Vom Begräbnis im Alten Bund zur Auferstehungshoffnung im Neuen Testament. Ein biblischer Überblick mit Beifügungen aus dem Judentum


Hausarbeit, 2019

30 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bestattung im Alten Testament und aufkommende Jenseitshoffnung
Die erste Bestattung
Ehrenvolles Begräbnis
Bestattung als Belohnung bzw. deren Verweigerung als Strafe
Bestattung als Akt familiärer Zusammengehörigkeit
Totenklage
Formeln für Sterbeanzeigen
Sehnsucht nach Unvergänglichkeit und fortdauernder Erinnerung
Jenseitshoffnung in Weisheitstexten und eschatologischen Texten
Archäologische Sachverhalte
Resümee

3 Im Neuen Testament triumphiert Auferweckung über Begräbnisse
Trauersitten
Drei Begräbnisse
Vier Totenerweckungen
Die „geistlich Toten“
Trauer in der Passion Jesu
Das stumme und doch beredte Zeugnis des Grabes Jesu
Resümee

4 Gesamtresümee

5 Anhänge
Anhang 1
Anhang 2
Anhang 3

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Warum habe ich dieses Thema gewählt – wurde ich manchmal gefragt –, das manchem auf Anhieb eigentümlich erscheint? Die zweite Reaktion war dann oft etwa so: Aha, interessant! In einem Seminar über Kasualien, in dem es um Bestattung als Schwerpunkt ging, wurde ich auf dieses Thema aufmerksam. Abschiednehmen von Verstorbenen gehört zu den Knotenpunkten des Lebens, jeder steht immer wieder irgendwann an einem Grab.

Eine Beerdigung steht für absolute Endgültigkeit. Ein Leben ist vorbei, eine Beziehung kann nicht mehr gelebt und gepflegt werden, mitunter wurde auch vieles versäumt. Viele Menschen erleben jenen Moment am offenen Grab, wenn der Sarg (oder die Urne) hinuntergelassen wird, und die drei Bestattungsworte gesprochen werden, als den allerschwersten. „Das tut am meisten weh“, sagen viele1, denn dann wird deutlich: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“. Aber für Christen gibt es die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, ja dass jetzt das Eigentliche anfängt. An sie wendet sich die Studie zuerst. Sie will ein für jedermann wichtiges Thema aufgreifen und dazu ermutigen, die einzig im Leben tragende Hoffnung aus der Bibel zu schöpfen.

Die Arbeit holt dazu weiter aus und fragt, wie entstand Bestattung, wie wurde im Alten Testament ehrenvoll beerdigt, und dann, wo tauchen im Alten Testament Jenseitshoffnungen auf, wo klingt sogar schon Auferstehungshoffnung an? Sie soll im neutestamentlichen Teil dann als die Quelle des Trostes für Trauernde sichtbar werden.

Archäologische Entdeckungen ergänzen unser Verständnis vom ethischen Umgang mit Toten damals. Ergänzend zeigt ein Anhang, wie heute im Judentum bestattet und mit Trauer umgegangen wird.

2 Bestattung im Alten Testament und aufkommende Jenseitshoffnung

Die erste Bestattung

Die Geschichte vom Brudermord in Gen 4 gehört zu den eindrucksvollsten Texten der biblischen Urgeschichte. Sie bezeugt Abels Gerechtigkeit. Er ist in der biblischen Urgeschichte der erste Tote, sein Blut das erste von Menschenhand vergossene. Jesus spricht im Zusammenhang seiner Weherufe an die Schriftgelehrten und Pharisäer in einem seiner härtesten Worte vom vergossenen „Blut des gerechten Abel“ (Mt 23,35) (in Hebr 11,4 bringt Abel Gott ein besseres Opfer dar „durch den Glauben“). Auch 1Joh 3,12 nennt die Werke Abels „gerecht“; auch einige neutestamentliche Apokryphen stellen Abel als einen Gerechten dar.2

Es fällt auf, dass die Brudermorderzählung den Mord selbst und die Person Abels knapp hält, insbesondere auch nicht von seiner Beerdigung berichtet, Kain aber und seine Befragung durch Gott stellt sie in den Mittelpunkt. Das führte in der Auslegungsgeschichte offensichtlich dazu, dass man aus frommem Anliegen heraus auszufüllen versuchte, was der biblische Bericht offen ließ.3 Frühjüdische Erzählungen füllen diese Lücken aus. In der „Himmelfahrt des Mose“ (ApkMos, 1. Jh.) versorgen der Erzengel Michael und seine Engel den Leichnam Adams mit Linnen, bereiten dann auch den toten Abel zu und bestatten beide gemeinsam. Die Erde hatte sich bis dahin geweigert, den Leichnam Abels aufzunehmen. In der Schrift „Das Leben Adams und Evas“ (VitAd, 1. Jh.) begraben die Engel Michael und Uriel Adam und Abel und weisen Set und seine Mutter Eva an, auch auf diese Weise ihre Toten zu begraben. Ein zweites Motiv in der apokryphen Literatur neben dem des Bestattungsaufschubs Abels betrifft die Trauer über den toten Abel. Das äthiopische Henochbuch erwähnt dazu die Trauer Evas. Das Motiv der Trauer hat z.B. nach Philo zur Deutung von Abels Namen geführt: Abel lb,h, leite sich von lb,ae = 'Trauer' her oder von lb;x' = 'schmerzen' mit der Deutung dann: „das Sterbliche beklagen“.4

Neben jenen frühjüdischen Traditionen sind in der jüdischen Haggada weitere Erzählungen weitergegeben worden. Dazu gehören die folgenden beiden Hauptvorstellungen: Die Bestattung Abels als die erste überhaupt und die Übermittlung dieses Rituals von Gott selbst durch Botenvögel.5 Dazu lautet die entscheidende Stelle im Midrasch Tanchuma (4. Jh, ältester Beleg für diesen Gedanken): „In der Stunde, da Kain den Abel getötet hatte, war er [Abel] hingeworfen, und Kain wußte nicht, was er tun sollte. Der Heilige, er ist gesegnet, bestellte ihm zwei Vögel, und einer von ihnen tötete seinen Gefährten und scharrte mit seinen Krallen und begrub ihn. Von ihm lernte Kain und scharrte und begrub den Abel.“6 (s. Anhang 1 S.24) Bis dahin war der Brauch der Erdbestattung unbekannt, Gott selbst übermittelt dem ahnungslosen Kain ihre Kenntnis. Nun ist die Erdbestattung in der Urzeit verankert und legitimiert.7

Ehrenvolles Begräbnis

Wir kommen jetzt zur ersten Bestattung, die im AT berichtet wird, in Gen 23. Als Abrahams Frau Sara starb, heißt es von ihm: „ging er hinein, Sara zu beklagen und sie zu beweinen“. Die Verben hineingehen, beklagen und beweinen beschreiben die Grundzüge des Trauerritus.8 Abraham trauert im Trauerhause innerhalb seiner Familie, er zieht sich zurück aus der öffentlichen Umgebung in einen persönlichen Raum, was das hineingehen auch meint. „Abraham trägt seinen Schmerz nicht zur Schau, er macht kein Gepränge daraus.“9 Es sind auch keine Klagefrauen da (vgl. Jer 9,16). Wir hören auch nicht, dass Abraham aus Trauer fastet, sich das Haupt oder den Bart verhüllt oder sich die Sandalen auszieht (vgl. Hes 24,15-17.22f; hier verbietet Gott Hesekiel diese Trauerriten).

Durch die Weise, wie Abraham die Trauer um seine Sara durchlebt, drückt sich wieder das Besondere seiner Berufung Gottes aus: Das ^l.-%l,, das Gehe-für-dich-allein (Gen 12,1), war charakteristisch für seine Berufung, ein Fremdling war er unter seinen Zeitgenossen.10 So zieht er sich auch jetzt aus der Öffentlichkeit zurück, um in seinem Schmerz mit Gott allein zu sein. Nur hier in der Stille vor Gott, abseits von Menschenworten, kann seine Seele zur Ruhe kommen und Gottes Führungen verstehen. Und was bedeutete Sara ihm! Ohne sie wäre er nicht der Ahnherr des berufenen Volkes geworden. Der Versuch, ohne sie das göttliche Ziel zu erreichen, musste scheitern, Ismaels Geschlecht hatte kein Verständnis für den Geist Abrahams. Auch Keturas Kinder, die dem Abraham noch geboren wurden, wandelten nicht im geistigen Erbe Abrahams. Nur Sara konnte ihm einen Isaak schenken, weil sie im Geiste der Berufung ihres Mannes lebte.11 Sie ist auch die erste in der Reihe der gläubigen Frauen.12

Offenbar erst, nachdem Abraham den Trost Gottes empfangen hatte, „erhob er sich“ von der Seite der Verstorbenen – auch das Sitzen auf der Erde war Zeichen der Trauer13 –, verließ die Tote (Gen 23,3) und leitete Schritte ein zu ihrem Begräbnis. Seit dem Sündenfall gilt dem Menschen, dass er „vom Erdboden/Staub [rp'[']14 “ genommen ist und zur „Erde“ zurückkehren soll (Gen 3,19; vgl. z.B. auch Ps 22,30). Hier bei Abraham haben wir den ersten biblischen Bericht von einer Beerdigung. Die Beisetzung Saras ist für die Juden bis heute die Begründung für die Bestattung von Verstorbenen (und ihre Ablehnung von Kremationen). Im Israel des Alten Testaments ist das Erdbegräbnis die Regel.15 Das jahrelange Zelten Abrahams unter den Hethitern musste Eindruck auf sie gemacht haben. Und Abraham wollte sich auf keinen Fall das Begräbnisgrundstück – die Höhle in Machpela16 – schenken lassen, das hätte ihm den Respekt vor den Hethitern wieder genommen. Auch wurde eine durch Kauf erworbene Grabstätte von den Hethitern wie ein Heiligtum beachtet. Auch mit dem immensen Preis des Hetiters Efron war Abraham einverstanden. Diese Weitherzigkeit erinnert an David, der später die Tenne des Arauna, den künftigen Tempelplatz, als Opferplatz auch nicht umsonst annehmen wollte: Geschenktes war ihm (David) nicht zum Opfern geeignet (2Sam 24,24). Und ein Grab war so heilig wie der Altar.17

Fassen wir kurz zusammen: Abraham durchlebt seine Trauer dem inneren Charakter seiner Berufung entsprechend. Nach jüdischem Verständnis bedeutet Beklagen die Ehrung des Toten. Und mit dem Erwerb des Erbbegräbnisses, bei deren Geldsache er auch so nobel handelt, macht Abraham wieder einen Schritt des Glaubens, noch gehört ihm nichts vom verheißenen Land. Das würdige Begräbnis Saras ist ein würdiger Anfang zur Einnahme des Landes – 600 Jahre später.

Bestattung als Belohnung bzw. deren Verweigerung als Strafe

Man kann sagen, dass im gesamten Altertum die Frage des „richtigen“ Bestattens, der Pflege des Grabes und des Toten den Menschen wichtig war, ja ihre Bedeutung von uns heute gar nicht zu überschätzen ist.18 Wenn zahlreiche Stellen im AT ausdrücklich hervorheben, dass Tote nicht bestattet werden, spricht das gerade für die Bedeutung einer ehrenvollen und ordnungsgemäßen Beerdigung.19 Z.B. kündigt Jeremia einmal denen, die in Notzeiten sich von falschen Propheten weissagen lassen, an, dass sie unbegraben auf den Straßen liegenbleiben werden (Jer 14,16). Dazu sei hier noch das eindrucksvolle Klagelied Jer 9,19-21 erwähnt („... Leichen der Menschen liegen umher wie Mist auf dem Acker und wie Garben hinter dem Schnitter, und niemand ist da, der sie sammelt“). Verweigerung der Beerdigung wurde vom Volk als Bestrafung durch Gott angesehen. Wem das Grab verweigert wird, ist noch als Toter in ewiger Schande und ausgegrenzt.20 Dem Menschen jener alten Zeit ist es nicht nur eine große Beruhigung, mit einem ordnungsgemäßen Begräbnis rechnen zu dürfen; es wird häufig sogar als Lohn für ein wohlgefälliges Leben angesehen. Für den Toten bedeutet es den Frieden als Abschluss und Vollendung seines Lebens.21 Hiob bekommt es so zu hören: „Im reifen Alter steigst du in das Grab, wie man zu seiner Zeit die Garben sammelt“ (Hi 5,26).

Hierzu ist noch genauer zu sagen, dass die Bestattung (bzw. Gewährung bzw. Verweigerung der Grabesruhe) und die damit verbundenen Feierlichkeiten den Toten und sein Lebenswerk ehren sollen. Die folgende Tabelle illustriert dies an zahlreichen Beispielen. Dabei ist es beeindruckend, wie die chronistischen Theologen Bestattungsnotizen gegenüber den Königsbüchern ändern (siehe die Kön/Chr-Angaben in der folg. Tabelle).22

Verweigerung der Bestattung als Strafe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bestattung als Belohnung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nachdem wir jetzt Begräbnis im Zusammenhang mit Bestrafung bzw. Belohnung gesehen haben, sollten wir noch einen Blick auf Ahitofel werfen, den Ratgeber Davids und hernach der fähigste Kopf auf Seite der Aufständischen Absaloms. 23 Da das Geschehen mit ihm einigermaßen bedenkenswert ist, behandle ich es in einem kurzen Exkurs.24

Exkurs: Der Selbstmörder Ahitofel wird im Grab seiner Väter begraben (2Sam 17,23) Ahitofels kluger, auf Überraschung 25 angelegte Rat, David sofort nachzusetzen, solange er erschöpft ist, wird nicht angenommen, sondern der schlechtere, lieber sichergehende Vorschlag von Huschai, Davids Spitzel unter Absaloms Leuten. Ahitofel erhängt sich, als sein Rat nicht angenommen wird26. Auf den ersten Blick befremdet das würdige Begräbnis eines Selbstmörders: „er wurde begraben im 27 Grab seiner Väter“.28 Der verletzte Stolz und die Furcht vor kommender Rache Davids (Ahitofel sieht es voraus, dass die Revolution scheitern wird) mögen bei ihm mitschwingen, aber in V.14b fügte uns der Erzähler ein Deutewort in die Davidsgeschichte ein, die uns Tieferes lehrt: den vortrefflichen Rat Ahitofels vereitelt Gott, weil er nicht wegsieht und er Herr der Geschehnisse bleibt. Zwar war und blieb Ahitofel ein kluger Ratgeber, sein Selbstmord hat seine Ehre nicht vernichtet29 – so wurde er begraben im Grab seiner Väter. Aber seine Wendung gegen den Gesalbten Gottes machte ihn zum Gegner Gottes, dagegen konnte er nicht bestehen.

Aus der Zeit kurz nach Sauls Tod, als es zum Bruderkrieg zwischen den Anhängern Sauls (Heerführer Abner) und Davids (Heerführer Joab) kam, sei noch auf Ahitofel hingewiesen. Diese „schnellfüßige Gazelle“ (2Sam 2,18) setzte dem geschlagenen und flüchtenden Abner – ohne Not noch – nach, wurde von diesem aber dann ermordet. Den Leuten Davids blieb nur noch die Möglichkeit, ihn mit der Beisetzung im Grab seines Vaters zu Bethlehem zu ehren (das Ziel ihres Rückwegs war indes Hebron) (2Sam 2,32).

Bestattung als Akt familiärer Zusammengehörigkeit

In vielen Kulturen ist der Wunsch nach einer Bestattung in der Heimat und in einem Familiengrab30 lebendig, das trifft auch für das Volk Israel zu.31 In den Erzelternerzählungen wird dies mehrmals thematisiert. Diese familiäre Solidarität um ein verstorbenes Familienglied ist beeindruckend zu sehen bei den so lange verfeindeten Brüdern Esau und Jakob, die ganz selbstverständlich der im gesamten alten Orient geltenden Sohnespflicht, Vater und Mutter im eigenen Grab (Machpela) zu bestatten32, nachkommen: „Isaak wurde 180 Jahre alt, … er starb und wurde zu seinen Stammvätern versammelt, alt und satt an Tagen, und es begruben ihn Esau und Jakob, seine Söhne33.“ (Gen 35,28f) Das wurde geradezu eine Vorgabe, und so richtet Jakob angesichts des nahenden Todes an seinen Sohn Josef die Bitte – begleitet von einem Schwurritual (Hand unter die Seite legen) –, ihn aus Ägypten hinauszubringen und ihn im Grab seiner Väter zu begraben (Gen 47,29f).

Geradezu anrührend34 erzählt über neun Verse 2Sam 19,32-40 vom alten Barsillai, dem Gileaditer im Ostjordanland. Er nahm David, als dieser vor Absalom geflohen war, gastfreundlich bei sich auf. Nach dem Tode Absaloms wollte ihm David dann seinerseits auch Gutes erweisen und bot ihm in Jerusalem einen angenehmen Lebensabend an. Aber Barsillai antwortete so: „Ich bin jetzt 80 Jahre alt … dein Knecht möchte in seiner Heimatstadt beim Grab seines Vaters und seiner Mutter sterben“.35 36

Folgende zwei Ergänzungen sollen den Blick für die aufgezeigte familiäre Solidarität noch erweitern. Erstens, das Elterngebot im Dekalog zielt vor allem ab auf die Versorgung der alten Eltern und insbesonders auf das würdige Begräbnis. Seine toten Eltern würdig begraben bedeutet sie ehren.37 Verschiedentlich spricht das AT auch von der Angst, kinderlos sterben zu nüssen. Das hat nicht nur mit dem Abbruch eines Stammbaumzweiges zu tun, sondern auch mit der Sorge wiederum, nicht würdig bestattet zu werden und als Toter kein Andenken mehr zu haben. (Vgl. hierzu den speziellen Fall mit Absalom, S. 12) Zweitens, das im 3. Jh. entstandene apokryphe Buch Tobit zeigt, dass eine würdige Beisetzung eines Toten nicht nur Sache der engeren Familie ist, sondern im Notfall eines jeden Israeliten.38 Tobit teilte nicht nur sein Brot mit Hungernden und seine Kleider mit Nackten39, sondern sah in der Solidarität eine Grundverpflichtung. So erwies er, trotz Verbot, Menschen, die der assyrische König Sanherib umbringen ließ, die Barmherzigkeit einer würdigen Bestattung.

Totenklage

Am wichtigsten von allen Trauergebräuchen war die Totenklage. Abraham beklagt und beweint Sara (Gen 23,2). Seine Klage und Beweinung können als prägendes Muster für Totentrauer angesehen werden.40 Nachdem Abraham seine Trauer beendet hat, steht er auf, um seine Tote zu bestatten. Er verknüpft also Klage mit Bestattung, das findet sich dann auch in weiteren Texten. Darüber hinausgehende Trauerriten werden für Abraham nicht berichtet: Keine Klagefrauen (vgl. Jer 9,16), kein Fasten, kein Entblößen des Kopfes oder Verhüllen des Bartes, kein Ausziehen der Schuhe, kein Zerreißen des Obergewandes. Abraham trauert still und für sich alleine, er trauert im privaten, familären Raum. Man kann überhaupt sagen, die biblischen Bücher nehmen Abstand von aufwändigen Bestattungsritualen und von Totenkult. Das gründet wesentlich darin, dass der biblische Mensch um seine Geschöpflichkeit weiß (z.B. Ps 104,27-29) und nüchtern seinen Tod hinnehmen kann: „Staub bist du, und zum Staub musst du zurückkehren“ (Gen 3,19).41

Was die Totenklage betrifft, kann man im Wesentlichen zwei sprachliche Ausdrucksformen unterscheiden: das Leichenlied (hn"yqi) und der Weheruf (yAh Ach, Wehe).42 Die beiden einzigen ausführlichen Leichenlieder im AT finden wir bei David. In 2Sam 1,17-27 singt er ein Leichenlied43, nachdem er vom Tod Sauls und seines Freundes Jonathan, die in der Schlacht mit den Philistern umgekommen waren, erfuhr.44 Und das zweitemal stimmt David ein Klagelied auf Sauls Heerführer Abner an45, nachdem ihm dessen Ermordung gemeldet worden war46 (2Sam 3,31-34). Soweit die Klage an der Leiche nicht ein unartikuliertes Weinen und Schreien war, äußerten sich Weherufe in kurzen sprachlichen Sätzen, mitunter verbunden mit nonverbalen Trauergebärden (z.B. Umgürten des Sackgewandes).47 Zusammen mit dem Weheruf wird z.B. auch der Verwandtschaftsgrad zum Toten oder dessen Stellung genannt, z.B. am Grab des Gottesmannes „Ach, mein Bruder!“ (1Kön 13,30) oder über Josia wird man nicht klagen: „Ach, mein Bruder! Ach, Herr! Ach, seine Majestät!“ (Jer 22,18). Vermutlich haben die Trauernden mit diesen kurzen Weherufen auf die Traueraufrufe im Leichenlied geantwortet und die Bahre litaneiartig begleitet.48

Die beiden exemplarisch genannten Leichenklagelieder sind Ausdruck einer Ehrbezeugung edler Krieger.49 Aber wir werden hier noch mehr gelehrt. Wenn David nach jahrelanger Verfolgung durch Saul dessen Tod mit keinem Wort als gerechte Strafe deutet, sondern sie ehrt als verdiente „Helden“, kommt hier noch mehr als nur eine großmütige und humanitäre Haltung zum Ausdruck: Es ist die Vergebung, Davids Vergebungsbereitschaft. Nur mit ihr kann es echte Trauer geben.

In unseren bisherigen Überlegungen brachten Verwandte und Freunde ihre Trauer über geliebte Personen zum Ausdruck.50 Leichensängerinnen fassten in der Regel die Gefühle der Trauernden in Worte, zu dem diese in ihrem Schmerz nicht in der Lage waren. Es gibt in Israel aber auch das Klagelied bei den Propheten, das sie zur eindrucksvollen Unterstreichung ihrer Lehre verwenden, um dem Volk z.B. in seiner Verstocktheit ins Gewissen zu reden. Z.B. Amos klagt über das Nordeich (Am 5,2), Jeremia klagte voll Mitleid mit den Verblendeten (Jer 8,23), von Hesekiel gibt es das Klagelied auf den Untergang des Königshauses und des Volkes (Hes 19). Dieses prophetische Klagelied gehört nicht zu unserem Thema.

Formeln für Sterbeanzeigen

Das Alte Testament kennt zwei Formulierungen, die das Sterben und sein Resultat, das Gestorbensein, ausdrücken: Das „Versammeltwerden zu den Vorfahren“ (~yMi[;-la, ~sea'he) (ca. 10 Belege) und das „sich zu den Vätern legen“ (tAba'-~[i NN bk;v') (ca. 23 Belege). In den folgenden beiden Tabellen gebe ich von den Belegstellen eine Auswahl an.51

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allen ca. 10 Belegstellen für den Ausdruck "Versammeltwerden zu seinen Vorfahren"52 ist gemeinsam, dass es sich bei ihnen um Personen aus Israels Frühzeit handelt, um Ahnväter. Es drängt sich der Eindruck auf, dass diese Formel zu jenen Texten gehört, für die die Landverheißung zentral ist (vgl. Gen 17,7f). Dem Ausdruck selbst kann man das Anliegen entnehmen, dass der Verstorbene in die Gemeinschaft mit den Vorfahren eintreten möge, oder umgekehrt gesehen: Aus der Wendung kann eine Verheißung herausgehört werden.53 Das scheint dadurch noch betont zu sein, dass das Sterben zuvor extra angezeigt wird. Das "Versammeltwerden" weist über das Sterben hinaus. Es war innerstes Anliegen eines Israeliten, nach seinem Tod "in einen Verband der Vorfahren aufgenommen zu werden".54 Und es ist bezeichnend, dass das "Versammeltwerden" als passiver Vorgang beschrieben wird (@s;a' im Nif'al), was liegt näher, als hier ein passivum divinum zu sehen? Gott, der Schöpfer, versammelt die gestorbene Person.55

[...]


1 Freundesbrief 'die Apis', Steffen Kern, April 2019.

2 Böttrich. Die Vögel des Himmels, S. 12.

3 A.a.O., S. 11.

4 Nach Westermann (Genesis, S. 398) soll der Name Abel (lb,h, = Hauch, Nichtigkeit) die Vergänglichkeit und Begrenztheit des Menschen (Ps 39,6) verdeutlichen.

5 A.a.O., S. 33.

6 A.a.O., S. 35.

7 Dieser jüdische, außerbiblische Text erklärt also, wie es zur biblischen Erdbestattung kam.

8 Bräumer. WStB, Gen, S. 225.

9 Hirsch, Genesis, S. 360 in: Bräumer, WStB, Gen, S. 225.

10 Vgl. Kroeker. Patriarchen, S. 170.

11 Kroeker. Patriarchen, S. 168f.

12 Vgl. Mayer. Führungen, S. 67.

13 Nach dem Fall Jerusalems sitzen die trauernden Ältesten auf der Erde (Klgl 2,10), die Freunde Hiobs sitzen trauernd sieben Tage und sieben Nächte vor ihm (Hi 2,13). David schlief sogar auf der bloßen Erde, als er um das Leben seines Kindes fürchtete (2Sam 12,16).

14 Anderes Wort in Ps 90,3: aKD; = Zermalmtes, Staub.

15 Vgl. Wenning, Zenger. Tod und Bestattung, S. 288.

16 Bedeutet „Doppelhöhle“, wo man an zwei Höhlen übereinander oder an zwei Höhlen hintereinander zu denken hat. hl'Pek.M;h; tr;['m. : enthält lp;K' = verdoppeln und hr'[' = aushöhlen.

17 Kroeker. Patriarchen, S. 171.

18 Vgl. z. B. Wildberger. Jesaja, S. 557.

19 Lorenz. Bemerkungen, S. 230.

20 Vgl. Schneider, D. Jeremia, Wupp. St.-Bibel, S. 124.

21 Zenger. Israel und seine Toten, S. 134.

22 Das Thema, dass die Chronikbücher die Königsbücher als Vorlage verwenden und hier und da neu- bzw. andersbewertende Änderungen vornehmen, kann in dieser Arbeit jetzt nicht behandelt werden.

23 War Moses und Arons ältester Cousin.

24 d.h. Feuerstätte (lag beim Misttor in der Nähe des Ben-Hinnom-Tals), dort opferte man im Feuer Kinder dem Götzen Moloch [vgl. WStB, Jer, S. 109.192]

25 Korrektur des masoret. Textes im Apparat der BHS.

26 Zenger. Israel und seine Toten, S. 134.

27 Was das ist, bleibt offen.

28 Stattlich formuliert mit einer Figura etymologica.

29 Vgl. vom Orde. 2Samuel, WStB, S. 229.

30 Wenning. Bestattung (AT), S. 2.

31 Zenger. Israel und seine Toten, S. 136.

32 Zenger. Israel und seine Toten, S. 137.

33 Ausdrücklich wird der Erstgeborene zuerst genannt.

34 Vgl. Zenger. Israel und seine Toten, S. 136.

35 Ausdrücklich nennt der Erzähler hier nicht nur den Vater, sondern auch die Mutter! [Zenger. Israel und seine Toten, S. 136]

36 Zu den letzten Anweisungen Davids vor seinem Tod an Salomo gehört auch, dass auch die Söhne Barsillais bei Salomo am Tisch ihr Auskommen haben sollen (1Kön 2,7).

37 Dies lässt sich nach Zenger gut anhand von ensprechenden Formulierungen aus der Umwelt aufzeigen [Zenger. Israel und seine Toten, S. 137].

38 Zenger. Israel und seine Toten, S. 138. - Tobit begräbt seine Landsleute in der Verbannung in Assyrien (Tob 1,18; 2,4). Seinen Sohn Tobias bittet er, in dann zu begraben, „wie es sich geziemt“ (Tob 4,3). Tobias bestattet „in Ehren“ seine Eltern (Tob 14,11f). Vgl. auch Tob 6,15.

39 Tob 2,2.

40 Vgl. Lorenz. Bestattung, S. 22.

41 Vgl. Hardmeier. Totenklage, S. 1.

42 A.a.O., S. 2. - yAh als prophetische Leichenklage über das eigene Volk z.B. Micha 2,1.

43 Es hat eine ganz besondere dichterische Gestaltung. David singt es nicht in der Nähe der Leichen, sondern im philistäischen Feindesland [vgl. Jahnow. Leichenlied, S. 133].

44 Zuvor marschierten die Männer von Jabesch-Gilead (das Saul einst aus der Hand der Ammoniter gerettet hatte, 1Sam 11) während einer ganzen Nacht, um die Leichname von Saul und seinen Söhnen von der Mauer von Bet-Schan zu holen, und ehrten sie mit einem Begräbnis (1Sam 31,12f). Und David segnet die Bewohner von Jabesch für ihr würdigendes Tun für Saul (2S 2,4b-7). - Anmerkung: Die beiden Berichte wie Saul starb sind nicht einheitlich: Nach 1S 31,4 stürzt sich Saul selbst in sein Schwert, nach 2S 1,9f bittet Saul einen Amalekiter, ihm den Todesstoß zu geben. Letzteres sieht David dann als Verbrechen an, die Hand an den Gesalbten Gottes gelegt zu haben und lässt den Amalekiter umbringen (2S 1,14f). Die Diskrepanz der beiden Todesberichte könnte man damit übereinbringen, dass Saul nach dem versuchten Selbstmord doch noch lebte. - [Das Handeln des Amalekiters kann uns eine Warnung sein für den Umgang mit Geschwistern, die alle letztlich von Gott Gesalbte sind.]

45 Zu den Aufführungsorten von Klageliedern: David schritt hinter der Bahre her und singt dann sofort nach der Bestattung, wenn die Zeremonie zur Ruhe kam und er Gehör fand, sein Leichenlied. Bis zum Grabe klagten die Trauernden auf dem Wege. Einer zweiten Aufführungsart sind wir bei Abraham Gen 23,2 begegnet, der Klage im Trauerhaus (s. o. S.4), und eine dritte mögliche Art geht aus Koh 12,5c hervor: die Klage auf der Gasse (wobei, wie man aus neuerer Zeit von Palästina weiß, die Leiche draußen gebettet wurde). [vgl. Jahnow, Leichenlied, S.73]

46 Es fällt auf, dass David hier den Ruhm Abners scheinbar nicht erwähnt. Die Empörung über die hinterlistige, schmachvolle Ermordung Abners wallt noch in ihm. Genau dies bringt er in seiner Du-Anrede, als lebe er noch, zum Ausdruck. Das ist bestes Lob für ihn. [Vgl. Heinisch, Totenklage, S. 23]

47 Vgl. a.a.O., S. 7.

48 Vgl. Jahnow. Leichenlied, S. 73-77.

49 Vgl. vom Orde. 2Sam, WStB, S. 35.

50 Auch Sir 38,16f würdigt das Trauern und fordert dazu auf, in beschränkter Zeit.

51 Ich stütze mich dabei auf: Krüger. „zu den Vätern“, S. 138.141.

52 ~[; kann ebenso mit „Verwandten“ oder „Angehörigen“ wiedergegeben werden. [Gesenius Handwörterbuch17]

53 Vgl. Wenning. Bestattungen, S. 89.

54 Krüger. „zu den Vätern“, S. 139.

55 In Dtn 32,50 übersetzt Lu 1912 interessanterweise das Nif reflexiv, was durchaus möglich ist: „und [Aaron] sich zu seinem Volk versammelte“. Dann ist das Reflexiv übertragen zu verstehen, da ein Gestorbener selbst ja nicht mehr aktiv sein kann.

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Details

Titel
Vom Begräbnis im Alten Bund zur Auferstehungshoffnung im Neuen Testament. Ein biblischer Überblick mit Beifügungen aus dem Judentum
Veranstaltung
Fach Ethik Studiengang Theologie Masterkurs
Note
1,2
Autor
Jahr
2019
Seiten
30
Katalognummer
V998918
ISBN (eBook)
9783346372567
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentare Dozent: Gliederung klar, Material führt sinnvoll durch das Thema, große Anzahl Literatur mit guter Breite verarbeitet, alle relevanten Texte zum Thema zusammengestellt (teilweise in Tabellenform), häufig wird auf den hebräischen Text eingegangen, was dem Leser einen sehr soliden Einblick in die Frage von Trauer, Begräbnis und Auferstehungshoffnung im AT wie im NT vermittelt; Arbeit ist gut zu lesen, orthografisch vorbildlich. Deutlich wird gezeigt: Im AT ist stark die Trauer u. Begräbnis im Blick, im NT viel stärker die Auferstehungshoffnung, Bedeutung des Begräbnisses tritt zurück
Schlagworte
Altes Testament, Neues Testament, Begräbnis, Auferstehung, Judentum, Israel, Totenklage, Beerdigung, Trauer, Klageweiber, Klagefrauen
Arbeit zitieren
Friedemann Kuppler (Autor), 2019, Vom Begräbnis im Alten Bund zur Auferstehungshoffnung im Neuen Testament. Ein biblischer Überblick mit Beifügungen aus dem Judentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/998918

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