Inhaltsverzeichnis
1. Absicht der Untersuchung 1
2. Die ökosoziale Theorie Sozialer Arbeit von Wolf Rainer Wendt 2
2.1 Die Perspektive der Sozialwirtschaftslehre 3
2.2 Soziales Kapital 5
3. Sozial nachhaltige Entwicklung 7
3.1 Das Konzept Nachhaltige Entwicklung 7
3.2 Das Soziale Nachhaltiger Entwicklung 9
4. Zusammenfassende inhaltliche und formale Eindrücke Wendts Werkes 14
4.1 Vom ökosozialen Ansatz zu sozial nachhaltiger Entwicklung: Folgen einer
Modeerscheinung oder professionelle folgerichtige Theorieentwicklung? 14
4.2 Rezeption und Eindruck von Wendts Werk 17
5. Literaturverzeichnis 19
1. Absicht der Untersuchung
Dem Thema dieser Arbeit liegt die Beobachtung und Interpretation der Verfasserin zugrunde, dass das Konzept „Nachhaltige Entwicklung“ im Kontext der aktuellen Weiterentwicklung der ökosozialen Theorie Wolf Rainer Wendts sehr reduziert und vereinfacht appliziert worden ist. Wenn „Erhalt der Reproduktionsfähigkeit von Mensch, Natur und Kultur“ als sozialwirt schaftliche Ausbuchstabierung Nachhaltiger Entwicklung genannt wird (Wendt 2000, S. 15), sind damit einige grundlegende Aspekte (sozial) nachhaltiger Entwicklung ausgelassen wor den (z. B. intra und intergenerationelle Gerechtigkeit). In seinem neuesten Werk „Sozial ar beiten und sozial wirtschaften“ (Wendt 2004) ist der Einordnung seiner Theorie in den Dis kurs über Nachhaltige Entwicklung jedoch ein ganzes Kapitel gewidmet (Kapitel 6 „Nachhal tig sozial arbeiten und wirtschaften“). Dort geht Wendt vor allem auf die soziale Dimension Nachhaltiger Entwicklung ein, was einen Vergleich mit der eigenständigen sozialwissen schaftlichen Herleitung und Einbettung sozial nachhaltiger Entwicklung nahe legt. Dieser Vergleich wird mit vorliegender Arbeit angestellt.
Als Einstieg wird im zweiten Kapitel Wendts Theorie Sozialer Arbeit anhand zwei zentraler Aspekte vorgestellt. Seine Perspektive der Sozialwirtschaftslehre ist zentral für das Zusam mendenken von Ökologischem und Sozialem und lässt sich sowohl biografisch als auch bi bliografisch nachzeichnen. Der zweite Aspekt des Sozialen Kapitals verdeutlicht diese Sym biose und führt zur Anwendbarkeit des Konzeptes Nachhaltige Entwicklung hin. Das dritte Kapitel, welches sich mit der Beschreibung und Herleitung der sozialen Dimension Nachhal tiger Entwicklung befasst, steht losgelöst vom (sozial)pädagogischen Diskurs. Es wird auf allgemeine sozialwissenschaftliche Herleitungen rekurriert und zum Teil auf die politischen Entwicklungen eingegangen.
Der Vergleich des sozialpädagogischen Weges Wendts hin zu nachhaltiger Entwicklung mit dem allgemeinsozialwissenschaftlichen in der (vornehmlich deutschen) Wissenschafts und Politiklandschaft findet im vierten Kapitel statt. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass mit dieser Arbeit eine umfassende Analyse und Einordnung der Theorie Wendts in den Nachhal tigkeitsdiskurs vorgenommen werden kann (dazu müsste in die moralischethischen Implika tionen von Wendts Theorie vorgedrungen 1 und eine umfassendere Analyse des sozialwissen schaftlichen Diskurses vorgenommen werden), eine erste Einschätzung der Qualität der Be zugnahme Wendts auf Nachhaltige Entwicklung soll jedoch für weiterführende Überlegungen hilfreich sein.
1 Zur Vertiefung: Wendt, W.R. (1989): Eignung. Ethische Erwägungen. Diesterweg: Frankfurt am Main.
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2. Die ökosoziale Theorie Sozialer Arbeit von Wolf Rainer Wendt
Wendt entwickelte die ökosoziale Theorie Sozialer Arbeit in den 70er Jahren, in denen die deutsche Umweltdebatte auf ihrem Höhepunkt war und sozialwissenschaftlich mittels der Systemtheorie in einen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang gebracht worden ist (vgl. Engelke 1999, S. 350). Sie ist in „Ökologie und Soziale Arbeit“ (Wendt 1982) und später in „Ökosozial denken und handeln“ (Wendt 1990) ausgeführt worden. Den Gesamtzusammen hang, in den Wendt seine Theorie bringt, beschreibt er mit folgenden Worten (Wendt 2000b, S. 282 und 283):
„Schließlich findet sich die ökosoziale Theorie im Entwurf einer Sozialwirtschaftslehre wie der, die sowohl die Leistungen sozialer Organisationen und Unternehmungen als auch das auf individuelle und gemeinschaftliche Wohlfahrt gerichtete Engagement der formell und in formell beteiligten Menschen erfasst. [...] Der Ansatz 2 heit ökosozial, weil er die sozialen Themen in einen ökologischen Zusammenhang rückt und sie in ihm behandelt.“
Hieraus lässt sich herausarbeiten, dass Wendt seine Theorie in einen weit gefassten (politi schen) Zusammenhang stellt und Soziale Arbeit mit Wirtschaft und Wohlfahrt zusammen denkt. Als mit seiner Theorie verwandte Theoriediskurse benennt er somit die Stichpunkte Sozialmanagement, Ökonomisierung, Wohlfahrtsproduktion und Sozialraumorientiertung (Wendt 2000b, S. 282) und distanziert sich gleichzeitig von den „BindestrichÖkologien“, die der jeweiligen Disziplin den Natur und Umweltaspekt aufaddieren. Diese sind nicht Wendts Absicht. Er bezieht sich ausdrücklich nicht auf eine um Umwelt und Naturschutz erweiterte Soziale Arbeit, sondern sein Anliegen ist das Feld und der Raum „menschlicher Lebensgestal tung“ (Wendt 1990, S. 10). So kommt er laut Engelke (1999, S. 355) in seiner gesamten Lite ratur ohne das Wort „Umwelt“ aus. Sein Verständnis von Ökologie ist also eher anthropologi scher Art, da die Ökologie dazu auffordere, „die Menschen innerhalb der evolutionären, öko logischen und sozialen 'Ganzheiten' zu betrachten, deren Teile sie sind“ (Engelke 1999, S. 351).
Wendts Haltung und Menschenbild scheinen sich aus vielfältigsten Quellen philosphischer und spiritueller Art zu speisen. Aus den Literaturverzeichnissen lassen sich Bezüge auf die Stoiker, Tao, Aristoteles, Hannah Arendt und viele andere Denker finden, wobei er sich laut Strunk (o.J.) als Optimist und Humanist darstellt und sich sehr wohl von „pessimistischen“ Autoren wie Adorno, Baudrillard und Sennett abzugrenzen weiß. Als Vorsitzender der Deut
2 Wendt benutzt die Begriffe „Theorie“, „Konzept“ und „Ansatz“ ohne ausdrückliche Differenzierung (vgl. Engelke 1999, S. 356).
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schen Gesellschaft für Soziale Arbeit e. V. und MitHerausgeber der Zeitschrift „SOZIAL wirtschaft“ ist Wendt zeitgenössischer Gestalter Sozialer Arbeit in Deutschland.
2.1 Die Perspektive der Sozialwirtschaftslehre
Aus oben genanntem Zitat lässt sich ersehen, dass Wendt seine Theorie der Sozialen Arbeit als eine Ausformung einer Sozialwirtschaftslehre begreift. Sowohl das Buch „Ökologie und Soziale Arbeit“ (1982) als auch „Ökosozial denken und Handeln“ (1990) beginnt Wendt mit einem Kapitel über das Wirtschaften („Die Ökonomik des sozialen Lebens“ und „Von Haus aus - leitende Begriffe“). Der „Kategorie Oikos“ bzw. der sozialwirtschaftlichen Perspektive des Haushaltens ordnet Wendt weitere leitende Begriffe seiner Theorie unter (vgl. Wendt 1990, Kapitel 2), die für Soziale Arbeit relevant sind: Selbstorganisation, Lebenslage, Kompe tenzen, Ressourcen, Bewältigung, Unterstützung und Vernetzung werden unter dieser Per spektive ausbuchstabiert.
Das Prinzip des Haushaltens, bzw. die „Kategorie Oikos“, findet sich darüber hinaus auch schon im ersten Kapitel seines ersten Buches „Eignung. Ethische Erwägungen.“ (1989) wie der, worin sich Wendt ganz grundsätzlich auf die stoische Lehre der Oikeiosis bezieht. Es scheint sich hierbei also um einen, wenn nicht den, Kern der Theorie Wendts zu handeln. Den Leitbegriff Oikos (griechisch: Haus) beleuchtet Wendt historisch und wissenschaftlich von vielerlei Seiten (v.a. Wendt 1982, S. 10ff). Historisch stellte sich das alteuropäische Muster gemeinschaftlichen Lebens im 'ganzen Haus' dar, dem weit mehr als die Familienmitglieder angehörten; in der modernen Zeit wurden immer mehr Bereiche dieses 'ganzen Hauses' in das öffentliche Leben transferiert (Wendt 1982, S. 10) - Soziales trat ein in die Dimension der Ökonomie (siehe Kapitel 2.3).
Wendt trennt deutlich zwischen Sozialökonomie und Sozialwirtschaft (Wendt 2002, S. 15): Sozialökonomie war um 1900 ein Synonym für Politische Ökonomie bzw. Volkswirtschafts lehre und wird heute noch für die sozialen Bezüge des Wirtschaftens gebraucht, während So zialwirtschaft schon Teil des gegebenen Wirtschaftssystems ist. Die Sozialwirtschaftslehre beschäftigt sich mit dem „Interpretationszusammenhang, der eine Reihe von Grundannahmen, Konzepten und Kontextbezügen einschließt“ (ebd.). Die in eine Sozialwirtschaftslehre einge bettete Theorie sozialer Arbeit Wendts muss demzufolge normativ angelegt sein, zumal sich 'Soziale Arbeit' nach Wendt aus einer Grundmotivation generiert, etwas an den gesellschaftli chen Gegebenheiten zu verbessern (wozu eine Vorstellung von dem Guten bzw. etwas Besse rem vorhanden sein muss):
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„Der Vorgang, in einer Gesellschaft an den Lebensverhältnissen ihrer Angehörigen Anstoß zu nehmen und etwas mit dem Ziel zu tun, diese Verhältnisse zu bessern, wird [...] soziale Arbeit genannt.“ (Wendt 1982, S. 1)
Wie in der Nachzeichnung des sozialwissenschaftlichen Diskurses um soziale Nachhaltigkeit in Kapitel 2 zu sehen sein wird, sind Normativität und Ethik aus sozialen Dimensionen nicht wegzudenken. „Das Soziale“ ist schwer zu fassen und zu definieren; Wendt setzt es von vorn herein in einen ethischen und handlungsbezogenen Zusammenhang:
„Soziales impliziert von vornherein sowohl ethische, den Wert eines Handelns miteinander und füreinander betreffende Momente, als auch ökonomische, die gesellschaftliche, perso nen und situationsbezogene Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit des Handelns betreffende Momente.“ (Wendt xxxx, S. xx)
Obwohl oder gerade weil es sich um einen solchen normativen und ethischen Zusammenhang handelt, kann mittels der Perspektive der Sozialwirtschaft auf alle Ebenen gesellschaftlichen Zusammenlebens geblickt werden (vgl. Wendt 2002, S. 17):
• auf die Gesellschaft und die Wirtschaft im ganzen: sozialpolitische und volkswirtschaft liche Zusammenhänge (MakroEbene),
• auf die Organisationen mit sozialer Zweckbestimmung: Träger und Anbieter sozialer (Dienst)Leistungen (MesoEbene) und
• auf die Haushalte, in denen die Menschen ihre Leben führen (MikroEbene).
Dieses ausdifferenzierte System sozialer Zusammenhänge unterliegt laut Wendt in Deutsch land dem sozialwirtschaftlichen Paradigma, das „eine umsichtige, nachhaltige Wohlfahrtspro duktion, die eingebunden ist in einen 'welfaremix' aus privater und öffentlicher Daseinsvor sorge, Selbsthilfe und ziviler Lebensgestaltung“ besteht (ebd.). Die sozialwirtschaftliche Per spektive schließt offensichtlich im Gegensatz zur ökonomischen bzw. wirtschaftlichen Per spektive schwer fassbare und schwer messbare gesellschaftliche Ausprägungen ein. Wendt listet deutlich auf, was die ökonomische Dimension an Sozialem nicht erfasst (wichtig im Hinblick auf die verschiedenen Dimensionen des Konzeptes Nachhaltige Entwicklung):
„... die unterschiedlichen Arten und Weisen zu leben, sich täglich zu behaupten, naturgege benes Geschehen, die Ethik des Miteinanders, Glück im Alltag, das Beziehungsgeschehen zwischen Personen, Freundschaft und Liebe, die soziale Kultur und die Lebenskunst im gan zen mit all dem, was wir bevorzugen und was wir vernachlässigen.“ (Wendt 2002, S. 20)
Den Schlüssel dafür, Normatives, Qualitatives und Kontextgebundenes für die ökonomische
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Arbeit zitieren:
Bettina Soethe, 2007, Sozial nachhaltige Entwicklung im (sozial-)pädagogischen Fokus: Die ökosoziale Theorie sozialer Arbeit Wolf Rainer Wendts und sozial nachhaltige Entwicklung im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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