Arabische Interkomprehension. Die Methode der Sieben Siebe zur Erschließung arabischer Dialekte


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Sieben Siebe – Ein Überblick

3. Die Sieben Siebe in der Praxis
a. عند الطباخ, في المطعم (ʿand iṭ - ṭabbāḫ, fī l-maṭʿam) – Erschließung eines Textbeispiels im algerischen Dialekt
b. Übersetzung (frz.)

4. Bewertung und Kritik

5. Zusammenfassung – Chancen, Perspektiven, Ausblicke

6. Literaturverzeichnis und Internetquellen

Zur Transkription der arabischen Begriffe wurde die DMG-Umschrift verwendet. In abweichenden Einzelfällen, etwa bei abweichender Lautentsprechung in Dialekten, wurde die Kristen Brustad verwendete Umschrift aus ihrem Werk The Syntax of Spoken Arabic berufen.

1. Einleitung

Die Methode der Sieben Siebe zur schrittweisen Erschließung und Bestimmung von verschiedenen Sprachen und Dialekten ist in der vergleichenden Sprachwissenschaft ursprünglich aus der Didaktik der romanischen Sprachen (erste Erwähnung durch Horst G. Klein und Tilbert D. Stegmann 20001 ) bekannt und findet gleichermaßen stimmige Anwendung bei weiteren indoeuropäischen Sprachen und deren Lehrweisen, etwa bei den germanischen (Hufeisen und Marx 2007) und slavischen Sprachen (Tafel 2009).

Im Folgenden möchte ich mich, anhand einer ausführlichen Textanalyse, der Frage widmen, ob diese für indoeuropäische Sprachfamilien konzipierte Methode auf andere Sprachfamilien übertragbar - nämlich innerhalb der semitischen Sprachfamilie zur Bestimmung verschiedener arabischer Dialekte - und überhaupt sinnvoll ist, welche Vor- und Nachteile diese Herangehensweise mit sich führen kann und schließlich, welche weitreichenden Perspektiven und Chancen aus ihr hervorgehen können.

2. Die Sieben Siebe in der Theorie – Ein Überblick

Bevor ich mich den Sieben Sieben in der Praxis widme, möchte ich einen knappen Überblick über die einzelnen Siebe und deren Inhalte und Ziele (im arabischen Kontext).

Sieb 1: Internationalismen und Panarabismen

Unter Internationalismen fallen jene Wörter, deren Ursprung nicht im Arabischen bzw. Semitischen liegen, sondern in weiteren, zumeist europäischen Sprachen wie etwa Englisch und Französisch und durch Bekanntheit ad hoc zu erkennen und zu verstehen sind (z.B.: „ كمبيوتر “ (kumbiyūtir) für Computer). Panarabismen bezeichnen diejenigen Wörter, die im gesamten Kanon der arabischen Dialekte und der darüber hinaus arabisch-islamisch-orientierten Kulturen und Sprachen, existieren (z.B.: Ar.: „ كتاب “ (kitāb), Persisch: „ كتاب “ (ketāb), türkisch: kitap für Buch).

Sieb 2: Funktionswörter

Hierunter fallen fast ausschließlich Präpositionen, welche allgemein oft interdialektal übereinstimmen und schnell erkennbar sind, teilweise jedoch als schwieriger durchschauende Ellisionen fungieren (z. B.: „ اشحال “ (š ḥāl) (s. Sieb 7)).

Sieb 3: Lautentsprechungen

Diese dialektalen Wörter unterscheiden sich lediglich in ihrer Aussprache von ihrem Äquivalent im Hocharabischen und fallen in dieses Sieb, da sie phonetisch transkribiert werden, z. B.: ägyptisch „ اتنان “ (itn ēn) statt Hocharabisch „ اثنان “ (i ṯnān).

Sieb 4: Aussprache und Graphien

Dies beinhaltet jene Begriffe, deren Divergenz zum Hocharabischen, anders als in Sieb 3, nicht schriftlich markiert ist, sondern in der Aussprache liegt. So können sich etwa ein Ägyptisches „ قلت له “ und ein Hocharabisches „ قلت له “ stark unterscheiden: ultílū2 vs . qultu lahu.

Sieb 5: Syntax

Dieses Sieb bezeichnet Satzkonstruktionen, die sich je nach Sprache oder Dialekt unterscheiden, obgleich sie semantisch identisch sind. Ein auffälliges Beispiel ist etwa der sehr unterschiedlich realisierte Ausdruck „ich will“: Hocharabisch „ أنا أريد “ (anā urīdu) (Verb), Levantinisch: „ بدي “ (biddī) (Nominalkonstruktion), Ägyptisch: „ أنا عايز “ (anā ʿāyiz) (Partizip), Marokkanisch: „ بغيت “ (bġīt) (Verb im Perfekt).

Sieb 6: Morphosyntax

In diesem Schritt werden die kleinsten Bestandteile der einzelnen Wörter, die Morpheme, untersucht. Diese sind besonders in der Flektion von Verben sichtbar und bedeutungsunterscheidend; so etwa das maghrebinische „ ن “, welches die 1. Person Singular im Imperfekt bezeichnet, z. B. „ نكتب “ (niktib) – „ich schreibe“.

Sieb 7: Radikalanalyse

Dies bezeichnet sehr wohl eine radikale Analyse der Radikale selbst. Dieser letzte, ursprünglich im germanischen, romanischen und slavischen Kontext als Sieb zur Analyse von Prä- und Suffixen genutzte, Schritt ist aufgrund der Inexistenz solcher Silben im arabischen Kontext nicht vonnöten und wird in dieser Arbeit erstmals durch einen Schritt zur Analyse der Wurzelstrukturen ersetzt. Somit werden verwandte Wörter gesucht bzw. der unbekannte Begriff in ein Muster gesetzt, welches die semantische Erschließung erheblich vereinfachen könnte.

Wörter, die nach Anwendung dieser sieben Siebe immer noch nicht zu verstehen sind, müssen schlussendlich nachgeschlagen werden.

3. Die Sieben Siebe in der Praxis

Wie eingangs erwähnt, ist die von den Romanisten Horst G. Klein, Tilbert D. Stegmann u. a. entwickelte Methode der Sieben Siebe ein Konzept zur Erschließung miteinander verwandter Sprachen und Dialekte, um die Interkomprehension unter Sprechern verschiedener Sprachen und Dialekte innerhalb einer Sprachfamilie zu vereinfachen. Die einzelnen Schritte und Strategien zur Texterschließung sind insofern, als dass die romanischen Sprachen zur umfangreicheren indoeuropäischen Sprachfamilie gehören, ebenso auf weitere Sprachzweige dieser Sprachfamilie und deren Einzelsprachen und Dialekte anwendbar, etwa bzw. v. a. den germanischen und slavischen Sprachen.

Eine Übertragung dieser Methode zur Erschließung von Sprachen und Dialekten fernab der indoeuropäischen Sprachfamilie ist wissenschaftlich noch nicht erfolgt. In diesem Sinne möchte ich mich in diesem Teil anhand eines dialektalen Textbeispiels aus Algerien der praktischen Anwendung der Sieben Siebe widmen und diese auf den folgenden Dialog anwenden.

a)

عند الطباخ، في المطعم 1
جوزوا سي عبد القادر. اشحال انتما؟ 2
احنا اربعة . ماذا بنا على طابلة حذا الطاقة مقابلة البحر 3
ما عليه سيدي .هاهي طابلة سوالمة. تفضلوا ريحوا. هاهي الرشاقة. علقوا فيها الحوايج كالبرنوس والخيزرانة 4
وين راه اللافابو نغسل يدي؟ 5

هاهو لهيه على اليمنى. الما سخون وبارد.3 6

1 ʿ and iṭ - ṭabbāḫ, fī l-maṭʿam
2 Jawzū sī ʿabd el-qādir. Šḥāl intumā?
3 Iḥnā rbāʿ. mādā binā ʿalā tabla ḥzā ṭ-ṭāqa mqablat el-baḥr.
4 Mā ʿaley sīdī. Hāhīya ṭabla swālma. tfaḍḍlū rayḥū. Hāhīya r-rišāqa. ʿAlqū fīhā l-ḥwāyij ka-l-burnūs w-l-ḫizrāna.
5 Wēn rāh el-lāfābū niġsil yidīya?
6 Hāhūwa lhīh ʿala l-yamnā. El-mā sḫūn w-bārid. 4

Legende

Einem/r Sprecher/in des Hocharabischen verständlich

Sprecher(inne)n bestimmter nicht-arabischer oder nicht-semitischer Sprachen bekannt bzw. verständlich (meist Englisch oder Französisch)

Noch nicht erschlossen

Wortschatz – Internationalismen und panarabisches Vokabular (Sieb 1):

Ohne Vorkenntnisse über den algerischen Dialekt ist der obige Dialog mehrheitlich verständlich. So sind etwa einige dialektale Eigenheiten gegeben, die allerdings keine semantische Schwierigkeit darstellen: Etwa „ على اليمنى “ (ʿ alā l-yamnā) anstatt von “على اليمين“ (ʿ alā l-yamīn), die Präposition „ حذو “ (ḥa ḏ wa)5, die im Algerischen „ حذا “ (ḥzā) lautet, aber trotz geringer Produktivität und engeren Bedeutungsspektrums6 im Hocharabischen dennoch gleich erkennbar und verständlich ist, oder das allgemein im gesprochenen Arabisch wegfallende Hamza in Endstellung, hier: „ الما “ (al-mā) statt „الماء“ (al-mā ‘). Ein Ausdruck wie etwa „ رشاقة “ (rišāqa) ist im Hocharabischen zwar existent, wird jedoch anderweitig übersetzt (s. Sieb 7) und daher im Folgenden als „nicht erschlossen“ markiert. Eine weitere Eigenheit des Algerischen, die durch den Kontext sofort verständlich ist, aber dennoch zu Verwirrung führen kann, ist das hocharabisch im Dual stehende „ انتما “ (intumā) (Z.2), welches im vorliegenden Dialekt nebst „ انتم “ (intum) als 2. Person Plural verwendet wird.7

In diesem Beispieldialog ist lediglich ein Fremdwort8 vorhanden: „ اللافابو “ (al-lāfābū) vom ursprünglich französischen „lavabo“ abstammend, welches mindestens für Sprecher(innen) maghrebinischen Ursprungs ad hoc verständlich ist.

Funktionswörter (Sieb 2):

عند الطباخ , في المطعم 1
جوزوا سي عبد القادر. اشحال انتما؟ 2
احنا اربعة . ماذا بنا على طابلة حذا الطاقة مقابلة البحر 3
ما عليه سيدي .هاهي طابلة سوالمة. تفضلوا ريحوا. هاهي الرشاقة. علقوا فيها الحوايج كالبرنوس والخيزرانة 4
وين راه اللافابو نغسل يدي؟ 5
هوهي لهيه على اليمنى. الما سخون وبارد. 6

Legende

Sprecher(inne)n des Hocharabischen verständlich

Sprecher(inne)n bestimmter nicht-arabischer oder nicht-semitischer Sprachen bekannt bzw. verständlich (meist Englisch oder Französisch)

Sprecher(inne)n nicht unmittelbar verwandter Dialekte bekannt bzw. verständlich

Noch nicht erschlossen, ohne Weiteres unverständlich

Die einzigen Funktionswörter, die, zumindest schriftlich, keinem f uṣḥā -Äquivalent entsprechen, sind „ اشحال “ (šḥāl), „ احنا “ (iḥnā) und „وين“(wīn oder wēn), wobei die letzteren beiden dem hocharabischen „أين“ (ayna) bzw. „ نحن “ (naḥnu) naheliegen und ebenfalls in anderen Dialekten, wie etwa dem Syrischen oder Ägyptischen, vorherrschen. „ اشحال “ (šḥāl ) ist von den benachbarten Dialekten des Algerischen abgesehen unbekannt und wird erst in einem späteren Schritt erschlossen werden können (s. Sieb 7).

Der Ausdruck „ ريحوا “ (rayḥū) ist analog zur voranstehenden Form „ تفضلوا “ (tafaḍḍalū) (beide Z. 5), sowie zum anfänglichen „ جوزوا “ (ǧawzū) (Z. 2), als Höflichkeitsform im Imperativ Plural maskulin zu verstehen, die auf das schwache Verb „ راح, يريح “ (rāḥa, yarīḥu) (am Abend gehen, gehen, sich wegbegeben9 ) zurückgeht, welches in der Mehrheit der arabischen Dialekte alltäglichen Gebrauch findet, jedoch in der Hochsprache selten verwendet wird. Somit könnte „ ريحوا “ im Grunde genommen von einem/r Sprecher/in eines jeden Dialektes zu verstehen sein, allerdings zeigt der Kontext, dass in diesem Fall „gehen“ nicht die sinngemäße Übersetzung sein kann. In der untenstehenden Übersetzung von Larbi Dziri wird der Ausdruck als s‘asseoir (Z. 4) (sich setzen) widergegeben . Ein solches Ergebnis ist durch die Siebe nicht zu erhalten.

Lautentsprechungen (Sieb 3):

Unter dieses Sieb fallen jene Worte, deren Unterschiede zur fuṣḥ ā -Version lediglich in der Aussprache liegen, und diese, im Gegensatz zu den Beispielen in Sieb 4, bereits in der Schrift markiert wurden. Zu erwähnen wäre hier z. B. das oben erläuterte „ وين “ (wīn/ wēn) (Z. 5) mit einer Lautentsprechung bzw. -verschiebung von „ أي “ (ay) auf „ وي “ (wī/wē), oder etwa „ طابلة “ (ṭ ābl a) (Z. 3, 4), bei welchem eine Lautverschiebung von „ و “ zu „ ب “ erfolgte (Hocharabisch: “ طاولة “ (ṭāwila). Des Weiteren kann hierbei auf Sieb 1 zurückgegriffen werden, da „ طابلة “ dem französischen Äquivalent für „Tisch“ – table – phonetisch naheliegt und, zwar nicht als Internationalismus bezeichnet, aber dennoch erkannt und verstanden werden kann.

Aussprache und Graphien (Sieb 4):

Würde der obige Dialog auditiv vorliegen, würde eine Kategorisierung dessen als maghrebinischer Dialekt zweifellos schnell erfolgen. Ein typisches Merkmal bei der Aussprache ist das mehrheitliche Fehlen von Kurzvokalen, da diese in den maghrebinischen Dialekten zumeist als Sukūn realisiert werden, so etwa beim Ausdruck „ تفضلوا “ (tfaḍḍlū) im Gegensatz zur fuṣḥā -Variante tafaḍḍalū. Des Weiteren kann sich ebenfalls die Betonung eines Wortes oder einer Konstruktion vom Hocharabischen unterscheiden: So verschiebt sich z. B. die Betonung in „اربعة“ (árbaʿa)10 durch das vorangestellte „احنا“ (íḥnā) (Z. 3), dessen letzter Laut, so wie der erste von „اربعة“, ein Vokal ist, auf die letzte Silbe: Aus „ íḥnā árbaʿa “ (bzw. eigentlich „ náḥnu árbaʿa “) wird folglich „ iḥnarbāʿ “.

[...]


1 http://eurocomgerm.de/ (25.09.19, 13:55 Uhr)

2 Der Akzent bezeichnet die betonte Silbe

3 Dziri 1970, Band IV, S. 14

4 Eigen erstellte Transliteration anhand der DMG-Umschrift (https://de.wikipedia.org/wiki/DIN_31635)

5 https://archive.org/details/Dict_Wehr.pdf/page/n181 (11.10.2019, 13:44 Uhr)

6 Im Vergleich zu „ حذو “ sind für „ حذا “ im Algerischen folgende Übersetzungen möglich: https://glosbe.com/arq/en/%D8%AD%D8%B0%D8%A7 (11.10.2019, 13:53 Uhr)

7 https://orta.pagesperso-orange.fr/arabe/grammaire/dico-grammaire.htm (10.10.19, 00:36 Uhr)

8 Also ein Wort des nicht arabisch-semitischen Ursprungs

9 Wehr 1985, S. 506

10 Der Akzent bezeichnet die betonte Silbe.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Arabische Interkomprehension. Die Methode der Sieben Siebe zur Erschließung arabischer Dialekte
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Professur für Arabistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V999781
ISBN (eBook)
9783346371560
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkomprehension, arabische Dialekte, Sieben Siebe, Algerisch, Linguistik, Methoden, Übersetzung
Arbeit zitieren
Stanley Kochem (Autor), 2020, Arabische Interkomprehension. Die Methode der Sieben Siebe zur Erschließung arabischer Dialekte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/999781

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