Bestandsanalyse der transatlantischen sicherheitspolitischen Identität im Jahre 2020. Ein Paradox des identitätsbasierten Konzepts?


Essay, 2020

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie der sicherheitspolitischen Identität und Methode

3. Empirische Praxis - Wie steht es um die transatlantische Identität (Fallanalyse Europäische Union(bzw.Deutschland)undUSA
3.1 Bedrohungswahrnehmung
3.2 Multilaterales handeln
3.3 Einsatz militärischer Gewalt

4. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Durch die Wahl Donald Trumps sind die Transatlantischen Beziehungen in eine weitere Krise geraten und Gemeinsamkeiten aus der 70-jährigen Geschichte werden vielseitig in Frage gestellt. Adaptation war eine der Stärken in der Vergangenheit, womit transatlantische Krisen stets bewältigt werden konnten. Innere Verwerfungen, wie der Irak-Krieg oder die Jugoslawienkriege konnten überstanden werden, ohne das Bündnis zu Bruch zu bringen. Nun scheint gar zum ersten Mal eine Entkopplung von Europa und den Vereinigten Staaten aufgrund innerer Disparitäten im Bereich der Sicherheitspolitik möglich zu sein. Bereits seit der Administration Obama ist zudem eine Verlegung des Fokus der Vereinigten Staaten in Richtung Pazifik festzustellen.

Die Transatlantischen Partner sahen sich seit Ende des 2. Weltkrieges gemeinsam als Teil des „normativen Projekts des Westens“ (Heinrich August Winkler). Sie teilten grundlegende Werte, einen ähnlichen geopolitischen Ordnungsgedanken und kamen politisch meist zu gemeinsamen Lösungen. Dies fand alles auf der gemeinsamen politisch-systemeschen Grundlage der liberalen Demokratie statt.

Der »transatlantischen Wertegemeinschaft« wurde jedoch spätestens seit der NSA-Affäre bereits eine normative Krise attestiert. (Herr; Müller, 2017) Doch scheint es, spätestens seit Donald Trump amtierender Präsident der Vereinigten Staaten ist, dass es weitere Felder der Außen- und Sicherheitspolitik gibt, bei denen diametrale Interessen und Wahrnehmungen vorliegen. Das Bündnis scheint einen neuen Tiefpunkt erreicht zu haben. Aus diesem Grund stellt sich die Frage, ob überhaupt noch eine gemeinsame sicherheitspolitische Identität existiert? Durch folgenden Essay soll in einem ersten Schritt das Konzept der sicherheitspolitischen Identität näher erläutert werden. Hiernach soll durch eine Analyse der empirischen Praxis der Transatlantischen Beziehung anhand des Fallbeispiels USA und der Europäischen Union, beziehungsweise Deutschland, der gegenwärtige Zustand der gemeinsamen sicherheitspolitischen Identität untersucht werden. Die Analyse fokussiert sich hierbei auf die drei von dem Politikwissenschaftler Simon Koschut formulierten Forschungskategorien Bedrohungswahrnehmung, multilaterales Handeln und Einsatz militärischer Gewalt (Koschut, 2013, S. 55).

2. Theorie der sicherheitspolitischen Identität und Methode

Das Forschungsfeld von „Identität“ in den Internationalen Beziehungen wird oftmals dem konstruktivistischen Theorieansatz zugerechnet. Betrachtet man jedoch die verschiedenen Erklärungsansätze der Internationalen Beziehungen so merkt man, dass auch nicht konstruktivistische Theorien auf bestimmten Identitäten beruhen. Identitäten schreiben Staaten und Akteueren stets bestimmte Eigenschaften zu, die ihr Handeln bestimmen. Dies geschieht so beispielsweise auch im Realismus, wenn man Staaten das Merkmal von Machtstreben zuschreibt. Die Vielfalt in der Identitätsforschung führt zu einer theoretischen „Anarchie“ und es ist schwer einheitlich zu definieren, was unter „Identität“ verstanden wird.

Trotz einer fehlenden einheitlichen Definition wird im Folgenden eine grundsätzliche Beschreibung des Terminus „Identität“ in den Internationalen Beziehung eingeführt.

So „beschreibt Identität, was uns gemeinsam ist und ordnet so Individuen in bestimmte soziale Gruppen ein. Zweitens legt Identität aber auch fest, was uns von anderen unterscheidet und grenzt so soziale Gruppen voneinander ab. Gemäß der aus dem Forschungsstand destillierten Konzeption beinhaltet Identität also einen Inside/Outside- Dualismus, der die inneren geteilten Werte, Ideen und Prinzipien widerspiegelt (mirror- identity) und zugleich nach außen hin abgrenzt (wall-identity) (Slocum und Van Lan- genhove 2005, S. 138; vgl. Linklater 2011, S. 10). Drittens beinhaltet Identität für Staaten die Möglichkeit, vielfältige und unter- schiedliche Identitäten einzunehmen und diese in unterschiedlichen sozialen Kontexten zu aktivieren (Risse 2007, S. 51).“ (Koschut, 2013, S.53)

Koschut unterscheidet weitergehend in seiner Arbeit zwischen zwei Herangehensweisen bei dem Identitätskonzept. Dem Essentialismus und dem Konstruktivismus. Grundlegender Unterschied in den Annahmen ist hierbei, dass bei essentialistischer Sichtweise, Identitäten historisch und kulturell gegeben und schwer zu verändern sind. Dahingegen nimmt der konstruktivistische Ansatz jederzeit die Möglichkeit zur Veränderung der Wahrnehmung und Erwartungshaltung an. Jener konstruktivistischer Ansatz soll auch als Annahme für folgenden Essay dienen, da die Möglichkeit zur Veränderungen, wenn nicht sogar zum Verlust der transatlantischen sicherheitspolitischen Identität besteht.

Im Folgenden wird analysiert, ob und wenn ja, wie sich die transatlantische sicherheitspolitische Identität verändert hat oder ob eine solche überhaupt noch besteht. Ausgewählte Akteure dieser Fallanalyse sind die Vereinigten Staaten und die Europäische Union beziehungsweise teilweise Deutschland. Die Datengrundlage welche der Analyse zugrunde gelegt wird, besteht aus verschiedenen Umfragen des amerikanischen Pew Research Center, des deutschen Allenbach Instituts und der Körber Stiftung. Die Inhalte der National Security Strategy der Vere- inigten Staaten aus 2017, sowie die der Global Strategy der Europäischen Union aus 2016 werden zudem als Positionierungen der Regierungen genutzt.

3. Empirische Praxis - Wie steht es um die transatlantische Identität (Fallanalyse Europäische Union (bzw. Deutschland) und USA)

3.1 Bedrohungswahrnehmung

Bei der Bedrohungswahrnehmung stellt sich aus identitärer Perspektive die Frage, ob es gemeinsame externe Feinde und Rivalen gibt beziehungsweise ob es gleiche Wahrnehmungen bei Problemen gibt, die als bedrohlich angesehen werden und die es zu lösen gilt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Pew Research Center 2018

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Pew Research Center 2020

Aus diesem Grund sind hierüber die Ergebnisse zweier Umfragen des Pew Research Centers mit der Frage nach den Hauptbedrohungen für die Vereinigte Staaten und Europa angeführt. Die Umfrage in Europa wurde im Jahr 2018 und die in den Vereinigten Staaten in 2020 durchgeführt. Die Bedrohungskategorie „The spread of infectious diseases" wird nicht beachtet, da sie zum einen nur in der Umfrage in den Vereinigten Staaten aus 2020 aufgeführt ist und zum anderen wohl stark durch die aktuelle Corona-Pandemie bedingt ist. Interessant ist, dass die zentralen Bedrohungen der Vereinigten Staaten zumeist militärischer Natur sind. In Europa hingegen sind die Bedrohungen deutlich diverser und allgemein ist die Bedrohungswahrnehmung auf einem deutlich niedrigeren Niveau, was an den niedrigeren Prozentwerten zu erkennen ist. Zwei weitere auffallende Unterschiede an Bedrohungen sind der Klimawandel und die Stärke sowie der Einfluss China's. Der Klimawandel wird mit 71% als größte Bedrohung in Europa angesehen. Für die amerikanische Bevölkerung steht dies nur an sechster Stelle mit 60%. In den USA haben dahingegen fast doppelt so viele Menschen China als Bedrohung eingeordnet wie in Europa. So ist bereits zu erkennen, dass eine unterschiedliche Bedrohungswahrnehmung in Deutschland und den Vereinigten Staaten vorhanden ist. Auch gerade diese beiden Umfragen in der Zivilgesellschaft zeigen wieder, dass die Vereinigten Staaten eher ein zentriertes Bild auf militärische Bedrohungen im Gegensatz zu ihren europäischen Partnern haben, wo jenes deutliche diverser ist.

Noch stärker fällt diese Feststellung unter politischen Eliten statt. Folgende Gegenüberstellung vergleicht die Bedrohungswahrnehmung anhand zweier zentraler Strategiepapiere, der National Security Stratege der USA aus 2017 und der Global Strategy der EU aus 2016.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Wie 2010 durch Koschut bereits konstatiert, ist diese „monolithische Bedrohungswahrnehmung“ der Vereinigten Staaten bereits seit Ende des Kalten Krieges zu erkennen.

Im Kontrast zum Auszug der NSS 2017 wird dem strate- gischen Papier der EU ein „erweiterter Sicherheitsbegriff ‘ zugrunde gelegt, der nicht nur primär auf militärischen Gefahren basiert.

Der jährlich erscheinenden „Sicherheitsreport“ des Allenbach Instituts hat in einer Frage die deutsche Bevölkerung nach den Ländern gefragt, von denen zur Zeit die größte Gefahr für den Weltfrieden ausgehen. Mit Ländern wie dem Iran oder Nordkorea war zu rechnen, doch erstaunlicherweise werden die USA mit 61% auf den zweiten Platz der Länder gewählt die als eine Bedrohung für den Weltfrieden angesehen werden. Dies überrascht, da die USA als westlicher Verbündeter Deutschlands und der gesamten Europäischen Union gelten. Wenn ein solcher Partner selbst für als große Gefahr für den Frieden gilt, kann man dies wohl als Störung einer gemeinsamen sicherheitspolitischen Identität werten. Dies mag aber möglicherweise auch mit der militärischen Einsatzbereitschaft der Vereinigten Staaten zusammenhängen, wozu später noch mehr gesagt werden wird.

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Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Bestandsanalyse der transatlantischen sicherheitspolitischen Identität im Jahre 2020. Ein Paradox des identitätsbasierten Konzepts?
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Autor
Jahr
2020
Seiten
13
Katalognummer
V993991
ISBN (eBook)
9783346364579
ISBN (Buch)
9783346364586
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bestandsanalyse, identität, jahre, paradox, konzepts
Arbeit zitieren
Marius Heil (Autor), 2020, Bestandsanalyse der transatlantischen sicherheitspolitischen Identität im Jahre 2020. Ein Paradox des identitätsbasierten Konzepts?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993991

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