Übergang vom Kindergarten zur Grundschule. Fallanalyse einer Schülerin sowie eines Berufsanfängers als Lehrer


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Darstellung des Falls

2 Analyse und Interpretation

3 Ableitung allgemeiner pädagogischer Handlungskonsequenzen

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Kinder - so erklärt das Ministerium für Bildung des Landes Rheinland-Pfalz [MB] (2016) - stehen im Verlauf ihres Lebens Übergänge von einer Lebensphase in die nächste bevor (S. 2). Diese Umstellungen gehen sowohl mit Entwicklungschancen als auch mit Herausforderungen einher, deren Bewältigung von den Kindern Selbstbewusstsein, Belastbarkeit und Frustrationstoleranz abverlangt (MB, 2016, S. 5). In diesem Rahmen ist auch der Übergang von der Bildungsinstitution Kindergarten in die Grundschule von großer Bedeutung. Gilt dieser als gelungen und als positiv erlebt, so können Grundschüler*innen die hier gemachten Erfahrungen und erworbenen Fähigkeiten als Voraussetzungen weiterer, gelingender Übergänge nutzen (MB, 2016, S. 2). Mit dem Ziel, dass dies angebahnt und Übergänge für die Betroffenen so erleichtert werden können, soll im Folgenden eine konkrete Situation, welche im Anfangsunterricht beobachtet werden konnte, reflexiv betrachtet werden. Der thematische Schwerpunkt liegt dabei auf den Herausforderungen des Übergangs von der Kindertagesstätte in die Grundschule für eine Erstklässlerin und insbesondere auf der Schülerin-Lehrer-Beziehung als Teil interaktiver Herausforderungen und sozialen Lernens. Die dafür gewählte Methode der Fallanalyse soll durch die Sensibilisierung der (künftigen) Lehrkräfte für solche Übergangssituationen und die Bewusstmachung ihrer Relevanz einen Beitrag zur Erreichung des genannten höheren Ziels leisten. Zunächst erfolgt in diesem Rahmen die objektive Darstellung der Sachlage. Hier wird geklärt, wo, wann und wie sich die Situation ereignete. Außerdem werden Auskünfte zu den Beteiligten, ihrem Verhalten und Hintergrundinformationen insbesondere über die Erstklässlerin gegeben. Es schließt sich die Analyse und Interpretation des Falls an. An dieser Stelle werden unter Einbezug wissenschaftlicher Literatur die Perspektiven der Hauptakteure eingenommen, ergründet und ins Verhältnis zueinander gesetzt. Nachdem die Handlungsbegründungen hypothetisch dargestellt wurden, folgen im nächsten Kapitel, erneut unter Einbezug wissenschaftlicher Literatur, allgemeine pädagogische Handlungskonsequenzen und -alternativen, welche sich konkret auf die Situation beziehen. Diese exemplarisch fallbasierten Ableitungen und weiter ihre Verallgemeinerung für den generalisierten pädagogischen Sachverhalt stellen die spezifizierte/konkretisierte Kernabsicht, welche zur Übergangserleichterung für die Kinder beitragen sollen, dieser Ausarbeitung dar. Den Abschluss bildet das Fazit, in dem Erfahrungen und Erkenntnisse, die durch diese Fallanalyse gewonnen wurden, zusammengefasst werden. Literaturverzeichnis und Selbstständigkeitserklärung?

Die folgend aufgeführten Informationen sind im Zuge des Datenschutzes vertraulich zu behandeln. Alle beteiligten Personen erhalten im Rahmen der Anonymisierung fiktive Namen.

1 Darstellung des Falls

Der folgend zu analysierende Fall ereignete sich am ersten Schultag, dem 19.08.2019, während der ersten Unterrichtsstunde. Die in der Situation Hauptagierenden waren ein Mädchen (Anna) der ersten Klasse sowie ihr Klassenleiter Herr S., der zum ersten Mal in seiner Berufslaufbahn eine Klasse übernimmt. Anna war eines der drei Kinder, welche zuvor mit keinem ihrer Mitschüler denselben Kindergarten besuchten. Zudem konnte sie aufgrund des Umzuges ihrer Familie weder am Schnuppertag noch am gemeinsamen Sportspieltag im Vorfeld teilnehmen, um mit ihren Klassenkameraden und der Schule vertraut zu werden. So stellt der Schulanfang im Gemeindezentrum der Stadt am 17.08.2019 den ersten Tag dar, an welchem Anna in Kontakt mit ihrer künftigen Lerngruppe trat. Die Vorstellung der drei für den Rest der Klasse unbekannten Lernenden durch die Lehrperson blieb in den insgesamt vier beobachtbaren Schulwochen und so auch in jener Stunde, in welcher sich der für diese Arbeit relevante Fall ereignete, aus.

Mit verweinten Augen und zögerlichem Gang betrat Anna am ersten Schultag kurz vor Stundenbeginn das Klassenzimmer. Viele Bänke waren bereits besetzt, Einzelsitzplätze gab es keine und so entschied Anna, sich neben eine Mitschülerin zu setzen. Sie tauschten einen kurzen Blick aus. Anschließend beobachtete Anna zaghaft ihren Klassenleiter, während sie sich ihre Augen rieb und starrte noch einige Mal zur Tür. Nachdem Herr S. die Kinder begrüßte, öffnete er die Tafelflügel, zeigte die vorbereiteten Strichmännchen an der Tafel und erklärte, dass sich nun jeder ein Strichmännchen aussuchen solle und es mit Kreide Kleider so anzeichnet, dass es einen selbst darstellt. Dies geschah aufgrund der Klassenstärke gruppenweise. Anna war mit in der ersten von drei Gruppe dran und lächelte kurz als der Lehrer sie aufrief. Jede Gruppe zeichnete etwa sieben Minuten, sodass immer etwa zwei Drittel der Klasse insgesamt 14 Minuten warten mussten und unruhiger wurden. Anna beobachtete in der Wartezeit zunächst ihren Klassenleiter, fing jedoch in den letzten fünf Minuten wieder an mit Weinen. Sie weinte sehr leise, sodass das Schniefen ihrer Nase das einzige war, was man hörte. Der Klassenleiter fasste das Klassenbildergebnis gerade zusammen, als er dies bemerkte. Er begann stärker zu schwitzen als er es bereits bei der Empfangnahme der Lernenden tat, stoppte für wenige Sekunden sein Erzählen, redete dann weiter während er Anna ein Taschentuch auf ihre Sitzbank legte und ging wieder vor die Klasse. Einige der anderen Schüler*innen beobachteten diese Handlung, kommentierten jedoch nichts davon. Anna nahm das Taschentuch und schnäuzte ihre Nase. In den folgenden fünf Minuten wischte sie ihre Tränen, die immer weiterliefen, wiederholt weg bis sie letztlich aufhörte mit Weinen. In der restlichen Zeit der ersten Stunde kommt die Grundschülerin den Erkundungsaufgaben zum Ranzeninhalt nur wenig konzentriert nach. Oft schaut sie, was ihre Nachbarin an Materialien auspackt und macht dies nach. Ihr Vater erklärt dem Klassenlehrer zwei Tage später, dass sie immer anfängt zu weinen und nach Körperkontakt sucht, wenn sie sich in neue Situationen ohne ihn begeben muss. Wenn sie hingegen von ihrer Mutter, welche drei Tage in der Woche berufsbedingt in einer anderen Stadt wohnt, gebracht wird, zeigt sie sich ihr gegenüber abweisend und tätigt Äußerungen darüber, dass sie ihren Vater vermisst. Hinzuzufügen ist außerdem, dass bei Herr S. in der Fallsituation ein erhöhtes Schweißaustreten zu beobachten war. Zum Schulanfang sowie am ersten Schultag äußerte er parallel zu seinen Kollegen, nicht aufgeregt zu sein und auf die Emotionen der Kinder nicht groß eingehen zu wollen, um diese nicht zu verstärken.

2 Analyse und Interpretation

Nun gilt es, die eben dargestellten Verhaltensweisen in der Fallsituation unter Berücksichtigung der genannten Hintergrundinformationen zu analysieren und zu interpretieren.

Zu Beginn steht das Verhalten von Anna im Fokus. Es werden zunächst die Herausforderungen für Anna im Kontext des Übergangs von der Kindertagesstätte zur Grundschule aufgedeckt, um so ihre Handlungen besser zu ergründen. Anschließend stehen ihre Aktionen und Reaktionen unter dem Aspekt des Bindungsverhaltens zu vertrauten und unvertrauten Personen im Fokus der Analyse und Interpretation. Wie Denner & Schumacher (2014) es erklären, durchläuft sie zum interessierenden Zeitpunkt mehrere ineinander verschränkte Übergangsprozesse (S. 39). Insbesondere normativ-institutionelle, spezifische und kontextuelle Übergangsprozesse sowie Entwicklungsübergänge sind in der konkreten Fallsituation von Bedeutung. Im Rahmen des ersteren muss sich Anna an neue Räumlichkeiten, neue Regeln und Anforderungen gewöhnen. Nach dem Transitionsmodell sind solche Entwicklungsaufgaben, die die Schülerin bewältigen muss, der kontextuellen Ebene zuzuordnen (ebd., S. 29). Aber auch auf individueller und interaktionaler Ebene ist Anna mit Entwicklungsaufgaben nach diesem Ansatz konfrontiert (ebd., S. 29). Konkreter erklärt Griebel (2007), dass Schulanfänger eine Identitätsveränderung durchführen, alte Beziehungen auflösen, neue Beziehungen aufnehmen und das Gefühl von Zugehörigkeit zu einer neuen Gemeinschaft entwickeln müssen (S. 3). Gerade im Fall von Anna gilt es nun starke Gefühle wie Unsicherheit und Angst zu bewältigen und das Wohlbefinden in der neuen Umgebung wiederzuerlangen. Hinzukommt für sie der spezifische Übergang von ihrem einstigen Zuhause in ein neues durch den Umzug. Auch hier wird von Anna zusätzlich zu ihrem neuen Lebensabschnitt als Grundschülerin die Gewöhnung an eine unvertraute Örtlichkeit gefordert (Denner & Schumacher, 2014, S. 43). Diese Fülle an Eindrücken und der aus diesen Umgebungsänderungen resultierende Stress sowie die Verunsicherung sind als Gründe für ihr zögerliches Erkundungsverhalten und ihr Weinen beim Betreten des Klassenzimmers zu deuten. Weiter sind die ihr besonders schwerfallende Trennung vom Vater und das Hinschauen zur Tür als Zeichen für die Suche nach einem vertrauten Ankerpunkt aufzufassen. Außerdem kann die Intensität der Anhänglichkeit zum Vater, die Anna durch die Suche nach Körperkontakt und Weinen in seinem Beisein ausdrückt, mit dem spezifischen Übergang erklärt werden, dass die Mutter aufgrund ihres Berufs nur zeitlich eingeschränkt als sichere Basis agiert. Eng verzahnt hiermit ist der alltägliche Übergang zwischen Familie und Schule, der an diesem Tag das erste Mal für Anna stattfindet. Die hiermit einhergehende Diskontinuität hinsichtlich erwarteter Verhaltensformen scheint Anna ebenfalls zu überfordern, sodass sie innerhalb der Stunde, in der sie ruhig warten soll, erneut anfängt zu weinen (ebd., S. 45). Das Weinen als ein Anzeichen von Überforderung und Stress in der Stunde kann - unter Berücksichtigung der Aussagen des Vaters über Annas Verhalten in ähnlichen Situationen - auch als eine von ihr verinnerlichte Strategie gedeutet werden, um im Fall der Abwesenheit der familiären Bezugsperson Unterstützung von einer alternativen Fürsorgefigur zu erhalten (Langer, 2019, S. 74). Langer (2019) erklärt ferner, dass diese Transmission der Bindungsstrategie seitens des Kindes in der Erwartung, dass eine außerfamiliäre Person in ähnlicher Weise wie die primäre Bindungsfigur reagiert, unabhängig davon abläuft, ob es sich bei der sekundären Beziehung schon um eine Bindungsbeziehung handelt oder nicht (S. 79). Das Bekommen emotionaler Zuwendung seitens ihres Klassenlehrers kann Anna demnach als Absicht ihres Verhaltens unterstellt werden (ebd., S. 74). Die Reaktion des Lehrers, welche sie auf ihr Weinen erhält, weicht jedoch von der von ihr erwarteten Reaktion ab und bringt sie in die Lage, zwar kurz Aufmerksamkeit erhalten zu haben, jedoch mit der neuen Situation und ihren Angstgefühlen zunächst alleingelassen worden zu sein. Das Ausbleiben der erwarteten sozialen Unterstützungsleistung scheint unter anderem dazu zu führen, dass die Schülerin weiter im Überforderungsund Stresszustand verweilt (Denner & Schumacher, 2014, S. 25). Zwar gelingt es Anna von allein, nach einigen Minuten ihr Weinen zu stoppen, kann sich vermutlich aufgrund des ungelösten Gefühlszustandes anschließend jedoch wenig bis gar nicht auf die gestellten Aufgaben konzentrieren. Hier ist anzunehmen, dass sich Anna nun mit dem Gefühl auseinandersetzt, sich für ihr Zeigen emotionaler Bedürfnisse zu schämen beziehungsweise, dass dies unerwünscht ist und zu unterdrücken gilt (Langer, 2019, S. 80). Gerade ihr darauffolgendes, sekundenweises Stieren kann als ein Zeichen dafür gedeutet werden, dass ihre Bedürfnisse nach Fürsorge, Sicherheit und Stabilität nicht erfüllt worden sind, sondern sie lediglich in den Zustand gedanklicher Abwesenheit gefallen ist und in ihrer inneren Gefühlswelt verharrt. Den Beobachtungen nachkommend ist zu vermuten, dass Anna in ihrem Explorationsverhalten gehemmt ist und stattdessen ihr Bindungsverhalten - aufgrund der Ungewissheit, inwieweit und in welcher Art die Unterstützung ihres Klassenlehrers ausfällt - beinah durchgehend in der Stunde aktiviert ist (Langer, 2019, S. 80).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Übergang vom Kindergarten zur Grundschule. Fallanalyse einer Schülerin sowie eines Berufsanfängers als Lehrer
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V992094
ISBN (eBook)
9783346362155
Sprache
Deutsch
Schlagworte
übergang, kindergarten, grundschule, fallanalyse, schülerin, berufsanfängers, lehrer
Arbeit zitieren
Jennifer Scharf (Autor), 2020, Übergang vom Kindergarten zur Grundschule. Fallanalyse einer Schülerin sowie eines Berufsanfängers als Lehrer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992094

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