Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Zum Begriff der Performanz
2.1Der performative turn aus kulturwissenschaftlicher Perspektive 2
2.2 Kennzeichen von performativen Handlungen 4
3. Forschungsfeld „Second Life“
3.1 Einführende Beschreibung und Analyse 5
3.2 Playing God: Der Avatar 8
3.3 Alltägliche Performanz: Kommunikation und Interaktion 10
3.4 Performanz und Raumsemantik: Die Online-Hochzeit 13
3.5 Machtstrukturen, Reglementierungen und Verstöße 15
3.6 Immersionsbrüche und Selbstreflexion 16
4. Abschließende Betrachtung 18
5. Literaturverzeichnis 20
Einleitung
Im Mittelpunkt der hier vorliegenden Analyse der virtuellen 3D-Welt „Second Life“ stehen alltägliche soziale Handlungen und deren performativer Charakter. „Second Life“ muss vor allem als soziales Netzwerk und soziale Plattform verstanden werden, daher sind soziale Handlungen in diesem Kontext weites gehend als Kommunikations- und Interaktionshandlungen gekennzeichnet.
Die konkreten Fragestellungen der Arbeit lauten wie folgt: Welche Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten bestehen in „Second Life“. Wie gestalten sich diese sozialen Handlungen und welchen Anteil nimmt dabei die spielerische Inszenierung ein? Worin liegt die Bedeutung der spielerischen Inszenierung und welches Spannungsverhältnis besteht zwischen Spiel und spielerischem Ernst? Welche Organisationsmechanismen und Strukturen determinieren die sozialen Handlungen und welche Wechselbeziehungen und
Aushandlungen lassen sich zwischen der virtuellen und der faktischen Realität 1 festhalten? Diese Fragestellungen zielen einher auf eine Beschreibung der Konstitution des erfahr- und erlebbaren Alltags innerhalb der virtuellen Welt von „Second Life“. Die Volkskundlerin und Kommunikationsforscherin Gertraud Koch formulierte in einem Aufsatz über den Alltag in „Second Life“ die These, dass „Second Life“ die Möglichkeit bietet, Erfahrungen zu machen, die über die Wahlmöglichkeiten des faktischen Lebens hinausgehen. Die Immersion in „Second Life“, das Eintauchen in ein zweites Leben, ermöglicht demnach die
Erweiterung des faktisch bestehenden Alltags. 2 Diese These gilt es ebenfalls im Verlauf der Arbeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Die eigene, vorläufige Arbeitshypothese, in Ergänzung zu Kochs Annahme, lautet, dass die Erweiterung des faktischen Alltags insbesondere durch enorm ausgeprägte, spielerische Elemente erfolgt und dass nahezu jede soziale Handlung in „Second Life“ performativ gestaltet ist. Um den genannten Fragestellungen aus kulturwissenschaftlicher beziehungsweise volkskundlicher Perspektive angemessen nachzukommen und die sozialen Handlungen entsprechend beschreiben und analysieren zu können, wird als Zugang zum vorliegenden
1 Der Begriff der faktischen Realität geht auf den Kulturanthropologen Tom Boellstorff zurück, der in seiner ausführlichen Ethnographie über kulturelle Aspekte in „Second Life“ argumentiert, dass Virtuelles nicht vom Wirklichen, sondern vom Eigentlichen beziehungsweise vom Faktischen zu unterscheiden ist, da Virtuelles im Erleben auch Realitätswert gewinnt. Vgl. Boellstorff, Tom (2008)
Coming of Age in Second Life. An Anthropologist explores The Virtual Human, Oxford, S. 18 ff.
2 Vgl. Koch, Gertraud (2009)
Second Life - ein zweites Leben? Alltag und Alltägliches einer virtuellen Welt. In: Zeitschrift für Volkskunde 105, S. 215-232, S. 231.
1
Forschungsfeld auf Spiel-, Rahmen- und Ritualtheorien zurückgegriffen. 3 Diesbezüglich werden im Verlauf der Arbeit Konzepte von Johan Huizinga, Gregory Bateson, Don Handelman, Erving Goffman und Victor Turner hinzugezogen.
Die Arbeit selbst beginnt mit einem theoretischen Abschnitt. Zunächst wird der sogenannte performative turn aus Sicht der Kulturwissenschaften erklärt. Danach wird der Begriff der Performanz näher erläutert beziehungsweise werden Kennzeichen von performativen Handlungen aber auch Rahmenstrukturen, in denen diese Handlungen verortet werden, aufgeführt. Dieser theoretische Abschnitt greift entsprechend erste Spiel-, rahmen-, und ritualanalytische Überlegungen auf. Der Hauptteil und Analyseanschnitt der Arbeit greift im Ganzen auf diese ersten theoretischen Bezüge zurück. An verschiedenen Stellen werden weitere Überlegungen der genannten Autoren ergänzend hinzugezogen. Einführend wird zu Beginn des Hauptteils das Forschungsfeld „Second Life“ beschrieben. Es folgt die Analyse des Avatars, der virtuellen Spielfigur, als zentrales Element und Voraussetzung für die Kommunikation und Interaktion. Dann wird die alltägliche Kommunikation und Interaktion als sozusagen standardisierte, rituelle Praxis näher untersucht. Nachstehend wird eine besondere Form der Interaktion in die Analyse miteinbezogen, die Online-Hochzeit. Anschließend werden Machtstrukturen, Reglementierungen und Verstöße innerhalb der virtuellen Welt von „Second Life“ diskutiert. Ferner ist der Alltag in „Second Life“ durch Immersionsbrüche und selbstreflexive Elemente gekennzeichnet. Diese müssen daher in die Analyse mit einfließen. In der abschließenden Betrachtung werden die Forschungsergebnisse schließlich zusammengetragen
2. Zum Begriff der Performanz
2.1 Der performative turn aus kulturwissenschaftlicher Perspektive Der performative turn umfasst eine Neuausrichtung beziehungsweise einen Perspektivwechsel in den Kulturwissenschaften hinsichtlich handlungsorientierter Betrachtungen. Dieser Perspektivwechsel hat sich in den 90er Jahren herausgebildet und basiert auf verschiedenen Wissenschaftsgebieten, beispielsweise der Sprachphilosophie und der Sprechakttheorie, der Theaterwissenschaft oder der symbolischen Ethnologie und
der ethnologischen Ritualanalyse. 4 Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Doris
3 Diese eignen sich insbesondere, um das Wesen einer virtuellen Welt wie die von „Second Life“ fassen zu können. Gertraud Koch greift in ihrer Analyse beispielsweise ebenfalls auf Aspekte von Goffmans Rahmenanalyse zurück, allerdings nur am Rande und ohne Berücksichtigung der spielerischen Elemente. Vgl. Koch 2009, S. 223 u. S. 229.
4 Vgl. Bachmann-Medick, Doris (2006)
Cultural Turns: Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek, S. 104-142.
2
Bachmann-Medick beschreibt den performative turn wie folgt: „Der performative turn lenkt die Aufmerksamkeit auf die Ausdrucksdimensionen von Handlungen und
Handlungsereignissen bis hin zur sozialen Inszenierungskultur.“ 5 Dabei steht „die praktische Dimension der Herstellung kultureller Bedeutungen und Erfahrungen“ 6 im Vordergrund. Ferner werden „aus Ereignissen, Praktiken, materiellen Verkörperungen und medialen Ausgestaltungen […] Hervorbringungs- und Veränderungsmomente des
Kulturellen erschlossen.“ 7 Im Zentrum des kulturwissenschaftlichen Interesses betreffs der Analyse von Handlungen stehen außerdem Aufführungs-, Darstellungs- und Inszenierungselemente und ihre Funktion der Herstellung von Bedeutungsinhalten in
Bereichen der sozialen Kommunikation und der Identitätsbildung. 8 Im Zuge der Theatralisierung von Lebenswelten durch Medien- und Informationsinszenierungen
etablierte sich auch der Computer als Informations- und Kommunikationsbühne. 9 Handlungen die durch diese eben genannten Elemente gekennzeichnet sind, werden daher im Sinne des performative turn im Folgenden als performative Handlungen bezeichnet. In diesem Zusammenhang nimmt das Ritual aus der Perspektive des Performativen als eine spezifische ausgeprägte Form des Handelns einen hohen Stellenwert ein. Das Ritual geht dabei über sakrale Zusammenhänge hinaus und erstreckt sich auf den Alltag. Gemeint sind damit säkulare Rituale, also Alltagsrituale. Diese Alltagsrituale sind als „symbolischexpressive, kultische Handlungssequenzen […] oder mit kultureller Symbolik aufgeladene,
konventionalisierte symbolische Handlungsweisen“ 10 zu verstehen. Der Soziologe Erving Goffman nennt diese alltäglichen Rituale Interaktionsrituale. 11 Ferner ist der dynamische Prozesscharakter von Ritualen zu berücksichtigen. Rituale transformieren und verändern auf performative Art und Weise einerseits Zustände und regeln Übergänge des jeweiligen Handelnden. Andererseits unterliegen die Rituale wiederum selbst
Transformationsprozessen. Rituale werden daher auch als „transformative Performanzen“ 12 gelesen.
5 Bachmann-Medick 2006, S. 104.
6 Bachmann-Medick 2006, S. 104.
7 Bachmann-Medick 2006, S. 104.
8 Bachmann-Medick 2006, S. 125.
9 Bachmann-Medick 2006, S. 108.
10 Bachmann-Medick 2006, S. 112.
11 Vgl. Goffman, Erving (1998)
Interaktionsrituale. In: Belliger, Andréa/Krieger, David J. (Hg.), Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch, Wiesbaden, S. 323-338.
12 Rao, Ursula/Köpping, Klaus-Peter (2000)
Die performative Wende. Leben - Ritual - Theater. In: Rao, Ursula/Köpping, Klaus-Peter (Hg.), Im Rausch des Rituals. Gestaltung und Transformation der Wirklichkeit in körperlicher Performanz, Münster, S. 28-94, S. 33.
3
2.2 Kennzeichen von performativen Handlungen
Neben den implizit bereits genannten Kennzeichen von performativen Handlungen, der theatralisch anmutenden Aufführungs-, Darstellungs- und Inszenierungscharakter und die symbolisch-expressive oder auch kultische Aufladung, lassen sich weitere Kennzeichen
von performativen Handlungen festhalten. 13 Als weiteres Kennzeichen ist zunächst die Komplexität von performativen Handlungen zu nennen. Wie bereits erwähnt, repräsentieren und erzeugen sie zu dem Zeitpunkt ihres Vollzugs Bedeutung. Einher verweisen die Handlungen auf ihren Kontext und ihre Entstehungsbedingungen. Performative Handlungen sind daher von Grund auf selbstreflexiv: „Performatives Verhalten ist deshalb immer doppeltes Verhalten […] es kann der Spiegelung und der Reflexivität nicht entfliehen.“ 14 Die performative Handlung als szenische Aufführung bedarf einerseits einen Handlungsrahmen, ein Ordnungsprinzip in dem Interaktion und Kommunikation kognitiv verortet werden kann. Im Sinne Erving Goffmans kann man diesen übergeordneten Rahmen als einen sozialen Primärrahmen bezeichnen. Er liefert einen Verständigungshintergrund für Handlungen. Die Handlungen und Rituale des alltäglichen Lebens werden erst vor dem Hintergrund einer Rahmung verstehbar, da dieser
das Handlungsfeld präkonfiguriert und überdeterminiert. 15 Andererseits bildet die performative Handlung als solche selbst einen Rahmen und gibt gewissermaßen den Kontext oder Zusammenhang vor, in dem die Handlung verstanden werden muss. Der Rahmen in dem die performative Handlung stattfindet ist seinerseits von Macht- und Regelstrukturen durchsetzt, welche die Handlungen durch normative Ordnungen
beeinflussen. 16 Normative Muster und die Regelhaftigkeit als solche werden während der
13 Christopf Wulf und Jörg Zirfas erstellten diesbezüglich eine Art Merkmalskatalog für performative Handlungen, allerdings aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive und unter dem übergeordneten Aspekt der Gemeinschaftsbildung. Die genannten Merkmale, von denen nicht alle aufgegriffen werden, lassen sich jedoch in Ergänzung mit Spiel-, rahmen- und ritualtheoretischen Aspekten durchaus kulturwissenschaftlich verwenden.
Vgl. Wulf, Christoph/Zirfas, Jörg (2001)
Das Soziale als Ritual: Perspektiven des Performativen. In: Das Soziale als Ritual. Zur performativen Bildung von Gemeinschaften, Opladen, S. 339-347.
14 Turner, Victor (1995)
Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des menschlichen Spiels, Frankfurt am Main, S. 166.
15 Vgl. Goffman, Erving (1977) Rahmenanalyse, Frankfurt am Main, S. 31 ff.
Der Begriff des Rahmens geht ursprünglich auf Gregory Bateson zurück, der im spieltheoretisch psychologischen Kontext den Rahmen als übergeordnetes und sinnstiftendes Ordnungsprinzip versteht, welches zur Strukturierung subjektiver Realität dient. Vgl. Bateson, Gregory (1981)
Eine Theorie des Spiels und der Phantasie. In: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische und epistemologische Perspektiven, Frankfurt am Main, S. 241-261.
16 Goffman argumentiert, dass z.B. die soziale Ordnung, der Rahmen des Alltags in Bereichen der Kommunikation und Interaktion durch Normensysteme gewährleistet wird.
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Arbeit zitieren:
Jonas Kirstein, 2010, „Second Life“ - Alltägliche Performanz im „Ludodrom“, München, GRIN Verlag GmbH
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