Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren als Fördermaßnahme. Möglichkeiten und Grenzen bei Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung in der sozial-emotionalen Entwicklung


Bachelorarbeit, 2020

49 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Therapeutisches Reiten
1.1 Geschichtliche Entwicklung des Therapeutischen Reitens
1.2 Bereiche des Therapeutischen Reitens

2 Heilpädagogische Arbeit mit dem Pferd
2.1 Ausbildung des Reit- oder Voltigierpädagogen
2.2 Das Therapiepferd.
2.3 Beziehungsdreieck im Heilpädagogischen Reiten und Voltigieren
2.3.1 Pädagoge und Pferd 12
2.3.2 Klient und Pädagoge 12
2.3.3 Klient und Pferd 13
2.4 Förderbereiche des Heilpädagogischen Reitens und Voltigierens
2.4.1 Sensomotorische Ebene 15
2.4.2 Kognitive Ebene 15
2.4.3 Sozial-emotionale Ebene 16

3 Beeinträchtigungen in der sozial-emotionalen Entwicklung
3.1 Definition
3.2 Aggressives Verhalten
3.3 Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung
3.4 Ängstliches und sozial zurückgezogenes Verhalten

4 Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren als Fördermaßnahme bei Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung in der sozial-emotionalen Entwicklung
4.1 Förderung auf emotionaler Ebene
4.2 Förderung auf sozialer Ebene
4.3 Förderung auf kognitiver Ebene
4.4 Förderung auf sensomotorischer Ebene

5 Kritische Betrachtung des HPRV

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Gender-Erklärung

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Bachelorarbeit die Sprachform des generischen Maskulinums angewandt. Es wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form geschlechtsunabhängig verstanden werden soll.

Einleitung

„Das Pferd als Reittier trägt. Es trägt uns mit all unseren Lasten, Bedrängnissen und Nöten - es findet uns nicht unerträglich“ (Pietrzak 2001,61).

Dieser Satz gilt wohl als der am besten zutreffende zur Heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd. Er beschreibt die Grundvoraussetzung des Wesens Pferd und dessen Akzeptanz den Menschen gegenüber, mit egal welchen Voraussetzungen sie kommen. Diese Akzeptanz machen sich die Pädagogen im Therapeutischen Reiten zu Nutze und bauen darauf auf. Kinder mit Beeinträchtigung in der sozial-emotionalen Entwicklung haben es meist schwer, in ihrer Umwelt Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren. Häufig stoßen sie auf Ablehnung oder werden gar bestraft für ihr vermeintlich störendes Verhalten. Die Fragestellung der Arbeit deswegen lautet: Wie wirkt sich das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren (HPRV) als Fördermaßnahme bei Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung in der sozial-emotionalen Entwicklung aus?

Der Einsatz des Pferdes in der Pädagogik beruht auf der Erkenntnis, dass Pferde eine wohltuende Wirkung auf Körper und Seele des Menschen haben. Da ich selbst das Reiten mit sechs Jahren begonnen habe und ich seit einiger Zeit selbst unterrichte, kann ich diese Wirkung des Pferdes auf den Menschen nur bestätigen. Meine Erfahrungen mit diesen Tieren umzugehen, Verantwortung für sie zu übernehmen und sie zu reiten haben dazu geführt, dass ich Pferde immer als verlässliche Partner erlebe, welche mir in jeder Situation Stabilität vermitteln und eine Rückzugsmöglichkeit bieten. Durch inklusive Reitprojekte und die eigene Ausbildung über das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) zur staatlich anerkannten Fachkraft im Bereich der Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd (HFP), konnte ich immer wieder erleben, wie die Kinder durch die Arbeit mit dem Pferd und den Pädagogen emotional gestärkt werden und soziale Fertigkeiten im Umgang mit anderen Menschen erlernen. Diese Erfahrungen haben mich dazu veranlasst, meinen Themenschwerpunkt im Studium auf diesen Bereich zu legen und meine Bachelorarbeit zu diesem Thema zu verfassen.

Diese Arbeit befasst sich mit der heilpädagogischen Fördermaßnahme des HPRV bei Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung der sozial-emotionalen Entwicklung. Die Zielgruppe Kinder und Jugendliche wurde ausgewählt, da hier aufgrund der frühen Förderung die größten Chancen bestehen die Entwicklung positiv zu beeinflussen. Zudem gibt es zu dieser Zielgruppe die meisten Erfahrungsberichte.

Momentan befindet sich das Therapeutische Reiten in einem Umbruch. Es wird anhand einer angelegten empirischen Untersuchung versucht die Wirksamkeit des HPRV nachzuweisen. Ein geeignetes Messinstrument wurde allerdings noch nicht abschließend entwickelt. Aufgrund der Neuerungen und nicht abgeschlossenen Studien, gibt es kaum aktuelle Literatur diesbezüglich. Einige der Autoren weisen darauf hin, dass ihre Ausführungen hauptsächlich auf eigenen Erfahrungen beruhen. Aufgrund des Mangels an repräsentativen aussagekräftigen Wirksamkeitsstudien stößt diese Maßnahme bisher, im Gegensatz zu anderen pädagogischen oder heilpädagogischen Maßnahmen, bei den Kostenträgern auf wenig Akzeptanz.

Das Ziel dieser Arbeit ist es die Wirkung des HPRV als Fördermaßnahme im sozialemotionalen Bereich hervorzuheben und aufzuzeigen.

Die Arbeit beginnt mit einem Ausblick auf das „Therapeutischen Reiten" im Allgemeinen. Da die heilende Wirkung des Pferdes seit langer Zeit bekannt ist, wird zunächst ein Einblick über die geschichtliche Entwicklung des Therapeutischen Reitens gegeben. Anschließend wird in diesem Kapitel die Vierteilung des „Therapeutischen Reitens" angeschnitten und besonders auf das HPRV eingegangen.

Danach folgt ein ausführliches Kapitel zum Thema: „Heilpädagogische Arbeit mit dem Pferd". Hier werden die Grundlagen des HPRV behandelt, zu denen sowohl die Erläuterung der Ausbildung zum Reit- oder Voltigierpädagogen als auch die Kriterien, die ein Therapiepferd in Bezug auf körperliche und charakterliche Eigenschaften erfüllen sollte, gehören. Zudem wird in diesem Kapitel auch auf die spezielle Beziehungskonstellation zwischen Kind, Pädagoge und Pferd eingegangen. Abschließend werden in diesem Kapitel die drei Förderbereiche des HPRV dargelegt und erläutert, welche Kompetenzen auf den einzelnen Ebenen gefördert werden können.

Da sich diese Bachelorarbeit mit der Frage auseinandersetzt, was das HPRV bei Kindern mit Beeinträchtigungen der sozial-emotionalen Entwicklung bewirken kann, wird in Kapitel drei zunächst der Begriff der sozial-emotionalen Beeinträchtigung definiert sowie die daraus folgenden Probleme der Kinder in ihrem Alltag beschrieben. Anschließend werden drei der bei der Klientel des HPRV besonders häufig vorkommende sozial-emotionalen Beeinträchtigungen (Aggressives Verhalten, Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts- Störung und Ängstliches und Sozial zurückgezogenes Verhalten) näher ausgeführt.

In dem hieran anschließenden vierten Kapitel wird die Wirkung erläutert, die das HPRV als Fördermaßnahme auf die einzelnen Ebenen zeigt. Der Förderschwerpunkt liegt auf der emotionalen und sozialen Ebene. Dennoch dürfen die kognitive und die sensomotorische Ebene nicht außer Acht gelassen werden, da Störungen, die sich auf der emotionalen und sozialen Ebene zeigen, ihren Ursprung in kognitiven und motorischen Mängeln haben können. Es folgt eine kritische Betrachtung des HPRV und zum Abschluss ein Fazit.

1 Therapeutisches Reiten

Wie in der Einleitung bereits erläutert wurde, wird zunächst allgemein auf das Therapeutische Reiten eingegangen. Dies ist relevant um die umfangreiche Bedeutung des Einsatzes des Mediums Pferd in den Grundlagen begreifen und verstehen zu können. Es wird beschrieben wie die heilende Wirkung des Pferdes entdeckt wurde, wie sie sich entwickelte und wie das Pferd auch heute noch in anderen Bereichen, außer dem des Heilpädagogischen Reitens und Voltigierens, eingesetzt wird.

1.1 Geschichtliche Entwicklung des Therapeutischen Reitens

Das Pferd ist bereits seit ca. 5000 Jahren ein Begleiter des Menschen. Überlieferungen zufolge hat der Mensch in dieser Zeit das Pferd gezähmt und es zunächst als Nutztier gebraucht. Als Reittier wurde das Pferd ab etwa 500 v. Chr. verwendet. Hippokrates, ein griechischer Arzt (um 400 v. Chr.), erkannte den „heilsamen Rhythmus des Reitens”, zunächst für Menschen mit physischen Leiden, bemerkte jedoch auch eine harmonisierende Wirkung im psychischen Bereich (vgl. Kupper-Heilmann 1999, 12). Dieser Wirkung wurde allerdings über Jahre hinweg keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Nach dem zweiten Weltkrieg setzte man Kriegsversehrte wieder auf ein Pferd. Diese wurden dann in Rehabilitationskliniken eingesetzt und man wurde auf die Therapiemöglichkeiten für beeinträchtigte Menschen aufmerksam (vgl. Vogel 1987, 26). Zwischen 1960 und 1970 entdeckten auch Pädagogen und Psychologen das Pferd als Medium zur Förderung von Kindern mit Verhaltens- und Entwicklungsstörungen (vgl. Kupper-Heilmann 1999, 13).

Aufgrund der zunehmenden Bedeutung der Hippotherapie, sowie des Heilpädagogischen Reitens und Voltigierens, wurde 1970 das Kuratorium für Therapeutisches Reiten gegründet (vgl. Kaune 2006a, 14). Dieses wurde 1992 umbenannt in Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR). Hier erarbeiten Ärzte, Krankengymnasten, Pädagogen, Sonderpädagogen, Psychologen und Sportwissenschaftler wissenschaftliche Grundlagen und die Fort- und Weiterbildung von Fachkräften. Ferner sorgen sie für Information und Betreuung sowie für die Regelung der Kostenübernahme (vgl. Horstmann 2009, 67).

1.2 Bereiche des Therapeutischen Reitens

Das Therapeutische Reiten gliedert sich in vier Bereiche: Die Hippotherapie, das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren (die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd), die Ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd und das Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung (vgl. DKThR 2019). In dieser Arbeit liegt der Fokus auf dem HPRV.

Klüwer entwarf 2005 eine Abbildung zur Verdeutlichung des Therapeutischen Reitens.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Klüwer 2005, 17)

Die Abbildung zeigt die Zuordnung der Bereiche zur Medizin, Pädagogik/Psychologie und zum Sport. Die Grafik zeigt auch die jeweiligen Zielsetzungen und Zielgruppen, den Einsatz des Pferdes sowie die dazugehörenden Berufsgruppen, wobei es jeweils zu Überschneidungen kommen kann (vgl. Klüwer 2005, 16). So enthält zum Beispiel die Hippotherapie auch Elemente der Pädagogik, das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren hat einen gesundheitsfördernden und sportlichen Aspekt und das Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung zeigt sowohl positive gesundheitliche als auch pädagogischpsychologische Auswirkungen. Die Übergänge sind fließend und somit sollten sich die beteiligten Berufsgruppen den jeweils anderen gegenüber offen zeigen (vgl. Vogel 1987, 28). Die Grafik ist von links nach rechts zu lesen. Die in dem Schema aufgezeigten Pfeile bei „Zielgruppe” zeigen, dass es möglich ist, in den jeweils angrenzenden Bereich zu wechseln, unter Umständen bis zum allgemeinen Reitsport (vgl. Klüwer 1998, 20).

Zwar ist in der Grafik von Klüwer die Berufsgruppe der Ergotherapeuten angegeben, sie wird dort aber noch nicht als eigener, vierter Bereich anerkannt. Dies geschieht erst 2005 durch das DKThR (vgl. DKThR 2019).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei Aufnahme in die durch das DKThR 2019 überarbeitete und angepasste Grafik erscheint das Feld der ergotherapeutischen Behandlung mit dem Pferd als Parallelstück zur Hippotherapie und Zwischenstück zur Heilpädagogischen und Pädagogischen Förderung mit dem Pferd. Auch werden hier die Institutionen ergänzt, welche an einer Förderung durch das Therapeutische Reiten beteiligt sein können. Zudem werden die Voraussetzungen wie Bewegungsfluss, antwortendes Verhalten, Bewegungsdialog und artspezifisches Verhalten in der Gruppe, die ein Therapiepferd mitbringen sollte, kurz aufgelistet. Besonders wichtig für diese Arbeit ist jedoch, dass ebenso auch die Wirksamkeit des Pferdes auf die Klienten erläutert wird.

In dieser Arbeit wird der Fokus auf das HPRV gelegt, auch heilpädagogische Förderung mit dem Pferd genannt. Er ist der zweite Bereich des Therapeutischen Reitens.

Unter dem Begriff Heilpädagogisches Voltigieren und Reiten werden pädagogische, psychologische, psychotherapeutische, rehabilitative und sozio-integrative Angebote mit Hilfe des Pferdes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit verschiedenen Behinderungen und Störungen zusammengefasst. Dabei steht nicht die reitsportliche Ausbildung, sondern die individuelle Förderung über das Medium Pferd im Vordergrund, das heißt vor allem eine günstige Beeinflussung der Entwicklung, des Befindens und des Verhaltens. Im Umgang mit dem Pferd, beim Voltigieren oder beim Reiten, wird der Mensch ganzheitlich angesprochen: körperlich, emotional, geistig und sozial. (Kaune 2006a, 13)

Bei der Hippotherapie dagegen handelt es sich um eine ärztlich verordnete und überwachte krankengymnastische, bewegungstherapeutische und pferdegestützte Maßnahme auf neurophysiologischer Grundlage, die das Pferd als Medium einsetzt (vgl. Kaune 2006a, 12). Auch beim Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung wird der Fokus nicht auf ganzheitliche Therapie gelegt. Hier haben sportfähige, behinderte Menschen die Möglichkeit das Reiten als Freizeit- und Turniersport, in allen Bereichen des Reitsports, zu erleben (vgl. Kupper-Heilmann 1999, 13). Gleichermaßen setzt auch die „Ergotherapeutische Behandlung am Pferd" nicht auf die Ganzheitlichkeit in der Therapie. Ihr Fokus liegt auf der Förderung von Menschen mit unterschiedlichen Auffälligkeiten und Beeinträchtigungen auf der Basis der sensorischen Integrationsbehandlung mit Hilfe des Pferdes in den Bereichen Wahrnehmung, Motorik, Beziehungsgestaltung sowie dem Aufbau von Selbständigkeit.

Unter dem Heilpädagogischen Voltigieren versteht man turnerische Übungen (Einzel- oder Partnerübungen) und Geschicklichkeitsübungen auf dem Pferd. Das Pferd ist hierfür ausgerüstet mit einer Decke und einem angepassten Gurt mit Haltegriffen. Es wird in einem Kreisbogen in allen drei Gangarten an der Longe (lange Leine) geführt. Beim Heilpädagogischen Reiten dagegen, handelt es sich um spielerische Übungen rund um und auf dem Pferd. Das Pferd ist hierfür mit einem Sattel ausgerüstet. Je nach Spielen oder auch dem Können des Kindes wird das Pferd von Helfern geführt oder die Kinder nehmen die Zügel selbst in die Hand, wobei sie hier selbständig auf das Pferd einwirken können (vgl. Pietrzak 2001, 30)

Zielgruppen des HPRV sind Personen mit geistiger und sozial-emotionaler Beeinträchtigung, Menschen mit Beeinträchtigung des Lernverhaltens, der Wahrnehmung und der Bewegung, Menschen mit Beeinträchtigung der Sprache, psychischen sowie mit psychosomatischen Erkrankungen (vgl. Kaune 2006a, 14). Weiterhin sind auch Seh- und Hörbeeinträchtigte Klienten des HPRV (vgl. Kröger 1998, 105). Heilpädagogische Maßnahmen werden angeboten in Kindergärten, Regel- und Sonderschulen, Heimen, Beratungsstellen, schulpsychologischen Diensten, Kliniken (Kinder- und Jugendpsychiatrien), Reitvereinen und privaten Einrichtungen (vgl. Kaune 2006a, 14). Die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd wird von Fachkräften wie Psychologen, Psychotherapeuten oder Pädagogen, die eine Weiterbildung zum Reit- und Voltigierpädagogen absolviert haben, durchgeführt. Bezüglich des Einsatzes des Pferdes und seiner Ausrüstung gibt es beim HPRV ein breites Spektrum, welches von den Zielgruppen und den Schwerpunkten der Zielsetzung abhängt. Hiervon abhängig wiederum sind auch der Grundberuf des Übungsleiters sowie die Entscheidung über Gruppen- oder Einzeltherapie (vgl. Klüwer 2005, 16). Ein weiterer Schwerpunkt beim HPRV liegt neben dem Reiten und Voltigieren auch bei der Vor- und Nachbereitung des Pferdes, also zum Beispiel dem Putzen des Pferdes oder der Verrichtung kleinerer Stallarbeiten (vgl. Hoffmann 1999, 76). Wichtig ist grundsätzlich, dass die Klienten ein Mitwirkungsrecht an der Gestaltung der Stunden haben, dass die Themen der Kinder aufgegriffen und die sachorientierte Partnerschaft als Grundlage des pädagogischen Handels dient (vgl. Gäng 2016, 271 f.). Zudem ist ein aktives Präsent sein und bleiben besonders relevant. Auch müssen Erfahrungen durch den Pädagogen zugelassen und ressourcenorientiert gearbeitet werden (vgl. ebd., 272ff).

2 Heilpädagogische Arbeit mit dem Pferd

Nachdem im ersten Kapitel eine Übersicht über das weite Feld des Therapeutischen Reitens gegeben wurde, wird nun der Fokus nochmals spezifischer auf das HPRV gelegt. Zu Beginn werden die Grundlagen zur Durchführung des HPRV und die Ausbildung der Fachkräfte erläutert. Es folgt ein Unterkapitel über die Auswahl eines geeigneten Therapiepferdes sowie ein Überblick über das Beziehungsdreieck vom Pädagogen, dem Kind und dem Pferd. Letztlich werden die verschiedenen Förderbereiche vorgestellt.

2.1 Ausbildung des Reit- oder Voltigierpädagogen

Da die Fachkräfte, die mit der Leitung des Heilpädagogischen Reitens und Voltigierens betraut sind, eine große Verantwortung gegenüber ihren Klienten, aber auch gegenüber dem Pferd haben und um mit ihren Maßnahmen Erfolge zu erzielen, benötigen sie, auf der Grundlage ihres Grundberufs, eine qualifizierte Weiterbildung. Führend hierin ist das DKThR. Es gibt auch weitere Einrichtungen und Vereine, die eine solche Ausbildung anbieten. Hier fehlt es jedoch sowohl an einer Einheitlichkeit bezüglich der Vorkenntnisse als auch an den Anforderungen im pädagogischen wie im reiterlichen Bereich. Auch gibt es über das DKThR die einzige Möglichkeit eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Fachkraft für die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd wahrzunehmen (vgl. DKThR 2019). Daher wird nachfolgend ausschließlich auf die Ausbildungsmaßnahmen des DKThR Bezug genommen.

Die Voraussetzung für die Ausbildung zur staatlich anerkannten Fachkraft im HPRV ist der Abschluss eines einschlägigen Fachschulbildungsganges des Sozialwesens oder eine gleichwertige pädagogische bzw. psychologische Ausbildung. Bezüglich der reiterlichen Kenntnisse wird der Trainer C Schein im Reiten oder Voltigieren verlangt. Vor Kurzem hat das DKThR eine eigene pferdefachliche Qualifikation entwickelt (Qualifikation zum Umgang mit dem Pferd im sozialen und gesundheitlichen Bereich - kurz: UPSG), die ebenfalls als Eingangsvoraussetzung in die Weiterbildungen gilt und explizit auf die diese eingeht und vorbereitet (vgl. DKThR 2019).

Zum Inhalt der Ausbildung gehört zunächst das Erlernen des Erhebens einer Anamnese. Auch die anschließende Planung und Durchführung der einzelnen Stunden sowie die Dokumentation hierüber werden gelehrt. Weiterhin werden Kenntnisse über Früh- und Einzelförderung, über die Arbeit in unterschiedlichen Settings mit unterschiedlichen Zielgruppen, die pädagogische Haltung sowie Selbsterfahrung und kollegiale Beratung vermittelt. Ein weiterer Ausbildungsschwerpunkt ist das Therapiepferd, zum Beispiel die Auswahl und Ausbildung des Pferdes, das Erkennen der charakterlichen Eigenschaften usw.

2.2 Das Therapiepferd

Für das Therapeutische Reiten brauchen allerdings nicht nur die Pädagogen eine spezielle Ausbildung, sondern auch die Pferde. Pferde, die in der heilpädagogischen oder therapeutischen Arbeit einbezogen sind, haben bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen. Dies bezieht sich auf den Körperbau und vor allen Dingen auf die charakterlichen Eigenschaften, die so ausgebildet sein müssen, dass eine Beziehungsaufnahme zwischen dem Menschen und dem Pferd angeregt wird und höchstmögliche Sicherheit für Reiter und Pferd besteht (vgl. Pauel, Urmoneit 2015, 80ff). Die Größe des auszuwählenden Pferdes richtet sich nach der Körpergröße des Kindes. Es sollte für das Kind gut erreichbar sein. Dies ist besonders beim Umgang mit dem Pferd, wie z.B. beim Putzen, relevant und sollte eine bestmögliche selbstständige Arbeit des Kindes mit dem Pferd fördern. Wiederum sollte es nicht zu klein gewählt werden, damit es das Gewicht des Kindes, auch über das Älterwerden, tragen kann. Somit kann eine längerfristige Beziehung entstehen, Stabilität vermittelt und ein Pferdewechsel nach kurzer Zeit vermieden werden (vgl. Pauel 2005, 158). Die Körpergröße des Pferdes hat ebenfalls Einfluss auf sein Bewegungsmuster. Ponys und kleine Pferde haben beispielsweise eine hohe Bewegungsfrequenz. Ihre Bewegungen sind allerdings flach, das heißt, sie haben eine kleine Bewegungsamplitude. Große Pferde hingegen haben eine niedrige Bewegungsfrequenz, dafür jedoch eine größere Bewegungsamplitude (vgl. Pauel; Urmoneit 2015, 83). Hier muss der Therapeut entscheiden, welche Art der Bewegung für seinen Klienten die geeignetste ist (vgl. Gultom- Happe; Struck 2006, 30).

Weitere wichtige Eigenschaften sind die psychische Belastbarkeit des Pferdes und ein kooperatives regulierbares Temperament. Es sollte nervenstark, gleichzeitig aber auch sensibel sein (vgl. Jenzer 2009, 46). Sensibilität ist ein wichtiges Kriterium eines Therapiepferdes. Hierunter fällt die Lernfähigkeit des Pferdes und die Fähigkeit zur Mitarbeit, aber auch die Fähigkeit, einmal Unmut zu zeigen und auf schlechte Behandlung durch den Klienten zu reagieren. Letztendlich ist dies auch eine Rückmeldung an den Klienten über sein falsches Handeln, die durchaus erwünscht ist (vgl. Kröger 1998, 106). Die Kinder sollten lernen, diese Eigenarten eines Pferdes zu erkennen und diese bei dem Umgang mit dem Pferd zu berücksichtigen. Dies fördert die Empathie und das Feingefühl (vgl. Pauel; Urmoneit 2015, 33ff).

Grundsätzlich ist es von Vorteil, wenn der Pädagoge aus mehreren Pferden mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften für seine Klienten das passende Pferd auswählen kann. So wird man für ängstliche Kinder ein eher ruhiges, gutmütiges Tier auswählen, welches Vertrauen schenkt und hyperaktiven Kindern dagegen gibt man ein etwas eigenwilligeres Tier, welches den Kindern durch seine Reaktion ihre Grenzen aufzeigt (vgl. Deppisch 1996, 191).

2.3 Beziehungsdreieck im Heilpädagogischen Reiten und Voltigieren

Nachdem nun einiges über die Ausbildung des Pädagogen und die Eigenschaften des Pferdes beschrieben worden ist, ist es nun wichtig zu verstehen warum diese gute Ausbildung und das richtige Therapiepferd unabdinglich sind. Bei der Heilpädagogischen Arbeit mit und auf dem Pferd wird die pädagogische Beziehungssituation des Pädagogen und des Kindes um einen „Dritten", nämlich dem Pferd, erweitert. Somit entsteht eine dreidimensionale Beziehungssituation, das sogenannte „Beziehungsdreieck" Pferd - Kind - Pädagoge, welches „trianguläre Interaktionen" ermöglicht. Die Interaktionspartner stehen hierbei in dynamischen Wechselbeziehungen zueinander (vgl. Schulz 2005, 25ff). Kupper- Heilmann (1999, 39) fasst dies wie folgt zusammen:

In der Beziehungsarbeit mit dem Pferd, welche den Umgang mit dem Pferd und das Reiten umfasst, treffen zwei in der Regel verbal miteinander kommunizierende Menschen und das non-verbal sich mitteilende Pferd in Form einer triadischen Beziehung aufeinander.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Schulz 2005, 28)

Innerhalb dieses Beziehungsdreiecks sollte das hauptsächliche Lern- und Erfahrungsfeld zwischen Kind und Pferd liegen. Aufgabe des Pädagogen ist es, hierbei sinnvoll unterstützend zur Seite zu stehen (vgl. Gultom-Happe; Struck 2006, 35). Um die Konstellationen besser verstehen und einordnen zu können, werden diese einzeln genauer erläutern, wie die Interaktionen und die Beziehungen aufgebaut sind und zueinanderstehen. Zu Beginn wird das Verhältnis zwischen dem Pädagogen und dem Pferd beschrieben, danach folgt die Konstellation Klient und Pädagoge und zum Abschluss die Beziehung zwischen dem Klient und dem Pferd

2.3.1 Pädagoge und Pferd

Wie zu Beginn erläutert muss ein Therapiepferd gewisse Voraussetzungen mitbringen. Zum einen muss es beziehungsfähig sein. Diese Beziehungsfähigkeit bringt das Pferd gegenüber dem Pädagogen ein. Dieser muss auf die Beziehung eingehen, diese erwidern und dafür sorgen, dass das Pferd sich in seinem vorgegebenen Lebensraum wohlfühlt (vgl. Voßberg 1998, 178). Zudem muss der Pädagoge parallel dauerhaft klare, bewusste und eindeutige Signale an das Pferd senden, Sicherheit suggerieren und als „Leittier" Dominanz ausstrahlen. Durch akustische, taktile und optische Signale kommuniziert der Pädagoge mit dem Pferd. Über diese non-verbale Kommunikation erfährt das Pferd Anerkennung, Wertschätzung und Abgrenzung (vgl. ebd.).

Es muss gewährleistet sein, dass der Pädagoge sicher im Umgang mit dem Pferd ist, damit sich auch diese Souveränität und Sicherheit auf den Klienten übertragen kann. Ebenso muss sichergestellt werden, dass das Pferd die akustischen, taktilen und optischen Signale des Pädagogen gehorsam annimmt (vgl. Kaune, G.; Kaune, W. 2006, 98).

Der Kontakt und Umgang mit dem Pferd seitens des Pädagogen sollte immer fair und partnerschaftlich erfolgen, um damit zu einem nachahmenswerten Modell für das Kind zu werden (vgl. Schulz 2005, 29). Durch diese Vorbildfunktion zeigt der Pädagoge, dass jeder Beteiligte des triangulären Beziehungsgeflechts Schutz und Respekt erhält. Ein weiterer wichtiger Punkt in der Kommunikation des Pädagogen und des Pferdes ist, dass das Pferd dem Pädagogen ermöglicht, Rückschlüsse über Stimmung und Zustand des Kindes zu ziehen. So kann das Pferd müde wirken, aber auch hektisches oder aggressives Verhalten zeigen, wenn ein Kind sich dementsprechend verhält. Ebenso zeigt es durch eigenes An- und Abspannen die Spannungen der Kinder an (vgl. Kupper-Heilmann 1999, 40f.).

2.3.2 Klient und Pädagoge

Der Pädagoge hilft dem Klienten beim Kontakt- und Beziehungsaufbau zum Pferd. Er übernimmt hier eine Vermittlerrolle, indem er dem Klienten das Verhalten des Pferdes verständlich macht und die ganzheitlichen Erfahrungen mit und auf dem Pferd ermöglicht. Erst hierdurch können die Qualitäten des Pferdes in dem Förderprozess wirksam werden (vgl. Gultom-Happe; Struck 2006, 35). Dies sollte seitens des Pädagogen jedoch zurückhaltend geschehen, da das Pferd dem Pädagogen die Vermittlung wichtiger Beziehungsinhalte weitgehend abnimmt (vgl. Voßberg 1998, 179). Damit sich zwischen dem Pädagogen und dem Klienten ein Vertrauensverhältnis bilden kann, ist es unerlässlich, dass sich der Pädagoge verlässlich in seinem Verhalten zeigt und sich an Absprachen hält. Er muss dem Klienten vermitteln, dass er als Person mit all seinen individuellen Charaktereigenschaften angenommen und wertgeschätzt wird und es damit dem Pferd gleichtun, welches keine Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung macht, solange man es gut behandelt (vgl. Gultom-Happe; Struck 2006, 35f).

Die Beziehung zwischen dem Klienten und Pädagogen sollte sich auf der Grundlage der sogenannten „sachorientierten Partnerschaft“ abspielen. Dieses Konzept geht von der Annahme aus, dass ein demokratischer Erziehungsstil, gerade bei Kindern mit Beeinträchtigung der sozial-emotionalen Entwicklung, besonders geeignet sei, die Kinder anzuleiten, Selbstverantwortung für ihr Handeln und Verhalten zu übernehmen (vgl. Kröger 2005c, 30). Bei den HPRV-Stunden sollte sich also eine partnerschaftliche, das heißt eine auf gegenseitige Wertschätzung aufgebaute Beziehung zwischen dem Klienten und dem Pädagogen entwickeln. Die Interventionen seitens des Pädagogen sollten immer sachorientiert, das heißt auf das Pferd und das Reiten bezogen, erfolgen. Somit kann der Pädagoge mit Hilfe des Pferdes Impulse für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes setzen. Eine zu stark personenorientierte Partnerschaft führt bei den ohnehin verunsicherten Kindern nicht zu der gewünschten Selbstsicherheit und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Grundsätzlich gilt allerdings, dass „je jünger oder behinderter ein Kind ist, desto mehr Personenorientierung muss zugelassen werden, damit Beziehungen wachsen können und Vertrauen möglich wird“ (ebd., 32). In der „sachorientierten Partnerschaft“ sollten alle Partner gemeinsam die Ziele und Ergebnisse ihrer Zusammenarbeit möglichst nah an der Sache diskutieren und letztendlich die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen tragen (vgl. ebd., 38). Durch das Verhalten des Pädagogen dem Pferd und den anderen Klienten gegenüber erlernt das Kind, wie man eine partnerschaftliche Beziehung führt. Der Pädagoge übernimmt hier also eine Modellfunktion (vgl. Hamsen 2005, 21).

2.3.3 Klient und Pferd

Im HPRV kommt der Beziehung zwischen dem Klienten und Pferd eine besondere Rolle zu, die sich durch die spezielle Wirkungsweise des Pferdes auf Menschen erklären lässt und damit einen Beziehungsaufbau zwischen dem Menschen und dem Tier ermöglicht. Aufgrund seiner Körper- und Verhaltenssignale hat das Pferd einen hohen „Aufforderungscharakter“ zur Beziehungsaufnahme und lässt - wenn es entsprechend ausgebildet und trainiert ist - den Menschen positive Beziehungsinhalte erleben. Es vermittelt diese durch „Zuwendung“ sowie durch seine „Eindeutigkeit und Offenheit“. Seine Zuwendung zeigt das Pferd durch Blickkontakt, Körperkontakt, Wärme, Dienstbereitschaft und auch durch seine Hilfsbedürftigkeit (vgl. Voßberg 1998, 167ff). Seine Eindeutigkeit zeigt sich durch die emotionalen Empfindungen, die an seinem Verhalten, seinem Körper und seinen Bewegungen ablesbar sind. Zur Eindeutigkeit gehören Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Authentizität, Zuverlässigkeit und Echtheit. Seine Offenheit zeigt das Pferd, in dem es sich auf Beziehungen einlässt und sich für viele Tätigkeiten ausbilden lässt, sofern es artgerecht gehalten wird und sich wohl fühlt (vgl. Voßberg 1998,170f). Pferde sind in ihrem Verhalten konstant und verlässlich. Sie reagieren auf Stimme und Stimmungen und zeigen dies auch, indem sie ausführen, was man von ihnen verlangt. Sie können aber auch Angst oder Unruhe zeigen (vgl. Gäng 1998a, 24).

[...]

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren als Fördermaßnahme. Möglichkeiten und Grenzen bei Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung in der sozial-emotionalen Entwicklung
Hochschule
Universität zu Köln
Autor
Jahr
2020
Seiten
49
Katalognummer
V994008
ISBN (eBook)
9783346364517
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heilpädagogisches, reiten, voltigieren, fördermaßnahme, möglichkeiten, grenzen, kindern, jugendlichen, beeinträchtigung, entwicklung
Arbeit zitieren
Julia Foerum (Autor), 2020, Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren als Fördermaßnahme. Möglichkeiten und Grenzen bei Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung in der sozial-emotionalen Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/994008

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