Demokratiepädagogik an Schulen. Wie demokratisch ist die Sudbury Valley Schule?


Hausarbeit, 2021

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2. BEGRIFFSDEFINITION
2.1. Partizipation
2.2. Demokratische Bildung

3. DEMOKRATISCHE SCHULEN
3.1. Die Sudbury Valley Schule
3.2. Die Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg
3.2.1. Konzept der Sudbury Valley Schule
3.3. Qualitätsmerkmale der DeGeDe
3.3.1. Qualitätsbereiche
3.3.2. ÜBERPRÜFUNG DER MERKMALE AUF DIE SUDBURY SCHULE BERLIN-BRANDENBURG
3.3.3. Demokratische Bildung an staatlich öffentlichen Schulen in Hessen

4. FAZIT

5. ABBILDUNGSVERZEICHNIS
5.1. Abbildung 1: Überblick Qualitätsbereiche und Qualitätsmerkmale
5.2. Abbildung 2: Studie Bertelsmann Stiftung zum Demokratielernen in Schulen

6. ANHANG

7. LITERATUR
7.1. Elektronische Texte

1. Einleitung

Wie hat Jean-Jacques Rousseau einmal gesagt? „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Betrachtet man das Zitat in Hinblick auf das heutige deutsche Schulsystem so ist festzustellen, dass in den meisten Schulen trotz der Reformpädagogik seit dem 20. Jahrhundert, immer noch veraltete Strukturen herrschen, die beispielsweise an den festgelegten Lehrplänen zu sehen sind. Die in der Reformpädagogik intendierte Selbsttätigkeit der Schülerinnen und Schüler steht weniger im Mittelpunkt.

Daher gibt es heutzutage viele Alternativschulen, u.a. solche die ihren Fokus auf demokratische Konzepte legen, in denen Selbstbestimmtheit, Freiheit und Freiwilligkeit an erster Stelle steht. Beispielgebend ist die Sudbury Valley Schule, die durch Daniel Greenberg nach demokratischem Prinzip gegründet wurde. Doch handelt es sich bei der Sudbury Valley Schule wirklich um eine demokratische Schule? In dieser Hausarbeit soll anhand von den Qualitätsmerkmalen der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V (DeGeDe) unter dem besonderen Fokus der Partizipation, eruiert werden, ob die Sudbury Valley Schule den Kriterien einer demokratischen Schule nachkommt.

Zunächst wird im ersten Kapitel auf das heutige Demokratieverständnis eingegangen, in dem die Begriffe „Partizipative Praxis" und „demokratische Bildung" näher erläutert werden. Darauffolgend wird im zweiten Kapitel die Sudbury Valley Schule im Allgemeinen und die Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg als demokratische Schule vorgestellt. Dabei wird das Konzept der Sudbury Valley Schule anhand des Werkes „Endlich frei. Leben und Lernen an der Sudbury-Valley-Schule" vom Gründer Greenberg dargelegt. Um überprüfen zu können, wie demokratisch die Sudbury Valley Schule ist, werden im selben Kapitel zu Beginn die Qualitätsmerkmale der DeGeDe aufgeführt. Da der Fokus des Seminars auf Partizipation liegt, werden im Folgenden auch nur die Qualitätsmerkmale mit partizipativer Ausrichtung für einen Vergleich herangezogen. Darauffolgend werden diese mit den Merkmalen der Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg verglichen.

2. Begriffsdefinition

2.1. Partizipation

Der Begriff Partizipation meint die Mitwirkung und aktive Beteiligung der Schülerinnen und Schülern bei politischen und sozialen Prozessen.1 Dabei wird ihnen in Bildungsinstitutionen die Möglichkeit geboten, auf freiwilliger Basis Entscheidungsprozesse mit zu beeinflussen und somit Verantwortung zu übernehmen.2 Durch die aktive Rolle der Lernenden innerhalb des partizipationsorientierten Unterrichts, bei der ein Lernen „von den Lernenden hergedacht“ stattfinden sollte3, findet eine Förderung des DemokratieLernens statt.4

Neben dem allgemeinen Partizipations-Begriff spricht Heitz vom Begriff der partizipa- tiven Praxis. Damit ist die Förderung einer kompetenz- und partizipativen Lernkultur gemeint. Heitz fokussiert sich bei ihrer Untersuchung hinsichtlich auf die Anwendung der partizipativen Praxis auf universitäre Veranstaltungen. Partizipative Praxis kann sich aber genauso auf den Unterricht in der Schule beziehen. Denn auch hier sollte die Beteiligung und somit Beeinflussung seitens der Schülerinnen und Schüler Bestandteil des Unterrichtsgeschehens sein.

2.2. Demokratische Bildung

„Demokratie muss gelernt werden, um gelebt werden zu können.“ (Kurt Gerhard Fischer) „Demokratie muss gelebt werden, um gelernt werden zu können.“ (Gisela Behrmann)

Die Idee, bereits Schülerinnen und Schülern mit Demokratie durch demokratische Bildung in staatlichen Bildungsinstitutionen vertraut zu machen, wurde in Deutschland vor allem während der Nachkriegszeit, also nach 1945, zentral. Die Besatzungsmächte, besonders die Alliierten, hatten das Ziel, mit ihrer „Reeducation-Politik“ die Bevölkerung demokratisch umzuerziehen.5 Dieser Glaube an das positive Bewirken einer demokratischen Erziehung entwickelte sich aus der amerikanischen Bewegung des Deweyismus.

Eine weitere wichtige Referenz zur demokratischen Bildung ist der in den 1970er Jahren verfasste „Beutelsbacher Konsens“ (BK), der aus einem Richtlinienstreit über die politischen und didaktischen Inhalte der Lehrpläne für politische Bildung in BadenWürttemberg entstand. Der Konsens umfasst drei Prinzipien für den Politikunterricht: das Überwältigungsverbot, die Beachtung von kontroversen Positionen in Wissenschaft und Politik im Unterricht und die Befähigung der Schüler eine politische Situation und ihre eigenen Interessen zu analysieren. Er gilt heute noch als Grundkonsens der demokratischen Bildung und ist in den Rahmenrichtlinien integriert. Den BK gilt es also in der Schulpraxis anzuwenden, denn ohne die Anhörung und Akzeptanz unterschiedlicher Meinungen führt es höchstwahrscheinlich zur Indoktrination.6

Am 11. Oktober 2018 wurde von der Kultusministerkonferenz die Empfehlung zur Demokratie- und Menschenrechtsbildung in der Schule verabschiedet:

„Ziel der Schule ist es daher, das erforderliche Wissen zu vermitteln, Werthaltungen und Teilhabe zu fördern sowie zur Übernahme von Verantwortung und Engagement in Staat und Gesellschaft zu ermutigen und zu befähigen. Es ist ihre Aufgabe, entsprechende Lerngelegenheiten in unterrichtli- chen und außerunterrichtlichen Handlungs- und Anforderungssituationen zu organisieren. Die gelebte Demokratie muss ein grundlegendes Qualitätsmerkmal unserer Schulen sein. Aus diesen Zusammenhängen ergibt sich eine demokratische Schul- und Unterrichtsentwicklung als Querschnittsaufgabe.“7

Denn damit Demokratie auch Demokratie bleibt, muss sie erlernt und erlebt werden. Sie benötigt engagierte Demokraten, die an die Demokratie glauben. Mit demokratischer Bildung ist nicht nur das Wissen über die Regierungsform, also das Zustandekommen von neuen Gesetzen durch Mehrheitsbildung, relevant, sondern viel mehr auch das Wissen über die Rechte und Würde des Menschen. Es gilt einen Zusammenhalt in der Gesellschaft zu schaffen frei von jeglicher Ausgrenzung anderer Kulturen und Ethnien und somit ein Bewusstsein für Vielfalt herzustellen. Auch zählt zu einer demokratischen Bildung Toleranz, Achtung, Empathie und Respekt zu stärken.8

Schülerinnen und Schüler lernen am besten über Demokratie, in dem sie diese selbst in Form von Partizipation und Teilhabe erleben und die Freiheit bekommen, ihre eigenen Ideen zu formulieren. Eine genaue Umsetzung in der Schule kann auf mehreren Wegen erfolgen. Beispielsweise durch Arbeitsformen, in denen Schülerinnen und Schüler selbst mehr entscheiden können oder auch durch demokratische Gremien.9

3. Demokratische Schulen

3.1. Die Sudbury Valley Schule

Die freie Alternativschule, Sudbury Valley Schule, ist eine von 270 demokratischen Schulen, die 1968 als Versuchsschule in Framingham Massachusetts, USA, von Daniel Greenberg und anderen gegründet wurde. Es gibt heute weltweit über 70 Sudbury Schulen. Das Alter der aufgenommenen Schülerinnen und Schüler liegt zwischen 4 und 19 Jahren.

3.2. Die Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg

Die Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg arbeitet nach dem Konzept der Sudbury Valley Schule. Das Modell der Sudbury-Schule ist einzigartig in der Region Berlin-Brandenburg. Die Schule bietet für 30 Schülerinnen und Schülern einen Platz.10

3.2.1. Konzept der Sudbury Valley Schule

In der Sudbury Valley Schule gibt keine verpflichtende Schulanfangszeit, sondern lediglich ein Zeitkonto, um die Schulpflicht zu gewährleisten. Die Öffnungszeiten sind von 8:30 Uhr bis 17:00 Uhr. Die Schüler selbst entscheiden, wie viel Zeit sie für eine bestimmte Aktivität benötigen. Schüler können auch länger in der Schule bleiben, wenn sie ein Projekt zu Ende bringen möchten. Eine geregelte Mittagspause ist nicht vorgesehen. Laut Greenberg verliert man das Gefühl für Zeit, wenn man sich intensiv voller leidenschaftlicher Neugier mit einem Thema seiner Wahl auseinandersetzt.11

Es gibt keine Klassen, sondern ein altersgemischtes Lernen. Laut Greenberg mischen sich genauso wie Erwachsene auch Kinder unterschiedlichen Alters zu einer temporären Gruppe, wenn sie sich für dieselben Themen interessieren. Durch die unterschiedlichen Fähigkeiten und einem anderem Lerntempo helfen sich die Schüler intuitiv, weil es ihnen ein gutes Gefühl gibt, anderen zu helfen und zu sehen, dass sie erfolgreich sind. Altersmischung hat sowohl eine Lern-Seite als auch eine emotionale, und soziale Seite. Sie entspricht der Wirklichkeit des Lebens, ist dynamisch und fördert das Lehr- und Lernvermögen.

Die Lehrkräfte der Sudbury Valley Schule arbeiten nach dem Abkommen, dass „Schüler nehmen wollen - nicht, was die Lehrer geben wollen." Die Lehrkräfte verpflichten sich unter anderem sich mit den Schülern zu bestimmten Zeiten zu treffen, um Fragen zu beantworten. Ein Kurs ist zu Ende, wenn die Schülerinnen und Schüler nicht mehr weiter an dem Thema arbeiten wollen. Wenn die Lehrkraft nicht das erfüllen kann was sich die Schüler wünschen, dann kann die Lehrkraft zurücktreten und die Schüler sind aufgefordert, sich eine andere Lehrkraft zu suchen. Zudem gibt es auch die Unterrichtsvariante bei dem ein Schüler den anderen Schülern etwas „Neues" mitteilt, das nicht in einem Buch zu finden ist. Die Schüler können dann bei Interesse zu einem festgelegten Tag und Uhrzeit erscheinen und dem Schüler zuhören und zusammen über das Thema reden.12

Das Spielen gehört laut Greenberg zu den wichtigsten Faktoren des Lernens an der Sudbury Valley Schule. Spielen bedeutet, sich nur auf eine bestimmte Aufgabe fokussieren zu können ohne Rücksicht auf Erschwerungen wie beispielsweise Unruhe. Am meisten Spielen Kinder mit ihrer Vorstellungskraft und einfachen Dingen, die sich in ihrer unmittelbaren Umgebung befinden. Aber auch Brettspiele wie Monopoly und Dungeons & Dragons finden ihre Verwendung.13

Es gibt keine Bewertung in Form von Zensuren an der Sudbury Valley Schule. Es ist die Entscheidung der Schüler wie sie ihre eigenen Entwicklungen werten. Laut Greenberg ist es nutzlos, wenn Lehrer Schüler für ihr Leistungsniveau loben, wenn sie selbst nicht damit zufrieden sind. Sie selber haben sich von Anfang an ein Ziel gesetzt. Sie sind erst mit sich zufrieden, wenn sie dieses Ziel erreicht haben. Viel wichtiger ist es, dass der Lehrer die Leistung des Schüles mithilfe von Verbesserungsmöglichkeiten kritisiert. Kein Schüler wird mit anderen Schülern oder einem genormten Standard verglichen, da es die Rechte der Schüler verletzen würde.14

Jeden Donnerstag um 13 Uhr gibt es ein offizielles Schul-Meeting, dass das mit einem Schüler die gesamte Schule leitet. Gesetze werden im School Meeting vorgeschlagen, verabschiedet und in einem Gesetzbuch festgehalten. Außerdem richtet es „School Corporations ein, wählt neue Mitarbeiter aus, handelt die Arbeitsverträge der Mitarbeiter aus und bewilligt Sonderausgaben". Jeder Mitarbeiter und Schüler hat eine Stimme bei Entscheidungen.15

Viele kleinere routinierte Aufgaben, wie beispielsweise die Überprüfung der Telefonnachrichten, werden von gewählten Zuständigen und Komitees für ein Schuljahr ausgeführt.

Da es sich um eine freie Alternativschule, also eine Privatschule, handelt, sind die Schüler aufgefordert Schulgeld zu bezahlen. Damit jeder Schüler unabhängig der finanziellen Mittel der Eltern die Möglichkeit eines Schulbesuches hat, fallen die Beträge unterschiedlich aus. Die solidarisch festgelegten Beitragssummen gelten immer für das gesamte Schuljahr. Außerdem können einige Plätze durch Spenden finanziert werden.16

3.3. Qualitätsmerkmale der DeGeDe

Es handelt sich um einen Katalog in denen Merkmale einer demokratiepädagogischen Schule gesammelt sind. Diese Merkmale entstanden durch einen Gedankenaustausch zwischen Expertinnen und Experten wie u.a. Schulpraktiker und Fachleute aus Schulinspektionen und Schulverwaltungen.

3.3.1. Qualitätsbereiche

Der Katalog ist systematisch in sechs Qualitätsbereiche (Umgang mit Rahmenbedingungen, Schulkultur, Führung und Management, Professionalität Pädagoginnen und Pädagogen und Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner, Lernkultur und Ergebnisse) gegliedert. Jeder Bereich umfasst wiederrum mehrere Qualitätsmerkmale.17 Diese bestehen aus Qualitätskriterien, die anhand von Konkretisierungen genauer beschrieben sind.

[...]


1 vgl. Heitz 2014, 231

2 vgl. ebd., 247

3 vgl. ebd., 237

4 vgl. ebd., 244

5 vgl. Braun 2004, 17

6 vgl. Frech & Richter 2007, 10-13

7 KMK,4

8 vgl. ebd., 2

9 vgl. KMK, 4ff.

10 vgl. Sudbury Berlin

11 vgl. Greenberg 2004, 85f.

12 vgl. Greenberg 2004, 27 ff.

13 vgl. ebd., 78 ff

14 vgl. ebd., 93f

15 vgl. Greenberg 2004, 121

16 vgl. Sudbury-Schule Berlin-Brandenburg

17 vgl. Abbildung 1

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Demokratiepädagogik an Schulen. Wie demokratisch ist die Sudbury Valley Schule?
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
18
Katalognummer
V997449
ISBN (eBook)
9783346382139
Sprache
Deutsch
Schlagworte
demokratiepädagogik, schulen, sudbury, valley, schule
Arbeit zitieren
Isabelle Pietsch (Autor), 2021, Demokratiepädagogik an Schulen. Wie demokratisch ist die Sudbury Valley Schule?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997449

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