.

[68] Vgl. Schrimpf-Dörges (2006), S. 65; Strobl (1994), S. 425; Rüdinger (2003), S. 44; Döllerer (1968), S. 640.

[69] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 159f; Vgl. Kaiser (2008), S. 18; Moxter (1983), S. 306.

[70] Vgl. Binger (2009), S. 115f.; Döllerer (1968), S. 640; Schneider (1980), S. 378.

[71] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 107f.; Walb (1926), S. 397f.

[72] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 34; Leffson (1987), S. 428f.

[73] Vgl. Moxter (1988), S. 447–449; Jäger (1996), S. 15.

[74] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 98.

[75] Vgl. Jäger (1996), S. 16; Moxter (1988), S. 488.

[76] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 97f.

[77] Vgl. Moxter (1984), S. 34; Berndt (1998), S. 102.

[78] Vgl. Schmalenbach (1926), S. 56, S. 59; Schmalenbach (1956), S. 57; Moxter (1984), S. 38; Döllerer (1968), S. 368f.

[79] Vgl. Schmalenbach (1956), S. 56f., S. 82; Seicht (1982), S. 167; Schönnenbeck (1960), S. 587; Fladung (2000), S. 226.

[80] Vgl. Moxter (1982), S. 127; Kaiser (2008), S. 20; Moxter (1982), S. 132.

[81] Vgl. Münstermann (1948), S. 40.

[82] Vgl. Berndt (1998), S. 105, S. 183.

[83] Vgl. Moxter (1984), S. 49–51.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Bilanzierung passiver Rechnungsabgrenzungsposten in der finanzgerichtlichen Rechtsprechung. Das Urteil des FG Nürnbergs vom 19.9.2013 - 4 K 1613/11
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
42
Katalognummer
V990442
ISBN (eBook)
9783346352859
ISBN (Buch)
9783346352866
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bilanzierung, rechnungsabgrenzungsposten, rechtsprechung, urteil, nürnbergs
Arbeit zitieren
Katja Miskewitsch (Autor:in), 2016, Bilanzierung passiver Rechnungsabgrenzungsposten in der finanzgerichtlichen Rechtsprechung. Das Urteil des FG Nürnbergs vom 19.9.2013 - 4 K 1613/11, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/990442

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