Nachhaltige Entwicklung im Kontext Food Waste. Das Unterrichtsprojekt „Teller statt Tonne – durch Fairteilung von Lebensmitteln“


Bachelorarbeit, 2020

82 Seiten, Note: 2


Leseprobe

III Inhaltsverzeichnis

V Kurzfassung

II Abstract

III Inhaltsverzeichnis

IV Abbildungsverzeichnis

V Abkürzungsverze/chnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen zu Food Waste
2.1 Begriffs definition iron Food Waste
2.2 Das Erkennen von Food Waste als Problem
2.3 Food Waste nach Sektoren (Ursachen & Mengen)
2.3.1 Verluste in der Landwirtschaft
1.3.2 Verluste in der Verarbeitung
2.3.3 Verluste im Handel
2.3.4 Verschwendung von Großverbrauchern
2.3.5 Verschwendung von privaten Haushalten
2.3.6 Gesamtverluste
2.4 Die Konsequenzen von Food Waste

3 Förderung einer nachhaltigen Entwicklung
3.1 Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung
3.2 Nachhaltige Entwicklung im Kontert der Lehensmittelverschwendung
3.2.1 Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung
3.3 Bildung für nachhaltige Entwicklung

4 Konzeption eines Projekts zum Thema Food Waste
4.1 Sach analyse zum Unterrichtsprojekt jrTeller statt Tonne — durch Fairteilung von Lebensmitteln"
4.2 Didaktische Analyse
4.2.1 Bedingungsanalyse ZugangltChkeit -
4.2.3 Einordnung der Unterricttseinheit
4.2.4 Didaktische Reduktion
4.3 Methodische Analyse
4.3.1 Vorsteifung <ter Projektehheit „Teller statt Tonne -durch fairteilung ton Lebensrnitteln^
4.3.2 Projektinhalte, -methoden und -phasen
4.3.2 Differenzierung
4.3.3 Angestrebte Komp,a-tenzen und Projekuiele _
4.3.4 Unterrichtspriinzipien SO
4.3.4 Alternativen

5 Diskussion & Fazit

6 Zusammenfassung

7 Quellenveneichnis

I Kurzfassung

Die Vergeudung von Lebensmitteln widerspricht dem gegenwärtigen Trend des Nachhaltigkeitsgedankens und ist aus mehreren Sichten problematisch. Neben ethischen Aspekten im Hinblick auf die Millionen Hungernden unserer Erde, haben unsere Essgewohnheiten laut WWF und Umweltbundesamt die größten Auswirkungen auf unser Ökosystem (Vgl. NOLEPPA 2012; UMWELTBUNDESAMT 2015). Angesichts des zunehmendes Klimawandels und der wachsenden Weltbevölkerung stellt es eine globale Herausforderung dar, die Ernährungsgrundlage auch langfristig zu sichern.

Das wohl größte Problem der heutigen Industrienationen ist es, dass Lebensmittel nicht mehr als das angesehen werden, was sie eigentlich sind: MITTEL zum LEBEN und Überleben. Aus diesem Grund müssen vor allem junge Menschen frühzeitig sensibilisiert werden, welche ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen unser Konsum- und Wegwerfverhalten hat.

Der vorliegende Beitrag erörtert die Konsequenzen und Gründe von Lebensmittelverschwendung und stellt darauf aufbauend eine vielerorts übertragbare Vermeidungsmaßnahme dar, die den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung Rechnung trägt. Die Projektkonzeption fokussiert sich dabei vorwiegend auf die Reduzierung von Lebensmittelabfällen auf Konsumentenebene, da dort der Großteil aller Nahrungsmittelabfälle anfällt [SCHMIDT et al 2019].

Das entwickelte Projekt „Teller statt Tonne - durch Fairteilung von Lebensmitteln" wird mit Schülerinnen und Schülern der Grundschule durchgeführt, bietet aber Potenzial es fächer- und schulübergreifend einzusetzen. Das Projekt mündet in der Aufstellung eines Fairteilers, der einen dauerhaften Nutzen verspricht. Gleichwohl können die Erfolgsaussichten, die sich erst langfristig aufzeigen und vom Engagement aller Beteiligten abhängen, nur vermutet werden.

II Abstract

Food waste goes against the current trend of sustainability and is problematic from several perspectives. In addition to ethical aspects with about the millions of hungry people on earth, our eating habits have the greatest impact on our ecosystem, according to the WWF and the Federal Environment Agency (NOLEPPA 2012; UMWELTBUNDESAMT 2015). In view of the increasing climate change and the growing world population, it is a global challenge to secure the food base in the long term.

Probably the biggest problem of today's industrialized nations is that food is no longer seen as what it really is: MEANS of LIFE and survival. For this reason, young people need to be sensitized at an early stage about the ecological, economic and social effects of our consumption and disposable behavior.

This article discusses the consequences and causes of food waste and, based on this, represents an avoidable measure that can be transferred in many places and takes account of the goals of sustainable development. The project concept focuses primarily on the reduction of food waste at the consumer level, since most of all food waste is generated there [SCHMIDT et al 2019].

The developed project "Plate instead of barrel - through fair sharing of food” is being carried out with primary school students but offers the potential to use it across subjects and schools. The project culminates in the establishment of a fair divider that promises lasting benefits. Nevertheless, the prospects of success, which only become apparent in the long term and depend on the commitment of all those involved, can only be suspected.

IV Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Begriffsabgrenzung: Lebensmittelverluste vs. Lebensmittelverschwendung entlang der Wertschöpfungskette

Abbildung 2: Die häufigsten Entsorgungsgründe der privaten Haushalte

Abbildung 3: Lebensmittelabfälle in Deutschland im Jahr 2015 - Darstellung nach Sektoren

Abbildung 4: Lebensmittelabfälle nach Sektoren und deren vermeidbare Anteile

Abbildung 5: Die 17 Nachhaltigkeitsziele

V Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Iss schön deinen Teller leer!"

Ein Satz, den sicher einige aus ihrer Kindheit kennen und der bei manch Erwachsenem so präsent im Gedächtnis ist, als hören sie ihn noch gegenwärtig. Zweifelsohne ist die Äußerung solcher Appelle in der Kindererziehung nicht nachahmenswert, jedoch zeigen sie das desiderable Verhältnis früherer Generationen zu Nahrungsmitteln. Inzwischen sind Jahrzehnte eines steigenden Wohlstands vergangen, in denen der Konsum eine immer größere Rolle einnimmt [BPB 2016]. Während die Hochbetagten oft noch alles Essbare verwerten und selbst die kleinsten Speisereste beherzt verzehren, sieht die moderne Welt anders aus: Lebensmittel sind günstig und es gibt sie im Überfluss. Wagen Schätzungen der Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zufolge wird etwa ein Drittel, der für den menschlichen Verzehr erzeugten Nahrung, entsorgt [GUSTAVSSON et. al. 2011). Seit der Veröffentlichung dieser Zahlen stößt das Thema Lebensmittelverschwendung auf gesellschaftspolitisches Interesse und ist eng verbunden mit dem omnipräsenten Nachhaltigkeitstrend.

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist zugleich aus mehreren Perspektiven problematisch. Aus dem Wertschöpfungsprozess resultieren in hohem Maße negative Umweltauswirkungen, in dem knappe Ressourcen für den Anbau, die Ernte, den Transport, die Kühlung, die Weiterverarbeitung und womöglich für die Zubereitung vergeudet werden. Hinzu kommen nicht unerhebliche, aber vermeidbare Kosten für die Wirtschaftsakteure selbst. Nicht zuletzt gelten Lebensmittel -inklusive Wasser- als unser tägliches Lebenselixier. Die Wertschätzung verändert sich jedoch die vergangenen Jahrzehnte dahingehend, dass Lebensmittel vor allem in den einkommensstarken Industrieländern an Bedeutung verlieren und dort ein Überangebot an qualitativ hochwertigen und zugleich günstigen Nahrungsmitteln herrscht. Da es auch hierzulande selbstverständlich ist, zu jeder Zeit mit ausreichend Nahrung versorgt zu sein, liegt die Hemmschwelle zur Entsorgung von Lebensmitteln nicht mehr allzu hoch. In Anbetracht einer stets wachsenden Weltbevölkerung und der weltweit über 821 Millionen Menschen, die unter Hunger und Unterernährung leiden [UN 2020], stellt der Verlust von überlebenswichtigen Nährstoffen zugleich ein gesellschaftliches Problem dar, dessen moralische Komponente bedenklich ist.

Laut internationalen Analysen entsteht der größte Teil an Nahrungsmittelabfällen in Industrieländern im Bereich der privaten Haushalte (GUSTAVSSON et. al. 2011: 4ff.; STENMARCK et al. 2016; KRANERT 2012; SCHMIDT et al. 2019). Wenn das größte Einsparpotenzial also im Konsumbereich liegt und in der Kindheit die Weichen gestellt werden, die darüber entscheiden, wie wir mit Lebensmitteln umgehen und sie wertschätzen, was gäbe es dann naheliegenderes, als dort anzusetzen, wo zukünftige Generationen heranwachsen und miteinander lernen?

Neben dem Elternhaus sollten vor allem Schulen gefordert sein, alltagspraktisches Wissen über die Herstellung und den Umgang mit Lebensmitteln zu vermitteln (NOLEPPA 2012: 74) Daneben werden positive Evolutionen, die das Verringern von Lebensmittelabfällen zum Ziel haben, ausdrücklich gewünscht und durch die Bundesregierung gefördert. Die vorliegende Arbeit veranschaulicht daher, wie wir durch einen gewissenhaften Umgang mit Lebensmitteln in erheblichem Ausmaße Ressourcen sparen und zum Klimaschutz beitragen können.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird zunächst dargelegt, was sich hinter den Begrifflichkeiten Food Losses und Food Waste verbirgt und nach welchen Kriterien von dem einen oder anderen die Rede ist. Ausgangsbasis einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion und -verwendung ist eine Bestandsaufnahme hinsichtlich Mengen und Ursachen von Nahrungsverlusten sowie die Ermittlung von Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung. Im Weiteren erfolgt die Einordnung in den Kontext der nachhaltigen Entwicklung, um darauf aufbauend eine Projektidee zu entwickeln, die vielerorts umsetzbar ist und das Ziel hat, Lebensmittelverschwendung zu verringern.

2 Theoretische Grundlagen zu Food Waste

2.1 Begriffsdefinition von Food Waste

In Zeitalter des 21. Jahrhunderts steht dem Großteil der Bevölkerung mehr Nahrung zur Verfügung, als letztlich benötigt. Zwischen der verfügbaren Menge an Nahrungsmitteln und jener, die effektiv konsumiert wird, liegen sogenannte food losses und das eher bekannte food waste [GUSTAVSSON et al. 2011]. Übersetzt ins Deutsche bezeichnen die englischen Begrifflichkeiten nichts anderes als Lebensmittelverluste (food losses) und Lebensmittelabfall (food waste).

Während Lebensmittelverluste besonders in den frühen Stadien des Wertschöpfungsprozesses innerhalb logistischer Ketten auftreten, bezeichnet food waste die Verschwendung von Lebensmitteln auf der Verbraucherebene. So resultieren Lebensmittelabfälle am Ende der Lebensmittelkette aus dem Verhalten von Einzelhändlern, der Gastronomie und Verbrauchern [PARFITT et al. 2010; GUSTAVSSON et al. 2011: 2; HLPE 2014: 21)

Da grundsätzlich keine einheitliche Definition über die vorangestellten Begrifflichkeiten existiert, sind Lebensmittelabfälle und -verluste in der Literatur hin und wieder sinnverwandt im Gebrauch [Vgl. KRANERT et al. 2012; FAO 2013; HAFNER et al. 2013; HLPE 2014: 21f.]. Gemäß der überarbeiteten EU-Abfallrahmenrichtlinie 2018/851 umfassen „Lebensmittelabfälle (...) alle Lebensmittel (...), die zu Abfall geworden sind“ [Art. 3, Nr. 4a überarbeitete Abfallrahmenrichtlinie 2008/98/EG]. Da Verluste nicht generell zu Abfall werden müssen, legt die Definition nahe, dass die beiden Begriffe nicht synonym zu verwenden sind. Denn wenn jene Lebensmittel, die den strengen Qualitäts- und Handelsnormen nicht genügen, etwa an Tiere verfüttert oder an karikative Einrichtungen weitergegeben werden [Vgl. HAFNER et al. 2013; WASKOW et al. 2016], werden sie im Sinne des Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) nicht zu Abfall. Zu beachten ist allerdings, dass die internationale Abfalldefinition (EG- Verordnung Nr. 178/2002] Lebensmittel als Ganzes betrachtet und sowohl essbare als auch nicht essbare Bestandteile umfasst [EU Parlament 2002]. So gelten schließlich alle Lebensmittel, die für den menschlichen Konsum produziert, aber nicht verzehrt werden als „Lebensmittelabfall“.

Wissenschaftler unterscheiden food losses und food waste in erster Linie anhand ihrer Entsorgungsgründe. Gehen Lebensmittel(-teile) aus technischen oder rechtlichen Gründen in der Wertschöpfungskette verloren, entstehen Lebensmittelverluste. Sie weisen ein Optimierungspotenzial auf und lassen sich durch optimierte Methoden minimieren. Lebensmittelabfälle umfassen hingegen Lebensmittel, die zum Verzehr geeignet gewesen wären, jedoch aus Fahrlässigkeit der Lebensmittelkette entzogen wurden. [HAFNER et al. 2013; SCHMIDT et. al. 2019: 18]. Wenngleich die Gegensätze der Begriffsdefinitionen erkennbar sind, ähneln sich Lebensmittelverluste und -abfälle insofern, als dass sie Lebensmittel umfassen, welche der Lebensmittelwertschöpfungskette entnommen werden. Der synonyme Gebrauch von Lebensmittelverlusten und Lebensmittelabfällen rührt fernerhin daher, dass auch Verluste zu Abfällen werden können.

Um von Lebensmittelverschwendung zu sprechen, stellt sich vielmehr die Frage nach der Vermeidbarkeit, als jene nach der Kategorisierung von Verlusten und Abfällen. So erfolgt die nachstehende Einordnung in Anlehnung an bereits durchgeführte Datenerhebungen [HAFNER et al. 2012] und Fachveröffentlichungen [HAFNER et al. 2013 / 2014], welche Nahrungsmittelabfälle in drei Kategorien sondern:

Unvermeidbare Lebensmittelabfälle

Abfallprodukte, die für den menschlichen Verzehr ungeeignet sind und die während der Nahrungsverarbeitung und -zubereitung anfallen, gelten als unvermeidbar. Hierzu gehören etwa Kaffeesatz, Bananen- oder Eierschalen, Kerne, Knochen oder Fischgräten, aber auch Lebensmittel, die trotz korrekter Lagerbedingungen von Krankheitserregern befallen sind, dürfen bei bestem Wissen nicht mehr verzehrt werden. [KOESTER 2012: 1; KRANERT et al. 2012: 13; HAFNER et al. 2012 / 2013] Diese Abfälle haben weder das Potenzial zur Optimierung noch zur Vermeidung.

Teilweise vermeidbare Lebensmittelabfälle

Teilweise (fakultativ) vermeidbare Lebensmittelabfälle entstehen aufgrund von Gewohnheiten. Ob die Schale eines Apfels, der Pizzarand oder die Rinde eines Brotes, - all dies sind Abfallbeispiele, die i.d.R. nicht sein müssten, da es sich um gesundheitlich einwandfreie Lebensmittel handelt. Dies betrifft gleichermaßen überschüssige Speisereste oder Kantinenabfälle. [KOESTER 2012: 1; KRANERT et al. 2012: 13; HAFNER et al. 2012 / 2013]

Vermeidbare Lebensmittelabfälle

Vermeidbare Lebensmittelabfälle umfassen alle Lebensmittel(-teile), die zum Zeitpunkt ihrer Entsorgung oder bei rechtzeitigem Verzehr noch uneingeschränkt genießbar wären. Das sind beispielsweise original verpackte Lebensmittel, angebrochene Packungen mit nur halb verbrauchten Lebensmitteln oder Essensreste vom Vortag, die aufgrund von Qualitätsmängeln, Verderb oder Verfall den hohen Ansprüchen des Konsumenten nicht mehr genügen. [KOESTER 2012: 1; KRANERT et. al. 2012: 13; HAFNER et. al. 2012/2013]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Begriffsabgrenzung: Lebensmittelverluste vs. Lebensmittelverschwendung entlang der Wertschöpfungskette [eigene Darstellung nach HAFNER et al. 2013]

Da die korrespondierenden Zahlen über die Menge an Food Waste sowohl vermeidbare als auch unvermeidbare Abfälle ausweisen, ist in der folgenden Arbeit von Food Waste oder Lebensmittelverschwendung erst dann die Rede, wenn Lebensmittel bewusst entsorgt werden oder Abfälle aus Fahrlässigkeit entstehen.

2.2 Das Erkennen von Food Waste als Problem

Die Problematik der Lebensmittelverschwendung ist erst jüngst zu einer Obliegenheit geworden, da sie in engem Zusammenhang mit einer wachsenden Weltbevölkerung steht. Der mittleren UN-Prognose nach, vermuten die Vereinten Nationen (United Nations - UN) ein Bevölkerungswachstum von derzeit 7,8 Milliarden [DSW 2020] auf rund 9,6 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2050 [VEREINTE NATIONEN 2019]. Folglich ist ein Anstieg des Nahrungsmittelbedarfs in vielen Regionen, und insbesondere in solchen, die schon heute mit Hunger und Nahrungsmittelknappheit kämpfen, unausweichlich [VEREINTE NATIONEN 2019]. Belastend hinzu kommt der ohnehin steigende Wohlstand, der mit Änderungen der Ernährungsgewohnheiten und einem höheren Konsum einhergeht [VON KOERBER 2010; GRAUEL 2013]. Da die globale Nahrungsmittelproduktion bereits heute eine massive Umweltbelastung darstellt, ist es bislang fraglich, wie alle Menschen in Zukunft ernährt werden können, ohne zusätzliche Umweltauswirkungen herbeizuführen.

Als diese Unsicherheiten in den 1990er Jahren aufkommt, geraten die Themen Lebensmittelverschwendung und Lebensmittelverluste erstmals ins Visier von internationalen Organisationen. Gemäß der Europäischen Abfallrahmenrichtlinie gilt es Abfälle jeglicher Art zu vermeiden und Abfallvermeidungsprogramme aufzustellen [EU ARRL 2008/98/EG: Artikel 29]. Um die weltweite Menge an Lebensmittelabfällen und -verlusten entlang der Wertschöpfungskette zu ermitteln und analysieren, nehmen sich die FAO und das schwedische Institut für Lebensmittel und Biotechnologie einer Studie zum Thema „Global Food Losses and Food Waste" an. Die daraufhin veröffentlichten Zahlen bieten die ersten Erkenntnisse über das Ausmaß der jährlichen Lebensmittelabfälle, die auf weltweit 1,3 Mrd. Tonnen beziffert werden [GUSTAVSSON et al. 2011] und damit einen Anteil von über 30 % der Gesamtproduktion einnehmen. Seit dieser Erkenntnis hat sich in der globalen Problemwahrnehmung viel getan. Lebensmittelverluste und -Verschwendung sind zu einem großen Thema der Öffentlichkeit und Politik geworden.

2013 erstellt die Bundesregierung ein „Abfallvermeidungsprogramm des Bundes unter Beteiligung der Länder" (AVP) und empfiehlt alle Akteure der Wertschöpfungskette in den Blick zu nehmen [BMU 2013]. Die Universität Stuttgart bietet durch ihre Hochrechnung „der weggeworfenen Lebensmittelmengen" erste Annäherungswerte und unterbreitet „Vorschläge zur Verminderung der Wegwerfrate bei Lebensmitteln in Deutschland [KRANERT et al. 2012]. Weitere Empfehlungen zur Reduzierung der Abfälle unterbreitet die 2014 veröffentlichte Studie „Food losses und waste in the context of sustainable food systems" [HLPE 2014].

Der 2015 verabschiedete internationale Aktionsplan spiegelt das globale Problembewusstsein für eine nachhaltige Entwicklung und listet schließlich 17 Ziele (Sustainable Development Goals = SDGs), die bis spätestens 2030 zu erreichen sind. Dabei fordert das Ziel 12 der „Agenda für nachhaltige Entwicklung" die Sicherstellung nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster. In dem Ziel 12.3 bedeutet das konkret, Nahrungsmittelverluste einschließlich Nachernteverluste zu verringern und die weltweite Verschwendung von Lebensmitteln auf Einzelhandels- und Verbraucherebene bis 2030 zu halbieren [UN 2015].

Mit der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie stellt die Bundesregierung 2017 den Rahmen für die Umsetzung der Agenda 2030 und benennt konkrete Maßnahmen, wie diese Nachhaltigkeitsziele umgesetzt werden können. Darin wurde unter anderem bestimmt, dass die Entwicklung eines Indikators zur bundeseinheitlichen Bilanzierung der Lebensmittelabfälle über alle Sektoren hinweg nötig ist, um Erfolge messbar zu machen. [BMEL 2019: 12]

2019 präsentiert das Johann Heinrich Thünen-Institut in Kooperation mit der Universität Stuttgart eine erstmals kohärente Methode für die bundeseinheitliche Bilanzierung von Lebensmittelabfalldaten [SCHMIDT et al. 2019]. Ihre Baseline eröffnet damit eine Entscheidungsgrundlage für die Berechnung und fortlaufende Berichterstattung der Lebensmittelabfälle in Deutschland dar. [SCHMIDT et al. 2019: Zusammenfassung]

2.3 Food Waste nach Sektoren (Ursachen & Mengen)

Die aktuellsten Daten über das Lebensmittelabfallaufkommen und dessen Vermeidungspotenziale in Deutschland veröffentlicht das Johann Heinrich von Thünen Institut in Kooperation mit der Universität Stuttgart 2019. Die Baseline rekurriert auf Untersuchungen des Jahres 2015 und bietet derzeit die verlässlichsten Werte für das Lebensmittelabfallaufkommen in Deutschland. Die Daten stützen sich auf direkte Messungen, die Auswertung von Massenbilanzen, Abfallanalysen, Statistiken und Zählungen sowie Tagebuchaufzeichnungen und Befragungen [SCHMIDT et al. 2019: XII]. Mit der Datenqualität und deren Auswertung gehen Unsicherheiten insbesondere in den Werten der Landwirtschaft, Verarbeitung und des Handels einher [SCHMIDT et al 2019: XIV]. Dennoch ist es die erste „Status-quo-Analyse", die nun Basis eines kontinuierlichen Monitorings ist und als Maßstab zur Beurteilung künftiger Entwicklungen herangezogen wird [SCHMIDT et al. 2019: Zusammenfassung XI].

2.3.1 Verluste in der Landwirtschaft

12 Prozent aller Lebensmittelverluste entstehen bereits bevor diese Lebensmittel weiterverarbeitet werden oder in den Handel gelangen [SCHMIDT et al. 2019]. Während den Nachernteprozessen in der Landwirtschaft ist dies in erster Linie den strengen Vermarktungsnormen und Kontrollvorschriften1 zu schulden, aber auch den hohen Ansprüchen der Kunden. Bis 2009 enthalten spezielle Vermarktungsnormen (SVN) übernatürliche Bestimmungen, etwa über den maximal zulässigen Krümmungsgrad einer Gurke und treiben die Lebensmittelverschwendung in die Höhe. Da der Lebensmitteleinzelhandel inzwischen eigene Qualitätsnormen definiert, ändert sich auch nach der Abschaffung der SVN für 26 Obst- und Gemüsesorten nichts. Aufgrund der ausbleibenden Nachfrage werden Lebensmittel, die dem strengen Raster ihrer Händler nicht genügen, weiterhin aussortiert. [RUNGE / LANG 2016: 3f.] Daneben kommt es zu Beschädigungen während der Ernte, Lagerhaltung sowie auf Transport- und Logistikvorgängen. Nicht zuletzt sind landwirtschaftliche Lebensmittelabfälle das Resultat von Überproduktionen, gesättigten Märkten oder einer spezifischen Erntetechnik. [GUSTAVSSON et al. 2011: 2f., 10f.; OBERSTEINER / SACHER 2019: 13] Insgesamt liegt hier ein enormes Vermeidungspotenzial, da fast 86 % dieser Abfälle vermeidbar sind [SCHMIDT et al. 2019].

2.3.2 Verluste in der Verarbeitung

In der industriellen Verarbeitung entstehen die meisten Nahrungsverluste durch nicht normgerechte, beschädigte oder verdorbene Rohstoffe [SCHMIDT et al. 2019: 50]. Häufig kommt es zu technischen Störungen, wie Produktionsausfällen, Fehletikettierungen o.ä. und zu Beschädigungen bei der Produktion, der Lagerung, dem Verpacken oder Transport [GUSTAVSSON et al. 2011: 2f.; KRANERT et al. 2012: 207ff.; BMEL 2019: 8]. Wenngleich diese Mängel oft keinen negativen Einfluss auf die Güte und Unbedenklichkeit eines Lebensmittels haben [KRANERT et al. 2012: 24f.], ist es in den meisten Fällen kostengünstiger, die Waren zu entsorgen [GUSTAVSSON et al. 2011: 12]. Ständige Qualitätskontrollen garantieren, dass nur einwandfreie Ware den Betrieb verlässt und Fehlproduktionen oder mangelhafte Waren ausselektiert werden [KRANERT et al. 2012: 24, 207]. Weiterhin entstehen in diesem Sektor Verluste durch Überproduktionen, eine zu geringe Nachfrage sowie durch Retouren aus dem Handel [BMEL 2019: 8; SCHMIDT et al. 2019: 49f.]. So fallen in der Lebensmittelverarbeitung etwa 18 Prozent Lebensmittelverluste an, von denen mehr als die Hälfte vermeidbar sind [SCHMIDT et al. 2019].

2.3.3 Verluste im Handel

Vorliegenden Studien zufolge ist der Handel der Bereich mit den geringsten Anteilen an Lebensmittelabfällen [Vgl. KRANERT et al. 2012: 125; SCHMIDT et al. 2019]; sie machen nur 4 % des Gesamtabfallaufkommens aus [SCHMIDT et al. 2019]. Der Abfall in diesem Sektor besteht vor allem aus vergammeltem Obst, Gemüse, Fleisch und trockenen Backwaren [EHI RETAIL INSTITUT 2011; GUNDERS 2012; NOLEPPA 2015: 34ff.]. Seltener werden Waren wegen abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdaten, beschädigten Verpackungen, Warenrückrufaktionen oder behördlichen Anordnungen aussortiert [GOEBEL et al. 2012: 35ff.; KRANERT et al. 2012: 25, 208; NOLEPPA 2015: 35; BMEL 2019: 8]. Die wohl wichtigste Ursache für Nahrungsverluste des Handels ist aber wohl sicherlich dem allzeit breiten Warenangebot geschuldet, das den Bedürfnissen und Ansprüchen der Verbraucher in puncto Frische und Vielfalt stets gerecht werden soll [GOEBEL et al. 2012: IX, 119; KRANERT et al. 2012: 208; BVE 2014: 1]. So werden bewusst hohe Mengen bestellt, um einerseits lukrative Bestellkonditionen zu erhalten [GOEBEL et al. 2012: 35ff.; KRANERT et al. 2012: 207] und andererseits wettbewerbsfähig zu bleiben, indem den Kunden eine enorme Warenvielfalt präsentiert werden kann [GOEBEL et al. 2012: 39]. Überschreiten Waren das Mindesthaltbarkeitsdatum landen sie aufgrund Unwissenheit über die Haftung im Falle der Weitergabe, oft im Müll [GOEBEL 2012 et al. 2012: 40; HLPE 2014: 73f.; BMEL 2019: 8]. Indes kooperieren aber auch immer mehr Supermärkte mit gemeinnützigen Organisationen, denen sie ausrangierte Waren spenden. Dies schmälert zwar nicht die Verlustmenge, jedoch verringern sie durch die Weiterverwendung den Anteil der vermeidbaren Lebensmittelabfälle. [KRANERT et al. 2012: 286] Wenngleich die Gesamtverluste in den Verkaufsprozessen des Handels relativ gering bleiben, beeinflusst der Handelssektor die Abfallmenge der vor- und nachgelagerten Bereiche durch Retouren, eigens definierte Qualitätsnormen oder Marketing- und Verkaufsstrategien [GOEBEL et al. 2012:35ff.; KRANERT et al. 2012: 208; OBERSTEINER / SACHER 2019: 18].

2.3.4 Verschwendung von Großverbrauchern

Ursächlich für stattliche 14 % aller Lebensmittelabfälle, die in der Außer-Haus- Verpflegung anfallen [SCHMIDT et al. 2019], ist vor allem das Verbraucherverhalten, welches nicht konstant und damit schwer planbar ist [BMEL 2019: 8]. So erschweren kurzfristige Bedarfsänderungen durch eine veränderte Nachfrage eine angemessene Planung der Einkäufe und Speisen [KRANERT et al. 2012: 212; BMEL 2019: 8]. Auch rechtliche Aspekte, wie beispielsweise Hygienebestimmungen und der Umgang mit Haltbarkeitsdaten ziehen Nahrungsabfälle nach sich [KRANERT et al. 2012: 218; BMEL 2019: 8; OBERSTEINER / SACHER 2019: 21; BMEL 2019: 8]. Überdies finden sich Ursachen in einer mangelhaften Lagerung und in einheitlichen, nicht bedarfsgerechten Portionierungen [KRANERT et al. 2012: 211, 214; OBERSTEINER / SACHER 2019: 21]. Schwierig sind vor allem „All-you-can-eat“-Buffets, die Gäste regelmäßig dazu verleiten sich mehr zu nehmen, als sie letztlich verzehren können und die durch hohe Hygieneanforderungen eine besonders große Menge an Lebensmittelabfällen verursachen [MONIER et al. 2010: 39; KRANERT et al. 2012: 218]. Hochrechnungen der Lebensmittelabfälle im Außer-Haus-Verzehr zeigen, dass von den rund 1,7 Mio. Tonnen gut 1,2 Mio. Tonnen vermeidbar seien [SCHMIDT et al. 2019: XIII]. Dies entspricht einem beachtlichen Anteil von % der gesamten Masse.

2.3.5 Verschwendung von privaten Haushalten

Über die Hälfte aller Lebensmittelverluste liegen in der Verantwortung der privaten Endverbraucher, - hierüber sind sich alle vorliegenden Studien einig [KRANERT et al. 2012; SCHMIDT et al. 2012 / 2018 / 2019]. Die Gründe liegen laut Kranert et al. in bestimmten Nahrungspräferenzen und gesellschaftlichen, sozioökonomischen Rahmenbedingungen [KRANERT et al. 2012: 218, 228]. Die Untersuchungen von Schmidt et al. bestätigen das insofern, als dass die Lebensmittelentsorgungen durch einen bedarfsgerechteren Einkauf und Umgang auf ein Minimum reduziert werden könnten [SCHMIDT et al 2018: 19ff.]. Werbung und Sonderangebote verlocken zum Kauf großer Einkaufsmengen und zu großer Verpackungen. So entstehen 12 % der vermeidbaren Abfälle durch unüberlegte und nicht bedarfsgerechte Einkäufe [SCHMIDT et al. 2018: 17f.]. Nicht selten ändert sich durch das Überangebot von Nahrung der Speiseplan, gekocht wird lieber zu viel als zu wenig und gegessen wird das, worauf die Verbraucher Lust haben. Dieses Mengenproblem in den privaten Haushalten verursacht gut 21 % der vermeidbaren LMA [SCHMIDT et al. 2018: 17f.]. Hinzu kommen Haltbarkeitsprobleme, die sich als Hauptursache für die Entsorgung von knapp 58 % aller vermeidbaren Abfälle erweisen [SCHMIDT et al 2018: 17f.]. Häufig geraten diese Lebensmittel in Vergessenheit, werden übersehen oder nicht rechtzeitig aufgebraucht und sind irgendwann verdorben. Auch unappetitliche Lebensmittel, die nicht (mehr) den optischen und geschmacklichen Vorstellungen entsprechen, oder solche, deren Genießbarkeit ausschließlich anhand des Mindesthaltbarkeitsdatums beurteilt wird, fallen in die größte Entsorgungskategorie der Haltbarkeit [SCHMIDT et al 2018: 17f.] In der Summe sind die Konsumverluste der privaten Haushalte zu 91 % auf Haltbarkeits- und Mengenprobleme zurückzuführen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die häufigsten Entsorgungsgründe der privaten Haushalte [STATISTA: Online unter: https://de.statista.com/infografik/16586/lebensmittelverschwendung/]

2.3.6 Gesamtverluste

Über alle Sektoren hinweg ergibt sich ein jährlicher Gesamtverlust in Deutschland von knapp 12 Mio. Tonnen [SCHMIDT et al. 2019]. Pro Einwohner sind das durchschnittlich 143 kg, von denen rund 56 % vermeidbar wären [SCHMIDT et al. 2019: XIII]. und die sich mengenmäßig wie folgt verteilen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Lebensmittelabfälle in Deutschland im Jahr 2015 - Darstellung nach Sektoren [eigene Darstellung nach SCHMIDT et al. 2019: XV]

Weiterhin ist der Baseline zu entnehmen, dass mehr als die Hälfte aller Lebensmittelabfälle (52 %), insgesamt 6,14 Mio. Tonnen, in privaten Haushalten verursacht werden. Im Mittel sind das 75 kg, die jeder Deutsche jährlich entsorgt [SCHMIDT et al 2019: XV]. Wenngleich das prozentuale Einsparpotenzial - gemessen an der jeweiligen Gesamtmasse - in anderen Sektoren höher ausfällt, liegt das mengenmäßig größte Einsparpotenzial mit Abstand bei den privaten Endverbrauchern (Abbildung 4: blauer Balken rechts). Diese haben im Schnitt knapp 2,7 Mio. Tonnen Lebensmittelabfall zu verantworten, der vermeidbar wäre [SCHMIDT et al. 2019: XI IIf.]. Pro Person bedeutet dies ein Einsparpotenzial von 33 kg jährlich bzw. 100g täglich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Lebensmittelabfälle nach Sektoren und deren vermeidbare Anteile [eigene Abbildung nach SCHMIDT et al. 2019]

Im weltweiten Vergleich fallen die Verlustmengen in den meisten Ländern ähnlich aus. Ein bedeutender Unterschied liegt jedoch in den anteilsmäßigen Verlustmengen der einzelnen Sektoren. Während das Wegwerfen von Lebensmitteln aufgrund von Haltbarkeits- oder Qualitätsproblemen hauptsächlich ein Problem der industrialisierten Wohlstandsgesellschaft ist [GAY / MENKHOFF 2013: 241] und zu 52 % auf das Konto der privaten Haushalte geht [SCHMIDT et al. 2019], sind Lebensmittelverluste in Schwellen- und Entwicklungsländern vor allem auf das fehlende Know-how und die mangelhafte Technik der vorderen Wertschöpfungsbereiche zurückzuführen [GUSTAVSSON et al. 2011, QUANTIS 2020: 81]. So sind Maßnahmen zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung also auch immer im regionalen und finanziellen Kontext zu betrachten.

2.4 Die Konsequenzen von Food Waste

In der Öffentlichkeit entstehen die letzten Jahre vermehrt Diskussionen, wie wichtig Umwelt- und Klimaschutz im Kontext der eigenen Lebensgewohnheiten ist. Kaum ein anderes Thema könnte die Deutschen so sehr spalten, wie die neuzeitliche Meinungsverschiedenheit in Umweltfragen. So gibt es Menschen, die unermüdlich ihre Gewohnheiten umkrempeln, um so klimaneutral wie möglich zu leben. Auf der anderen Seite stehen kritische Zeitgenossen, die Initiativen zum Umweltschutz belächeln und Empfehlungen als Bevormundung empfinden. So oder so: Unser Konsum, und damit auch die Herstellung von Lebensmitteln bleibt für Umwelt und Klima nicht folgenlos [KRAUTZBERGER / SARREITHER 2015: 7; MAYER / FLACHMANN 2015: 66ff.].

Die globale Nahrungsmittelproduktion wirkt sich auf die biologische Vielfalt, auf Böden und Gewässer aus, erfordert Energie und führt nicht zuletzt zu einer hohen Umweltbelastung durch Schadstoffe und Treibhausgase. Die validesten Daten zur Einschätzung der ernährungsbedingten Umweltwirkungen liefern die Ergebnisse zum Treibhauseffekt sowie dem Wasser- und Flächenverbrauch [JEPSEN et al. 2016: 22].

Ernährungsbedingte Treibhausgasemissionen erfolgen auf direktem und indirektem Weg. Direkte Emissionen entstehen unmittelbar durch den Anbau von Pflanzen, die Tierhaltung, die Weiterverarbeitung und den Transport. Hinzu kommen indirekte Treibhausgase, die durch das Umgestalten der Landschaft, z.B. durch Abholzung und Rodung des Regenwaldes, die Umwandlung von Grünland zu Ackerflächen oder durch Trockenlegung von Mooren, entstehen. [NOLEPPA 2012: 25ff.;

UMWELTBUNDESAMT 2015: 82ff.] Wenngleich indirekte Emissionen nur schwer messbar sind, machen sie laut Schätzungen bis zu 50 % aus [NOLEPPA 2012: 18ff.]. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit beziffert die jährlichen Treibhausgasemissionen für Ernährungszwecke auf rund 23 % der Gesamtemissionen in Deutschland [JEPSEN et al. 2016: 22] Laut Umweltbundesamt verantworten Produktion und Konsum von Lebensmitteln bis zu 30 % aller Umweltauswirkungen [UMWELTBUNDESAMT 2015: 66; WELTHUNGERHILFE 2019: 4ff.] und es gibt Schätzungen, die dem Ernährungsbereich bis zu 40 % aller Emissionen zurechnen [NOLEPPA 2012 / 2015: 19ff.; WELTAGRARBERICHT, QUANTIS 2020]. Wenngleich auch Unsicherheiten bezüglich dieser Angaben bestehen und einzelne Faktoren die Klimabilanz verändern können, gilt der Ernährungsbereich nach Wohnen und Mobilität als der drittgrößte Entstehungspunkt von direkten THG-Emissionen in Deutschland [BMU 2016; UMWELTBUNDESAMT; WELTAGRARBERICHT].

Nicht unbedeutend sind auch die Klimafolgen, die aus dem Entsorgen von Lebensmitteln resultieren. Allein die Verluste haben je nach Berechnung einen Anteil von mindestens 4 % an den direkten Gesamtemissionen in Deutschland [JEPSEN et al. 2016: 22] Unter Einbezug der indirekten THG-Emissionen machen sie damit rund 8 % der gesamten jährlichen Emissionsbelastung aus. Eine Größenordnung, die gleichzusetzen ist mit der jährlichen Gesamtbelastung in Deutschland allein durch den Luftverkehr [UMWELTBUNDESAMT].

Je nach Herkunft, Lebenszyklus und Anbaumethode eines Lebensmittels variiert der Anteil ernährungsbedingter Treibhausgasemissionen stark. Für eine Nachhaltigkeitsbewertung müssten theoretisch alle Schritte von der Erzeugung bis hin zum Verbrauch betrachtet werden. Da diese Stufen in Abhängigkeit von Produkt, Jahreszeit und sonstiger Umstände sehr variabel und oft nicht evident sind, ist es fast unmöglich, verallgemeinernde Aussagen über die Klimabilanz zu treffen.

Gleichwohl lässt sich folgende Objektivierung bestimmen:

- Pflanzliche Lebensmittel verursachen weniger klimaschädliche Treibhausgase, als tierische Lebensmittel. Das liegt in erster Linie an dem Umwandlungsverhältnis von Futter zu Fleisch, da Tiere je nach Tierart bis zu 8 kg Kraftfutter benötigen, um 1 kg Fleisch anzusetzen [FLACHOWSKY 2003: 83]. Weiterhin produzieren die Tiere selbst klimaschädliche Gase, wie Methan, Lachgas und CO2.
- Der Vergleich zwischen in Deutschland produzierten Lebensmitteln und Importware zeigt einen deutlich höheren Ausstoß an Treibhausgasemissionen bei den importierten Lebensmitteln. Ursächlich sind vor allem die längeren Transportwege und der Transport via Flugzeug. Das Transportmittel liegt zwar in punkto Schnelligkeit vorne, ist jedoch mit Abstand der größte Umweltsünder. [BAUMGARTEN et al. 2018]
- Weiterhin wirkt sich der ökologische Anbau positiv auf die CO2 -Bilanz aus und verursacht weniger Treibhausgasemissionen als konventionelle Anbaumethoden [BAUMGARTEN et al. 2018: 138ff.].

Insgesamt können also einzelne Faktoren die Klimabilanz auf den Kopf stellen und eine verlässliche Beurteilung erschweren. Für eine realistische Wirkungsabschätzung der Lebensmittelverschwendung müsste also auch immer der gesamte Lebenszyklus jedes Abfallproduktes betrachtet werden. Die erklärt auch die Schwierigkeiten einer einheitlichen Abschätzung des ernährungsbedingten Anteils an den Gesamtemissionen.

Daneben entspricht der Wasserverbrauch für die Herstellung von Lebensmitteln einem Drittel des gesamten Verbrauchs in Deutschland. 216 Mio. Kubikmeter Wasser werden allein durch Lebensmittelabfälle verschwendet [JEPSEN et al 2016: 13, 24]. Für diese Verluste wurden indes 43.000 Quadratkilometer der landwirtschaftlichen Nutzfläche eingesetzt [JEPSEN et al 2016: 13].

Die Lebensmittelverschwendung ist und bleibt eine massive Ressourcenverschwendung. Die rund 12 Millionen Tonnen Lebensmittel, die deutschlandweit Jahr für Jahr im Müll landen [SCHMIDT et al. 2019], schaden nachhaltig unserer Umwelt und Wirtschaft und vergeuden wertvolle Rohstoffe, Energie, Fläche und Wasser.

Über die ökologischen Folgen hinaus besteht auch ein kausaler Zusammenhang Lebensmittelverschwendung, Klimawandel und Armut. Den meisten Menschen ist die moralische Komponente ihres Konsumverhaltens nicht bewusst. Durch den permanenten Anstieg der Nachfrage, werden Anbauflächen knapp und attraktiv. Boden gilt inzwischen als sichere Zukunftsinvestition [ENGELHARD 2019]. In der Konsequenz erhöhen sich die Preise für Anbauflächen und jene für Nahrungsmittel. Für Menschen, die ohnehin schon einen Großteil ihres Einkommens für Nahrung opfern, verschärft sich die Armut und Hungersnot. Für Kleinbauern, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Kosten nicht mehr decken können, besteht die Gefahr ihr Land an internationale und profitorientierte Investoren zu verlieren. Diese bauen meist ertragreiche Pflanzen wie Soja, Mais oder Avocados an, was den Landesbewohnern oft die gesamte Grundlage ihrer Ernährung raubt [HALLER 2020].

Im Kontext des Klimawandels und der bereits jetzt existenten Bedrohungen durch extreme Wetterereignisse, wie Hitzewellen, Dürreperioden, Waldbrände oder Überschwemmungen, verschärft die Lebensmittelverschwendung diese Problemlage. Der Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen wirkt sich zunehmend auf das menschliche Leben und die Ernährungsgrundlage der Menschen aus. Vielerorts schrumpfen bereits jetzt die Erträge und treiben die Lebensmittelpreise in die Höhe. Wenn kostbare Ressourcen dann auch noch zusätzlich verschwendet werden, erschwert es ärmeren Gesellschaften den Zugang zu Nahrung immer mehr [WELTHUNGERHILFE 2019: 4f.].

3 Förderung einer nachhaltigen Entwicklung

3.1 Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung

Spätestens seit den Anfängen des 21. Jahrhunderts hat sich Nachhaltigkeit zu einem Leitbild unserer Gesellschaft ausgebildet.

Der Begriff selbst geht zurück auf den Ökonomen Hans-Karl von Carlowitz und basiert auf der Empfehlung, Umweltressourcen so einzusetzen, dass auch langfristig keine wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen zu befürchten sind [BMEL 2019] . Inzwischen hat sich dieser Begriff weiterentwickelt und basiert auf der Erkenntnis, dass Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft in engem Zusammenhang stehen und sich gegenseitig beeinflussen [BMEL 2019; BUNDESREGIERUNG 2018].

Die Lebensweise der modernen Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem immer größer werdenden Problem entwickelt. Das permanente Wirtschaftswachstum und das immense Konsumverhalten führen zu einem immer höheren Energieverbrauch, einem steigenden Verkehrsaufkommen, hohen Abfallmengen und bedingen steigende Temperaturen durch eine hohe Emissionsbelastung. Als Anfang der 70er Jahre der Bericht „Die Grenzen des Wachstums" erstmals die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftswachstum und dessen Folgen aufzeigt, kommen Fragen auf, bis zu welchem Grad wirtschaftliches Wachstum möglich ist, ohne die Lebensqualität einzuschränken. So lautet der Grundsatz einer nachhaltigen Entwicklung, die Lebensgrundlage sowohl jetzt als auch zukünftig sicherzustellen und ein dauerhaft tragfähiges Ökosystem zu ermöglichen [BUNDESREGIERUNG 2018, BMU 2020]. Vor diesem Hintergrund haben die Vereinten Nationen einen umfassenden Handlungsrahmen erstellt, dessen Herzstück 17 Ziele mit insgesamt 169 Zielvorgaben bilden, die bis 2030 zu erreichen sind [VEREINTE NATIONEN 2015; BUNDESREGIERUNG 2018: 10]. Im Vordergrund der Sustainable Development Goals (SDGs) der globalen Nachhaltigkeitsstrategie stehen die handlungsleitenden Prinzipien: Menschen, Planet, Wohlstand, Frieden und Partnerschaft [VEREINTE NATIONEN 2015: 2; BUNDESREGIERUNG 2018: 12, BMU 2020] . Alle Ziele sind untrennbar miteinander verwoben und tragen den drei Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung Rechnung: die ökonomische, soziale und ökologische [VEREINTE NATIONEN 2015: 3]. Die Agenda 2030 gilt für alle Staatengemeinschaften und unterstreicht die gemeinsame Verantwortung von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft [BUNDESREGIERUNG 2018: 10].

[...]


1 Nähere Details: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 2020: Vermarktungsnormen für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Aufgaben der BLE in der Konformitätskontrolle. unter: https://www.ble.de/DE/Themen/Ernaehrung- Lebensmittel/Vermarktungsnormen/vermarktungsnormen node.html

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Nachhaltige Entwicklung im Kontext Food Waste. Das Unterrichtsprojekt „Teller statt Tonne – durch Fairteilung von Lebensmitteln“
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2
Autor
Jahr
2020
Seiten
82
Katalognummer
V993211
ISBN (eBook)
9783346408556
ISBN (Buch)
9783346408563
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nachhaltige, entwicklung, kontext, food, waste, unterrichtsprojekt, teller, tonne, fairteilung, lebensmitteln
Arbeit zitieren
Tina Aff (Autor:in), 2020, Nachhaltige Entwicklung im Kontext Food Waste. Das Unterrichtsprojekt „Teller statt Tonne – durch Fairteilung von Lebensmitteln“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993211

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Nachhaltige Entwicklung im Kontext Food Waste. Das Unterrichtsprojekt „Teller statt Tonne – durch Fairteilung von Lebensmitteln“



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden