Der systemische Ansatz in der Beratung von gleichgeschlechtlichen Paaren

Chancen und Grenzen


Studienarbeit, 2019

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmungen

3 Besondere Lebensumstände von Homosexuellen

4 Systemische Beratung

5 Nachteile des systemischen Ansatzes in der Beratung von homosexuellen Paaren

6 Chancen Systemischer Beratung in Bezug auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften

7 Reflexion

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Auswahl des Themas, Homosexualität in der Systemischen Paarberatung, habe ich anhand von persönlichem Interesse an der Paarberatung getroffen. Außerdem wollte ich mich mehr mit der Lebenswelt von Lesben und Schwulen auseinandersetzen. Zudem kommt, dass ich während des Studiums weder mit Paarberatung, noch mit Homosexualität ausführlich in Kontakt gekommen bin und ich deshalb diese Themen vertiefen wollte. Aufgrund dessen habe ich mich dazu entschlossen mich mit folgender Fragestellung auseinander zu setzen: Welche Vor- und Nachteile bietet der systemische Ansatz in der Beratung von gleichgeschlechtlichen Paaren? Im Rahmen dieser Arbeit ist es nicht möglich die Unterschiede zwischen Lesben und Schwulen ausführlich darzustellen.

2 Begriffsbestimmungen

2.1 Homosexualität

Die Definition von Homosexualität ist an drei Faktoren gebunden. Hierzu zählen das Bestehen einer emotionalen und erotischen Anziehungskraft zu Personen des gleichen Geschlechts sowie das Ausleben von gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten. Der dritte Faktor ist die eigene Identifikation mit dieser Art von Anziehung und Sexualverhalten, also die eigene Bezeichnung als lesbisch bzw. schwul (Misoch, 2017, S.240). Davon abzugrenzen sind Personen, die sich emotional und sexuell zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlen. Diese werden als bisexuell bezeichnet (Wilhelm, n.d.). Des Weiteren ist eine Differenzierung zur Transsexualität notwendig, welche als „lebhafter Wunsch, die biologische Geschlechtszugehörigkeit zu wechseln“ (Fiedler & Marneros, 2007, S.50) definiert wird.

2.2 Der Systemische Ansatz

In den Sozialwissenschaften befasst sich das Systemmodell weniger mit Einzelpersonen, sondern überwiegend mit der Komplexität des Sozialen Umfelds, in welches ein Individuum eingebettet ist, und dessen Kommunikation und Interaktion (Barthelmess, 2014, S.18). „Der Mensch wird dabei als komplexe, intersystemisch konstruierte Einheit betrachtet, die verschiedene Systemtypen vereinbart: biologische, psychische und soziale Systeme“ (Ludewig, 2002, S.62). Die systemische Denkweise zeichnet sich durch Flexibilität und die Verknüpfung von Einzelteilen aus und soll einen Gegenpol zu linearem Denken darstellen (Kowalczyk, 2000, S.340).

3 Besondere Lebensumstände von Homosexuellen

3.1 Diskriminierungen

Trotz einer steigenden Akzeptanz gegenüber gleichgeschlechtlich empfindenden Personen und deren Lebensstilen sind schwule und lesbische Personen erheblichen Diskriminierungen ausgesetzt (Leinhos, 2019, S.310). Als Ursache dafür können die Heteronormativität, von der unsere Gesellschaft geprägt ist, und die daraus hervorgehenden Machtverhältnisse genannt werden (Steinbeck & Kastirke, 2014, S.13). Heteronormativität meint das Bestehen einer sozialen Norm, die durch den Gedanken der Dichotomie des männlichen und weiblichen Geschlechts, also durch Heterosexualität, geprägt ist (Brassel-Ochmann, 2016, 9f.). Das gesellschaftliche Ordnungssystem ist in weiten Teilen von Heteronormativität geprägt. Dies wird zum Beispiel in der Institution Ehe sowie in Bereichen des Rechts, Wissenschaft, Arbeitsmarkt etc. deutlich (Schmidt, Schondelmayer & Schröder, 2015, S.29). Die Heteronormativität steht in engem Zusammenhang mit der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung und der daraus resultierenden Arbeitsteilung (Brassel-Ochmann, 2016, S.12). Durch die Zuschreibung von weiblichen bzw. männlichen Eigenschaften und Arbeitsbereichen hat sich in unserer Gesellschaft ein stereotypes Bild von Frauen und Männern verfestigt (Küppers, 2012). Die gesellschaftlichen Machtverhältnisse basieren zum Teil auf dieser geschlechtsspezifischen Rollenverteilung, welche den Mann als dominantes, autoritäres Geschlecht darstellt und ihm damit eine höhere Stellung zuspricht (Schmidt et al., 2015, 31f.). Jackson schrieb im Jahr 1999: „What is fundamental to heterosexuality, […] what sustains it as an identity and an institution […] is gender hierarchy. Its ‚inside‘ workings are not simply about guarding against the homosexual other, but about maintaining male domination“ (Jackson, 1999, S.174).

Gleichgeschlechtlich empfindende Menschen entsprechen nicht den Rollenanforderungen der Geschlechter. Die allgemein gesellschaftlich gültigen Regeln des Zusammenlebens sind somit nicht anwendbar. Homosexuelle gefährden zusätzlich die gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Deshalb werden sie als „inakzeptabel und das gesellschaftliche System destabilisierend empfunden“ (Brassel-Ochmann, 2016, S.13), was wiederum zur Konfrontation mit Diskriminierungen führt. Diese finden in vielen Bereichen unseres gesellschaftlichen Systems statt. Im Folgenden wird der Einfluss von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Erziehung auf die Diskriminierung von Lesben und Schwulen beschrieben.

Homosexuelle wurden lange Zeit durch die Politik diskriminiert. Dies hatte negative Auswirkungen auf die gesellschaftliche Sichtweise von gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen und förderte damit die Diskriminierung dieser durch die Gesellschaft (Hertling, 2011, S.68-78). Bis zum Jahr 1994 standen homosexuelle Handlungen über Jahrhunderte unter Strafe (Heichel & Rinscheid, 2015, S.127). 2001 wurde das Gesetz über die Eingetragene Lebenspartnerschaft (LPartG) verabschiedet, welches das Eingehen einer eheähnlichen Verbindung für gleichgeschlechtliche Paare ermöglichte (LPartG, 16.02.2001). Die Zusammenveranlagung der Einkommenssteuer und die gemeinsame Adoption eines Kindes wurde nicht ermöglicht (Brassel-Ochmann, 2016, S.1). Die Eröffnung der Ehe für Lesben- und Schwulenpaare erfolgte 16 Jahre später durch einen Beschluss des Deutschen Bundestages (Wissenschaftliche Dienste, 2017, S.3) und stellt einen ausschlaggebenden Schritt in der politischen Gleichstellungen von homo- und heterosexuellen Paaren dar.

Die Wirtschaft ist ein Bereich der stark durch Heteronormativität geprägt ist. Das zeigt sich am Anteil von Frauen in Führungspositionen. 4 % aller erwerbstätigen Frauen befinden sich in Führungspositionen, wobei 10 % aller erwerbstätigen Männer eine Führungsposition innehaben (Hofmeister & Hünefeld, 2010). Ein Grund dafür ist, dass Führungspositionen mit Eigenschaften verbunden werden, welche dem männlichen Geschlecht zugeschrieben werden, wie z.B. Dominanz oder Autonomie (ebd.). Gegenüber schwulen Männern besteht das Vorurteil, dass sie überwiegend weibliche Eigenschaften aufweisen (Brassel-Ochmann, 2016, 13ff.). Deshalb ist es möglich, dass ein Mann, der sich als schwul outet, aufgrund der darauffolgenden Zuschreibung weiblicher Eigenschaften, für Führungspositionen weniger in Betracht gezogen wird (Frohn, 2014, S.485).

Die Wissenschaft ist ebenfalls an der Diskriminierung gleichgeschlechtlich empfindender Personen beteiligt, da die Pathologisierung von homoerotischem Verhalten die negative Sichtweise auf Homosexualität förderte (Fiedler & Marneros, 2007, 5f.) und damit Diskriminierungen durch die Gesellschaft begünstigte. Die Streichung des Störungsbildes aus dem Klassifikationssystem ICD-10 erfolgte 1991, also vor weniger als 30 Jahren (Rauchfleisch, 2002, S.641).

Medien haben einen starken Einfluss auf die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft. In ihnen wird oft das Bild des autoritären Mannes (z.B. Heldenfiguren, Ego-Shooter) propagiert und es findet eine weitgehende Aussparung von Lesben bzw. Schwule statt (Hertling, 2011, S.87). Dies führt zur Verfestigung der Heteronormativität in der Gesellschaft, was sich negativ auf die Diskriminierung gleichgeschlechtlich empfindender Menschen auswirkt.

Zuletzt lassen sich sowohl in der familiären als auch in der institutionellen Erziehung Tendenzen zur Heteronormativität erkennen (ebd., S.79-87). Betrachtet man die institutionelle Erziehung, lässt sich feststellen, dass das Bestehen von Homosexualität im schulischen Kontext ignoriert wird (ebd., S.79). In der elterlichen Erziehung wird durch die oben genannten strukturellen Bedingungen ein durch Heteronormativität geprägtes Weltbild auf die Heranwachsenden übertragen. Dies wiederum hat einen negativen Einfluss auf den Coming-out-Prozess und damit die Entwicklung eines homosexuellen Kindes (ebd., S.84-87).

3.2 Coming-out

Coming-out meint grundsätzlich die eigene homosexuelle Gesinnung der Öffentlichkeit mitzuteilen (Duden, n.d.). Eine besondere Bedeutung im Coming-out-Prozess kommt der engeren Familie und dem Freundeskreis zu (Rauchfleisch, 2011, S.78). Ein tolerantes und offenes Umfeld begünstigt eine gesunde Entwicklung von lesbischen bzw. schwulen Jugendlichen (Leinhos, 2019, S.316). Die Jugendlichen erhalten somit den Rückhalt, den sie für einen offenen Umgang mit ihrer Homosexualität sowie der Entwicklung eines positiven Selbstbildes benötigen (Rauchfleisch, 2011, S.78-84). Demgegenüber steht ein eher konservatives, vorurteilbehaftetes Umfeld, welches dazu führt, dass durch fehlende Akzeptanz und Diskriminierung eine Übernahme der entgegengebrachten Abwertungen in das Selbstbild der schwulen bzw. lesbischen Person stattfindet (ebd., S.83). Des Weiteren müssen sich die Betroffenen während des Coming-outs oft mit Diskriminierungen durch die Umwelt auseinandersetzen, welche ebenfalls in das Selbstbild der Betroffenen integriert werden können (Sachse, Breil & Fasbender, 2013, S.187). Die Integration führt zu Scham, Wut und Ohnmacht im Hinblick auf die eigene Sexualität, woraus einerseits eine Minderung des Selbstbewusstsein und das Gefühl der Einsamkeit entstehen kann (Knapp, 2010, S.99) und was andererseits die psychische Entwicklung stark beeinträchtigen kann (Rauchfleisch, 2011, S.97). Ein wichtiger Bestandteil im Coming-out-Prozess ist es, diese negativen Assoziationen aufzulösen und sie mit alternativen, positiven Vorstellungen über die eigene Homosexualität zu ersetzen und somit einen passenden Lebensstil zu entwickeln (ebd., S.83-87). Fehlende Akzeptanz innerhalb der Familie nennen die Betroffenen als die größte Belastung beim Coming-out im Vergleich zu anderen Systemen (Schule, Arbeitsplatz, Peergroup), da hier sowohl eine finanzielle, emotionale und rechtliche Abhängigkeit besteht (Leinhos, 2019, S.316). Mit dem Coming-out gehen die Betroffenen erste sexuelle Beziehungen ein (Rauchfleisch, 2011, S.87), sowohl mit gleich- und gegengeschlechtlichen Personen (Rauchfleisch, 2002, S.643). Heterosexuelle Beziehungen werden aufgrund bestehender Scham- und Schuldgefühle eingegangen und den damit verbundenen Versuchen die eigene homosexuelle Orientierung zu leugnen (Rauchfleisch, 2011, S.89). Zuletzt erfolgt dann das Eingehen einer ersten langfristigen und festen Beziehung (ebd., S.94). Hierbei sehen sich die lesbischen und schwulen Paare grundsätzlich mit den gleichen Aufgaben konfrontiert wie heterosexuelle Paare (ebd., 94f.). Hinzu kommt, dass das Paar erneut den Coming-out-Prozess als Frauen- bzw. Männerpaar durchlaufen muss (Knapp, 2010, S.99). Zudem ist anzumerken, dass lesbische bzw. schwule Personen immer wieder mit Situationen konfrontiert werden, in welchen sie sich outen müssen und das Coming-out somit nie endet (Rauchfleisch, 2011, S.84).

3.3 Kinderwunsch

Der Kinderwunsch ist in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft mit verschiedenen Hindernissen verbunden. Bestehen Kinder aus einer vorhergehenden gegengeschlechtlichen Partnerschaft, ist es möglich, dass eine Adoption, unter Zustimmung des externen leiblichen Elternteils, stattfindet (Steinbeck & Kastirke, 2014, S.21). Es gibt zudem verschiedene Möglichkeiten den Kinderwunsch in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft zu realisieren. Seit der Einführung der Ehe für homosexuelle Paare ist es möglich, dass diese gemeinsam ein Kind adoptieren (Bergold & Buschner, 2018). Außerdem besteht die Option ein Pflegekind zu sich zu nehmen (Steinbeck & Kastirke, 2014, S.24). Zusätzlich haben Frauen die Möglichkeit der donogenen Insemination (ebd.), welche das Einsetzen von Samenzellen in die Gebärmutter meint (Hammel, 2019). Problematisch ist, dass die Landesärztekammern sich nicht konkret zur assistierten Reproduktion bei lesbischen Paaren äußern und somit keine klaren Vorgaben gegeben sind, die die Insemination bei Lesbenpaaren regelt (Lesben- und Schwulenverband, 2018). Ausschließlich die Landesärztekammer Hamburg befürwortet die donogene Insemination bei Frauenpaaren (ebd.). Des Weiteren besteht die Möglichkeit sog. Regenbogenfamilien im Mehrelternmodell (Schmidt et al., 2015, S.113). Regenbogenfamilien sind Familien in welchen mindestens ein Familienmitglied homosexuell ist (ebd., S.111). Beim Mehrelternmodell schließen sich mindestens eine homosexuelle Person mit einem homosexuellen Paar zusammen, um gemeinsam ein Kind zu bekommen (ebd., S.113). Anerkannt werden durch das Familienrecht lediglich zwei Elternteile pro Kind (ebd., S.114), was den rechtlichen Schutz aller Elternteile verunmöglicht. Ist der Kinderwunsch in homosexuellen Partnerschaften erfüllt, sehen sich Frauen- bzw. Männerpaare im Alltag häufig mit Diskriminierungen und Vorurteilen konfrontiert. Hierzu zählt z.B. die Annahme, dass die Entwicklung der Kinder durch die Gleichgeschlechtlichkeit der Eltern behindert ist und sie kein adäquates Geschlechtsrollenverhalten ausbilden können (ebd., S.116). Die Kinder sind ebenfalls Diskriminierungen ausgesetzt (Bergold & Buschner, 2018). In der wissenschaftlichen Forschung sind dennoch keine nennenswerten Unterschiede zwischen Kindern aus Regenbogenfamilien und Kindern aus heterosexuellen Familien erkennbar (ebd.).

4 Systemische Beratung

4.1 Grundprinzipien des Systemischen Ansatzes

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der systemische Ansatz in der Beratung von gleichgeschlechtlichen Paaren
Untertitel
Chancen und Grenzen
Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Veranstaltung
Systemische Familien- und Einzelberatung
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V997111
ISBN (eBook)
9783346369246
ISBN (Buch)
9783346369253
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemische Beratung, Homosexualität, Gleichgeschlechtliche Paare, Beratung, Systemischer Ansatz, Gleichgeschlechtliche Partnerschaft
Arbeit zitieren
Éloi Niederwieser (Autor:in), 2019, Der systemische Ansatz in der Beratung von gleichgeschlechtlichen Paaren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997111

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