Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS ...................................................................................................... 1
1. EINLEITUNG 2
1.1 WISSENSCHAFTLICHER ANSATZ PIERRE BOURDIEUS 3
1.2 AUFBAU DES INTERVIEWS 4
2. DEFINITION KONFLIKT 7
2.1 DER SOZIALE KONFLIKT 8
2.2 EINTEILUNG IN KONFLIKTARTEN 9
3. DEFINITION GETTO 12
4. SUBSYSTEM GETTO BINNENSICHT SOZIALER RAUM 14
4.1 VON MACHT UND HERRSCHAFT 17
4.2 GRUPPE VERSUS INDIVIDUUM 18
4.3. VERSCHWÖHRUNGSTHEORIE 19
5. GHETTO VERSUS GESAMTGESELLSCHAFT 21
6.FAZIT................................................................................................................................... 24 24
2
1. Einleitung
Pierre Bourdieu begreift sein Buch als politischen Akt besonderer Art, der darin besteht,
durch die Veröffentlichung jenes an die Öffentlichkeit zu bringen, was dort normalerweise
keinen Zugang hat, zumindest nicht in dieser Form. 1 Obwohl er in seinem Buch das Elend der Welt den Zustand der französischen Gesellschaft Anfang der 90iger Jahre des letzten
Jahrhunderts, mit all ihrer Zerrissenheit und Konflikten widerspiegelt, wird der Begriff des
Konfliktes nicht mehr als 10 mal auf 838 Seiten benutzt. Wieviel Konfliktpotential in dem
Buch beschrieben wird, soll exemplarisch am Textabschnitt „Ortseffekte“ erarbeitet werden.
Dieser ist der einzige, der nicht einen Zustand in der Französischen Gesellschaft wider gibt,
sondern von dem Chicagoer Ghetto handelt. Der Textauszug ist besonders wertvoll, da er die
problematische Seite der Gesellschaft in ihrer extremsten Ausdrucksform demonstriert.
Der Textabschnitt selbst ist in vier Abschnitte gegliedert: einer Analyse des Chicagoer
Ghettos und einem Interview mit einem Bewohner des Ghettos, der sein Lebensunterhalt als
„hustler“ verdient. Das Verb hustle bezeichnet Aktivitäten, die den Einsatz einer bestimmten
Art symbolischen Kapitals erfordern, nämlich die Fähigkeit, andere zu manipulieren, sie zu
täuschen und bei Bedarf, zum Erzielen eines unmittelbaren finanziellen Vorteils, neben List
und Charme auch Gewalt einzusetzen. Typische hustler Tätigkeiten sind: Hehlerei, Wetten,
Glücksspiel, Plünderung, Diebstähle, Zuhälterei, Erpressung, Mord 2 .Diese beiden Teile wurden von Loic J.D. Wacquant verfaßt, ebenso der Abschnitt über Amerika als verkehrte
Utopie. Vorab stellt Pierre Bourdieu seinen Sozial Raum vor. Da Loic J.D. Wacquant
Mitarbeiter von Bourdieu ist und seinen wissenschaftlichen Ansatz folgt, soll in der folgenden
Arbeit nur mit dem Namen Bourdieu gearbeitet werden.
Zunächst soll diskutiert werden, welchen theoretischen Ansatz Bourdieu hat und inwieweit
dieser in dem Interview erfolgreich umgesetzt wurde.
Der Textauszug selbst wird auf drei Dinge hin untersucht. Erstens wird das vorhandene
Konfliktpotential innerhalb des Textes möglichst systematisch untersucht. Es soll
herausgestellt werden, in welchen konfliktreichen Umfeld der Interviewte lebt. Dazu werden
Konflikte genannt und in Kategorien der Konflikttheorie eingeordnet. Dadurch soll ein
Bewußtsein für den Umfang des Konfliktpotentials geschaffen werden. Der Schwerpunkt liegt
dabei in der Ausdifferenzierung zwischen Mikro- und Makrokonflikten.
Im nächsten Abschnitt wird das Ghetto selbst dargestellt. Das Subsytem Ghetto soll definiert
werden, seine S trukturen analysiert werden. Nicht nur eine Zustandsbeschreibung erfolgt hier;
1 Vergl.: Bourdieu 1997; S. 800
2 Vergl. Bourdieu; S. 179f
3
ebenso wird eine Entwicklung aufgezeigt, veränderte Gesellschaftsstrukturen und Machtverhältnisse kommen zur Sprache.
Danach wird das Ghetto in den Kontext der Gesamtgesellschaft gesetzt: Das Ghetto als
Repräsentant gesamtgesellschaftlicher Strukturen, der Rückzug des Staates, die Atomisierung der Gesellschaft. Weiterhin soll versucht werden.
Die Sprache der Arbeit ist gefüllt mit militärischen Ausdrücken, wie Kampf und Krieg. Bei der Wortwahl ging es nicht um eine versuchte Meinungsäußerung, sondern darum die analysierten Situationen punktgenau und in ihrer Brisanz herauszu arbeiten. Dabei soll
vermittelt werden, warum Bourdieu auf den Begriff des Konfliktes verzichtet. Die vorliegende Arbeit wird zeigen, dass der Konflikt deutlich gekennzeichnet ist, so dass auf eine
explizite Nennung verzichtet werden kann.
1.1 Wissenschaftlicher Ansatz Pierre Bourdieus
Mit der Anweisung Spinozas „Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen,
sondern verstehen“ 3 , läßt sich die Intention des Soziologen Pierre Bourdieu am besten beschreiben.
Der Autor als theoretischer und empirischer Sozialforscher schafft es in seinen Werken
Theorie und Empirie zu verbinden. Durch sein beobachtendes Auge schafft er es, zu seinem Erkenntisobjekt die nötige, teilweise scheinbar zu große, Distanz zu schaffen. Die Interviews in dem Buch Elend der Welt sind Momentaufnahmen einzelner Individuen,
verstrickt in ihrer Lebenswelt. Pierre Bourdieu und seinen Coautoren geht es nun darum, sich gedanklich an den Ort zu versetzen, den der Befragte im Sozialraum einnimmt, um ihn von
diesem Punkt aus zu begreifen. Weiterhin soll eine Einsicht in die Existenzbedingungen und gesellschaftlichen Mechanismen, deren Wirkungen alle Mitglieder seiner Kategorie betreffen,
vermittelt werden 4 . Dies geschieht neutral und ohne Lösungsmodelle. Diese werden in extra Kapiteln, wie Die Abdankung des Staates, angerissen. Bourdieu zeichnet hier seine Meinung,
dass der Staat sich wieder einmische, deutlich auf 5 .
Bourdieu geht es um die Einheit von Verstehen und Erklären. Es sollen möglichst unbeeinflußte Interviews erarbeitet werden, um die authentische Lage im Sozialen Raum zu erhalten. Ebenso gilt es, die Verzerrungen innerhalb eines Interviews auf Grund der
bestehenden sozialen Beziehungen, zwischen den Interviewpartnern, zu erkennen und zu kontrollieren; dies geschieht indem die Praxis reflektiert und methodisch sein kann ohne die
3 Bourdieu 1997; S.13.
4 Vergl.: Bourdieu 1997; S.786
5 Vergl.: Bourdieu 1997; S.215
4
Anwendung einer Methode oder die praktische Umsetzung e iner theoretischen Reflexion zu
sein. Dabei soll auch die Zensur die sich der Interviewte selbst auferlegt begriffen werden.
Welche Beweggründe hat er z. B. um Dinge nicht zu sagen und andere zu betonen.
Die Interviews sind knapp aber sehr präzise analysiert. Es erfolgt eine sachliche Erklärung des
Sozialen Raumes, in dem der Interviewte stellvertretend für eine Kategorie der Sozialwelt
steht. Der Leser ist durch die Analyse angehalten sich in den Sozialem Raum des Interviewten
zu versetzten, um dann, durch das Interview selbst, zu verstehen. Dabei ist es notwendig, sich
als Leser auf eine Ebene mit dem Interviewten zu begeben, der Leser selbst kann nur dann
verstehen, wenn er versucht sich im Sozialen Raum des Anderen zurechtzufinden und sich
das Fremde z ueigen zu machen. Denn nur was das Individuum sich zueigen macht, kann es
verstehen und akzeptieren.
1.2 Aufbau des Interviews
Das Interview im Textauszug „Ortseffekte“ ist eine Momentaufnahme von mehreren langen
Interviews. Es ist nicht erkennbar, um welche Sequenz es sich hier handelt. Da es mit der
Kindheit des Interviewten beginnt, ist es an den Anfang einzusortieren. Weiterhin macht das
Interview an sich einen geschlossenen Eindruck, insofern ist es fraglich, ob Sequenzen fehlen.
Ein standardisiertes Interview liegt nicht vor, ganz nach dem wissenschaftlichen Ansatz
Bourdieus 6 . Wir finden ein weiches Interview vor, in dem versucht, wird ein symbiotisches und sympathisches Vertrauensverhältnis mit dem Interviewten aufzubauen. Auf Grund der
intimen Antworten des Interviewten kann der Ansatz als gelungen betrachtet werden. Trotz
Vertrauensverhältnis vermittelt das Interview den Eindruck, als wenn dem Interviewer, als
einem Außenstehenden, das Leben im Ghetto erklärt wird. Dies liegt auf der einen Seite an
der Art der Fragen; wie z. B.: „Erzähl mir ein bißchen darüber, was in deinem Viertel hart
war“; auf der anderen Seite in der persönlichen Distanz zwischen den Interviewpartnern 7 . Der Interviewer lenkt das Interview und bekommt auf all seine Fragen eine Antwort.
Der Interviewte (im folgenden auch Rickey genannt) spricht überwiegend in ganzen Sätzen,
die er im Ghettoslang mit Floskeln, wie „men“ oder „you know“, spickt. In manchen
Antworten bricht er mitten im Satz ab. Es folgt ein Gedankensprung, teilweise wohl um sich
selbst zu zensieren 8 oder das zu erzählen, was er für besonders relevant hält.
Beschrieben wird der tägliche Kampf im Ghetto, welches einem Kriegsschauplatz ähnelt. Es
ist von Mord, Vergewaltigung, Kriminalität und Kugeln, die durch die Luft fliegen, die Rede.
6 Vergl.; Bourdieu; S. 780ff.
7 Der Interviewer ist zwar mit dem Bruder bekannt, aber nicht mit dem Interviewten selbst. (Bourdieu, S.179)
5
Der im Buch abgedruckte Auszug beginnt mit der Kindheit des Interviewten. Er setzt dabei
absolute Armut mit hungern gleich. Er und seine Familie selbst waren zwar arm, hatten aber
immer, wenn auch nicht reichlich, zu essen. Rickey sehnt sich nach seiner Kindheit zurück,
da diese nicht so hart gewesen sei. Sein Überlebenskampf heute ist viel elementarer, nur noch
das Geld zählt. Ständig ist er in ungesicherten Lebensverhältnissen. Nichts ist geregelt,
morgen kann alles anders sein, morgen kann er tot sein. Er spricht davon, dass sich die Leute
verändern, dass Freundschaften nur noch auf materieller Basis bestehen und macht dafür
Drogen verantwortlich. Er spricht von seiner eigenen Individualisierung, er würde sich um
sich kümmern und seine Sachen allein machen, „ the lonely wolf“ 9 . Rickey hält sich in einer Umgebung von Kriminalität, Gewalt und Mord auf; ständig muss er auf der Hut sein,
niemanden in die Quere kommen, sich selbst von den anderen abgrenzen und dennoch in
seiner Sozialstruktur leben. Hier wird der Dualismus zwischen Abgrenzung und Integration
deutlich. Ständig muss er aufmerksam sein und sich selbst verteidigen, demnach steht er unter
Dauerstreß.
Der Interviewte spricht über Auftragsmorde, dass der Grund für die immense Gewalt
minderjährige Mütter seien, häufig drogenabhängig, die ihre Kinder nicht erziehen können.
Um aus den eigenen Zuständen herauszukommen, versuchen die Y oungster durch Mord und
Gewalt Geld zu verdienen. Dabei bemerken diese nicht, dass sie selbst jenes verkörpern,
wovor sie aus dem Ghetto flüchten wollen. Die Verhältnismäßigkeit ist weitgehend abhanden
gekommen. So werden aus jugendlichen Schlägereien Bandenkriege, die in Morden enden.
Rickey versucht, solche Probleme individuell zu lösen. Er beschäftigt sich mit dem Einzelnen,
da er die Ursache der Gewalt im Individuum sieht, zumal er keine Gang hinter sich stehen hat.
„Du mußt die Ursache der Gewalt aus dem Weg schaffen, sonst stirbst du.“ 10 Er bezeichnet sich als Rebell, als jemand der nicht mitläuft, wie andere. Er rebelliert dabei
nicht gegen das System Ghetto, da er dieses durch seine Art um das Überleben zu kämpfen,
seine Kleinkriminalität, unterstützt; jedoch rebelliert er gegen die aktuelle soziale Struktur
sich zu Gangs zusammenzuschließen. Rickey liebt das Leben, da er lieber in den Strafvollzug
gehen möchte, als in den Tod. Obwohl er von seinen Diebstählen berichtet, behauptet er von
sich, niemandem etwas wegzunehmen, und verlangt von anderen, ihn genauso zu behandeln.
Er beschreibt sich als hyperaktiv, was bei seinen Lebensumständen nicht verwunderlich ist,
fühlt sich aber in sich gefangen, da er keine Arbeitsstelle annehmen kann. Er entschuldigt
seine Arbeitslosigkeit vor sich und anderen mit seiner Hyperaktivität, begegnet ihr aber mit
8 Bourdieu 1997; S.194: ...Eine Menge Sachen sind an mir vorbeigegangen, aber das hab‘ ich nicht richtig gesehen, also,
vielleicht seh‘ ich das jetzt, aber ich bin nicht, weist du....damals konnte ich das nicht sehen...“
9 Vergl. Dazu Abschnitt 5
10 Bourdieu 1997; S.197
6
Passivität. Für ihn ist es wichtig Geld zu haben, von dem er leben kann und nicht immer
dasselbe tun zu müssen. Diese Art von Arbeit kann auch außerhalb der legalen Ökonomie
ablaufen.
Ein zwiespältiges Verhältnis weist Rickey zur legalen Arbeit auf. Erstmal stellt er fest, wie
niedrig die Chancen für Ghettobewohner sind, einen Arbeitsplatz in der legalen Ökonomie zu
finden. Er bewundert die Freunde, die dies geschafft haben und ihren Lebensunterhalt
bestreiten können. Gleichzeitig wertet er die legale Arbeit ab, da sie schlecht bezahlt wird und
auf der Straße besser verdient wird.- Wer arbeitet schon für den Mindestlohn? 11 Heiraten wolle er nicht. Die Scheu, Verantwortung zu übernehmen läßt sich unter anderem
durch die Unsicherheit des eigenen Lebens erklären. Mit der Finanzierung seines Lebens und
mit sich selbst ist er ausgelastet. Dazu kommt, daß die Wahrscheinlichkeit, morgen noch zu
leben, nicht wesentlich höher ist als an der Front während des Vietnamkrieges 12 .
Die schnelle Abwärtsbewegung des Ghettos, die der Interviewte seit 6 Jahren beobachtet,
wird durch die massive Verbreitung von Drogen erklärt. Rickey spricht von der
Verschwörungstheorie 13 , davon dass „brother“ gegen „brother“ kämpft. Ebenso stellt er fest, dass wenn es einem Ghettobewohner gelänge, viel Geld zu erhalten, nicht das
Akkumulationsprinzip angewendet wird, sondern das Kapital postwendend in den
Wirtschaftskreislauf zurückgeführt wird.
Rickey hat keine Zukunft, kein Ziel. Wenn das eine nicht klappt, dann würde er das andere
machen. Bis jetzt habe er Glück gehabt, überlebt zu haben und nicht geschnappt worden zu
sein. Der Interviewte hat in dem Interview seine Chancenlosigkeit beschrieben, die durch die
äußeren Verhältnisse wie auch durch das Individuum selbst begründet sind. Das Individuum
befindet sich demnach entfremdet in seiner Umgebung gefangen.
Die Technik des Interviews war insofern erfolgreich, dass der Leser die soziale Problematik
und das Konfliktpotential des Ghettos erfährt. Das tiefere Bewußtsein wird dennoch erst
durch die vorangestellte Analyse hervorgerufen. Um das Potential differenzierter betrachten
zu können, wird im nächsten Abschnitt der Konflikt an sich erläutert.
11 „A study done in Philadelphia by the Philadelphia Unemployment Project discovered that Mac Donald’s was paying inner-city workers an average of one dollar less per hour than their suburban counterparts: $3.82 versus $4.82.“ (Lusane 1991; S.49)
12 Untersuchungen haben festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Todes z.B. bei jungen Männern in Harlem höher liegt als bei den Soldaten, die während des Höhepunktes des Vietrnamkrieges an die Front geschickt wurden.
(Vergl. PB, S. 188f.)
13 Vergl. Abschnitt 4.3.
7
2. Definition Konflikt
Der Konflikt (lat.: zusammenschlagen, zusammenprallen) wird im alltäglichen Umgang als
Streit zwischen mindestens zwei Parteien erlebt. Er ist mit negativen Assoziationen
verbunden, die auf Grund der lateinischen Übersetzung nachvollziehbar sind. Weiterhin wird
in vielen Situationen unseres westlichen Kulturkreises die Vermeidung von K onflikten
angestrebt. Da Konflikte jedoch vorhanden sind und uns ständig in unserem alltäglichen
Leben umgeben, stellt sich die Frage nach dem Sinn: Sind Konflikte notwendig für die
Weiterentwicklung von Individuum, Gruppe oder Organisation? Schwarz sieht den Sinn von
Konflikten im Zulassen und Bearbeiten von Unterschieden und ihrer Überwindung; zur
Bildung einer Einheit 14 . Hier werden wichtig Aspekte genannt: Das Zulassen als das Erkennen und Akzeptieren von Unterschieden. Die Akzeptanz des Fremden. Bei dieser
Definition des Sinns von Konflikten, geht es nicht um eine Gleichmacherei oder
Gleichschaltung, also um das Ausradieren des jeweils Fremden, sondern vielmehr um das
Bemühen einen Konsens zu finden, mit dem das Andere verstanden werden kann und ein
Zusammenleben ermöglicht wird.
Die Entstehung neuer Problemlagen und neuer gesellschaftlicher Konfliktlinien wird als
Folge technologischen Wandels und sozialer Differenzierung beschrieben und in ihrer
ambivalenten Bedeutung für die Gesellschaft dargestellt 15 . Konflikte bilden einerseits eine potentielle Gefahr für den innergesellschaftlichen Frieden, werden aber andererseits als
Chance gesehen, eine Gesellschaft weiter zu entwickeln. Es kann davon ausgegangen werden,
dass in Zuständen des Friedens oder des nicht vorhandenen Konfliktes selten
Auseinandersetzungen und Weiterentwicklungen stattfinden, bzw. dass diese gar nicht
stattfinden. Viele Theoretiker sehen den Konflikt als einzige Möglichkeit und demnach als
Notwendigkeit der Veränderung. Daraus folgt, dass er nicht nur negativ, sondern auch positiv
zu sehen ist.
Für diese Hausarbeit soll der Konflikt, als ein interaktives Geschehen, das über Prozesse der
Wahrnehmung und Interpretation zur Generierung neuer Verhaltensnormen und
Handlungsbereitschaften beiträgt, definiert werden.
14 Schwarz; S.18
15 Eckert; S.17
8
2.1 Der soziale Konflikt
Soziale Konflikte sind Interessengegensätze und daraus folgende Auseinandersetzungen verschiedener Intensität und Gewaltsamkeit zwischen einzelnen Personen, Gruppen aber auch Organisationen, Gesellschaften und Staaten. Inhalte von Konflikten können sein: Differenzen
über Werte, Lebensziele, Status-, Macht- oder Verteilungsverhältnisse knapper Güter. 16
Anders gesagt, ein sozialer Konflikt ist:
„eine Interaktion
- zwischen Aktoren (Individuen, Gruppen, Organisationen usw.)
- wobei wenigstens ein Aktor
- Unvereinbarkeiten Im Denken/ Vorstellungen/ Wahrnehmen Und /oder Fühlen Und/oder Wollen
- mit dem anderen Aktor (anderen Aktoren) in der Art erlebt,
- dass im Realisieren eine Beeinträchtigung
- durch einen anderen Aktor (die anderen Aktoren) erfolge 17 “
Es werden zwei Konfliktebenen unterschieden:
Einerseits i ntrapersonelle Konflikte, hier spielt sich die Spannung im Individuum selbst ab. Als Parteien stehen sich hier Tendenzen im Menschen oder Abforderungen an den Menschen gegenüber. Andererseits interpersonelle Konflikte, sie können weiter in Konflikte auf Gruppen-, Organisations-, oder Gesellschaftsebene differenziert werden. Ob ein sozialer Konflikt mit Nachdruck ausgetragen wird, hängt im wesentlichen von der Bereitschaft der Parteien ab, sich zu streiten. Diese Bereitschaft ist bei jedem Individuum unterschiedlich stark ausgeprägt. Der Eintritt in den Konflikt ist etwas anderes als die Neigung zum Konfliktaustragen. So besteht die Möglichkeit des latenten Konfliktes, d en nicht ausgetragenen, nicht ausgesprochenen. Der Wechsel von Neigung zum tatsächlichen Verhalten, also vom latenten zum manifesten Konflikt, wird als Überschreitung der Perzeptionsschwelle bezeichnet.
Problematisch bei der Konflikthandhabung, ist das Eingeständnis, dass jede Partei eine subjektive Wahrheit besitzt. Aus ihrer jeweiligen Sicht stehen sich die Handlungspläne
16 Ministerium für Arbeit und Soziales; S 19
17 Glasl; S. 5
9
gegensätzlich und scheinbar unvereinbar gegenüber, das muß nicht der Realität entsprechen, es reicht, wenn die Konfliktparteien denken, es wäre so.
2.2 Einteilung in Konfliktarten
In diesem Abschnitt soll versucht werden, das erzählte Handeln Rickeys und seiner Umgebung in den Kontext verschiedener Konfliktarten zu setzten. Dabei wird nach dem
Sozialpsychologischen Ansatz gearbeitet, da diese Methode Bourdieu am nächsten kommt. Der Sozialpsychologische Ansatz fordert, dass die Analyse des Konflikthandelns und der
Konfliktinteraktion die Einflüsse der subjektiven Perspektive, d.h. der individuellen Wahrnehmung, Kognitionen, Einstellungen und Werte berücksichtigen muss. Demnach handeln Konfliktparteien entsprechend ihrer Wahrnehmung und ihrer Interpretationen. Ihr
Handeln ist besonders stark danach ausgerichtet, welche Erwartungen bezüglich des Handelns
des Gegners bestehen 18 . Interessanterweise setzten wir alle, die Ursachen eines Konfliktes beim Gegner oder beim Anderen an. Daraus folgt, dass unterstellt wird, der andere habe angefangen, weiterhin unterstellen wir ihm bestimmte Motive. Mit unserer Antwort reagieren wir nicht nur auf das angebliche Anfangen des Anderen und seine faktischen Handlungen,
sondern wir reagieren typischer weise auch auf die Motive, die wir dem Gegner unterstellen,
ohne sie unbedingt zu kennen 19 . Die Analyse der verschiedenen Interaktionsformen, ihrer Ursachen und ihrer Bedeutungen für Konfliktverlauf und Konflikteskalation steht im Vordergrund Sozialpychologischer Ansätze.
Ebenso stehen bei diesem Ansatz die Zusammenhänge und Interdependenzen, zwischen
verschiedenen Variablen auf unterschiedlichen Ebenen und ihre Bedeutung für die Erklärung
von Konflikthandeln und Konfliktinteraktionen, im Vordergrund 20 .
Bei der Einteilung von Situationen in Konfliktarten fällt die Abgrenzung häufig schwer. Situationen können vielmals unter verschiedensten Arten eingeordnet werden, es k ommt demnach zu Überschneidungen. In diesem Ansatz soll es um einen Einstieg in die Vielfalt der
Konfliktarten gehen und um Schaffung eines Konfliktbewußtseins der Lebenssituation im Ghetto unter Berücksichtigung des defizitären Konfliktbegriffes in der L iteratur Bourdieus.
Dabei werden nur einige Konfliktarten genannt und jeweils nur ein Beispiel, um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen.
18 Vergl.: Eckert; S.35
19 Vergl.: Eckert; S.12
20 Vergl.: Eckert; S.36.
10
Intrapersonelle Konflikte: Unter intrapersonellen Konflikten wird ein innerer Konflikt
verstanden. Dabei ist das Individuum mit sich selbst und seinen Einstellungen alleingelassen. Wir finden hier die typische Teufelchen/Engelchen-Situation vor. In der Situation eines „hustler`s„ stellt sich der Konflikt derart dar, ob er seine nächste Aktion innerhalb der illegalen Ökonomie mit seiner Moral vereinbaren kann. Ebenso sind intrapersonellen Konflikte, Konflikte in der die Abgrenzung nach außen, eine Rolle spielen. Wie z.B. die Angst sich auszuliefern, sich abhängig zu machen eine Rolle. In Rickeys Situation kann dies ein Grund für seine Aversion Gangs gegenüber sein, aber auch seine Abneigung gegen das Heiraten und die Gründung einer Familie erklären.
Paarkonflikte: Diese treten immer dann auf, wenn zwei Individuen Unvereinbarkeiten
austragen. Im Text stellen sie sich a ls Schlägereien und Schießereien dar. Dabei handelt es sich gleichzeitig um Interessenkonflikte, in denen verschiedene Akteure unterschiedliche Interessen haben. Prügeleien sind vordergründig Paarkonflikte, abstrakter gesehen sind sie häufig, wenn es um Objekte geht, Verteilungskonflikte.
Verteilungskonflikte: Liegen immer dann vor, wenn knappe Ressourcen vorhanden sind, bzw.
zu viele Parteien die gleichen Ressourcen begehren. Im Ghetto handelt es sich um Dinge wie Geld, Arbeitsplätze, Bildung, Infrastruktur, adäquate Wohnungen, Versorgung und Fürsorge. Also alles Ressourcen, die der Staat durch seinen Rückzug aus dem Ghetto gekappt hat.
Herrschaftskonflikte: In den Herrschaftskonflikten zeigt sich am deutlichsten der starke
Gegensatz zwischen Gruppe und Organisation. Rickey als „Bestandteil“ des Ghettos läuft ständig gegen Herrschaftsstrukturen an. Er versucht trotz schlechter Bildung und schlechten Wohnverhältnissen, katastrophaler Arbeitsmarktsituation seinen Traum für ein besseres Leben aufrecht zu erhalten. Immer wieder stößt er an Grenzen, der gesetzten Herrschaftsverhältnisse. So ist es ihm nicht möglich, ohne Geld eine ausreichende Ausbildung zu erhalten. Die Arbeitsmarktsituation gleichzeitig läßt nicht die Möglichkeit der Finanzierung einer Ausbildung durch legale Ökonomie zu.
Entwicklungskonflikte: Bekannte von Rickey haben sich anders weiterentwickelt als Rickey selbst. Sie passen in ihren Wertvorstellungen und ihren Lebensstilen nicht mehr zusammen. Kommunikationsschwierigkeiten sind Ausdruck von Entwicklungskonflikten. Das Resultat ist
11
entweder der Abbruch der Beziehung oder eine Neudefinition der Selben um ein „miteinander auskommen“ zu entwickeln.
Rollenkonflikt: Rickey bewegt sich als Mann bei seinen Frauen als Liebhaber, Babysitter und Hausgehilfe, seine Rolle ist nicht eindeutig festgeschrieben. Auf Grund von verschiedenen
Erwartungen kann es zu Konflikten führen: Dabei kann es sich um eine „einfache“ Nicht- Übereinstimmung, eine einseitig geänderte Rolle oder einen Rollentausch Handeln. Rollenkonflikte entstehen auch aufgrund von mangelnder Rollenkongruenz. Diese hat
mehrere Facetten: die zugewiesene Rolle ist nicht verstanden worden (zu eng, zu weit gefaßt, motiviert nicht, usw.), der Rolleninhaber ist über- oder unterfordert, die Rollenziele werden
nicht akzeptiert oder die Rolle an sich ist unklar, die Aufklärung wird behindert. 21
Gruppenkonflikte: Wenn Rickey sich von den Gangs fernhält, tut er dies sicherlich auch, um
Konflikten oder Ärger aus dem Weg zu gehen. Ein wesentliches Kennzeichen von Gruppen ist die „emotionale Partizipation“. Darunter ist zu verstehen, dass ein gemeinsames Ziel mit
Herz verfolgt wird. Übertragen auf die Gangs bedeutet dies, Verteidigung des Reviers, der Gruppenmitglieder im Kampf ums Überleben, absolute Treue und Solidarität der Gruppe und ihren Zielen gegenüber. Gruppen stellen demnach immer die Frage der Loyalität ihrer
Mitglieder: Wer gehört dazu? Zu diesem Zweck wird dann der Gruppe ein Name gegeben, es werden unter Umständen bestimmte Rituale entwickelt, wie das Sich-Gegenseitig-begrüßen,
ein Belohnungs- und Bestrafungssystem festgesetzt, vom Aufstieg im Hierarchiesystem bis hin zur Exekution.
Auflösender Konflikt: bezeichnet die Form des Konfliktes in einem sozialen Gebilde, der nicht behoben werden kann; dies kann dazu führen, dass alle Interaktionen innerhalb dieses
Gebildes abgebrochen werden. Der auflösende Konflikt bewirkt eine Desintegration des betreffenden Gebildes. Zusammen mit dem dysfunktionalen Konflikt, der jeden Typ
bezeichnet, der Bestand oder Leistung eines sozialen Systems beeinträchtigt 22 ; finden wir eine Zustandsbezeichnung der Konflikte zwischen Ghetto und Gesamtgesellschaft wieder. Die Interaktionen mit dem Ghetto sind durch Staat und Restgesellschaft auf ein Minimum
beschränkt, das Ghetto löst sich vom Gesamtsystem, was das System Ghetto aber auch das Gesamtsystem beeinträchtigt. (Vergl. dazu Abschnitt 5)
21 Vergl., Schwarz; S70
22 Vergl. Fuchs et al.; S.411.
12
Wir finden das Individuum ständig von Konflikten umgeben und in sie verwickelt.
Es befindet sich demnach in einer ständigen Unsicherheit, aus der es nur kommen kann, wenn
es durch aktive Konfliktlösung, eine Selbstabgrenzung erreicht. Beeinträchtigungen auf
Grund der Unvereinbarkeiten müssen ertragen werden, wie auch die Beeinträchtigungen des
anderen Aktors. Viele latente Konflikte, auf die das Individuum keinen direkten Einfluß
nehmen kann, z.B. Herrschaftskonflikte, müssen durchlebt werden. So werden die
verschiedenen Lösungsarten wie z.B. Flucht, Vernichtung, Unterwerfung oder Unterordnung,
Delegation, Kompromiß und Konsens, je nach Situation, Lage und Selbstbewußtsein des
Aktors eingesetzt, um für sich die Beeinträchtigungen zu minimieren.
3. Definition Getto
Ein Ghetto als „abgegrenzten Stadtteil“ zu definieren, reicht nicht aus. Viel mehr ist das
homogene Milieu charakteristisch. Gegründet im Rassismus, der Selektion, der
Besitzlosigkeit, aber auch in der Interdependenz von Fremdbestimmung und der freien Wahl
des Individuums. Weiterhin ist für das Ghetto bezeichnend, dass die Bewohner meist
Angehörige einer Volksgruppe sind; in den USA Afroamerikanern und Latinos und in
Deutschland ausländischen Mitbürger. Die überwiegende Mehrzahl der Ghettobewohner
haben sich nicht selbst dazu entschlossen, dort zu wohnen, viele sind in diese Situation
hineingeboren worden. Weiterhin haben sie meist nicht die Möglichkeit, dieses zu verlassen,
sei es aufgrund mangelnden Kapitals oder äußerer Umstände.
In dieser Arbeit soll nun speziell auf das Chicagoer Ghetto, stellvertretend für die
amerikanischen eingegangen werden; da der Interviewte dort lebt. Amerikanische Ghettos
definieren sich auf Grund jahrhundertealter rassistischer Basis, die vom Staat und der
nationalen Ideologie toleriert und bestärkt wird. 23 Die amerikanischen Ghettos, diese verwaisten und verfallenen Orte, lassen sich leichter durch Abwesenheit kennzeichnen und
bestimmen. Im wesentlichen ist es die Abwesenheit des Staates und all dessen, was damit
zusammenhängt: Polizei, Schule, Gesundheitsvorsorge; Fürsorge, Vereine, Sozialstationen 24 . Aber auch die Legale Ökonomie ist auf ein Minimum reduziert, so fehlen in den Ghettos
Banken und Geschäfte, von Einkaufszentren ganz zu schweigen.
Das Ghetto selbst leidet nicht an sozialer Desorganisation, sondern ist ein abhängiges,
sorgfältig differenziertes und hierarchisches Universum, welches sich gemäß der spezifischen
Entstehungsprinzipien einer geregelten Form sozialer Entropie 25 organisiert. Das erste dieser
23 Vergl., Bourdieu; S.170
24 Vergl. Bourdieu; S.159
25 Umwandelbarkeit
13
Regelprinzipien kann in der ‚Hobbes`schen Formel‘ vom ‚Krieg aller gegen alle‘
zusammengefaßt werden. 26 In den amerikanischen Ghettos finden wir die sogenannte „underclass“. „The underclass
defined as those families and individuals who exist outside the mainstream of American
occupational structure. Therefore the characteristics are poverty, crime, poor education,
dependency and teenage out-of-the-wedlock childbearing 27 .„Mit Mitte dreißig waren viele
Frauen schon Großmütter, Mitte vierzig Urgroßmütter.“ 28
Anmerkungen zum Entstehen des Chicagoer Ghettos und dem heutigen Zustand:
Um der Wohnungsnot Herr zu werden, gab der Senat 1949 Kredite und Zuschüsse für
810.000 Wohnungen mit Niedrigmieten im ganzen Land frei. In Chicago wurden diese
Wohnungen, anstatt neue Alternativen zu mittlerweile unhaltbaren Lebensbedingungen zu
bieten, neben die schon vorhandenen Schwarzenghettos gebaut und verankerten so die bereits
bestehenden Slums. Aus Mangel an Baugrund schossen die Häuser in die Höhe. Schon in den
60igern begann der Verfall der Häuser, da die Wohnungsbaugesellschaft kein Geld mehr
hatte. Dies hatte zur Folge, dass die Middleclass und Weißen abwanderten. Ende der 70iger
wandelten sich die Banden, nachdem sie in das Drogengeschäft eingestiegen waren, zu
stolzen Organisationen von Unterstütztern und Beschützern 29 .
Heutzutage ist das Leben im Ghetto ein dauerndes Schlachtfeld um Sicherheit und Überleben.
Die Spannung findet ihren Ursprung in der Realität der Morde, Vergewaltigungen und
Aggressionen, deren Gefahren allgegenwärtig sind 30 . 1990 wurden im Stadtgebiet von Chicago 849 Morde registriert, wobei in 253 Fällen die Opfer jünger als 21 Jahre waren. Über
die Hälfte dieser jugendlichen Opfer waren in den Vierteln des „schwarzen Gürtels“
lokalisiert. 186 waren Afroamerikaner. In den ausschließlich schwarzen Vierteln in Chicago,
mit ungefähr 54.000 Einwohnern, von denen 37% jünger als 18 Jahre sind, leben etwas mehr
als die Hälfte der Haushalte unter der durchschnittlichen Armutsgrenze der USA. Diese belief
sich 1990 auf $7.704 für ein Zweipersonenhaushalt und auf $12.092 für einen
Vierpersonenhaushalt. 31 „Shifts in welfare policy were largely responsible for the increasing poverty gap between the urban jobless and the rest of population during the 1970s. After
thirty years of equalisation, the social welfare system of the 1970s shifted toward ‘reverse
targeting’: higher benefits for those groups who needed them least. 32 “
26 Vergl.: Bourdieu; S.186
27 Vergl. Jones; S.28 28 Kotlowitz; S. 25 29 Vergl., Kotlowitz; S.38ff.
30 Vergl., Bourdieu; S.171 31 Vergl.; Lusane; S.12 32 Katz; S. 221
14
Drei von vier Erwachsenen sind arbeitslos. 63% der Einwohner sind von social wellfare
abhängig. Zudem ist bekannt, dass 71% der Bewohner zur Sicherung ihres alltäglichen
Bedarfs Lebensmittelhilfe in Anspruch nehmen müssen (foodstams oder Volksküchen). Nur
ein Drittel verfügt über ein Fahrzeug und nur 10% über ein Bankkonto. 33 Ein Sozialhilfe- Beispiel: 1987 bekam eine alleinerziehende Frau mit 5 Kindern, $931 monatlich ;$500 davon
in Lebensmittelkarten, als einzige finanzielle Unterstützung. Davon wurden Ausgaben von
$400 für Lebensmittel, $80 für eine Beerdigungsversicherung, $122 Miete und $8 für
Scheckwechselgebühren 34 am Anfang des Monats bestritten. 35 Das sich die Gesellschaftlichen Strukturen in Auflösung befinden , wird besonders in d er
Auflösung der Familien beobachtbar. Drei von vier Familien in den Ghettos weisen nur einen
Elternteil auf. „Es wird geschätzt, dass fünfundachtzig Prozent der Haushalte von Horner
(Sozialbausiedlung im Chicagoer Ghetto; sog. projects) eine Frau als Familienvorstand
haben.“ 36 Die Kindersterblichkeit ist höher als in manchen Dritteweltländern. Kinder wachsen meist ohne einen Vater, bei drogenabhängigen oder minderjährigen Müttern auf, die diese zu
Verwandten geben oder unbeaufsichtigt lassen. Feste Bezugspersonen sind selten, eine stabile
Erziehung nicht möglich, Gangs ersetzten häufig die Familie.
Zusammenfassend sind die Lebensbedingungen als menschenunwürdig zu charakterisieren,
insbesondere wenn bedacht wird, dass es sich hier um ein Ersteweltland und dem „Vorreiter“
von Menschenrechten und internationaler Moral handelt.
4. Subsystem Getto/ Binnensicht/sozialer Raum
Pierre Bourdieu definiert seinen Sozialen Raum auf Basis seiner Theorie „der feinen
Unterschiede“. Soziale Räume werden von verschiedenen Klassen und Milieus bevölkert, die
sich durch Distinktion voneinander abgrenzen 37 . Im Umkehrschluß bedeutet dies, dass sich diese Milieus durch Distinktion und Eigenschaften selbst definieren.
Der Soziale Raum wird durch die wechselseitige Ausschließung (oder Unterscheidung) der
ihn bildenden Positionen definiert, d.h. als eine Aneinanderreihung von sozialen Positionen.
„Tatsächlich bringt sich der Sozial Raum im physischen Raum zu Geltung, jedoch immer auf
mehr oder weniger verwischte Weise: Die Macht über den Raum, die Kapitalbesitz in seinen
verschiedensten Varianten vermittelt, äußert sich im angeeigneten physischen Raum in
Gestalt einer spezifischen Beziehung zwischen der räumlichen Struktur der Verteilung der
33 Vergl.: Bourdiue; S.188f.
34 Sozialhilfescheks, werden in Wechselstuben gewechselt, da die Ghettos über keine Bank verfügen.
35 Kotlowitz; S. 126 S
36 Kotlowitz; S. 92
37 Vergl.: Bourdieu; S.161
15
Akteure auf der einen und der räumlichen Struktur der Verteilung von Gütern und
Dienstleistungen privater oder öffentlicher Herkunft auf der anderen Seite. 38 “ Demnach spiegelt sich die Position eines Akteurs im Sozialraum an Hand seines
eingenommenen Ortes im physischen Raum wider. Dies bedeutet, wohne ich in der
Elbchaussee, habe ich eine andere soziale Position als jemand aus Mümmelmansberg;
zusammengefaßt mit meinen anderen Sozialen Positionen kleide ich einen anderen Sozialen
Raum aus, als er.
Der Wert eines Sozialraumes definiert sich durch die Beziehung zwischen der Verteilung von
Gütern und Akteuren. Die Bedeutung von Orten ergibt sich erst aus ihrer „relativen Position
und Distanz“ zu anderen Orten. 39 Demnach erlaubt das Kapital oder die Güter, sich unerwünschte Personen oder Sachen auf Distanz zu halten, so ist es möglich, sich die Armut
aus seinem Sichtfeld zu blenden. Ebenso verstärkt der Mangel an Kapital die Begrenzung; es
kettet an den Ort. So wird aus dem Ghetto ein Gefängnis, was nicht verlassen werden kann.
Demnach ist die Bewegungsfreiheit und damit die persönliche Freiheit beschränkt. Der Drang
der Ghettobewohner, dieses zu verlassen ist folglich ein Kampf um Aneignung von Raum.
Die Akteure selbst legen den Stellenwert eines Sozialraumes innerhalb des Gesamtraumes
fest. Dieses geschieht vielmals über den Immobilienmarkt und über den Zustand dieser
Immobilien. Die Häuser in den Ghettos befinden sich in desolaten Zuständen. Nicht nur der
Leerstand ganzer Wohnblocks, sondern die nicht mehr bewohnbaren Räume können nicht
umgangen werden. Das Problem liegt einerseits im Geldmangel der Wohnungsbaubehörde,
oder dem Desinteresse der Immobilienbesitzer, die nicht mal selbstverständliche Reparaturen,
wie an Öfen oder Heizungsanlagen 40 , vornehmen. Weiterhin liegt es am Geldmangel der Bewohner, die die einfachsten Reparaturarbeiten oder Renovierungsarbeiten nicht finanzieren
können. So bleiben Löcher von Querschlägern jahrelang in den Wohnungen unverputzt. Dazu
kommt das große Potential an Vandalismus, Ignoranz und Desinteresse durch Resignation
und Drogen. 41 Die Machtsymbolik der Architektur überträgt sich auf das Selbstbewußtsein der Menschen. „
Poverty leads to alienation and low self-esteem. Consequently, when a whole community
faces this condition, in an atmosphere that promotes identity through material consumption,
social deterioration becomes inevitable. Alienation shatters spirit and destroys the ability to
love oneself and others.” 42 Die Umgebung deprimiert das Individuum. In seiner
38 Bourdieu; S. 160
39 Vergl.: Jacobs; S 347 40 so dass die Wohnungen im Winter so überhitzt sind, dass die Kinder Nasenbluten bekommen; Temperaturen über 30° sind keine seltenheit.( Kotlowitz)
41 weitere Beispiele: Kotlowitz; S.47.
42 Lusane; S.26
16
Desillusionierung durch Zustände und Machtverhältnisse, verfällt es wie seine Umgebung.
Folglich kann hier ein Grund des Drogenkonsums gefunden werden, aber auch der Schritt zur
Selbsthilfe, in dem die unbewohnten, verfallenden oder Crack-Häuser abgebrannt werden 43 .
„The effects of racial segregation did not, alone, isolate the black urban poor in the centre
city. Class division in the black community (...) manifested themselves in urban housing
pattern.“ 44 Die Ghettoisierung ist also nicht nur von außen, durch Immobilienmarkt, Regierung und Rassismus aktiv betrieben worden, sondern auch von den Afroamerikanern
selbst, die in Viertel zogen, in denen schon andere Afroamerikaner lebten. Wir finden hier ein
Phänomen des gegenseitigen Ausschlusses und Abschottens. Diese Interdependenz liegt u.a.
begründet in dem Ausschluß des Fremden. Die weiße Bevölkerung der USA hat
jahrhundertelang die Ghettoisierung mit rassistischem Hintergrund vollzogen. Dabei darf
nicht vergessen werden, dass die Afroamerikaner erst seit Ende des 19.Jahrhunderts den
Status Mensch im Gegensatz zum E igentum erhielten. Anfang des letzten Jahrhunderts findet
sich bereits eine Aufteilung des Wohnraumes nach Bevölkerungsgruppen. Dies wurde von
der Wohnungspolitik in dem letzten 50 Jahren weiter betrieben. Für die afroamerikanische
Bevölkerung tat sich mit dem Zuzug in Viertel, in denen bereits andere Afroamerikaner
lebten, die Möglichkeit auf, dem unmittelbaren Nachbarschaftsrassismus zu entfliehen und in
der Gemeinschaft der „black community“ Schutz und Selbstvertrauen zu erlangen. So
schlossen die Weißen die Afroamerikaner aus, und die Afroamerikaner die Weißen. Dieses
Phänomen ist in den 70igern des letzten Jahrhunderts durch radikalen schwarzen Rassismus,
wie die Black Panthers, gekennzeichnet. Hier kommt es zur Umkehrung des Problems aber
nicht zu einer Lösung. Es werden Strukturen übernommen und weitergelebt, anstatt die
Ursache zu finden und sich mit dem Anderen beschäftigt.
Zu dem Wert eines Sozialraumes gehörten nicht nur die räumlichen Strukturen, sondern auch
die Denkstrukturen, welche ja selbst zu einem guten Teil das Produkt einer Einverleibung
dieser Strukturen darstellen. Der Raum ist auch der Ort, wo Macht sich behauptet und
manifestiert, wobei sie in ihren subtilsten Formen als symbolische Gewalt zweifellos
weitgehend unbemerkt bleibt. 45 Hier ist von einer weitgehenden Toleranz der Zustände auszugehen. Sie werden zwar nicht akzeptiert, dennoch soweit toleriert, dass sie nicht durch
Massenaufbegehren und Revolution verändert werden. Sie werden sogar reproduziert und
43 unter dem Motto: Mach Kaputt, was dich kaputt macht.
44 Katz; S.114
45 Vergl.: Bourdieu; S.163
17
damit manifestiert. “... t o resolving a situation that in many sectors of the Black community
has developed over generations: the culture and material reality of poverty. The reproduction
of self-destruction behavior was neither sudden nor benign. “ 46 Das Ghetto mit seinen Machtstrukturen lebt demnach aus sich selbst heraus. Sie werden intern
reproduziert und nicht aktiv angegriffen oder verändert. Es stellt sich also die Frage, warum
der Soziale Raum Ghetto die Bedingungen nicht ändert. Dies ist im u.a. historischem Kontext
verankert. „Ende der sechziger Jahre brodelten die Schwarzenghettos der Nation vor Zorn und
Wut- davon war in der Resignation und den individuellen Ausschreitungen Ende der achtziger
Jahre nichts mehr zu spüren. Vor zwanzig Jahren hatten die Menschen noch das Gefühl, daß
sie etwas bewegen konnten und Verbündete im ‚System‘ finden konnten, die dafür sorgen
würden, daß etwas für sie getan wurde. Und als das fehlschlug, erstarben auch Hoffnung und
Gerechtigkeitsgefühl.“ 47 Nachdem die „Schwarzenführer“ wie Martin Luther King oder Malcom X ermordet wurden brach die Resignation aus. Das Vertauen in das System und
Hilfe von außen waren niedergeschlagen worden, die Herrschaftsstrukturen festigten sich.
Das Subsystem hat sich in sich zurückgezogen. Die Abschottung nach außen wurde
untermauert.
4.1 Von Macht und Herrschaft
Wenn Macht als Chance verstanden wird, den eigenen Willen auch gegen Widerstand der
Betroffenen durchzusetzen, finden sich innerhalb des Ghettos Machtstrukturen zwischen
Gangs und dem einzelnen Subjekt wieder. Da Herrschaft als legitime Macht, d.h. von den
Betroffenen als rechtmäßig anerkannte Macht einer sozialen Instanz, insbesondere von
Organisationen und gemeinsam Herrschaft ausübenden Gruppen definiert wird, sind die
Strukturen der Gangs hiervon scharf a bzugrenzen. Die Mitglieder selbst akzeptieren ihre
Organisation, legitimieren ihre Gangbosse und leben demnach in einem Herrschaftsverhältnis.
Die Bevölkerung der Ghettos lehnen diese jedoch ab, leben mit ihrer Gewalt und Macht, aber
legitimieren sie nicht.
In wie weit, bzw. wie durch Emanzipation gegen diese Macht angegangen werden kann und
aus dem Verhältnissen herausgetreten werden kann, ist fraglich. Das Bewußtsein des
Subsystems über die Machtverhältnisse ist vorhanden. Dies zeigen Aktionen wie Anti-Drogen
Märsche in den Ghettos 48 . Das kollektive Selbstbewußtsein zum Sprengen der Machtverhältnisse ist jedoch scheinbar noch nicht da. Dies mag im historischen Kontext
(Niederschmettern der „Schwarzenbewegung“ in den 70igern) zu sehen sein und an den
46 Lusane; S.26
47 Kotlowitz; S. 205
48 Vergl.: Lusane; S.182ff.
18
Herrschaftsstrukturen, in denen die Ghettos verstrickt sind. Den emanzipatorischen Prozeß an
zwei Seiten gleichzeitig zu vollziehen, einmal die Machtverhältnisse und die
Herrschaftsverhältnisse, also die Umwandlung von internen Substrukturen mit gleichzeitiger
Transformation des Gesamtsystems, ist utopisch.
Legitimiert wurde die Regierung als Herrscher, durch Wahl oder Boykott und durch die
Verfassung. Legitimiert wurden weiterhin die Art und Weise der Herrschaftsausübung.
Illegitim sind dagegen Verhaltensweisen wie Korruption und Illegalität von Beamten und
Herrschaftsrepräsentanten im demokratischem Staatsprinzip.
Obwohl der Staat sich aus dem Ghetto zurückzieht, kann nicht von veränderten
Herrschaftsverhältnissen gesprochen werden. Auch oder gerade dadurch, daß der Staat nicht
präsent ist, kann seine Herrschaft gegenwärtig sein. Immer wieder kommt es zu
Gewaltübergriffen der Herrschaft, z.B. wenn Polizisten Ghettobewohner bewußtlos prügeln
oder sogar erschießen.
Wir finden ein Subsytem, ein Mikrocosmos vor, dessen Logik darin besteht, dass es mit den
darin herrschenden spezifischen Zwängen, die es von innen heraus organisieren, seinen
Ursprung und Wirkungskraft von außen bekommt. Wie der Staat die äußere Gewalt, die
Exekutive wie Judikative in das Ghetto bringt, so findet das Ghetto selbst seine Gesetze und
Rahmenbedingungen durch die Gangs und den Drogenhandel.
4.2 Gruppe versus Individuum
Die Menschen im Ghetto leben in Angst; in Angst voreinander, vor ihren Nachbarn, die
gleichzeitig Gangmitglieder sind, aber auch vor dem Staat, insbesondere der Allmacht der
Polizei und der Judikative; beide sind anstatt „Freund und Helfer“, zu Unterdrückern und
Mördern geworden. Diese Angst hat zur Folge, dass die einstmals starke ‚Black community’
verfällt, die Gemeinschaft löst sich auf. Vertrauen zu dem anderen, wie gemeinsame Werte
und Normen sind abwesend. Die Bewohner bemängeln das fehlende ‚kollektive Gewissen‘. 49 Dies zeigt ein Bild der direkten Auflösung der Gesellschaft auf Grund von Gewalt. Ausgelöst
durch den staatlichen Rückzug.
Die Gewalt im täglichen Leben läßt niemals nach. Auf der einen Seite wird in der Literatur
beschrieben, dass sich die Bewohner an diesen Zustand nicht gewöhnen können. Gleichzeitig
ist ein Anstieg der Gewalt zu verzeichnen, insbesondere in ihrer Symptomatik. Es stellt sich
die Frage, ob es eine Korrelation zwischen passiver Gewaltbeobachtung und ihren Spuren und
49 Vergl.: Kotlowitz, S. 267
19
aktiver Gewaltausführung besteht 50 . Gewalt soll hier als ein einmaliger physischer Akt, in dem ein Mensch dem anderen Schaden zufügt, verstanden werden. Galtung‘s Begriff der
Gewalt und die Definition der Gewalt als die Bezeichnung für die dahingehende
Beeinflussung von Menschen, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung
geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung, zu verstehen, würde den Rahmen dieser
Arbeit sprengen.
Es sind also zwei gegenläufige Strukturveränderungen zu beobachten. Auf der einen Seite
löst sich die Gesellschaft auf. Sie wird individualisiert und zerfällt in ihre Atome. Gleichzeitig
finden wir e ine starke Gangstruktur in den Ghettos vor. Also Zusammenschluß in einer
Gruppe mit gemeinsamen Werten und Normen. Da die Gangs im direkten Zusammenhang
mit dem Drogenhandel gesehen werden müssen, bezieht sich die Struktur weitgehend auf
informelle Ökonomie. Demnach sind Individuen, die sich innerhalb der legalen Ökonomie
aufhalten weitgehend auf sich gestellt. Um festzustellen, ob der Zusammenschluß zu
kriminellen Organisationen ein reales Massenphänomen ist, bedarf es der genauen
Untersuchung. Vorstellbar ist, daß aufgrund der Machtpräsenz der Gangs ein fiktives
Massenphänomen beschrieben wird.
Ebenso spannend ist die Frage nach den Ursachen der Drogenschwemme in den Ghettos.
4.3. Verschwöhrungstheorie
Im Textauszug „Ortseffekte“ wird sowohl vom Verfasser selbst, wie auch vom Interviewten
von der Verschwörungstheorie gesprochen. Hierbei handelt es sich um den Gedanken, der
Staat selbst handle bewußt nicht, um die Zustände in den Ghettos aus rassistischen Gründen
nicht zu verbessern. Die Theorie geht sogar soweit, dass von einer beabsichtigten
Drogenschwemme in den Vierteln gesprochen wird, um die „black communities“
kleinzuhalten. Dieser Zusammenhang wird gesehen, auf Grund der immensen Zunahme der
Drogenproblematik in Zeiten der aktiven „Schwarzenführer“ und Rassenunruhen. Ebenso
wird am Ende des kalten Krieges von einer Verlagerung der Politik, von der Außenpolitik
zum Drogenkrieg, gesprochen 51 . In diesem „drugwar“ geht es nicht um die Bekämpfung der Ursachen, sondern um Kriminalisierung der Drogenkonsumenten und Dealer.
„The fact is that judges, politicians, police officers, the CIA, and others authorities, as well as
organized racists, are involved in drug trafficking, money laundering, or payoffs. It’s virtually
impossible, in fact, to have the magnitude of drugs that flow into the Black community
50 The escalation of violence and the devaluation of live is rooted in the isolation and nihilism symptomatic of our consumer
society.”( Lusane, S.26)
51 Vergl.: Lusane; Deckblatt
20
without official and semi-official complicity. Federal narcotics agents have been charged and
arrested on numerous occasions for such crimes.“ 52 Die Gangs mit ihrer unmittelbaren Nähe zum Drogenhandel und anderer Kriminalität sind
demnach die innere Organisationsstruktur, die von außen, von dem Drogenhandel der Weißen
organisiert werden, der wiederum von der inneren Struktur stark profitiert.
Es wird die Frage aufgeworfen, warum der Staat so machtlos dem Drogenhandel in den
Ghettos gegenüber steht, oder ob er sich absichtlich zurückhält. Offensichtlich ist, dass die
„Weißen“ davon profitieren, da diese die oberen profitablen Regionen des Drogenhandels
kontrollieren.
Weiterhin wird von der bewußten Politik der geplanten Verwahrlosung gesprochen. Diese
äußert sich durch Unterminierung der Arbeit der entsprechenden Institutionen und ihrer
unerläßlichen öffentlichen Programme; drastische Kürzung des Geldes für sozialen
Wohnungsbau und Sozialhilfe; wie auch in der R eduzierung von Ausgaben für Bildung und
Polizei.
Das Problem an dieser Verschwörungstheorie ist die daraus resultierende Lethargie. Anstatt
die Wut zu schüren und im emanzipatorischen Prozeß sich frei zu machen von Drogen und
Herrschaftsverhältnissen, ist ein Bild der kollektiven Lethargie und Ohnmacht zu
beobachten 53 . Diese Ohnmacht mag aus den niedergeschlagenen Rassenunruhen resultieren. Dennoch nutzt sie den Herrschenden. Je mehr die Ghettobewohner an ihre Machtlosigkeit
glauben, desto weniger ist von e manzipatorischen Prozessen auszugehen. Rückwirkend wirft
sich nun die Frage auf, ob die Verschwörungstheorie von den Herrschenden selbst inszeniert
wurde, um die Ghettobewohner in ihrer Ohnmacht und Lethargie zu stärken und diese von der
Restgesellschaft w eiter zu isolieren. Diese Struktur, andere „Rassen“ und/oder Arme zu
isolieren, ist in den USA seit der Reservation der Native Americans zu beobachten.
Es findet demnach kein öffentlicher Diskurs innerhalb des Ghettos über Zustände und
Ansprüche statt, gleichfalls fehlt diese Auseinandersetzung zwischen Ghetto und
Gesamtgesellschaft.
52 Lusane; S.14
53 Dieses Phänomen, des ich kann ja nichts ändern ist auch in der BRD zu beobachten. Politische oder aktive Beteiligung
wandelt sich in Konsum und Hedonismus.
21
5. Ghetto versus Gesamtgesellschaft
Das Subsystem Ghetto läßt sich als Sozialer Raum, der mit wenigen Verknüpfungen an die
Gesamtgesellschaft verbunden ist, bezeichnen. Es wird immer mehr von der Gesamtgesellschaft isoliert, zu einem Reservat, in dem ein Austausch der Subjekte von Innen und Außen nicht stattfindet. Es erscheint als würden diese Reservate von der Restgesellschaft
losgelöst sein und gleichzeitig mit Ketten an sie gefesselt sein. Die Isolation erfolgt, wie beschrieben, mit System seit der Reservation der Native Americans, mit Strategie angelegt,
um unerwünschte Subjekte nicht in das Gesamtsystem zu integrieren; wie Outlaws. Wird bedacht, dass die Mehrzahl der Ghettobewohner nicht die Möglichkeit haben dieses zu verlassen und damit in seiner Umgebung gefangen ist, so schafft sich die Gesellschaft
Gefängnisse, die genauso strukturiert sind wie Strafvollzugsanstalten.
Das Ghetto erscheint als Abbild der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse. Diese sind im
Ghetto teilweise groteske überzogen und unverhältnismäßig.
Die Gesamtgesellschaft versucht sich marktkonform zu verhalten, Geld zu verdienen, Karriere zu machen und den Markt in seiner neoliberalen Ausprägung zu bedienen. Das Geld
spielt eine überdimensionale Rolle. Für Geld wird die Moral beiseite geschoben, auch
gemordet 54 ; sei es nun an der Wall Street, wo die Aktien im Vordergrund und nicht deren Politische- oder soziale Auswirkungen stehen, oder innerhalb des Ghetto, mit seinem Drogenhandel und Bandenkriegen.
Es herrscht das Konkurrenzprinzip. Der neoliberale Markt steht unter dem Leitsatz:
Konkurrenz belebt das Geschäft. Dieser ist sicherlich richtig, dennoch nicht nur positiv zu bewerten. So beinhaltet die K onkurrenzsituation grundsätzlich einen Konflikt. Einer der
Aktoren muss, aufgrund unterschiedlicher Beeinträchtigungen erfahren; so können nicht zwei Anbieter eines Produktes der Marktführer werden. Für das Leben im Ghetto dokumentiert sich diese Konkurrenz in gleichen Strukturen
wie in der Restgesellschaft. Sei es im Wettbewerb um Bildung, Kapital, Arbeit etc. Hier ist er
jedoch härter und in vielen Punkten elementarer 55 . Die Beeinträchtigungen wurden in den letzten 20 Seiten prägnant dargestellt.
Wie bereits erwähnt, verändern sich die gesellschaftlichen Strukturen in Ghetto, wie auch in der Gesamtgesellschaft. In beiden Systemen finden wir eine Veränderung von Werten und
Normen. Die Veränderung bezieht sich auf die Ausdifferenzierung von Gesellschaft. Dieses
Phänomen wird von verschiedensten Autoren untersucht. 56 Dabei geht es um die These der multiplen Spaltung der Schichten und Milieus in kleine Splitterteile, die sich auf Grund
54 Vergl. dazu Interview mit Rickey.
55 Vergl. S.5
22
verschiedener Lebensstile und Geschmäcker definieren und nicht mehr nur über das Kapital
alleine. Ob eine Zersplitterung von Lebensstilen im Ghetto selbst zu beobachten ist, läßt sich
aus der vorhandenen Literatur nicht schließen, ein Beispiel dafür wäre der Lebensstil des
‚Gangmitgliedes‘. Deutlich erkennbar sind jedoch die beschränkten Möglichkeiten der
Lebensstile aufgrund mangelndem sozialen und ökonomischen Kapitals.
Das Ghetto kann für sich als Subsytem, also als Splitter des Gesamtsystems gesehen werden,
als Atom der Gesellschaft. Ob die Bewohner als Masse diese Entwicklung der Atomisierung
ebenso vollziehen ist fraglich. Rickey wäre hierfür jedoch ein Beispiel. Er spricht davon, dass
er für sich sorgt, sich aus der Gruppe „Gang“ heraus hält und sich als einen Einzelgänger
bezeichnet. Weiterhin versucht er, seine Probleme mit dem einzelnen Individuum selbst zu
lösen 57 . Innerhalb der Geamtgesellschaft wird schon seit einiger Zeit von der Individualisierung und mit ihr vom Defizit gesamtgesellschaftlich geltender Normen und
Werte gesprochen 58 .
Zugleich gehört das Ende der Kommunikation zwischen verschiedenen Lebensstilen oder
Individuen dazu 59 . Innerhalb des Ghettos prägt sich dieser Zustand in gegenseitigem Argwohn
und Mißtrauen aus. So wird speziell im Henry-Horner Komplex die Isolation dadurch
verschärft, dass fast die Hälfte der Familien kein Telephon besitzen. Weiterhin kennen einige
Bewohner niemanden im Block, dessen Telephon sie benutzten könnten 60 .
Das Ende der Kommunikation führt zur Individualisierung und Isolation. Für die Gangs, in
denen sicherlich die Kommunikation funktioniert, bedeutet dies eine Abgrenzung zum
Subsystem. Es werden demnach zwei gegenläufige Strukturen sichtbar. Einmal die
Individualisierung des Einzelnen und die Manifestation von Gruppen, die durch ihre
funktionierende Kommunikation Dinge bewegen. Diese Gangs sind zumal auch Beweis
vorhandenen Potentials von Macht und Bewegung. Während der Rassenunruhen waren Ziele
und Ansprüche an die Gesamtgesellschaft formuliert, im Protest ausgesprochen, wie auch
zum Teil durchgesetzt. Um die Zustände innerhalb des Ghettos in menschenwürdige
umzuwandeln, heißt es, diese Ansprüche neu zu formulieren, Bewegungen sozialer
Betroffenheit zu schaffen und das vorhandene Potential zu nutzen um Mündigkeit zu
erlangen, um die Bedingungen zu verändern.
Die noch bestehenden Kommunikationsverbindungen zwischen Ghetto und
Gesamtgesellschaft nehmen, durch Wirtschafts- und Sozialpolitik auf der einen Seite und
Abschottung und Lethargie auf der anderen Seite, weiterhin ab.
56 z.B. Gerhard Schulze in seiner „Erlebnisgesellschaft“
57 Vergl.: Bourdieu 1997; S.197
58 Vergl. Dazu U. Beck „Die Risikogesellschaft“
59 U. Beck sprickt in seinem Buch „Die Risikogesellschaft“ darüber
23
Wenn das Ghetto als Subsystem mit Isolierungstendenzen beschrieben wird, so stellt sich die
Frage, ob parallel dazu die Gesamtgesellschaft Isolierungstendenzen, bezogen auf den Rest
der Welt, aufweist. Beobachter beschreiben ihre Mitbürger als nur dann interessiert, wenn
Ereignisse sie beim Geld verdienen stören oder sie an der Wall Street arbeiten würden. Solche
Selbstbezogenheit kann zum Isolationismus führen.
Das beschriebene Elend von Pierre Bourdieu ist nicht nur im Chigagoer Ghetto zu finden,
sondern unter anderem auch in den V orstädten und ländlichen Kommunen der französischen
Gesellschaft. Dieser Prozeß der Verelendung ist demnach kein Problem einzelner Staaten,
sondern ein universelles. Dieser Universalismus präsentiert sich durch die neoliberale Politik
der westlichen Welt. Der Staat zieht sich immer mehr aus seiner sozialen Verantwortung
zurück. Paradoxerweise geschehen diese Prozesse auch in Staaten unter sozialdemokratischen
Regierungen.
Moderne Gesellschaften sind also durch fortschreitende Ausdifferenzierung von immer m ehr
Subsystemen gekennzeichnet, die relativ unabhängig von einander variieren 61 . Um Subsysteme in das Gesamtsystem fest zu verankern, müssen die Verknüpfungen zwischen
Sub- und Gesamtsystem ausgebaut und gefestigt werden. Für die Beziehung zwischen dem
Ghetto und dem Staat der USA, wie auch zwischen Gesamtgesellschaft und Staat, bedeutet
dieses auf der einen Seite, daß der Staat sich wieder einmischt und seinen Einzug in das
System hält, um menschenwürdige Zustände zu schaffen. Auf der anderen Seite bedarf es ein
Annehmen des Staates. Weiterhin das Aufbrechen der Lethargie, des Gefangenseins in der
eigenen Situation, dem Nichts-Ändern-können. Ein gegenseitiges Akzeptieren mit einem
Ende des Ausschlusses bzw. der Separation und des Rassismus wie der Anerkennung des
Fremden.
„Toleranz ist vor allem ein Mittel der Erkenntnis, weil es die Wahrscheinlichkeit erhöht, das
Alternativen gedacht werden können und Entscheidungen revidierber bleiben 62 “
60 Vergl.: Kotlowitz; S.28f und 79.
61 Vergl.: Eckert; S.18.
62 Eckert; S.12
24
6.Fazit
Die vorliegende Arbeit zeigt auf, wieviel Konfliktpotential im Textauszug enthalten ist. Sie verdeutlicht die Situation und liefert Hintergrundinformationen. Dabei wurden Konflikte methodisch eingeteilt, um kontrastreicher arbeiten zu können. Pierre Bourdieu beschreibt und analysiert mit Distanz. Er „benennt d as Kind nicht beim Namen“, sondern beschreibt sein Erkenntnisobjekt. Diese objektive Sichtweise kann als Distanz oder Kälte erfahren werden. Dieses läßt sich in der Psychologie durch den Eigenschutz erklären. Nach dem Lesen der Ausschnitte erfährt der Leser eine gewisse Ratlosigkeit, die Frage nach der Verarbeitung stellt sich. Einmal ist er mit der Verdauung des Inhalts beschäftigt, mit den präsentierten Zuständen, weiterhin mit der Frage, was mit dem Text anzufangen sei, da Bourdieu keine Lösungsansätze f ür Konflikte oder theoretische Einordnungen, wie andere Autoren, liefert. So ist der Leser auf sich selbst zurückgeworfen. Für Bourdieu ist es wichtig, empirisch aufzuzeichnen, d.h. ein Abbild der Realität zu schaffen.
Bourdieu beschreibt Zustände des symbolischen und kulturellen Konkurrenzkampfes. Konkurrenz trägt den Konflikt in sich, und mit ihr destruktive Kräfte. Konkurrenz verändert und beeinträchtigt Situationen, die bis zur Auflösung von Aktoren führen können. Der Konflikt liegt im Textausschnitt o ffen da. Die Einteilung und Nennung des Begriffes an sich, kann eine Übertragung der destruktiven Kräfte mitsichführen. Danach währe die Verarbeitung des Konfliktes nicht mehr unbeeinflußt möglich oder aber die Lösung sogar unmöglich. Dazu kommt, dass die bewußte Nennung des Begriffes den Konflikt selbst einteilt. Damit sind Grenzen gesetzt, die bei der Lösung hinderlich sein können.
Konflikte werden beschrieben und offen dargelegt. Für Bourdieu steht im Vordergrund, zu verstehen. Das Verstehen kann nicht auf Definitionen beruhen, sondern durch Erarbeitung des Ganzen.
25
Literaturverzeichnis
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Bonacker, Thorsten
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26
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