Therapie von Alkoholabhängigkeit. Die Bedeutung der Selbstwirksamkeitserwartung für die Rückfallprävention


Bachelorarbeit, 2019

45 Seiten, Note: 1,05


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung
1.1 Methodisches Vorgehen (Zielsetzung und Gang der Untersuchung)

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Grundlegendes zur self-efficacy von Albert Bandura
2.2 Indikatoren und Mediatoren der Selbstwirksamkeit
2.2.1 Persönliche Erfolgserfahrungen
2.2.2 Stellvertreter-Erfahrungen
2.2.3 Verbaler Zuspruch durch andere
2.2.4 Physiologische und affektive Zustände
2.3 Das sozial-kognitive Rückfallmodell von Marlatt

3 Die Therapie der Alkoholabhängigkeit in Deutschland
3.1 Abriss der Diagnostik nach ICD-10 und DSM-5
3.2 Epidemiologische Daten und Prävalenz der Alkoholabhängigkeit
3.3 Die Entwöhnung im Kontext der Suchttherapie
3.4 Evidenzbasierte Verfahren der Entwöhnung

4 Studien zur Selbstwirksamkeit in der Suchttherapie
4.1 Abstinenzquote und Psychotherapieforschung
4.2 Prognostische Kriterien für die Abstinenzquote
4.2.1 Klassische Prädiktoren der Abstinenzquote
4.2.2 Self-efficacy als Prädiktor für die Abstinenz

5 Diskussion
5.1 Das Paradoxon der Kontrolle in der Entwöhnungstherapie
5.2 Der Mythos der Abstinenz und das Dilemma der Katamnese
5.3 Forschungslücken und Studiendesign

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Alkoholsucht sei eine Charakterschwäche, hieß es noch vor 50 Jahren. Wer von dieser Sucht wegwolle, brauche nur einen starken Willen, dann sei das möglich. Kein Wunder, dass Alkoholiker gesellschaftlich stigmatisiert und oft sozial ausgegrenzt wurden. Denn es fehle ihnen ja an Willen, sie ließen sich gehen, hieß es im Volksmund.

Dies änderte sich grundsätzlich im Jahr 1968. Seitdem gilt das Paradigma, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Krankenkasse oder Rentenversicherungsträger bezahlen die Therapie der alkoholabhängigen Menschen. Denn wer krank ist, verdient ja Hilfe.

Die Therapie von Alkoholkranken hat sich seither grundlegend verbessert, sie gilt in weiten Teilen als vorbildlich. Auch die Prävention, die Rückfallprophylaxe, wird großgeschrieben.

In der vorliegenden Arbeit soll beleuchtet werden, ob die Bedeutung der Selbstwirksamkeitserwartung – die Überzeugung, etwas aus eigener Kraft zu schaffen – in der Wirksamkeitsforschung genügend Beachtung findet. Dazu werden sowohl die Originalquellen der Theoretiker Bandura und Marlatt herangezogen als auch neuere deutsche Studien zur Entwöhnung und Rückfallprävention unter die Lupe genommen.

Die Hypothese lautet, dass weder die theoretischen Grundlagen der self-efficacy ausreichend rezipiert wurden noch dieses Konstrukt hinreichend in die Therapieforschung zur Rückfallprävention Einzug gehalten hat. Das soll im Folgenden belegt werden.

1. Einleitung

Alkohol ist die Suchtkrankheit Nummer 1 in Europa – auch hierzulande. Die Bundesrepublik Deutschland steht an achter Stelle auf der OECD-Liste, die den Alkoholverbrauch aller Länder weltweit vergleicht. Obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol von 145,6 Liter im Jahr 2006 auf 133,8 Liter im Jahr 2016 gesunken ist, hat die Zahl der alkoholkranken Deutschen nicht abgenommen (Kapitel 3.2). Die direkten und indirekten Kosten der alkoholbezogenen Störungen belaufen sich auf 39,3 Milliarden Euro pro Jahr allein in Deutschland (Fachverband Sucht, 2018).

Heute zählen ambulante, teilstationäre und stationäre Therapie alkoholbezogener Störungen zum festen Angebot im deutschen Sozialversicherungssystem (siehe Kapitel 3). Im Jahr 2016 wurden knapp 323.000 Menschen wegen einer Alkoholerkrankung stationär in Kranken-häusern behandelt. 95 stationäre Einrichtungen mit 6.800 Betten zählt allein der Fachverband Sucht (FVS) e. V. zu seinen Mitgliedern. Private Suchtkliniken, die nicht über die Deutsche Rentenversicherung abrechnen oder nicht Mitglied in diesem Verband sind, werden dabei nicht berücksichtigt (Fachverband Sucht e.V., 2018).

Doch der Weg zur Alkoholismustherapie, wie sie heute in Deutschland etabliert ist, war lang und steinig. Mehr als 100 Jahre liegen zwischen der Eröffnung der ersten Trinkerheilstätte in Lintdorf bei Düsseldorf 1851 und der Anerkennung des Alkoholismus als Krankheit im Jahr 1968 (Lindenmeyer, 2018). Noch bis in die in die Mitte des letzten Jahrhunderts galt Trunksucht nicht als Krankheit, sondern als schlechte Angewohnheit oder als Laster (Fachverband Sucht, 2018). Heute würde man wohl von „Verhaltenssucht“ oder von einem „dysfunktionalen Verhalten“ sprechen. In der Tat wurde Alkoholismus in der frühen Neuzeit auch so behandelt (Fachverband Sucht, 2018; Schott, 2001). Es ging nicht darum, die Trinksüchtigen körperlich zu entgiften und zur Substanzabstinenz zu motivieren; vielmehr sollten sie zur Änderung ihres Verhaltens bewegt werden- zur Mäßigung, wie es damals hieß. Dies geschah natürlich mit erhobenem Zeigefeiger, also mit moralisierendem Unterton, der konfrontativ und stets direktiv wirkte. Als Beispiel sei der „Temperenzorden“ erwähnt, den Landgraf Moritz von Hessen im Jahr 1600 stiftete. „Die Statuten verpflichteten die Ordensmitglieder unter anderem, sich zwei Jahre lang nicht „voll zu saufen“ und nicht mehr als sieben so genannte Ordensbecher Wein zu einer Mahlzeit zu trinken“ (Schott, 2001, S. A 1960).

Statt der Psychologie oder Verhaltenstherapie hatten jedoch die Medizin und Biostatistik den Alkoholismus als erste für die eigene Zunft entdeckt (Schott, 2001). Das liegt wohl daran, dass Elvin Morton Jellinek, der noch im Zweiten Weltkrieg erstmals den Alkoholismus als Krankheit beschrieb, seinem eigenen Konzept später als Mitarbeiter der WHO zum Durchbruch verholfen hat (Jellinek, 2010, 1960). Jedenfalls hat sich seine auf Fallanalysen basierende Unterscheidung von fünf Trinkertypen, recht eingängig als Alpha-, Beta-, Gamma, Delta- und Epsilon-Trinker tituliert, in den westlichen Industrieländern durchgesetzt, auch wenn sich dieses Paradigma nicht empirisch oder evidenzbasiert belegen ließ (Lindenmeyer, 2016).

Jellineks Konzeption hatte zur Folge, dass Alkoholismus als ein chronisches progredientes und eindimensionales Krankheitsbild aufgefasst wurde, das vor allem durch den „Kontrollverlust“ der Patienten ab einer bestimmten Stufe der Erkrankung charakterisiert ist. Dieses Kriterium ist als point of no return definiert und postuliert. Das heißt, die Kranken können ab einem bestimmten Stadium der Alkoholerkrankung Beginn, Ende und Menge ihres Alkoholkonsums nicht mehr kontrollieren, also willentlich steuern. Gleichzeitig haben die Kranken jedoch den anhaltenden Wunsch, ihren Alkoholkonsum zu verringern oder zu kontrollieren. Vielleicht unternehmen sie sogar immer wieder von sich aus Versuche, den Konsum zu verringern oder zu kontrollieren, ohne dass ihnen dies dauerhaft gelingt (Lindenmeyer, 2016; Jellinek, 2010, 1960). Aus diesem Grunde ist bei der Therapie der Alkoholkrankheit „…die Forderung nach Abstinenz (kein Schluck Alkohol, kein ,alkoholfreies Bier‘, keine Lebensmittel mit Alkohol, keine Arzneimittel in alkoholischer Lösung!)“ (Müßigbrodt, Kleinschmidt, Schürmann, Freyberger & Dilling, 2014, S.37) die oberste Behandlungsmaxime.

Erst im Laufe der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts differenzierte sich das Verständnis der Alkoholkrankheit weiter aus. Das Bild auf die Krankheit Alkoholismus wurde vielschichtiger; soziale, intrapsychische und interpsychische Einflüsse sind mittlerweile – neben biologischen und neurologischen – als auslösende und aufrechterhaltende Faktoren akzeptiert. Es entstand das derzeit geltende bio-psycho-soziale Krankheitsmodell.

Die internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, Kapitel V(F)) der WHO schlüsselt die alkoholbedingten Störungen in zehn verschiedene Syndrome auf, wobei unter anderem zwischen akuter Intoxikation (F10.0), schädlichem Gebrauch (F10.1) und Abhängigkeitssyndrom (F10.2) unterschieden wird. Alkoholismus wird derzeit nicht als ein-dimensionale und einheitliche, sondern als komplexe und multiforme Erkrankung betrachtet, wobei die WHO bis dato zwischen Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit unterscheidet (siehe Kapitel 3.1). Auch aus therapeutischer Sicht ist diese Unterscheidung wichtig: Patienten, die Alkohol missbrauchen, werden dazu angehalten und angeleitet, Alkohol kontrolliert zu konsumieren („kontrolliertes Trinken“). Patienten, die von der Substanz abhängig sind, sollen auf Alkohol in jeder Form verzichten und nach dem Entzug abstinent bleiben – ihr Leben lang (Kapitel 3.3.2).

Wie bereits eingangs erwähnt, hat das Bundessozialgericht am 18. Juni 1968 die so genannte Alkoholsüchtigkeit als Krankheit anerkannt. In ihrem Urteil haben die Richter ausdrücklich den „Verlust der Selbstkontrolle“ und das „Nichtaufhörenkönnen“ der damals betroffenen und klagenden Patientin als Kriterien für das Bestehen dieser Krankheit anerkannt. In der Entscheidung hieß es: „Die hier vorliegende Alkoholsüchtigkeit schweren Grades braucht sich nicht als eine Geisteskrankheit im engeren Sinne darzustellen oder sich schon in ,körperlichen Erscheinungsformen‘ zu äußern. Vielmehr ist der Verlust der Selbstkontrolle das Merkmal dieser körperlich-seelischen Komplexerkrankung. Dieser Zustand erfordert aber eine ärztliche Behandlung“ (Bundessozialgericht 3 RK 63/66, 3/4). „Nun konnte die gesundheitspolitische Leitidee einer medizinischen und sozialen (beruflichen) Rehabilitation von chronisch Kranken beziehungsweise Behinderten auch für Alkoholabhängige in einem interdisziplinären Ansatz (,therapeutische Kette‘) praktisch umgesetzt werden“ (Schott, 2001, A 1962).

Mit dieser Entscheidung des Bundessozialgerichts nahm die Behandlung alkoholkranker Menschen nach und nach ihre heutige Form an (siehe Kapitel 3.3). Seit Ende der 70er Jahre gliedert sich deren Therapie in drei aufeinander folgende Phasen: die akute körperliche Entzugsbehandlung, die psychische Entwöhnungstherapie und die psychosoziale Nachsorge (Lindenmeyer, 2018). Während die körperliche Entgiftung zum staatlichen Gesundheitssystem zählt und von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird, wird die anschließende Entwöhnung als ein Element der so genannten Sekundärprävention betrachtet und damit durch die Rentenversicherung finanziert. Oberste Priorität der Entwöhnung hat folgerichtig die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit bzw. die Absicherung der Erwerbsfähigkeit der alkoholkranken Menschen (Veltrup, 2007). Ebenso ist die Partizipation der Betroffenen am sozialen und gesellschaftlichen Leben sicherzustellen. Diese insgesamt drei Ziele sollen entsprechend der Behandlungsleitlinien für alkoholbezogen Störungen durch eine lebenslange Abstinenz des Patienten erreicht werden (AWMF, 2016).

Dass alkoholkranke Menschen seit Anpassung der Psychotherapie-Richtlinien im Jahr 2011 vor Beginn einer ambulanten Psychotherapie nicht abstinent sein müssen, ist hierbei nur scheinbar ein Widerspruch. Denn die erste Aufgabe der Psychotherapeuten ist es auch hier, innerhalb der ersten zehn Therapiestunden auf eine Abstinenz des Patienten hinzuarbeiten. Der Patient oder die Patientin muss zu diesem Zweck sogar Laborwerte aus einer ärztlichen Untersuchung vorlegen (Diekmann, Dahm & Neher, 2018; Lindenmeyer, 2016).

Für die stationäre Therapie – und auf dieser soll der Fokus der vorliegenden Arbeit liegen – gilt im Grunde dasselbe: Eine Abstinenzentscheidung der Patienten wird nicht zur Bedingung für den Start einer Entwöhnungstherapie gemacht, die einzel- und gruppentherapeutischen Interventionen sind jedoch zu jedem Zeitpunkt abstinenzorientiert und abstinenzmotivierend ausgerichtet. „Abstinenz ist überragendes Ziel der Behandlung und – zumindest kurzzeitig – auch Voraussetzung der traditionellen Psychotherapie von Abhängigen.“ (Batra, Mann, Berner & Günthner, 2015).

Dahinter steckt das ärztlich-psychiatrische Diktum, dass selbst der kleinste Tropfen Alkohol das Suchtgedächtnis (Craving) des trockenen Alkoholikers triggern und zu einem Rückfall in dysfunktionale Verhaltensmuster, eben in süchtiges Trinkverhalten, führen kann. Konsequenterweise ist ein Schwerpunkt der leitlinienkonformen Entwöhnungstherapie nach S3, aber auch der Nachsorge nach Entgiftung und Entwöhnung, das Vorbeugen von Rückfällen, in anglophonen Ländern relapse prevention, im deutschen Sprachraum Rückfallprävention oder Rückfallprophylaxe genannt (Lindenmeyer, 2016).

Die Rückfallprävention wiederum zählt neben konfrontativen (Aversionstherapie, Expositionstraining etc.), operanten (z. B. Training sozialer Kompetenzen, Genusstraining) und kognitiven Verfahren (kognitive Therapie nach Beck, Problemlösetraining nach D’Zurilla & Goldfried usw.) zu den verhaltenstherapeutisch orientierten Interventionen während einer stationären oder ambulanten Entwöhnungsbehandlung (Kapitel 3.3.2). Gemeinsame Wurzel aller Interventionen zur Verhaltensmodifikation bzw. aller behavioral-kognitiven Therapien ist die Überzeugung, dass jedes menschliche Verhalten Produkt eines Lernprozesses ist, alles Erlernte jedoch auch wieder „verlernt“, also überschrieben oder gelöscht werden kann (siehe Kapitel 2.1). Zentrale Paradigmen sind die klassische und operante Konditionierung, Lernen am Modell und soziales Lernen, auch wenn neuro-biologische Unterschiede und systemische Aspekte als prädisponierende bzw. disponierende Faktoren einer psychischen Störung mitberücksichtigt werden und ihre Synthese im Vulnerabilitäts-Stress-Modell finden (auch Diathese-Stress-Modell genannt) (Slunecko, 2009).

Das kognitiv-behaviorale Rückfallmodell von Marlatt und Gordon bildet den theoretischen Bezugsrahmen für die Rückfallprävention (Marlatt, 1985a). Die beiden Autoren stützen ihr Modell auf die sozialkognitive Theorie von Albert Bandura und gehen davon aus, dass perceived self-efficacy (Selbstwirksamkeitserwartung) durch psychotherapeutische Interventionen gefördert werden kann (Kapitel 2.3). Bandura hat umgekehrt in seinem Spätwerk Self-efficacy. The Exercise of Control auf Marlatt und Gordon Bezug genommen und betont, die Selbstwirksamkeit könne in der Therapie Alkoholkranker gestärkt werden (Kapitel 2.2). Eine erhöhte Selbstwirksamkeitserwartung wiederum führe dazu, dass nach Therapieende das Rückfallrisiko geringer und die Abstinenzquote höher sei als vor Beginn der Therapie. Im Umkehrschluss lässt sich damit die Hypothese aufstellen, dass eine wirksame Rückfallprävention eine höhere Selbstwirksamkeit bedingt und diese wiederum zu einer gesteigertem Abstinenzzuversicht führt.

Bleibt die Frage zu klären, wie die Wirksamkeit der Rückfallprävention operationalisiert bzw. empirisch überprüft werden kann (siehe Kapitel 4). Hier schließt sich der Autor dieser Arbeit den Verfassern jüngerer Studien an, die das Konstrukt „Wirksamkeit“ anhand der Abstinenzquote in regelmäßigen Katamnesen nach Entlassung aus der Therapie messen (siehe Kapitel 4.1).

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zudem, zu untersuchen, ob und inwieweit die Bedeutung und Wirksamkeit des self-efficacy -Konzepts für die Rückfallprävention im Besonderen und für die Entwöhnungstherapie im Allgemeinen durch neuere deutschsprachige Studien belegt werden kann. Dabei soll auch erforscht werden, ob die von Bandura postulierten Möglichkeiten, self-efficacy zu verbessern oder zu erhöhen, in den Studien mitberücksichtigt worden sind oder nicht. Diese Arbeit möchte damit einen Beitrag dazu leisten, Forschungslücken speziell in der Alkoholentwöhnung zu identifizieren (siehe Kapitel 5).

Die vorliegende Arbeit reiht sich damit ein ins vergleichsweise junge Forschungsfeld der Psychotherapieforschung. Deren Ergebnisse haben speziell im Bereich der Suchterkrankungen organisatorische und strukturelle Auswirkungen: Denn gerade weil Alkoholismus inzwischen als Krankheit gilt, fordern Renten- und Krankenversicherer, d.h. der Staat schlechthin, von den Wissenschaften immer vehementer Nachweise über die Wirksamkeit der eingesetzten Therapieverfahren.

1.1 Methodisches Vorgehen (Zielsetzung und Gang der Untersuchung)

Die vorliegende Untersuchung steckt zunächst die theoretischen Grundlagen ab. Dabei wird das self-efficacy -Konstrukt anhand von Banduras Originalwerken vorgestellt. Schwerpunkt-mäßig soll darauf eingegangen werden, wie Selbstwirksamkeit gestärkt und vermehrt werden kann. Außerdem soll die Frage beantwortet werden, ob und wie der kanadische Psychologe seine Theorie auf die Therapie von Alkoholkranken angewandt hat. Darauf aufbauend soll das Rückfallmodell von Marlatt und Gordon präsentiert werden, welches hierzulande das theoretische Rückgrat für viele Interventionen bei der Entwöhnungsbehandlung bildet.

In einem nächsten Schritt sollen epidemiologische Daten und Prävalenzen zur Alkoholabhängigkeit in Deutschland skizziert werden, um die Bedeutung des Störungsbildes speziell für Deutschland aufzuzeigen. Nachdem die Entwöhnungstherapie in den Kontext der Leitlinien der Alkoholismus-Therapie eingeordnet wurde, sollen Studien zur Selbstwirksamkeit in der Suchttherapie, die nicht älter als zehn Jahre sind und alle aus dem deutschsprachigen Raum stammen, mit ihren Ergebnissen vorgestellt werden.

Für die Abfassung der vorliegenden Arbeit wurde zunächst die englischsprachige Originalliteratur insbesondere von Bandura und Marlatt gesichtet. In einem nächsten Schritt hat der Autor online aktuelle Studien zu den Stichworten „Selbstwirksamkeit“, „Abstinenzzuversicht“, „Abstinenz“ und „Alkoholabhängigkeit“ recherchiert. Dabei nutzte der Autor zur Review der letzten zehn Jahre Online-Datenbanken wie EBSCO-PsycINFO, PsycArtikles, PubMed, Medline, Psyndex, wiso-net und Zurich Open Repositary and Archive (ZORA). Wissenschaftliche Periodika der klinischen, pädagogischen und theoretischen Psychologie und Psychotherapie wurden mittels OpacPlus, googleschoolar.de, Ncbi und MEDLINE gefunden. Dank einer individuellen E-Mail-Adresse bei der pfh war es möglich, sich mit dem Thema der Bachelorarbeit im ResearchGate als Forscher aufnehmen zu lassen. Das hat die internationale Online-Recherche erheblich erleichtert.

Ebenso bezog der Autor neuere und klassische Monographien mit ein, die durch Vorort- und Online-Recherche in der Bibliothek der Technischen Universität München (TUM) und an der Staatsbibliothek München beschafft wurden. Printausgaben von Büchern und Fachzeitschriften (Ausleihen) hat der Autor ebenfalls bei der TUM besorgt. Zusätzlich wurde auch aktuelles Material des Fachverbandes Sucht (FVS) e. V. gesichtet.

2. Theoretischer Hintergrund

2.1 Grundlegendes zur self-efficacy von Albert Bandura

Albert Bandura verknüpfte im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts den Skinner’schen Behaviourismus mit der sozialen Lerntheorie Rotters. Dabei ergänzte er das klassische black box -Paradigma (Reiz-Verarbeitung-Verhalten) sowohl um eine kognitive als auch um eine soziale Komponente (Bandura, 1976). Nach Abschluss seiner bahnbrechenden Arbeiten zu den Bobo doll- Experimenten stellte er Ende der 70er Jahre schließlich den Terminus self-efficacy (Selbstwirksamkeit) in den Mittelpunkt seiner sozial-kognitiven Theorie. Er postulierte, dass zum Menschsein ein inhärentes Streben nach Kontrolle gehört: „ The striving for control over life circumstances permeates almost everything people do throughout the life course because it provides innumerable personal and social benefits “ (Bandura, 1997, S.1–2). Interessanterweise betrachtet Bandura control (Kontrolle) als ein Produkt operanter Konditionierung. Kontrolle ist nicht Selbstzweck, sondern dient dem Erreichen persönlicher und sozialer Vorteile. Anders ausgedrückt: Nur wer seine Lebensumstände zu kontrollieren vermag, wird auch seine persönlichen und sozialen Ziele erreichen können.

Bandura schließt an die Ergebnis-Erwartungs-Theorie, geprägt von Rotter, Atkinson, Vroom und – in gewissem Maße – auch von Seligman, an, fügt dieser die self-efficay (Selbstwirksamkeit) hinzu und erkennt auch die Bedeutung sozialer Einflüsse (Bodenmann, Perrez, Schär & Trepp, 2004) an. Wesentliche Begrifflichkeiten in Banduras Theorie sind perceived self-efficacy (wahrgenommene Selbstwirksamkeit), self-efficacy beliefs (Selbstwirksamkeitsüberzeugung), self-efficacy expectations (Selbstwirksamkeitserwartung) und outcome expectations (Ergebniserwartungen).

Zentral ist Banduras Begriff der self-efficacy. Der Kanadier beschreibt damit, für wie wirksam eine Person ihr eigenes Tun hält. Dazu ein Beispiel: Ist ein Schüler davon überzeugt, durch Büffeln der Vokabeln sich selbst den Latein-Wortschatz aneignen zu können? Ein Schüler mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung glaubt tatsächlich daran, dies mit entsprechendem Fleiß und Einsatz schaffen zu können.

Selbstwirksamkeitserwartung und Ergebniserwartung hängen wiederum folgendermaßen zusammen: Jemand mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung glaubt daran, eine bestimmte Handlung selbst vollziehen zu können; jemand mit einer hohen Ergebniserwartung zeigt sich davon überzeugt, dass auf ein bestimmtes Tun ein bestimmtes Ergebnis folgt. Hat dieser Mensch die beabsichtige Handlung vollzogen und auf dessen Tun folgt das gewünschte Ergebnis, dann wächst dessen Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Anders ausgedrückt: Das Vertrauen in die eigenen skills (Fähigkeiten) steigt. Zurück zu unserem Beispiel: Ein Schüler, der seinen Latein-Wortschatz gelernt hat und fest daran glaubt, dass er unter diesen Umständen eine gute Note in der nächsten Latein-Schulaufgabe erreichen wird, besitzt eine hohe Ergebniserwartung. Hat er in der Schulaufgabe später tatsächlich eine gute Zensur erhalten, dann steigt seine Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Die Bedeutung dieses Zusammenhangs ist nicht zu unterschätzen: „ People's belief about their personal efficacy constitute a major aspect of their self-knowledge “ (Bandura, 1997).

Rotters Konstrukt internal locus of control, im deutschen Sprachraum nicht ganz korrekt als „internale Kontrollüberzeugung“ übersetzt, hat im Grunde nur wenig mit self-efficacy gemein: Bandura geht es nicht darum, dass ein Mensch davon überzeugt ist, ein gewünschtes Ergebnis irgendwie zu erreichen, sondern sein Fokus liegt darauf, dass ein Mensch davon überzeugt ist, ein gewünschtes Ergebnis aus eigener Kraft zu erreichen.

Je mehr Erfolgserlebnisse jemand hat, desto stärker wächst folgerichtig auch seine Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Wenn also Menschen der Überzeugung sind, dass auf ein bestimmtes Verhalten ein gewünschtes Ergebnis folgt, beginnen sie damit, eben dieses Verhalten immer wieder zu zeigen, um dadurch das angestrebte Ergebnis erneut eintreten zu lassen (Bandura, 1995). Ein bestimmtes Verhalten wird so aufgebaut und immer weiter verfestigt. Die Verhaltenstherapie nutzt diesen Zusammenhang u.a. im shaping.

Banduras Terminus „Selbstwirksamkeit“ umfasst und ersetzt also zum einen Begriffe wie „Optimismus“ und „Zuversicht“, zum anderen auch den Begriff „Kontrolle“ bzw. „Kontrollüberzeugung“. Selbst Termini wie „Hoffnung“ und „Selbstvertrauen“ sind in Banduras Begrifflichkeit integriert. „ Perceived self-efficacy is defined as people’s judgments of their capabilities to organize and execute courses of action required to attain designated types of performances.“ (Bandura, 1986, S. 391).

Das Konstrukt self-efficacy, so wie es Bandura versteht, ist demnach ein Merkmal, dessen individuelle Ausprägungen kontinuierlich zwischen zwei Polen verlaufen, und kein dichotomes Kriterium wie etwa “external” vs. “internal” (wie bei Heider und Rotter) oder “konsonant” vs. “dissonant” (wie bei Festinger). Über Selbstwirksamkeit lässt sich auch nicht von außen urteilen; es gibt keine right self-efficacy und keine false self-efficacy (Bandura, 1986).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung 1. Beziehung zwischen Selbstwirksamkeitserwartung, Ergebniserwartung und Selbstwirk-samkeitsüberzeugung, textlich und grafisch modifiziert nach Bandura (1997).

2.2 Indikatoren und Mediatoren der Selbstwirksamkeit

Self-efficacy ist kein statisches Merkmal, sondern es wird ständig modifiziert. Dazu sammeln und speichern Menschen durchgehend Informationen über das Verhältnis zwischen ihnen und ihrer Umwelt. Sie nutzen dafür unterschiedliche Quellen, betont Bandura.

Nicht jede Information, von Bandura indicator genannt, hat die gleiche Wirkung auf die self-efficacy. Anders formuliert: Zwischen Indikator und Selbstwirksamkeit gibt es keinen Automatismus. Denn die Informationsquellen, die für die Ausprägung der self-efficacy ausschlaggebend sind, beeinflussen die Selbstwirksamkeit des einzelnen Menschen nicht unmittelbar und per se (Bandura, 1997). „ It becomes instructive only through cognitive processing of efficacy information and through reflective thought “ (Bandura, 1997, S. 12). Die kognitive Verarbeitung der erhaltenen Informationen und deren reflektierende gedankliche Einordnung können als Mediatoren der Selbstwirksamkeit bezeichnet werden (siehe Abbildung 2): Menschen selektieren Informationen, Menschen gewichten Informationen, Menschen interpretieren Informationen.

Die kognitive Verarbeitung der erhaltenen Informationen wiederum beinhaltet nach Bandura (1997) zwei Aspekte: Zum einen den Typus der erhaltenen Informationen, also die Art der Informationsquelle (siehe 2.2.1 bis 2.2.4), zum anderen die kombinatorischen Regeln oder erfahrungsgeleiteten Heuristiken, die Menschen nutzen, um diese Informationsquellen zu verarbeiten und in ihre persönliche Selbstwirksamkeitsüberzeugung zu integrieren.

Abbildung 2 stellt diesen komplexen Prozess noch einmal schematisch dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Prozess der Selbstwirksamkeits-Modifikation, eigene Darstellung.

Nach Bandura wird self-efficacy von vier Einflussfaktoren bestimmt: „enactive mastery experiences...; vicarious experiences...; verbal persuasion and allied types of social influences...; and physiological und affective states...“ (Bandura, 1997, S.79)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3. Einflussfaktoren der Selbstwirksamkeit nach Bandura (1997); eigene Darstellung.

In der deutschsprachigen Lernpsychologie haben sich für die beiden erstgenannten Indikatoren die Bezeichnungen „Lernen durch Erfolg“ und „Lernen am Modell“ durchgesetzt. Alle vier Informationsquellen sollen nachfolgend erläutert und in einen Bezug zur Alkoholproblematik gesetzt werden.

2.2.1 Persönliche Erfolgserfahrungen

Enactive mastery experiences beeinflussen nach Bandura die wahrgenommene Selbstwirksamkeit (perceived self-efficacy) einer Person am stärksten. Weil die formal korrekte Übersetzung „körperlich verinnerlichte Kontrollerfahrungen“ zu sehr an Rotters Konstrukt der Kontrollüberzeugung erinnern würde, werden in der vorliegenden Arbeit die Begriffe „persönliche Erfolgserfahrungen“, „persönliche Erfahrungen“ oder „eigene Erfolgserlebnisse“ verwendet. Alle drei Termini sollen synonym verstanden werden.

Direkte Erfahrungen und eigene Erfolgserlebnisse beeinflussen die Selbstwirksamkeitsüberzeugung eines Menschen weitaus stärker und nachhaltiger als die anderen drei Indikatoren, seien es Stellvertreter-Erfahrungen, verbaler Zuspruch durch andere oder auch physiologische und affektive Zustände. Hat ein Mensch die persönliche Erfahrung gemacht, dass er durch eigenes Handeln, durch konsequente Anwendung eigener Taktik und Strategie ein angestrebtes Ergebnis erreicht hat, steigt seine Selbstwirksamkeitsüberzeugung und er wird die taktischen Regeln und die Strategien, die er gewählt hat, auch künftig weiter einhalten bzw. einschlagen (Bandura, 1997; Bandura, 1995). Lerntheoretiker sprechen hier von einem instrumentellen Lernvorgang oder einer operanten Konditionierung.

Beispiel: Die persönliche Erfahrung eines Alkoholkranken, dass er durch abstinentes Verhalten ein gewünschtes Ergebnis – etwa einen neuen Arbeitsplatz finden oder eine bestehende Partnerschaft aufrechterhalten – erreichen kann, stärkt seine Ergebniserwartung. Die Ergebniserwartung wiederum hat eine positive Rückkoppelung auf die Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Bandura geht in seinem Spätwerk „ Self-efficacy. The Exercise of Control “ expressis verbis auf die Herausforderungen der Suchttherapie mit Alkoholikern ein, wenn er schreibt: „ Whatever treatment is selected, its implementation must address clients' sense of efficacy to control their drinking and their outcome expectations about how they weight the benefits of sobriety against the costs of severing activities and friendships associated with their drinking lifestyle “ (Bandura, 1997, S.357). Ein abstinenter Alkoholkranker muss also zu jeder Zeit in der Lage sein, die Ergebnisse seines Tuns bzw. seines Unterlassens überblicken und einander gegenüberstellen zu können. In der Rückfallprophylaxe haben sich daraus die Entscheidungswaage und das Vier-Felder-Modell entwickelt (Kapitel 2.3).

2.2.2 Stellvertreter-Erfahrungen

Obgleich persönliche Erfolgserfahrungen die wichtigste Quelle der Selbstwirksamkeitserwartung sind, spielt auch das Beobachtungslernen (Lernen am Modell, Imitationslernen, modeling) eine wichtige Rolle bei der Modifikation von self-efficacy. Entsprechend der sozial-kognitiven Theorie und der Sozialpsychologie im Allgemeinen vergleichen sich Menschen bekanntlich ständig mit anderen Menschen hinsichtlich ihrer Fertigkeiten und Fähigkeiten in intellektueller, körperlicher und wirtschaftlicher Hinsicht. Dies geschieht besonders dann, wenn ein Mensch, der in einer vergleichbaren oder ähnlichen Situation ist, das, was man selbst zu erreichen hofft, bereits erreicht hat. Dieser andere Mensch dient einem selbst dann als Modell oder Vorbild.

Bandura illustriert diesen Indikator in seinem Werk „Self-efficacy. The Exercise of Control“ mit drei einleuchtenden Lernprozessen: das Schwimmen, das Steuern eines Flugzeugs und das Ausgleichen eines Bankkontos: „ There is little ambiguity about whether one can swim, fly an aircraft, or balance a checkbook “ (Bandura, 1997, S.86). Konkret: Ein Kleinkind geht davon aus, das Schwimmen lernen zu können, weil es sieht, dass sein älteres Geschwisterchen und seine Eltern ebenfalls schwimmen können. Ein angehender Pilot ist davon überzeugt, einmal selbst eine Passagiermaschine fliegen zu können, weil er sieht, dass es bereits andere Menschen gibt, die ein Flugzeug sicher durch die Luft steuern. Eine junge Frau, die ihr erstes eigenes Geld verdient und auf eigenen Beinen steht, weiß, dass sie es schaffen wird, ihr Girokonto ausgeglichen zu halten. Ihre Eltern hatten ihr das ja vorgelebt und gezeigt, wie es funktioniert. Stellvertreter-Erfahrungen kommen also immer dann zum Tragen und fördern die Selbstwirksamkeitsüberzeugung, wenn ein Mensch bis dato in seinem Leben keine eigenen Erfahrungen in einem bestimmten Lebensbereich machen konnte, jedoch Mentoren oder Vorbilder hat, die in eben diesem Lebensbereich schon reüssiert haben.

[...]

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Details

Titel
Therapie von Alkoholabhängigkeit. Die Bedeutung der Selbstwirksamkeitserwartung für die Rückfallprävention
Hochschule
Private Fachhochschule Göttingen
Note
1,05
Autor
Jahr
2019
Seiten
45
Katalognummer
V996464
ISBN (eBook)
9783346360410
ISBN (Buch)
9783346360427
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alkoholtherapie, Suchttherapie, Entwöhnung, Selbstwirksamkeitserwartung, Rückfallprävention, Rückfallprophylaxe, Alkoholabhängigkeit, Bandura, Marlatt
Arbeit zitieren
Stephan Brummet (Autor:in), 2019, Therapie von Alkoholabhängigkeit. Die Bedeutung der Selbstwirksamkeitserwartung für die Rückfallprävention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/996464

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