Auch heute häufen sich solche Geschehnisse, bei denen keine Hilfe durch Anwesende erfolgt. Allein in Nordreinwestfalen wurden in der Kriminalstatistik von NRW 2018 294 Fälle von unterlassener Hilfeleistung bekanntgegeben (vgl. Land NRW (2018). Polizeiliche Kriminalstatistik). Dies schließt allerdings nur die geahndeten Fälle nach juristischer Definition von unterlassener Hilfeleistung ein, wodurch man von einer viel höheren Dunkelziffer ausgehen kann. Nicht vorhandene Hilfe führt oftmals zu einem schlimmeren Resultat für die Opfer. Doch geht die Nicht-Beteiligung der Beobachter zwangsläufig mit Gefühlslosigkeit und mangelndem Verantwortungsgefühl einher? Denn als Außenstehender fragt man sich erschüttert, warum nicht eingegriffen wurde.
Dieser Frage soll diese Arbeit auf den Grund gehen, um einige Gründe ausfindig zu machen, die die Intention der Hilfeleistung schmälern oder gar verhindern können. Dafür werde ich das Fünf-Stufen-Modell von Latané und Darley heranziehen. Des weiteren sollen verschiedene Effekte und Theorien aufgezeigt werden, die ein Individuum dazu veranlassen können, den von Latané und Darley konstruierten fünfstufigen Prozess zur Hilfeleistung bewusst oder unbewusst abzubrechen und somit nicht helfend einzugreifen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Definitionen und wichtige Begriffe
1.1 Definition einer Notsituation und derer Kennzeichen von Latané und Darley
1.2 Hilfreiches Verhalten in Notsituationen
2 Fünf-Stufen-Modell des Prozesses zur Hilfeleistung von Latané und Darley
3 Mögliche Gründe des Nicht-Helfens im Prozess der Hilfeleistung von Latané und Darley
3.1 Stufe 1: Wahrnehmen des Notfalls
3.1.1 Reizüberflutung
3.1.2 Kognitive Einschränkungen und Tunnelblick
3.2 Stufe 2: Die Situation als Notfall interpretieren
3.2.1 Mehrdeutigkeit der Situation
3.2.2 Pluralistische Ignoranz
3.3 Stufe 3: Verantwortungsübernahme
3.3.1 Verantwortungsdiffusion
3.3.2 Bewertungsangst
3.4 Stufe 4: Mögliche Hilfen
3.4.1 Fachkenntnisse und subjektives Kompetenzgefühl
3.5 Stufe 5: Hilfeleistung
3.5.1 Kosten und Nutzen der Hilfeleistung
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologischen Barrieren, die Zeugen davon abhalten, in Notsituationen helfend einzugreifen, wobei das Fünf-Stufen-Modell von Latané und Darley als theoretischer Rahmen dient, um die Hemmschwellen in den verschiedenen Phasen der Entscheidungsfindung zu analysieren.
- Analyse der psychologischen Faktoren für unterlassene Hilfeleistung
- Detaillierte Erläuterung des Fünf-Stufen-Modells von Latané und Darley
- Untersuchung von sozialen Phänomenen wie Pluralistischer Ignoranz und Verantwortungsdiffusion
- Einfluss von Fachwissen und Kompetenzgefühl auf die Hilfsbereitschaft
- Diskussion von Kosten-Nutzen-Abwägungen bei der Hilfeleistung
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Pluralistische Ignoranz
„[Dies ist ein] Prozess, bei dem bei einem Notfall anwesende Personen darauf achten, wie andere Anwesende auf ein plötzliches und unerwartetes Ereignis reagieren. Da niemand sofort reagiert, beobachtet jeder, dass auch die anderen Zuschauer nicht reagieren und interpretiert ihre Untätigkeit als Hinweis darauf, dass das Ereignis nicht schwerwiegend ist und daher keine Reaktion nötig ist“ (Levine & Manning, 2014).
Dadurch kann es bei mehreren Anwesenden dazu kommen, dass durch kollektives Beobachten und Nicht-Eingreifen das Unterlassen von Hilfeleistung gerechtfertigt wird. Ein bekanntes Experiment von Latané und Darley von 1968 kann als Beispiel für Pluralistische Ignoranz betrachtet werden. Die beiden Sozialpsychologen erschufen eine Situation, in der Versuchspersonen in einem Raum einen Fragebogen ausfüllen sollten. Nach einiger Zeit wurde Rauchentwicklung simuliert, die auf einen Brand hindeuten sollte. In einem Durchlauf befanden sich mehrere Statisten neben der Versuchsperson im Raum, die angewiesen wurden, gegen die Rauchentwicklung nichts zu unternehmen. Unter diesen Bedingungen meldeten nur 38% der Versuchspersonen die Rauchentwicklung dem zuständigen Versuchsleiter. In einer anderen Konstellation befanden sich die Versuchspersonen alleine im Raum und nun meldeten 75% aller Probanden die Rauchentwicklung (vgl. Asal & Fischer & Krüger, 2010).
Dieses Ergebnis zeigte, dass die Untätigkeit anderer Anwesenden das Verhalten der Versuchsperson nachdrücklich beeinflusste. Ganz nach dem Motto „Wenn hier niemand etwas tut, dann wird es wohl auch nicht so schlimm sein“ (Gollwitzer & Schmitt, 2009), was als kollektive Fehlattribution bezeichnet werden kann (vgl. Gollwitzer & Schmitt, 2009), die einen typischen Nebeneffekt der Pluralistischen Ignoranz darstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik anhand des Falls James Bulger, um die Relevanz des Hilfeverhaltens und das Problem der Zeugen-Untätigkeit aufzuzeigen.
1 Definitionen und wichtige Begriffe: Erläuterung grundlegender Konzepte wie Notsituationen, Altruismus und prosoziales Verhalten als Basis für die weitere Analyse.
2 Fünf-Stufen-Modell des Prozesses zur Hilfeleistung von Latané und Darley: Vorstellung des zentralen theoretischen Modells, das den internen Entscheidungsprozess eines Zeugen in einer Notlage strukturiert.
3 Mögliche Gründe des Nicht-Helfens im Prozess der Hilfeleistung von Latané und Darley: Detaillierte Untersuchung der Hindernisse auf jeder der fünf Stufen, die eine Hilfeleistung verhindern können.
Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse mit dem Appell, sozialpsychologische Mechanismen stärker in Erste-Hilfe-Schulungen zu integrieren.
Schlüsselwörter
Sozialpsychologie, Notsituation, Hilfeleistung, Fünf-Stufen-Modell, Latané und Darley, Altruismus, prosoziales Verhalten, Pluralistische Ignoranz, Verantwortungsdiffusion, Bewertungsangst, Reizüberflutung, Unterlassene Hilfeleistung, Zeugenverhalten, Erste Hilfe, Selbstreflexion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der sozialpsychologischen Frage, warum Menschen in Notsituationen häufig nicht eingreifen, obwohl Hilfe dringend erforderlich wäre.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Prozessen der Wahrnehmung, Interpretation und Verantwortungsübernahme von Zeugen sowie auf Hindernissen wie Bewertungsangst oder Verantwortungsdiffusion.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Gründe für das Ausbleiben von Hilfeleistung anhand des Fünf-Stufen-Modells von Latané und Darley wissenschaftlich aufzuarbeiten und Wege zur Reflexion des eigenen Verhaltens aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die auf sozialpsychologischen Theorien, Modellen und einschlägigen Experimenten von Latané und Darley sowie anderen Forschern basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die fünf Stufen des Hilfeprozesses – von der Wahrnehmung des Notfalls bis zur tatsächlichen Hilfeleistung – und erläutert die jeweiligen psychologischen Hemmnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sozialpsychologie, Fünf-Stufen-Modell, Pluralistische Ignoranz, Verantwortungsdiffusion, Zivilcourage und Hilfeverhalten.
Inwiefern beeinflusst die Anwesenheit anderer Personen das Verhalten des Einzelnen?
Durch Effekte wie Pluralistische Ignoranz und Verantwortungsdiffusion sinkt die individuelle Hemmschwelle zum Helfen, da Zeugen sich gegenseitig beeinflussen und sich weniger persönlich verantwortlich fühlen.
Warum reicht Fachwissen allein oft nicht aus, um in Notlagen zu helfen?
Selbst bei vorhandenem Fachwissen können psychologische Faktoren wie Bewertungsangst oder eine bewusste Kosten-Nutzen-Abwägung dazu führen, dass potenzielle Helfer in der konkreten Situation gelähmt sind oder sich bewusst gegen das Eingreifen entscheiden.
- Arbeit zitieren
- Lisa Neumeier (Autor:in), 2021, Mögliche Faktoren für das Ausbleiben von hilfreichem Verhalten von Zeugen einer Notsituation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/990877