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Diplomarbeit, 2008, 94 Seiten
Autor: Eva Gentes
Fach: Dolmetschen / Übersetzen
Details
Tags: Selbstübersetzung, Übersetzungstheorie, Sprachwahl, Bilinguale Autoren, Literarische Mehrsprachigkeit, Samuel Beckett, Raymond Federman, Nancy Huston, Rosario Ferré, Vassilis Alexakis
Jahr: 2008
Seiten: 94
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 155 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-27435-2
ISBN (Buch): 978-3-640-27448-2
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Zusammenfassung / Abstract
In der allgemeinen Übersetzungswissenschaft wird die literarische Selbstübersetzung häufig gar nicht oder nur am Rande thematisiert. Erst in jüngster Zeit findet sie zunehmend mehr Beachtung. Vielfach stützen sich diese Analysen allerdings auf nur einen einzigen Autor oder auf die bekanntesten Selbstübersetzer wie Samuel Beckett, Vladimir Nabokov oder Julien Green. Raymond Federman betonte 1987, dass es nötig sei, eine Poetik der Selbstübersetzungen Becketts zu entwickeln. Diese Diplomarbeit möchte Federmans Forderung aufgreifen, sie jedoch angesichts einer Vielzahl von literarischen Selbstübersetzern im 20. Jahrhundert ausweiten und aufzeigen, dass die dringende Notwendigkeit besteht, eine allgemeine Poetik der literarischen Selbstübersetzung zu entwickeln. Hierzu wird ein umfassender Überblick über das Forschungsdesiderat ‚Literarische Selbstübersetzung‘ gegeben. Betrachtet werden sowohl die theoretischen wie auch praktischen Aspekte; der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem 20. Jahrhundert. Zentrale Fragestellungen sind hierbei: Aus welchen Gründen übersetzen sich Autoren selbst? Wie gehen sie bei dabei vor? Welche Unterschiede bestehen zwischen einem Selbstübersetzer und einem Fremdübersetzer? Welches Verhältnis entsteht zwischen Originaltext und Selbstübersetzung? Welche Anforderungen ergeben sich für den Fremdübersetzer aus dem besonderen Verhältnis von Originaltext und Selbstübersetzung?
Textauszug (computergeneriert)
Toujours infidèle
Writing from the midzone
Die literarische Selbstübersetzung
im 20. Jahrhundert
Diplomarbeit zur Erlangung
des Grades einer Diplom-Übersetzerin
der Philosophischen Fakultät der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Monat/Jahr: Februar 2008
Name: Eva Gentes
Danksagung
Die vorliegende Diplomarbeit wurde durch ein Stipendium der Frauenförderkommission der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gefördert, für das ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte.
1
Inhaltsverzeichnis
I.
EINLEITUNG 3
I.1
F O R S C H U N G S S T A N D 4
I.2
A U F B A U D E R A R B E I T 6
II.
SPRACHWAHL UND SPRACHKOMPETENZ BILINGUALER AUTOREN 8
II .1
O P T I O N E N D E R S P R A C H W A H L 9
II .2
G R Ü N D E D E R S P R A C H W A H L 10
II .3
G R E N Z E N D E R S P R A C H W A H L 15
II .4
L I T E R A R I S C H E S P R A C H K O M P E T E N Z 17
III.
LITERARISCHE MEHRSPRACHIGKEIT 18
IV.
GESCHICHTE DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG 22
V.
DIE LITERARISCHE SELBSTÜBERSETZUNG IM 20. JAHRHUNDERT 28
V.1
R A Y M O N D F E D E R M A N 31
V.2
N A N C Y H U S T O N 35
V.3
V A S S I L I S A L E X A K I S 39
V.4
R O S A R I O F E R R É 42
VI.
ASPEKTE DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG 47
V I .1 G R Ü N D E F Ü R D I E S E L B S T Ü B E R S E T Z U N G 47
V I .2 M E T H O D I K D E R S E L B S T Ü B E R S E T Z U N G 50
V I.3 ,TRADUCTION AUCTORIALE` ODER ,TRADUCTION ALLOGRAPHE` 54
VII.
THEORIE DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG 56
V II .1 VERHÄLTNIS AUTOR SELBSTÜBERSETZER FREMDÜBERSETZER 57
V I I.2 F R E I H E I T E N D E S S E L B S T Ü B E R S E T Z E R S 60
V I I.3 V E R H Ä L T N I S O R I G I N A L S E L B S T Ü B E R S E T Z U N G 65
VIII.
KONSEQUENZEN DER LITERARISCHEN SELBSTÜBERSETZUNG FÜR DEN
FREMDÜBERSETZER 72
VIII.1 HELENA TANQUEIRO ALS ÜBERSETZERIN VON ANTONÍ MARI 74
VIII.2 ELMAR TOPHOVEN ALS ÜBERSETZER VON SAMUEL BECKETT 76
IX.
ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 80
X.
LITERATURVERZEICHNIS 82
2
I. Einleitung
In der allgemeinen Übersetzungswissenschaft wird die literarische Selbstübersetzung häufig gar nicht oder nur am Rande thematisiert: ,,[D]irect discussion or even mention of self-translation is virtually non-existent in writings on theory of translation [...]"1 Erst in jüngster Zeit findet sie mehr Beachtung. Vielfach stützen sich die Analysen allerdings auf nur einen einzigen Autor oder auf die bekanntesten Selbstübersetzer wie Samuel Beckett, Vladimir Nabokov oder Julien Green. Hierbei sind Becketts Selbstübersetzungen das mit Abstand beliebteste Studienobjekt. Auch viele Selbstübersetzer beziehen sich auf Beckett: Raymond Federman verfasste seine Dissertation und vier literaturkritische Werke über ihn. Zudem war er mit Beckett befreundet. Hinsichtlich seines zuletzt erschienenen Buchs über Beckett Le Livre de Sam (2006) sagt er: ,,Le livre de Sam célèbre les 50 ans que j′ai passé [sic] avec Beckett depuis que j′ai vue Waiting for Godot en 1956 il m′a hanté toute ma vie et me hante encore."2 Nancy Huston widmet Beckett ihr bilinguales Werk Limbes/Limbo (1998). Vassilis Alexakis ist der Überzeugung, Beckett sei neben ihm der einzige andere Selbstübersetzer: ,,Oui, déjà des auteurs bilingues, il n′y en a pas beaucoup. Encore moins qui se traduisent eux-mêmes; le seul qui faisait cela à ma connaissance, c′était Beckett."3
Beckett ist mit Sicherheit der bekannteste, bei Weitem jedoch nicht der einzige Selbstübersetzer. Ein Ziel dieser Arbeit ist es daher aufzuzeigen, dass die literarische Selbstübersetzung im 20. Jahrhundert weit verbreitet ist und es eine ganze Reihe an Selbstübersetzern gibt, die bisher nicht oder kaum beachtet wurden.
1 Fitch, Brian T. (1988): Beckett and Babel. An Investigation into the Status of the
Bilingual Work. Toronto: University of Toronto Press, S. 21.
2 Milaneschi, Di Francesca (2007): The Second Chance La deuxième chance.
Bilinguismo e auto-traduzione nell′opera di Samuel Beckett e Raymond Federman. Tesi di dottorato in scienze letterarie (Letteratur comparate). Università di Roma Tre (Italien) 2006-2007, S. 352.
3 Marchand, Nathalie (2002): Vassilis Alexakis, des mots pour héros. In: Info-Grèce,
http://www.info-grece.com/modules.php?name=Magazine&op=printpage&artid=88. [Zugriff: 05.01.08]
3
I.1 Forschungsstand
Zunächst konzentrierte sich die Forschung auf umfassende Einzelstudien:
1977 vergleicht Jane Grayson Nabokovs russische und englische Prosa.4 1987 erscheint mit Beckett translating / Translating Beckett ein Sammelband, der die verschiedenen Facetten der Übersetzung bei Beckett untersucht. Ein Teil der Aufsätze ist hierbei seinen Selbstübersetzungen gewidmet.5 1988 stellt sich Brian T. Fitch in einer Einzelanalyse von Becketts Werk vor allem die Frage nach dem Verhältnis von Originaltext und Selbstübersetzung.6
Corinne Laure Scheiner betont 2000 in ihrer Dissertation Bilingualism and biculturalism in self-translation: Samuel Beckett and Vladimir Nabokov as doubled novelists, dass bei der Analyse der Selbstübersetzungen stets auch der kulturelle Kontext berücksichtigt werden muss. Sie zeigt auf, dass einige Übersetzungsentscheidungen, insbesondere was Figurennamen und Orte betrifft, mit Blick auf den neuen Leser getroffen wurden.
Michaël Oustinoff veröffentlicht 2001 eine weitere der wenigen Studien, die mehrere Selbstübersetzer berücksichtigen.7 Am Beispiel von Nabokov, Beckett und Green zeigt er auf, wie unterschiedlich die Autoren bei ihren Selbstübersetzungen vorgehen. Wie Fitch widmet sich auch Oustinoff schwerpunktmäßig der Frage nach dem Status der Selbstübersetzungen. Er kommt zu dem Schluss, dass die literarische Selbstübersetzung ein so vielfältiges Phänomen sei, dass ihr Status nicht allgemeingültig bestimmt werden könne.
Zuletzt haben Jan Walsh Hokenson und Marcella Munson in ihrer 2007 erschienenen umfassenden Monographie The Bilingual Text 8 ausführlich die lange Tradition der literarischen Selbstübersetzungen in ihrem jeweiligen historischen und übersetzungstheoretischen Kontext aufgezeigt. Zudem diskutieren sie einige der bisher entwickelten theoretischen Ansätze und erörtern, wie die literarische Selbstübersetzung im Feld der Übersetzungswissenschaft
4 Grayson, Jane (1977): Nabokov translated. A Comparison of Nabokov′s Russian and
English Prose. Oxford: Oxford University Press.
5 Friedman, Alan Warren / Rossman, Charles / Sherzer, Dina (Hgg.) (1987): Beckett
Translating / Translating Beckett. University Park: Pennsylvania State University Press.
6 Fitch (1988).
7 Oustinoff, Michaël (2001): Bilinguisme d′écriture et auto-traduction. Julien Green,
Samuel Beckett, Vladimir Nabokov. Paris: L′Harmattan.
8 Hokenson, Jan Walsh / Munson, Marcella (2007): The Bilingual Text. History and Theory
of Literary Self-Translation. Manchester, UK [u. a.]: St. Jerome Publishing.
4
einzuordnen ist. Sie bestätigen Scheiners These, dass Selbstübersetzer ihre Übersetzungsentscheidungen häufig mit Blick auf ihre Leser treffen.9 In ihrem Kapitel zum 20. Jahrhundert wählen auch sie als Beispielautoren die kanonisierten Selbstübersetzer Nabokov, Beckett und Green, widmen aber zudem ein ausführliches Kapitel der puerto-ricanischen Schriftstellerin Rosario Ferré. The Bilingual Text bietet den zurzeit umfangreichsten Überblick allerdings bleibt auch dieses Werk, gerade was die Verbreitung der literarischen Selbstübersetzung im 20. Jahrhundert betrifft, unvollständig.
2002 haben sich an der Universidad Autónoma in Barcelona einige Wissenschaftler zu der Arbeitsgruppe AUTOTRAD10 zusammengeschlossen. Ziel der Gruppe ist es, einen möglichst großen Korpus an literarischen Selbstübersetzungen zusammenzustellen und auf dieser Grundlage eine Theorie der literarischen Selbstübersetzung zu erarbeiten. Zu diesem Zweck versuchen sie, möglichst viele verschiedensprachige Wissenschaftler für ihr Projekt zu gewinnen. Zu AUTOTRAD gehört auch Helena Tanqueiro, die den katalanischen Selbstübersetzer Andreu Martín übersetzt und ihre theoretischen Ansätze vor allem auf Grundlage dieser Arbeit entwickelt hat.11
Auch in diversen Universitätszeitschriften und auf übersetzungswissenschaftlichen Tagungen und Kongressen wird die literarische Selbstübersetzung seit ein paar Jahren immer häufiger thematisiert. So untermauert die Anzahl an Selbstübersetzern, deren Namen sich in Tagungsprogrammen und Zeitschriftenaufsätzen finden lassen, die eingangs formulierte These, dass es noch eine ganze Reihe an Selbstübersetzern zu entdecken gibt.12
9 ,,When they translate their singular texts into other languages, they make changes that
seem almost always arise from the need, the desire, or the delightful occasion to readdress the text to a new audience." (Hokenson/Munson (2007), S. 206.)
10 Homepage AUTOTRAD: http://www.fti.uab.es/autotrad/. [Zugriff: 10.12.07]
11 Siehe Tanqueiro, Helena (1999): Un traductor privilegiado. El autotraductor. In:
Quaderns. Revista de traducció 3, S. 19-27, PDF-Seiten 1-9, http://ddd.uab.es/ pub/quaderns/11385790n3p19.pdf. [Zugriff 30.12.07] sowie Helena Tanqueiro (2001): Self-translation as an Extreme Case of the Author-Translator-Dialectic. In: Investigation translation, S. 5563.
12 Folgende Zeitschriften haben einzelne Ausgaben der literarischen Selbstübersetzung
gewidmet: Quo Vadis Romania 7, 1996 (Universität Wien); Quimera, 2001 (Universidad Complutense Madrid); Atelier de Traduction 7, 2007 (Universitatea Stefan cel Mare Sucavea). Als Tagungsbeispiel sei hier auf die ACLA (American Comparative Literature Association) Annual Conference 2002 verwiesen: http://www.acla.org/history/02/ annual_ConfSchedule02.html. [Zugriff: 10.12.07]
5
I.2 Aufbau der Arbeit
[...] an urgent need exists [...] not merely to compare passages in the twin-texts, not merely to note differences or variants, but to arrive at an aesthetic of bilingualism and self-translating, or better yet at a poetics of such activities.13 Raymond Federman betonte 1987, dass es nötig sei, eine Poetik der Selbstübersetzungen Becketts zu entwickeln. Diese Diplomarbeit möchte Federmans Forderung aufgreifen, sie jedoch angesichts einer Vielzahl von literarischen Selbstübersetzern im 20. Jahrhundert ausweiten und aufzeigen, dass die dringende Notwendigkeit besteht, eine allgemeine Poetik der literarischen Selbstübersetzung zu entwickeln.14 Hierzu werde ich einen umfassenden Überblick über das Forschungsdesiderat ,Literarische Selbstübersetzung` geben. Betrachtet werden sowohl die theoretischen wie auch praktischen Aspekte; der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem 20. Jahrhundert.
Zur Einführung in die Thematik werde ich zunächst kurz auf die Sprachwahlentscheidung und die notwendigen Kompetenzen eines mehrsprachigen Schriftstellers eingehen, um im Anschluss die verschiedenen Möglichkeiten aufzuzeigen, diese Mehrsprachigkeit literarisch umzusetzen. Aus welchen Gründen entscheidet sich ein Schriftsteller für einen literarischen Sprachwechsel? Welchen Einfluss hat die Mehrsprachigkeit auf die literarische Arbeit eines Autors? Wie wirkt sie sich auf den Stil und die Thematik des Werkes aus? Welche Möglichkeiten eröffnet sie und welche Hindernisse bereitet sie? Und kann sich ein Schriftsteller diesem Einfluss entziehen?
Ein kurzer historischer Abriss wird im darauf folgenden Kapitel aufzeigen, dass die literarische Selbstübersetzung bereits eine lange Tradition vorzuweisen hat. Anschließend folgt ein Überblick über das breit gefächerte Spektrum der literarischen Selbstübersetzungen im 20. Jahrhundert, der einen ersten Einblick in ihre vielfältigen Formen geben wird. Ein besonders interessanter Fall ist hierbei, wenn ein Autor bei der Wahl der Ausgangssprache
13 Federman, Raymond (1987): The Writer as Self-Translator. In: Alan Warner
Friedman / Charles Rossman / Dina Sherzer (Hgg.): Beckett translating / Translating Beckett. University Park: Pennsylvania State University Press, S. 9.
14 Die Selbstübersetzung ist jedoch keineswegs ein ausschließlich literarisches
Phänomen. Verwiesen sei an dieser Stelle auf die Dissertation von Verena Jung, deren Gegenstand die Analyse von Selbstübersetzungen im akademischen Bereich ist. Verena Jung (2002): English-German Self-Translation of Academic Texts and its Relevance for Translation Theory and Practice. Frankfurt am Main: Peter Lang.
6
zwischen zwei oder mehr Sprachen wechselt. Vier Selbstübersetzer, die sich dieser Herausforderung stellen, werden daher näher betrachtet: Raymond Federman, Nancy Huston, Vassilis Alexakis und Rosario Ferré. Exemplarisch werden ihre Sprachkompetenz, ihre Motivation und ihr übersetzungstheoretisches Selbstverständnis untersucht. Auf Grundlage ihrer Aussagen und denen weiterer Selbstübersetzer wird anschließend ein umfassendes Bild der literarischen Selbstübersetzung im 20. Jahrhundert entworfen. Aus welchen Gründen übersetzen sich Autoren selbst? Wie gehen sie bei dabei vor? Übersetzen sie sich allein oder mithilfe eines Fremdübersetzers?
Im Anschluss werden verschiedene theoretische Ansätze zur literarischen Selbstübersetzung kritisch diskutiert. Zentrale Fragestellungen sind hierbei: Welche Unterschiede bestehen zwischen einem Selbstübersetzer und einem Fremdübersetzer? Kann das hierarchische Verständnis von Schriftsteller und Übersetzer im Fall einer Selbstübersetzung beibehalten werden? Welches Verhältnis entsteht zwischen Originaltext und Selbstübersetzung?
In einem abschließenden Kapitel werden die aus einer Berücksichtigung der Selbstübersetzung resultierenden Konsequenzen für den Fremdübersetzer untersucht. Welche Anforderungen ergeben sich für ihn aus dem besonderen Verhältnis von Originaltext und Selbstübersetzung? Was bedeutet es für den Fremdübersetzer, wenn bei der Selbstübersetzung Original und Übersetzung als zwei autonome Werke angesehen werden? Welche Fassung dient dann als Vorlage für die Übersetzung in andere Sprachen? Welche Konsequenzen hat es, wenn Original und Selbstübersetzung als komplementär betrachtet werden? Müsste ein Fremdübersetzer dann nicht beide Fassungen bei seiner Übersetzung berücksichtigen? Da beide Fassungen jedoch Unterschiede aufweisen, welcher ist bei der Übersetzung der Vorzug zu geben? Mit Blick auf diese Fragen werden die Vorgehensweisen von Helena Tanqueiro als Übersetzerin von Antoní Mari und Elmar Tophoven als Übersetzer von Samuel Beckett vorgestellt.
Abschließend werde ich die Ergebnisse dieser Arbeit zusammenfassen und Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen aufzeigen.
7
II. Sprachwahl und Sprachkompetenz bilingualer Autoren
Je rappellerai aussi le problème de la création littéraire: il est de fait que les écrivains écrivent rarement en deux langues. Sans doute y a-t-il, là encore des exceptions, mais il y a très peu de poètes en deux langues ou alors ce sont des exercices de style Dès qu′on s′élève à un certain niveau de création littéraire, il semble que le bilinguisme ne puisse plus trouver son `application′.15
Diese Aussage des Übersetzungswissenschaftlers Jean Darbelnet spiegelt 1970 stellvertretend die weitverbreitete Ansicht wider, dass literarische Mehrsprachigkeit ,,nur" ein Randphänomen sei. Im selben Jahr dokumentiert Leonard Forster jedoch ausführlich die lange Tradition der Mehrsprachigkeit in der Literatur.16 Trotzdem wird diese weiterhin sowohl von der Übersetzungs- als auch von der Literaturwissenschaft marginalisiert, da sie nicht in das Bild eines nationalen Literatursystems passt. Daher kritisiert Rainier Grutman die ,,tradition critique qui s′est plu à chercher l`unité dans la diversité plutôt que l′inverse. En fait, les auteurs ayant écrit en deux langues ne sont que la partie visible de l′iceberg littéraire."17
Grundsätzlich wird zunächst zwischen biographischer und literarischer Zweisprachigkeit unterschieden. Ein Autor ist biographisch zweisprachig, wenn er mehrere Sprachen spricht, aber nur in einer Sprache literarische Werke schreibt. Wenn ein Schriftsteller Werke in mehreren Sprachen verfasst hat ,,sei es gleichzeitig oder nacheinander, sei es dauerhaft oder vorübergehend"18 dann ist er literarisch zweisprachig. Diese Autoren versuchen zudem häufig, zwischen ihren beiden Sprachen und Kulturen zu vermitteln, sei es, dass sie in Essays über die jeweils andere Literatur berichten oder diese übersetzen.
15 Darbelnet, Jean (1970): Le bilinguisme. In: Annales de la Faculté des Lettres et
Sciences Humaines de Nice 12, S. 128.
16 Forster, Leonard (1970): The Poet′s Tongues. Multilingualism in Literature. Cambridge:
Cambridge University Press.
17 Grutman, Rainier (1990): Le Bilinguisme littéraire comme relation intersystémique. In:
Canadian review of comparative literature 17:3-4, S. 201.
18 Lamping, Dieter (1996): Haben Schriftsteller nur eine Sprache? Über den
Sprachwechsel in der Exilliteratur. In: Ders.: Literatur und Theorie. Über poetologische Probleme der Moderne. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 34.
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