Aufführungsanalyse des Stückes "Corpus Delicti" von Juli Zeh. Mögliche Einbettung in den Unterricht


Ausarbeitung, 2020

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Aufführungsanalyse

Reflexion

Einleitung

Corpus Delicti, nach dem Roman Corpus Delicti von Juli Zeh, wird am 29. November 2019 im Rahmen des Deutschdidaktikseminars FDLI bei Frau X, in unserem Seminarraum als sogenanntes Klassenzimmerstück, inszeniert vom Schauspiel Frankfurt, aufgeführt. In den folgenden Ausführungen soll die Aufführung analysiert werden. Als Grundlage dienen hierzu die zuvor erfassten Erinnerungsprotokolle vom 3. Dezember 2019, die im Rahmen des Seminars vorgestellt worden sind, die auf rein subjektiven Eindrücken und Gefühlen basieren, und die Romanfassung.

Obwohl in dem Roman Corpus Deliciti von Juli Zeh mehr als zwei Romanfiguren vorkommen, reduziert das Klassenzimmerstück den Grundkonflikt auf zwei Figuren: die Protagonistin Mia Holl und den Antagonisten Heinrich Kramer. Dadurch dass man sie unmittelbar miteinander vergleichen kann, kommen entgegengesetzte Positionen deutlicher hervor, weswegen es in der Aufführungsanalyse besonders um die Machtverhältnisse zwischen Mia und Kramer gehen soll. Diese lassen sich sowohl von der äußeren Erscheinung der Schauspieler, durch Kleidung, Gestik und Verhaltensweisen, als auch durch ihre verwendeten Requisiten, ihren Redeanteil, die Stimmen und ihre Positionierung im Seminarraum ableiten. Aber auch der Konflikt zwischen der Freiheit des Individuums und der METHODE scheinen interessant, weil sich daran eine Hygiene- oder Gesundheitsdiktatur erkennen lässt, die auch in Verbindung zu Mia und Kramers Verhalten und Beziehung zueinander steht und mit den Machtverhältnissen zusammenhängt. Aus der einsamen, um ihren Bruder trauernden und zuvor die METHODE unterstützenden Mia entsteht im Verlaufe der Aufführung eine Freiheitskämpferin und sogar Staatsfeindin, die sich sowohl Kramers Machtspielchen als auch der Hygienediktatur vollständig entgegensetzt. Damit steht gesellschaftliche beziehungsweise politische Macht entgegen individueller Macht und Freiheit.

Aufführungsanalyse

Das Stück beginnt für das Publikum unmittelbar mit dem Betreten des Seminarraumes. Während Mia wippend auf einem weißen Hocker sitzt und Sprachnachrichten auf ihrem Handy vom bereits verstorbenen Moritz Holl, ihrem Bruder, abspielt, geht das Publikum der Reihe nach an Kramer vorbei, der allen die Hände mit Desinfektionsmittel besprüht. Die ZuschauerInnen finden sich dann auf ihren Plätzen ein, auf denen jeweils ein Bonbon liegt. Auch während der Aufführung laufen Mia und Kramer gelegentlich durch die Reihen und Kramer spricht einzelne ZuschauerInnen auch direkt an und wirft ein Zitronenbonbon in das Publikum. In zweierlei Hinsicht wird bei den ZuschauerInnen dadurch eine Irritation hervorgerufen. Auf der einen Seite werden sie schon beim Eintritt in den Seminarraum, ohne etwas dagegen tun zu können, Teil der Hygienediktatur. Totalitäre Regime sind in der Regel davon geprägt, dass eine einzige Ideologie alle Lebensbereiche des Menschen beansprucht.

Bei Corpus Deliciti gründet die Ideologie darauf, dass die METHODE durch die Überwindung von Krankheit legitimiert wird und die Gesundheit des Menschen an oberster Stelle steht. Auch eine große Masse an MitläuferInnen ist wichtig, damit eine Diktatur funktionieren kann. Man kann hier auch vom Bandwagon-Effekt1 sprechen, der beschreibt, dass Menschen ihr Verhalten an das ihres Umfelds anpassen. Der Vorgänger oder die Vorgängerin desinfiziert sich jeweils die Hände, weshalb man ihnen gleichtut, ohne bewusst darüber nachzudenken, und sich ebenfalls von Kramer die Hände desinfizieren lässt. Damit wird das Publikum zum Mitläufer und Teil des Stückes. Auf der anderen Seite sind die ZuschauerInnen dadurch irritiert, dass, obwohl sie Teil der Hygienediktatur sind, ein Haribo Gummibärchen auf ihrem Platz liegen haben, das in Plastik verpackt ist. Etwas in Plastik Verpacktes, ebenso wie Süßigkeiten, stehen eher für etwas Unnatürliches, wenn nicht sogar Ungesundes. Da ein Gummibärchen nicht natürlich angebaut, dazu künstlich hergestellt und mit Zusatz-, Geschmacks- und Farbstoffen verarbeitet wurde, stellt sich die Frage, wie die Hygienedikatur das Essen solcher Nahrungsmittel rechtfertigt. Verstärkt wird die Irritation auch dadurch, dass die Sprachnachrichten, die die ZuschauerInnen hören, die METHODE hinterfragen. Damit befinden sie sich direkt zu Beginn der Aufführung in einer ambivalenten Situation, in der sie unbewusst für sich darüber entscheiden müssen, ob sie die METHODE unterstützen oder ablehnen. Kramers laute, klare und deutliche Stimme, die das Publikum direkt anspricht und es von der METHODE zu überzeugen versucht, und sein selbstbewusstes Auftreten, lenken sie dabei in eine bestimmte Richtung, dadurch dass seine Reden zum Publikum, beziehungsweise zu seinen AnhängerInnen, mit Lautsprecherklatschen untermalt werden. Klatschen drückt dabei eine gewisse Zustimmung gegenüber dem Gesagten aus und verdeutlicht seine hohe Position in der Gesellschaft. Die entgegengesetzten Positionen von Mia und Kramer verstärken sich zusätzlich dadurch, dass die Bühne in gewisser Weise zweigeteilt ist. Kramer ist vom Publikum aus gesehen meistens links und Mia rechts, sie jedoch fast ausschließlich auf einer Matte, die auf dem Boden ausgebreitet ist, während sich Kramer frei auf der gesamten Bühne bewegt. Dies lässt auf ein asymmetrisches Machtverhältnis zwischen den beiden schließen, das auf Kramers Seite von starker Überlegenheit, als Staatsoberhaupt der METHODE, beziehungsweise der Hygienediktatur, geprägt ist. Dadurch, dass er sich darüber hinaus hauptsächlich in der Nähe der Tür aufhält, und nicht wie Mia am Fenster, hat er die Kontrolle darüber, wer den Seminarraum betritt und wer ihn verlässt, und könnte diesen auch selbst verlassen. Bei Mia hingegen ist das anders. Eine Möglichkeit, die ihr bliebe, um den Raum zu verlassen, wäre durch das Fenster. Das lässt sich auch auf die METHODE übertragen. Kramer, der für diese steht, hat die Kontrolle über alle Geschehnisse und entscheidet, wer rein und rauskommt, hat also große Macht. So bittet er die Zuschauerinnen auch zu Beginn in den Seminarraum herein. Mia, die nur aus dem Fenster springen könnte und sich dabei wohlmöglich das Leben nehmen würde, hat keine Möglichkeit dem bestehenden System zu entkommen, weil sie dafür an Kramer vorbeimüsste, um zur Tür hinauszugelangen. Sie ist also in der Diktatur gefangen und hat keine Entscheidungsfreiheit, sich frei zu bewegen. Deutlich wird das auch, dadurch dass die METHODE jegliche Aktivität der Menschen, die in ihr leben, überwacht, seien es die sportliche Aktivität, die Teilnahme an obligatorischen Gesundheitskontrollen oder Schlaf- und Ernährungsberichte. Nur bei den Gerichtsterminen befindet sich Mia näher als sonst an der Tür und beinahe in Kramers Bereich der Bühne. Dies könnte dafür stehen, dass ihr bei den Gerichtsterminen die Möglichkeit gegeben wird, einsichtig zu werden und sich der METHODE zu unterwerfen. Mia rückt also physisch näher in den, vom Publikum aus gesehenen, linken Bereich, dementsprechend auch näher zur Seite der METHODE. Jedoch kehrt sie immer wieder in ihren eigenen Bereich, die Matte zurück, was darauf schließen lässt, dass sie nicht bereit ist, die vorgegebenen Regeln anzunehmen und den Widerstand gegen diese und für individuelle Macht und Freiheit weiterhin leisten wird. Dass Mia in einer niedrigeren Machtposition zu Beginn des Klassenzimmerstückes steht als Kramer wird auch dadurch deutlich, dass sie meistens auf dem Hocker oder auf dem Boden sitzend zu sehen ist, wohingegen Kramer immer steht. Außerdem ist ihr Redeanteil im Gegensatz zu Kramers deutlich geringer.

Kramer kommt Mia gelegentlich in ihrer Dachgeschosswohnung im Wächterhaus besuchen. Dort bietet Kramer Mia immer ein heißes Wasser mit Zitrone an. Beirrend dabei ist, dass sich die beiden nicht bei Kramer, sondern bei Mia zu Hause befinden und es üblich ist, dass die HausherrInnen dem Gast etwas zu trinken anbieten. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass Mia die METHODE nicht wirklich unterstützt und es Kramer ist, der sie voll und ganz verkörpert. Nach den Zusammentreffen der beiden in Mias Wohnung wäscht sich Kramer immer äußerst gewissenhaft die Hände und das Gesicht. Er möchte immer sauber sein, frei von Krankheit, wenn nicht sogar rein und versucht sich negative Stimmung, die sich häufig bei Treffen der beiden ausbreitet, aufgrund ihrer Diskussionen, abzuwaschen. Auch Mia beeinflussen die Besuche Kramers, da sie nach solchen ziemlich energisch Sport treibt. Einerseits könnte die sportliche Betätigung dafür stehen, dass sie den Forderungen der METHODE doch in gewisser Hinsicht nachkommt, sich dem System also unterwirft, weil ihr nichts anderes übrig bleibt, andererseits aber auch versucht die Aggressionen und die Wut, die sie wegen Moritz Verurteilung, dem Verlust ihres Bruders wegen der METHODE und ihrer Anklage hat, abzubauen. Auffällig ist obendrein, dass Kramer jederzeit bei Mia zu Hause zu Besuch kommen kann, welches ein deutliches Zeichen für seine Stellung und Machtüberlegenheit ist. Dabei muss er nicht einmal klingeln, sondern er betritt einfach ihre Wohnung. Mia muss dementsprechend immer mit Besuch rechnen und hat keine Privatsphäre. Auch ihre Forderung alleine sein zu wollen, um den Verlust ihres verstorbenen Bruders zu betrauern und zu verarbeiten, wird in dieser Hinsicht abgelehnt. Die METHODE sieht persönlichen Willen und Emotionen nicht vor, sondern ist lediglich rational ausgerichtet und versucht die Menschen infolgedessen zu indoktrinieren. Kramer merkt jedoch, dass Mia nicht leicht von ihrem eigenen Willen abzubringen ist, weshalb er ihr mehrere Chancen gibt, sich an die Regeln, die die Diktatur vorsieht, zu halten, schafft es aber, wie sich im Verlauf des Stückes zeigt, nicht zu ihr durchzudringen. Nichtsdestotrotz tut er alles in seiner Macht Stehende dies zu ändern, wie beispielsweise Mia bei seinen Hausbesuchen in eine bestimmte Richtung zu drängen, die, für die er mit seinem Leben steht, dem Gehorsam der METHODE.

Die Hygienedikatur drückt sich auch sichtbar durch die Kleidung der beiden dargestellten Personen aus. Mia und Kramer tragen den gesamten Verlauf der Aufführung ähnliche Kleidung, die sich lediglich in kleinen Details voneinander unterscheidet. Beide tragen eine rosa Hose und ein weißes Oberteil. Weiß ist eine saubere Farbe, die besonders für Hygiene und Gründlichkeit steht. Verschmutzungen lassen sich auf ihr nur mit Sorgfalt vermeiden. So sieht man häufig in Krankenhäusern oder Arztpraxen die Farbe Weiß, um Sauberkeit und Hygiene besonders deutlich zum Ausdruck zu bringen. Außerdem hat die Farbe Weiß etwas Ehrenhaftes an sich. Ähnlich verhält es sich mit einem Menschen, der weiße Kleidung trägt: er wirkt rein und unschuldig. So ist es nicht ungewöhnlich, dass auch Ärzte meistens weiße Kleidung tragen. Ärzte helfen anderen Menschen und haben sich der Gesundheit und Beseitigung von Krankheit verschrieben. Dies lässt sich auch auf die Oberteile von Mia und Kramer übertragen. Die METHODE hat sich, wie bereits erwähnt, der Überwindung von Krankheit und der allgemeinen Gesundheit des Menschen in der Gesellschaft verschrieben und bringt dies auch durch die Kleidung der Schauspieler zum Ausdruck. Insgesamt ist die Farbe häufig in der Kulisse wiederzuerkennen - sei es der Hocker, der Tisch oder die Tassen - die zusätzlich, aufgrund der Farbe, ihren Teil zur klinischen Umgebung beitragen. Sie lässt sich auch auf die fälschliche Verurteilung von Moritz übertragen, der, wie sich im Verlauf des Stückes herausstellt, keine Schuld am Mord an Sybille Meiler trägt, obwohl seine DNA an ihrem Körper gefunden wurde, da er als Kind an Leukämie erkrankt ist und durch eine Knochenmarksspende von Hanemann, eine neue DNA - die seines Spenders - erhielt. Die Farbe Weiß könnte somit in Bezug auf Moritz für seine Unschuld stehen. Zudem trägt Kramer weiße Schuhe während Mia oft barfuß ist. Lediglich bei ihren Gerichtsterminen trägt sie Schuhe, vermutlich, weil es unhygienisch wäre und von der METHODE nicht geduldet werden würde, käme sie ohne. Das Tragen von Schuhen steht dafür, wie sehr man sich der Hygienediktatur verschrieben hat. Kramer lebt und verkörpert dementsprechend die METHODE. Es lässt sich also zusammenfassend zur Farbe Weiß sagen, dass sie von einer Mehrdeutigkeit der Zeichen geprägt ist.

Durch ihre ähnliche Kleidung wirkt es, als seien sie gleichwertige Gegenspieler, bei denen nicht einer oder eine höher als der andere oder die andere gestellt ist, obwohl Kramer das Staatsoberhaupt des Gesellschaftssystems ist. Auch wird im Geschlecht kein Unterschied gemacht, weil beide eine Hose tragen und nicht Mia etwa einen Rock oder ein Kleid. Zudem müssen sich alle Menschen, die zu dem System gehören, an dieselben Regeln halten und es wird kein Unterschied nach sozialem Status oder Ähnlichem gemacht. Dies lässt vorerst auf Gleichberechtigung schließen. Betrachtet man deren Kleidung jedoch genauer, fällt auf, dass Kramer ein glatt gebügeltes Hemd trägt und Mia ein enges Sweatshirt. Kramer, als Gesicht der METHODE, ist von dieser überzeugt und fühlt sich von ihr nicht unterdrückt. Anders als Mia, dessen enges Oberteil dafür stehen kann, dass sie sich auch vom bestehenden System eingeengt und unterdrückt fühlt. Das Hemd wirkt außerdem formeller und Kramer trägt über diesem meistens ein graues Sakko, weshalb sich darauf schließen lässt, dass er Mia übergeordnet ist, auch wenn sie sich zu ihren Gerichtsverhandlungen eine rosa Bluse überund Schuhe anzieht.

[...]


1 Vgl. Prof. Dr. Dirk Pikenbrock: Mitläufereffekt. In: Gabler Wirtschaftslexikon. Bd. 5: L-O. Hrsg. Roberts, Laura. Wiesbaden: Gabler 2010. S. 2101.

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Details

Titel
Aufführungsanalyse des Stückes "Corpus Delicti" von Juli Zeh. Mögliche Einbettung in den Unterricht
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
12
Katalognummer
V993048
ISBN (eBook)
9783346366351
ISBN (Buch)
9783346366368
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aufführungsanalyse, stückes, corpus, delicti, juli, mögliche, einbettung, unterricht
Arbeit zitieren
Luisa Sofia Garrido Bernardi (Autor:in), 2020, Aufführungsanalyse des Stückes "Corpus Delicti" von Juli Zeh. Mögliche Einbettung in den Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993048

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