Darstellung von Wildleuten im Mittelalter

Die Straßburger Bildteppiche


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand

3 Straßburger Bildteppiche – profane Bildthemen (Auftraggeber und Funktion)

4 Wildleute (Wilder Mann, Wilde Frau / Wildes Fräulein)

5 Bildbeispiel: Gastmahl der Wilden Leute und Erstürmung der Minneburg (Straßburg, um 1420)

6 Minnebilder

7 Wilde: Karneval – Maskerade – Turniere

8 Fazit

9 Literaturverzeichnis

10 Abbildungsverzeichnis

11 Abbildungen

1 Einleitung

Das Seminar System Chaos – Darstellungen der Unord­nung und ihre Funktion in der mittelalterlichen Kunst be­fasste sich im Wintersemester 2018/19 mit dem vielfälti­gen Gebrauch von Darstellungen der Unordnung und ihrer Funktion. Die Unordnung findet man in verschiedenen Be­reichen der mittelalterlichen Kunst wieder, so zum Bei­spiel bei Höllendarstellungen an Kirchen, Schlachtendar­stellungen, oder bei der Darstellung von Randgestalten. Im Folgenden werde ich mich näher mit den Darstellungen der Wilden Männer befassen und einen Blick darauf werfen, welche Rolle dabei die Unord­nung spielt. Hierzu beschränke ich mich auf die Straßbur­ger Bildteppiche aus dem 15. Jahrhundert. Dies stellt je­doch nur einen kleinen Teil der Darstellungen von Wild­leuten dar. Neben Wilden Männern erscheinen auch Wilde Frauen in den Darstellungen. Man findet sie neben Bild­teppichen auch auf beispielsweise Minnekästchen oder in Druckgrafiken. Ich werde in meiner Arbeit zu­nächst einen Überblick des Forschungsstandes zu den Straßburger Bildteppichen geben. Anschließend werde ich auf die Bildthemen, ihre Auftraggeber und ihre Funktion eingehen um mich dann auf das Bildbeispiel Gastmahl der Wilden Leute und Erstürmung der Minneburg, ein Bild­teppich, der um 1420 in Straßburg entstand, zu konzentrie­ren. Um die Darstellungen und ihre Funktion besser ver­stehen zu können, ziehe ich die Bildtradition der Minne hinzu und öffne mit dem Kapitel Wildle: Karneval – Mas­keraden – Turniere den Blick auf die verschiedenen kulturellen Be­reiche, in denen die Figur der Wilden Leute auftauchen und teilweise bis heute be­kannt sind.

2 Forschungsstand

Als das umfassendste Werk zum Thema Straßburger Bildteppiche ist hier Zahm und Wild. Baseler und Straß­burger Bildteppiche des 15. Jahrhunderts von Anna Rapp Buri und Monica Stucky-Schürer zu nennen. Hier wird ein guter Überblick zu Bildteppichen der Baseler und Straß­burger Produktion gegeben und so­wohl die verschiedenen dargestellten Themen und Motive, wie auch ihre Auftrag­geber und der Verwendungskontext beleuchtet. Außerdem findet man in diesem Werk eine Vielzahl an Bildbeispie­len. Die bedrohliche, der höfi­schen Zivilisation entgegen­gesetzte Natur der Wildleute und ihr Auftreten in der Kunst des Mittelalters wurden in der Forschung ausführ­lich behandelt. Angefangen von Ri­chard Bernheimer, Wild men in the Middle Ages. A study in art, sentiment, and de­monology, 1952, über die Aus­stellungskataloge Die wilden Leute des Mittelalters, 1963 und The Wild Man. Medieval Myth and Symbolism, 1980, bis hin zu Leonie von Wilc­kens, Das Mittelalter und dieWilden Leute ’, 1994 und Norbert H. Ott, Travestien höfi­scher Minne. Wildleute in der Kunst des späten Mittelal­ters und der frühen Neuzeit, 1999. Um nur einige zu nen­nen. Innerhalb meiner Arbeit habe ich mich auf die Arbeit von Rapp Buri / Stucky-Schürer, Stefan Matter und Rolf Johannsmeier konzent­riert.1 Die Vielfältigkeit in Auftau­chen und Rezeption der Wildleute wird in allen Arbeiten besonders deutlich.

3 Straßburger Bildteppiche – profane Bildthemen (Auf­traggeber und Funktion)

Im 15. Jahrhundert blühte besonders in den oberrheini­schen Reichsstädten Basel und Straßburg eine eigenstän­dige Produktion von Bildteppichen. Ich werde mich für die vorliegende Arbeit auf die Straßburger Produktion konzentrieren. 51 Exemplare der erhaltenen Bildteppiche sind Zeugnisse der Straßburger Wirkproduktion. Die frühsten Beispiele sind um 1400 datiert und belegen einen regelmäßigen Produktionsfluss bis zum Ende des Jahrhun­derts. Zwölf Bildteppiche tragen Wappen bedeutender Straßburger Geschlechter. Die Straßburger Gruppe zeich­net sich durch folgende stilistische und technische Merk­male aus:

Die Höhe der Teppiche schwankt zwischen 70 und 90 cm und überschreitet nie 100 cm.2 In einzelnen Fällen wurde die fer­tiggestellte Wirkerei, eine stoffbildende Technik, bei der mit buntem Schussgarn figürliche Darstellungen und Muster in ein Kettfadensystem eingetragen werden, mit Stickerei zusätzlich verfeinert. Hierzu wurden in die flach gewirkten Gesichtsscheibe Augen, Nase, Mund und Wan­gen in bunter Seide mit kleinen Vor- und Spannstichen eingetragen. In anderen Fällen heben nachträglich über­stickte Linien gewisse Partien hervor, die in der Komposi­tion wichtig sind. Beide Zusatztechniken können in den Basler Wirkereien sehr selten nachgewiesen werden. Die figürlichen Szenen spielen sich ausnahmslos auf einer Standfläche ab. Diese Standfläche besteht in der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts aus übereinandergeschichteten Schuppenhügeln. Sie tragen jeweils einen breiten dunkel­grünen Rand und umschließen einzelne Phantasieblüten, Maßliebchen oder ein buntes Blatt. Feine, abwechselnd hell- und dunkelgrüne Streifen kennzeichnen in jedem Hügel die Grashalme. In dieser Bodenzone tummeln sich öfters Tiere wie Fuchs und Hase, die in ihre Höhlen ver­schwinden oder aus ihnen hervorgucken.

Die Wirkereien des letzten Jahrhundertviertels zeichnen sich durch die Darstellung einer besonders reichhaltigen Flora aus. Sie ist in ihren Farben, Formen und Proportionen der Natur nachgebildet. Die Hintergründe zeigen in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts stilisierte Akanthusranken oder kleineilige Muster, wie Rautenmuster, oder gefiederte Herzmotive. Durch eine Komposition in der kleinpropor­tionierte Figuren, Bodenhügel, Hintergrundmotive und bunte Spruchbänder dicht gedrängt nebeneinandergestellt sind, geht ein optischer Reiz von Flimmern aus. In Straß­burg verlangt der ausgesprochene Hang zum Erzähleri­schen nach detailreichen, vielfigurigen Szenen, daraus re­sultiert die hohe inhaltliche Dichte der Darstellungen.

Ab 1480 zeigen fast alle Straßburger Teppiche eine in die Tiefe führende Landschaft und einen sich zum Horizont hin auflichtenden Himmel.

Auf einer Gruppe von Straßburger Bildteppichen aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts tragen die höfischen Fi­guren Fell-, Laub- und Blütenkleider mit Zaddelärmeln, enger Taille und gerade abschließendem Dekolleté. Diese Kostüme, v.a. die Fellkleider, erinnern an die natürliche Körperhülle der Wilden Leute. Allerdings zeichnet der betont modische Schnitt sie als genähte Kleider aus. Zwei Drittel der erhaltenen Wirkteppiche aus Basel und Straß­burg zeigen profane Bildinhalte.3 Auftraggeber der profa­nen Bildteppiche waren Adlige und wohlhabende Bürger. Sie dienten als farbiger Bildschmuck der sparsam möb­lierten, dunklen und niedrigen Stuben spätgotischer Bür­gerhäuser. Hier hielt sich die Familie tagsüber auf. Man empfing Gäste, Kunden, beriet sich mit Ratskollegen und tätigte Geschäfte. Dieser öffentliche Bereich des Hau­ses hatte wichtigen Repräsentationscharakter, der durch die Präsenz kostbarer Bildteppiche unterstrichen werden konnte. Gerne wurden die Bildteppiche auch mit den Fa­milienwappen, sogar mit der Ahnenprobe der Besitzer ver­sehen. Für die bürgerlichen Auftraggeber wurden eigene Bildformulierungen geschaffen, die Liebe und Treue, so­wie Standhaftigkeit und Ehre thematisierten.

Es steht fest, dass auf den profanen Wirkereien Bilder von Liebe und Treue die Hauptrolle spielen. Als wichtigste Voraussetzung für die reine Liebe zwischen Mann und Frau gilt die vorgängige Bezähmung aller un­gestümen Neigungen und wilden Triebe. Daraus erklärt sich, dass das Begriffspaar zahm/wild in unterschiedlicher Bildge­stalt immer wieder vorkommt und Wilde Leute ne­ben hö­fischen Menschen auftreten.

Die Darstellung von Wildleuten zählt zu den verbreitetsten Bildthemen der Basler und Straßburger Bildteppiche. Obwohl das Motiv in der mittelalterlichen Dichtung häu­fig vorkommt, handelt es sich in dieser Gattung nie um die Illustration einer epischen Vorlage. Auch wenn Tänze und Spiele, in denen die Akteure als Wildleute auftraten, histo­risch belegt sind, kann kein oberrheinisches Teppichbild als Darstellung einer solchen Maskerade gedeutet werden. Die bekannteste Schilderung eines solchen Spiels ist der sogenannte bal des ardents, den Karl VI. von Frankreich 1392 anlässlich einer Hochzeit veranstalten ließ. Das Kostüm der Schauspieler, das aus Werg und Pech bestand, fing währen der wilden Fackeltänze Feuer, sodass vier Teilnehmer starben und der König selbst nur knapp dem Tod entkam.4

4 Wildleute (Wilder Mann, Wilde Frau / Wildes Fräu­lein)

Die Bewertung von Wilden Leuten hat vom hohen zum späten Mittelalter einen grundlegenden Wandel durchlau­fen, vom Monster zum Ritter.5 Für die frühere Zeit exemp­la­risch ist die Charakterisierung der Wildleute als die We­sen die von Gottes Gnade keine Kenntnis ha­ben. Sie gelten als bedrohlich und der höfischen Zivilisa­tion entge­gengesetzt. So werden sie zum Beispiel in der wohl bald nach 1260 entstandenen Apokalypse, eine über 23 000 Verse umfassende Kommentierung einzelner Ka­pitel der Offenbarung, von Heinrich von Hesler beschrie­ben, der von der Existenz der Wildleute ausgeht.6 Dies mag auch da­mit zusammenhängen, dass die frühe mitte­lalterliche Gesetzgebung den, der sich außerhalb des Ge­setzes be­fand, aus den menschlichen Siedlungen ver­bannte.7 Der Ausstoß aus der Gemeinschaft der zivilisier­ten Welt kam einem Todesurteil nah, denn im Wald, war der Ausgesto­ßene ohne Schutz vor Wettern, Kälte oder wilden Tieren. Dort zu überleben war nur durch Degene­ration möglich. Der Verstoßene sollte, oder musste, selbst zum Tier wer­den. Der Wald galt als der Un-Ort, die Wild­nis oder als Hölle. Im Gegensatz zum Kosmos der Christen, der linear geordnet ist (am tiefsten Punkt die Hölle und am höchsten Punkt die Dreieinigkeit des göttli­chen ersten Bewegers), ist die heidnische Welt rund auf­gebaut. So befinden sich der Sitz der Götter und das Reich der Toten (Hel im Nor­den und Osten) in entgegengesetz­ten Richtungen.8

Der Wald lag fernab von Gottes- und Menschenhäusern und war der Ort an dem sich im späten Mittelalter die Verlierer sozialer Umstrukturierungen trafen. Dies waren zum einen verarmte Bauern, die immer stärker ausgebeutet wurden, zum anderen Ritter, die durch eine starre Erbfolge benachteiligt waren und in Sachen Landbesitz leer ausgin­gen. Sie hatten nun die Wahl als Bettler weiterzuziehen, oder in organisierten Banden Überfälle auf Reisende aus­zuüben.9 In der deutschsprachigen Literatur ändert sich der Blick auf die Wildleute bei Hans Sachs in seiner Klag der wilden holtzleut uber die untrewen welt, etwa um 1544 als zweiter Teil eines kleinen Druckes zusammen mit einer Klagredt der weldt ob irem verderben erschienen. Hier er­klären die Wildleute, warum sie die Welt verlassen ha­ben.10 Es ist wahrscheinlich, dass Sachs sich von einschlägi­gen Wildleute-Bildnissen hat inspirieren lassen, denn die meisten Bilderzeugnisse, die von ihrem friedli­chen und zurückgezogenen Leben erzählen, sind bereits wesentlich früher entstanden.11 Diese zivile Version der Wil­den als Ritter, oder das Bild vom schönen Wilden, taucht vor allem in Bild, Tanz und Lyrik auf.12

Bei Rapp-Buri und Stucky-Schürer werden die Wildleute als friedliche Naturwesen beschrieben.13 Sie leben im Ein­klang mit der Pflanzen- und Tierwelt und handeln gleich­nishaft für die Menschen. Sie können wie die Menschen aufrecht gehen. Ihr Körper ist mit Ausnahme von Gesicht, Hals, Händen, Füßen und manchmal Ellbogen, Knien und Brüsten vollständig behaart. Ihre Körperbehaarung aus dichten Locken oder Fell ist je nach Individuum rot, grün, blau, braun oder grau gefärbt. Auch wenn sie, wie die zi­vilisierten Menschen, gepflegte modische Frisuren tragen, mit höfischen oder bäuerlichen Gerätschaften hantieren oder dressierte Jagdhunde und Falken mit sich führen, bleiben sie ihrer wilden Herkunft gemäß stets barfüßig. Die gesellschaftlichen Regeln und Normen sind ihnen vertraut, sodass sie nach ihnen handeln können, ohne allzu sehr von ihnen bestimmt zu werden. Durch ihren aufrech­ten Gang unterscheiden sie sich deutlich von Menschen, die als Ausgestoßene, Verlassene oder Verirrte in der Na­tur allein ihr Leben fristen müssen und dabei verwildern. Diese werden in der Regel auf allen Vieren kriechend dar­gestellt. Mit List und Kraft können sie die unbesiegbarsten unter den wilden Tieren (Löwen, Drachen, Einhörner) bezwingen, um danach ein friedfertiges Leben inmitten der wilden Natur zu führen. Mit tierischen Attributen, wie Krallen und Reißzähnen versehen, ernähren sie sich von rohem Fleisch. Fern der Zivilisation genießen sie ein ge­ruhsames Familienleben. Während die Frauen mit ihren Kleinkindern in ihrer Naturbehausung zurückbleiben, ge­hen die Männer auf die Jagd und bringen die Beute sieg­reich zurück. Nach höfischem Vorbild erfreuen sie sich an festlichen Gelagen und beherrschen alle Regeln der Jagd­kunst. Auch leben sie nach dem Ideal des Landmannes. Sie bestellen so Feld mit Pflug und Egge, säen und ernten Heu und Korn, tragen Strohhüte und Kopftücher und be­nutzen Werkzeuge wie die der Bauern. Als Naturwesen jedoch bewältigen sie die Verrichtungen wie im Spiel.

Die Wild Frau hat viele Gesichter, Funktionen, Ursprünge und Geschichten. Wie der Wilde Mann kann sie freundlich oder unheilbringend sein. Im mythischen Gedächtnis der Alpenbauern beispielsweise ist sie noch im 19. Jahrhun­dert präsenter als der Wilde Mann.14

Eine Typisierung dieser Wesen ist nicht möglich und we­der ihre Funktion noch ihr Erscheinungsbild können ein­heitlich gedeutet werden. Je nach szenischem Zusammen­hang kommt die eine oder andere Seite ihres Wesens stär­ker hervor. In jedem Fall agieren sie als ideale Naturwesen und bieten dem Betrachter immer wieder neue Identifika­tionsmöglichkeiten.

5 Bildbeispiel: Gastmahl der Wilden Leute und Erstür­mung der Minneburg (Straßburg, um 1420)

Beschreibung

Der Bildteppich entstand um 1420 in Straßburg und ist aus Wolle, Seide und Leinen gefertigt (Abb. 1).15 Dargestellt sind das Gastmahl der Wilden Leute und die Erstürmung der Minneburg. Ganz links sitzt die gekrönte Minne in Frontalansicht in ihrem, mit verschiedenen Stoffen und rot-blauer Rosenbor­düre verzierten, weißen Festzelt. Ihr Fellkleid ist durch feine gekrauste Zotteln in zwei Blautö­nen charakterisiert. Auf ihren Knien liegt ein langes Handtuch mit Fransen, auf dem sie von zwei devoten Wildmännern mit Wild­brettstücken serviert wird. Der bärtige Wildmann links reicht seiner Herrin eine Keule. Aus seinem Unterkiefer stehen zwei Reißzähne hervor und er trägt einen Blattkranz im Haar und um die Taille. Der jugendli­che Diener rechts trägt einen orange-blauen Stirn­reif und einen blauen Efeukranz um die Hüfte. Er reicht der Minne einen Becher. Ganz links am Bildrand spannt ein be­kränzter alter Wildmann, ebenfalls mit dämonischen Eck­zähnen ausgestattet, gemeinsam mit einem Wildmann rechts des Zeltes, dessen Schnüre an. Die übrigen Zeltseile sind bereits mit Heringen im Boden verankert. Zum Hofstaat der Minnekönigin gehören zwei gefleckte Jagd­hunde. Der Jagdhund links schnuppert erwartungsvoll zu den Fleischstücken nach oben. Er ist braun gefleckt. Der zweite nagt gierig an einem Knochen. Über dem Zeltein­gang wölbt ein rosafarbenes Spruchband mit der Auffor­derung zur Erstürmung der Burg in hellblauer Schrift mit der Bedeutung: "Wohlauf alle meine Wilden Männer, wir wollen Burg und Feste haben." Mit Stecken, Armbrust, Keule, Speer und Bogen bewehrt, stürmen die Wilden Männer auf einem Löwen und verschiedenen Mischwesen im Galopp davon. Um ihre Stirn und ihre Taille tragen sie Blattkränze. Ihr struppiges Fellkleid wird durch Schlan­genlocken markiert. Der jüngste und letzte Reiter unter ih­nen wendet sich mit hochgerissenem Ast als Waffe zurück und scheint mit anfeuerndem Ruf den Befehl seiner Herrin zu übernehmen. Die Kampfdevise in hellblauen Buchsta­ben bedeutet: Schießt alle, niemand lasse ab, eine will, dass wir Beute gewinnen. Ein bärtiger Alte führt die sechsköpfige Truppe an. Auf seinem sorgfältig ondulierten Haupthaar wird die edelsteinbesetzte Goldkrone von ei­nem Hirschgeweih überhöht. Mit Rosengürtel ge­schmückt sitzt er auf einem rotgeschuppten Fabelwesen mit grün-rosa Fell, Greifenkrallen und Pferdehufen, das zähneflet­schend ein Grasbüschel verschlingt. Er spannt seinen Bo­gen, um sein Geschoß, eine weiße Rose, in Richtung Burg abzuschießen. Ihm folgen zwei bekränzte alte Krieger, von denen der hintere grobe Eck­zähne trägt. Beide sind mit blumenbesteckten Speeren be­waffnet. Von ihren Reittie­ren sind nur noch die Hinterlei­ber und Beine sichtbar. Die paarhufigen Vorderbeine des zweiten Tieres fehlen. Stür­misch reitet ein junger Wild­mann auf seinem sandfarbe­nen Pferd hinterher. Auch er trägt je einen Blattkranz im Haar und um die Hüfte. Keulen­schwingend hält er sich mit der Linken an der Stirnmähne seines Pferdes fest. Hinter ihm spannt ein alter Wildmann sorgfältig seine Armbrust, um damit seinen Blütenzweig loszuschießen. Er sitzt dabei auf einem goldgelben Löwen mit großen Augen und wal­lender Brustmähne, deren Lo­cken gleich stilisiert sind, wie diejenigen in den Fellklei­dern der Wilden Männer. Den Reitern voran stürmt ein Wilder Junge in blauem Fell­kleid. Um den Hals trägt er ein Schild aus schweren Holz­planken, in dessen Schutz er einzelne Blütengeschosse einsammelt. Hinter den Zinnen der Burg mit Wassergra­ben, in dem verschiedene Fische und ein Aal schwimmen, hochgezogener Zugbrücke, Steg und eisenbeschlagenem Tor, haben sich ihre wilden Be­wohner verschanzt. Durch die Hornstöße eines Turm­wächters aufgestachelt, schmet­tern sie Lilienblüten als ihre Geschosse von Hand, oder mit Bogen und Armbrust gegen ihre Angreifer. Blumen­pfeile sirren durch die Luft und liegen übers ganze Terrain verstreut. Das dritte Spruchband verkündet stolz: "Unsere Festung wir behüten mit Lilien-, Klee- und Rosenblüten." Das Geschehen spielt sich auf blumenbewachsenem Ge­lände ab, das aus schup­pig geschichteten Grashügeln be­steht. Jeder dieser Hügel ist mit hellem Kern, einem schwarzen Kontur und einer dunkelgrünen Rahmenzone versehen, die je ein bis drei Maßliebchen umfassen. Das üblicherweise als regel­mäßiges Ornament in Erscheinung tretende Motiv der Grasschuppen wird hier von großen Blütengewächsen, zahlreichen Tieren und herumliegenden Blumenpfeilen überspielt. Neben den Hunden der Frau Minne kann man einen roten Fuchs, einen rot-braunen Ha­sen, einen rot-weißen Elefanten, einen bunt gefiederten Vogel, ein Eich­hörnchen, einen blauen Hasen, der in seine Höhle schlüpft, einen Schwan und einen Affen, in der rechten unteren Ecke, erkennen. Unter den meist Phanta­sieformen tragenden Pflanzen lassen sich einzig ein Knö­terich, zwischen dem Schwan und dem Hasen, und eine Distelstaude, zwi­schen dem Fuchs und dem Hasen, erken­nen. Eine Reihe hoher Laub- und Nadelbäume mit bunten, phantastischen Kronen schaffen das Ambiente eines Wal­des. Ein einheit­lich gestalteter roter Grund mit versetzten hellroten, herz­förmigen Motiven, Kreisen und kleinen Kreuzen fasst das figurenreiche geschehen im Vorder­grund zu einer Einheit zusammen.

[...]


1 Johannsmeier, Rolf: Spielmann, Schalk und Scharlatan: die Welt als Karneval; Volkskultur im späten Mittelalter, Reinbek bei Hamburg, 1984. Matter, Stefan: Reden von der Minne: Untersuchungen zu Spielformen literarischer Bildung zwischen verbaler und visueller Vergegenwärtigung anhand von Minnereden und Minnebildern des deutschsprachigen Spätmittelalters, Tübingen 2013. Rapp Buri, Anna / Stucky-Schürer, Monica: Zahm und wild: Basler und Straßburger Bildteppiche des 15. Jahr­hunderts, Mainz 1990.

2 Rapp Buri, Anna / Stucky-Schürer, Monica: Zahm und wild: Basler und Straßburger Bildteppiche des 15. Jahr­hunderts, Mainz 1990, S. 26f.

3 Rapp Buri / Stucky-Schürer 1990 (wie Anm. 2), S. 52.

4 Rapp Buri / Stucky-Schürer 1990 (wie Anm. 2), S.52.

5 Matter, Stefan: Reden von der Minne: Untersuchungen zu Spielformen literarischer Bildung zwischen verbaler und visueller Vergegenwärtigung anhand von Minnereden und Minnebildern des deutschsprachigen Spätmittelalters, Tübingen 2013, S. 248.

6 Ebd., S. 249.

7 Johannsmeier, Rolf: Spielmann, Schalk und Scharlatan: die Welt als Karneval; Volkskultur im späten Mittelalter, Reinbek bei Hamburg, 1984, S. 67.

8 Johannsmeier 1984 (wie Anm. 7), S. 68.

9 Ebd., S. 68-70.

10 Matter 2013 (wie Anm. 5), S. 250.

11 Ebd., S. 252.

12 Johannsmeier 1984 (wie Anm. 7), S. 87.

13 Rapp Buri / Stucky-Schürer 1990 (wie Anm. 2), S. 52-54.

14 Johannsmeier 1984 (wie Anm. 7), S. 91.

15 Im Folgenden beziehe ich mich wo nicht anders angegeben auf Rapp Buri / Stucky-Schürer 1990 (wie Anm. 2), S. 296-297.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Darstellung von Wildleuten im Mittelalter
Untertitel
Die Straßburger Bildteppiche
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar: System Chaos - Darstellungen der Unordnung und ihre Funktion in der mittelalterlichen Kunst
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V998806
ISBN (eBook)
9783346371126
ISBN (Buch)
9783346371133
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wildleute, Mittelalter, Bildteppiche, Wilder Mann, Wilde Frau
Arbeit zitieren
Victoria Diefenbach (Autor), 2019, Darstellung von Wildleuten im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/998806

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