Arbeit zur Erlangung des Studienabschlusses Bachelor of Arts mit dem Thema: „Botho Strauß als Vorreiter eines neuen Konservatismus“ Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim
Manuel Wibbeke, Studierender im 6. Fachsemester
Hildesheim im Sommersemester 2007
Inhalt
5
I Exposition
7
II Die Geistesgeschichte des Konservatismus
1 Habermas über die Moderne und die Kritik daran. 7
2 Vom Politischen und Ästhetischen des Konservativen. 9
„Konservative Revolution“ 2.1 9
2.2 11 Die Romantik als Wurzel des neuen Konservatismus’ in der
Kunst.
2.3 „Schöpferische Restauration“ 12
3 Das strukturelle Problem des Konservatismus. 14
„hortus conclusus“ und der „poetische Fundamentalismus“ 16
III
1 Der Dichter wendet sich ab - „vollkommene Exkludierung“ 17
2 „Tiefenerinnerung“ und Intertextualität 18
3 Das Opfer als konservatives Element der Erinnerung am Bei-
spiel Ithaka. 21
4 Die Immanenz von Abkehr und Erinnerung im „poetischen
Fundamentalismus “ 23
5 Anschein der Figurenrede. 27
Botho Strauß’ Vorreiterrolle für einen neuen Konservatismus 28
IV
1 Eine Revolution zu viel 29
2 Aussichten für die Rolle des neuen Konservatismus’ 33
3 Schlussbemerkung. 35
V Siglenverzeichnis
VI Literaturverzeichnis
Exposition
I Exposition
Botho Strauß wird in der Regel mit dem Zusatz genannt, der Autor des „Anschwellenden Bocksgesangs“ zu sein. Und tatsächlich muss konstatiert werden, dass es sich bei dem „Bocksgesang“ wohl um seinen bekanntesten Text handelt. Die Ursache hierfür liegt im exponierten Veröffentlichungsort des Essays. Dieser erschien 1993 in dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL 1 und fand demnach eine breite Leserschaft. Auf-grund dieser Breitenwirkung und seines Inhalts, der Botho Strauß den Vorwurf einbrachte, präfaschistische Auffassungen zu vertreten, ergab sich eine hitzige und lang andauernde Debatte um den Autor und seine Haltung gegenüber der Demokratie und ihren Werten. Wenig später erschien dann eine ausführlichere Version in dem Sammel-band die „Die selbstbewußte Nation“ 2 , die die Auseinandersetzung in den Feuilletons weiter anheizte.
Zu Beginn soll eine Differenzierung und grundsätzliche Charakteristik des Konservativen durch Jürgen Habermas erfolgen, der schließlich den Konservatismus als durch die Moderne begründet verstanden wissen will und diesen in dreifacher Weise voneinander abgrenzt. Dieser eher allgemeinen Differenzierung sind politische Zuordnungen immanent, weshalb darauf folgend eine intellektuell-ästhetische Betrachtungsweise der konservativen Entwicklung vorgenommen werden soll.
Nachdem die Einführung des allgemeinen Konservatismusbegriffs geschehen ist, wird das dritte Kapitel der individuellen Poetik Strauß’ gewidmet. Abgesehen von dem „Anschwellenden Bocksgesang“ ist der Autor Botho Strauß eher unbekannt und Teil einer Diskussion, die nicht in den Massenmedien geführt wird. Inwiefern das der tiefen Überzeugung Strauß’ entspricht, wird noch ausführlich aufzuzeigen sein, denn elitäres Abwenden von der Gesellschaft und Rückzug aus derselben ist für Botho Strauß nicht bloß ein Ausdruck seiner Auffassung, sondern auch Teil seines Prinzips, Kunst zu schaffen und anzuerkennen.
Des Weiteren wird Botho Strauß vorgeworfen, aufgrund der ausgesprochenen Hermetik seiner Texte ausschließlich ein Autor für germanistische Seminare zu sein. Es erschien beispielsweise eine Ausgabe der Weimarer Beiträge nur zu der Debatte um den umstrit- 1 Vgl.Botho Strauß: Anschwellender Bocksgesang. In: Der SPIEGEL, 8.2.1993 (S. 202-207).
2 Vgl. Botho Strauß: Anschwellender Bocksgesang. In: Schwilk, Heimo; Schacht, Ulrich (Hg.): Die
selbstbewußte Nation. “Anschwellender Bocksgesang” und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte.
Frankfurt /Main - Berlin: Ullstein,1994 (S. 19 - 40).
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Exposition
tenen Essay „Anschwellender Bocksgesang“. 3 Es wird sich zeigen, dass Botho Strauß die Intertextualität aus zweierlei Gründen zum Produktionsprinzip erhebt. Einerseits stimmt diese mit seiner Auffassung überein, dass Literatur immer im Kontext des bereits Geschriebenen geschaffen werden kann. In „Paare, Passanten“ schreibt Strauß pathetisch: „Das Mal allen Schriebs hat jeder.“ (PP 79) Andererseits ist Intertextualität in seinen Texten die notwendige Folge, da seine Poetik auf der Erinnerung basiert. Die Erinnerung ist, wie noch zu zeigen sein wird, gleichzeitig Opfer und zu tragende Last, sowie Quelle dichterischen Schaffens.
Weiterhin wird zu untersuchen sein, inwiefern Botho Strauß’ Kunstauffassung mit konservativen Positionen korreliert. Nadja Thomas schreibt ihn einem „elitären gegenmodernen Ästhetizismus“ 4 zu, der das Politische verneint und das Ästhetische überhöht. Stefan Breuer hingegen bezeichnet Strauß als einen „ästhetischen Fundamentalisten“ 5 , obgleich in seinem Œuvre Berührungspunkte zur „Konservativen Revolution“ bestünden. Aus den Ausführungen Willers und Thomas’ soll der „poetische Fundamentalismus“ Strauß’ synthetisiert werden, dem allerdings das weitere Moment der Abgeschiedenheit von der Gesellschaft. Ebenso verbindet das Werk des Dichters Wissenschaftliches mit Politischem und Ästhetischem 6 , wodurch es einen postmodernen Charakter erhält, der die Verortung Botho Strauß als rückwärtsgewandten Antiliberalen unmöglich macht.
Um die Bedeutung Strauß als Vordenker eines ‚neuen Konservatismus‘ aufzuzeigen, werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den individuellen Poetiken von Michel Houellebecq und Botho Strauß dargelegt. Aus diesen Darstellungen resultierend wird schließlich ein Ausblick auf die Zukunftsfähigkeit dieses ‚neuen Konservatismus‘ gewagt werden.
3 Vgl. Sigrid Berka (Hg.): Das Werk von Botho Strauß und die ‚Bocksgesang‘-Debatte. In: Weimarer
Beiträge. H. 2. Wien: Passagen Verlag, 1994 (S. 162-320).
4 Nadja Thomas: „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“ - Botho Strauß und die „Konservative Revo-
lution“. Würzburg: Königshausen & Neumann GmbH, 2004; S. 8.
5 Nadja Thomas: „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“ - Botho Strauß und die „Konservative Revo-
lution“; S. 14. Die kategorialen Einordnungen und ihre Begriffe bleiben vorerst unerklärt und werden im
weitern Verlauf erläutert und differenziert.
6 Nadja Thomas: „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“ - Botho Strauß und die „Konservative Revo-
lution“; S. 15.
6
Theoretische Grundlagen des Konservatismus
II Theoretische Grundlagen des Konservatismus
Eingangs ist es notwendig darauf zu verweisen, dass es keine einheitliche Definition des Konservatismus gibt, weil sich das Attribut ‚konservativ‘ politisch, sozial, aber eben auch kulturell verwenden lässt. Daher gilt es vorerst eine theoretische Grundlage des Konservatismus aufzuzeigen, auf der die Betrachtung von Botho Strauß basieren kann. Jürgen Habermas hat in der Veröffentlichung „Die Moderne - ein unvollendetes Projekt“ 7 eine solche grundlegende Differenzierung und Beschreibung des Konservativen vorgenommen, weshalb im Folgenden darauf eingegangen werden soll. Allerdings genügt Jürgen Habermas’ Differenzierung ist insofern bedeutsam, als sie eine Grundlage für die konservative Haltung Strauß’ darstellt. Da sich Botho Strauß in seinen Texten mehrfach auf Rudolf Borchardt bezieht, und seine poetologisch-ästhetische Haltung in Anlehnung an den von Borchardt begründeten Begriff der „Schöpferischen Restauration“ formuliert, ist es weiterhin notwendig, die Ausdifferenzierung dieses Begriffs, sowie seine Abgrenzung zu anderen Begriffen wie „ästhetischen Fundamentalismus“ und „konservative Revolution“ vorzunehmen.
Schließlich wird das Konservative als ein Paradoxon aufgezeigt werden, da es sich stets in einem Dilemma befindet, welches dem Konservativen selbst immanent ist. Literarisch begegnen Thomas Mann und Botho Strauß diesem Dilemma mit den Mitteln der Ironie und Reflexion, die dieses Spannungsfeld aufzulösen suchen.
1 Habermas über die Moderne und die Kritik daran
Anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises der Stadt Frankfurt hat Jürgen Habermas eine Rede bezüglich der Moderne gehalten. Als „modern“ bezeichnet er die stetige Bildung eines neuen Bewusstseins, dass „sich zur Vergangenheit der Antike in Beziehung setzt, um sich selbst als Resultat eines Übergangs vom Alten zum Neuen zu begreifen“ 8 . Diese Aussage ist ebenso einfach wie differenziert, der Begriff ist demnach nicht als absoluter und festzusetzender zu verstehen, sondern relativ, er kann nur im Wechselspiel mit der aktuellen Lage verstanden und ausgebildet werden.
Die Beziehung zur Antike darf allerdings nicht als traditionalistischer Bezug verstanden werden, sondern dient bloß als Bezugspunkt für die Abgrenzung. Habermas macht diesen
7 Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze 1977-
1992. Leipzig: Reclam, 1992.
8 Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt; S. 33.
7
Theoretische Grundlagen des Konservatismus
Abgrenzungsprozess am „radikalisierte[n] Bewusstsein von Modernität“ 9 im neunzehnten Jahrhundert fest, welcher bloß die „Entgegensetzung zur Tradition“ 10 für sich behält. Diese Radikalität zeigt sich in den Ebenen der „Ästhetischen Moderne“ 11 und der „Kulturellen Moderne“ 12 , die ihre in „religiösen und metaphysischen Weltbildern ausgedrückte substanzielle Vernunft in drei Momente“ 13 aufspaltet, die anschließen nur noch argumentativ miteinander verknüpfbar sind. Demnach differenziert sich die Ratio in die „Wertsphären Wissenschaft, Kunst und Moral“ 14 . Analog dazu werden diesen Wertsphären die Eigengesetzlichkeiten der verschiedenen Wissenskomplexe (kognitiv-instrumentell, ästhetisch-expressiv und moralisch-praktisch) zugeordnet. 15 Das Resultat dieser Ausdifferenzierung ist die Institutionalisierung der einzelnen Bereiche, welche wiederum bedingt, dass jeder Wissenskomplex seine eigene interne Geschichte beschreibt. Letztlich führt der wachsende „Abstand zwischen den Experten und dem breiten Publikum“ 16 zu der Abspaltung dieser Bereiche von den Traditionen, weil der eigentliche Sinn des Projekts der Moderne darin besteht, objektivierende Wissenschaften zum Wohle aller einzurichten. Einerseits partizipiert die breite Masse bloß teilweise an den Erkenntnissen der gebildeten Institutionen, andererseits bleibt für sie eine traditionsentleerte Lebenswelt. 17 Aus diesen Resultaten ergeben sich für Jürgen Habermas drei verschiedene konservative Positionen, die sich in ihrer Relation zur Moderne und Aufklärung differenzieren lassen. Jungkonservative (Antimodernismus) wollen die Abkehr von der Moderne und der instrumentellen Vernunft und die Hinwendung zu einem auf den Gegensätzen von Gut und Böse basierenden Prinzip der suggestiven Erweckung von Vorstellungen und Bedürfnissen. 18
Altkonservative (Prämodernismus) stehen den ausdifferenzierten Wertsphären misstrauisch gegenüber und bleiben bei den Auffassungen vor der Moderne. Sie betrachten die Aufklärung als quasi nicht stattgefunden. 19
9 Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt; S. 34.
10 Ebd.
11 Vgl. Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt; S. 34. Auf die „Ästhetische Moder-
ne“ wird hier nicht näher eingegangen, da für den weiteren Prozess der Differenzierung und Abgrenzung
des Konservatismus-Begriffs keine Notwendigkeit bezüglich dieser Untersuchung besteht.
12 Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt; S. 38.
13 Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt; S. 41.
14 Ebd.
15 Vgl. Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt; S. 40.
16 Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt; S. 41.
17 Vgl. Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt; S. 41.
18 Vgl. Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt; S. 52.
19 Vgl. Jürgen Habermas: Die Moderne - ein unvollendetes Projekt; S. 53.
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Arbeit zitieren:
Manuel Wibbeke, 2007, Botho Strauß als Vorreiter eines neuen Konservatismus, München, GRIN Verlag GmbH
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