Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1 Möglichkeiten durch den demografischen Wandel - Ältere
ArbeitnehmerInnen als „Humankapital“
2
1.1 Eine Nation altert - Ausgewählte Aspekte zur Bevölkerungs-
entwicklung in Deutschland
3
1.2 „Die Zukunft der Pflege sieht alt aus “ - Situation der
Erwerbst ätigkeit älterer ArbeitnehmerInnen in Pflegeberufen
4
1.3 Risiken erkennen, Probleme lösen: Der Pflegenotstand als
Handlungsanreiz für Einrichtungen des Gesundheitswesens
8
1.4 Ohne eine „alternsgerechte“ Personalpolitik geht es nicht 9
2 Ältere ArbeitnehmerInnen - Ein unentdecktes Wirtschaftspotenzial 11
2.1 Potenziale und Wettbewerbsvorteile der Generation 50 12
2.2 Die Defizitorientierung blockt die Stärkenperspektive - Wandel 14
vom Defizit- zum Kompetenzmodell
2.3 Arbeitsbelastungen unter der Lupe: Wenn Pflege im Alter zur 16
Last wird
2.4 Fit bis zur Rente - Was ältere ArbeitnehmerInnen brauchen 18
3 Erste Schritte zur Nutzung von Potenzialen älterer 20
ArbeitnehmerInnen
3.1 Frührente ade - Arbeitsmarktpolitik im Wandel 21
3.2 Die Pflege im Aufbruch: Neue Ansätze für alterndes 23
Pflegefachpersonal
3.3 Erfahrungen anderer nutzen: Förderung der Beschäftigung 28
älterer ArbeitnehmerInnen in anderen Berufszweigen
3.4 Nordeuropa als Vorreiter - Beschäftigung und Arbeitsfähigkeit 33
älterer ArbeitnehmerInnen im europäischen Vergleich
4 Erfolgreich mit älteren ArbeitnehmerInnen - Strategien für ein 37
zukunftsf ähiges Unternehmen im Gesundheitswesen
4.1 Eine alter(n)sgerechte Führung und ein zukunftsorientiertes 38
Personalmanagement gewährleisten
4.2 Die Qualifikation der ArbeitnehmerInnen durch lebenslanges 41
Lernen fördern
4.3 Die Arbeitsfähigkeit durch Gesundheitsförderung erhalten 43
4.4 Die Arbeitsorganisation und -gestaltung den Bedürfnissen und 44
F ähigkeiten anpassen
Einleitung
Durch den demografischen Wandel und die kontinuierliche Anhebung des Renteneintrittsalters entstehen neue Herausforderungen für den Bereich der Personalentwicklung. Insbesondere in Pflegeberufen, in denen ArbeitnehmerInnen 1 großen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt sind, müssen neue Konzepte geschaffen werden, um auf das steigende Durchschnittsalter der Erwerbstätigen zu reagieren. Als besonders problematisch werden in der Literatur zwei Trends beschrieben: Zum einen der Mangel an Fachkräften in Pflegeberufen, wobei die bestehenden Belegschaften immer älter werden. Zum anderen die Überalterung der Bevölkerung und ein tendenzieller Anstieg von Schwer- und Schwerstpflegebedürftigen, die auf professionelle Hilfe angewiesen sein werden. Eine umfassende pflegerische Versorgung kann langfristig nur dann sichergestellt werden, wenn Pflegekräfte im Beruf verbleiben, die bis ins hohe Alter gesund, leistungsfähig und motiviert sind 2 . Ausgehend von dieser Problematik soll diese Bachelor-Arbeit zu folgenden Fragestellungen eine Antwort liefern:
• Welche Kompetenzen und Potenziale besitzen ältere AN in Pflegeberufen, die in Gesundheitseinrichtungen effektiv genutzt werden könnten (Kapitel 2)?
• Welche Voraussetzungen machen es notwendig sich über eine veränderte Personalpolitik Gedanken zu machen? Werden zukünftige Problemlagen erkannt (Kapitel 1)?
• Welche Strategien oder Lösungsansätze gibt es, um ältere Erwerbstätige sinnvoll und gezielt einzusetzen (Kapitel 3 und 4)?
• Gibt es in anderen Berufsgruppen oder Wirtschaftszweigen Konzepte, die adaptiert werden können? Bieten andere Länder spezifische Konzepte, welche übertragbar scheinen (Kapitel 3)?
Grundlage dieser wissenschaftlichen Arbeit ist die Literaturanalyse. Dabei konnte ich durch eine umfassende Online-Recherche mittels PubMed und Google-Scholar, durch Hand- und Katalogsuche in der Deutschen Nationalbibliothek, der Bibliothek der Evangelischen Fachhochschule
1 Im Folgenden abgekürzt mit AN.
2 vgl. Weigl; Müller; Angerer 2009, Seite 14 Seite | 1
Darmstadt und der Fachhochschule Frankfurt am Main, der Recherche in den Fachzeitschriften „Die Pflege“ (in den Jahrgängen 1999 bis 2010) und „Die Schwester, der Pfleger“ (Jahrgang 2000 bis 2010) sowie mittels Schneeballeffekt auf einen breiten und möglichst aktuellen Wissensbestand zur Thematik zurückgreifen. Der Fokus lag dabei sowohl auf den besonderen Anforderungen des Pflegeberufs im Zusammenhang mit altersphysiologischen Vorgängen, als auch auf Maßnahmen zur Nutzung und zum Erhalt der Potenziale älterer AN. In einigen Wirtschaftszweigen sowie insbesondere in den nordeuropäischen Ländern sind Konzepte zur Förderung der Erwerbsfähigkeit als Reaktion auf die steigende Zahl älterer AN bereits weit verbreitet. In zahlreichen Veröffentlichungen werden Problemlagen und Lösungsansätze beschrieben wie auf die demografischen Veränderungen eingegangen wird und werden kann. Die Arbeitsbelastungen, denen ArbeitnehmerInnen in Pflegeberufen ausgesetzt sind, sind besonders hoch. Es ist zu beobachten, dass viele Beschäftigte frühzeitig aus dem Beruf ausscheiden. Daher scheint es mir besonders interessant für dieses Tätigkeitsfeld personalpolitische Strategien aus pflegewissenschaftlicher Perspektive zu beleuchten.
Beginnen möchte ich mit der Darstellung einiger ausgewählter Aspekte zum demografischen Wandel und dessen Auswirkungen auf Einrichtungen des Gesundheitswesens (Kapitel 1). Kapitel 2 soll Potenziale und Problemlagen älterer AN näher beleuchten. Abschließend sollen in Kapitel 3 und 4 konkrete Möglichkeiten zur Nutzung der Fähigkeiten der Beschäftigten anhand von Praxisbeispielen dargelegt werden.
1 Möglichkeiten durch den demografischen Wandel - Ältere
ArbeitnehmerInnen als „Humankapital“
Der demografische Wandel avanciert mehr und mehr zu einer Heraus-forderung, der sich Unternehmen stellen müssen, um eine nachhaltige Personalpolitik gewährleisten zu können. Gerade im Gesundheitswesen haben Führungskräfte eine große Verantwortung, da sie neben der steigenden Zahl von Pflegebedürftigen auch auf verschiedene personelle Veränderungen reagieren müssen. Zum einen der Rückgang zur Verfügung stehender Erwerbspersonen, die entsprechend qualifiziert sind, zum anderen einer Überalterung der Belegschaft sowie potentieller Beschäftigter. Dabei
Seite | 2
sollte der demografische Wandel aber nicht als Bedrohung oder unabänderliches Schicksal missverstanden werden, sondern als ein „gesellschaftlicher Veränderungsprozess, der durchaus Chancen beinhaltet“ 3 und den es aktiv zu gestalten gilt. Ältere AN sind dabei nicht als Kostenfaktor oder Belastung zu betrachten, „sondern als Humankapital und Gewinn“ 3 . Im Folgenden möchte ich ausgewählte Aspekte zur Bevölkerungsentwicklung konkreter darstellen. Anschließend soll geklärt werden, welche Auswirkungen die demografischen Veränderungen auf die Erwerbstätigkeit im Gesundheitswesen haben. Zum Abschluss sollen Problemlagen für die Personalentwicklung im Gesundheitswesen erörtert und Anforderungen an eine nachhaltige Personalpolitik aufgezeigt werden.
1.1 Eine Nation altert - Ausgewählte Aspekte zur Bevölkerungs-
entwicklung in Deutschland
Im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland zeichnen sich in Übereinstimmung mit der gängigen Fachliteratur folgende Trends ab:
• Die Geburtenzahlen werden zukünftig weiter zurückgehen. Im Gegensatz dazu wird die Zahl der Sterbefälle trotz der sich stetig verbessernden Lebenserwartung ansteigen, da die geburtenstarken Kohorten ins vorgerückte Lebensalter hineinwachsen 4 .
• Es kommt zu einer gravierenden Verschiebung der Altersstruktur hin zu den Älteren und damit zu einem erheblichen Anstieg des Durchschnittsalters. Während 2008 die Bevölkerung noch zu 19% aus jungen Menschen unter 20 Jahren bestand, 61% zwischen 20 und 65 Jahre und die übrigen 20% über 65 Jahre alt waren, wird im Jahr 2060 bereits jeder Dritte 65 Jahre oder älter sein 4 (siehe Abb. 1, Anhang).
• Demgegenüber sinkt die Zahl der Erwerbspersonen radikal: 2008 waren noch rund 50 Millionen Menschen in Deutschland im erwerbsfähigen Alter (20 bis 65 Jahre), 2060 werden es nur noch 36 Millionen sein 4 .
• Auch die Zahl der Zuwanderungen kann die demografischen Veränderungen nicht kompensieren 4 .
3 Hirschberg; Kähler; Kromark 2009, S. 33/ 34, online unter: http://www.bgw-online.de/
internet/generator/Inhalt/OnlineInhalt/Medientypen/bgw_20forschung/Wartburg__
Symposium__Demografischer__Wandel,property=pdfDownload.pdf [Abruf: 26.02.2010]
4 vgl. Statistisches Bundesamt 2009, S. 5/ 6, online unter: http://www.destatis.de/
jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pk/2009/Bevoelkerung/
pressebroschuere__bevoelkerungsentwicklung2009,property=file.pdf [Abruf: 26.02.2010] Seite | 3
Unternehmen stehen damit vor einer wachsenden Herausforderung, da immer mehr AN bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter - derzeit 67 Jahre
- arbeiten werden 5 . Um zu gewährleisten, dass die Erwerbstätigen auch bis ins hohe Alter gesund, fit und motiviert im Beruf verbleiben, müssen Veränderungen sowohl auf der Makroebene (Politik - vor allem Gesetzgebung - und Gesellschaft), als auch auf der Mesoebene (Unternehmen und deren Abteilungen) und auf der Mikroebene (bei den Individuen selbst) stattfinden.
1.2 „Die Zukunft der Pflege sieht alt aus!“ - Situation der
Erwerbstätigkeit älterer ArbeitnehmerInnen in Pflegeberufen
Bevor ich auf die Situation der Erwerbstätigkeit älterer AN in Pflegeberufen eingehen kann, muss zunächst erst einmal geklärt werden, wer sich hinter dem Begriff „ältere ArbeitnehmerInnen“ verbirgt. Im medizinisch-biologischen Sinne beginnt das höhere Lebensalter erst ab einem Alter von etwa 80 Jahren 6 . Die menschliche Erwerbsbiografie endet aber schon deutlich früher. Nach Sichtung der themenbezogenen Fachliteratur fällt auf, dass die Abgrenzung dieser Lebensspanne höchst uneinheitlich ist. So werden je nach Branche und beruflichem Kontext schon die ab 40-Jährigen hinzugezählt, anderen Quellen zufolge beginnt die Altersgrenze bei 45, 50 oder gar 55 Jahren bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter 7 . Die Zuordnung gestaltet sich schwierig, da Altern ein Veränderungsprozess ist, der sich „fließend, individuell verschieden und in unterschiedlichem Tempo“ vollzieht 8 . Laut OECD 9 sind ältere AN diejenigen Personen, welche „in der zweiten Hälfte des Berufslebens stehen, noch nicht das Pensionsalter erreicht haben und gesund und arbeitsfähig sind“ 10 . In verschiedenen Studien wird darüber hinaus noch zwischen „alternden Erwerbstätigen“ - zwischen dem 40. und
54. Lebensjahr - und „älteren Erwerbstätigen“ - von 55 Jahren bis zum Renteneintritt - unterschieden 11 . Einigkeit herrscht jedoch darüber, dass nicht das kalendarische Alter ausschlaggebend ist, sondern Faktoren wie
5 vgl. ABI-NRW 2005, S. 3, online unter http://www.iq-consult.de/data/abibroschre_
deutsch.pdf [Abruf: 26.02.2010]
6 vgl. Müller 2009, S. 10
7 vgl. Brandenburg; Domschke 2007, S. 63/ 64
8 Bartscher 2008, S. 3
9 Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
10 Bartscher 2008, S. 3; Brandenburg; Domschke 2007, S. 63/ 64
11 vgl. Wurm 2006, S. 11/ 12 Seite | 4
„Geschlecht, Kultur, Gesundheit, Ökonomie, Art und Branche der beruflichen Tätigkeit und der Zeitgeist die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe“ 12 bestimmen. Im Folgenden werde ich mich daher nicht auf spezifische Altersgrenzen beziehen, da diese ohnehin je nach Studie variieren. Vielmehr möchte ich im Bezug auf den demografischen Wandel einen generationsübergreifenden Blick einnehmen, da die jungen AN von heute die älteren Erwerbspersonen in der Zukunft sein werden.
Wie bereits erwähnt, führt der demografische Wandel zu einer Veränderung der Belegschaft in Einrichtungen des Gesundheitswesens. Der Pflegeberuf weist darüber hinaus weitere Besonderheiten auf, die in diesem Kontext nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. An erster Stelle ist zu nennen, dass in der pflegerischen Versorgung noch immer überwiegend Frauen beschäftigt sind. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes waren 2005 83% der Beschäftigten im Gesundheitssektor Frauen 13 . Frauen sind vom demografischen und sozialen Wandel besonders betroffen. Die steigenden Scheidungsraten etwa haben zu einer höheren Zahl allein erziehender Mütter geführt. „Diese sind häufig mit der Situation konfrontiert, schlechtere Arbeitsbedingungen akzeptieren zu müssen. Sie nehmen befristete Arbeitsverträge, ungünstige Arbeitszeiten oder auch ungewollte Teilzeittätigkeiten in Kauf, um auch der Erziehungsaufgabe gerecht zu werden“ 14 . Es kommt zu einer Veränderung bisher typischer Erwerbsverläufe und einem steigenden Druck möglichst lange im Beruf zu verbleiben, um das Einkommen im Alter zu sichern.
Darüber hinaus stellt die Pflege einen potenziellen Aussteigerberuf dar: „Im gesamtdeutschen Durchschnitt bleiben Pflegekräfte zehn Jahre im Beruf. Ein großer Anteil der Pflegenden denkt an vorzeitigen Berufsaustritt“ 15 . Berufsverbleiber hingegen sind zunehmend kritischeren Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Bereits jetzt entstehen in einigen Regionen Personalengpässe, da nicht mehr ausreichend Fachkräfte rekrutiert werden können 15 . Eine Antwort auf die defizitäre Situation ist die Verbesserung der Arbeits-
12 Niederfranke1994, S. 153, zit. n. Müller 2009, S. 10
13 vgl. Statistisches Bundesamt 2005, S. 7, online unter: http://www.pub.arbeitsagentur.de/
hst/services/statistik/000100/html/sonder/Gesundheitsbroschuere2000-2006b.pdf [Abruf:
26.02.2010]
14 BGW 2007, S. 17, online unter: http://www.bgw-online.de/internet/generator/Inhalt/
OnlineInhalt/Medientypen/bgw_20themen/TS-AP07-11__Pflegereport2007,property=
pdfDownload.pdf [Abruf: 26.02.2010]
15 Weigl; Müller; Angerer 2009, S. 15 Seite | 5
bedingungen in Kombination mit einer effizienteren Nutzung der Potenziale älterer AN in Pflegeberufen.
Hinsichtlich der Unterschiede in verschiedenen Pflegesettings fällt auf, dass die Gruppe der Krankenhausangestellten die größte Gruppe bildet, gefolgt von den Beschäftigten der stationären bzw. teilstationären Pflege, nachfolgend die der ambulanten Pflege und Rehabilitationseinrichtungen (siehe Abb. 2, Anhang). Im Hinblick auf die älteren AN ist ersichtlich, dass in Relation zur Gesamtbeschäftigtenzahl im stationären/ teilstationären Bereich der höchste Anteil zu finden ist. Hier waren 2007 etwa 25% der Mitarbeiter älter als 50 Jahre, in der ambulanten Pflege waren es 23%, im Krankenhaus sogar nur 22% (Abb. 3).
Abbildung 3 zeigt die Beschäftigungsanteile der über 50-Jährigen im Zeitverlauf von 1997 bis 2007. Auffällig ist, dass in den verschiedenen Gesundheitseinrichtungen der Beschäftigungsanteil älterer AN angestiegen ist. Ursächlich hierfür sind neben dem demografischen Wandel Veränderungen der Gesetzgebung wie die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, die Aufhebung bis dahin üblicher Frühverrentungspraktiken sowie ein Umdenken der Personalverantwortlichen in den Einrichtungen. Neben der generellen Beschäftigungssituation Pflegender sind auch Angaben zur Arbeitsfähigkeit und zum Gesundheitszustand von Interesse. So gaben in einer Umfrage zur subjektiven Einschätzung der erwarteten Arbeitsfähigkeit bis zur Rente 39% der Befragten an, dass sie davon ausgehen bis zur Rente arbeitsfähig zu sein, während 42% dies klar
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verneinten,18% waren unentschlossen 16 . Schlechter schnitten bei dieser Befragung nur die Bauberufe, andere Berufe im Sozial- und Ernährungswesen sowie Reinigungsberufe ab 16 . Auch die Beurteilung der derzeitigen Arbeitsfähigkeit laut der KRISTA-Studie 2004/ 2005 zeigt, dass gerade ältere AN in Pflegeberufen ihre Arbeitsfähigkeit schlechter einschätzen als die jüngeren Kollegen (Abb. 4, Anhang) 17 . 5,8% der älteren Befragten beurteilten ihre Arbeitsfähigkeit sogar als sehr schlecht bis arbeitsunfähig 18 . Auch bei den Angaben zum Gesundheitszustand zeigt sich ein ähnliches Bild (Abb. 4, Anhang). Hier schätzen 32% der Älteren ihren Gesundheitszustand als weniger gut oder schlecht ein, bei den unter 50 Jährigen waren es nur 11,4% 18 . Unklar dabei bleibt, ob allein das erhöhte Lebensalter ursächlich ist und inwieweit die über Jahre andauernden Arbeitsbedingungen in der Pflege Einfluss auf die Ergebnisse genommen haben.
Im Rahmen des BGW-DAK-Gesundheitsreports für die stationäre Altenpflege (2003) und die ambulante Pflege (2006) wurden Angaben über den Krankenstand und die Falldauer bei Erkrankungen von Fachpersonal in der Pflege ermittelt 19 . Dabei fallen folgende Besonderheiten auf: Die beschäftigten Männer waren in beiden Settings seltener krank als die Frauen. Im Hinblick auf den Krankenstand sind Pflegefachkräfte in der ambulanten Versorgung seltener krank als die im stationären Bereich. Krankenstand und Falldauer nehmen mit steigendem Alter der Erwerbstätigen zu. Während der Krankenstand allmählich und eher gering ansteigt, kommt es bei der Falldauer zu einem erheblichen Anstieg (etwa von 7-8 Tagen bei den bis 29 Jährigen bis 17-18 Tage bei den über 50-Jährigen) 19 . Ursache hierfür ist vermutlich die längere Regenerationsphase die ältere Menschen benötigen, um ihre Gesundheit und die daraus resultierende Arbeitsfähigkeit infolge einer Erkrankung wiederherzustellen. Aus den genannten Erkenntnissen kann geschlussfolgert werden, dass Pflegende im
16 Kistler; Trischler; Ebert 2008, S. 11, online unter: http://www.dgb-index-gute-arbeit.de/
downloads/publikationen/data/arbeitsfaehig_bis_zur_rente_2008_website.pdf
[Abruf: 23.03.2010]
17 In der „Kreuz-Interventions-Studie in der Altenpflege“ (KRISTA) wurden in den Jahren
2004 und 2005 insgesamt 2.162 Pflegekräfte in 110 Einrichtungen der ambulanten und
stationären Altenpflege zu ihren Arbeitsbedingungen und ihrem Gesundheitszustand befragt.
Von diesen Beschäftigten waren 22,8 Prozent 50 Jahre und älter.
18 BGW 2007, S. 35, online unter: http://www.bgw-online.de/internet/generator/Inhalt/
OnlineInhalt/Medientypen/bgw_20themen/TS-AP07-11__Pflegereport2007,property
=pdfDownload.pdf [Abruf: 26.02.2010]
19 vgl. ebd., S. 36-38 Seite | 7
fortgeschrittenen Erwerbsalter nicht wesentlich häufiger, aber länger krank sind. Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention sind daher ein wesentliches Element, um die Arbeitsfähigkeit von Pflegenden bis ins Renteneintrittsalter zu erhalten.
1.3 Risiken erkennen, Probleme lösen: Der Pflegenotstand als
Handlungsanreiz für Einrichtungen des Gesundheitswesens
Der demografische Wandel hat zum Teil dramatische Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und auf Einrichtungen des Gesundheitswesens. Dazu gehören unter anderem 20 :
• Eine Erhöhung des Durchschnittsalters der Belegschaften,
• Ein steigender Anteil an älteren ArbeitnehmerInnen,
• Ein Mangel an jungen Nachwuchskräften in den Einrichtungen,
• Eine Verschärfung der Konkurrenzsituation zwischen verschiedenen Einrichtungen um qualifizierte Arbeitskräfte, wobei der höchste Anteil qualifizierter Kräfte unter den älteren Erwerbstätigen sein wird,
• Das „senior recruitment“ - der Begriff meint die veränderte Einstellungspolitik von Unternehmen mit Fokus auf alternde und ältere Erwerbspersonen - gewinnt an Bedeutung,
• Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit,
• Die Notwendigkeit alter(n)sgerechte Arbeitsplätze zu schaffen, die es ermöglichen bis 67 Jahre oder länger arbeiten zu können,
• Einen möglichen Know-how-Verlust durch die zeitgleiche Berentung vieler älterer ArbeitnehmerInnen.
Neben dem gesteigerten Bedarf an kompetentem Pflegefachpersonal kommt es zu einer erhöhten Nachfrage durch den deutlichen Zuwachs von Pflegebedürftigen. Die Berechnungen dazu gehen stark auseinander: „So schätzt das DIW 21 , dass die Zahl der pflegebedürftigen Personen bis zum Jahr 2050 auf 4,7 Millionen steigen wird. Vorsichtigere Modelle gehen davon aus, dass es im Jahr 2040 bis zu 3,26 Millionen Pflegebedürftige geben könnte" 22 . Zudem weisen die Klienten aller Voraussicht nach eine höhere
20 vgl. Seitz 2004 a, S. 9
21 Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung
22 BGW 2007, S. 19, online unter: http://www.bgw-online.de/internet/generator/Inhalt/
OnlineInhalt/Medientypen/bgw_20themen/TS-AP07-11__Pflegereport2007,property=
pdfDownload.pdf [Abruf: 26.02.2010] Seite | 8
Multimorbidität auf und es wird zu einem Zuwachs von chronischen Erkrankungen kommen 23 . Infolgedessen klafft die Schere zwischen Angebot und Nachfrage in allen pflegerischen Versorgungsbereichen immer weiter auseinander 24 . Bereits jetzt stehen ArbeitnehmerInnen in Einrichtungen des Gesundheitswesens durch Leistungsverdichtung und den in den letzten Jahren praktizierten Stellenabbau zugunsten von Kosteneinsparungen unter einem enormen Druck. Das Ziel, die Erwerbstätigen fit und motiviert bis ins Rentenalter zu halten, scheint angesichts des sich bereits in einigen Regionen abzeichnenden Pflegenotstands in weite Ferne gerückt 25 . Besonders prekär erscheint in diesem Zusammenhang, dass vielen Einrichtungen noch gar nicht bewusst ist, dass sie ein Problem haben. Gerade im Gesundheitswesen wurde der Altersstrukturwandel bislang in vielen Unternehmen weder wahrgenommen noch thematisiert 26 . Nur wenn die Einrichtungen in der Lage sind Risiken im Hinblick auf künftige Personalengpässe zu erkennen, können langfristig personalpolitische Maßnahmen geplant werden. Die verstärkte Einbindung der älteren Erwerbstätigen scheint mir dabei ein wesentlicher Ansatz, um das Bestehen und den Erfolg der Unternehmen zu sichern. Hauptanliegen dieser Arbeit soll daher sein, aufzuzeigen wie durch die effektivere Nutzung von Potenzialen älterer AN eine demografie-angepasste, nachhaltige Unternehmenspolitik in Pflegeeinrichtungen geschaffen werden kann.
1.4 Ohne eine „alternsgerechte“ Personalpolitik geht es nicht!
Die dargestellte Problematik macht deutlich, dass Einrichtungen im Gesundheitswesen der Gesundheit und Motivation ihres Personalsunabhängig vom Alter - mehr Bedeutung zukommen lassen müssen. Dabei gilt es Potenziale der AN zu erkennen, zu nutzen und die Arbeitsgestaltung an die Bedürfnisse anzupassen 27 . Ältere AN werden in Zukunft eine der
23 vgl. Weigl; Müller; Angerer 2009, S. 15
24 vgl. BGW 2009, S. 8/ 9, online unter: http://www.bgw-online.de/internet/generator/Inhalt/
OnlineInhalt/Medientypen/bgw_20themen/TP-AAg-11U-Aelter-werden-im-Pflegeberuf,
property=pdfDownload.pdf [Abruf: 26.02.2010]
25 Schulz; Löhr 2008, S. 660
26 BAuA 2008, S. 25, online unter: http://www.inqa.de/Inqa/Redaktion/Zentralredaktion/PDF/
Publikationen/mit-erfahrung-zukunft-meistern-pdf,property=pdf,bereich=inqa,sprache=de,
rwb=true.pdf [Abruf: 26.02.2010]
27 vgl. Hirschberg; Kähler; Kromark 2009, S. 28/ 29, online unter: http://www.bgw-online.de/
internet/generator/Inhalt/OnlineInhalt/Medientypen/bgw_20forschung/Wartburg__
Symposium__Demografischer__Wandel,property=pdfDownload.pdf [Abruf: 26.02.2010] Seite | 9
größten Gruppen der Belegschaften bilden, daher ist es sinnvoll sich bereits heute Gedanken zu machen inwieweit die Personalpolitik demografie-orientiert und „alternsgerecht“ gestaltet werden kann. Die Begriffe „altersgerecht“ und „alternsgerecht“ suggerieren, dass die Arbeitsfähigkeit nicht in jedem Lebensabschnitt gleich ist und die Arbeitsbedingungen an die sich verändernden Fähigkeiten der AN angepasst werden müssen 28 . Während sich der Terminus „altersgerecht“ eher auf den aktuellen Zustand bezieht, meint „alternsgerecht“ eine in die Zukunft gerichtete und von Nachhaltigkeit geprägte Dimension des Arbeitens 28 . Wenn ich im Folgenden von „alternsgerecht“ spreche, so bedeutet dies, dass Handlungsempfehlungen darauf abzielen Stärken und Kompetenzen der alternden Erwerbstätigen zu fördern und Schwächen durch eine effizientere Arbeitsgestaltung zu reduzieren. Dennoch möchte ich noch einmal betonen, dass es nicht darum geht ausschließlich bessere Bedingungen für ältere AN zu schaffen, sondern vielmehr einen generationsübergreifenden Blick einzunehmen 29 , da eine Personalpolitik nur nachhaltig sein kann, wenn sie auch die zukünftigen Generationen beachtet. Dass Veränderungen in verschiedenen Ebenen der Gesundheitseinrichtungen bedeutungsvoll und erforderlich sind, haben bereits die beschriebenen demografischen Auswirkungen belegt. Aber welche Anforderungen werden an ein zukunftsfähiges Unternehmen gestellt und wo müssen Strategien ansetzen? Zu einer zukunftsorientierten Personalpolitik gehören beispielsweise 30 :
• Eine gesunde Altersstruktur, also ein ausgewogenes Verhältnis aller Altersgruppen,
• Eine alternsgerechte Gestaltung der Arbeit, bei der die Gesundheit, Qualifizierung und Motivation erhalten und gesteigert sowie Erfahrungswissen älterer AN effektiv genutzt wird.
• Eine Flexibilisierung bisher gekannter Arbeitsstrukturen. Das meint längere und veränderte Erwerbsbiografien, den Wandel der Beschäftigungs- und Hierarchieformen sowie Veränderung und Auflockerung bestehender Arbeitsorganisationskonzepte.
28 vgl. Kistler; Ebert; Guggemos; Lehner; Buck; Schletz 2006, S. 26/ 27, online unter:
http://www.baua.de/nn_11598/de/Publikationen/Fachbeitraege/Gd49,xv=vt.pdf?
[Abruf: 26.02.2010]
29 vgl. Gatter 1997, S. 23
30 vgl. ABI-NRW 2005, S. 4/ 5, online unter: http://www.iq-consult.de/data/abibroschre_
deutsch.pdf [Abruf: 26.02.2010] Seite | 10
• Die Rekrutierung bislang unerschlossener Personengruppen - Stichwort „senior recruitment“. „Gefordert ist eine neue Personalpolitik, die bewusst die bisherige Idealtypisierung „jung und männlich“ verlässt“ 31 .
• Eine stärkere Bindung an das Unternehmen zur Verringerung der Fluktuation - gerade in Pflegeberufen. Dies kann beispielsweise durch eine bedürfnisorientierte Ausrichtung der Arbeitszeiten erfolgen. Dies sind nur einige ausgewählte Aspekte, welche Anforderungen bei einer Neuausrichtung personalpolitischer Maßnahmen beachtet werden müssen. Nur durch ein demografie-orientiertes Umdenken können Einrichtungen im Gesundheitswesen ihr Bestehen und ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern. Konkrete Beispiele finden sich in Kapitel 3 und 4. Zunächst möchte ich aber auf Potenziale älterer AN eingehen, die in Unternehmen verstärkt genutzt werden sollten.
2 Ältere AN - Ein unentdecktes Wirtschaftspotenzial
Im Hinblick auf die Fähigkeiten und Potenziale älterer AN möchte ich zuerst einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Thematik Leistungsfähigkeit und Alter geben. Grundsätzlich ist zu sagen, dass im Laufe des Lebens eine Veränderung der menschlichen Leistungsstruktur stattfindet. Der jahrelang postulierte Abbau körperlicher und geistiger Fähigkeiten mit zunehmendem Lebensalter muss allerdings differenzierter betrachtet werden (siehe Tab. 1, Anhang) 32 . Zwar verringern sich einzelne Fähigkeiten wie Muskelkraft, Kurzzeitgedächtnis oder Reaktionsvermögenmeistens aber erst nach dem 60. Lebensjahr, im Gegensatz dazu kommt es aber auch zu einer Zunahme von Kompetenzen und Fertigkeiten 32 . Kistler et al. (2006) gehen davon aus, dass es durch äußere Einflussfaktoren wie private Lebensführung, Sozialisation oder bisherige Leistungsanforderungen zu einer Zunahme interindividueller Leistungsunterschiede mit steigendem Lebensalter kommt 33 . „Altersspezifische Leistungsdefizite sind somit das Ergebnis defizitärer Arbeits- und Lebensbedingungen. Auch Dequalifikation und Verlernen der Lernfähigkeit ist kein Ergebnis des Alterns, sondern ein
31 vgl. ABI-NRW 2005, S. 5, online unter: http://www.iq-consult.de/data/abibroschre_
deutsch.pdf [Abruf: 26.02.2010]
32 vgl. Seitz 2004 a, S. 10; vgl. Klump; Lau; Siehlmann; Pflüger; Terjung 1994, S. 17
33 vgl. Kistler; Ebert; Guggemos; Lehner; Buck; Schletz 2006, S. 92, online unter:
http://www.baua.de/nn_11598/de/Publikationen/Fachbeitraege/Gd49,xv=vt.pdf?
[Abruf: 26.02.2010] Seite | 11
Arbeit zitieren:
Katrin Möller, 2010, Nutzung der Potenziale älterer ArbeitnehmerInnen in Pflegeberufen, München, GRIN Verlag GmbH
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