Der Fokus dieser Arbeit soll auf der Entstehung und Entwicklung seines Lebensplans liegen. Beides soll zunächst anhand verschiedener Stationen seines Lebens und unter Einbezug seiner Briefe nachvollzogen und anschließend in Kontext zu einigen seiner literarischen Arbeiten gestellt werden.
Ein wichtiger Grund dafür, dass Heinrich von Kleist gerade für das Abweichende, Pathologische und Widersprüchliche bekannt ist, mag der auf das Streben nach Glück ausgerichtete ‚Lebensplan‘ des jungen Kleist und dessen späteres Scheitern sein. Kleists Denkvoraussetzungen und seine wahrscheinlich durch die Lektüre Kants verursachte Krise hat die Germanistik über Generationen hinweg beschäftigt.
Laut Deißner (2009) sucht Kleist aus Angst vor der Leere einer planlosen Existenz nach einem "deutlich abgesteckten Weg, einer handfesten Definition des Glücks" und will für sich und seine Verlobte damit "Leben und Streben als sinnvoll ausweisen" . Dabei versuche Kleist, Wahrheit, Glück und Tugend zu synthetisieren. Der Lebensplan ist somit stark philosophisch geprägt, wobei es zu bedenken gilt, dass die Überlegungen zu diesem nicht aus einer distanzierten Sichtweise erfolgen, sondern häufig zur Rechtfertigung oder zum Aufschub seiner Lebensentscheidungen genutzt werden. Auch muss zunächst erwähnt werden, dass über die ersten 21 Jahre Kleists vieles nicht bekannt ist. Es ist nicht gewiss, ob sich seine überlieferten Briefwechsel als der Beginn seiner schriftlichen Äußerungen und vielleicht sogar der Reflexion überhaupt verstehen lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kleists Lebensplan unter Einbezug seiner Lebenssituationen
2.1 Kleists Abkehr vom Militär
2.2 Studium und Verlobung
2.3 Würzburger Reise
2.4 Kant-Krise
3. Das Lebensplan-Motiv in Kleists literarischen Werken
3.1 Unerreichbare Ziele
3.2 Das Scheitern an sich selbst
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entstehung, Entwicklung und das letztliche Scheitern des Lebensplans von Heinrich von Kleist. Dabei wird analysiert, wie Kleist durch Bildung und Tugend nach persönlichem Glück strebte und inwieweit diese philosophische Suche in seine literarischen Werke einfloss, in denen Charaktere an ähnlichen Idealen scheitern.
- Der Einfluss der Aufklärung auf Kleists Denken.
- Biografische Stationen als Auslöser für existenzielle Krisen.
- Die Funktion des "Lebensplans" als Rechtfertigungsmittel für Lebensentscheidungen.
- Die Thematisierung von Scheitern und unerreichbaren Zielen in Kleists Dramen und Erzählungen.
Auszug aus dem Buch
2.1 Kleists Abkehr vom Militär
Als Spross eines bekannten adligen Brandenburgischen Offiziersgeschlechts 1777 hineingeboren in eine ständische Gesellschaftsordnung, die gerade im Begriff ist, unterzugehen, erlebt der junge Kleist all die ständischen Regeln und auch die Privilegien als Zwang und als Hindernisse auf der Suche nach persönlichem Glück.5 Zudem lastet auf ihm ein großer Druck, der Familienehre gerecht werden zu müssen. Zwar wehrt Kleist sich immer wieder gegen diesen, jedoch liegt darin sicherlich ein Grund für seinen starken Ehrgeiz, Großes leisten zu müssen.6
Bereits mit 14 Jahren tritt Kleist nach dem frühen Tod seines Vaters in das elitäre Potsdamer Garde-Regiment Nr. 15 ein, in dessen Dienst er, teilweise im direkten Kriegseinsatz, sieben Jahre verbringt und wo er Literatur und Philosophie der Aufklärung kennen und schätzen lernt.7 Aus dieser Zeit sind seine ersten beiden Briefe überliefert: Im ersten (März 1793) schildert der gerade zur Vollwaise gewordene Kleist seiner Tante die Verhältnisse seines Quartiers und im zweiten (Februar 1795) bedankt er sich bei seiner Schwester Ulrike für eine selbstgestrickte Weste und bringt bereits seine Unzufriedenheit mit der Militärlaufbahn zum Ausdruck: „Gebe uns der Himmel nur Frieden, um die Zeit, die wir hier so unmoralisch tödten, mit menschenfreundlicheren Thaten bezahlen zu können!“8 Beeinflusst durch die Lektüre aufklärerischer Texte zeigt er also schon hier große Zweifel an der für ihn vorbestimmten Tätigkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet Kleists Streben nach Glück und die Bedeutung seines Lebensplans als Antwort auf die Leere einer planlosen Existenz sowie dessen Scheitern.
2. Kleists Lebensplan unter Einbezug seiner Lebenssituationen: Dieses Kapitel analysiert verschiedene biografische Stationen Kleists, wie seine Militärzeit, sein Studium, die Würzburger Reise und die Kant-Krise, und deren Einfluss auf seinen Lebensentwurf.
3. Das Lebensplan-Motiv in Kleists literarischen Werken: Hier wird untersucht, wie die philosophische Frage nach der Lebensbestimmung und das Scheitern an unerreichbaren Zielen in Kleists Dichtung verarbeitet werden.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Kleists Lebensplan ein Spiegel seiner Zeit und seiner persönlichen Krise war und sein literarisches Schaffen maßgeblich prägte.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Lebensplan, Glücksstreben, Aufklärung, Kant-Krise, Bildung, Tugend, Existenzialismus, Scheitern, Literatur, Briefwechsel, Willensbestimmung, Schicksal, Menschenliebe, Identitätssuche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Lebensplan des jungen Heinrich von Kleist, wie er diesen durch seine Biografie entwickelte und wie er schließlich an der philosophischen Erkenntnis über die Unmöglichkeit absoluter Wahrheit scheiterte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Zusammenhang von Glück, Tugend und Bildung, die philosophische Krise nach der Lektüre Kants sowie die Übertragung dieser Motive auf das Handeln von Kleists literarischen Figuren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entstehung und den Wandel von Kleists Lebensplan nachzuvollziehen und dessen Reflexion in seinem dichterischen Werk aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Briefe und Schriften Kleists biografiegeschichtlich kontextualisiert und anschließend auf sein literarisches Werk überträgt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die biografische Aufarbeitung der Entstehung des Lebensplans (einschließlich der Kant-Krise) und die Untersuchung der literarischen Umsetzung dieser Motive in Dramen und Erzählungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Lebensplan, Kant-Krise, Glück, Tugend, Aufklärung und literarisches Scheitern definieren.
Warum spielt die Kant-Krise eine so zentrale Rolle im Text?
Sie markiert den intellektuellen Zusammenbruch des Lebensplans, da Kleist erkennt, dass die Suche nach absoluter Wahrheit vergeblich ist, was zu einer existentiellen Erschütterung und Neuorientierung führt.
Inwiefern spiegelt sich Kleists eigener Lebensplan in seinen literarischen Figuren wider?
Wie Kleist selbst, versuchen seine Hauptfiguren, sich gegen das Schicksal und die Umstände zu behaupten, scheitern jedoch meist an ihrer eigenen inneren Zerrissenheit oder verspäteter Einsicht.
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- Anonym (Author), 2020, Heinrich von Kleists "Lebensplan" im Kontext seiner Schriften. Eine Analyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993001