Der ritualisierte Stundenbeginn "Die aktuellen fünf Minuten" im Fach Gemeinschaftskunde. Kann er einen nachhaltigen Beitrag zur Demokratiebildung leisten?


Hausarbeit, 2021

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Themenbegründung

3. Theoretische Fundierung – Rituale
3.1. Begriffsklärung: Was ist ein Ritual?
3.2. Rituale und ritualisierte Handlungsabläufe im schulischen Alltag
3.3. Abgrenzungen zu Regeln, Routinen und Klassenführung
3.4. Das Ritual „Die aktuellen fünf Minuten"
3.4.1 Ausgangslage
3.4.2. Das Ritual „Die aktuellen fünf Minuten“
3.4.3. Ziele des ritualisierten Stundenbeginns

4. Verknüpfung zu den pädagogischen Ausbildungsstandards

5. Umfrage: Das Ritual die aktuellen 5-Minuten im Politikunterricht
5.1. Umsetzung
5.2. Umfrage
5.2.1. Aufbau
5.2.2. Hypothesen
5.3. Auswertung

6. Diskussion und Reflexion

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
Checkliste
Fragebogen
Codebuch zur Auswertung der verschiedenen Variablen
Auswertung in Excel
Umfrage am 18.09
Umfrage am 04.12

1. Einleitung

Demokratie ist kein Zustand, sie ist eine Handlung…1

(John Lewis, zitiert von Kamala Harris, Vizepräsidentin der USA)

Diesen Satz führt die jüngst vereidigte Vizepräsidentin der USA fort mit den Worten, „dass die Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Sie ist nur so stark, wie unser Wille für sie zu kämpfen, sie zu beschützen und niemals für gegeben hinzunehmen (…)“ (Post, 2021). Diese Sätze erinnern sehr an die Aussagen des berühmten Philosophen und Reformpädagogen John Dewey. Für ihn galt die Demokratie als eine Lebensform und nicht nur als eine Regierungsform, die spezielle institutionelle Strukturen beinhaltet bzw. die nicht nur ein Mittel zur Organisation der Gesellschaft darstellt. Demnach lautet auch seine Aussage:

Demokratie muss in jeder Generation neu geboren werden und Bildung ist ihre Hebamme.2

(John Dewey, Amerikanischer Philosoph und Pädagoge)

Die Demokratie befindet sich im stetigen Wandel. Sie wird mit immer neuen Aufgaben und Möglichkeiten herausgefordert und erfordert von ihren Vertretern ein ständiges Entscheiden und Problemlösen. Ihre permanente Dynamik erfordert aber auch immer wieder einen Prozess der Erneuerung. Dies kann, so Dewey, nur gelingen, wenn die Bildung und die Partizipation jedes Einzelnen gegeben ist. Kultusministerin Susanne Eisenmann veröffentlicht im Juni 2019 in Baden-Württemberg den Leitfaden „Demokratiebildung – Schule für Demokratie, Demokratie für Schule“ (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, 2019). Seit Beginn des Schuljahres 2019/2020 muss der Leitfaden an allen öffentlichen und privaten Schulen in Baden-Württemberg verbindlich umgesetzt werden. Die Forderungen von Frau Eisenmann sind dementsprechend hier, dass die Demokratie engagierte und überzeugte Demokratinnen und Demokraten brauche. So lautet die Reaktion des Kultusministeriums auf den aktuellen Umbruch in der Gesellschaft, welcher noch lange nicht beendet sein wird. Sowohl die Digitalisierung und Globalisierung als auch die Migration und Integration stellen die Gesellschaft vor große Herausforderungen, die schleunigst bewältigt werden müssen. Aus diesem Grund, so Eisenmann, muss in den Schulen des Landes verstärkt Demokratiebildung erfolgen. Das Fach Gemeinschaftskunde soll und kann dies jedoch nicht alleine leisten, weshalb es sich hierbei um ein fächerübergreifendes Konzept zur allgemeinen Stärkung der Demokratiebildung handelt (Feil, 2019). Gerade in Deutschland wurde nicht nur in den letzten 100 Jahren, sondern auch in den letzten Jahren und Monaten ersichtlich, dass Demokratie kein Selbstverständnis ist, immer wieder neu erkämpft werden muss und sich weiterentwickeln wird. Es gibt viele potentielle Gefahren für die Demokratie wie beispielsweise politischer Extremismus oder auch religiöser Fundamentalismus. So auch die aktuellen Gegebenheiten der Corona-Krise mit den Querdenkerdemonstranten, die unser ganzes System und unsere Grundrechte in Frage stellen. Die Schule hat diese äußerst wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe, die Schülerinnen und Schüler (SuS) zu Demokratinnen und Demokraten zu erziehen. Nur so kann die Demokratie nachhaltig geschützt werden.

2. Themenbegründung

Folgende Fragen stellten sich mir zu Beginn des neuen Schuljahres 2020/21 im Rahmen meiner Referendariatszeit:

- Wie kann man als Lehrperson das politische Interesse bei den Jugendlichen im alltäglichen Unterrichtsgeschehen wecken?
- Welche Möglichkeiten habe ich hierbei als Gemeinschaftskundelehrperson?

Einen ersten Versuch nicht nur das Interesse an politischen Tagesthemen und Ereignissen zu wecken, sondern auch zu steigern, habe ich in diesem Schuljahr in einer der neunten unternommen. Letztlich stellte ich mir die Frage, inwiefern ein ritualisierter Stundenbeginn, welchem ich den Namen "Die aktuellen fünf Minuten" gab, einen nachhaltigen Beitrag zur Demokratiebildung im Fach Gemeinschaftskunde leisten kann.

Die vorliegende Arbeit ist in verschiedene Bereiche untergliedert. Zunächst findet in Kapitel 3 eine Begriffserklärung (Kapitel 3.1), deren Bezug auf den Schulalltag (Kapitel 3.2) sowie eine Abgrenzung zu Regeln und Routinen (Kapitel 3.3) statt. Anschließend wird das Ritual Die aktuellen fünf Minuten vorgestellt (Kapitel 3.4) inklusive einer Darstellung der selbst formulierten Ziele, welche durch das Ritual erreicht werden sollen. In Kapitel 4 wird eine Verknüpfung zu den pädagogischen Ausbildungsstandards hergestellt. Zur Überprüfung , inwiefern die gesetzten Ziele tatsächlich erreicht wurden, habe ich ein Fragebogen entwickelt, welcher zu zwei Messzeitpunkten (Vor- und Nachtest) das Wissen, die Einstellungen sowie grundlegende volitionale und motivationale Daten erfasste. Dieser wird im Kapitel 5 vorgestellt. Dies beinhaltet ebenfalls die Aufstellung von Hypothesen und die Auswertung der Umfrage . Im Anschluss werden die Ergebnisse der Umfrage in Kapitel 0 diskutiert sowie reflektiert. Abgerundet wird diese Arbeit in Form eines Fazits in Kapitel 0.

3. Theoretische Fundierung – Rituale

3.1. Begriffsklärung: Was ist ein Ritual?

Der Begriff „Ritual“ hat seinen Ursprung im lateinischen Wort „ritus“ und „bezeichnet eine vorgegebene Ordnung“ (Sattler, 2007). Rituale gibt es seit jeher. Beispielsweise führten die Menschen lange Zeit Rituale aus, um die vermeintlichen Götter um ihr Gunst für günstiges Wetter bei der Ernte zu erbitten. Diese altertümlichen Rituale wurden mit „Gesängen und Handlungen an ausgesuchten, heiligen Orten zelebriert“. Eine gemeinschaftliche Teilnahme am Ritual förderte vor allem den Zusammenhalt der Menschen und trug zu der Überwindung von Ängsten bei (Sattler, 2007). Auch heute noch bekunden Ritualen die Zusammengehörigkeit und Aufnahme von Menschen in einen gemeinschaftlichen Kreis. So stellt zum Beispiel die Taufe ein Ritus über die Eingliederung in die Gemeinschaft der Christen dar. Rituale sind aber nicht nur im religiösen Bereich, sondern auch im Alltag von Bedeutung. Alle Rituale haben etwas gemeinsam: Sie sind feste Handlungsmuster, die sich immer wiederholen, wodurch vertraute Strukturen entstehen. Dadurch erzeugen sie ein „Gefühl der Verlässlichkeit und Sicherheit“ (Schmidt, 2013). Der so entstehende Rhythmus gibt einen Orientierungsrahmen vor, der vor allem für Kinder und Jugendliche sehr nützlich und hilfreich sein kann. So können Rituale einen positiven Effekt auf Ruhe und Ordnung innerhalb einer Gemeinschaft wie die der Familie, dem Kindergarten oder innerhalb Schulklasse haben. Durch Rituale und deren sich wiederholenden stetigen Ablauf erfahren Kinder und Jugendliche, die immer wieder mit neuen Themen konfrontiert sind, „dass das, was als nächstes passieren wird, nichts völlig Neues ist und ihnen keine Angst zu machen braucht“ (Sattler, 2007). Kaiser beschäftigte sich intensiv mit dem Ritualbegriff und hat verschiedenste Definitionen zusammengetragen (Kaiser, 2006):

Demnach sind Rituale geschlossene Erlebnisse. Sie kommen durch wiederholende Handlungen, einen szenisch erkennbaren Aufwand und eine Aufmerksamkeit für Details im Ablaufgeschehen und der räumlichen Kontextgestaltung des Rituals zum Ausdruck (Schäfer, 1998).

Piper hingegen definiert ein Ritual, indem er dessen vereinheitlichende Wirkung hervorhebt. Rituale sind für alle Teilnehmenden gleichartige Handlungsformen, durch deren Mittvollzug sie ihre Zugehörigkeit darstellen. Das Ritual stiftet einen gemeinsamen Bezugspunkt (...), der die Teilnehmenden als Einheit zusammenfasst (Piper, 1996). Meier konzentriert sich auf den wiederholenden Charakter mit einer festgelegten Handlungsfolge: Ein Ritual ist eine wiederkehrend gestaltete Handlung. Es läuft in einer gewohnten Ausprägung und Reihenfolge der Ritualbestandteile ab. Auch unser Alltag ist laut Meier in vielen Situationen von Ritualhandlungen geprägt, auch wenn sie nicht die besonderen Charakterzüge tragen, die von einem Ritual erwartet werden (Meier, 1993). Für Kaiser ist ein Ritual eine „Sequenz von verbalen und/oder nonverbalen Äußerungen und Handlungen.“ Es hat einen symbolischen Gehalt, was bedeutet, dass die vielschichtige Bedeutung eines Rituals nicht auf eine andere Art und Weise wiedergegeben werden kann. Es wird sowohl im Entwurf als auch in der Ausführung von einer Leitidee bestimmt und umfasst festgelegte, also unveränderliche, aber auch variable, in der jeweiligen Situation auszugestaltende Elemente (Kaiser, 2006). Hinz hat im pädagogischen Kontext die Ritualdefinition etwas enger gefasst. Das Ritual lebt von der Wirklichkeit, der Wiederholbarkeit und von Formen der Partizipation. Es muss sichtbar, hörbar, erfahrbar, also auch sinnlich sein (Hinz, 1999).

In Anforderung an diese Definition hat Kaiser folgende Kriterien für Rituale festgelegt (Kaiser, 2006):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Rituale und ritualisierte Handlungsabläufe im schulischen Alltag

Der Begriff des Rituals wird als eine regelmäßig wiederkehrende Tätigkeit verstanden, die eine von der Lehrperson (LP) und den SuS „geteilte symbolische Bedeutung“ erhalten hat. Nach Mayer „begünstigen sie sowohl die Selbstständigkeit und Selbstverantwortung auf der Seite der SuS als auch die Entlastung der LP im Unterricht. Rituale bilden einen festen Bestandteil des Unterrichtsalltags. Sie begünstigen die Entwicklung von Sicherheit und können damit einen Beitrag zur Lernförderung leisten. Zum einen können sie spontan entstehen, sich verfestigen, weitergetragen werden und sich ändern. Zum anderen können sie aber auch langsam entstehen, zum festen bestehenden Ritual werden oder von LPs erfunden und beschlossen werden. In der Schule können Rituale eingesetzt werden, um beispielsweise die Zeit zu regeln und Sozialformen schnell und diszipliniert zu wechseln. Oft müssen Rituale geübt und trainiert werden. Jedoch ist aufzupassen, dass Rituale nicht zwanghaft erscheinen und damit ihren eigentlichen Sinn und Bedeutung verlieren (Meyer, 2003).

3.3 Abgrenzungen zu Regeln, Routinen und Klassenführung

Da sich die Bedeutung von Regeln teilweise zu der von Ritualen als redundant erweist, werden Regeln im Folgenden inhaltlich von Ritualen abgegrenzt und erläutert (Gabriel, 2014):

Als Regeln bezeichnet man Vorschriften und Verhaltenserwartungen, die angeben, welches Verhalten angebracht oder unangebracht ist. In diesem Zusammenhang fungieren Regeln zur Bewahrung der Integrität der einzelnen SuS, aber auch zur Kommunikation in der Klasse und unter den SuS. Darüber hinaus kommt ihnen hinsichtlich der Sorgfalt im Umgang mit Material, sowie der Ordnung persönlicher Gegenstände eine bedeutsame Rolle zu. Ferner können sie die Mobilität innerhalb und außerhalb des Klassenraums in einen geordneten Rahmen einbetten (Gabriel, 2014). Um Regeln aufstellen zu können, müssen vorerst Absprachen mit der betroffenen Gruppe gehalten werden (Metzger, 2011). Im Allgemeinen adressieren sie vorherrschende Missstände und zeigen darüber hinaus Schwierigkeiten auf. In Form von Apellen fordern sie zur strikten Einhaltung auf und tragen somit dazu bei, dass jeder einzelne die Gemeinschaft durch diszipliniertes und respektvolles Verhalten schützt. Das Verhalten jedes Einzelnen wird sowohl in Arbeitsphasen als auch in Pausen reglementiert (Metzger, 2011). Da Regeln im Vorhinein Absprachen mit der betroffenen Gruppe erfordern, zielen sie auf eine dauerhafte, positive Verhaltensänderung ab. Der nach den Absprachen geschaffene Regelkanon ist wandelbar und kann somit immer wieder an die Lerngruppe angepasst werden. Ziel bei der Verwendung eines Regelkanons soll sein, Fehlentwicklungen zu unterbinden, um sowohl die Lernatmosphäre als auch die Gruppe zu schützen (Metzger, 2011). Je früher Regeln in der Klasse festgelegt und eingeführt werden, desto effektiver kann die Klassenführung stattfinden.

Rituale und Routinen (ebenso wie Gewohnheiten) leben von der Wiederholung. Der grundsätzliche Unterschied ist hier aber, dass Rituale bewusst vollzogen werden, Routinen aber unbewusst ablaufen (Metzger, 2011).

Die Klassenführung stellt eine Basisdimension qualitativen Unterrichts dar und gilt als ein fachübergreifendes Prozessmerkmal des Unterrichts. Weinert schreibt der Klassenführung eine „Schlüsselfunktion im Unterricht“ zu (Gabriel, 2014). Unter einer effektiven Klassenführung wird verstanden, Rahmenbedingungen herzustellen, die einen lernwirksamen Unterricht möglich machen. Solche Rahmenbedingungen können durch die Einführung eines Regelsystem sowie die Praktizierung von Ritualen geschaffen werden, welche konsequent angewandt werden. Grundlegend dient das konsequente Praktizieren beider, Unterrichtsstörungen sowie Fehlverhalten der SuS vorzubeugen, um hierdurch eine aktive Lernzeit sicherstellen zu können (Gabriel, 2014). Darüber hinaus gelten die Forschungsarbeiten des amerikanischen Erziehungspsychologen Jacob Kounin über Klassenführung als wegweisend. Nach ihm hat eine effektive Klassenführung überprüfbare Merkmalsbereiche. Hierzu zählt Kounin neben der Überlappung und Allgegenwärtigkeit, die Disziplinierung, Reibungslosigkeit und Schwung, sowie Gruppenmobilisierung, Abwechslung und Herausforderung (Kounin, 2006). Diese Merkmale übertragen finden sich in der Interventionsstudie von Christina Hellermann und ihrer Arbeitsgruppe aus Münster in den drei Facetten wieder: Monitoring (Allgegenwertigkeit), prozessuale Strukturierung (Reibungslosigkeit und Schwung/Gruppenmobilisierung/Abwechslung und Herausforderung) und Etablierung von Ritualen (Disziplinierung) und Regeln. Ein Schlüsselrolle für den Unterricht stellen die Klassenführung und die Etablierung von Ritualen dar, denn sie gelten als Förderer der aktiven Lernzeit und des Interesses der SuS am Unterricht. Sie wirken sich allgemein positiv auf die SuS und ihre Motivation aus (Hellermann, 2015).

3.4 Das Ritual „Die aktuellen fünf Minuten"

3.4.1 Ausgangslage

Bei meiner Arbeit lege ich den Fokus auf die Klasse 9., die in diesem Schuljahr von 14 SuS3 besucht wird, davon sechs Mädchen. Die Klasse wird schon seit der siebten Klasse im Fach Gemeinschaftskunde unterrichtet. Aktuell wird das Fach Gemeinschaftskunde in der neunten Klasse zweistündig (á 45 Minuten) unterrichtet.

3.4.2. Das Ritual „Die aktuellen fünf Minuten“

Direkt zu Schuljahresbeginn wurden nach einer kurzen Kennenlernphase, gemeinsam Regeln für den Gemeinschaftskundeunterricht erarbeitet und die Idee des Rituals „Die aktuellen fünf Minuten“ im Gemeinschaftskundeunterricht vorgestellt. Die meisten SuS fanden diese Idee gut, da in den vorausgegangenen Stunden die aktuellen Ereignisse von mir in fünf Minuten vorgestellt wurden. Die SuS wussten deshalb ganz genau, was sie erwarten wird. Die bereits bekannte Vorstellung diente den SuS als Beispiel. Zudem erhielten sie von mir eine „Checkliste“, die sie zur Unterstützung der Präsentation verwenden können. Das ausgewählte Ritual hat das Ziel, das Selbstvertrauens der SuS zu fördern und auszubauen, weil sie die Möglichkeit bekommen, selbstbestimmt zu handeln. Eine Mitbestimmung des Unterrichts wird ihnen hiermit ermöglicht. Die SuS bringen häufig ein geringes differenziertes Vorwissen in den Unterricht mit, weshalb ich mich dafür entschieden habe, dass die SuS ihre Ereignisse immer aus mindestens zwei Perspektiven vorstellen müssen. Durch die Betrachtung von zwei Perspektiven lernen die SuS nebenbei, dass es nicht nur eine Sichtweise auf Ereignisse gibt, sonders dass sie immer kontrovers betrachtet werden sollen. Bei der Recherchephase setzen sich die SuS mit den verschiedenen Sichtweisen auseinander und erweitern durch diese Art von Konfrontation ihre Perspektiven. In den Präsenzphasen und im Online-Unterricht wurde das Ereignis vor der ganzen Klasse vorgetragen. So lernen die SuS, vor der Klasse auf dem realen oder virtuellen Weg zu präsentieren und sich auszudrücken, da die Artikulation vor einer Gruppe als eine wichtige Partizipationsfähigkeit gilt. Hilfreich ist es auch vor dem Hinblick der weiteren schulischen Laufbahn der SuS und ihren bevorstehenden Abschlussprüfungen zu lernen, wie man sich und seinen Inhalt vor einem Publikum richtig präsentiert. Besonders wichtig ist ein angenehmes, förderliches Lernklima, das auch unterstützend bei dem Ritual sein kann. Demnach ist es von enormer Wichtigkeit, dass die SuS im Unterricht keine Angst haben, ihre Meinung vor dem Plenum in der Reflexionsrunde nach der Präsentation zu äußern. Hierbei wirken unterstützend unsere Diskussionsregeln, die wir zu Beginn des Schuljahres besprochen und festgelegt haben. Unüberlegte und impulsive Reaktionen können so vermieden werden.

Im Gemeinschaftskundeunterricht steht neben der Aktivierung des notwendigen politischen Interesses auch die politische Bildung im Mittelpunkt. Hierbei wird als Ziel von der LP gefordert, politische Inhalte zu vermitteln und eine Reflexion über die Bedeutung der Inhalte für die Demokratie von den SuS anzustoßen. Das Funktionieren eines demokratischen Systems kann nur gewährt sein, wenn sich in ihm kompetente und interessierte Bürger aktiv engagieren und deren eigene Meinung vertreten. Meinungen gelten erst dann als fundiert, wenn sie auf Wissen fußen. Demnach ist es im Gemeinschaftskundeunterricht von hoher Bedeutung, dass hier grundlegende Kompetenzen erlernt werden. Hierzu zählen das Lesen der Nachrichten, um hieraus Zusammenhänge erschließen zu können. Ebenso ist es von zentraler Bedeutung, dass der Gemeinschaftskundeunterricht zur Vermittlung einer modernen Allgemeinbildung beiträgt. Der amerikanischen Wissenschaftler Bybee hat stützend auf seiner Studie mit dem Begriff „Civic Scientific Literacy“ die moderne Allgemeinbildung im Sinne einer politischen Grundbildung zusammengefasst (Bybee, 1997). Mit Hilfe des Rituals beschäftigen sich die SuS in der entsprechenden Woche intensiv mit politischen Ereignissen. Sie entscheiden sich für ein Thema und recherchieren für das Ereignis verschiedenen Betrachtungsweisen. Dieser Prozess dient den SuS auch als Vorbereitung auf ein Leben als Bürger/in in einem demokratischen Gemeinwesen (Detjen, 2014).

Ganz realistisch betrachtet nimmt das Ritual „Die aktuellen 5 Minuten“ mehr Zeit in Anspruch als fünf Minuten. Jede einzelne Sekunde gilt aber als sinnvoll investierte Zeit, weil so das Interesse an politischen Themen gefördert werden kann. Ein Raum für einen möglichen Austausch sollte auch immer gegeben sein. Das Ziel des Gemeinschaftskundeunterrichts sollen reflektierte Bürger sein, oder sogenannte „Aktivbürger“ (Breit, 2002). Der Unterrichtsalltag erschwert es jedoch aus SuS diese sogenannten „Aktivbürger“ zu bilden. Methodische und kognitive Voraussetzungen für ein späteres politisches Handeln kann der Gemeinschaftskundeunterricht schaffen. Der Beutelsbacher Konsens setzt der LP aber auch gewisse Grenzen, denn sie muss eine Akzeptanz zum Nichthandeln akzeptieren. Dadurch, dass die SuS sich wöchentlich über die aktuellen politischen Themen informieren, um am Unterrichtsgeschehen auch aktiv mitwirken zu können, kann es sich in naher Zukunft so als Selbstläufer womöglich in deren Alltag etablieren. Demnach gelten als Informationsquellen das Smartphone oder die Tageszeitung der Familie als wichtige Informationsquellen. Gerade soziale Medien spielen im Alter von den SuS eine enorm wichtige Rolle. Vor allem das soziale Medium „Instagram“ wird von allen SuS genutzt. Auch dort kann die Politik Einzug in deren Lebenswelt haben. So haben wir uns gemeinsam Seiten betrachtet wie die ZDF-Seite und die Tagesschau-Seite.

3.4.3. Ziele des ritualisierten Stundenbeginns

Das eingeführte Ritual hat das Ziel, die politische Bildung sowie das Demokratieverständnis jedes einzelnen gezielt zu fördern. Im Detail soll es dazu beitragen, dass die Schülerrinnen und Schüler

- die Bedeutung politischer Entscheidungen für ihr eigenes Leben erkennen können sowie
- komplexe politische Sachverhalte nicht nur strukturiert wiedergeben, sondern auch die zentralen Aspekte identifizieren können.

4 Verknüpfung zu den pädagogischen Ausbildungsstandards

Mit dem Ritual „Die aktuellen fünf Minuten“ konnten verschiedene Kompetenzen im Bereich der Pädagogik und Gemeinschaftskunde praxisnah angebahnt, reflektiert und weiterentwickelt werden. Im nachfolgenden Abschnitt wird auf die Ausbildungsstandards des Seminars Mannheims verwiesen, welche als Grundlage für die Ausbildung der Lehramtsanwärter*innen dienen. Das pädagogische Handlungsfeld der Hausarbeit bezieht sich auf den pädagogischen Ausbildungsstandard „Unterrichten“ (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, 2019). Neben der Planung, Durchführung, Reflexion und Weiterentwicklung des Unterrichts, heißt es in den Leitgedanken des Ausbildungsstandards: „Der Förderung des selbstständigen und eigenverantwortlichen Lernens kommt dabei eine besondere Bedeutung zu“. Zudem konnte gezeigt werden, dass die individuelle Konzeption des Rituals für die Klasse 9. mit Anpassung an das Unterrichtsformat des Online-Unterrichts umgesetzt werden konnte. Außerdem wird hierdurch „selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Lernen gezielt eingefordert“ (Kränkel-Schwarz, 2016). Der Schwerpunkt des Rituals lässt sich festlegen auf dem Rechercheauftrag der SuS, zu einem politischen Thema mehrere Informationsquellen zu vergleichen und die Wiedergabe des Geschehens aus der mehrperspektivischen Betrachtungsweise zu erläutern. So lernen sie auch, ihre Werte und Normen kritisch zu reflektieren. Durch diesen Aufbau des ritualisierten Stundenbeginns wird bereits die demokratische Handlungsfähigkeit gefördert und gefordert. Die Entwicklung des Interesses am Weltgeschehen und politischen Prozessen ist hierbei das Hauptziel des Rituals. Als Instrument zur Unterrichtsevaluation und Messung des Hauptziels wurde ein Fragebogen eingesetzt und ausgewertet. Die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden konnten, werden nun in den Unterricht eingebunden und so das Ritual gemeinsam weiterentwickelt (Kränkel-Schwarz, 2016).

5 Umfrage: Das Ritual die aktuellen 5-Minuten im Politikunterricht

5.2 Umsetzung

Bevor das Ritual letztlich von den SuS eigenständig umgesetzt wurde, erarbeiteten die SuS in Partnerarbeit verschiedene Kriterien und Aspekte, welche Grundlage für das gemeinsame Konzept waren und im Plenum als Checkliste gesammelt wurden (Anhang: Checkliste). Das Ritual wurde auf dieser Grundlage konzipiert und der Klasse vorgestellt. Das nachfolgende Konzept wurde im Anschluss mit der Klasse abgestimmt und schlussendlich mit einer deutlichen Mehrheit von der Klasse angenommen. Die SuS erhielten zudem die Checkliste „Wie gestalte ich meine aktuellen fünf Minuten?“. Dies soll den SuS die Erarbeitung des Rituals erleichtern und einen Bewertungsrahmen vorgeben, auf den sich die LP stützen kann. Im Folgenden wird das abgestimmte Konzept der Klasse 9. über das Ritual „Die aktuellen fünf Minuten“ dargelegt.

Präsenzunterricht:

Nach der Begrüßung erfolgt in jeder Unterrichtsstunde eine fünfminütige Vorstellung eines Ereignisses, dass in den letzten sieben Tage erfolgt ist. Hierbei wird die Zeit mit Hilfe einer Sanduhr genommen. Die Reihenfolge wird zu Schuljahresbeginn durch die LP festgelegt. Die SuS dürfen sich freiwillig für die einzelnen Termine melden. Geschieht die Bereitschaft nicht, wählt die LP die noch ausstehenden SuS aus. Jeder ist selbst dafür zuständig, den Bericht vorzubereiten. Hierzu wird eine Präsentation unter der optionalen Zuhilfenahme eines Präsentationsprogramms wie zum Beispiel PowerPoint erstellt, die als Unterstützung für den freien Vortrag dient und den Mitschülerinnen und Mitschülern die Ereignisse besser veranschaulicht.

Die SuS bekommen für ihren Vortrag eine Note, die ihnen am Ende des Halbjahres mitgeteilt wird, nachdem alle SuS einmal dran waren. Sie erhalten direkt nach der Präsentation jedoch erst eine Rückmeldung und Verbesserungsvorschläge von den Mitschülerinnen und Mitschülern und dann von der LP für den nächsten Vortrag. Wer am Termin krank ist, muss in der nächsten Stunde das gewählte Ereignis vorstellen.

Onlineunterricht:

Die Umsetzung des Onlineunterrichts erfolgt über unsere Schulapp Big-Blue-Button. Hier haben die Präsentierenden die Möglichkeit, ihre erstellten Präsentationen hochzuladen, sodass die anderen SuS die Folien sehen können. Die Bewertungsregeln gelten wie in Präsenz, sodass ein Redeanteil von 5 Minuten als Vorgabe gilt, der von einer PowerPoint Präsentation unterstützt werden kann.

5.3 Umfrage

Im Folgenden wird der Aufbau der Umfrage, die aufgestellten Hypothesen sowie die Auswertung der Umfrage vorgestellt.

5.3.1 Aufbau

Um Rückschlüsse auf die Effektivität des Rituals ziehen zu können und um die formulierten Ziele überprüfen zu können, habe ich mich für eine schriftliche Umfrage entschieden, die zu zwei Messzeitpunkten mit den SuS durchgeführt wurde. Zu Beginn des Schuljahres startete ich die erste Umfrage am 18.09.2020. Ich habe mich für dieses Datum bewusst entschieden bevor ich das Ritual „Die aktuellen fünf Minuten“ in meinen Unterricht etabliert hatte. Meine zweite Umfrage erfolgte vor der finalen Schulschließung am 04.12.2020. Von allen SuS konnten letztlich beide Fragebögen ausgewertet werden. Bei der Auswertung habe ich mich für ein anonymisiertes Verfahren entschieden, weil gerade im schulischen Kontext die Leistungsbewertung und die gruppendynamischen Prozesse die freie Entscheidung der SuS beeinflussen können. Jeder Teilnehmer generiert hierfür einen Code, der nach einer vorgegebenen Anleitung auf der ersten Seite des Fragebogens zu wählen ist. Die Wahl des Aufgabenformats beinhaltet geschlossene Aufgaben, die nach dem Multiple-Choice-Format aufgebaut und nur anzukreuzen sind oder halboffene Aufgaben, die um eigene Antwortmöglichkeiten ergänzt werden können. Zur Ergebnisauswertung der Fragebögen wurden Codes, die in sechs sinnvoll voneinander abgegrenzte Bereiche zur einfacheren Auswertung unterteilt wurden, vergeben. Im Fragebogen wurden die Fragen zu den sechs Bereichen bewusst willkürlich durchmischt und fanden ihre Kategorisierung erst in der Auswertung.

Der Fragebogen zum ritualisierten Stundeneinstieg erfasst folgende sechs Bereiche:

1) Auseinandersetzung mit politischen Ereignissen in der Freizeit (Code: F)
2) Verständnis für politische Inhalte (Code: K)
3) Selbsteinschätzung (Code: S)
4) Meinung zu dem ritualisierten Stundeneinstieg (Code: R)
5) Politisches Interesse (Code: P)
6) Mediennutzung (Code: M)
7) Umsetzung von Demokratie als Lebensform in der Schule (Code: D)

[...]


1 (Post, 2021)

2 (Brumlik, 2020)

3 Eine Schülerin wird seit dem Schuljahr 2020/21 im G-Niveau unterrichtet.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der ritualisierte Stundenbeginn "Die aktuellen fünf Minuten" im Fach Gemeinschaftskunde. Kann er einen nachhaltigen Beitrag zur Demokratiebildung leisten?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
27
Katalognummer
V1005458
ISBN (eBook)
9783346386557
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ritual Klassenführung Politik Gemeinschaftskunde Routinen Aktuelle Politik
Arbeit zitieren
Annika Meessen (Autor), 2021, Der ritualisierte Stundenbeginn "Die aktuellen fünf Minuten" im Fach Gemeinschaftskunde. Kann er einen nachhaltigen Beitrag zur Demokratiebildung leisten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1005458

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