Von der Straße auf die Couch. Der Einfluss von Social Media auf Online-Proteste


Essay, 2017

13 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1. ZielderArbeit

2. Definition von Online-Protesten und Slacktivism

3. Protest-Potential von Social Media
3.1. Social Media als Gegenöffentlichkeit
3.2. Die Chancen von Social Media
3.3. Kritische Betrachtungdes Protest-Potentialsvon Social Media

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Ziel der Arbeit

Das Internet und Social Media haben zweifellos einen großen Einfluss auf das Leben vieler Menschen. Interaktionen zwischen Personen auch über weite Entfernungen hinweg wurden deutlich vereinfacht. So Ist es heutzutage auch leichter, sich politisch zu Informieren und zu beteiligen.

Die Vorteile scheinen zu überwiegen: Eine neue, jüngere Zielgruppe wird durch zum Beispiel Facebook akquiriert und zu gesellschaftlicher und politischer Partizipation angeregt. Botschaften können synchron In eine breite Masse vermittelt werden, die analog nie hätte erreicht werden können. Nicht zuletzt kann sich eine fundierte Meinung über Sachverhalte oder Geschehen gebildet werden, da eine große Menge an Information zur Verfügung steht.

Wären Sätze wie „I have a dream" von Martin Luther King Jr. ebenso In die Geschichte eingegangen, wenn eine Verbreitung über Facebook stattgefunden hätte? Vermutlich. Doch wären alle Anhänger und Multiplikator dieser Botschaft auch wirklich auf die Straße gegangen, hätten den Protest In die reale Welt gebracht, und für Ihre Rechte gekämpft? Möglicherweise hätte es einigen Unterstützern gereicht, über Social Media, und bedingt durch Ihre eigene Filter Bubble, das Gefühl zu haben, dass sie bereits etwas erreicht hätten - nur mit dem Tellen einer Botschaft.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit eben diesem Phänomen und untersucht die Frage, ob Proteste durch den Einsatz von Social Media zu Inflationär gebraucht werden und damit an Einfluss, Ausdrucksstärke und Macht verlieren, und ob Massen durch diese Entwicklung zu sogenannten Slacktlvlsten wurden, die Proteste nicht mehr auf die Straße tragen, sondern nur digital stattfinden lassen.

Zuerst werden die Ausdrücke <Onllne-Protest> und <Slacktlvlsm> definiert, um eine begriffliche Grundlage für die Untersuchung zu schaffen. Anschließend soll Im AnalyseTeil erstens Social Media als Gegenöffentlichkeit erläutert werden. Hierzu wird die Öffentlichkeitsansicht von Gerhards und Neidhart als Basis gewählt. Aufbauend werden nun die Chancen von Social Media für Onllne-Proteste, wie zum Beispiel Gleichzeitigkeit, Anonymität oder Unmittelbarkeit, beleuchtet und diese danach kritisch gewürdigt. Darauf folgt ein Fazit, In dem die Untersuchung erst zusammengefasst, bewertet und ein Ausblick gegeben wird.

Die Literaturlage für diese Arbeit ist sowohl im Themenfeld Kommunikationswissenschaften, als auch in den Politikwissenschaften breit gefächert. Social Media, Web 2.0, Partizipationsforschung und die Verlagerung von analogen Abläufen in die OnlineWelt, wie beispielsweise die Protestkultur, wurden oft betrachtet und bewertet.

Für diese Arbeit waren besonders die Veröffentlichungen von Armin Grundwald et al. von 2006 als Grundlage zu den Themen Öffentlichkeit und digitale Demokratie, und der Artikel von Marianne Kneuer zum Thema „Politische Kommunikation und digitale Medien in der Demokratie" von 2017 von Bedeutung.

2. Definition von Online-Protesten und Slacktivism

Die etymologische Wortherkunft des Begriffs <protestieren> liegt im lateinischen <prötëstärT>, was wörtlich mit „öffentlich bezeugen" (Kluge 2002, online) oder „öffentlich dartun" (ebd.) übersetzt werden kann. Den Kern des Ausdrucks <Protest> stellt somit die Öffentlichkeit dar.

Die größte Öffentlichkeit unserer Zeit wird durch das Internet repräsentiert. Kein anderes Medium hat solch einen Einfluss auf den Alltag und das Leben vieler Menschen. Das Internet, und vor allem die Entwicklung von Social Media, haben einiges vereinfacht: Informationsverbreitung, -Speicherung und Kommunikation sind hier zu betonen. Mit diesem Prozess korrelieren auch andere Faktoren, wie beispielsweise Neuerungen der Politik und Gesellschaft (vgl. Grunwald et al. 2006, S. 31ff).

Eine dieser großen Veränderungen unserer politischen Gesellschaft ist die ProtestKultur, die sich stark online etabliert hat. Mit Online-Protesten kann sich daran bedient werden, dass sich die größte vorhandene Öffentlichkeit über das Internet ansprechen lässt. Einzelpersonen aus den verschiedensten Kreisen können ihre kollektiven Energien verknüpfen und sich gemeinsam auf ein Ziel konzentrieren, ohne dass sie regional organisiert sein müssen. Online-Proteste in Form von Petitionen, Boykotten oder Ähnlichem, funktionieren, da die Teilnehmer weder ethnologisch, lokal, noch kulturell miteinander verbunden sein müssen, sondern sich gegenseitig nur über das Interesse für eine bestimmteThematikfinden können.

Hierfür gelten verschiedene, ungesagte Regeln, die sich für die meisten Medien anwenden lassen: Aussichtsreich sind solche Petitionen, die bereits ein breites öffentli- ches Interesse ansprechen, sowohl International, als auch lokal, emotional aufwühlen, und zusätzlich für ein bestimmtes Anliegen In der Gesellschaft nur noch ein gewisses Niveau an Frustration erreicht werden muss.

In Deutschland Ist das Recht zur Petitionsfreiheit „In Art. 17 des Grundgesetzes verankert" (Glas 2014, online). Jeder Bundesbürger hat also die Macht, seine persönlichen Anliegen oder allgemeine Bitten an den Bundestag zu adressieren, seit 2005 In Form eines Onllne-Petltlons-Portals. Erreicht die Petition die Unterstützung von mehr als 50.000 Bürgern, so wird sie an den offiziellen Petitionsausschuss weitergleitet (vgl. ebd., online).

Zusätzlich gibt es Immer mehr private Petitionsplattformen, wie „Change.org" oder „OpenPetltlon". Der Nachteil Ist hierbei, dass die Petitionen zwar großes öffentliches Interesse erlangen können, aber dennoch von der Politik nicht offiziell anerkannt werden müssen (vgl. Langbehn 2014, online). Ein Vorteil solcher Portale Ist auf der anderen Seite, dass mit der Unterschrift auch die Mail-Adresse verlangt wird, und so mit Unterstützern auch anschließend In Kontakt getreten werden kann, um weitere Aktionen zu verbreiten (vgl. ebd.). Diese privaten Petitions-Plattformen arbeiten eng mit Social Media zusammen, da In Netzwerken und Communities am leichtesten bestimmte Interessensgruppen selektiert und angesprochen werden können.

Dort kann die Petition aber auch auf ein bestimmtes, limitierendes Phänomen stoßen: Den Slacktlvlsm. Der Neologismus setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern <slacker>, was mit „schlaff" oder „Faulenzer" übersetzt werden kann, und <actlvlsm>, also „Aktivismus" (vgl. Lelßner 2016, S. 52). Der Begriff besteht demnach aus zwei annähernd gegensätzlichen Tellen, einmal dem Aspekt des Aktivismus, welcher Lebendigkeit und ein Bemühen um etwas Impliziert, und andererseits aus der Bezeichnung eines schlaffen Faulenzers, eine Person, die nichts tut und eine Last darstellen kann. Früher noch positiv besetzt, meinte dieser Begriff politisches Engagement von Bürgern, die mit wenig Einfluss online versuchten, politisches Geschehen zu beeinflussen (vgl ebd., S. 52). Diese Ansicht hat sich gewandelt: Es handelt sich nach heutiger Definition bei Slacktlvlsm um Engagement ohne viel Aufwand von der Couch aus, der bis zuletzt nur metaphorisch bleibt, da er keinerlei effektive Konsequenzen hat (vgl. Rotman 2011, S. 2ff).

Über Social Media Ist Slacktlvlsm so verbreitet, da die Partizipationsschwelle sehr niedrig Ist, und mit nur wenigen Klicks die eigene Meinung verbreitet oder ein Protest unterstützt werden kann - mit einem Like, der digitalen Unterschrift oder beispielsweise dem Teilen der Petition. Mit einer solchen hinfälligen Aktion wird vor allem der Feel- Good-Faktor aller Akteure bestärkt (vgl. Rotman 2011, S. 3), es entstehen weder ein hohes Risiko, noch Kosten, doch die Kampagne findet nur rein digital statt und bleibt in der realen Welt wirkungslos (vgl. Leißner 2016, S. 52). Ob ein einfaches, widersprechendes Signal wie die Unterschrift unter einer Online-Petition bereits als politische Partizipation zählt, wird in folgenden Kapiteln überprüft.

3. Protest-Potential von Social Media 3.1 Social Media als Gegenöffentlichkeit

Gegenständlich betrachtet ist Öffentlichkeit ein Raum für soziale Interaktion, geschaffen durch Kommunikation in ihr und über sie (vgl. Grunwald et al. 2006, S. 70). In der politischen Öffentlichkeit wird die Kommunikation dazu genutzt, „gesamtgesellschaftliche Probleme wahrzunehmen und zu thematisieren" (ebd., S. 70), genauso wie Diskurse anzustoßen, um diese zu lösen (vgl. Gerhards und Neidhardt 1991, S. 40ff). Sie definiert sich außerdem durch Gleichberechtigung aller Teilnehmer, freie Themenwahl und Offenheit gegenüber allen möglichen Ergebnissen (vgl. Grunwald et al. 2006, S. 70).

Kommunikativ hat sich die politische Öffentlichkeit stark gewandelt: Während früher eine politische Massenkommunikation vorherrschte, die durch große Medien wie das Fernsehen vermittelt wurde und den Zuschauer in eine passive Empfängerrolle versetzte, hat sich dies heute merklich ins Aktive verlagert. Ein Austausch zwischen „etablierten [...] Akteuren des politischen Systems" (ebd., S. 71) und „engagierten [...] Akteuren der Zivilgesellschaft" (ebd., S 71) in der gesamtgesellschaftlichen Öffentlichkeit wurde vor allem durch den Aufschwung von Social Media Plattformen nun möglich gemacht.

Öffentlichkeit kann weiterhin gesellschaftlich in einzelne Themen gegliedert werden, die sich „Teilöffentlichkeiten" (ebd., S. 71) nennen. Sie können sich auf regionale Sachverhalte beziehen oder aus einer Interessensgruppe bestehen. Social Media hat das Auftreten von kleineren Teilöffentlichkeiten nicht nur vereinfacht, sondern zusätzlich sogar möglich gemacht, dass sich ganz neue Arten von ihnen bilden. Es ist nun einfa- eher und schneller möglich, an der politischen Öffentlichkeit teilzuhaben, eigene Teilöffentlichkeiten zu bilden, und auf die „massenmedial vermittelten" (ebd., S. 72) Inhalte der Öffentlichkeit zu reagieren. Eine solche Reaktion war als passiver Zuschauer in der „Zuschauerdemokratie" (Luhmann 1996, nach Grunwald et al. 2006, S. 70) nicht üblich und nurschwerrealisierbar.

Mit Hilfe des Internets und Social Media ist eine Reaktion auf Nachrichten großer Medien in die breite Masse fast synchron möglich und kann oft ähnlich große oder sogar noch breitere Mengen an Interessenten finden. Sind diese Reaktionen kritischer Natur, werden die Teilöffentlichkeiten „Gegenöffentlichkeit" (Grunwald et al. 2006, S. 72) genannt.

Gegenöffentlichkeiten nutzen Medien, um Erkenntnisse zu veröffentlichen, die ihrer Meinung nach durch die großen Medien nicht an die Massen gelangen. Es ist ihr Bestreben, öffentliche Räume zu besetzen und andere Menschen und einander über durch die Massenmedien unterdrückte Nachrichten oder vernachlässigte Themen zu informieren, und sich dabei sozusagen bewusst gegen die scheinbar allgemein herrschende Öffentlichkeit zu stellen (vgl. ebd., S. 72ff).

Die älteste, öffentliche Methode von Gegenöffentlichkeiten ist die Demonstration, aber es gibt auch viele weitere Möglichkeiten des Protests, vor allem entstanden durch die Digitalisierung. Die Online-Welt bietet sich für Gegenöffentlichkeiten an, da Informationen ausgetauscht werden, sich Bevölkerungen und Bürger treffen und erreicht werden können oder ihnen eine Stimme verliehen werden kann, auch wenn sie in der Regel keine Bekanntheit haben oder geographisch Zusammenhängen.

Das Internet ist als solches also bereits eine Revolution, da dort die eigene Meinung verbreitet werden kann, ohne dass es eine Art Redaktion der Massenmedien gibt - und Petitionen wirken in diese Revolution stark mit ein (vgl. ebd., S. 73f). Denn oppositionelle Meinungen publik machen zu können, gehört zu werden und damit möglicherweise sogar eine Veränderung zu bewirken, ist nicht für jeden selbstverständlich.

Es wird deutlich, dass sich das Internet, zu Beginn noch als passiv genutzte, technische Plattform angesehen, zu einem Raum für aktive, menschliche Interaktion entwickelt hat. Das Internet trägt somit allgemein den Status eines Sozialen Mediums mit großem, liberalistischen Potential (vgl. In der Smitten 2007, S. 67). Ob dieses Potential auch reale Auswirkungen haben kann, soll in den folgenden Unterkapiteln analysiert werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Von der Straße auf die Couch. Der Einfluss von Social Media auf Online-Proteste
Hochschule
Hochschule Darmstadt
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V997273
ISBN (eBook)
9783346368331
ISBN (Buch)
9783346368348
Sprache
Deutsch
Schlagworte
straße, couch, einfluss, social, media, online-proteste
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Von der Straße auf die Couch. Der Einfluss von Social Media auf Online-Proteste, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997273

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