Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit als Motivatoren des Lernprozesses. Vergleich der humanistischen und der sozial-kognitiven Perspektive


Hausarbeit, 2018

23 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Definitionen
2.1 Perceived self-efficacy nach Albert Bandura
2.1.1 Selbstwirksamkeit, Kontrolle und Kausalattribution
2.1.2 Abgrenzung der self-efficacy zu anderen Theorien
2.1.3 Wie Selbstwirksamkeit beeinflusst werden kann
2.2 Self-determination nach Deci und Ryan
2.2.1 Selbstbestimmung und der Begriff der Motivation
2.2.2. self-determination und der overjustification effect
2.2.3 Von der extrinsischen Motivation zu selbstbestimmten Handlungen
2.3 Vergleich der beiden Konzepte

3 Neuere Studien
3.1 Studie zum Mentoringkonzept
3.1.1 Gestaltung und Durchführung der Studie
3.1.2. Kritik und Einordnung der Studie
3.2 Studie zur akademischen Motivation
3.2.1 Gestaltung und Durchführung der Studie
3.2.2 Kritik und Einordnung der Studie

4 Diskussion

Zusammenfassung

Die vorliegende Hausarbeit vermittelt einen Überblick über zwei zentrale Konstrukte der Lernmotivationsforschung: die self-determination (Selbstbestimmung) und die self-efficacy (Selbstwirksamkeit). Während das Konstrukt Selbstbestimmung eingebettet ist in die gleichnamige Theorie (self-determination theory), die sich als Motivations- und Regulations-theorie begreift, ist self-efficacy ein zentrales Theorem, das maßgeblichen Anteil daran hat, Motivation und Lernen voneinander zu trennen und Lernprozesse mit behavioralen, motivationalen, kognitiven, sozialen Komponenten zu erklären.

Der Begriff self-efficacy wurde entscheidend von Albert Bandura in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geprägt. Der Kanadier gilt als Schöpfer der sozial-kognitiven Theorie, die als Verschmelzung des Skinner‘schen Behaviorismus mit der sozialen Lerntheorie Rotters betrachtet wird. Banduras Verdienst war es, die klassische Trias Reiz-Verbindung-Reaktion sowohl um eine kognitive Komponente als auch um eine soziale Komponente zu ergänzen. Obwohl Bandura in seiner self-efficacy -Theorie immer auch die soziale Einbettung des Individuums betont, lässt sich sein Konstrukt dem kognitiven Behaviorismus zurechnen. Weil Bandura sich, wie alle Behavioristen, in erster Linie mit positiven (z.B. Belohnung) und negativen (z.B, Bestrafung) Umwelteinflüssen auf das Individuum beschäftigt, kreist seine Theorie vor allem um extrinsische Motivatoren (lat. extrinsecus „von außen her“).

Die self-determiniation theory ist neben der Flow-Theorie und der Interessentheorie eine der drei einflussreichsten Erklärungsansätze zur intrinsischen Motivation (lat. intrinsecus „inwendig“). Sie kann man durchaus als „neuhumanistisch“ bezeichnen, da sich das US-amerikanische Autorenteam Edward L. Deci und Richard. M. Ryan auf Theorien aus den späten 50er Jahren des 20. Jahrhunderts stützt, u.a. auf Abraham Maslows Bedürfnispyramide oder Carl R. Rogers’s Konzept der Selbstaktualisierung, auch wenn sich diese bisher nicht empirisch belegen ließen.

In der vorliegenden Hausarbeit sollen die beiden psychologischen Konstrukte Selbstbestimmung (self-determination) und Selbstwirksamkeit (self-efficacy) in ihrem jeweiligen Kontext vorgestellt und dann anhand von zwei neueren Studien zu jedem dieser beiden Konstrukte auf ihre Aktualität und Widersprüchlichkeit hin analysiert werden.

1 Einführung

Was motiviert Menschen, Neues zu lernen, etwas anzupacken, Probleme zu lösen oder – ganz allgemein - etwas zu verändern? Die Frage nach dem Wozu und Wie(Heckhausen & Heckhausen, 2010)oder dem What and Why (Deci & Ryan, 2000)sind in jüngerer Zeit wieder in den Fokus der wissenschaftlichen Psychologie geraten.

Dabei gehört die Erforschung der Motivation im Allgemeinen und der Lernmotivation im Speziellen zu den grundlegendsten Fragestellungen der Pädagogischen Psychologie und der Psychologie im Allgemeinen. Während die Gründerväter der Psychologie, allen voran Wilhelm Wundt, Ende des 19. Jahrhunderts die inneren Prozesse, die Bewusstseinsvorgänge, u.a. durch Introspektion (Selbstbeobachtung) zu ergründen versuchten, konzentrierten sich die ersten Behavioristen um John Watson und B. F. Skinner, auf die sichtbaren Dinge. Sie beschränkten sich auf die Untersuchung von beobachtbarem Verhalten, klammerten den Prozess der inneren Verarbeitung aus und erforschten, warum ein bestimmter Stimulus (Reiz) eine bestimmte Response (Reaktion) auslöst und wie diese Assoziation (Verbindung) zustande kommt. Clark R. Hull und die so genannten Neobehavioristen stellten eine Reizverarbeitung in einer wie immer gearteten black box zwar in Rechnung, konzentrierten sich jedoch weiterhin auf die sichtbaren Vorgänge, also auf das Verhalten, und erklärten diese mit mathematischen Methoden (Goal-Gradient-Effekt).(Bodenmann, Perrez & Schär, 2011)„Motivationsfaktoren und Lernprozesse waren in diesen Ansätzen unabdingbar miteinander verbunden: Motivation wurde oft aus Lernen erschlossen und Lernen war gewöhnlich ein Indikator für Motivation.“(Urhahne, 2008, S. 150)

Auf die Pädagogik übertragen bedeutet die klassisch-behavioristische Sichtweise, dass die wichtigsten Antreiber des Lernprozesses umweltbedingt sind, also von außen ans Individuum herangetragen werden. Die Konsequenzen des Handlungsergebnisses eines Lernvorgangs, zum Beispiel ein verbales Lob durch den Lehrer oder ein finanzieller Vorteil durch eine Prämie, stehen damit im Vordergrund des Lernvorgangs. Ein Schüler wird beispielsweise den neuen Stoff lernen, weil eine Belohnung (positive Konsequenz) bei einer guten Leistung winkt oder eine Sanktionierung (negative Konsequenz) bei einer schlechten Bewertung ausbleibt.(Mietzel, 2007)Weil die Quelle des Antriebs (locus of causality) nicht im Individuum selbst zu finden ist, sondern umweltbedingt ist, wird diese Art von Motivation als extrinsisch bezeichnet.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts ist eine Fülle von Motivationstheorien entstanden, die sich anhand unterschiedlicher Kriterien mehr oder weniger exakt voneinander abgrenzen lassen und deren Synopse den Rahmen dieser Hauarbeit sprengen würde. (Urhahne, 2008) „In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts beherrschte dann praktisch nur eine Theorie das Forschungsfeld: die Leistungsmotivationstheorie (Atkinson, 1957, 1964).“(Urhahne, 2008, S. 50)Lernen wird in der klassischen Lernmotivationstheorie nach Atkinson nicht nur als gesetzesmäßige Abfolge von Reiz und Reaktion, von Instinkt und Habituation, gesehen, sondern auch mit der inneren Verarbeitung, mit kognitiven Prozessen im Individuum selbst, in Verbindung gebracht. Das Individuum nimmt also einen Reiz wahr, verarbeitet ihn kognitiv durch Einordnung, Assoziation und Bewertung, und reagiert dann auf diese oder jene Weise. Dazu führte Atkinson in seinem Handlungsmodell neben zwei gegensätzlichen Leistungsmotiven (Erfolg suchen vs. Misserfolg vermeiden) auch gedanklich vorweggenommene Affektkonsequenzen (Stolz bei Erfolg, Scham bei Misserfolg) ein und nennt weitere moderierende Motivatoren wie Anreizwerte und Erfolgserwartungen. „Inzwischen haben sich die Auffassungen stark ausdifferenziert, welche Art von Erwartungen und Werten handlungsleitend sind. Erwartungen machen sich nicht allein, wie in Atkinsons Theorie, am erwarteten Handlungsergebnis fest und Anreizwerte des Handelns liegen nicht allein in den Handlungsfolgen begründet.“(Urhahne, 2008, S. 153)

Albert Bandura, der Vater der sozial-kognitiven Theorie, hat den Begriff der self-efficacy in den Mittelpunkt seiner Forschung gestellt. Er versteht sich nicht als Motivationspsychologe oder Pädagoge, sondern argumentiert zunächst aus einem klinisch-psychologischen Kontext heraus. Die black box der orthodoxen Behavioristen füllte er mit kognitiven und motivationalen Faktoren und bediente sich dabei der Termini self-efficacy (Selbstwirksamkeit), efficacy expectations (Selbstwirksamkeitserwartungen), outcome expectations (Ergebniserwartungen) und control (Kontrolle). Dabei definierte er diese Konstrukte entweder neu oder verstand sie anders als dies Rotter, Skinner oder Lazarus getan haben.(Fries, 2006)

Aus einer anderen Tradition kommend formulierten in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts die US-Amerikaner Edward L. Deci und Richard M. Ryan die self-determination theory. Sie entwickelten eine inhaltsorientierte Motivations- und Regulationstheorie, die self-determination theory, und gingen dabei – stark verkürzt – davon aus, dass der Mensch vor allem dann lernt, wenn er intrinsisch motiviert sei, wenn er den Lernvorgang in irgendeiner Weise interessant finde (primäre Motivation). Hinter diesem Typus von Motivation würden in Anlehnung an Abraham Maslow und Carl R. Rogers psychologische Grundbedürfnisse, psychological needs, des Menschen stehen: Autonomie, Kompetenz und soziale Zugehörigkeit. Und diese drei Grundbedürfnisse seien für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden genauso essentiell wie die Zufuhr von Sauerstoff, Wasser und Nährstoffen für das Wachstum, die physische Gesundheit und das körperliche Wohlbefinden des Menschen.

2 Definitionen

2.1 Perceived self-efficacy nach Albert Bandura

2.1.1 Selbstwirksamkeit, Kontrolle und Kausalattribution

Dieses Szenario ist bekannt: Wird in einer Schulaufgabe eine Transferaufgabe gestellt, eine Aufgabe also, die in dieser Form noch nie im Unterricht besprochen wurde, probieren einige Schülerinnen und Schüler immer neue Lösungswege aus, gehen nach dem trial and error -Prinzip vor, bis sie schließlich ans Ziel kommen und die Lösung gefunden haben. Andere Schülerinnen und Schüler probieren hingegen nur einen Lösungsansatz, kommen nicht sofort auf das richtige Ergebnis und legen diese Aufgabe dann ad acta. Manche also lassen sich Schwierigkeiten nicht aus der Bahn werfen, bleiben am Ball und schaffen es schließlich, andere geben nach ihrem ersten Misserfolg auf und schaffen es so niemals ans Ziel.(Urton, 2017)Der Verfasser schließt sich damit einer Fragestellung an, die Karolina Urton unlängst sehr treffend formuliert hat: „Wenn es nicht die die kognitiven Fähigkeiten und das Vorwissen einer Person allein sind, was führt noch dazu, dass Menschen die an sie gestellten Aufgaben aufgreifen und Ziele verfolgen?“(Urton, 2017, S. 3)„Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten“; würde wohl die Antwort eines Laien lauen. Psychologen hingegen umschreiben das mit Begriffen wie Kausalattribuierung, Selbst-wirksamkeit, Selbstwirksamkeitsüberzeugung oder generalisierte Erwartungshaltung.

Den Terminus Selbstwirksamkeit, der im nächsten Unterkapitel noch ausführlicher erläutert wird, ordnen Schwarzer und Jerusalem in eine Reihe mit Konstrukten ein, die generalisierte Erwartungshaltungen des Menschen umschreiben: Dazu zählen Kontrollüberzeugungen, positiver Selbstwert und Commitments (Lazarus/Folkman) ebenso wie internale/externale Kontrollüberzeugungen (Rotter) und dispositioneller Optimismus (Scheier/Carver). Auch die multidimensionale Variablen Hardiness (Kobasa) und Kohärenz (Antonovsky) subsummieren Schwarzer und Jerusalem unter den generalisierten Erwartungshaltungen. (Schwarzer & Jerusalem, 2002)

Ohne im Detail auf die einzelnen Termini und die dahinter stehenden Theorien eingehen zu wollen, lässt sich an dieser Stelle jedoch einmal festhalten, dass der Mensch dann zur Ausführung einer Handlung – und dazu zählt auch das Lernen in Schule und Studium – motiviert ist, wenn er die Zuversicht in sich trägt, dass er nach Planung und Umsetzung sein angestrebtes Ziel auch erreichen wird: sei es eine gute Schulnote, das Abitur oder die Statistikprüfung – auch gegen widrige Umstände oder gar Hindernisse. Ein Mensch mit hoher Selbstwirksamkeitsüberzeugung ist davon überzeugt, dass er jederzeit die Kontrolle (internale Kontrolle) über den Lernfortschritt und Lernergebnisse hat. Er selbst ist sozusagen Herr des Verfahrens und hat das Selbst-vertrauen, ein Problem lösen oder eine Aufgabe bewältigen zu können. Ein Erfolg erwächst also nicht aus Glück oder Gunst (externale Attribuierung), sondern aus eigener Kompetenz und Anstrengung (internale Attribuierung). Die Selbstwirksamkeitserwartung (perceived self-efficacy) spielt demnach eine große Rolle bei der Frage, ob ein Individuum eine bestimmte Handlung auch plant und ausführt.(Schwarzer, 2000)

Das Konstrukt der learnded helplessness (erlernte Hilflosigkeit) von Seligman ist zwar nicht deckungsgleich mit der Theorie der Selbstwirksamkeit oder mit anderen Konzepten von generalisierter Erwartungshaltung - und überhaupt bezieht sich die Seligman’sche Theorie auf einen pathologischen Bereich menschlichen Verhaltens, doch geht es ihm auch um die „richtige“ Einschätzung und Interpretation von Ereignissen. Seligman postuliert in seiner Theorie nämlich, dass Menschen negative Ereignisse kognitiv und emotional unterschiedlich bewerten. Depressive Personen gehen eher davon aus, dass ein Misserfolg beim Lernen mit mangelnder Begabung zu tun hätte; diese Ursachenzuschreibung (Kausalattribuierung) wäre demnach global, internal und stabil. Optimisten vermuten hinter einem Misserfolg regelhaft äußere Gründe, etwa die letzte Prüfung sei unfair verlaufen oder der Lehrer sei dieses Mal ungerecht gewesen. Damit ist die Ursache spezifisch, external und variabel.

2.1.2 Abgrenzung der self-efficacy zu anderen Theorien

Die Behavioristen sprechen von einem Lernprozess, sobald das beobachtbare Verhalten „als Ergebnis von Erfahrungen erfolgt ist (Skinner, 1953)“. (Mietzel, 2007) Durch Lernen kann sich sowohl die Form (Qualität) einer Verhaltensweise als auch ihre Auftretenshäufigkeit verändern. Auslöser einer Verhaltensweise ist stets ein Reiz (z.B. »wie viel ist 2 + 3«), den man nach dem englischen Wort Stimulus mit »S« abkürzt. Wenn der Schüler auf die Frage nach dem Ergebnis der Additionsaufgabe mit »5« antwortet, hat er reagiert; diese Reaktion kürzt man nach dem englischen Wort response mit »R« ab. Die gelernte Abfolge besteht somit aus drei Elementen: einem Reiz (S), einer Reaktion (R) und der Verbindung (Assoziation) von S und R. Es stellt sich nun die Frage, wie die Assoziation zwischen einem Reiz und einer Verhaltensweise (R) entsteht, wie sie gestärkt wird und wie sie über längere Zeit aufrechterhalten bleibt.(Mietzel, 2007)

Während die Verbindung zwischen S und R im klassischen Behaviorismus in der black box des menschlichen Organismus geschah, baute Albert Bandura baute auf dieser Theorie auf und verdichtete sie über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten zu einer sozial-kognitiven Theorie. Dabei geht er von einem dem Menschen immanenten Streben nach Kontrolle aus: „ The striving for control over life circumstances permeates almost everything people do throughout the life course because it provides innumerable personal and social benefits.” (Bandura, 1997, S. 1-2) Schon zuvor hatte Bandura den Neobehaviorismus um zwei weitere Termini erweitert: efficacy expectations und outcome expectations. (Bandura, 1977) Bandura postulierte, dass Menschen neue Erfahrungen immer auch kognitiv einordnen und bewerten und auf diese Schlüsse hin ihr zukünftiges Handeln ableiten. Sie haben also Erwartungen über die Wirksamkeit ihres Verhaltens (behavior) und Erwartungen über die Wirksamkeit des Ergebnisses (outcome). Wenn Menschen damit rechnen können, ein von ihnen gezeigtes Verhalten bewirke ein bestimmtes Ergebnis, dann begännen sie auch damit, das passende Verhalten aufzubauen und zu zeigen, um eben durch diese Handlungen das gewünschte Ergebnis zu erreichen.(Bandura, 1995)

Bandura setzt sich in seiner Selbstwirksamkeitstheorie auch mit der Theorie vom self (Selbst) auseinander, indem er die klassische dualistische Sichtweise des Selbst ablehnt. „ In social cognitive theory, the self is not split into object and agent; rather, in self-reflection and self-influence, individuals are simultaneously agent and object.“(Bandura, 1997, S. 5)Damit weist Bandura bereits bestehende, ältere Theorien des Selbst zurück, so wie sie unter anderem der Entwicklungspsychologe William James entwickelt hatte. Er unterteilte gegen Ende des 19. Jahrhunderts das self in ein Subjekt, das I, und das Objekt, das Me. Für Bandura hingegen ist das Selbst gleichzeitig Subjekt und Objekt, es reflektiert sich selbst und es beeinflusst sich selbst. Aktuelle Selbsttheorien hingegen schreiben dem Selbst wieder zwei Komponenten zu: eine deskriptive Komponente (Selbstbild) und eine evaluative Komponente (Selbstwert).

Auch zur Psychoanalyse hat sich Bandura in seinen Arbeiten deutlich abgegrenzt. Beispielhaft dafür sei an dieser Stelle erwähnt, dass Bandura sich einen Namen in der Erforschung des Verhaltens aggressiver Jugendlicher machte. Er setzte gemeinsam mit seinem Kollegen Walters die Auffassung durch, dass nicht nur Triebe wie Destruktion und Frustration aggressives Verhalten bedingen, sondern vor allem soziales Lernen.(Maclennan, 1961)„ Human behavior and affective states would be best predicted by the combined influence of efficacy beliefs and the types of performance outcomes expected within given social systems.“(Bandura, 1997, S. 20)Menschen entwickeln demnach Erwartungen darüber, ob sie – verkürzt gesagt – ein Handlungsergebnis erreichen oder nicht. Und diese Handlungserwartung entscheidet wiederum darüber, ob ein Lernvorgang begonnen, durchgehalten und erfolgreich zu Ende geführt wird.

Bandura knüpft an die outcome expectancy theories der späten 60er Jahre an, zu deren Vertreter die oben bereits erwähnten Rotter, Seligman und Atkinson gehörten. Auch die Erwartungs-Wert-Theorie der Motivation nach Vroom wird von Bandura aufgenommen und im sozial-kognitiven Sinne weiterentwickelt. (Bandura, 1997) Ausführlich setzt sich Bandura mit der sozialen Lerntheorie Rotters und seinem Konstrukt des locus of control auseinander.

Wesentlich bei Bandura ist sein Konzept der Unterscheidung zwischen Selbstwirksamkeitsüberzeugungen (self-efficacy beliefs) und Ergebniserwartungen (outcome expectancies). Eine Person mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung ist davon überzeugt, dass sie eine beabsichtigte Handlung auch ausführen kann, eine Person mit einer hohen Ergebniserwartung glaubt daran, dass die ausgeführte Handlung auch den gewünschten Erfolg bringt. Hat die Person die Handlung ausgeführt und die Handlung das erwünschte Ergebnis gebracht, steigt die Selbstwirksamkeitserwartung dieser Person weiter an. Mit vielen kleinen Erfolgserlebnissen baut sich so eine immer höhere Selbstwirksamkeit auf und die Person steigert ihre Leistungs- und Lernmotivation immer weiter.

Bandura wendet sich dagegen, anzunehmen, perceived self-efficacy und Kontrollüberzeugungen gehörten zum selben Phänomen, das nur auf unterschiedlichen Ebenen gemessen würde. „ Beliefs about whether one can produce certain actions (perceived self-efficacy) cannot, by any stretch of the imagination, be considered the same as beliefs about whether actions affect outcomes (locus of control). (Bandura, 1997, S. 20)

2.1.3 Wie Selbstwirksamkeit beeinflusst werden kann

Ob und mit welcher Zuversicht eine Person in einen Lernprozess einsteigt, darüber wiederum entscheiden nach Bandura vier Faktoren (in eben dieser Reihenfolge): 1. enactive mastery experiences (persönliche Erfolgserfahrungen/-erlebnisse), 2. vicarious experiences (Lernen am Modell/Stellvertreter-Erfahrungen), 3. verbal persuasion (verbaler Zuspruch durch andere) und 4. physiological and affective states/somatic indicators (Wahrnehmung physiologischer/körperlicher und emotionaler Zustände). Diese Reihenfolge ist nicht zufällig, sondern stellt gleichermaßen eine Rangordnung der Einfluss-Intensität dar. Alle vier Szenarien sollen an dieser Stelle kurz illustriert werden: 1. Ein Student, der selbst schon erfahren hat, dass er aus eigener Kraft, das heißt, mit eigener (Lern-) Leistung eine Prüfung mit einer guten Note gemeistert hat, besitzt eine hohe Selbstwirksamkeitsüberzeugung, wenn er in die nächste Prüfung geht – vorausgesetzt natürlich, er bereitet sich genauso gut wie bei der letzten Prüfung vor (alle anderen Variablen bleiben also unverändert). 2. Wenn der gleiche Student noch keine Prüfung mit „gut“ bestanden hat (vielleicht deshalb, weil er kürzlich erst mit dem Studium begonnen hat), aber weiß, dass ein Mentor/Tutor, der nur wenig älter ist und aus einer vergleichbaren sozio-ökonomischen Schicht stammt wie er, die selbe Prüfung mit einem guten Ergebnis geschafft hat, dann wird unser Beispiels-Student ebenfalls eine hohe, wenn auch nicht eine ganz so hohe Selbst-wirksamkeitserwartung haben. 3. Wenn ein Student weder eigene Erfahrungen verinnerlichen konnte, noch Stellvertreter-Erfahrungen besitzt, könnte seine Selbstwirksamkeitserwartung dadurch gesteigert werden, dass seine Eltern oder ein Dozent ihm gut zureden und ihm sagen, dass er die Prüfung gut schaffen wird, weil er sich ja gut und gründlich darauf vorbereitet habe (immer unterstellt, er hat das auch getan) und 4. auch ein Student, der sich gesund ernährt hat, ausreichend getrunken und ausreichend geschlafen hat sowie positiv gestimmt ist (vielleicht weil er noch vor der Prüfung eine Entspannungsübung gemacht hat), wird eine signifikant höhere Selbstwirksamkeit aufweisen als ein Student, der übermüdet oder sogar leicht erkältet ist und mit negativen Gefühlen zur Prüfung kommt.

Sowohl Bandura selbst als auch viele seiner Rezipienten und weisen darauf hin, dass verinnerlichte Erfolgserfahrungen, also eigene Erfolgserlebnisse, die Selbstwirksamkeits-überzeugung von Lernenden am nachhaltigsten und stärksten erhöhen.(Rheinberg, 2002)Daraus leiten Ralf Schwarzer und Matthias Jerusalem speziell für schulische Bildungsinstitute ab, dass Nahziele für die Lernmotivation sehr bedeutend sind: „Nahziele liefern direkte Anreize im Hinblick auf erstrebenswerte, aber überschaubare Ziele und durch persönlichen Einsatz erreichbare Erfolgserlebnisse.“(Schwarzer & Jerusalem, 2002, S. 45)Dabei können Nahziele zunächst von außen kommen, also extrinsisch motiviert sein. Stellen die Lernenden, beispielsweise Schüler, dann aber fest, dass sie die Nahziele durchaus erreichen können und auch erreichen, wächst deren Selbstwirksamkeit und die Schüler setzen sich nach und nach immer höhere Ziele.(Krapp, 1999)

2.2 Self-determination nach Deci und Ryan

2.2.1 Selbstbestimmung und der Begriff der Motivation

In einem Beitrag für die deutschsprachige Fachwelt stellen Deci und Ryan im ersten Satz fest: „Die Theorie der Selbstbestimmung ist eine organismische und dialektische Theorie der menschlichen Motivation.“(Deci & Ryan, 1993a)Anders als in der Selbstwirksam-keitstheorie ist der Begriff der Motivation für die self-determination theory ein zentraler Begriff. „ Our analysis of the relation of self-determination to development, behavior, performance, and well-being is based, first and foremost, in motivational processes.“(Ryan & Deci, 2017, S. 13)Deci und Ryan haben auch ausdrücklich die Pädagogik als Anwendungsfeld ihrer Theorie im Auge, wenn sie etwa schreiben: „In diesem Beitrag werden die Grundzüge einer Theorie vorgestellt, die den Zusammenhang zwischen Motivation und Lernen auf der Basis einer Theorie des Selbst neu interpretiert. Es wird gezeigt, daß [ sic ] sowohl intrinsische als auch bestimmte Formen extrinsischer Motivation als selbst-bestimmt erlebt werden. Empirische Befunde aus Labor- und Felduntersuchungen belegen, daß [ sic ] eine auf Selbstbestimmung beruhende Lernmotivation positive Wirkungen auf die Qualität des Lernens hat. Darüber hinaus läßt [ sic ] sich zeigen, daß [ sic ] die soziale Umwelt in Schule und Familie an der Entstehung selbstbestimmter Motivation erheblichen Anteil hat.“(Deci & Ryan, 1993b)

Von Motivation sprechen Deci und Ryan in Anlehnung an klassische kognitive Theorien immer dann, wenn intentionale Prozesse, also absichtliche Handlungen, beobachtet werden. „ Motivation, etymologically, concerns what ‚moves‘ people to action.“(Ryan & Deci, 2017, S. 13)„Menschen gelten dann als motiviert, wenn sie etwas erreichen wollen - wenn sie mit dem Verhalten einen bestimmten Zweck verfolgen. Die Intention zielt auf einen zukünftigen Zustand, gleichgültig ob er wenige Sekunden oder mehrere Jahre entfernt liegt. Dazu gehört auch die Bereitschaft, ein Mittel einzusetzen, das den gewünschten Zustand herbeiführt. Intentionale und insofern motivierte Handlungen gehen von der Person aus und richten sich entweder auf eine unmittelbar befriedigende Erfahrung (wenn man z.B. einen Sachverhalt als interessant, spannend oder aufregend empfindet) oder auf ein längerfristiges Handlungsergebnis, z.B. das Bestehen einer Prüfung.“ (Deci& Ryan, 1993, S. 224) Verhaltensweisen, denen keine Absicht zugrunde liegt, bezeichnen Deci und Ryan als „amotiviert“ (amotivated). „Dazu gehören z.B. Verhaltensweisen, die kein erkennbares Ziel verfolgen (z.B. dösen, herumlungern), oder die einem unkontrollierten Handlungsimpuls entspringen (z.B. Wutanfall).“ (Deci & Ryan, 1993, S. 224).

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Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit als Motivatoren des Lernprozesses. Vergleich der humanistischen und der sozial-kognitiven Perspektive
Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen
Note
1,00
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V996441
ISBN (eBook)
9783346367549
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit, Lernprozess, Lernen, Motivation, Motivatoren, Humanismus, Kognitivismus, Lerntheorie
Arbeit zitieren
Stephan Brummet (Autor), 2018, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit als Motivatoren des Lernprozesses. Vergleich der humanistischen und der sozial-kognitiven Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/996441

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