Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Die Gestaltung einer Unterrichtsstunde für die Oberstufe (Gymnasium)


Unterrichtsentwurf, 2020

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Lerngruppenbeschreibung

2. Sachanalyse

3. Didaktische Überlegungen

4. Kompetenzentwicklung und Lernziele

5. Methodische Entscheidungen

6. Stundenverlaufsplanung

Anhang

Material

Literaturverzeichnis

1. Lerngruppenbeschreibung

Seit dem 1. April dieses Jahres bin ich Teilnehmer des Fachseminars Geschichte unter der Leitung von Herrn L. Aktuell besteht die Lerngruppe aus 4 Frauen und 5 Männern, welche alle ihren Vorbereitungsdienst im Fach Geschichte bestreiten. Das Seminar findet im 2-wöchentlichen Rhythmus, immer montags in der Zeit von 13:30-18:00 Uhr statt. Das Sozialverhalten der einzelnen Teilnehmer ist durchweg positiv zu bewerten, sodass zu keiner Zeit Störungen des Seminarablaufs zu erwarten sind. Auch das Lernverhalten ist bei einem Großteil der Lerngruppe stark ausgeprägt, was sich in einer regen Mitarbeit der meisten Teilnehmer äußert. Die beschriebenen Aspekte führen oftmals zu erkenntnisreichen und gewinnbringenden Debatten innerhalb des Seminars.

Die Ausprägung der fachspezifischen Kompetenzen, hier genauer die geschichtskulturelle Kompetenz, ist mit Blick auf ein abgeschlossenes Hochschulstudium bei allen Teilnehmern als stark bis außerordentlich stark einzuschätzen. Bezüglich der praktischen Lehrerfahrungen ergibt sich ein differenzierteres Bild. Die erste Gruppe befindet sich seit nun mehr 7 Monaten im Vorbereitungsdienst. Innerhalb dieser Gruppe ist es vor allem Herr O., der Gespräche durch fachlich und sprachlich gut formulierte Beiträge voranbringen kann. Die zweite Gruppe, bestehend aus R. und M. mit dem Einstellungstermin zum 01.09., dürfte mutmaßlich über die geringste Lehrerfahrung verfügen. Aus diesem Grund ist ihr Leistungsniveau, vor allem bezüglich des Einsatzes geschichtsdidaktischer Methoden, etwas niedriger einzuschätzen. Dennoch beteiligen sich beide Lehrkräfte rege am Seminar. Aufgrund der insgesamt noch sehr geringen Lehrerfahrungen aller Teilnehmer, ist davon auszugehen, dass geringe bis keine praktischen Erfahrungen im Umgang mit Zeitzeugen im Geschichtsunterricht gemacht wurden. Dennoch dürften innerhalb des Studiums Berührungspunkte mit der Thematik geschaffen worden sein, sodass grundlegende Kenntnisse zum Thema vorhanden sein dürften. Aufgrund der analysierten Situation lässt sich die Entwicklungstheorie von Robert Havighurst auf die Lerngruppe wie folgt adaptieren. Havighurst behauptet, dass die Entwicklung des Menschen aus der Bewältigung von Herausforderungen und Aufgaben in verschiedenen Lebensabschnitten besteht. Die Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst stehen am Beginn ihrer Laufbahn und sind in Hinblick auf das Erlernen neuer fachdidaktischer Inhalte motiviert und wissbegierig.1

Die selbst zu erbringende Ausbildungsleistung (SAL) wird von mir im Raum 3.1 des Landesinstituts für Schulqualität und Lehrerbildung am Standort Magdeburg abgehalten. Der Raum verfügt über einen PC mit integriertem USB-Anschluss sowie über einen Beamer und einer Projektionsfläche, über die eine von mir vorbereitete Präsentation zur visuellen Unterstützung der SAL abgebildet werden kann. Darüber hinaus ist der Raum mit mehreren Rolltafeln ausgestattet, auf die im Einstieg der SAL zurückgegriffen wird. Allgemein bietet der Veranstaltungsort, auch aufgrund seiner Kompaktheit, eine vertraute Umgebung, die sich für die Diskussion über die vermittelten Inhalte eignet. Die SAL beginnt um 13:30 Uhr und endet voraussichtlich gegen 16:30 Uhr. Anschließend wird das Thema erneut aufgegriffen und bildet den Kerngegenstand für die verbleibende Dauer der Seminarsitzung. Aufgrund der Gesamtdauer der SAL von ca. 3 Stunden und der Tatsache, dass alle Teilnehmer bereits vormittags ihr Hauptseminar absolviert haben, wird die SAL für 2 10 minütige Pausen unterbrochen.

2. Sachanalyse

„All history was first oral.”, bemerkte seinerzeit der englische Schriftsteller Samuel Johnson im Jahr 1773. So basierte bereits in der Antike und im Mittelalter die Geschichtsschreibung auf dem, was von Zeitgenossen erzählte wurde. Trotz des Primats der Schriftquellen seit dem 19. Jahrhundert, griffen einige Historiker weiterhin auf mündliche Erzählungen zurück. In den 1940er Jahren entwickelte sich in den USA die geschichtswissenschaftliche Methode der Oral History, in der Interviews mit Zeitgenossen historiografisch ausgewertet wurden. Hinzu kam die Gelegenheit, dass mit der Erfindung von mobilen Aufnahmegeräten seit Mitte des 20. Jahrhunderts diese mündlichen Selbstzeugnisse konserviert und nach entsprechenden Kriterien ausgewertet werden konnten.2 Während zunächst ausschließlich Vertreter hochgestellter Personenkreise, v.a. Politiker und Generäle, interviewt wurden, verlagerte sich in den 60er Jahren das Spektrum der Befragten zu bis dato eher benachteiligten sozialen Gesellschaftsgruppen wie Afro-Amerikanern oder Frauen. In der Bundesrepublik Deutschland wurde die Oral History vor allem im Kontext der Alltagsgeschichte eingesetzt. In wissenschaftlichen Großprojekten wie dem LUSIR - Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet - versuchten Historiker das subjektive Geschichtsbild bestimmter Bevölkerungsgruppen und Milieus aufzuarbeiten. Personen wie Lutz Niethammer ist es zu verdanken, dass sich die Oral History als geschichtswissenschaftliche Methode etablierte und so ein Schub an Geschichtsinteresse in der bundesdeutschen Gesellschaft ausgelöst wurde.3

Ähnlich, obgleich nicht komplett deckungsgleich, ist die Rolle der Interviewpartner in der Oral History mit der von Zeitzeugen in der Geschichts- und Erinnerungskultur. Im Vergleich zum Interviewpartner verkörpert der Zeitzeuge eine Figur, die in der Regel ein bestimmtes Ereignis bezeugen soll.4 Eng verknüpft wird die „Geburt des Zeitzeugen“ mit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen, genauer den (Augen-) Zeugenberichten der HolocaustOpfer im Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem und in den Auschwitz-Prozessen von 19631968 in Frankfurt.5 Ausgehend von dieser sogenannten holocaust education wurde den Zeitzeugen fortan auch in unserer Erinnerungskultur, ob in Fernsehdokumentationen oder in Gedenkstätten und Museen, eine entscheidende Rolle zugewiesen.6 Eine weitere Möglichkeit, Zeitzeugenaussagen bzw. Oral-History-Interviews in Form von Videos der Bildungsarbeit und Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, bietet das Internet. In Deutschland ist der ZDF- „Jahrhundertbus“, in dem bereits über 4.000 Interviews zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts geführt wurden (Stand März 2016), das prominenteste Beispiel für das Sammeln von Zeitzeugengesprächen.7

Im Zuge dieser skizzierten Entwicklung haben die Zeitzeugen auch Einzug in einen methodisch fortschrittlichen handlungs- und problemorientierten Geschichtsunterricht gehalten. Aufgrund der hohen didaktischen Erwartungen an solche Gespräche, die mit Begriffen wie Anschaulichkeit, Authentizität und Aura verknüpft sind, gründeten sich im Laufe der Jahre verschiedene Zeitzeugenbörsen, auf welche die Schulen und andere Bildungsinstitutionen zurückgreifen können. Auf die Darstellung weiterer Charakteristika sowie von Chancen und Risiken der Methode, wird an dieser Stelle verzichtet, da diese ausführlicher Gegenstand des Referats sein werden. Letztendlich gibt es differenzierte Formen der Zeitzeugenaussagen, weshalb die Methode sehr unterschiedlich im Geschichtsunterricht umgesetzt werden kann. Der Zeitzeuge kann live auftreten oder es wird mit einem Video oder einer Transkription gearbeitet. Während beispielsweise der Begriff Zeitzeugenbericht eine einseitige Kommunikationssituation andeutet, in der die Person eher offen von bestimmten Ereignissen berichtet, implizieren Zeitzeugengespräche und Zeitzeugenbefragungen eine interaktive Gesprächssituation. Häufig sprechen Zeitzeugen, heute oftmals aus der DDR stammend, im Stil eines Vortrags vor einem größeren Auditorium in der Schule, bei dem im Anschluss Fragen erlaubt sind.8 Letztendlich bedarf es für die Durchführung eines Zeitzeugengesprächs einer gründlichen Vorbereitung, in der folgende Punkte berücksichtigt werden müssen: Thema des Gesprächs, Akquisition eines passenden Interviewpartners inklusiver möglicher finanzieller Absprachen, Vorbereitung des Unterrichtsbesuchs und Erstellung konkreter Aufgabenstellungen zur Auswertung des Interviews. Des Weiteren muss bei der Durchführung darauf geachtet werden, dass der zeitliche Rahmen eingehalten wird und die Lernenden explizit hinsichtlich der Verhaltensregeln belehrt werden. Innerhalb der Nachbereitung wird das Gespräch in die Sequenzplanung eingebettet sowie erste Eindrücke und offene Fragen aufgearbeitet.9

3. Didaktische Überlegungen

Das Zeitzeugengespräch steht exemplarisch für eine Vielzahl von verschiedenen Formen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in der Gegenwart, grenzt sich aber dennoch durch seine generationenübergreifende Kommunikationssituation entscheidend von anderen Quellen und Darstellungen ab.10 Im Fachlehrplan des Landes Sachsen-Anhalt ist die schulische Arbeit mit Zeitzeugen fest verankert. In der Einführungsphase in Schuljahrgang 10 nimmt die Auseinandersetzung mit diesen unter der Formulierung „Deutschlands Vereinigung und die Perspektive von Zeitzeugen untersuchen“11 einen eigenständigen Kompetenzschwerpunkt ein und ist daher obligatorisch für die Lehrkräfte des Fachseminars in den Unterricht einzubeziehen.

Die gegenwärtige Bedeutung des Einsatzes von Zeitzeugen nach Klafki12 manifestiert sich in den vielzähligen Elementen der Erinnerungskultur, wie Fernsehdokumentationen, Gedenkstätten und Museen. Die dort durchgeführten Interviews sind im Sinne des Fachlehrplans ein geeignetes Beispiel für aktuelle Formen bewusster Erinnerung an historische Ereignisse und Prozesse.13 Die Lehrenden im Vorbereitungsdienst sollen daher im Rahmen der SAL in die Lage gebracht werden, ihre jeweiligen Lerngruppen zur Erörterung von Zeitzeugengesprächen zu befähigen. Dies erfordert laut Fachlehrplan, den interessengeleiteten Umgang Einzelner oder sozialer Gruppen mit Erinnerungen nachweisen, deuten und bewerten zu können.14 Während die Auseinandersetzung mit Zeitzeugen demnach bei den SuS vor allem die Interpretationskompetenz und die narrative Kompetenz fördert, sollen die Seminarteilnehmer die methodischen und gattungsspezifischen Anforderungen an die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von Zeitzeugengesprächen nachvollziehen und diese umsetzen können. Die geschichtskulturelle Kompetenz soll gezielt anhand eines konkreten Beispiels eines Zeitzeugengesprächs sowie durch die eigenständige Planung einer Unterrichtssequenz gefördert werden. Aus zeitlichen Gründen wird das einleitende Gespräch den Rahmen von ca. 25-30 Minuten nicht überschreiten. Zum einen ist dieser Umfang ausreichend, um einen grundlegenden Einblick in die Methode zu erhalten, zum anderen ist somit genügend Zeit für die Selbsttätigkeit der Lerngruppe gewährt.

Die Medienauswahl zu Themengebieten wie der friedlichen Revolution in der DDR ist höchst vielfältig. So gibt es beispielsweise zahlreiche Geschichtsdokumentationen, Filmangebote oder auch aktuelle Schulbücher, die sich als Elemente der Geschichtskultur für eine detaillierte Auseinandersetzung mit solchen Thematiken anbieten. Dennoch ist die Arbeit mit Zeitzeugen für Lehrkräfte und ihre Lerngruppen besonders profitabel. Dadurch, dass sie „dabei“ waren, belegen Zeitzeugen die Vergangenheit und eröffnen den Zuhörern einen direkten Zugang zur Geschichte. Nach Sabrow kann diese den Zeitzeugen oftmals zugeschriebene „Aura der Authentizität“ ein ungewohnt hohes Maß an Wissbegierde bei den SuS hervorrufen und den emotionalen Bezug zu Unterrichtsgegenständen vertiefen.15 Somit ermöglichen Zeitzeugengespräche einen handlungs- und problemorientierten Zugang zu Geschichte und motivieren die SuS zur Auseinandersetzung mit historischen Themen.16 Die SAL bildet sowohl die Grundlage für eine weiterführende Auseinandersetzung mit dem Thema „Zeitzeugen im Geschichtsunterricht“ in der Seminarsitzung am 09. November selbst, als auch Anhaltspunkte für weitere Sitzungen, in denen verschiedene Formen der Erinnerungskultur thematisiert werden.

4. Kompetenzentwicklung und Lernziele

Schwerpunkt der Kompetenzentwicklung

Die Lerngruppe ist zum Abschluss des Seminars in der Lage, den gesamten Ablaufprozess eines Zeitzeugengesprächs von der Vorbereitung über die Befragung der Interviewpartner bis zur Auswertung des Erlebten mit einer Schulklasse durchzuführen.

Die Stunde leistet einen Beitrag zur Entwicklung der fachbezogenen Kompetenz

Geschichtskulturelle Kompetenz:

Die Lerngruppe kann die gattungsspezifischen Anforderungen an die Durchführung von Zeitzeugengesprächen nachvollziehen und das Potenzial von Zeitzeugengesprächen für den Geschichtsunterricht beurteilen, indem sie die Chancen und Risiken der Methode erörtern.

[...]


1 Greve, Werner; Thomsen, Tamara. Entwicklungspsychologie: Eine Einführung in die Erklärung menschlicher Entwicklung. Wiesbaden 2019. S. 24.

2 Bertram, Christiane: Zeitzeugen im Geschichtsunterricht: Chance oder Risiko für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventionsstudie. Schwalbach 2017. S. 12.

3 Vorländer, Herwart: Oral History. Mündlich erfragte Geschichte. Göttingen 1990. S. 9.

4 Bertram. S. 14.

5 Krause, Peter: Der Eichmann-Prozess in der deutschen Presse. Berlin 1999. S. 69.

6 Sabrow, Martin; Frei, Norbert: Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945. Göttingen 2012. S. 17.

7 https://www.zdf.de/dokumentation/zdf-history/das-gedaechtnis-der-nation-102.html Zugriff am 02.11.2020.

8 Bertram. S. 24.

9 Bertram. S. 25

10 Ebenda. S. 24

11 Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt: Fachlehrplan Gymnasium. Geschichte, Stand: 01.07.2019. S. 38.

12 Klafki, Wolfgang: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik: Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritischkonstruktive Didaktik. Weinheim und Basel 2007. S. 271.

13 FLP. S. 7.

14 Ebenda. S. 7.

15 Wierling, Dorothee: Alltags- und Erfahrungsgeschichte. In: Bergmann, Klaus: Handbuch Geschichtsdidaktik. Hannover 1997. S. 234.

16 Sabrow, Martin; Frei Norbert. S. 19.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Die Gestaltung einer Unterrichtsstunde für die Oberstufe (Gymnasium)
Hochschule
Staatliches Seminar für Lehrämter Magdeburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V996000
ISBN (eBook)
9783346379047
ISBN (Buch)
9783346379054
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zeitzeugen, geschichtsunterricht, gestaltung, unterrichtsstunde, oberstufe, gymnasium
Arbeit zitieren
Philip Sell (Autor), 2020, Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Die Gestaltung einer Unterrichtsstunde für die Oberstufe (Gymnasium), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/996000

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