Das Mercedes-Benz-Museum Stuttgart. Ein Firmenmuseum als Geschichtsvermittler?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Firmenmuseen und ihre Eigenschaften

3. Das Mercedes-Benz-Museum
3.1 Allgemeine Informationen
3.2 Ausstellungskonzept
3.2.1 Rundgänge
3.2.2 Barrierefreiheit

4. Museumspädagogik und Vermittlung
4.1 Ein Überblick
4.2 Museumspädagogik, Vermittlung und Angebote für Schülerinnen im Mer- cedes-Benz-Museum
4.2.1 Museumspädagogik und Vermittlung
4.2.2 Angebote für Schülerinnen

5. Weitere Angebote des Museums
5.1 Gottlieb-Daimler-Gedächtnisstätte
5.2 Gottlieb-Daimler-Geburtshaus

6. Schlussbetrachtung

7. Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis
7.1 Quellen
7.2 Literatur
7.3 Abbildungen

1.EINLEITUNG

„Museen bieten gültige Querschnitte durch die Zeit-, die Kultur-, die Kunst-, die Natur-, die Industrie- und Warengeschichte. [...] Trotz der unterschiedlichen Zielvorgaben setzen sie jene ästhetischen, kulturhistorischen oder technischen Maßstäbe, deren Geltung sie ihren Besuchern nahe bringen wollen."1

Museen sind Institutionen, die weltweit bekannt und für die Vermittlung verschiedener Bereiche wie Kunst, Geschichte oder Technologie zuständig sind. Dennoch ist die Vielfalt von Museen sehr groß und weist unterschiedliche Ausstellungsstrategien, Vermittlungsprinzipien und Vorgehensweisen auf. Generell lässt sich der Aufgabenbereich von Museen ziemlich simpel definieren: „Museen sammeln, bewahren, erforschen, stellen aus und vermitteln."2 Tatsächlich gehören diese fünf Bereiche zu den Kernaufgaben eines Museums, die der deutsche Museumsbund auch so festgelegt hat.3 Überdies dienen Museen nach einer Definition des internationalen Museumsrates ICOM (International Council of Museum) „Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken."4 Wie Marion R. Gruber treffend feststellt, tragen Museen somit als Kommunikatoren einen erheblichen Beitrag zum lebenslangen Lernen in unserer Gesellschaft bei, wobei sich zwei unterschiedliche Formen von Vermittlung feststellen lassen, nämlich zum einen die personale und zum anderen die mediale Vermittlung.5 Gerade in der Museumspädagogik wird Technologie im heutigen Zeitalter als Hauptmedium genutzt, da technologisch unterstütztes Lernen im Museum alle Aktivitäten der Wissensvermittlung mit digitalen Medien umfasst.6 Generell geht es im Zusammenhang mit Museen oftmals explizit um die Vermittlung von Geschichte, die in verschiedenen Museen häufig zu finden ist, da sich vor allem geschichtliche Museen meist mit bestimmten Epochen internationaler oder auch regionaler Geschichte beschäftigen.

Geht man nun zurück zur Digitalisierung und Technologie lassen sich diese Aspekte in einem bestimmten Museum sehr ausgeprägt wiederfinden, nämlich im MercedesBenz-Museum in Stuttgart. Hauptsächlich ist das Museum vielmehr als Firmenmuseum bekannt und nicht speziell darauf ausgelegt, Geschichte im Sinne von Historik zu vermitteln, wie es sich geschichtliche Museen zur Aufgabe machen. Das Hauptaugenmerk des Mercedes-Benz-Museums wird deshalb im Folgenden dieser Arbeit kurz skizziert, um den Vermittlungsaspekt aufzuzeigen. Generell stellen sich allerdings die Fragen, inwiefern das Mercedes-Benz-Museum als Geschichtsvermittler fungiert, um beispielsweise Schulklassen Geschichte zu vermitteln und wie die Museumspädagogik und Vermittlung des Museums generell dazu beiträgt, erfolgreich Inhalte und Geschichte zu vermitteln. Um diese Fragen zufriedenstellend klären zu können, soll in dieser Arbeit das Mercedes-Benz-Museum in seinen verschiedenen Facetten aufgezeigt und unter Aspekten wie Museumspädagogik, Ausstellungskonzept und Barrierefreiheit analysiert, sowie angebotene Projekte für Schüler*innen betrachtet werden. Schlussendlich sollen auch Angebote außerhalb des Museums kurz betrachtet werden, um die Angebotsvielfalt des Museums veranschaulichen zu können.

2. Firmenmuseen und ihre Eigenschaften

Bereits der Begriff Firmenmuseum wies vor mehr als 20 Jahren noch gewisse Problematiken auf, da dem Begriff Museum schon eine große Bandbreite an Inhalten zuzuordnen war,1 und auch heute noch ist. Anne Mikus bezog sich speziell auf die diesbezüglich klaren, wenn auch nicht letztendlich verbindlich definierten Kriterien seitens der Museumswelt, die im Bereich der Firmenmuseen verwässerte, unscharfe Grenzen aufwiesen wodurch weder die Bezeichnung, noch die die darunter zu verstehenden Inhalte als geregelt angesehen werden konnten.2 Eine weitere Problematik, die sich in Bezug auf das Thema Firmenmuseum finden ließ, war die Tatsache, dass Firmenmuseen nicht zur klassischen Museumslandschaft gezählt wurden. Mikus stellte im Jahre 1997 noch fest, dass Firmenmuseen größtenteils in den Führern zu deutschen Museen fehlten, den Museologen kaum bekannt waren, selbst eher Bescheidenheit als Selbstbewusstsein ausübten und auch nur wenige ihren Weg ins Augenmerk der Öffentlichkeit fanden.3 Diese Punkte sind nach heutigen Erkenntnissen nicht mehr aktuell, da sich Firmenmuseen heutzutage zu veritabel ausgestatteten und agil auftretenden Corporate Museums entwickelt haben.4 Obwohl laut Götz Adriani immer noch gewisse Antagonismen zwischen der Wirtschaft einerseits und den Kultureinrichtungen andererseits bestehen, seien die Grenzen zwischen ökonomischen und künstlerischen Prinzipien mittlerweile fließend geworden.5 Eine Sache, die jedoch mit vollständiger Sicherheit gesagt werden kann ist, dass es sich bei einem Firmenmuseum auch heute noch um „ein von einem Unternehmen getragenes Museum"6 handelt.

Mikus definierte ein Firmenmuseum letztendlich mit ihrem Definitionsvorschlag wie folgt: „Ein Firmenmuseum ist eine als Ausstellung aufbereitete ständige Sammlung, die von einem Unternehmen ins Leben gerufen und unterhalten wird."7 Dabei sind verschiedene Kriterien von Bedeutung, die diese Art von Institution charakterisieren. Zum einen, musste ein Firmenmuseum für Dritte zugänglich sein, jedoch nicht zwingend für die allgemeine Öffentlichkeit.8 Zum anderen konnte sich der Sammlungsinhalt sowohl aus dem Unternehmen ableiten, als auch ohne jeglichen Unternehmensbezug im Museum ausgestellt werden.9 Bereits diese Aspekte zeigen auf, dass eine grundlegend klar definierte Charakterisierung eines Firmenmuseums ursprünglich fehlte und nicht dem prototypischen Museumsmuster entsprach. Matthias Henkel stellt jedoch treffend fest, dass die meisten Firmenmuseen heutzutage einem ausgeklügelten System unterliegen, denn es sei schließlich im Interesse des jeweiligen Museums, die Geschichte des jeweiligen Markenproduktes, also die Geschichte der Marke selbst, so auszulegen, dass eine emotionale Brandstory entsteht, die eine Brücke zwischen Unternehmensgeschichte und Gegenwart schlägt, die den Besucher dazu animieren soll, sich noch mehr mit der Marke zu identifizieren.10 Allgemein lässt sich sagen, dass Firmenmuseen in der Regel eigene Produkte von den Anfängen bis zur Gegenwart zeigen und diese sinnlich erfahrbar machen.11 Des Weiteren wird durch das Museum auch die Bedeutung der eigenen Marke gesteigert und führt durch gezieltes Merchandising im besten Falle auch zum Kauf der Produkte der jeweiligen Marke.12 Die hier aufgeführten Charakteristika und Definitionen eines Firmenmuseums werden im Folgenden am Mercedes-Benz-Museum überprüft, um festzustellen, inwiefern allgemeine Informationen zu Firmenmuseen auf ein spezifisches Beispiel zutreffen.

3. Das Mercedes-Benz-Museum

3.1 Allgemeine Informationen

Generell lässt sich das Mercedes-Benz-Museum als episches Museum charakterisieren das, im Gegensatz zu anderen Museumskategorien, in denen Dinge Geschichten erzählen, Geschichte mit Dingen erzählt.19 Im Jahr 2006 wurde das Museum eröffnet und zeichnet sich seither als populäres Firmenmuseum aus und widerspricht den herkömmlichen und klassischen kulturhistorischen Museen, denn „die Konzeption der Ausstellung verknüpft die Geschichte der Marke eng mit der deutschen und der internationalen Geschichte von der Erfindung des Automobils 1886 bis heute."20 Betrachtet man das folgende Zitat, das sich bereits auf der Startseite der Homepage von Mercedes-Benz finden lässt, so wird das eben genannte schnell ersichtlich. Das Hauptaugenmerk im Mercedes-Benz-Museum wird folglich auf diese Dinge gelegt:

„Neun Ebenen präsentieren auf 16.500 m2 atemberaubende Fahrzeuge und mehr als 1.500 Exponate. Entdecken Sie die Automobil- und Zeitgeschichte seit 1886.

Vom ersten patentierten Auto der Welt bis zum Wasserstofffahrzeug aus diesem Millennium."21

Dieses wirbt nämlich bereits auf der Startseite seiner Homepage mit einem faszinierenden und spannungsaufbauenden Einstiegstext, der das Interesse der Besucherinnen mit der Geschichte des Automobils seit dem Jahr 1886 wecken soll. Die Vermittlung der Geschichte des Automobils und der Zeitgeschichte scheinen dabei den Fokus der Ausstellung darzustellen, um die „Geschichten und Geschichte zum Zusammenhang von Technik und Alltag, von Zeitgeschichte und populärer Kunst lebendig werden"22 zu lassen, während vor allem die Ausstellung der verschiedenen Fahrzeuge, neben weiteren Ausstellungsstücken, die Leitexponate des Museums darstellen. Insgesamt handelt es sich dabei um 1.500 Exponate, von denen 160 Fahrzeuge sind.23 Eröffnet wurde das Museum nach einem zweieinhalb jährigen Bau im Jahr 200624 und wirkt neben der Vermittlung der Automobil- und Zeitgeschichte als architektonisches Highlight in Stuttgart. Überdies ist das Mercedes-Benz-Museum das einzige Museum13 14 15 16 17 18 Stuttgarts, das die 120-jährige Geschichte der Automobilindustrie seit seinem Ursprung lückenlos darstellen kann.19 Generell bietet das Museum vielfältige Möglichkeiten für einen Besuch an und Besucher*innen sind nicht zwingend an eine Führung gebunden. Audio-visuelle Angebote runden das Museumserlebnis für alle Altersgruppen ab und machen einen Besuch aufgrund der angepassten Technologie noch interessanter. Angesichts der Thematik Geschichte vermittelnder Museen, die charakteristische Eigenschaften haben,20 lässt sich das Mercedes-Benz-Museum jedoch nicht mit diesen in Verbindung bringen. Markus Walz stellt die prototypischen Charakteristika eines geschichtlichen Museums nämlich wie folgt auf:

„Grundvoraussetzung ist für alle die professionelle Erfüllung aller museumsspezifischen Aufgaben im wissenschaftlichen wie organisatorischen Bereich durch qualifiziertes Fachpersonal, die fachwissenschaftliche Fundierung und Begleitung aller Museums- und Ausstellungsplanungen mit einer hervorgehobenen Rolle der Geschichtswissenschaft sowie die Bereitschaft zur aktiven Teilnahme und Weiterentwicklung von aktueller Geschichtskultur. Dabei wird die deutsche Geschichte im größeren, europäischen Kontext betrachtet und dargestellt.“21

Es lässt sich somit feststellen, dass das Mercedes-Benz-Museum angesichts der auf der Homepage stehenden Informationen nicht zwingend darauf abzielt, Geschichtswissenschaft per se zu vermitteln, sondern viel eher die geschichtlichen Hintergründe des Automobils zu kontextualisieren und zu veranschaulichen. Ebenso wird nicht die deutsche Geschichte spezifisch im europäischen Kontext betrachtet, sondern viel eher der Fokus auf die (vor allem technische) Automobilentwicklung und Entwicklung der Automobilindustrie gelegt, die bereits auf den ersten Blick wenig geschichtswissenschaftliche Bezüge herstellen lässt.

„Die Verbindung zwischen Architektur, Ausstellungsgestaltung und Exponat ist im Mercedes-Benz-Museum so weit gediehen, dass eins das andere symbiotisch bedingt. Keiner der Elemente spielt sich in den Vordergrund, keine Disziplin führt ein Eigenleben. Der Dialog zwischen Architektur, Ausstellungsgestaltung, Medien und Exponaten wirkt selbstverständlich und ermöglicht ein durchgehendes Narrativ."28

Das Ausstellungskonzept im Mercedes-Benz-Museum ist klar strukturiert und durchdacht, denn es ist so konzipiert, dass die Automobil- und Zeitgeschichte in zwei verbundenen Rundgängen veranschaulicht wird. Anhand der Leitexponate des Museums, lässt sich durch visuelle Eindrücke eine Verbindung zu Geschichte und Vergangenheit herstellen. Zusätzlich stellt die Innovationskraft der Marke Mercedes-Benz eine Verbindung zur Zukunft her, da die fortlaufende Entwicklung der Automobilindustrie selbstverständlich fest im Alltag vieler Menschen verankert ist. Die Internetseite selbst bezeichnet ihr Ausstellungskonzept sogar als „einzigartiges Museumskonzept"29, da durch den gut zweistündigen Weg durch das Museum die Besucher*innen eine einzigartige Zeitreise durch die über 120-jährige Automobilgeschichte erleben.30 Schon der architektonische Aufbau des Museums ist mit Metaphern versehen, die den Besu- cher*innen weitere Eindrücke verschaffen sollen.

[...]


1 Anne Mikus: Firmenmuseen in der Bundesrepublik - Schnittstelle zwischen Kultur und Wirtschaft, Opladen 1997, S. 14.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. ebd., S. 13.

4 Vgl. Matthias Henkel: Museum 4.0; Die Museumsmatrix - Museum, MINT und Marke, in: ICOM Deutschland - Beiträge zur Museologie 6, 2017, S. 41-54, hier: S. 45f.

5 Vgl. Adriani: Firmenmuseen im kulturellen Kontext, S. 16.

6 Vgl. Mikus: Firmenmuseen, S. 14.

7 Mikus: Firmenmuseen, S. 15.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. Mikus, Firmenmuseen, S. 15.

10 Vgl. Henkel: Marke, S. 46.

11 Vgl. Gert Kollmer-von Oheimb-Loup: Firmenmuseen - Geschichte ökonomisch sehen, in: Firmenmuseen in Baden-Württemberg, hg. von: Gert Kollmer-von Oheimb-Loup; Götz Adriani, Stuttgart 2010, S. 9-13, hier: 12.

12 Vgl. Henkel: Marke, S. 46f.

13 Vgl. Hans-Günter Merz; Pablo von Frankenberg: Raum, Ding, Betrachter - Der Kontext des Museumsraums, in: Die Kulturimmobilie - Planen - Bauen - Betreiben - Beispiele und Erfolgskonzepte, hg. von: Oliver Scheytt; Simone Raskob; Gabriele Willems, Bielefeld 2016, S. 141-165, hier: 155.

14 Ebd.

15 Homepage Mercedes-Benz: https://www.mercedes-benz.com/de/classic/museum/, [25.10.2020].

16 Ebd.

17 Vgl. Homepage des Daimler Konzerns: https://www.daimler.com/konzern/tradition/museen-histori- sche-orte/mercedes-benz-museum.html, [18.10.2020].

18 Das Museum gab es bereits vorher, jedoch wurde es aufgrund veralteter Exponate erneuert und im Jahr 2006 neu eröffnet.

19 Vgl. Homepage Daimler Konzern.

20 Zu diesen Museen zählen beispielsweise Landesgeschichtliche Museen wie das Haus der Geschichte Baden-Württemberg oder Museen wie das Deutsche Historische Museum und das Bayrische NationalMuseum.

21 Walz: Handbuch, S. 106.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Mercedes-Benz-Museum Stuttgart. Ein Firmenmuseum als Geschichtsvermittler?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
22
Katalognummer
V992186
ISBN (eBook)
9783346355928
ISBN (Buch)
9783346355935
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mercedes-benz-museum, stuttgart, firmenmuseum, geschichtsvermittler, Museumspädagogik
Arbeit zitieren
Maria Tzoulaki (Autor), 2020, Das Mercedes-Benz-Museum Stuttgart. Ein Firmenmuseum als Geschichtsvermittler?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992186

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Mercedes-Benz-Museum Stuttgart. Ein Firmenmuseum als Geschichtsvermittler?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden