Die Reproduktion in der Fotographie. Walter Benjamins Begriffe des "Reproduzierenden" und des "reproduzierten Bilds"

Eine Analyse


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Medium der Reproduktion: Die Fotografie
2.1 Die Dynamisierung der bildenden Künste und der Fotografie im Laufe der Jahrhunderte
2.2 Die heutigen Anwendungsbereiche der Fotografie
2.3 Das reproduzierende Bild
2.3.1 Die Möglichkeit Zeit zu bannen und zu erinnern
2.3.2 Die Möglichkeit Realität nachzuahmen
2.4 Das reproduzierte Bild
2.4.1 Die technische Reproduzierbarkeit
2.4.2 Der Verfall der Aura
2.4.3 Der Kult- und Ausstellungswert

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist."1 Dieses Zitat stammt vom deutschen Philosophen und Literaturkritiker Walter Benjamin, der im 20. Jahrhundert lebte. Er beschäftigt sich früh mit der Wirkung von Kunst auf die Menschheit und erkannte, dass das Verlangen nach Kunst groß ist, jedoch nur mühsam gestillt werden kann. Sein Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, welchen er 1935 verfasste, zählt seit den 1980er Jahren zu den Gründungsdokumenten der Medientheorie der Moderne. In diesem behauptet er, Kunst und ihre Wirkung veränderten sich insbesondere durch die Entwicklung von Photographie und Film.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll das Phänomen des Mediums Fotografie untersucht werden. Es wird sich die Frage gestellt, welche Vor- und Nachteile die Reproduktionsfähigkeit der Fotografie mit sich bringt.

Beginnend werden hierfür die Entwicklung der Fotografie vom suspekten Medium zur eigenen Kunstgattung und deren heutige Funktionen behandelt. Ferner wird besonderes Augenmerk auf die Reproduzierbarkeit der Fotografie gelegt. Hierbei stehen Benjamins Begriffe des reproduzierten und des reproduzierenden Bildes im Fokus. Den Überlegungen des Filmtheoretikers André Bazin bezüglich der Theorien des reproduzierenden Bildes folgen die Gedanken Benjamins über das reproduzierte Bild. Es wird sich heraussteilen, dass die Fotografie die Gedanken und den Stellenwert der Kunst maßgeblich revolutioniert hat und sie auch zukünftig von großer Bedeutsamkeit sein wird.

2. Das Medium der Reproduktion: Die Fotografie

2.1 Die Dynamisierung der Fotografie und der bildenden Kunst im Laufe der Jahrhunderte

Heutzutage ist die Fotografie als Kunstform nicht mehr wegzudenken. Fotoausstellungen in Museen sind keine Seltenheit mehr. Im Gegenteil: Sowohl in Deutschland, als auch weltweit findet man zahlreiche Museen, die sich mit der Fotografie beschäftigen. Darunter befindet sich das Museum für Fotografie in Berlin, welches seit 2004 existiert und in den vergangenen Jahren über eine Million Besucher zählt. Als eine Abteilung der Kunstbibliothek Berlin dient das ehemalige Landwehr-Kasino als Ausstellungsort, sowie als Forschungs- und Dokumentationszentrum. Jedoch vergeht viel Zeit bis die Kunst und Fotografie vereinbar werden, da die im 19. Jahrhundert erfundenen, technisch erzeugten Bilder lange fremd und suspekt erscheinen.2 Viele Wissenschaftler sträuben sich im 19. als auch im 20. Jahrhundert mit der Fotografie zu arbeiten. Doch mit der Zeit werden viele dieser - nicht nur aus dem Bereich der Kunst - neugierig und überdenken die Gebrauchsbereiche der Fotografie. Darunter befindet sich der französische Physiker Jules Jamin. Etwa 1839 lautet sein Urteil, Fotografie sei da, um die idyllische Natur und die schönen Künste wieder zu spiegeln, um sich Denkmäler einzuprägen und zur grenzenlosen Vervielfältigung von Kunstwerken, sodass diese auf der gesamten Erde verbreitet werden konnten.3 Jamin rechnet damit, dass sich Kunst und Fotografie gegenseitig von Nutzen sein könnten, doch zur endgültigen Erkenntnis ist es ein langwieriger Weg. Die fotografische Technik braucht Korrektur, also wurde Anfang der 1850er Jahre die Daguerreotypie durch das Negativ-Positiv Verfahren ersetzt.4 Durch dieses kann eine effektivere Reproduktion vonstattengehen. Ebenfalls bedarf es einen Wandel von Interessensgebieten der Menschheit, da Mitte des 19. Jahrhunderts eher die Künstlergeschichte als die Kunstgeschichte die Neugierde der Kunstforscher weckt.5 Abhilfen waren fotografische Projekte wie die französische Mission héliographique, deren Ziel es war, mittelalterliche französische Architektur weltweit zu verbreiten. Zudem gibt Prinz Albert6 1852 den

Impuls für die Raphael Collection. Diese ist eine Dokumentation der Werke des italienischen Malers und Architekten Raphael, für die der Prinz Fotografen nach Europa schickt, um die Werke Raphaels fotografisch aufzunehmen. Darunter auch der Florentiner Alinari. Trotz des umständlichen Transports der technischen Apparatur und des oftmaligen Verbots Werke in Sonnenlicht zu fotografieren, erhält man bedeutsame Eindrücke in das Talent Raphaels. Bedeutend wirkt so die Raphael Collection bei der Professionalisierung der Fotografie mit. Denn 1854 entsteht einer der ersten fotografischen Anstalten in Florenz, namens Fratelli Alinari - benannt nach dem bereits erwähnten Fotografen Alinari, der für Prinz Albert fotografiert hat.7 Mitte des 19. Jahrhunderts dürfen Fotografen mit ihren technischen Apparaturen immer öfter Museen betreten, sodass sich Fotografie und Kunstforscher näher kommen. Problem ist aber nach wie vor die mangelnde Qualität der Reproduktionen. Farben entsprechen nicht dem Originalton und Risse, sowie Übermalungen werden deutlich. Nachdem sich der Standard von Reproduktionen durch neue Entwicklungsverfahren bessert, wird die Fotografie zu einer selbstständigen Forschungsmethode von Wissenschaftlern jeden Bereiches. Durch fotografische Abzüge wird eine allgemeine Basis zur Diskussion geschaffen und somit belegt fast jeder Kunsttheoretiker seine Argumentationen mit Fotografien.8 Weitergehend wird im 20. Jahrhundert die neue Behauptung aufgestellt, Fotografie sei ein Medium sui generis, also ein Medium unabhängig von Bestimmungen der Kunst.9 Sie dient also nicht mehr nur als Attribut zur Illustration, sondern ihr wird eine eigene Aussage zugeschrieben.

2.2 Die heutigen Anwendungsbereiche der Fotografie

Heute nimmt Fotografie als Medium verschiedene Funktionen an. Zum einen dient sie in der Wissenschaft dazu, die Phänomene der Natur zu erforschen und durch Experimente neue Entdeckungen zu machen. Genaue Belege werden einfach zu erstellen. In der Botanik beispielsweise braucht der Forscher eine hohe Eindeutigkeit und Anschaulichkeit. Fotografie gibt im Gegensatz zur Zeichnung eine genaue Wiedergabe, ist schneller und effektiver. Zudem ist kein Zeichentalent nötig. Dazu muss gesagt werden, dass Zeichnungen mit der Zeit wieder öfter aufgenommen werden, da eine Fotografie immer ein Individuum einer Art zeigt und keinen allgemeinen Vertreter, wie es die Malerei tun kann. Der Aufbau und die Anatomie eines Körpers konnten nur durch Malerei allgemein und nicht spezifisch dargestellt werden.10 In der heutigen Zeit übernehmen digitale Gestaltungsprogramme diese Aufgabe. Die angewandte Fotografie im gewerblichen Bereich besitzt das Ziel der Nützlichkeit. Publizisten belegen mit ihr Aufsätze und Artikel um Kritik zu äußern und um eine aufklärerische, sozialkritische oder politische Wirkung zu erzielen. Diese Wirkung kann das Foto auch in Form eines Plakates oder eines Flugblattes ohne Worte haben. Fotografie kann auch ein künstlerisches Ausdrucksmittel sein und Vorstellungen visuali- sieren.11 Dem liegt nicht der gewerbliche Bereich zu Grunde. Es können sich aber durchaus das Gewerbliche und das Ästhetische vereinen. Durch beispielsweise Modefotografien drückt sich ein Künstler aus und sieht die Ästhetik in dieser Tätigkeit. Weil diese Fotografien häufig in Zeitschriften und Illustrierten abgedruckt werden, dienen sie so gleichzeitig dem kommerziellen Zweck.12

In all den genannten Bereichen, spielt die Reproduzierbarkeit der Fotografie eine entscheidende Rolle. Im Folgenden werden nun Benjamins Begriffe des reproduzierenden und des reproduzierten Bildes, die er in seinem Werk Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit benennt, näher erläutert.

2.3 Das reproduzierende Bild 2.3.1 Möglichkeit Zeit zu bannen und zu erinnern

Schon immer ist die Angst vor dem Tod vorhanden. Ein oftmals elementarer Wunsch eines Menschen ist es am Leben zu bleiben und gegen den Fortgang der Zeit anzukommen.13 Diesen Gedankenstoß gibt Bazin in seinem Werk Was ist Kino?. Den Wahrheitsgehalt an dieser These zeigt die ägyptische Kultur und Religion schon vor vielen Tausenden Jahren. Etwa 2680 bis 2180 vor Christus entstehen in Ägypten die Pyramiden, in welche die Ägypter die einbalsamierten Leichen ihrer Pharaonen legen, um diese Körper materiell unvergänglich zu machen. Sie sind der Auffassung ein substanziell unvergängliche Körper könne nicht sterben und wäre so scheinbar fähig ihn an das Leben zu fesseln. Sie setzen das soweit fort, dass sie den Mumien Terrakottavasen mit enthaltenen Speisen in ihr Grab legen. Durch die Weiterbildung der

Zivilisation, entwickelt sich die Kunst dementsprechend weiter.14 Der Wunsch die Zeit aufzuhalten wird durch rationales Denken neu überdacht. Die Menschen glauben nicht mehr an die Unvergänglichkeit des irdischen Lebens und so lassen Ehrenmänner oft Portraits oder Skulpturen von sich schaffen. Deren Ziel ist es nicht mehr, sie an das Leben zu fixieren, sondern sie in Erinnerung zu halten und vor dem mentalen - nicht dem physischen - Todzu fliehen.15

Dieser Gedankengang lässt sich auf die Fotografie ausweiten. Die Aufnahme eines Fotos hat oftmals den Zweck sich zu erinnern. Ein beliebtes Motiv sind hierbei Urlaubsaufnahmen. Der Mensch möchte sich, an die vergangene Zeit am fremden Ort erinnern. Der Charme des Fotoalbums zeigt das für einen kurzen Moment angehaltene Leben, wobei die Gegenwart des Vergangenen die faszinierende Mystik der Fotografie ausmacht. Der Betrachter erfährt ein Gefühl der Emotionalität und der Sentimentalität, da sich der Mensch wie Bazin behauptet nach dem Unvergänglichen sehnt.16 Auch durch die Entwicklung unserer medialen Welt ändert sich dieses Verlangen nicht. Es verfällt zwar der Gebrauch der typischen Fotoalben und digitale Speichermedien treten in den Vordergrund, doch die Intension hinter dem Aufbewahren der Momente durch Fotografie ist dieselbe. Anstatt der Fotoausdrucke in Fotoalben findet man die aufgenommenen Motive beispielsweise in Digitalen Ordnern seines Rechners. Und anstatt der klassischen gerahmten Fotografie, findet man eine fotografische Aufnahme als Bildschirmschonerwieder, wo sie uns präsent erinnern soll.

2.3.2 Die Möglichkeit Realität nachzuahmen

Neben dem mentalen Überleben des Menschen, haben die Malerei und die Fotografie noch die Aufgabe das ideale Universum nach dem Abbild der Wirklichkeit zu gestalten.17

„Fotografie und Film [geben] eine natürliche Erklärung für die große geistige und technische Krise der modernen Malerei“18, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstand. Zu diesem Schluss kommt Bazin aufgrund der menschlichen psychologischen Wünsche, die im Folgenden näher erläutert werden.

[...]


1 Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie. In: Edition Suhrkamp 28 (1963). S. 42.

2 Caraffa, Costanza (Hrsg.): Fotografie als Instrument und Medium der Kunstgeschichte. Berlin (u.a.) 2009. S. 45-46.

3 Ebd. S. 47-56.

4 Die Daguerreotypie erfindet der Franzose Louis Daguerre im 19. Jahrhundert. Fast gleichzeitig erfindet der Engländer William Talbot das Negativ-Positiv Verfahren.

5 Caraffa, Costanza (Hrsg.): Fotografie als Instrument und Medium der Kunstgeschichte. Berlin (u.a.) 2009. S. 50-56.

6 Hier ist Franz Albrecht August Karl Emanuel von Sachsen-Coburg und Gotha gemeint. Der Ehegatte der Queen Victoria, Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland, lebte von 1819 - 1861.

7 Caraffa, Costanza (Hrsg.): Fotografie als Instrument und Medium der Kunstgeschichte. Berlin (u.a.) 2009. S. 47-56.

8 Ebd. S. 73.

9 Dobbe, Martina: Fotografie als theoretisches Objekt. Bildwissenschaften, Medienästhetik, Kunstgeschichte. Paderborn (u.a.) 2007. S. 104.

10 Berg, Ronald: Die Ikone des Realen. Zur Bestimmung der Photographie im Werk von Talbot, Benjamin und Barthes. München 2001. S. 70.

11 Frizot, Michel: Neue Geschichte der Fotografie. Köln 1998. S. 555.

12 Ebd. S. 555.

13 Bazin, André: Was ist Kino? Bausteine zur Theorie des Films. Bitomsky, Hartmut (u.a.) (Hrsg.). Köln 1975. S. 21.

14 Bazin, André: Was ist Kino? Bausteine zur Theorie des Films. Bitomsky, Hartmut (u.a.) (Hrsg.). Köln 1975. S. 21.

15 Ebd. S. 21.

16 Ebd. S. 21 -22.

17 Ebd. S. 22.

18 Ebd. S. 22.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Reproduktion in der Fotographie. Walter Benjamins Begriffe des "Reproduzierenden" und des "reproduzierten Bilds"
Untertitel
Eine Analyse
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Einführung in die Fotogeafie und Medienkunst
Note
1,7
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V993835
ISBN (eBook)
9783346358974
ISBN (Buch)
9783346358981
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Fotografie, Reproduktion, Walter Benjamin, Benjamin, Bild, Foto, Bazin
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Die Reproduktion in der Fotographie. Walter Benjamins Begriffe des "Reproduzierenden" und des "reproduzierten Bilds", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993835

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