Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, wie sich die aktuelle Sprachsituation im Elsass und in Lothringen darstellt und wie es zu deren Entstehen kam, um abschließend einen Vergleich zwischen dem Elsass und Ost-Lothringen anzustellen, zwei Gebieten, die sich aufgrund ihrer Kultur und Geschichte ähneln und sich dennoch, wie sich herausstellen wird, auf so unterschiedliche Weise entwickelten.
Frankreich zählt zu den Ländern Europas mit den meisten sprachlichen Minderheiten, erkennt jedoch keine von ihnen offiziell an, was es für die jeweilige Bevölkerungsgruppe schwierig macht, ihr Recht auf Sprache und Kultur zu leben, weshalb die meisten dieser Regionalsprachen und -kulturen Frankreichs mehr und mehr verfallen.
Bei einem Teil der Minderheiten, die an den Grenzen des Hexagone angesiedelt sind, wird die jeweilige Regionalsprache auch im Nachbarstaat gesprochen, entweder ebenfalls als Sprache einer Minderheit oder wie im Falle meiner beiden Untersuchungsgebiete als Staatssprache. Bekanntlich sind Grenzegebiete meist Konfliktgebiete, einerseits auf politisch-militärischer, andererseits aber auch auf sprachlicher und soziokultureller Ebene. Sowohl das Elsass, als auch der germanophone Teil Lothringens sind schon seit Jahrhunderten beides, denn aus den kriegerischen Auseinandersetzungen um die beiden Gebiete erwuchs den Völkern mit der germanischen Sprache und Kultur, die sich dennoch als Franzosen fühlen, ein identitärer Konflikt, der sich seit 1945 vor allem über sprachliche Belange abspielt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1. Motivation
1.2. Ziel der Arbeit
1.3. Literaturübersicht
1.4. Aufbau der Arbeit
2 Theoretische Grundlagen
2.1. Die Sprachkontaktforschung
2.2. Bilinguismus
2.3. Diglossie
2.3.1. Soziolinguistische Ansätze
2.3.1.1. Nordamerikanischer Ansatz - die Domäne
2.3.1.2. Katalanischer und okzitanischer Ansatz
2.3.1.3. Ethnolinguistischer Ansatz
2.3.2. Sozialpsychologische Perspektive
2.3.2.1. Die Attitüde
2.3.2.2. Das Stereotyp
2.3.2.3. Die Identität
2.4. Modelle zur Spracherhaltung und -umstellung
2.4.1. Sprachökologische Variablen
2.4.2. Ethnolinguistische Vitalität
2.5. Der Begriff: Minderheit
2.5.1. Staatssprachen, Dialekte und Minderheitensprachen
2.5.2. sprachlich-kulturelle Minderheit, Nationalität und Nation
2.5.3. Vier fundamentale Kriterien für Minderheiten
3 Charakterisierung der allgemeinen Situation in den Untersuchungsgebieten
3.1. Dialektale Gliederung
3.1.1. Elsass
3.1.2. Ost-Lothringen
3.2. Historische Grundlagen
3.2.1. Getrennte Wege bis zur Einverleibung durch Frankreich
3.2.1.1. Elsass: Die Zeit bis zum Anschluss an Frankreich
3.2.1.2. Elsass: Die Zeit bis zur Französischen Revolution (1648 – 1789)
3.2.1.3. Lothringen: Die Zeit bis zum Anschluss an Frankreich
3.2.1.4. Lothringen: Die Zeit bis zur Französischen Revolution (1735 – 1789)
3.2.2. Von der Französischen Revolution bis zum Anschluss ans deutsche Reich (1789 – 1870)
3.2.3. Die Zeit beim Deutschen Reich (1870 – 1918)
3.2.4. Die Zwischenkriegszeit (1918 – 1939)
3.2.5. Der 2. Weltkrieg (1940 – 1945)
3.2.6. Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg
4 Wissenschaftliche Argumentation
4.1. Methodische Vorgehensweise
4.2. Forschungsfrage und Hypothesen
5 Elsass
5.1. Ethnolinguistische Indikatoren
5.1.1. Status
5.1.2. Demographie
5.1.3. Institutionelle Stützung
5.1.3.1. der offizielle Bereich
5.1.3.2. die Kirche
5.1.3.3. die Medien
5.1.3.4. die Schule
5.1.3.5. Vereine zur Förderung der Regionalsprache und -kultur
5.2. Funktionale Verteilung
5.2.1. Domäne Familie und Freundeskreis
5.2.2. Domäne Öffentlichkeit
5.2.3. Domäne Arbeitsplatz
5.2.4. Domäne Schule
5.2.5. Domäne Mediengebrauch
5.3. Einstellungen zur Minderheitensprache und ihrer Sprecher
5.3.1. Bedeutungen des Elsässischen
5.3.2. Sprecherattitüden
5.3.3. Der Dialekt im Individualbereich
5.3.4. Einschätzung der aktuellen und zukünftigen Situation
6 Ost-Lothringen
6.1. Ethnolinguistische Indikatoren
6.1.1. Status
6.1.2. Demographie
6.1.3. Institutionelle Stützung
6.1.3.1. der offizielle Bereich
6.1.3.2. die Kirche
6.1.3.3. die Medien
6.1.3.4. die Schule
6.1.3.5. Vereine zur Förderung der Regionalsprache und -kultur
6.2. Funktionale Verteilung
6.2.1. Domäne Familie und Freundeskreis
6.2.2. Domäne Öffentlichkeit
6.2.3. Domäne Arbeitsplatz
6.2.4. Domäne Schule
6.2.5. Domäne Mediengebrauch
6.3. Einstellungen zur Minderheitensprache und ihrer Sprecher
6.3.1. Bedeutungen des Lothringer Platts
6.3.2. Sprecherattitüden
6.3.3. Der Dialekt im Individualbereich
6.3.4. Einschätzung der aktuellen und zukünftigen Situation
Beantwortung der Forschungsfrage – Vergleich der Regionen
7.1. Hypothese 1 – Ethnolinguistische Vitalität
7.2. Hypothese 2 – Funktionale Verteilung
7.3. Hypothese 3 – Stereotype und Attitüden
7.4. abschließende Überlegungen
8 Résumé et conclusion
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Ziel der vorliegenden Diplomarbeit ist es, eine vergleichende Analyse der aktuellen Sprachsituation der sprachlichen Minderheiten im Elsass und im germanophonen Lothringen durchzuführen. Ausgehend von der historischen Entwicklung wird untersucht, wie sich die Minderheitensprachen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen halten und wie sie von den Sprechern bewertet werden, um so auf die zukünftige Vitalität und mögliche Spracherhaltungsprozesse schließen zu können.
- Vergleich der ethnolinguistischen Vitalität von Elsässisch und Lothringer Platt.
- Analyse der funktionalen Verteilung der Regionalsprachen in Domänen wie Familie, Öffentlichkeit und Arbeitswelt.
- Untersuchung von Stereotypen und Spracheinstellungen in den beiden Regionen.
- Bewertung des Einflusses politischer Maßnahmen und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen.
- Methodische Vorgehensweise basierend auf soziolinguistischer und sozialpsychologischer Literatur.
Auszug aus dem Buch
2.3. Diglossie
Diglossie ist das griechische Gegenstück zum lateinischen Bilinguismus und bedeutet daher ebenfalls Zweisprachigkeit. Der Begriff wurde zum ersten Mal von Emmanuil Roidis und Jean Psichari verwendet, um die Sprachsituation in Griechenland, wo die schriftlich gebrauchte Form Katharevusa der gesprochenen Dimotiki gegenübersteht, zu beschreiben. 1928 definiert Psichari Diglossie auf folgende Weise: „La diglossie porte sur le système grammatical tout entier. Il y a deux façons de décliner, deux façons de conjuguer, deux façons de prononcer ; en un mot, il y a deux langues, la langue parlée et la langue écrite, comme qui dirait l’arabe vulgaire et l’arabe littéral.“
Wirklich bekannt wird der Begriff jedoch erst nach seiner Wiederaufnahme durch Charles Ferguson in seinem Aufsatz Diglossia aus dem Jahre 1959. Er sieht darin eine relativ stabile Sprachsituation, in der sich eine High-Variety und eine Low-Variety ein und derselben Sprache gegenüberstehen. Während die H-Varietät auf formalem Wege erlernt wird, hohes Prestige genießt und die geschriebene Variante darstellt, wird die L-Varietät, die meist rein mündlich existiert und somit nicht kodifiziert ist, auf natürliche Weise erlernt. Weiters ist Ferguson der Ansicht, dass der Gebrauch der H-Varietät und L-Varietät nicht willkürlich erfolgt, sondern, dass die beiden Varianten nach ihren Funktionen, d.h. auf die verschiedenen Kommunikationsbereiche, komplementär verteilt sind; meist eine Varietät für den öffentlichen und eine für den informellen Bereich.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung motiviert die Themenwahl und legt das Forschungsziel sowie den Aufbau der Diplomarbeit dar.
2 Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die wesentlichen soziolinguistischen und sozialpsychologischen Begriffe wie Bilinguismus, Diglossie, Identität und Stereotype, um den theoretischen Rahmen für die Untersuchung zu bilden.
3 Charakterisierung der allgemeinen Situation in den Untersuchungsgebieten: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über die dialektale Gliederung und die historische Entwicklung der beiden Regionen.
4 Wissenschaftliche Argumentation: Hier werden die methodische Vorgehensweise sowie die spezifischen Forschungsfragen und Hypothesen definiert.
5 Elsass: Dieses Kapitel liefert eine detaillierte Untersuchung der ethnolinguistischen Vitalität, funktionalen Verteilung und Sprechereinstellungen im Elsass.
6 Ost-Lothringen: Dies ist die entsprechende Untersuchung für den germanophonen Teil Lothringens, die sich auf die gleichen Indikatoren wie bei der Elsass-Analyse stützt.
Beantwortung der Forschungsfrage – Vergleich der Regionen: Hier werden die gewonnenen Ergebnisse gegeneinander abgewogen und die aufgestellten Hypothesen verifiziert bzw. falsifiziert.
8 Résumé et conclusion: Eine zusammenfassende Schlussbetrachtung der Ergebnisse in französischer Sprache.
Schlüsselwörter
Elsass, Lothringen, Minderheitensprache, Dialekt, Bilinguismus, Diglossie, Sprachkontakt, Sprachwechsel, Ethnolinguistische Vitalität, Identität, Stereotyp, Sozialpsychologie, Sprachpolitik, Regionalbewusstsein, Sprachgebrauch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Vergleich der aktuellen Situation der sprachlichen Minderheiten im Elsass und im germanophonen Teil Lothringens.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen Sprachkontaktforschung, Soziolinguistik, ethnolinguistische Vitalität, funktionale Verteilung von Dialekten sowie Einstellungen und Stereotype der betroffenen Sprecher.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es herauszufinden, ob und wie sich der Stand der Regionalsprachen in beiden Gebieten unterscheidet und welche historischen und sozialen Entwicklungen zu diesen Unterschieden geführt haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine domänenorientierte Analyse vorhandener Studien, die durch ethnolinguistische Indikatoren sowie sozialpsychologische Aspekte wie Attitüden und Identitätsfindung ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, einen historischen Überblick, die detaillierte Analyse der ethnolinguistischen Situation im Elsass und in Ost-Lothringen sowie den direkten Vergleich der Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Minderheitensprache, Diglossie, Bilinguismus, Elsass, Lothringen und Sprachwechsel charakterisiert.
Warum wird Lothringen als prekärer angesehen als das Elsass?
Lothringen bildet kein eigenes Verwaltungsgebiet und besitzt kein germanophones Zentrum (wie Straßburg), was die institutionelle Stützung und die politische Wahrnehmung der Sprache erschwert.
Welche Rolle spielt die Schule bei der Entwicklung der Dialekte?
Die Schule wird als Hauptfaktor für die Verdrängung der Dialekte angesehen, da lange Zeit ausschließlich Französisch als Unterrichtssprache galt und Dialekte teils sanktioniert wurden.
Können die Dialekte langfristig überleben?
Die Autorin ist vorsichtig optimistisch, betont jedoch, dass das Überleben von einem Umdenken der Bevölkerung abhängt, da eine Sprache nur durch aktive Nutzung in allen Lebensbereichen und Weitergabe an die nächste Generation erhalten bleiben kann.
- Arbeit zitieren
- Marion Koppenberger (Autor:in), 2003, Elsass und Lothringen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992875