Zerfall des Iraks in Folge des Dritten Golfkrieges 2003

Ein konstruktivistischer Ansatz


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Möglichkeiten einer konstruktivistischen Ansatzes

3. Erläuterung des Fallbeispiels
3.1 Die Geschichte des Irak
3.2 Der Irakkrieg

4. Anwendung des konstruktivistischen Ansatzes auf das Fallbeispiel

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand dieser Hausarbeit ist der Zerfall des Iraks und seine Hintergründe im Kontext des dritten Golfkrieges im Jahre 2003. Dieser Zeitraum ist gerade deswegen von Bedeutung, da sich aus diesen Ereignissen heraus die Konturen des Islamischen Staates bildeten.1 Es ist daher von besonderem Interesse, die Ursachen dieses Phänomens nachzugehen, um mögliche Muster zu erkennen, weshalb sich Organisationen dieser Art entwickeln. Dies soll anhand eines konstruktivistischen Ansatzes geschehen.

Zunächst werden die Möglichkeiten eines konstruktivistischen Ansatzes als Theorie der Internationalen Beziehungen erläutert und wieso gerade dieser in Hinblick des Fallbeispiels einen potenziell neuen Blickwinkel bieten könnte. Darauffolgend wird die Geschichte des Iraks und die Ereignisse rund um dem dritten Golfkrieges 2003 nachgebildet, um sie in der Analyse anschließend einzuordnen. Entscheidende Akteure sind hierbei die einzelnen Gruppierungen der irakischen Bevölkerung und die Institutionen der US-amerikanischen Besatzungsmacht

Zu dem Thema Irak und Irakkrieg gibt es zahlreiche Literatur. Zur Geschichte des Landes und ihren kulturellen Gegebenheiten bieten sich die Werke von Henner Fürtig („Geschichte des Irak“), Michael Lüders („Wer den Wind sät“) und Wilfried Buchta („Terror vor Europas Toren“) an. Aber auch das Buch „Geschichte der Islamischen Welt“ eignet sich in dieser Hinsicht, um den Irak auch in einen größeren Kontext eingliedern zu können. Zu dem Irakkrieg gibt es sowohl theoretische Abhandlungen wie etwa „Nation BuildingTheoretische Betrachtung und Fallbeispiel: Irak“ von Kenan Engin, als auch weniger wissenschaftliche Werke, wie z.B. „Krieg und Chaos in Nahost. Eine Arabische Sicht“, die jedoch ihren Wert aus den eigenen unmittelbaren Erfahrungen im Kriegsgebiet beziehen. Vor allem bei einem konstruktivistischen Ansatz spielt die Berichterstattung der Medien eine wichtige Rolle, die in „The News Media at War“ von Tarek Cherkaoui anhand ihrer Perspektive und Material analysiert wird.

2. Pie Möglichkeiten eines konstruktivistischen Ansatzes

Der Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen ist eine reflexive Methode, die hermeneutisch vorgeht und versucht Phänomene in der Internationalen Politik auf inter- pretatorischer Weise zu analysieren. Daraus abgeleitet lehnt er die deterministische Voraussetzung von natürlichen Gegebenheiten ab und geht davon aus, dass jedes Wissen sozial konstruiert ist. Die davon ausgehenden Konstruktionen üben wiederum Einfluss auf die Beziehungs-, Verhaltens- und Deutungsmuster, basierend auf dem kollektiven Bewusstsein und der intersubjektiven Wahrnehmung.2

Die Vorteile eines konstruktivistischen Ansatzes ist das breite Repertoire an Analyseeinheiten, die mit in die Betrachtung eingezogen werden. Es werden nicht allein Staaten als Akteure, sondern auch gesellschaftliche Kollektive und Organisationen berücksichtigt. Dabei werden Geschichte und Kultur untersucht, wodurch das Forschungsthema in ein Kontext eingebettet, welches für ein besseres Verständnis sorgt. Gerade der Ursprung von Ideen und Identitäten und wie diese in einer Gesellschaft konstituiert werden, erscheint für die Erkenntnis von Themen in der Internationalen Politik von großer Relevanz.

Der Irak eignet sich gerade wegen seiner Geschichte und gesellschaftlichen Zusammensetzung für einen solchen Ansatz. Eine konstruktivistische Perspektive könnte mit dem Hauptaugenmerk auf die Rolle der Identität eine Sicht ermöglichen, um einerseits die konfessionellen und ethnischen Konflikte zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen innerhalb der irakischen Gesellschaft, als auch das Gewaltpotenzial gegenüber der US- amerikanischen Besatzungsmacht zu erklären. Denn im Gegensatz zu realistischen oder in- stitutionalistischen Ansätzen, zieht der Konstruktivismus die zivilgesellschaftliche Entwicklungen in das Zentrum des Konzepts, welche im Falle des Iraks elementar zur Erklärung des Zerfalls staatlicher Strukturen sind.3

Gerade der Irakkrieg 2003 kann als Paradebeispiel dafür gesehen werden, welche Rolle die öffentliche Wahrnehmung bei der Legitimierung eines Krieges, als auch bei dem Prozess der Befriedung spielen kann. Dazu gehören neben den zahlreichen Reden und Auftritten von Staatsoberhäuptern auch die Medienberichte zu den wichtigen Kommunikationsformen. Speziell die Auswahl der gesendeten Bilder und Ausgestaltung der Berichterstattung sind für die intersubjektive Wahrnehmung und der daraus resultierenden Handlungen und Verhalten entscheidend.

3. Erläuterung des Fallbeispiels

3.1. Die Geschichte des Irak

Der Irak ist, wie viele andere Länder im Nahen Osten, ein von den Kolonialmächten künstlich erschaffener Staat, welcher sich hauptsächlich aus drei großen Bevölkerungsgruppen zusammensetzt. Im Norden befinden sich die sunnitischen Kurden, welche etwa 20 % ausmachen, im Zentrum die sunnitischen Araber mit ebenfalls etwa 20 % und die schiitischen Araber im Süden des Iraks mit der Mehrheit aus 60 %.4 Die Grenzen sind noch ein Erbe des Sykes-Picot-Abkommens, welches noch tief im kollektiven Gedächtnis steckt und eine Demütigung für die arabische Welt darstellt.5 Der Umriss des Iraks schließt ein Territorium ein, das kulturell keine Einheit bildet, sondern konfessionell und ethnisch geteilt ist. Durch diese hohe Heterogenität konnte sich innerhalb der Gesellschaft daher auch keine lagnfris- tige nationale Identität herausbilden.6

Durch die Geschichte des Gebiets rund um den heutigen Irak ziehen sich viele Perioden der Fremdherrschaft, angefangen mit dem Osmanischen Reich, die von 1534 bis 1918 andauerte. Anschließend folgte die Kolonialherrschaft von Großbritannien 1920, die den Aufstand gegen die Osmanen, unter dem Deckmantel der „Befreiung der Araber“ unterstützten. Anstelle der Befreiung der irakischen Bevölkerung tratjedoch ein Mandat Großbritanniens hervor, welches nach zahlreichen Revolten der irakischen Bevölkerung durch eine indirekte Herrschaft Britanniens ersetzt wurde. Wenn sich eine Gruppenidentität in Form eines nationalen Bewusstseins im Irak entwickelte, dann höchstens als Reaktion auf ebenjene äußeren Feinde. Ein schwerwiegender Nachlass der britischen Kolonialzeit stellt jedoch die Polarisierung der irakischen Bevölkerung in die zwei Lager der Sunniten und Schiiten dar, die auf dem Prinzip von „Teile und Herrsche“ basierte.7 Gerade in den 1990ern wurde dieses Prinzip von Saddam Hussein ebenfalls benutzt, um seine eigene Machtposition zu sichern.8 Im Falle der britischen Fremdherrschaft wurden Stammesführer gegeneinander aufgespielt und ethnische, als auch konfessionelle Konflikte geschürt, die bis heute nachwirken. Sunniten wurden Privilegien zugeteilt und der Zugang zu Staatsämtern im Gegensatz zu den Schiiten deutlich erleichtert. Damit sollte erreicht werden, dass die Bevölkerung sich eher auf innere Konflikte konzentrierte, als sich gegen das britische Regime aufzulehnen.9

Auf die Zeit der Monarchie und Republik folgte das Baath-Regime, an dessen Spitze von 1979 bis 2003 Saddam Hussein stand. Zu Anfang dieser Phase hatte der Irak dank seines Erdöls eine starke Ökonomie, die sich auch in der Infrastruktur und Bildung des Landes widerspiegelte. Andererseits war die Macht und Kontrolle stark zentralisiert und befand sich allein in den Händen Saddam Husseins. Der schiitische Teil wurde unterdrückt und war in Regierungsgeschäften stark unterrepräsentiert Die Aufstände der Kurden, deren Autonomiebestrebungen ein Kontinuum in der Geschichte des Iraks darstellen, hatten gewaltsame Reaktionen der Regierung zur Folge und gingen meist ins Leere.10

Den Anfang vom Ende der Herrschaft Saddam Husseins bildet der erste Golfkrieg gegen den Iran, der von den USA noch indirekt unterstützt wurde, jedoch eine geschwächte Wirtschaft und hohe Staatsschulden zur Folge hatte. Der zweite Golfkrieg sollte diesbezüglich Abhilfe schaffen und die militärische Machtstellung des Iraks in der Region untermauern, jedoch hatte die Annexion Kuwaits die Intervention der USA und ihrer Alliierten zur Folge, die starke Verwüstungen auf irakischem Gebiet hinterließen und die Infrastruktur des Landes nachhaltig schädigten. Die Sanktionen in Folge der UNO-Resolutionen, die als Reaktion auf den zweiten Golfkrieg von den Vereinten Nationen ausgerufen wurden, hatten Auswirkungen auf die Bevölkerung in dem Maße, dass die Mittelschicht in den Städten sich zunehmend auflöste und die zivilisatorische Werte der Gesellschaft zusammenbrachen.11

3.2 Derlrakkrieg2003

Die Anschläge des 11. Septembers 2001 sorgten für eine Zäsur in der US-amerikanischen Außenpolitik, denn der Terror fand aus Sicht des Westens nun nicht nur mehr in der Peripherie der Welt, sondern nun auch im eigenen Zentrum statt.12 In seiner Rede zur Lage der Nation am 29. Januar 2002 sprach der amerikanische Präsident von der „Achse des Bösen“, zu welcher auch der Irak angehöre und warf der Regierung von Saddam Hussein die Zusammenarbeit mit Terrororganisationen vor. Einige Monate zuvor sprach er zudem noch von einem Kreuzzug im „Krieg gegen den Terror“, was in der arabischen Welt Ressentiments hervorrief, da dies im kollektiven Gedächtnis mit dem Traumata der Kreuzzüge des 11. und 13. Jahrhunderts in Verbindung gebracht wurde.13

Der Vorwurf der Verstrickung im Terror und dem Besitz von Massenvemichtungswaf- fen führte jedoch nicht dazu, dass die USA grünes Licht vom UN-Sicherheitsrat für ein militärischen Sturz des Baath-Regimes erhielten, weswegen die Kriegsbefürworter rund um Bush sich zunehmend auf ideologische Argumente stützten, die ihr Vorhaben legitimieren sollten. Als Leitbild wurden Freiheit und Demokratie gesetzt, welche die USA in ihrer Rolle als Hegemonialmacht in den Nahen Osten bringen sollen.14 Diese Debatten wurden jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung durch die falschen Aussagen vom damaligen US- Außenminister Colin Powell bezüglich der Beweise von irakischen Massenvemichtungs- waffen überschattet, welche zu einem großen Vertrauensverlust nicht nur bei der irakischen Bevölkerung, sondern in der ganzen Weltöffentlichkeit führte.15

[...]


1 Lüders, Michael 2015: Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet, München. S. 86-87.

2 Harnisch, Sebastian 2010: Sozialer Konstruktivismus, in: Masala, Carlo; Sauer, Frank; Wilhelm, Andreas (Hrsg.): Handbuch derlntemationalenPolitik, Wiesbaden, S. 102-103.

3 Engin, Kenan 2013: „Nation Building“-Theoretische Betrachtung und Fallbeispiel: Irak, Baden-Baden. S. 51.

4 Lüders, Michael 2015: Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet, München. S. 50.

5 Suliman, Aktham 2018: Kriegund Chaos inNahost. Eine Arabische Sicht, Frankfurt. S. 116.

6 Buchta, Wilfried 2015: Terror vor Europas Toren. Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht, Frankfurt. S.73.

7 Fürtig, Henner 2008: Déja vu im Zweistromland. Das britische Mandat als „Blaupause“ des neuen Irak?, In: https://intemationalepolitik.de/svstem/files/article pdfs/IP 01 F%C3%BCrtig.pdf ; Datum: 12.09.2020.

8 Buchta, Wilfried 2015: Terror vor Europas Toren. Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht, Frankfurt. S.136

9 Fürtig, Henner 2008: Déja vu im Zweistromland. Das britische Mandat als „Blaupause“ des neuen Irak?, In: https://intemationalepolitik.de/system/files/article_pdfs/IP_01_F%C3%BCrtig.pdf ; Datum: 12.09.2020.

10 Buchta, Wilfried 2015: Terror vor Europas Toren. Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht, Frankfurt. S.79.

11 Lüders, Michael 2015: Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet, München. S. 45-47.

12 Engin, Kenan 2013: „Nation Building“-Theoretische Betrachtung und Fallbeispiel: Irak, Baden-Baden. S. 24.

13 Suliman, Aktham 2018: Krieg und Chaos in Nahost. Eine Arabische Sicht, Frankfurt. S. 79.

14 Fürtig, Henner 2016: Geschichte des Iraks. Von der Gründung 1921 bis heute, München.

15 Engin, Kenan 2013: „Nation Building“-Theoretische Betrachtung und Fallbeispiel: Irak, Baden-Baden. S. 140-141.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zerfall des Iraks in Folge des Dritten Golfkrieges 2003
Untertitel
Ein konstruktivistischer Ansatz
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Seminar für Wissenschaftliche Politik)
Veranstaltung
Theorien und Normen der Internationalen Politik
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V994080
ISBN (eBook)
9783346360786
ISBN (Buch)
9783346360793
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anwendung des Sozialkonstruktivismus als Theorie der IB an einem Fallbeispiel
Arbeit zitieren
Alexander Schmidt (Autor:in), 2020, Zerfall des Iraks in Folge des Dritten Golfkrieges 2003, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/994080

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