Die Arbeit wirft die Frage auf, ob die europäisch-russische Partnerschaft auf einem gemeinsamen Wertefundament fußt, oder ob sie hauptsächlich von ökonomischen Motiven geprägt ist. Überdies soll erörtert werden, welche Entwicklungstendenzen sowie Entwicklungschancen sich in Anbetracht der bevorstehenden Jahre für die Beschaffenheit des westlich-europäischen Verhältnisses abzeichnen.
Um der Antwort auf diese Fragen nachgehen zu können, sollen vorerst die Zerwürfnisse, die sich in der Vergangenheit zwischen der EU und Russland zugetragen haben, vorgestellt werden. Hierbei wird deutlich, dass es sich vornehmlich um eine strategische Partnerschaft im Sinne einer Fokussierung auf eine wirtschaftliche Zusammenarbeit handelt, denn diverse Enttäuschungen haben die Beziehungen nachhaltig erschüttert. Das konsequente Beharren der EU auf die Verwirklichung demokratischer Werte erwies sich in Bezug auf Russland bisher als erfolglos, da die russische Föderation um seine Eigenständigkeit fürchtet und somit eine Bevormundung durch eine westliche Ideologie ablehnt.
Dennoch gibt es Hoffnung auf Besserung für die zerrüttete Partnerschaft. In einem nächsten Schritt soll die wechselseitige Abhängigkeit der Länder hervorgehoben und deren bisherigen, sich positiv entwickelnden Handelsbeziehungen betont werden. Gegenwärtig ergeben sich jedoch weitere Abhängigkeiten. Aufgrund der steigenden globalen Herausforderungen, welche ausschließlich mit auf transnationaler Ebene erarbeiteten Lösungskonzepten bewältigt werden können, gewinnt eine Intensivierung der strategischen Partnerschaft zwischen der EU und Russland wieder an Bedeutung. Zusätzlich schafft die sich ausweitende Digitalisierung neue gesellschaftliche Bedingungen, die durch-aus das Potenzial besitzen, eine Annäherung der Parteien zu begünstigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zerwürfnisse der europäisch-russischen Beziehung: Bruchstückhaftes Wertefundament
3. Wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis der EU und Russlands: Strategische Partnerschaft
4. Fazit und Ausblick: Annäherung an eine Wertegemeinschaft?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob die Partnerschaft zwischen der Europäischen Union und Russland auf einem gemeinsamen Wertefundament basiert oder primär durch ökonomische Interessen geleitet wird. Ziel ist es, die Entwicklungstendenzen sowie zukünftige Chancen für das europäisch-russische Verhältnis unter Berücksichtigung historischer Konflikte und aktueller Abhängigkeiten kritisch zu analysieren.
- Analyse der historischen Zerwürfnisse in der EU-Russland-Beziehung
- Untersuchung der wirtschaftlichen Abhängigkeiten als Basis der strategischen Partnerschaft
- Evaluation der Rolle demokratischer Werte und deren Umsetzung in der russischen Föderation
- Diskussion über Potenziale der Digitalisierung und transnationaler Herausforderungen für eine Annäherung
Auszug aus dem Buch
2. Zerwürfnisse der europäisch-russischen Beziehung: Bruchstückhaftes Wertefundament
Betrachtet man die Entwicklung der westlich-russischen Beziehung, so wird klar: Diese Beziehung war schon immer spannungsgeladen. Begonnen mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 kann gesagt werden, dass das postsowjetische Russland im 21. Jahrhundert nie in die Friedensordnung Europas aufgenommen wurde, was letztlich zu zahlreichen Konflikten wie dem Georgienkrieg 2008 und der Krim-Krise 2014 führte. Grund hierfür war die Furcht Europas vor einem möglichen russischen Imperium (vgl. Rahr 2018). Die russische Systemtransformation hin zu einer Demokratie kann somit für gescheitert erklärt werden, sodass es bis heute wenig Hoffnung für eine Wertegemeinschaft gibt (vgl. Heinemann-Grüder 2019). Russland tritt selbstbewusst auf der internationalen politischen Bühne auf (vgl. Schockenhoff 2006: 5). Es stand im Anschluss an die Terroranschläge vom 11. September in New York vor der Wahl, „[...] entweder als föderative, demokratische Ordnung die gleichberechtigte Sicherheitspartnerschaft und Zusammenarbeit mit einem schwachen Europa zu suchen oder die hegemoniale Neuordnung der Welt gemeinsam mit den USA zu betreiben und sich mit der Rolle des Juniorpartners zu begnügen“ (Schulze 2003: 1). Russland schlug einen Mittelweg ein: Es kooperierte mit der EU hinsichtlich der Suche nach Alternativentwürfen zu der hegemonialen Vorgehensweise der USA bei gleichzeitiger Unterstützung der USA im Kampf gegen den Terrorismus. Es beharrte also strikt auf seiner politischen Eigenständigkeit (vgl. ebd.).
Folglich galt Russland nie als potentieller Kandidat für den Beitritt in die EU, da dieser eine Wertegemeinschaft als Grundgerüst voraussetzt. Die russische Föderation fühlte sich wiederum bevormundet von der „Transformationspolitik“ der EU, welche aus russischer Sicht Russland zu einem Entwicklungsland deklariere. Die EU solle den russischen Staat dagegen als ein entwickeltes Land anerkennen (vgl. Heinemann-Grüder 2019). Und tatsächlich nimmt sich die EU das Recht heraus, zu urteilen, [...] daß es in Rußlands innenpolitischer Entwicklung erhebliche Defizite gibt. In Rußland sei daher eine stabile, offene und pluralistische Demokratie zu schaffen, die rechtsstaatlichen Grundsätzen verpflichtet ist [...]“ (Adomeit / Lindner 2005:10) (vgl. ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Basis der europäisch-russischen Partnerschaft und gibt einen Überblick über die geplante Vorgehensweise sowie die behandelten Themenschwerpunkte.
2. Zerwürfnisse der europäisch-russischen Beziehung: Bruchstückhaftes Wertefundament: Dieses Kapitel arbeitet die historischen Spannungsfelder auf, analysiert das Scheitern der demokratischen Transformation und beleuchtet die gegenseitigen Vorwürfe bezüglich politischer Ideologien und Bevormundung.
3. Wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis der EU und Russlands: Strategische Partnerschaft: Das Kapitel fokussiert sich auf die wirtschaftliche Verflechtung, insbesondere im Energiebereich, und untersucht, wie diese trotz politischer Differenzen eine notwendige Kooperationsbasis bildet.
4. Fazit und Ausblick: Annäherung an eine Wertegemeinschaft?: Der abschließende Teil fasst die Ergebnisse zusammen, bewertet die Chancen für einen politischen Wandel unter den gegebenen Bedingungen und erörtert potenzielle Impulse für eine künftige Zusammenarbeit.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Russland, Strategische Partnerschaft, Wertegemeinschaft, Außenpolitik, Handelsbeziehungen, Demokratisierung, Wirtschaftliche Abhängigkeit, Politische Transformation, Sicherheitskooperation, Krisenmanagement, Internationale Beziehungen, Modernisierung, Energiepolitik, Zivilgesellschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis zwischen der Europäischen Union und Russland und analysiert, ob die bestehende Zusammenarbeit als strategische Partnerschaft oder als Annäherung an eine gemeinsame Wertegemeinschaft einzuordnen ist.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Kernbereichen gehören die historischen Konflikte, die wirtschaftliche Abhängigkeit durch Energieexporte, die politische Rhetorik bezüglich demokratischer Standards sowie die Rolle der Digitalisierung für zukünftige Kontakte.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Dokuments?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob die europäisch-russische Partnerschaft auf einem echten gemeinsamen Wertefundament basiert oder ob sie im Wesentlichen von ökonomischen Interessen geprägt bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?
Die Autorin nutzt eine fundierte Literaturanalyse, kombiniert mit der Auswertung von Umfragedaten und offiziellen Abkommen, um die Entwicklung und den aktuellen Zustand des bilateralen Verhältnisses zu bewerten.
Was wird im Hauptteil des Buches erörtert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der politischen Zerwürfnisse und die Darstellung der wechselseitigen ökonomischen Abhängigkeiten, die beide Seiten trotz ideologischer Gegensätze aneinander binden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Zentrale Begriffe sind die strategische Partnerschaft, die Systemkrise in der EU-Russland-Beziehung, das normative Imperium der EU und die wirtschaftliche Interdependenz.
Welche Rolle spielt der Energieexport für das Verhältnis beider Mächte?
Der Öl- und Gasreichtum Russlands fungiert als wirtschaftlicher Anker, der einerseits eine unverzichtbare Abhängigkeit der EU schafft, andererseits aber von der russischen Führung als machtpolitisches Instrument eingesetzt wird.
Wie bewertet die Autorin die Aussichten auf einen demokratischen Wandel in Russland?
Ein demokratischer Wandel wird unter der Führung Wladimir Putins als in naher Zukunft kaum vorstellbar eingestuft, wobei auf die Bedeutung einer unabhängigen Zivilgesellschaft und freier Medien hingewiesen wird.
- Arbeit zitieren
- Michelle Tannrath (Autor:in), 2021, Das Verhältnis Russlands und der Europäische Union. Fortführung der strategischen Partnerschaft oder Annäherung an eine Wertegemeinschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/998590