Online-Dating. Möglichkeiten und Auswirkungen auf die Paarbildung


Bachelorarbeit, 2020

45 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Sozialhistorischer Hintergrund
2.2 Ökonomischer Ansatz
2.3 Austauschtheoretischer Ansatz
2.4 Emotionaler Kapitalismus

3. Das Internet als Partnermarkt
3.1 Was ist Online-Dating?
3.2 Wer nutzt Online-Dating Plattformen?

4. Lovoo, Tinder und Bumble
4.1 Selbstdarstellung im Online-Dating
4.2 Bewertungen
4.3 Standardisierung und Wiederholung

5. Paarbildung im Wandel
5.1 Relevante Studien
5.1.1 Nutzermotivation für die Partnersuche
5.1.2 Die Rolle der Bildung
5.1.3 Präferenzen im Online-Dating
5.1.4 Intimität im Internet
5.2 Zusammenfassung der Entwicklungen

6. Diskussion und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Matchen.Chatten.Daten.“- ein Satz, mit dem besonders die heutige Generation vertraut ist. Es handelt sich bei diesem Satz um das Motto von Tinder, einer populären Dating-App der heutigen Zeit, die besonders auf die Nutzung junger Menschen abzielt. Für diese Arbeit ist Tinder von besonderer Relevanz, da es repräsentativ für die Dating-Plattformen steht, und dessen Einfluss hinsichtlich des Wandels der Paarbildung im weiteren Verlauf der Arbeit von Bedeutung ist. Im Allgemeinen ist die Partnersuche für viele Menschen ein zentraler Bestandteil ihres Lebens. Nicht mehr wegzudenken ist dabei auch die Partnersuche im Internet, das sogenannte Online-Dating, welches in den letzten Jahren einen zunehmenden gesellschaftlichen Trend erfahren hat. Dies belegen Prognosen zur Nutzeranzahl von OnlineDating Diensten für das Jahr 2020, die sich für Deutschland auf rund 5,8 Millionen Nutzer belaufen (vgl. Statista 2020). Der technologische Wandel, der eine breite Verfügbarkeit von Internetzugängen und mobilen Geräten wie Smartphones in der Gesellschaft mit sich bringt, dient als Grundlage für die mediatisierte Partnersuche. Da sich die Soziologie mit gesellschaftlichen Strukturen und den dadurch entstehenden Entwicklungen auseinandersetzt, ist es von großer Bedeutung die sozialen Beziehungen im Hinblick auf die Partnersuche zu untersuchen. Soziologisch relevant ist vor allem das Online-Dating deshalb, da es als soziale Innovation angesehen wird, welche den Menschen neue Strukturen der Partnersuche bietet. In dieser Arbeit möchte ich den Wandel der Paarbildung in der heutigen Gesellschaft unter dem Aspekt der Partnerwahl im Internet in einem soziologischen Kontext untersuchen. Insbesondere möchte ich dabei auf den Einfluss von Dating-Apps wie Lovoo, Tinder und Bumble, als neue Form des Online-Datings, eingehen. Der thematische Rahmen bildet in diesem Zusammenhang das Online-Dating mit dem Fokus auf die Partnersuche zwischen Männern und Frauen. Es findet ein Wandel hinsichtlich der kollektiven Muster der Paarbildung statt, der die klassischen Vorstellungen von Liebe zugunsten rationaler Motiven in den Hintergrund rücken lässt (vgl. Dröge 2013, S. 4). Ich möchte in meiner Bachelorarbeit dieses Phänomen greifbar machen und die Frage beantworten, wie die mediatisierte Partnersuche, im Sinne von Dating-Apps, den Prozess der Paarbildung beeinflusst und sich von der Partnersuche in traditionellen Alltagskontexten unterscheidet.

In der Sozialforschung ist das Online-Dating als Forschungsgegenstand zur Analyse der Partnerwahl noch ein eher junges Thema (vgl. Skopek 2012, S. 17). Trotzdem ist sowohl das öffentliche als auch wissenschaftliche Interesse am Phänomen des Online-Datings in den letzten Jahren stark gewachsen, weshalb es zahlreiche Ansätze in der Literatur gibt. Dating- Portale bzw. Dating-Apps eignen sich sehr gut als Untersuchungsobjekt, da sie methodologisch als eine virtuelle Umgebung zwischen der Theorie und dem Feld angesiedelt sind (vgl. Bühler- Ilieva 2006, S. 22). Denn obwohl sich das Online-Dating in einem „natürlichen Umfeld“ (Bühler-Ilieva 2006, S.22 f.) abspielt, hat man durch die umfangreichen Datenbanken von Anfang an sehr viel für Material für wissenschaftliche Untersuchungen in der Hand. Das heißt, bereits in einer frühen Stufe der Partnerwahl stehen umfassende Daten über die jeweiligen Kontaktpartner zur Verfügung (vgl. Skopek et al. 2009, S. 3). Dazu zählen, die in der Partnerbörse gesammelten Daten und Merkmale über die Partnersuchenden, wie zum Beispiel Alter, Größe, sexuelle Orientierung oder sogar Rauchergewohnheiten (vgl. ebd.). Somit sind Dating-Portale eine bedeutsame Datenquelle für die sozialwissenschaftliche Forschung, denn die durch den Suchprozess der Partnersuchenden produzierten Daten können ohne den direkten Kontakt zu den Akteuren festgehalten werden (vgl. ebd., S. 3).

Die vorliegende Arbeit gründet auf einer literaturbasierten Analyse als methodisches Mittel, mit deren Hilfe im Laufe der Arbeit verschiedene Beiträge, Ergebnisse und Ansätze aus wissenschaftlichen Artikeln, empirischen Studien und theoretischer Literatur kontextualisiert und gegenübergestellt werden.

Der Aufbau der Arbeit ist in sechs Kapitel unterteilt. Zu Beginn der Arbeit wird ein theoretisches Grundgerüst erstellt, welches dazu dient, eine Grundlage für die nachfolgenden Inhalte zu schaffen. Dabei wird besonders auf den sozialhistorischen Hintergrund, den ökonomischen und austauschtheoretischen Ansatz der herkömmlichen Partnerwahl eingegangen. Außerdem wird in diesem Sinne der emotionale Kapitalismus nach Illouz (2007) als Grundlage behandelt. Im darauffolgenden Kapitel wird die Partnerwahl im Internet näher erläutert. Dabei stehen die Eigenschaften des Online-Datings sowie die Zusammensetzung der Nutzerpopulation im Vordergrund. Im vierten Kapitel werden insbesondere die Dating-Apps Lovoo, Tinder und Bumble in ihrer Funktion vorgestellt und in Verbindung mit der Selbstdarstellung, Bewertungen und der Standardisierung im Online-Dating gebracht. Nachfolgend wird im fünften Kapitel auf die Paarbildung im Wandel eingegangen. Die Unterkapitel bestehen aus einem Vergleich der online- und offline Partnersuche sowie einem Überblick empirischer Studien, die sich auf Ergebnisse der Nutzermotivation, der Rolle der Bildung, der Präferenzen im Online-Dating, sowie der Intimität im Internet stützen. Abschließend werden relevante Thesen bestehender Literatur zu diesem Thema als Zusammenfassung genutzt, bevor im letzten Kapitel im Laufe einer Diskussion ein Fazit gezogen und die Forschungsfrage beantwortet wird. Zudem wird zum Schluss ein kurzer Ausblick gegeben.

2. Theoretischer Hintergrund

Zu Beginn soll dieses Kapitel einen Überblick über die theoretischen Perspektiven der Partnerwahl geben. Ziel ist es, eine theoretische Grundlage für die nachfolgenden Erkenntnisse zu schaffen. Allerdings ist der folgende Überblick auf die theoretischen Grundlagen beschränkt, die für die genannte Fragestellung relevant erscheinen. Außerdem werden in dieser Arbeit die Begriffe ‘Paarbildung‘ und ‘Partnerwahr gleichbedeutend behandelt. Der theoretische Schwerpunkt liegt zunächst auf Ansätzen, die ihren Fokus auf die Wahl von Partnern legen.

Im Allgemeinen antwortet die Soziologie auf die Frage, ob die Partnerwahl eine freie und individuelle Wahl zweier Personen ist, die sich für eine Beziehung entscheiden, wird aus einer kollektivistischen Perspektive beantwortet und zielt damit auf die „gesellschaftliche Determinierung der Partnersuche“ (Bühler-Ilieva 2006, S. 68) ab. So ist selbst eine private Entscheidung wie die Partnerwahl von sozialen Vorgaben wie Bildung, Klasse oder Einkommen geprägt (vgl. ebd.). Die Wahl eines Partners gilt als erste Phase eines langfristigen Paarbildungsprozesses (vgl. ebd., S. 69). In diesem Prozess sind Paarbildungen „als mehrstufige Selektionsprozesse zu deuten, bei denen die Kontaktfindung und -aufnahme die Eingangsstufe bildet“ (Herrmann 2001, S. 184, Hervorhebung im Original). Außerdem nimmt der Prozess der Partnerwahl eine Schlüsselrolle für stabile Beziehungen ein und beeinflusst zu einem großen Teil die Entwicklung einer Paarbeziehung (vgl. Bühler-Ilieva 2006, S. 69). Vor allem die wahrgenommene Attraktivität des Gegenübers verbunden mit intensiver Kommunikation und Interaktion tragen maßgeblich zu dieser Entscheidung bei (vgl. ebd.). Hinzu kommen persönliche Wertevorstellungen und soziale Dependenzen, welche die individuelle Partnerwahl ebenfalls beeinflussen (vgl. ebd.). Die Partnerwahl lässt sich als ein Prozess beschreiben, der viele aufeinander aufbauende Entscheidungen enthält (vgl. Skopek et al. 2009, S. 4). Vor allem die erste Kontaktaufnahme zwischen den Partnersuchenden ist relevant, denn bereits hier wird klar, wer sich für eine Partnerschaft interessiert und zwischen wem nur eine Freundschaft entsteht (vgl. ebd.). Im Sinne der ersten Kontaktaufnahme zwischen Frauen und Männern ist das Konzept des Heiratsmarktes von besonderer Bedeutung. Es stellt die strukturellen Bedingungen dar, unter denen die Partnersuchenden ihren potenziellen Partner und Partnerinnen begegnen (vgl. Becker 1991; vgl. Blau 1994). Man geht davon aus, dass individuelle Entscheidungen nur so weit getroffen werden können, wie es institutionelle Filterungsprozesse erlauben (vgl. Skopek et al. 2009, S. 5). In Bezug auf die Partnerwahl bedeutet dies, dass die Möglichkeiten eine potenzielle Partnerin oder einen potenziellen Partner im Alltag zu treffen durch soziale, kulturelle und ökonomische Bedingungen begrenzt sind (vgl. Stauder 2008). Gruppengrößen, geschlechtsspezifische Asymmetrien, räumliche Aspekte, institutionelle Filterungsprozesse, sowie die Heterogenität oder Homogenität zwischen den Individuen haben in diesem Zusammenhang einen großen Einfluss (vgl. Blossfeld und Timm 1997, S. 13). Bevor jedoch verschiedene theoretische Ansätze der Partnerwahl erläutert werden, wird auf die sozialhistorischen Einflüsse eingegangen, die den Wandel der Paarbildung aus einer anderen Perspektive aufzeigen.

2.1 Sozialhistorischer Hintergrund

Im Folgenden werden die historischen Einflüsse grob skizziert, um den Wandel der Paarbildung kurz aufzuzeigen. Diese sozialhistorische Betrachtung soll zum Verständnis der nachfolgenden theoretischen Ansätze dienen.

Während die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts insbesondere von traditionellen, kollektiven Bildungen und Identitäten, beispielweise in Form sozialer Herkunft oder Schicht- und Klassenzugehörigkeit geprägt war, haben sich seit Ende des zweiten Weltkrieges die individuellen Handlungsoptionen durchaus vergrößert (vgl. Wirth 2000, S. 25). Beeinflusst wurde dies unter anderem durch den Anstieg des Lebensstandards, die Bildungsexpansion, sowie die Entwicklung zu einer konsum- und erlebnisorientierten Gesellschaft (vgl. ebd.). Die Konsequenz daraus war damals entscheidend für eine selbstbestimmtere Wahl der sozialen Beziehungen (vgl. ebd.). Der Partnerwahlprozess ist maßgeblich durch den sozialen Wandel von Heiratsbeziehungen geprägt worden (vgl. ebd., S. 26). Bis ins späte 19. Jahrhundert waren Heiratsbeziehungen Ausdruck einer Verbindung zweier Familien, bei der vor allem der Austausch von ökonomischen, sozialen und kulturellen Ressourcen im Vordergrund stand (vgl. ebd.). Die Entscheidung bezüglich eines zukünftigen Ehepartners wurde von der Familie getroffen, die einen besonderen Wert auf die verfügbaren Ressourcen und das Prestige legten (vgl. ebd., S. 26 f.). Die passende Wahl einer Partnerin oder eines Partners ging also mit der Aufrechterhaltung oder dem Aufstieg des sozialen Status einher und hatte oft die Funktion den eigenen Lebensunterhalt zu sichern (vgl. Bühler-Ilieva 2006, S.70). Die Bedeutung von Liebe und Zuneigung stand dabei im Hintergrund, sodass besonders ökonomische Gegebenheiten für die endgültige Entscheidung eines Partners oder einer Partnerin ausschlaggebend waren (vgl. ebd.). In diesem Sinne kann noch keine Rede von einer Partnerwahl sein (vgl. Wirth 2000, S. 27). Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden geltende Heiratsbeschränkungen gelockert, selbst kirchliche und staatliche Einflüsse wurden abgelöst und das Motiv der Liebe als Basis für eine Ehe gewann an Bedeutung (vgl. Bühler-Ilieva 2006, S. 70). Ab dem 20. Jahrhundert, kann durch die Aufhebung rechtlicher Barrieren für nichteheliche Beziehungen, die Rede von einer freien Partnerwahl sein, die auch durch die veränderte gesellschaftliche Stellung der Frauen bedingt wird (vgl. Möhle 2001, S. 73). Durch die Ablösung der Hausfrauen- und Mutterrolle wurde die traditionelle Vorstellung einer Ehe verworfen und durch eine partnerschaftliche Beziehung ersetzt (vgl. Wirth 2000, S. 30). Gleichzeitig entwickelte sich die Partnerwahl für Frauen und Männer zu einer individuellen Entscheidung, bei der vor allem Liebe und Emotionen zu wichtigen Kriterien wurden (vgl. ebd.). Trotz der Abschaffung strenger Heiratsregeln bestehen in den heutigen modernen Gesellschaften weiterhin erstaunliche Regelmäßigkeiten hinsichtlich der Ähnlichkeit der PartnerInnen bezüglich ihrer sozialen Merkmale (vgl. Burkard 2018, S. 75). Obwohl die Partnerwahl heute scheinbar frei ist, beeinflussen kulturelle Wertvorstellungen und normative gesellschaftliche Regeln weiterhin den Prozess der Paarbildung (vgl. ebd.). Zwar sind die kulturellen Normen durchaus dehnbarer als noch vor einigen Jahren, umso interessanter scheint es diesbezüglich, dass sie nach wie vor eine bestimmte Geltung hinsichtlich der Partnerwahl haben (vgl. ebd., S. 76). Außerdem sind heute verlängerte Ausbildungs- und Studienzeiten, eine gesteigerte berufliche Mobilität sowie eine spätere Familiengründung verantwortlich für den weiterhin stattfindenden Wandel des Partnermarktes (vgl. Peuckert 2012, S. 1 ff.). Abhängig von der Lebensphase hat dies zur Folge, dass Partnerwahlentscheidungen mittlerweile unter anderen Bedingungen getroffen werden (vgl. Stoye et al. 2014, S. 93). Eine Verknüpfung des familientheoretischen Ansatzes und der Austauschtheorie zeigen die Möglichkeiten der Partnersuche als Ergebnis der individuellen Einbindung verschiedener Handlungskontexte (vgl. Stauder 2008, S. 280).

In den nächsten Unterkapiteln werden die verschiedenen Ansätze vorgestellt, die einen theoretischen Rahmen für die Wahl von Partnern geben und die in ihren Annahmen bedeutend für den weiteren Verlauf dieser Arbeit sind.

2.2 Ökonomischer Ansatz

Der ökonomische Ansatz bietet eine von mehreren theoretischen Grundannahmen bezüglich der Partnerwahl. Die Theorie nach Becker (1976, 1991) stützt sich auf die Annahme, dass eine Nutzensteigerung durch eine Ehe gegenüber der Partnerlosigkeit stattfindet. Dabei wird eine Ehe insbesondere mit einem gemeinsamen Haushalt der Ehepartner gleichgestellt (vgl. Zillmann 2016, S. 21). Dieser Haushalt dient als Produktionsort von haushaltsbezogenen Gütern wie beispielsweise einem Kinderwunsch, dem emotionalen Austausch oder Gesundheit, die durch die Akteure hergestellt werden (vgl. ebd.). Diese Güter können nicht auf dem Markt erworben werden, sondern nur durch soziale Interaktionen innerhalb einer Partnerschaft produziert werden und haben zum Ziel, die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen (vgl. ebd.). Somit ist die Wahl einer Partnerin oder eines Partners ausschlaggebend für die eheliche Nutzensproduktion, denn die Produktivität innerhalb eines Haushaltes ist abhängig von der Ergänzung und Spezialisierung zwischen den Ehepartnern (vgl. ebd., S. 22). Dadurch entsteht laut Becker (1976) ein Marktprinzip, bei dem Frauen und Männer um die passenden Partner werben - es ist die Rede von einem sogenannten Heiratsmarkt. Die ökonomische Theorie legt dabei die bestmögliche Sortierung der Geschlechter auf dem Markt nahe (vgl. Zillmann 2016, S. 22), denn der Nutzen ist abhängig von der Kombination bestimmter Merkmale (vgl. Stoye et al. 2014, S. 93). Dies kann durch eine Unterscheidung von komplementären und substitutiven Merkmalen geschehen (vgl.Zillmann 2016, S. 22). Komplementäre Merkmale sind in diesem Zusammenhang beispielsweise das Bildungsniveau, das Alter oder die Intelligenz, also Merkmale mit der Eigenschaft sich in ihrer Wirkung gegenseitig zu stärken (vgl. ebd.). In diesem Fall ist eine Ähnlichkeitspaarbildung, auch Homogamie genannt, optimal (vgl. ebd.). Substitutive Merkmale hingegen, beschränken sich in ihrer Wirkung hinsichtlich des ehelichen Nutzens und sind deshalb ideal für eine Unähnlichkeitspaarbildung, genauer Heterogamie (vgl. ebd.). Hierbei werden Merkmale definiert, die die Produktivität auf dem Arbeitsmarkt beeinflussen, zum Beispiel das Einkommenspotenzial oder die Erwerbsorientierung (vgl. ebd.). Ohne die geschlechtsspezifische Einkommensverteilung auf dem Arbeitsmarkt könnten Paare den größtmöglichen Nutzen aus ihrer Beziehung ziehen, wenn sie möglichst ähnliche Merkmale hinsichtlich Intelligenz, Bildung, soziale Herkunft oder Attraktivität etc. besitzen (vgl. ebd.). Die Tendenz zu einer Homophilie zwischen den Paaren ist daher eine weitverbreitete Annahme, die in anderen Worten als ,gleich und gleich gesellt sich gern‘ (vgl. Blossfeld und Timm 1997, S. 453 f.) beschrieben werden kann. Zusammenfassend begründet die ökonomische Theorie nach Becker die Paarbildung also mit dem Nutzengewinn einer Ehe, der im Vergleich den Profit einer alleinstehenden Lebenssituation übersteigt und die Wahl des passenden Partners mit einer Maximierung der Haushaltsproduktion beschreibt (vgl. Zillmann 2016, S. 22 f.).

2.3 Austauschtheoretischer Ansatz

Etwas allgemeiner ist der austauschtheoretische Ansatz, der sich insbesondere an den Arbeiten von Peter Blau (1964) orientiert. Grundlegend für diesen austauschtheoretischen Ansatz ist ein ökonomisches Verhaltensmodell, denn die Partnersuchenden legen ihr Handeln und ihre Interaktionen innerhalb der Beziehung nach einem Kosten-Nutzen-Modell aus (vgl. Bühler- Ilieva 2006, S. 89). Im Mittelpunkt der Theorie des sozialen Tausches steht dabei das gegenseitige Austauschverhältnis, welches innerhalb der sozialen Beziehung von den Personen als profitabel empfunden werden soll (vgl. Skopek et al. 2009, S. 6). Wichtig dabei ist, dass die ausgetauschten Ressourcen gleichwertig sind, um die Grundlage für die Kontaktaufnahme und somit eine mögliche dauerhafte Beziehung zu schaffen (vgl. ebd.). Dies können Ressourcen unterschiedlichster Art sein. Beispiele dafür sind soziale Anerkennung, Zuneigung oder materielle Sicherheit (vgl. Wirth 2000, S. 43). Bei diesem Ansatz ist es möglich, dass Frauen und Männer, die zum Beispiel ein ähnliches Bildungsniveau und Einkommen haben, eine Beziehung miteinander eingehen, falls beide Parteien den Austausch ihrer Ressourcen als wechselseitig belohnend erachten (vgl. ebd.). Allerdings kann bei diesem Modell auch die Möglichkeit eintreten, dass bei besonders stark ausgeprägten geschlechtsspezifischen Merkmalen, die Partnersuchenden sich auf unterschiedliche Eigenschaften fokussieren (vgl. ebd.). So kann der Mann seine ökonomische Ressource gegen eine soziale oder kulturelle Ressource der Frau tauschen, je nachdem für was ein Interesse besteht (vgl. ebd.). Hinzu kommt, dass die Befriedigung der Bedürfnisse in einer Partnerschaft nach diesem Modell beispielsweise in Geborgenheit, sozialer Unterstützung oder Sexualität gemessen wird (vgl. Bühler-Ilieva 2006, S. 89). Diese resultierenden Belohnungen, die den Nutzen beschreiben, werden mit den entstehenden Konflikten, also den Kosten, verglichen (vgl. ebd.). Überwiegt der Nutzen im positiven Sinne, geht damit eine größere Zufriedenheit in der Beziehung einher (vgl. ebd., S. 90). Es stellt sich allerdings die Frage ob diese rationalen Abwägungen des Kosten-Nutzen-Verhältnisses innerhalb einer Partnerschaft immer gemacht werden oder ob diese Art von Abrechnungen nur durch bestimmte Lebensereignisse oder belastende Situationen in einer Beziehung stattfinden (vgl. Bühler-Ilieva 2006, S. 90). Hinzu kommt, dass die angewandten Bewertungen von Kosten und Nutzen von den Betroffenen unterschiedlich bewertet werden, „sodass die definitive Bilanz nicht nur nach ökonomischen Gesichtspunkten vorgenommen wird“ (Bühler-Ilieva 2006, S. 90).

2.4 Emotionaler Kapitalismus

Besonders viel Wert möchte ich auf die Arbeit „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ von Eva Illouz (2007) legen und im Folgenden miteinbeziehen. Im Vergleich zu den zuvor erwähnten Ansätzen, bei denen die Nutzensteigerung und der soziale Austausch bezüglich der Partnerwahl im Vordergrund stand, bezieht Illouz hier die Bedeutung von Emotionen mit ein.

Die Soziologie-Professorin aus Jerusalem stellt die These auf, dass die Kultur des Kapitalismus eine intensive, emotionale Kultur ausgebildet hat, die sich auf jegliche Form von sozialen Beziehungen bezieht. Laut Illouz (2007) werden ökonomische Beziehungen vermehrt durch Gefühle beeinflusst, während das Gefühlsleben im Umkehrschluss durch eine Ökonomisierung gesteuert wird. Sie fasst dies unter dem Begriff des „emotionalen Kapitalismus“ (Illouz 2007, S. 13) zusammen. Was genau darunter verstanden wird und inwiefern dieser emotionale Kapitalismus relevant für den Wandel der Paarbildung ist, wird im weiteren Verlauf näher erläutert. Grundlegend für Illouz' (2007) Ansatz ist die Bedeutung von Emotionen in der Soziologie. Sie beschreibt Emotionen als eine „innere Energie, die uns zum Handeln antreibt; sie sind das, was einer Handlung eine spezifische »Stimmung« oder »Färbung« gibt“ (Illouz 2007, S.10; Hervorhebung im Original). Eine Verflechtung von kulturellen Bedeutungen und sozialen Beziehungen als Teil der Emotionen, hilft dem Handeln auf eine bestimmte Situation reagieren zu können (vgl. ebd.). Zum Verständnis wird ein Beispiel genannt: wenn man in einer bestimmten Situation zu spät kommt und eine Person entsprechend darauf mit „Du bist schon wieder zu spät gekommen“ (Illouz 2007, S. 10) reagiert, ist die eigene Reaktion davon abhängig in welcher Beziehung man zu dieser Person steht. Denn die Bemerkungen von seinem Chef lösen andere Emotionen aus als die Bemerkung von einem Kind, welches schon länger wartet. Somit können Emotionen durchaus als eine psychologische Einheit beschrieben werden, genauso jedoch als kulturelle und soziale Instanz, welche dazu beiträgt das soziale Handeln von innen heraus verstehen zu können, was sie so bedeutsam für die Soziologie macht (vgl. ebd., S. 10f.). Illouz (2007) vertritt die These, dass die Bildung des Kapitalismus im selben Zug mit der Bildung einer stark spezialisierten Kultur einher geht und dadurch eine neue Ordnung der sozialen Organisation des Kapitalismus deutlich wird.

Für diese Arbeit ist insbesondere der Prozess interessant, der aus dem Privaten, eine öffentliche und emotionale Sache macht und der am stärksten im Internet zum Ausdruck kommt (vgl. Illouz 2007, S. 13). Hinzu kommt die Rolle des Körpers aus der Perspektive einer Soziologie der Emotionen (vgl. Illouz 2007, S. 114). Denn mit Blick auf die Liebe sind romantische Emotionen besonders im Körper festgesetzt und Beispiele wie ein beschleunigter Herzschlag, schwitzende Handflächen oder das Erröten der Wangen, machen die Verbindung zwischen dem Körper und Emotionen ziemlich deutlich (vgl. ebd., S. 115). Nun wird das Internet allerdings als eine Technologie der Entkörperlichung betrachtet und es stellt sich die Frage „welchen Entwurf von Körperlichkeit und Emotion [...] die Technologie“ (Illouz 2007, S. 115) produziert. Genau dieses Verhältnis von Emotionen und Technologie liegt ebenfalls im Interesse von Illouz (2007) und wird in ihrer Arbeit mithilfe ihrer und weiterer Untersuchungen thematisiert. Der Fokus ihrer Untersuchung liegt auf Internetseiten, die den Menschen bei der Partnersuche für langfristige Partnerschaften helfen möchten.

3. Das Internet als Partnermarkt

In erster Linie wird das Internet als Medium für die Partnersuche näher thematisiert. Bevor in diesem Zusammenhang Ilouz' (2007) Untersuchung näher miteinbezogen wird.

Durch das Internet sind zahlreiche Möglichkeiten entstanden, sich virtuell zu begegnen, kennenzulernen oder zu kommunizieren (vgl. Zillmann 2016, S. 61). Daher bietet das Internet eine gute Grundlage für den Aufbau von Beziehungen und einen Raum, in dem sich im Laufe der Zeit vermehrt Online-Kontaktbörsen als spezielle Orte der Partnersuche herausgebildet haben (vgl. ebd.).

3.1 Was ist Online-Dating?

Gegenstand dieses Kapitels ist das Online-Dating, welches in dieser Arbeit die Partnersuche zwischen heterosexuellen Akteuren im Internet thematisiert. Im heutigen Sprachgebrauch wird die internetgestützte Form des Kennenlernens auch als Online-Dating oder Internet-Dating bezeichnet (vgl. Skopek 2012, S. 31). Genauer meint Online-Dating die Nutzung von OnlineKontaktbörsen, „mit dem Ziel, die Kontaktanbahnung im Rahmen des Kennenlernens von Partnern zu erleichtern“ (Skopek 2012, S. 31), die durch speziell gestaltete Internetseiten oder Anwendungen unterstützt wird (vgl. Barraket und Henry-Waring 2008, S. 150). Generell lässt sich Online-Dating mit traditionellen, zielgerichteten Dating-Formaten in kommerziellen Medien vergleichen, wie zum Beispiel persönlichen Print-Anzeigen in Zeitungen (vgl. ebd.). Entsprechende Dating-Anwendungen können meist sowohl auf Computern, als auch mit mobilen Endgeräten genutzt werden (vgl. Skopek 2012, S. 31). Grundsätzlich ist der Aufbau von Beziehungen überall dort möglich, wo Individuen aufeinander treffen und miteinander kommunizieren können - hierfür bietet das Internet eine direkte Plattform (vgl. Schulz und Zillmann 2009, S. 8). Ziel des Online-Datings ist es, eine Partnerin oder einen Partner für eine Beziehung zu finden, die außerhalb des Internets stattfinden kann (vgl. Dombrowski 2011, S. 71). Die technologische Grundlage für die mediatisierte Partnersuche bildet die hohe Verfügbarkeit von Internetzugängen in unserer Gesellschaft (vgl. Skopek 2012, S. 30). OnlineDating Plattformen kann somit jeder nutzen, der über einen Internetzugang und eine gewisse Onlineaffinität verfügt und außerdem dazu bereit ist, gegebenenfalls eine Teilnahmegebühr zu entrichten (vgl. Skopek 2012, S. 77). Das Online-Dating repräsentiert eine neue mediatisierte und marktbezogene Form der Partnerwahl (vgl. Skopek 2012, S. 17). Sie ist deshalb mediatisiert, weil Drittparteien in die Online-Partnersuche involviert sind, also die Suche und soziale Begegnung über die Betreiber der Internetanwendungen organisiert werden (vgl. ebd.). Der marktbezogene Charakter des Online-Datings kommt daher, dass sich die Teilnehmenden in offensichtlicher Form als Suchende darstellen, sich gegenüber anderen Personen als Partnerinnen anbieten und somit auf eine systematische Art Kontaktgelegenheiten herstellen (vgl. ebd.). Sogenannte Online-Kontaktbörsen, Dating-Plattformen oder auch Singlebörsen sind Webseiten, die darauf spezialisiert sind, den Menschen bei ihrer gezielten Suche nach einer intimen Beziehung zu helfen, dabei ist es egal, ob es sich um die Suche nach einem Lebensoder Sexualpartner handelt (vgl. Skopek 2012, S. 30). Diese Online-Plattformen dienen als digitale Partnermärkte, da sie die Masse an Partnersuchenden bündeln und die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme bereitstellen (vgl. Skopek 2012, S. 30). Oftmals werden diese OnlineKontaktbörsen auch als Vermittlungsplattformen beschrieben, die sich zur Aufgabe gemacht haben, zwei Akteure über computergestützte Algorithmen zusammenzubringen und den Partnersuchenden dabei eher eine passive Rolle zuzuschreiben (vgl. Skopek et al. 2009, S. 10). Hinzu kommt, dass für diese Vermittlungsplattformen meist ein monatliches Entgelt zu entrichten ist. In Deutschland gibt es für jegliche Zielgruppen die passende Partnerbörse im Internet - von Senioren und Menschen mit besonderer Glaubensrichtung über körperlich behinderte Menschen oder Übergewichtige, das Internet bietet einen Raum für eine Vielzahl individueller Typen von Beziehungssuchenden (vgl. Schulz und Zillmann 2009, S. 8).

In dieser Arbeit wird der Fokus allerdings auf sogenannte Dating-Plattformen, genauer Dating- Apps gelegt und insbesondere die Partnersuche zwischen Frauen und Männern thematisiert. Wenn im Folgenden also die Rede von Dating-Plattformen ist, werden mobile Dating-Apps miteingeschlossen. Dating-Plattformen zählen im Allgemeinen zwar auch zu den OnlineKontaktbörsen, grenzen sich jedoch von den sogenannten Vermittlungsplattformen ab. Denn im Gegensatz dazu, sind sie charakteristisch für die Eigeninitiative der Partnersuchenden, die auf Dating-Plattformen aktiv mit anderen Akteuren in Kontakt treten, die sie zuvor selbst ausgewählt haben (vgl. Skopek et al. 2009, S. 10). So entscheiden sich die Akteure bewusst für den Kontext, der eindeutig auf die Suche und Wahl von Kontaktpartnern abzielt (vgl. Skopek 2012, S. 76).

[...]

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Online-Dating. Möglichkeiten und Auswirkungen auf die Paarbildung
Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,0
Jahr
2020
Seiten
45
Katalognummer
V993161
ISBN (eBook)
9783346361400
ISBN (Buch)
9783346361417
Sprache
Deutsch
Schlagworte
online-dating, möglichkeiten, auswirkungen, paarbildung, Dating-Apps
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Online-Dating. Möglichkeiten und Auswirkungen auf die Paarbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993161

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