Die School nurse und ihre Kompetenzen. Eine Bereicherung für das Primarschulsystem


Masterarbeit, 2017

155 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung in deutscher Sprache

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

1 Definition der Begriffe Gesundheit und Krankheit

2 Bildung
2.1 Armut und Bildung
2.2 Gesundheit und Bildung
2.3 Armut und Gesundheit

3 Gesundheitsdeterminanten im Setting Schule

4 Gesundheitsförderung im Bereich Schule
4.1 Gesundheitsvorsorge / Prävention
4.2 Gesundheitserziehung, Gesundheitsbildung und Gesundheitsberatung
4.3 Gesundheitliche Aufklärung

5 Das Salutogenese Modell nach Antonovsky

6 Ottawa Charta

7 Public Health

8 Schulgesundheitspflege
8.1 Begriffsbezeichnungen von School nurses
8.2 Tätigkeitsprofil, Kompetenzen und Einsatzgebiete von School nurses
8.3 Erfahrungen mit School nurses aus internationaler und europäischer Sicht
8.4. Qualifizierung einer School nurse im internationalen und europäischen Raum

9 Best Practice Beispiel Brandenburg und Hessen

10 Entwicklung des Curriculums für Schulgesundheitspflege in Brandenburg und Hessen

11 Das Primarschulsystem in Österreich
11.1 Ganztagsschulen in Österreich
11.2 Kinder mit besonderen Bedürfnissen in Österreichs Schulsystem
11.3 Präventionsmaßnahmen und Gesundheitsförderung im Schulsystem

12 Die gesetzliche Ausgangslage in Österreichs Schulsystem
12.1 Novelle des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes
12.2 Aufgabenbereiche und Kompetenzen von Gesundheits- und KrankenpflegerInnen
12.3 Paragraph 66 des Schulunterrichtsgesetzes in Österreich

13 Empirischer Teil
13.1 Hypothese, Forschungsfragen und Forschungsziele
13.2 Planung und methodisches Design
13.3 Das qualitative und leitfadengestützte ExpertInneninterview
13.4 Die Kontaktaufnahme mit den InterviewpartnerInnen
13.5 Darstellung des Auswertungsverfahrens
13.6 Gütekriterien

14 Darstellung der Ergebnisse
14.1 Ergebnisinterpretation
14.2 Kritische Diskussion
14.3 Ausblick

15 Literaturverzeichnis:

16 Abkürzungsverzeichnis

17 Anhang

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1: In Anlehnung an Dahlgren und Whitehead (1991),

Abbildung 2: Cluster „School nurse” (eigene Darstellung; in Anlehnung an Kocks 2009b)

Abbildung 3: Ablaufmodell induktiver Kategorienbildung und deduktiver Kategorienanwendung (Mayring, Brunner 2006b) (eigene Darstellung)

Abbildung 4: Kategorienbildung (eigene Darstellung)

Abbildung 5: Ankerbeispiele (eigene Darstellung)

Abbildung 6: Kodierung/Reduktion (eigene Darstellung)

Kurzfassung in deutscher Sprache

Gesundheitsförderung und Prävention sind Maßnahmen, die im österreichischen Schulsystem bereits umgesetzt werden. Derzeit ist die einheitliche, umfassende, präventive und gesundheitsfördernde Versorgung der Kinder im Schulsystem noch unzureichend gegeben. Kompetenzbereiche des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege sind die Gesundheitspflege und die Pflege kranker Menschen. Dies wurde bisher im österreichischen Schulsystem kaum beachtet. Die Zunahme chronisch kranker Kinder im Schulsystem, Inklusion, Migration und Vulnerabilität, lassen besonders im Hinblick auf das Ganztagsschulsystem bzw. der Zusammenlegung von Schulstandorten einen Bedarf an Fähigkeiten von GesundheitsexpertInnen aufkommen. Im internationalen und europäischen Raum erkannte man das Potential der Schulgesundheitspflegenden schon vor einiger Zeit. Die gezielte Integrierung einer School nurse im Schulsystem würde auch in Österreich eine Entlastung diverser Berufsgruppen von berufsfremden Tätigkeiten bewirken und einen großen Nutzen darstellen. Soziologen wie Aaron Antonovsky (1997), Klaus Hurrelmann (2000b) und GesundheitswissenschaftlerInnen wie Andreas Kocks (2008a), Klaus Vavrik (2015b) und Lilly Damm (2012) beschreiben den Wert von Prävention und Gesundheitsförderung im Kindesalter und im Bereich Schule. Im Folgenden wird das Berufsbild School nurse mit seinem Tätigkeits- und Kompetenzbereich erörtert und das Pilotprojekt „Schulgesundheitspflege in Brandenburg und Hessen, Deutschland " vorgestellt. Dieses wurde nach einer Machbarkeitsstudie vom Jahre 2013 bis 2014 in Brandenburg und Hessen installiert und könnte als Vorbild für Kärnten dienen. Eine qualitative Befragung von ExpertInnen des Kärntner Schul- und Gesundheitssystems hat den Zweck, deren Sichtweise über den Bedarf einer School nurse im Primarschulsystem aufzuzeigen. Die neuen Kompetenzen des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege wurden in der Gesetzesnovelle des Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) im September 2016 verankert. Darin wird auch die Schulgesundheitspflege genannt. In Österreich existiert noch kein Ausbildungsmodell speziell für die Schulgesundheitspflege. Hier könnte das Curriculum des Pilotprojektes von Brandenburg als Orientierung dienen.

Mit einer Umsetzung von der im GuKG vom Jahr 2016 bereits definierten Schulgesundheitspflege könnten der Berufsgruppe des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege neue Wirkungsbereiche eröffnet werden.

Schlüsselwörter: Gesundheitsförderung, School nurse, Vulnerabilität, Schulsystem, Diplomierte/r Gesundheits- und KrankenpflegerIn

„Gute Gesundheit unterstützt erfolgreiches Lernen. Erfolgreiches Lernen unterstützt die Gesundheit. Erziehung und Gesundheit sind untrennbar.”(Desmond O’Byrne, zit. nach: Möller 2015: 14)

Vorwort und Danksagung

Ziel dieser Arbeit ist es, die Bedeutung von Gesundheitsförderung und Prävention im frühen Kindesalter ins Bewusstsein zu rufen und die internationalen und europäischen Erfahrungen hinzuzuziehen, die den Kindern im Schulsystem für diese Belange School nurses zur Seite stellen.

Danke meinem Ehemann Martin, der mir in der Zeit des Studiums an der Fachhochschule Kärnten in Computerfragen zur Seite stand. Ein herzliches Dankeschön meinen Kindern, Marcello Alexander, Cathrin und Patrick sowie meinen Eltern, Schwestern und FreundInnen, die für mich gerade in dieser Zeit meine Kraftquelle waren.

Ich bedanke mich bei meinem Vater, Herrn Dipl. Ing. Mag. Anton Vilanek und meinem Sohn, Marcello Alexander Gundolf, für das Lektorieren der vorliegenden Arbeit.

Lieben Dank meinen StudienkollegInnen, mit denen wir uns während des Studiums gegenseitig unterstützt und motiviert haben, mit vielen von ihnen hat sich eine Freundschaft entwickelt. Danke ebenso all meinen InterviewpartnerInnen, die mir ihre Zeit zur Verfügung gestellt haben.

Herzlichen Dank an die beiden Betreuerinnen meiner Masterthesis, Frau Mag.a Dr.in Michaela Pötscher-Gareiß und Frau Dr.in Ilse Oberleitner, MPH, die mir bei der Umsetzung der vorliegenden Arbeit mit wertvollen Tipps zur Seite standen.

Einleitung

Der langjährige berufliche Kontakt mit chronisch kranken und intensivpflichtigen PatientInnen an der Dialysestation des Klinikums Klagenfurt am Wörthersee, Kärnten, Österreich, führte zu meinem besonderen Interesse am Thema Gesundheitsförderung und Prävention. Im Gespräch mit multimorbiden Personen gewann ich Einblicke über deren oft widrige Lebensumstände. Manche von ihnen erkannten einen Zusammenhang zwischen dem eigenen mangelnden gesundheitsbewussten Verhalten bzw. der problematischen Lebenssituation und der Erkrankung. So stellte ich mir die Frage, ob durch gesundheitsfördernde und präventive Maßnahmen, unterstützendes Handeln und Förderung der Selbsthilfe im Vorfeld der Erkrankung, vieles an Leid hätte abgewendet werden können.

Ein besonders prädestinierter Bereich für Gesundheitsförderung und Prävention ist meiner Meinung nach die Primarstufe des österreichischen Schulsystems. In der Volksschule beginnend, könnten vorbeugende und gesundheitsfördernde Maßnahmen bereits im Kindesalter ihren Ursprung nehmen. Das frühe Lernen von Gesundheitsbewusstsein kann sich im Erwachsenenalter auswirken.

Gerald Hüther (2008), Professor für Neurobiologe und Leiter der Neurobiologischen Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen in Deutschland, meint, dass der Mensch in der frühen Kindheit neugierig, begeisterungsfähig, lerneifrig und kreativ, ergo einzigartig offen für neue Erfahrungen ist (Hüther 2008: 45-56).

Kaus Vavrik (2012a), Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, und Jugendpsychiatrie in Wien (Österreich), hat wiederum erkannt, dass jeder Euro, der während der frühen Kindheit in gesundheitsfördernde und präventive Maßnahmen investiert wird, die Ausgaben im Gesundheits- und Sozialsystem um acht bis zehn Euro reduziert (Vavrik 2012a: 21).

Die von Hüther (2008) beschriebenen Fähigkeiten der Kinder, nämlich deren unermüdlicher Wissensdurst und Lerneifrigkeit, bieten die Grundlage für eine wirksame Gesundheitsvorsorge. Wenn dieses Angebot der Gesundheitsförderung und Prävention bereits im Primarschulsystem angeboten wird, können Kinder auf diese Weise ein gestärktes Gesundheitsbewusstsein entwickeln (Hüther 2008: 45-56).

Die beiden Gesundheitswissenschaftler Manfred Esser und Hans Georg Schlack (2003) werden in der Machbarkeitsstudie „Innovationskonzept Schulpflegekräfte an Schulen in öffentlicher Hand im Land Brandenburg” angeführt. Die beiden Autoren erkannten, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen und akute oder vor allem chronische Krankheiten mit weiteren ungünstigen Entwicklungen einhergehen.

Diese Umstände führen etwa zur Verschlechterung der Schulleistung, der Entstehung späterer kinder- und jugendpsychiatrischer Störungen, verringerter späterer Ausbildungsfähigkeit und/oder einem höheren Risiko für Arbeitslosigkeit (Möller 2015: 20).

Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, sollten nach dem Psychologen Albert Lenz (2014) belastende Lebensumstände und Umweltbedingungen frühzeitig reduziert werden. Somit werden parallel dazu positive, entwicklungsfördernde Faktoren begünstigt (Lenz 2014: 43).

Außerdem gilt es, die persönlichen Kompetenzen und Fähigkeiten der Kinder zu stärken.

Den Beginn von gesundheitlicher Beeinträchtigung erkennt der deutsche Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann (1994a) ebenso in der Kindheit und weist auf den Zusammenhang von Bildung und Gesundheit hin.

Bildung und Gesundheit sind demnach nicht nur eng miteinander verknüpft, sondern beeinflussen zu einem hohen Maß das spätere Leben der heranwachsenden Kinder.

Chronische, oft lebenslang beeinträchtigende Krankheiten im Erwachsenenalter, wie z. B. Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen, jedoch auch andere organische Störungen und psychosoziale Beeinträchtigungen, haben ihren Ursprung meist im Kindes- und Jugendalter (Hurrelmann 1994a: 1-29).

In einigen europäischen Ländern und auf internationaler Ebene setzt man zur Gesundheitsförderung und Prävention die School nurse mit ihren Kompetenzen ein, um die Schulkinder auf einen gesünderen Lebensweg vorzubereiten. Der Wirkungszeitraum der Berufsgruppe erfolgt in Europa und auf internationaler Ebene bereits im Kleinkindalter und über die gesamte Pflichtschulzeit.

Der Begriff School nurse ist geschlechtsneutral, das heißt, dass sowohl männliche, als auch weibliche SchulgesundheitspflegerInnen damit gemeint sein können.

Die erste Fragestellung der vorliegenden Arbeit lautet: „ Welche Ausbildung und Kompetenzen erfordert der Beruf School nurse?

Andreas Kocks (2008a) erkennt, dass SchulgesundheitspflegerInnen, die zum Beispiel in Finnland und Polen seit Jahrzehnten erfolgreich tätig sind, auch in Deutschland dazu beitragen könnten, dass das Thema Gesundheit in der Schule fixiert wird. Mithilfe ihrer Tätigkeit und ihren Kompetenzen entlastet die School nurse LehrerInnen in gesundheitlichen Belangen. Die Berufsgruppe trägt zur Verbesserung der physischen, psychischen und sozialen Gesundheit von SchülerInnen bei und wirkt positiv auf die Ausgangsbedingungen und Chancen der Schulkinder ein (Kocks 2008a: 248-260).

In den Jahren 2013 und 2014 wurde in Brandenburg, Deutschland, eine Machbarkeitsstudie zum Thema „Innovationskonzept Schulpflegekräfte an Schulen in Öffentlicher Hand” durchgeführt. Die Darstellung der mittlerweile im deutschen Schulsystem implementierten Schulgesundheitspflege ist ein Teil der Literaturarbeit. Diese soll Aufschluss über mögliche Umsetzungsstrategien in Deutschland geben. Im Hinblick auf das Ganztagsschulsystem wäre die Integration einer School nurse auch in Österreich denkbar.

Diese Erkenntnis führte zur zweiten Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit: „Welche Bedeutung hat die Integrierung des Berufsbildes School nurse für das Kärntner Primarschulsystem?". Mittels der „Schneeballmethode” erfolgte die Ermittlung von ExpertInnen für das jeweilige Interview. Anhand des qualitativen Interviewleitfadens wurde der Bedarf einer School nurse in Kärntens Primarschulsystem erhoben.

Die Auswertung der Daten erfolgte in Anlehnung an die Qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring und Thomas Fenzl (2014).

Im Juli des Jahres 2016 erfolgte die Novellierung des GUKG. In der Gesetzesnovelle ist der Beruf eine/r/s SchulgesundheitspflegerIn bereits verankert. Das kann als erster Schritt in Richtung der Profession „School nurse” in Österreich angesehen werden.

1 Definition der Begriffe Gesundheit und Krankheit

In diesem Kapitel werden die beiden Begriffe Gesundheit und Krankheit definiert und ein möglicher Zusammenhang erläutert.

In der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (folgend als WHO) (2014) wurde im Jahr 1946 bereits festgehalten, dass der Begriff Gesundheit einen „[…] Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen” beschreibt (WHO 2014: 1).

Nach Vorgabe der WHO ist der Besitz eines bestmöglichen Gesundheitszustandes ein menschliches Grundrecht ohne Unterscheidung in Bezug auf Rasse, Religion, politischer Gesinnung und wirtschaftlicher oder sozialer Position (ebd: 1).

Gesundheit und Krankheit sind eng miteinander verbunden und daher ist es schwierig, den Gesundheitsbegriff separat zu beschreiben. Gesundheit sagt aus, dass ein Wohlbefinden und die Abwesenheit von Beschwerden vorliegen.

Hurrelmann (2000b) definiert den Begriff Gesundheit wie folgt:

„Gesundheit bezeichnet den Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der gegeben ist, wenn diese Person sich in den physischen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung in Einklang mit den Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet. Gesundheit ist beeinträchtigt, wenn sich in einem oder mehreren dieser Bereiche Anforderungen ergeben, die von der Person in der jeweiligen Phase im Lebenslauf nicht erfüllt und bewältigt werden können. Die Beeinträchtigung kann sich, muss sich aber nicht, in Symptomen der sozialen, psychischen und physisch-physiologischen Auffälligkeit manifestieren.” (Hurrelmann 2000b: 8)

Mit Krankheit hingegen werden Schmerzen, gesundheitliche Beschwerden und die damit verbundenen Einschränkungen beschrieben.

Jennie Naidoo und Jane Wills (2003) erkennen eine diverse Interpretationsmöglichkeit der Begriffe Gesundheit und Krankheit. Sie beschreiben die Ursachen für die Erhaltung von Gesundheit und die Krankheitsentstehung als komplex und beziehen sich dabei auf Göran Dahlgren und Margaret Whitehead (1991). So leisten die genetische Veranlagung, die individuelle Verhaltensweise und soziale sowie ökologische Bedingungen der Lebensumwelt ihre Beiträge zur Entwicklung der Gesundheit vom Menschen (Naidoo, Wills 2003: 27ff).

Der Umgang mit Gesundheit und Krankheit wird in den jeweiligen Kulturen unterschiedlich gehandhabt. Wenn man von Gesundheit oder Krankheit spricht, muss immer die geschichtliche Entwicklung sowie die Gesellschaft und Kultur berücksichtigt werden. Der Grundstein für die heute geltende naturwissenschaftliche Medizin mit seinem Schwerpunkt auf Krankheiten wurde im 19. Jahrhundert gelegt.

Mit einem gesellschaftlichen Wandel kann sich jedoch auch der Umgang mit Gesundheit bzw. Krankheit ändern. Der derzeitige Trend ist nicht mehr dahingehend, Krankheiten zu heilen, sondern dem Kranksein vorzubeugen (Steinbach 2011: 22).

Es besteht ein Zusammenwirken von Gesundheit und Krankheit. Die genetische Veranlagung von Menschen, ihre individuellen Verhaltensweisen und sozialen sowie ökologischen Bedingungen der Lebensumwelt leisten einen Beitrag zur Entwicklung von Gesundheit. Die Schwerpunktverlagerung von der Krankheitsversorgung hin zur zur Gesundheitsförderung verspricht weitere Erfolge, da Gesundheitswissenschaft ein noch neues Forschungsgebiet darstellt.

2 Bildung

In diesem Kapitel wird die Definition von Bildung beschrieben. Des Weiteren werden die Thematiken im Zusammenhang mit Armut, Bildung und Gesundheit aufgezeigt. Es wird aufgezeigt, inwieweit sich diese Bereiche gegenseitig beeinflussen.

Der österreichische Bildungswissenschaftler Werner Lenz (1999) stellt fest, dass Bildung ein vielschichtiger Begriff ist und gesellschaftliche Entwicklungen das Bildungssystem beeinflussen (Lenz 1999: 5, 70).

Der Philosoph und Bildungswissenschaftler Konrad Paul Liessmann (2006) hingegen beschreibt den Begriff Bildung als Vehikel, mit dem soziale Unterschichten, Frauen, MigrantInnen, AußenseiterInnen, körperlich und geistig beeinträchtigte Personen sowie unterdrückte Minderheiten emanzipiert und integriert werden sollen.

Bildung ist das Mittel, mit dem Vorurteile, Diskriminierungen, Arbeitslosigkeit, Hunger, Aids, Inhumanität und Völkermord verhindert werden können.

Mithilfe der Bildung ist es möglich, die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen und Kinder glücklich sowie Erwachsene beschäftigungsfähig zu machen. Da das alles nicht umsetzbar ist, gibt es kaum einen Bereich, der so unehrlich ausfällt wie der Bildungsbereich (Liessmann 2006: 50).

Zwei Grundsätze Hartmut von Hentigs (1996) in Bezug auf Bildung werden von Lenz (1999) interpretiert und lauten:

1. Bildung heißt, sich zu bilden. Er orientiert sich an Wilhelm von Humboldt, der Bildung als Anregung verstand, alle Kräfte der Menschen zu entfalten, zum Wohle des Individuums und der Menschheit.
2. Das Leben bildet. Das heißt, es bringt Erfahrungen und Wahrnehmungen, Einsichten und Erkenntnisse.

Als Bildungseinrichtung wäre die Schule für die Bildung der SchülerInnen zuständig. Doch leider, urteilt Hentig, fehlt die Orientierungsrichtlinie in der Schule. Stattdessen werden Haupt- und Nebengegenstände vorgegeben und es wird versucht zu messen, was vom Lehrplan wiedergegeben werden kann (Hentig 1996: 39, in: Lenz 1999: 73).

Eine Studie der Statistik Austria (2015) besagt, dass Kinder, deren Eltern einen niedrigen formalen Bildungsabschluss erreichen, geringere Chancen haben, einen Bildungsabschluss in einer höheren Schule oder Universität zu erzielen. Internationale Studien zeigen, dass Bildung von den Eltern auf die Kinder vererbt wird (Radinger, Sommer-Binder 2015: 94).

2.1 Armut und Bildung

Kinder aus unteren Sozialschichten erhalten bei gleicher Leistung oft schlechtere Noten als Kinder, die aus reicheren Verhältnissen stammen, meinen die Bildungsexperten Burkhard Jungkamp und Ilka Hoffmann (2016). Wohlhabendere Herkunftsbedingungen führen eher zur Chance, ein Gymnasium zu besuchen oder ein Studium zu beginnen.

Schließlich hat Bildung einen großen Einfluss auf den Lebensweg. Sei es auf den Zugang zum Arbeitsmarkt oder auf die Verteilung materieller Ressourcen, auf Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe oder auf die Art und Weise der gesamten Lebensführung. Bildungspolitik und Schule können die Kluft zwischen Armut und Bildung nicht verkleinern. Dazu ist die Kooperation aller Politikbereiche erforderlich, also eine Einbeziehung von Finanz- und Sozialpolitik (Jungkamp, Hoffmann 2016: 5f).

Um diesen Zusammenhang zwischen Armut und Bildung zu beseitigen, müssen außerdem Lernumgebungen geschaffen werden, die bestehende Ungleichheiten auffangen und aufheben können. Somit könnten alle Kinder ihr Potenzial bestmöglich zur Entfaltung bringen (ebd.: 10).

2.2 Gesundheit und Bildung

Andreas Mielck, Markus Lüngen, Martin Siegel und Katharina Korber berichten in der Bertelsmann-Studie vom Jahr 2012:

Ein geringes Ausmaß an schulischer und/oder beruflicher Bildung macht eher arbeitslos, und Arbeitslosigkeit macht wiederum arm (Mielck et al. 2012: 6-10).

Im Bericht der Bertelsmann-Stiftung des Jahres 2012 werden weitere Ergebnisse von Mel Bartley et al. (2004) genannt. Besonders jüngere Menschen, die arbeitslos oder nur minderbezahlte Tätigkeiten ausführen, stellen eine Risikogruppe für eine mögliche Depression und einen Selbstmordversuch dar. Ein erheblicher Teil der gesundheitlichen Ungleichheit ist auf Unterschiede im Gesundheitsverhalten zurückzuführen. Menschen mit geringer Schulbildung sind in Deutschland zumeist kränker und sterben früher als Personen mit einem höheren Bildungsstand. (ebd.: 17f).

2.3 Armut und Gesundheit

Nach Martin Schenk (2015), Sozialexperte der Diakonie und Mitbegründer der „Armutskonferenz”, leben in Österreich 120.000 Kinder und Jugendliche in andauernder Armut. Alleine 30.000 Kinder und Jugendliche benötigen in diesen Belangen Unterstützung. Mehr als 8.000 davon brechen jedes Jahr vorzeitig die Schule ab.

Die Chance aus der Armut herauszukommen, ist insgesamt von der gesellschaftlichen Ungleichheit abhängig. Je größer die soziale Spaltung einer Gesellschaft ist, desto mehr Dauerarmut existiert.

Ist die Dauerarmut ansteigend, so verringern sich die Zukunftschancen sozial benachteiligter Kinder. Je früher, länger und je schutzloser Kinder in einem Armutsverhältnis leben, desto stärker werden die Auswirkungen (Schenk 2015: 43-52).

Sozialarbeiterin und Politwissenschaftlerin Gerda Holz (2006) erkennt ebenso einen Zusammenhang von Armut, Bildung und Gesundheit und meint: Mädchen und Jungen, die in Armut aufwachsen, haben im Vergleich zu finanziell besser gestellten Kindern doppelt so viele Auffälligkeiten hinsichtlich der materiellen, sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Lebenslagedimensionen. Unterschiede z. B. im kulturellen Lebensbereich, zeigen sich im Sprach- Spiel-, und Arbeitsverhalten des Kindes (Holz 2006: 54-57).

Klaus Vavrik (2015) erkennt einen Zusammenhang von sozialer Herkunft als klaren Prädiktor für ein Erkrankungsrisiko und den sozialen Einfluss auf die

Gesundheitschancen. Im Besonderen in den frühen, doch grundsätzlich in allen Lebensphasen eines Menschen ist dieser Einfluss gegeben und sogar über Generationen hinweg prägend. Die Umsetzung anhand von Konzepten

würde eine Veränderung in Richtung Gesundheit bedeuten. Die Anwendung dieser Vorhaben hätte, neben der Auswirkung auf die Person, auch eine große gesamtgesellschaftliche Bedeutung, da aufgrund dieser Maßnahmen die in Gesundheit verbrachten Lebensjahre, also die Gesundheitserwartung, deutlich erhöht werden könnte (Vavrik 2015: 20).

Der Bereich zwischen der allgemeinen Gesundheits- und Lebenserwartung ist ein hoher volkswirtschaftlicher Kostenfaktor. Jede Maßnahme oder Veränderung, die zur Reduzierung dieser Problematik beiträgt, verbessert einerseits das Wohlbefinden der Menschen im Land, indem sie diese gesünder, vitaler und leistungsfähiger macht. Andererseits werden durch diese Maßnahmen Mittel freigesetzt, die wieder zum Wohl der Menschen, etwa im Bildungsbereich, eingesetzt werden können (ebd.: 20).

Andreas Mielck, Markus Lüngen, Martin Siegel und Katharina Korber (2012) zeigen auf, dass Armut, eine unzureichende Schulbildung und soziale Benachteiligungen die Gesundheit der Menschen belasten. Vor allem das Zusammenwirken dieser Faktoren führt oft auch zu einem schlechteren Gesundheitszustand. Daher legt die Gesundheitsförderung ein besonderes Augenmerk auf benachteiligte oder sozial schwache Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel, ihre Gesundheitschancen positiv zu beeinflussen.

Arbeitslosigkeit und ein niedriges Einkommen gehen bei Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Verhaltensentscheidungen, wie Rauchen, Bewegungsmangel sowie Adipositas mit deutlichen Risikoerhöhungen einher. Gesundheitsvorsorge sollte demnach nicht nur beim Gesundheitsverhalten des Einzelnen ansetzen. Es sollte bereits bei den Lebensbedingungen und Teilhabechancen der Betroffenen mit den Interventionen begonnen werden (Mielck et al. 2012: 31f).

Nach Vavrik (2015) tritt Armut von Kindern und Jugendlichen jedoch nicht ausschließlich in Form von Einkommensschwäche der Eltern auf. Kinder können z. B. unter einem Mangel an Sozialkontakten leiden, an Spracharmut und an einer Beziehungslosigkeit, die ihnen Orientierung verwehrt.

Am stärksten betrifft sie der existentielle Mangel an Nahrungsmittel, Kleidung, Heizung und der Gesundheitsversorgung.

Mangelnde Teilnahmechancen an Kultur-, Freizeit- und Sportaktivitäten führen zu einem damit verbundenen „Ausgegrenzt sein” unter Kindern. Kinder leiden auch unter Ängsten vor der Zukunft und den mangelnden Perspektiven von Erwachsenen. Die Erwachsenen neigen unter den Bedingungen eher zu psychischen Verstimmungen und nehmen häufiger Medikamente, Alkohol oder Drogen zu sich.

Eltern die Ihre Erwerbslosigkeit als persönliches Versagen empfinden, tendieren zu einem strengen und strafenden Erziehungsverhalten. Bildung ist die wirkungsvollste Maßnahme gegen die generationenübergreifende Vererbung von Armut (Vavrik 2015: 16f).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Bildung, Armut und Gesundheit auf unterschiedliche Bereiche Einfluss nehmen und sich gegenseitig beeinflussen. Die sozialen Ausgangsbedingungen der Eltern wirken einerseits auf die primäre Bildung von Kindern und Jugendlichen und tragen des Weiteren maßgeblich zur Gesundheit und Armut der Kinder bei. Daher ist es sinnvoll, im Kindesalter gegenzusteuern und mit Bildungsmaßnahmen dieser Negativspirale entgegenzuwirken.

3 Gesundheitsdeterminanten im Setting Schule

Dieses Kapitel umfasst neben der Begriffserklärung Gesundheits-determinanten auch die Gesundheitsdeterminanten, die im Bereich Schule zum Tragen kommen.

Der Begriff Determinante stammt vom lateinischen Wort determinare und bedeutet „abgrenzen” bzw. „bestimmen.”

Die Faktoren, die die Gesundheit im Wesentlichen beeinflussen, werden auch als Gesundheitsdeterminanten bezeichnet. Diese Einflussfaktoren können auf mehreren Ebenen zum Tragen kommen und sich gegenseitig beeinflussen.

Das Determinanten-Modell zeigt jene Ebenen (von außen nach innen verlaufend: 1-4) auf, die in folgende Bereiche einwirken:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: In Anlehnung an Dahlgren und Whitehead (1991), eigene Darstellung

Diese vier Bereiche nach Dahlgren und Whitehead (1991) interpretiert der Gesundheitswissenschaftler Martin Reif (2012) wie folgt:

- „Allgemeine sozioökonomische, kulturelle und Umweltbedingungen:

Veränderungen auf dieser Ebene sind nur durch langfristige, strukturelle Veränderungen möglich, die üblicherweise nur durch politische Strategien auf nationaler oder internationaler Ebene zu erzielen sind.

- Lebens- und Arbeitsbedingungen:

Die Faktoren dieser Ebene unterteilen sich in verschiedene Sektoren wie Bildung, Wohnungswesen, Krankenversorgung, Landwirtschaft und Nahrungsmittelversorgung, physische und soziale Gegebenheiten am Arbeitsplatz, Arbeitslosigkeit etc. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen können durch verschiedene Interventionen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene verbessert werden. Wesentliche Entscheidungsträger sind hier neben den politischen Institutionen auch Unternehmen, Gewerkschaften etc.(Reif 2012: 11).

Der Bereich Schule ist im Determinanten-Modell dem Feld „Lebens- und Arbeitsbedingungen” zugeordnet. Hier könnten gesundheitsbeeinflussende Aktionen, möglichst früh beginnend, forciert werden. Die später noch genau definierten Handlungsbereiche einer School nurse in der Schule könnten jedoch bei einem zielgerichteten Einsatz der Berufsgruppe auch in andere Bereiche des Determinantenmodells Einfluss nehmen. So könnten z. B. gezielte Aktionen einer School nurse in der Schule auch in den Bereich „individueller Lebensstil” des einwirken, wenn das Augenmerk auf Gesundheitsförderung und Prävention an Schulen gesetzt wird. Das eigene Gesundheitsverhalten könnte dadurch beeinflusst werden, wie auch das der Familien und des Freundeskreises, im Bereich „Soziale und kommunale Netzwerke”, wie dies im Folgenden von Reif (2012) dargestellt wird.

„- Soziale und kommunale Netzwerke:

Dazu gehören unterstützende Gemeinschaften wie der Familien- und Freundeskreis, Nachbarschaftshilfe und andere lokale Netzwerke.

- Individueller Lebensstil:

In diese Ebene fallen individuelle Verhaltensweisen, die sich positiv oder negativ auf die Gesundheit auswirken können wie Ernährungsgewohnheiten, Risikoverhalten, Tabakkonsum etc.” (ebd. 11)

Auf dieser Ebene können nach Reif (2012) Maßnahmen zur Förderung eines gesünderen Lebensstils von Personen gesetzt werden. Diese können z. B. mithilfe von Gesundheitserziehung oder Information zu einem gesünderen Lebensstil angeregt werden (ebd. 11).

Ilona Kickbusch (1998) umschreibt das Modell der Gesundheitsdeterminanten wie folgt: Der Gesundheitszustand von Personen, wie auch von der Gesamtbevölkerung wird durch soziale, persönliche, ökonomische und umwelteinwirkende Bereiche mitbestimmt. Kickbusch meint ebenso, dass die gesundheitsbeeinflussenden Faktoren vielfältig sind und miteinander in Wechselwirkung stehen (Kickbusch 1998: 7).

Das Modell der Gesundheitsdeterminanten stellt nach Reif (2012) „ […] einen Rahmen dar, der zu einer mehr gesundheitlichen Chancengleichheit verschiedener sozialer Gruppen in der Bevölkerung beitragen soll. […]

Reif meint weiter, dass ursächlich davon ausgegangen werden kann, „[…] dass verschiedene Einflussgrößen die Gesundheit gefährden, fördern oder schützen können. Diese Faktoren können verschiedenen Ebenen zugeordnet werden, die unterschiedliche gesundheitspolitische Interventionen erfordern beziehungsweise nahelegen. Alter, Geschlecht und genetische Prädisposition werden als schwer beeinflussbare, fixe Faktoren angesehen. Die wesentlichen veränderbaren Determinanten der Gesundheit können vier hierarchisch angeordneten Ebenen zugeordnet werden.” (ebd.: 11)

Gesundheitsdeterminanten stellen als gesundheitsbeeinflussende Faktoren einen Rahmen zur Verfügung, wo gesundheitsfördernde Maßnahmen in diverse Settings einfließen können. Dies kann in persönlichen oder öffentlichen Bereichen, in Selbst- und Fremdinitiative erfolgen und hat eine Chancengleichheit zum Ziel.

4 Gesundheitsförderung im Bereich Schule

Dieses Kapitel beginnt einleitend mit der Definition des Begriffs Gesundheitsförderung. Ein Bezug zum Setting Schule wird hergestellt, indem Meinungen von Gesundheits- und Sozialexpertinnen zum Thema hinzugezogen werden. Weiters werden die Begriffe Prävention bzw. Krankheitsvorbeugung, Gesundheitserziehung, -bildung, -aufklärung und -beratung erläutert und in einen Zusammenhang gebracht.

Die Gesundheits- und Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, Jochen Haisch und Theodor Klotz (2014c) bemerken, dass sich der Begriff „Gesundheitsförderung” aus den politischen Gesprächen der WHO um das Thema Gesundheit entwickelte (Hurrelmann et al. 2014c: 13).

Herlinde Steinbach beschreibt den Gesundheitsförderungsbegriff folgend:

„Mit Gesundheitsförderung meint man alle Maßnahmen, deren Ziel es ist, Gesundheit zu erlangen, zu verbessern und über einen möglichst langen Zeitraum aufrechtzuerhalten.” (Steinbach 2011: 14)

Gesundheitsförderung findet in Bereichen oder sozialen Gruppen statt, in denen sich der Alltag von Menschen abspielt und die einen wichtigen Einfluss auf ihre Gesundheit haben. Dazu zählen z. B. Arbeitsplatz, Wohnumfeld, Schule oder Freizeiteinrichtungen.

Das Setting Schule und insbesondere die schulische Ganztagsbetreuung haben das Potential, wichtige Gesundheitsdeterminanten und damit in weiterer Folge Gesundheit und Wohlbefinden der SchülerInnen positiv zu beeinflussen, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind (Spath-Dreyer et al. 2013: 3). Gesundheitsförderung beinhaltet eine Möglichkeit, Lebensbedingungen und Gesundheit von Menschen zu verbessern (Hurrelmann et al. 2014c: 13).

Raimund Geene, Frank Lehmann, Claudia Höppner und Rolf Rosenbrock (2013) führen den Aspekt Gesundheitsförderung an Schulen folgendermaßen an: Schulen sind soziale Orte, die bei einer entsprechenden Ausstattung und optimalen Rahmenbedingungen zur Verbesserung der psychischen Widerstandsfähigkeit von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien beitragen können. Insbesondere in schwierigen sozialen Lebenssituationen kann hier Unterstützung und Förderung erfolgen.

Im Bereich Schule besteht aufgrund der bereits vorliegenden Strukturen die Möglichkeit, Gesundheitsförderung zu implementieren und ein gesundes Heranwachsen der Kinder zu fördern.

Ganztagsbetreuung und Freizeitangebote in der Schule fördern den sozialen Zusammenhalt und wirken unterstützend für Kinder und deren Familien. Auch kann damit der Armut entgegengesteuert werden (Greene et al. 2013: 16).

Der Psychologe und Buchautor Thomas Altgeld (2011) zeigt auf, dass Schlüsselsettings zur Herstellung der gesundheitlichen Chancengleichheit, Kindertagesstätten und Schulen sind, da diese Institutionen eine frühe Hilfe darstellen und familiär- oder sozialisationsbedingten Defiziten entgegenwirken. Gesundheitsbezogene Aktivitäten wurden am häufigsten in Form von Bewegungs- und Sprachförderung, Ernährungsprogrammen, Verkehrserziehung und Suchtprävention entwickelt.

Gerade in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen besteht bereits ein Überangebot an Präventionsprogrammen mit unterschiedlichsten Themen. Viele dieser Programme funktionieren jedoch nicht effektiv, weil die Präventionsaktivitäten zwar gut gemeint, aber nicht zielgerichtet eingesetzt werden, sodass diese die relevanten Gruppen nicht erreichen. Entweder fehlen die umsetzungswilligen Eltern und KollegiumsmitgliederInnen oder es sind die SchülerInnen selbst, die keine Bereitschaft zeigen.

Bei diesen bestehenden Programmen wird bemängelt, dass eine Einzelorientierung vorliegt, dass diese Aktivitäten also separat angeboten werden, eine Vernetzung fehlt, die Mitbeteiligung der betreffenden Gruppen vermisst wird und eine Risikoorientierung vorliegt (Altgeld 2011: 56-59).

Der Fond „Gesundes Österreich“ gilt als Förderer diverser Gesundheitsprojekte, der auch Netzwerke fördert und professionell begleitet, meint der Mediziner und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gesundheitswissenschaften und Public Health Richard Horst Noack (2011). Das im Jahr 2009 geschaffene Ludwig-Bolzmann-Institut für Gesundheitsförderungsforschung in Wien lässt weitere Impulse in Richtung Gesundheitsförderung erwarten.

Ausstehend ist jedoch die Aufnahme eines Konzepts durch die öffentliche Gesundheitspolitik und die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen für eine nachhaltige und bevölkerungsweite Verbesserung von Gesundheit und primärer Krankheitsprävention (Noack 2011: 32).

4.1 Gesundheitsvorsorge / Prävention

Der ursprüngliche Begriff Krankheitsprävention wird nach Hurrelmann et al. (2014c) oft verkürzt als Prävention bezeichnet.

Die Autoren beziehen sich beim Thema Prävention auf James M. Raczynski und Ralph J. Diclemente (2000).

Diese erkannten, dass sich Prävention im Bereich der Sozialmedizin des 19. Jahrhunderts aus Gesprächen um soziale Hygiene und Volksgesundheit entwickelte. Es fand eine Zusammenfassung der Begriffe Vorbeugung, Prophylaxe, Vorsorge und Prävention statt und alle Formulierungen sagen damit aus, dass es sich um eine Verhinderung von Krankheiten handelt

und damit die Reduzierung ihrer Verbreitung und die Reduktion ihrer Auswirkungen Ziel sein sollte. Der entscheidende Ansatz dafür war und ist, die Auslösefaktoren von Krankheiten zurückzudrängen oder ganz auszuschalten (Raczynski, Di Clemente 2000, zit. nach Hurrelmann et al. 2014c: 13).

Hurrelmann (2000b) hat in seiner Beschreibung der Untergruppen von Prävention Ideen mehrerer Autoren aufgegriffen: Gerald Caplan und Henry Grunebaum (1967), Rachel Jenkins (1994), Jutta Künzel-Böhmer, Gerhard Bühringer, Teresa Janik-Konecny (1993) und Joachim Renn (1987). Er beschreibt die Begriffe zusammenfassend wie folgt:

Die Primärprävention hat zum Ziel, im Vorfeld einer Krankheitsentwicklung die Widerstandskräfte zu stärken und damit das Auftreten einer Krankheit möglichst ganz zu vermeiden. Die Prävention kann oberflächlich oder spezifisch Einzelpersonen oder die gesamte Bevölkerung ansprechen, z. B. über Fehlernährung. Sie kann sich jedoch auch an Risikogruppen richten.

Die Sekundäre Prävention zielt auf die Vorbeugung von wahrscheinlich auftretenden Erkrankungen. Damit soll eine Weiterverbreitung der Krankheit und die Krankheitsdauer reduziert werden.

Bereits erkrankte Menschen werden in der sekundären Prävention angesprochen. Dazu zählen Personen, die beispielsweise eine diagnostizierte Herzrhythmusstörung oder Atemprobleme haben.

Um diese Krankheiten im Frühstadium zu identifizieren, werden etwa spezielle Screening-Instrumente entwickelt. Wichtig dabei ist die rasche Behandlung der Gesundheitsstörung, um eine Weiterverbreitung in nächste Krankheitsstadien zu vermeiden oder früh abzubrechen.

Die Tertiäre Prävention soll einsetzen, um die Schwere und Verschlimmerung einer Krankheit zu reduzieren. Dazu zählen z. B. Funktionseinschränkungen und Begleiterkrankungen. Die Menschen sind bereits in einem vorgerückten Stadium erkrankt und das Ziel der Tertiärprävention ist es, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität nach dem Krankheitsereignis wiederherzustellen (Hurrelmann 2000b: 98).

4.2 Gesundheitserziehung, Gesundheitsbildung und Gesundheitsberatung

Die Begriffe „Gesundheitsberatung”, „Gesundheitsaufklärung”, „Gesundheitserziehung” und „Gesundheitsbildung” werden in der Literatur gleichzeitig angeführt, da keine begriffliche Abgrenzung erkennbar ist (Wulfhorst 2002: 25).

Peter Sabo (2003a) wiederum erkennt eine Abgrenzung der Gesundheitsbegriffe und definiert diese folgend:

1. Gesundheitserziehung:

„Gesundheitserziehung impliziert eine bestimmende Rolle von – insbesondere medizinischen – ExpertInnen. Handlungsbereich war und ist vor allem die Vorbeugung von Gefährdungen und Krankheiten auf den drei Ebenen der primären, sekundären und tertiären Prävention.” (Sabo 2003a: 71)

Kinder und Jugendliche sind in Bezug auf Gesundheitserziehung vorzugsweise zu nennen. Gesundheitserziehung entstand als eine Gesamtstrategie, um die Bevölkerung zur aktiven Gesundheitserhaltung zu „erziehen“. Kinder und Jugendliche waren die Hauptzielgruppe, die zu gesundheitsgerechtem Verhalten angeleitet werden sollten. Dabei kam ein weites Themenspektrum zur Sprache, das sich von der Vermeidung von Alkoholmissbrauch über Drogen- und Sexualerziehung, Unfallverhütung bis hin zur Zahngesundheit und weitere gesundheitsrelevante Bereiche erstreckte. Kritisiert wird neuerdings, dass das explizite pädagogische Verständnis der Gesundheitserziehung unzureichend geklärt wurde (ebd.: 71).

2. Gesundheitsbildung:

Den Begriff Gesundheitsbildung zeichnet sich dadurch aus, dass informierte, entscheidende und handelnde Menschen unter spezifischen Bedingungen leben und diese mitgestalten, meint die Gesundheitspädagogin Beate Blättner. Gesundheitsbildung schließt das soziale Handeln mit ein, nicht nur eine Verhaltensänderung der eigenen Person. Gesundheitsbildung führt zu einer Befähigung und zu einer zunehmenden Entscheidungs- und Handlungsmacht und beschreibt formelle Lernprozesse (Blättner 2014: o. S.).

Nach Sabo (2003a) findet Gesundheitsbildung als Gesundheits­förderungsmaßnahme in der organisierten Erwachsenenbildung, in den Volkshochschulen, Familienbildungsstätten, kirchlichen und gewerkschaftlichen Bildungswerken u. a. statt.

Gesundheitsbildung zeichnet aus:

- die freiwillige Teilnahme der Personen,
- ein teilnehmerorientierter, sozialer- und selbstgewählter Lernprozess, der sich an die Lebensbedingungen der TeilnehmerInnen anpasst,
- ein umfassendes Bildungskonzept und Menschenbild bzw. ein ganzheitlicher Bildungsanspruch,
- ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit, nach den Vorgaben der Ottawa Charta (Sabo 2003a: 69-71).

3. Gesundheitsberatung:

Elisabeth Krane (2015) bezieht sich auf Sabo (2003) und beschreibt Gesundheitsberatung als eine professionelle Beratung, die sich mit Gesundheitsthemen und Gesundheitsproblemen befasst. Wissenschaftlich fundierte und primär psychologische und soziale Methoden unterstützen Veränderungsprozesse auf personaler Ebene und haben das Ziel:

- Gesundheit zu fördern
- Krankheiten zu verhindern und
- bei der Bewältigung einer Krankheit zu unterstützen

Gesundheitsberatung auf personaler Ebene erfolgt hauptsächlich in jenen vier Feldern mit Fachleuten verschiedener Professionen:

- in Krankenhäusern, Gesundheitsämtern, Einrichtungen der Rehabilitation, in Betrieben und anderen Bereichen
- Verbraucherinformation und Patientenberatung sowie
- Gesundheitsberatung im Internet (Krane 2015: o. S.).

Sabo (2003a) erkennt den Begriff der Gesundheitsberatung als spezielle Kommunikationsform zwischen einzelnen Personen, kleinen Gruppen und ExpertInnen, die sich mit Fragen der Gesundheit beschäftigen. Gesundheitsberatung erfolgt bzgl. gesundheitlicher Problemstellungen, die teilnehmenden Personen sind davon betroffen oder mitbetroffen (Sabo 2003a: 61f).

4.3 Gesundheitliche Aufklärung

Nach Peter Sabo und Manfred Lehmann (2003b) geschieht Gesundheitsaufklärung mithilfe kommunikativer Maßnahmen, oft unter Einsatz der Massenmedien. Ziel soll sein, der Bevölkerung Informationen zu den Themen von Gesundheit und Krankheit zu übermitteln.

In Unterscheidung zu den Begriffen Gesundheitserziehung, Gesundheitsbildung und Gesundheitsberatung richtet sich die Gesundheitsaufklärung an die Gesamtbevölkerung bzw. an größere Bevölkerungsgruppen.

Die gesundheitliche Aufklärung erfolgt vor allem anhand der Vermittlung von Wissen an die Bevölkerung. Die Bevölkerung soll mithilfe der gesundheitlichen Aufklärung eine Eigenverantwortung für Gesundheitsbelange entwickeln. Gesundheit soll in der persönlichen Umgebung anhand von Aufklärung mitbeeinflusst werden und die Personen motivieren, Gesundheitsangebote anzunehmen (Sabo, Lehmann 2003b: 55 ff).

Präventionsmaßnahmen, Gesundheitsaufklärung, -bildung, -beratung und -erziehung haben gemeinsam zum Ziel, die Bevölkerung oder die Einzelperson zu einem höheren Gesundheitsbewusstsein zu bewegen, um Krankheiten möglichst nicht entstehen zu lassen. In der Novelle des GuKG vom Jahr 2016 sind Gesundheitsförderung und Prävention als Kernkompetenzen des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege verankert. Es bietet sich an, den in der Gesetzesnovelle des GuKG definierten Aufgabenbereich „Schulgesundheitspflege” im Setting Schule einzubauen.

5 Das Salutogenese Modell nach Antonovsky

Das folgende Kapitel behandelt die Begriffserklärung und Vorstellung des Gesundheitsmodells nach Aaron Antonovsky.

Salutogenese setzt sich aus dem lateinischen Wort salus (Gesundheit) und dem griechischen Wort genesis (Entstehung) zusammen. Das Konzept der Salutogenese wurde von Antonovsky entwickelt, um die pathogenetische Sichtweise einzugrenzen. Der Schwerpunkt liegt bei diesem Modell auf der Frage, was den Menschen gesund hält.

Antonovsky wurde im Jahr 1923 in Brooklyn, New York, geboren. Er studierte Wirtschaft und Geschichte und wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs von der US-Armee für Studien der Soziologie beauftragt. Im Jahr 1960 übersiedelte er nach Israel, wo er als Medizinsoziologe am Institut für Angewandte Sozialforschung in Jerusalem beschäftigt war. In diese Zeit fiel auch die empirische Erhebung über die Verarbeitung der Menopause in Israel lebender Frauen, unter denen sich auch Überlebende aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern befanden. Dass diese Frauen es geschafft hatten, ihr Leben neu aufzubauen, empfand er als Wunder und so forschte er ab diesem Zeitpunkt über die Ursachen, die die Menschen gesund oder krankmachen. Diese Forschungstätigkeiten führten ihn zum Modell der Salutogenese. Aaron Antonovsky starb im Jahr 1994 in Israel.

Mit diesem Konzept sollen alle Kompetenzen und Kräfte aufgezeigt werden, die Menschen helfen, gesund zu bleiben. Gleichzeitig sind Wege der Gesundheitsentstehung und -entwicklung dargestellt. Das Grundelement des salutogenetischen Modells ist das Kohärenzgefühl. Antonovsky (1997) beschreibt die Elemente des Kohärenzgefühls wie folgt:

Komponente der Verstehbarkeit:

1. Lebenslaufbezogene Einflüsse, entstehend aus innerer und äußerer Umgebung, werden mit dem Kohärenzgefühl geordnet, erkennbar und erklärbar. Unvorhergesehene Lebensumstände werden mithilfe dieser Fähigkeit erkannt und geordnet.

Komponente der Handhabbarkeit:

2. Mithilfe des Kohärenzgefühls ist es möglich, Ressourcen zur Verfügung zu haben, die zu einem gezielteren Umgang mit schwierigen Lebensbedingungen führen. Personen mit hohem Kohärenzgefühl haben das Gefühl, dass schwierige Lebenssituationen zu bewältigen sind.

Komponente der Bedeutsamkeit:

3. Damit ist die Überzeugung gemeint, dass die anstehenden Lebensaufgaben Sinn ergeben. Es zeigt jene Motivationen und Emotionen auf, die dem Leben Freude und Sinn geben. Das Leben hat Bedeutung und wird nicht als Last und Bürde empfunden, sondern freudig gelebt (Antonovsky 1997: 35).

Das Konzept der Salutogenese nach Antonovsky zielt darauf, die Entstehung und Entwicklung von Gesundheit zu erkennen und positiv zu beeinflussen. Das Kohärenzgefühl ist ein Teil der salutogenetischen Sichtweise und ist aus den drei Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit zusammengesetzt. Antonovsky erkannte, dass Menschen vielfältige Methoden zur Lebensbewältigung nutzen, um Krisen zu bewältigen.

6 Ottawa Charta

Dieses Kapitel befasst sich mit der Definition von Ottawa Charta und deren Vorgaben. Ebenso wird der Frage nach den Grundprinzipien und Zielen der Charta nachgegangen.

Die erste internationale Konferenz zur Gesundheitsförderung fand im Jahr 1986 in Ottawa, Kanada, statt. Daraufhin wurde die folgende Charta verabschiedet. Die Diskussion war vorrangig mit Erfordernissen in den Industrieländern beschäftigt, es wurden jedoch ebenso Problematiken anderer Regionen ergründet. Um das Ziel „Gesundheit für alle” zu erreichen, wurde ein aktives Handeln gefordert.

Die Konferenz sollte eine Antwort auf die wachsenden Erwartungen bereithalten und mit folgenden vier empfohlenen Handlungsschritten in der Ottawa Charta (1986) zu einer neuen öffentlichen Gesundheitsbewegung anregen:

- Gesundheitliche Voraussetzungen sicherstellen. Dazu zählen z. B. grundlegende Bedingungen für Frieden, angepasste Wohn-, Bildungs-, Ernährung- und Einkommensverhältnisse schaffen und dabei das Natur- bzw. ökologische System mit zu berücksichtigen.
- Interessen vertreten. Politische, soziale, ökonomische, kulturelle, biologische Umwelt und Verhaltensfaktoren sollten darauf ausgerichtet sein, Gesundheit zu fördern.
- Befähigen und ermöglichen. Das soll heißen, dass für alle Menschen die gleichen Voraussetzungen für gesundheitsförderliches Handeln geschaffen werden. Bestehende soziale Unterschiede werden verringert.
- Vermitteln und Vernetzen. Die koordinierende Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen sind zu fördern. Damit werden alle Beteiligten in Regierungen, im Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftssektor, in Institutionen, in der Industrie und den Medien aufgefordert, die Voraussetzungen und gute Perspektiven für die Gesundheit zu schaffen (Ottawa Charta 1986: 1f).

Kickbusch beschreibt die gesundheitsfördernden Ziele der Ottawa Charta des Jahres 1986 folgend:

- Eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik soll entwickelt werden
- Eine gesundheitsfördernde Lebenswelt für alle soll geschaffen werden
- Gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen sollen unterstützt werden
- Persönliche Kompetenzen und Fähigkeiten sollen gefördert werden
- Gesundheitsdienste sollen neu aufgestellt werden (Kickbusch 1998: 2).

Die vorrangigen Ziele der Ottawa Charta (1986) sind darauf ausgerichtet, unter Zuhilfenahme diverser Institutionen und Zuständigkeitsbereiche die Selbsthilfe von einzelnen Personen und Gruppen zu bewirken, wobei insgesamt der Schwerpunkt auf die Förderung von Gesundheit gerichtet ist.

7 Public Health

Im folgenden Kapitel wird der Begriff Public Health erläutert. Des Weiteren wird dessen geschichtliche Entwicklung dargestellt und die Wirkungsbereiche aufgezeigt.

Die österreichische Gesellschaft für Public Health definiert den Bereich öffentlicher Gesundheit als einen Begriff, der das gemeinsame Handeln zur Erlangung einer nachhaltigen Verbesserung der Gesundheit der gesamten Bevölkerung bewirkt. Das Ziel aller EntscheidungsträgerInnen sollte sein, die Gesundheit aller in Österreich lebenden Menschen zu verbessern, unabhängig von Bildungsstatus, Einkommensstatus oder Lebensumstände. Die Erhaltung und Förderung von Gesundheit anstatt der Bekämpfung von Krankheit steht dabei im Zentrum des Interesses. Die definierten Ziele sind u. a. die Stärkung der Gesundheitskompetenz, gesunde Ernährung, körperliche Aktivität, psychosoziale Gesundheit (Österreichische Gesellschaft für Public Health o. J.: o. S.).

Der historische Ursprung von Public Health liegt in der Sozialpolitik und Medizin. Erste politische Schritte in Richtung Öffentlicher Gesundheit erfolgten im 19. Jahrhundert auf der Basis des medizinisch-, bzw. naturwissenschaftlichen Modells, zur Klärung der Krankheitsverläufe. Zur Krankheitsvermeidung erfolgten sozialpolitische Interventionen.

In den 1980er Jahren entstand ein neuerliches Interesse an Public Health und daraufhin eine Neubestimmung und Erweiterung des Aufgabengebietes. Die Ottawa Charta erkannte in der Entwicklung einer „gesundheitsfördernden Gesamtpolitik” ein zentrales Anliegen der Gesundheitsförderung zur Förderung der Öffentlichen Gesundheit (Naidoo, Wills 2003: 184f).

Im 20. Jahrhundert kam es zu einer Schwerpunktverlagerung in Richtung Medizin, die das „Öffentliche Feld” dominierte.

In dieser Zeit waren hauptsächlich Personen mit medizinischer Ausbildung mit der praktischen Arbeit im Bereich der Öffentlichen Gesundheit betraut. Ab dem Jahr 1997 kam es zu politischen Entscheidungen, die auch NichtmedizinerInnen dieses Arbeitsfeld öffneten (ebd.: 179f).

Die öffentliche Gesundheit ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

- die Sorge um die Gesundheit der gesamten Bevölkerung,
- das Interesse an der Vermeidung von Erkrankungen und Krankheiten und
- die Anerkennung der vielfältigen sozialen Determinanten der Gesundheit.

Die beiden Gesundheitswissenschaftlerinnen Jennie Naidoo und Jane Wills sehen eine Abhängigkeit von mehreren Faktoren bzw. Entscheidungen der Regierungen, wenn von öffentlicher Gesundheit bzw. einer Gesundheitsförderung der Bevölkerung gesprochen wird (ebd.: 179).

Die Deutsche Gesellschaft für Public Health (2012) zeigt auf, dass Public Health nur im interdisziplinären Team umgesetzt werden kann. Die Interdisziplinarität ist daher ein Hauptbestandteil von Public Health. Diesem Bereich zugeordnet werden: Demographie, Epidemiologie, Gesundheitspolitik‐ und Gesundheits­systemforschung, Gesundheitssoziologie, Versorgungsforschung, Gesundheits­management, -ökonomie, -pädagogik, und Gesundheitspsychologie sowie Medizin, Medizinische Soziologie, Pflegewissenschaften, Public‐Health‐Ethik, Rechts­wissenschaften, Rehabilitationswissenschaften, Sozialmedizin, Statistik etc. Public Health sieht sich in der Praxis vor großen Herausforderungen. Ein Herabsenken der sozialen Ungleichheit von Gesundheitschancen stellt eine der wichtigsten Aufgaben von Public Health dar (Gerhardus et al. 2012: 1f).

Die Gesundheitswissenschaftlerin Marianne Brieskorn-Zinke (2007) verweist darauf, dass Pflegeberufe in den deutschsprachigen Ländern ihre Rolle in der Public Health Gemeinschaft erfüllen könnten, wenn sie bereit wären, aus ihrer gewohnten Rolle herauszutreten. Damit wären alle öffentlichen Bereiche gemeint, wie z. B. in der Politik, im Rahmen der Gemeindearbeit, in Institutionen, in der Familie oder im Bereich des einzelnen Menschen (Brieskorn-Zinke 2007: 140).

Mit Public Health ist eine Wissenschaft gemeint, die sich mit Gesundheitsförderung, Prävention und Gesundheitserhaltung im Gesundheitswesen und in allen öffentlichen Bereichen befasst. Ziel ist es, Gesundheit für alle Gruppen in allen Bereichen zu ermöglichen, sodass alle Menschen gleiche gesundheitliche Voraussetzungen vorfinden.

8 Schulgesundheitspflege

Im folgenden Kapitel werden das Berufsbild, die Kompetenzen und die Aufgabenbereiche einer School nurse beschrieben. Es werden internationale Erfahrungen von und mit der Berufsgruppe aufgezeigt und Ergebnisse des „Best Practice Beispiel Schulgesundheitspflege in Brandenburg” dargestellt.

Deutlich sichtbar der Public Health Bezug der Berufsgruppe. Gesundheitsförderung und Prävention werden als wichtige Aufgabenbereiche einer School nurse angesehen, neben der Versorgung von akut und chronisch erkrankten Kindern und Jugendlichen im Schulbereich. Die Aufgabenfelder einer School nurse sind vielfältig. Im internationalen, europäischen und mittlerweile auch norddeutschen Raum gestaltet sich der Tätigkeits- und Kompetenzbereich, wie in der Abbildung ersichtlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Cluster „School nurse” (eigene Darstellung; in Anlehnung an Kocks 2009b)

In der Abbildung sind die in den nächsten Abschnitten näher definierten Tätigkeitsbereiche der Berufsgruppe erkennbar. Derzeit findet diese Vielfalt an schulischer Begleitung, Unterstützung, Zusammenarbeit als Profession im Team noch in kaum nennenswerter Form in Österreich statt. International und im europäischen Raum ist die Präsenz von School nurses seit Jahrzehnten gegeben. Die Berufsbezeichnungen sind je nach Land unterschiedlich definiert und einige davon werden im folgenden Abschnitt dargestellt.

8.1 Begriffsbezeichnungen von School nurses

Der englische Begriff School nurse ist die weibliche oder männliche Form der im deutschen Sprachraum wenig bekannten Schulgesundheits- bzw. Schulkrankenschwester oder eine/r/s SchulgesundheitspflegerIn.

Andrea Weskamm vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe e. V. (DBfP) (2014) bezieht sich auf den deutschen Gesundheitsexperten Andreas Kocks (2008) und meint, dass in Norddeutschland die School nurse als Schul­gesundheitsschwester bzw. -pflegerIn bekannt ist, wenngleich die Umsetzung des Berufsbildes erst vor kurzer Zeit erfolgte. Im Bundesland Schleswig-Holstein, Deutschland, und in Schweden wird die School nurse als „skolsköterska“ bezeichnet. Andere Bezeichnungen wie z. B. Public Health Nurse (m/w), School Health Nurse (m/w), School Health Nursing stellt eine international etablierte pflegerische Spezialisierung in den Ländern Vereinigtes Königreich, Finnland, Schweden, USA, Australien, China, Korea etc. dar (Kocks 2008, zit. nach Weskamm 2014: 4).

8.2 Tätigkeitsprofil, Kompetenzen und Einsatzgebiete von School nurses

Die Einsatzorte von School nurses sind Bildungseinrichtungen.

Die WHO bezeichnet die Schule als geeigneten Ort für die Förderung von Gesundheit und für Screening-Prozesse. Diese Früherkennungsprogramme und Maßnahmen der Gesundheitsversorgung und -förderung sind in zahlreichen Ländern etabliert. In einigen Ländern werden diese Tätigkeitsbereiche von spezialisiertem Gesundheits- und Krankenpflegepersonal durchgeführt (z. B. in England, Finnland, Schweden, Australien, Korea und den USA).

Die MedizinerInnen und MitgliederInnen vom Fachausschuss des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) und der deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin, ein Verein (DGSPJ), Ulrike Horacek, Gabriele Ellsäßer und Bettina Langenbruch beschreiben das Aufgabenspektrum der School nurse folgend (2015):

„[…] - pflegerische und medizinische Unterstützung chronisch kranker und körperlich und/oder geistig beeinträchtigter SchülerInnen bei der Umsetzung der Inklusion in Schulen (wie personenbezogene Maßnahmen der Grund- und Behandlungspflege, Verabreichung von Medikamenten);
- Brückenfunktion zu Gesundheitsversorgungseinrichtungen außerhalb von Schule;
- erste/r AnsprechpartnerIn bei Unfällen , Krankheitszwischenfällen oder auch akut auftretend en Erkrankungen;
- erste/r AnsprechpartnerIn und Vertrauensperson („KümmerIn) für SchülerInnen zu allen Fragen körperlicher und psychischer Gesundheit- ;
- Durchführung von Screening-Untersuchungen im Zusammenarbeit mit de/r/m SchulärztIn des ÖGD
- im Sinne von Public Health Gesundheitsbeobachtung der SchülerInnenschaft, Analysen zu spezifischen Bedarfen mit Handlungsempfehlungen zu Maßnahmen;
- Entwickeln, Anstoßen und Begleiten von Gesundheitsförderangeboten, die am Bedarf in der jeweiligen Schule ansetzen;
- interdisziplinäre Zusammenarbeit (innerhalb von Schule) und Kooperation mit PartnerInnen außerhalb: Garant für und AkteurIn in Vernetzung.” (Horacek et al. 2015: 11).

Der Gesundheitswissenschaftler Andreas Kocks (2008a) stellt fest, dass folgende Aufgaben z. B. von schwedischen School nurses durchgeführt werden:

- Gesundheitsversorgung: Behandlung von Kindern mit akuten und chronischen Erkrankungen, bei Bedarf Überweisung an externe medizinische Einrichtungen,
- Screening-Untersuchungen: Jährliche Vorsorgeuntersuchungen Von Lernenden mit dem Ziel der Abklärung etwaiger gesundheitlicher Risikofaktoren,
- Gesundheitsförderung und Prävention: Umfassende Konzepte, die verschiedene Themenbereiche, SchülerInnen, die Schulklasse oder die gesamte Schule betreffen.
- Integrierung von chronisch erkrankten Schulkindern: Erstellung von Ernährungsplänen (z. B. SchülerInnen mit Diabetes), Veranlassung von baulichen Maßnahmen etc.
- Zugang zu vulnerablen Gruppen: Identifikation von misshandelten, missbrauchten und/oder vernachlässigten SchülerInnen.
- In Schweden besteht für School nurses ein gesetzlicher Auftrag zur Identifizierung von misshandelten SchülerInnen (Kocks 2008a: 246-258).

Weskamm (2014) bezieht sich auf Kocks (2008), wenn sie meint, dass es für Schulen in Schweden verpflichtend ist,

„[…] eine School nurse zur gesundheitlichen Versorgung der Kinder vorzuhalten. Diese ist zentraler Bestandteil des schwedischen Gesundheitssystems. Eine School nurse ist durchschnittlich für ca. 500-600 SchülerInnen zuständig. In Schweden gibt es 2800 School nurses für eine Million SchülerInnen. Alle Schulen verfügen über schulische Gesundheitsteams, bestehend aus der School nurse, SozialarbeiterInnen, SchulpsychologInnen und SchulärztInnen.(Kocks 2008, zit. nach Weskamm 2014: 8).

Brigitte Piso, Roman Winkler, Judit Erdos und Bernd Wimmer fassen in der Studie des Ludwig Boltzmann Instituts vom Jahr 2012 zusammen:

School nurses in Schweden arbeiten z. B. institutionenübergreifend und in interdisziplinärer Zusammenarbeit in einem schulischen Gesundheitsverbund, dem auch ein/e SozialarbeiterIn, ein/e SchulpsychologIn und ein/e SchulärztIn angehören. Schwedische School nurses haben Zugang zu den seit der Geburt geführten Krankenakten des zuständigen lokalen Gesundheitszentrums und können dadurch auf bedeutende Hintergrundinformationen bezüglich der Kindergesundheit zugreifen (Piso et al. 2012: 32).

8.3 Erfahrungen mit School nurses aus internationaler und europäischer Sicht

Die AutorInnen zeigen auf, dass die American Academy of Pediatrics in ihrem aktuellen Positionspapier von 2014 zur Rolle der School nurse im Schulgesundheitsdienst erneut festschrieb, dass diese einen wesentlichen Part in gesundheitlichen Belangen innehat. Im Besonderen ist sie für die Betreuung von SchülerInnen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen unterschiedlichen Schweregrades zuständig. Nach Horacek et al. (2015) trifft die School nurse Bewertungen über den Gesundheitszustand von Kindern, erkennt Gesundheitsprobleme, die eine Erschwernis für den Lernprozess der Kinder bedeuten würden. Weiters entwickelt sie einen „Gesundheitsplan”, um schulische Gesundheitsbelange zu organisieren. Die School nurse stellt eine Verknüpfung des Gesundheitsplans zum Bildungsplan her, der in Zusammenarbeit mit Eltern, SchülerInnen und dem Schulteam umgesetzt wird. Sie forciert eine auswärtige medizinische Versorgung mit der Schule und gewährleistet eine interdisziplinäre Zusammenarbeit (Horacek et al. 2015: 8).

„[…] In der Schule obliegt ihr die medizinische Betreuung der chronisch kranken Kinder (wie Medikamentengabe, Tracheostomiepflege, Katheterisierung, Unterstützung bei orthopädischen Hilfsmitteln, etc.). Darüber hinaus ist sie in medizinischen Krisensituationen (Unfälle, Notfälle) erste Anlaufstelle. […]” (ebd.: 8)

Horacek et al. (2015) verweisen darauf, dass in Europa die skandinavischen Länder und Großbritannien VorreiterInnen in der Umsetzung von Schulgesundheitspflege sind. Sie meinen

„[..] in Schweden, Finnland und Großbritannien ist jede Schule gesetzlich verpflichtet , eine School nurse zur gesundheitlichen Versorgung der Kinder zu beschäftigen. Sie verfügt über eine Qualifikation auf Masterniveau. Sie arbeitet im Team mit LehrerInnen, SchulärztInnen, SchulpsychologInnen und SchulsozialarbeiterInnen und ist obligater Bestandteil von sogenannten Schulgesundheitsteams. Die School nurse ist erste kompetente AnsprechpartnerIn für alle gesundheitlichen Belange der SchülerIn im Schulalltag. In Großbritannien erfüllt die School nurse zusätzlich noch die Aufgaben einer Family nurse. […]” (ebd.: 8)

Die österreichischen MedizinerInnen und AutorInnen Thomas Czypionka, Markus Kraus, Monika Riedel und Gerald Röhrling (2011) erwähnen in der Fachzeitschrift des Hauptverbandes österreichischer Sozialversicherungsträger internationale Erfahrungen mit einer School nurse, die anders als die/der SchulärztIn auch eine intensivere psychosoziale Betreuung der SchülerInnen wahrnehmen kann. Sie hilft dabei, Krankheit und schulisches Leben zu vereinbaren, das durchwegs positiv bewertet wird. (Czypionka et al. 2011: 1).

Die AutorInnen vertreten die Ansicht, „ eine differenzierte Übertragung auf Österreich könnte helfen, nicht nur die Effizienz in der Leistungserbringung zu steigern, sondern auch in einigen Bereichen die Betreuungsqualität zu heben. Voraussetzung ist, dass Kompetenzen ausbildungsadäquat verteilt werden, diese dann aber auch weitgehend selbstständig innerhalb multidisziplinärer Zusammenarbeit ausgeübt werden dürfen.” (ebd.: 1)

8.4. Qualifizierung einer School nurse im internationalen und europäischen Raum

Horacek et al. (2015) verweisen darauf, dass die internationalen Ausbildungsmodalitäten einer School nurse so konzipiert sind, dass nach einer Grundausbildung zum gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege eine Zusatzausbildung erfolgt. Dies ist erforderlich, um die Anforderungen des komplexen Berufsbildes erfüllen zu können. Einerseits sind die gesundheitlichen Defizite von beeinträchtigten Kindern in der Schule zu identifizieren und darauf zu reagieren, andererseits sind Kenntnisse zu Public Health erforderlich, um zielorientiert Präventionsmaßnahmen setzen zu können.

So erfolgt die Ausbildung z. B. in Estland als postgraduierte Ausbildung.

In den Niederlanden erfolgt die Grundausbildung der PflegeexpertInnen auf Bachelor Niveau und findet in Zusammenarbeit mit der Gemeindefürsorge statt. Im Anschluss erfolgt eine Post-Bachelor-Ausbildung mit Schwerpunkt „Jugendkrankenpflege” und Themen wie z. B. Gesundheit, Netzwerkarbeit, Kommunikation und Rechtsfragen.

In Polen ist die Qualifizierung zur School nurse folgend gestaltet: Die Ausbildung zum Pflegeberuf ist mit einem Magistertitel abgeschlossen. Daraufhin ist die Absolvierung einer Weiterbildung zum Thema Zahnprophylaxe erforderlich und eine mindestens dreijährige Berufserfahrung in der Gesundheitsfürsorge (Horacek et al. 2015: 8ff).

In England besteht, so Weskamm (2014), die Vorgabe zu einem Pflegestudium mit Bachelor-Abschluss als Grundausbildung und einer Spezialisierung zur School nurse sowie zwei Jahren Berufserfahrung und einer Qualifizierung. Im Anschluss ist ein zweijähriges Postgraduierten-Studium in School nursing, Public Health und/oder Community Nursing vorgesehen, um als School nurse tätig zu werden. In Finnland wiederum ist die Ausbildung zur Public Health Nurse mit einem vierjährigen Studium an einer Fachhochschule geregelt. Die Weiterbildung zu einer School nurse in Schweden erfordert ein abgeschlossenes dreijähriges Pflegestudium mit Bachelorabschluss, um dann nach einer zweijährigen Berufserfahrung und einer Weiterbildung in der Kinderkrankenpflege bzw. in der Schulgesundheitspflege tätig zu werden (Weskamm 2014: 7f).

Internationale und europäische Erfahrungen lassen ein einheitliches Bild der Berufsgruppe erkennen. Die Weiterbildungen sind jedoch noch uneinheitlich gestaltet. Dies könnte mit den differenzierten Grundausbildungen zusammenhängen und mit der Schwerpunktverlagerung der Tätigkeiten einer School nurse in den einzelnen Ländern. Internationalen Erfahrungen mit SchulgesundheitspflegerInnen sind positiv bewertet.

9 Best Practice Beispiel Brandenburg und Hessen

In diesem Kapitel wird das Erfolgsmodell des Pilotprojekts „Innovationskonzept Schulpflegekräfte an Schulen in öffentlicher Hand im Land Brandenburg” vorgestellt. Dieses Konzept wurde anhand einer Machbarkeitsstudie in Brandenburg und Hessen, Deutschland, bereits umgesetzt und wurde im Schulsystem positiv angenommen.

Die Machbarkeitsstudie zum „Innovationskonzept Schulpflegekräfte an Schulen in öffentlicher Hand im Land Brandenburg” wurde in den Jahren 2013 und 2014 aus Mitteln des europäischen Sozialfonds und in Zusammenhang mit dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Frauen durchgeführt (Möller 2015: o. S.).

Die Berufstätigkeit als Schulpflegekraft in Brandenburg konnte anhand der rechtlichen Vorgaben und praktischen Erfahrungswerte anderer Staaten abgeleitet werden.

In der Machbarkeitsstudie wurden folgende Qualitätskriterien zur Erstellung eines Tätigkeitsprofils für SchulgesundheitspflegerInnen von der Sozialpsychologin Ingrid Möller (2015) beschrieben:

1. Das Vorweisen einer entsprechenden fachlichen Qualifizierung:

Die School nurse kann nur jene Aufgaben übernehmen, für die sie ausgebildet ist.

2. Eine Übereinstimmung der geltenden Rechtsvorschriften für den Schul- bzw. Gesundheitsdienst:

Die School nurse kann nur Tätigkeiten ausüben, die rechtlich zulässig sind.

3. Die Vermeidung von Doppelstrukturen:

Die SchulgesundheitspflegerInnen sollten keine Tätigkeitsbereiche übernehmen, die andere Berufsgruppen bereits innehaben. Hierbei geht es auch um eine Abgrenzung zu den Bereichen Schulpsychologie und Schulsozialarbeit. Eine klare Abgrenzung von Zuständigkeitsbereichen der Berufsgruppen ist essentiell.

4. Ein angemessener Umfang des Leistungsspektrums:

Das Tätigkeitsspektrum sollte nicht zu breit gesteckt sein, um eine Überlastung bzw. Überforderung der in diesem Bereich unerfahrenen Berufsgruppe zu vermeiden. Eine Empfehlung geht dahin, dass weniger Screening-Maßnahmen durchgeführt werden, die zeitaufwändig sind. Gesundheitsförderung und Prävention sind zentrale Themen der Schulgesundheitspflege. Dabei wird auch die Beratung von Lehrkräften als wichtig angesehen. Wichtiger als die eigene Durchführung ist die Initiierung von bewährten und qualitätsgesicherten Projekten zu relevanten Themen, wie z. B. Ernährung, Bewegung, Stress, Impfschutz, sexuelle Aufklärung und Mundgesundheit. Empfohlen wird die Unterstützung der Lehrkraft in der Elternarbeit bei gesundheitsrelevanten Themen. Dies wäre wertvoller als die eigene Durchführung von Seiten der School nurse. In der Praxis zeigte sich, dass ein erhebliches Problem in der Planbarkeit von Projekten vorliegt, da die Erstversorgung immer Vorrang hat (Möller 2015: 47-48).

Möller (2015) beschreibt in der Machbarkeitsstudie für Schulgesundheitspflege in Brandenburg folgende Rahmenbedingungen für das Gelingen von Schulgesundheitspflege:

- Da die School nurse als einzige medizinisch pflegerische Profession in der Schule wirkt, ist eine enge Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst zu empfehlen.
- Die Erfahrungen anderer Länder ergeben, dass es sinnvoll ist, ganzjährig eine School nurse pro Schule zu beschäftigen.
- Als Betreuungsrichtwert gilt in Brandenburg ein Verhältnis von einer Schoolnurse je 700 SchülerInnen bei Vollzeitbeschäftigung.
- Empfohlen wird eine Ganztagsanstellung, da bei einer Teilzeitbeschäftigung die Kontakthäufigkeit mit Auszubildenden deutlich verringert ist. In der Machbarkeitsstudie von Brandenburg wird eine Studie von Pennington und Delaney (2008) aufgezeigt, die ergibt, dass an Tagen, wo eine School nurse anwesend war, nur fünf Prozent der SchülerInnen krankheits- oder verletzungsbedingt nach Hause entlassen wurden. Hingegen wurden 18 Prozent der SchülerInnen nach Hause entlassen, wenn keine School nurse anwesend war und medizinisch-pflegerisches ungeschultes Personal darüber entschied.
- Organisatorisch ist wichtig, dass auch für Vertretungen im Bedarfsfall gesorgt ist und dass ein Tätigkeiten-Katalog für externes Personal vorliegt.
- Entscheidend für ein Gelingen der Schulgesundheitspflege ist die Befürwortung durch die Schuldirektion und das LehrerInnenkollegium.
- Die Kooperation von externen Gesundheitsförderungs- und Präventionsprojektbetreibern sollte frühzeitig bei der Planung der Umsetzung von Schulgesundheitspflege stattfinden, wie auch eine Gesamtkonferenz aller betroffenen Personen (LehrerInnen-, Eltern- und SchülerInnen). Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfP) erwähnt eine Studie von Lisa M. Barnes et al. (2004), die besagt, dass es in Australien trotz schulinterner Öffentlichkeitsarbeit zwei Jahre dauerte, bis sich eine neu eingeführte School nurse im Schulsystem integrieren konnte und voll akzeptiert wurde. Daher ist eine uneingeschränkte Akzeptanz und Unterstützung der Schuldirektion für das Gelingen von Schulgesundheitspflege von besonderer Bedeutung.
- Ebenso führt der DBfP eine Studie des Jahres 2012 vom Department of Health (DH) an, die ergab, dass Eltern und SchülerInnen sich mehr Transparenz und Information rund um die Angebote von Schulgesundheitspflege wünschen. Ebenso ist die Öffentlichkeitsarbeit notwendig, um der Gesellschaft die Information über Schulgesundheitspflege zu vermitteln.
- Als Räumlichkeit werden neben einem Behandlungszimmer eine Toilette, eine Wartezone, ein Ruheraum sowie ein kleiner Lagerraum bzw. Archiv als sinnvoll betrachtet. Wobei die gängigen Vorschriften in Bezug auf Hygiene und Infektionsprävention einzuhalten sind (ebd.: 56- 61).

[...]

Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Die School nurse und ihre Kompetenzen. Eine Bereicherung für das Primarschulsystem
Hochschule
FH Kärnten, Standort Feldkirchen  (Gesundheit und Soziales)
Veranstaltung
Public Health
Note
1
Autor
Jahr
2017
Seiten
155
Katalognummer
V995075
ISBN (eBook)
9783346349521
ISBN (Buch)
9783346349538
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesundheitsförderung, School nurse, Vulnerabilität, Schulsystem, Diplomierte/r Gesundheits- und KrankenpflegerIn
Arbeit zitieren
Andrea Gundolf (Autor), 2017, Die School nurse und ihre Kompetenzen. Eine Bereicherung für das Primarschulsystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/995075

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