Anthropozän-Konzept als Herausforderung für das Mensch-Natur-Verhältnis. Umgang mit nicht-menschlicher Natur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Dichotomie im Mensch-Natur Verhältnis

3. Anthropozän

4. Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT)
4.1 Akteur
4.2 Netzwerk
4.3 Übersetzung
4.4 Kollektiv

5. Bruno Latours „Parlament der Dinge"

6. Notwendigkeit einer Vertretungsstruktur für die nicht-menschliche Natur

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Angesichts der durch den Menschen ausgelösten Umweltveränderungen, denen der Mensch in Form einer Weltgesellschaft gegenübersteht, stellt sich die Frage, wie der Mensch als treibender Faktor, aber eben auch als Leidtragender dieser Veränderungen Wege findet, der Problematik zu begegnen. Dafür bedarf es der Problemlösungsansätze, die die wechselseitigen Beziehungen von Politikfeldern sowie von unterschiedlichen Nationalstaaten und auch die Beziehungen zwischen Generationen mitdenken, und zwar von der lokalen bis zur globalen Ebene. Doch nicht nur die menschliche Welt als Gemeinschaft muss sich neu aufstellen um Herausforderungen wie dem Klimawandel und seinen Folgen zu begegnen, sondern es bedarf auch einer Neuordnung/Reflexion des dichotomen Verhältnisses zwischen dem Menschen auf der einen und der Natur auf der anderen Seite. Denn die Beziehung zwischen der menschlichen und der nicht-menschlichen Natur kann im Anthropozän (Zeitalter des Menschen als formende Kraft) durchaus als krisenhaft beschrieben werden. So ist gemäß Latour erst die Trennung von Natur und Gesellschaft dafür verantwortlich, dass gesellschaftliche Praktiken vollzogen werden konnten, die zur gegenwärtigen Umweltproblematik führten. Aus diesem Grunde müssen zur Bewältigung der ökologischen Krisen im Anthropozän neue Formen des Umgangs mit der nicht-menschlichen Natur gefunden werden. Im Rahmen dieser Arbeit soll deshalb der Frage nachgegangen werden, wie die Beziehung der menschlichen zur nicht-menschlichen Natur umgestaltet werden soll, um Probleme wie die genannten, die allesamt eine Mischform aus natürlichen und menschlichen Einflüssen sind, besser lösen zu können. Dafür wird in einem ersten Schritt das historisch gewachsene Verhältnis des Menschen zur Natur nachgezeichnet. Anschließend werde ich mit Bezug auf die Anthropozän-Hypothese die Notwendigkeit aufzeigen, die nichtmenschliche Natur nicht ausschließlich als passives Objekt zu betrachten, sondern als einen Teil der Gesellschaft. In einem nächsten Schritt werden Elemente der Akteur-Netzwerk-Theorie eingeführt, die mit ihrer beschreibenden Soziologie die Verflechtungen zwischen Natur und Gesellschaft herauszustellen versucht und damit einen theoretischen Hintergrund für das normative Erkenntnisinteresse dieser Arbeit liefert. Darauf aufbauend werden Bruno Latours' Forderungen nach einer radikal veränderten politikfähigen Ökologie mittels eines „Parlaments der Dinge" aufgegriffen, um Möglichkeiten für eine rechtliche und politische Neuordnung der Mensch-Natur-Beziehung aufzuzeigen.

2. Historische Dichotomie im Mensch-Natur Verhältnis

Im Zentrum der Umweltkrise im Anthropozän steht der Glaube des Menschen, nicht Teil der Natur zu sein. Er betrachtet die Natur als das ihn Umgebende, also als seine Umwelt, die ihm als Ressource für den menschlichen Gebrauch und Konsum zur Verfügung steht. (Vermeylen 2017: 2) Eine solche anthropozentrische Ontologie rückt den Menschen ins Zentrum und räumt ihm eine Sonderstellung ein, indem er zu einem externen Beobachter und Verwandler der Natur überhöht wird. Doch ist der Mensch Natur- und Kulturwesen zugleich. Zum einen ist er Produkt der Evolutionsgeschichte und somit Teil des Ökosystems/Erdsystems mit wechselseitigen Abhängigkeiten. Zum anderen nimmt er aufgrund seiner Dominanz eine aus der Natur herausragende Stellung ein, welche ihn dazu befähigt, Macht auszuüben und ihn damit zu einer geologischen Kraft werden lässt. Diese Spannungen im Welt- und Selbstverständnis des menschlichen Wesens machen das Mensch-Natur-Verhältnis zu einem wichtigen Forschungsgebiet, von dem man sich Antworten auf die gegenwärtigen ökologischen Krisen verspricht. (Horn/Berghtaller 2019: 21 ff.) In der sozial-ökologischen Forschung (Jahn/Wehling 1998; Görg 1999; Becker/Jahn 2006) ist es das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse, dass das dynamische Beziehungsmuster zwischen Natur und Gesellschaft untersucht. Weitere Forschungszugänge finden sich in Arbeiten zu Gender & Environment (Agarwal 1992; Nightingale 2006; Hackforth 2015; Buckingham 2020). Diese befassen sich mit der Verknüpfung von Geschlechtergerechtigkeit und ökologischer Gerechtigkeit. Theoretischen und konzeptuellen Bezugspunkt dieser Arbeit bilden die Akteur-Netzwerk-Theorie (Collins/Yearley 1992; Callon/Latour 1992, Latour 1996) und die Politische Ökologie (Latour 2001).

Die Annahme, dass im Anthropozän von einer Krise des Mensch-Natur-Verhältnisses gesprochen werden kann, macht eine Diskussion über die Verantwortung des Menschen im Umgang mit der Natur notwendig. Dabei sind Verantwortungszuschreibungen in der Beziehung Mensch-Natur nur möglich, wenn die historischen Prozesse, die dem Mensch-Natur-Verhältnis zugrunde liegen nachgezeichnet werden, um den Zustand der „Herrschaft" des Menschen über die Erde im Anthropozän zu verstehen und das dichotome Verhältnis gegebenenfalls transformieren zu können. (Reinkemeyer 2014: 84)

Um sich aus anthropologischer Perspektive auf die Suche nach neuen Formen des Umgangs mit der Natur zu begeben, ist zunächst eine Vergegenwärtigung historischer Formen der Mensch-Natur Beziehung vonnöten. Hier sei darauf hingewiesen, dass es im Laufe der Menschheitsgeschichte auf unterschiedlichen Kontinenten und in verschiedenen Kulturen auch andere als die hier nachgezeichneten Leitlinien, Denkmuster und Interpretationen des Mensch-Natur-Verhältnisses gab und gibt. Dennoch liegt diesem Abschnitt das Ziel zugrunde, zu rekonstruieren, wie sich das MenschNatur Verhältnis im Laufe der Epochen gewandelt hat. Dabei liegt der Fokus auf der historischen

Entwicklung der europäischen Vorstellungswelten. Hier lieferte seit der Christianisierung zunächst die jüdisch-christliche Theologie mit ihrem Schöpfungsmythos den zentralen Interpretationsrahmen. So war der Mensch, der Schöpfungslehre zufolge, ein Teil der Natur und den ihm gegebenen und ihn umgebenden natürlichen Lebensbedingungen ausgeliefert. Die Mensch-Natur-Beziehung wurde dabei von der christlichen Religion als ein Abhängigkeitsverhältnis interpretiert. In der Frühen Neuzeit wurde diese rationalisierende, christliche Deutung des Abhängigkeitsverhältnisses aber aufgrund der zunehmend ökonomisch effizienteren Ressourcenausbeutung und der fortschreitenden Technisierung, aufgeweicht. Daraufhin begann sich das Bild vom Mensch-Natur Verhältnis zu wandeln. Mensch und Natur wurden nicht mehr als sich „wechselseitig spiegelnde Bereiche", also als zwei Bestandteile der einen Schöpfung aufgefasst, sondern als zwei unterschiedliche, getrennt voneinander zu verstehende Entitäten. Dies führte zu der Vorstellung eines der Natur gegenüberstehenden Menschen. Hinzu kam, dass die empirischen Wissenschaften in der Frühen Neuzeit ein mechanistisches Weltbild lehrten, in dem die Natur als ein kausaler Mechanismus gedeutet wurde, welcher es dem Menschen ermöglichte, sein Verhältnis zur Natur selber zu bestimmen, indem er mithilfe von Technik in die Mechanik der Natur eingriff. (Reinkemeyer 2014: 87 f.)

Im 19. Jahrhundert trat durch die einsetzende Industrialisierung und durch die Entwicklung hin zur Industriegesellschaft eine in Geschwindigkeit und Ausmaß neue Dimension der Veränderung der menschlichen Lebenswelt ein. Technik wurde nicht nur eingesetzt um Arbeitsprozesse zu optimieren, sondern auch um Naturräume den menschlichen Nutzungsbedürfnissen anzupassen. Dadurch sollten natürliche Ressourcen effektiver und ertragreicher nutzbar sein. Der Einsatz von Technik entwickelte große Eigendynamik. Technik diente nicht mehr nur zur Optimierung der Ausbeutung von Naturräumen, sondern die Natur selbst wurde zu einer Ressource für die Technik. Das wiederum hatte in der industrialisierten Wirtschaft komplexe Wechselwirkungen zwischen natürlichen Ressourcen und Technik zur Folge. So wurden naturale Ressourcen für technische Praktiken eingesetzt, welche wiederum zur Gewinnung natürlicher Ressourcen dienten. Die Industrialisierung hatte u. a. zur Folge, dass technologische Systeme Naturvorgänge in Teilen ersetzten, wodurch sich Mensch und Natur noch weiter voneinander entfernten. Zudem setzte eine verstärkte Hierarchisierung der Mensch-NaturBeziehung ein. Reinkemeyer beschreibt dies folgendermaßen: „Natur erscheint als Verfügungsmasse des schaffenden Menschen, der die Natur nach seinen Bedürfnissen und Vorstellungen als Ressourcenlieferant nutzt, als Kulturlandschaft neu arrangiert, sie in einen ihm gemäßen Sinnzusammenhang der Ökonomisierung überführt und nach seinem Bild neu formt, [...]" (Reinkemeyer 2014: 91 f.)

Auch im 20. Jahrhundert zeigte sich, dass durch die in immer größerem Maßstab ausgeführten ingenieurstechnischen Eingriffe in Naturräume, die Technisierung in der Natur und im Mensch-Natur- Verhältnis weiter vorangetrieben wurde. Der Mensch stand der Natur in einem zunehmend hierarchischen Verhältnis gegenüber. Mit dem Aufkommen der Umweltbewegungen in den 1970er Jahren wurde dieses Hierarchieverhältnis zunehmend diskutiert. Das Ausmaß an Macht und Kontrolle, die der Mensch über die Lebenssysteme auf der Erde übernommen hatte, geriet in die Kritik. Trotz der nun schon lange anhaltender Kritik am Umgang des Menschen mit der Natur hat sich an dem dominanten Technologisierungs-Paradigma, das auf der Hierarchisierung von Mensch und Natur in der ökonomischen Konsumtion von Natur beruht, nicht viel geändert. (Reinkemeyer 2014: 94) Auch umweltpolitische Eingriffe, die manche Umweltprobleme lösen konnten, bewirkten in den letzten Jahrzehnten einen nur bedingt veränderten Umgang mit der Natur. Damit stehen wir an einem Punkt, vor dem die Umweltbewegung gewarnt hatte: Unsere Gegenwart ist unsere Zukunft. Der zunehmende Widerspruch im Denken und Handeln mit und über die Natur kann als Wandel in der Hierarchisierung von Mensch und Natur begriffen werden. Dieser Widerspruch scheint notwendig angesichts des Eintritts ins Anthropozän, der nicht einfach als Krise verstanden werden kann, sondern als Bruch mit den ungewöhnlich stabilen Verhältnissen des Holozäns. (Horn/Bergthaller 2019: 10)

Dieser Arbeit liegt eine anthropozentrische Position zugrunde. Das bedeutet nicht, dass an dem dichotom verstandenen Mensch-Natur-Verhältnis festgehalten und dieses als ein Subjekt-Objekt Verhältnis interpretiert werden soll, in das der Mensch in einer von ihm gewünschten Weise eintreten kann. Vielmehr soll die Anerkennung der eigenen Abhängigkeit von der Natur und aufbauend darauf eine Reflexion der Mensch-Natur-Beziehung dazu führen andere Formen des Umgangs zu implementieren. Ausgehend vom Anthropozän-Konzept, welches unser Zeitalter als eines beschreibt, in dem der Mensch sich seiner Bedeutung als formende Kraft bewusst ist, soll der Frage nach dem Verhältnis von Natur und Kultur nachgegangen werden. Ferner soll untersucht werden, ob eine mögliche Transformation der Dichotomie Möglichkeiten bietet, das als krisenhaft beschriebene Verhältnis so umzugestalten, dass Krisen besser gelöst werden können.

3. Anthropozän

Mit dem Begriff des Anthropozäns bezeichnen die Geowissenschaften ein neues Erdzeitalter, in das die Menschheit bereits eingetreten ist. So folgt auf das Holozän, welches mit einer 11.700 Jahre andauernden Warmzeit und verhältnismäßig stabilen Umweltbedingungen die Entstehung und Entwicklung der menschlichen Zivilisation ermöglicht hat, das Anthropozän. Dieses Erdzeitalter des Menschen, so der Atmosphärenchemiker Paul Crutzen, sei geprägt durch dessen dominanten Einfluss auf die biogeochemischen Subsysteme des Erdsystems. Seit Jahrtausenden hat der Mensch die Natur beeinflusst und verändert doch was mit dem Anthropozän-Begriff beschrieben werden soll, ist, dass durch die tiefgreifende menschgemachte Veränderung der Biosphäre auf planetarer Ebene, der Mensch sich zu einer geologischen Kraft entwickelt hat, deren Effekte überall auf der Erde zu beobachten sind. Damit setzt der Begriff die ökologischen Krisen unserer Zeit, wie den drastischen Verlust an Biodiversität, den durch Treibhausgase verursachten Klimawandel und den wachsenden Ressourcenverbrauch in direkte Verbindung mit menschlichem Handeln. (Dürbeck 2018: 2)

Die mit dem Anthropozän-Begriff vermittelte Erkenntnis, dass der Mensch die Ökologie des Planeten in einem globalen Maßstab verändert, macht eine kritische Selbstreflexion des Menschen notwendig. Die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Natur muss unter veränderten Vorzeichen neu gestellt werden. Denn spätestens durch die Anthropozän-Hypothese wird die kategorische Unterscheidung zwischen Mensch/Kultur auf der einen und Natur auf der anderen Seite aufgelöst und sie verlangt nach einer Neubestimmung der Stellung des Menschen als Teil seiner natürlichen Umwelt. (Dürbeck 2018: 3) Die Relevanz des Anthropozän-Begriffs über naturwissenschaftliche Fachdebatten hinaus geht einher mit dem Benennen einer ethischen Herausforderung, der sich nahezu alle wissenschaftlichen Disziplinen stellen müssen. Gestützt auf die Einsichten der Naturwissenschaften, dass die Natur als ein komplexes System zu verstehen ist, dem der Mensch als integraler Bestandteil zugehört, muss die Sonderstellung des Menschen in Frage gestellt werden. (Horn/Bergthaller 2019: 16)

Die Anthropozän-Hypothese besagt, dass eine enge Wechselbeziehung und somit eine NichtTrennbarkeit zwischen Natur und Kultur besteht. Daraus lässt sich eine ethische Verantwortung des Menschen für das Erdsystem ableiten. (Dürbeck 2018: 4) Im Zentrum ethischen und politischen Denkens steht dabei die Frage nach der Koexistenz mit der nicht-menschlichen Natur. (Haraway 2003) (Horn/Bergthaller 2019: 20) Als ein Versuch, dieser Herausforderung des Anthropozäns gerecht zu werden, kann der Ansatz einer neuen Ontologie des Anthropozäns gesehen werden. Diese ist in ihren unterschiedlichen theoretischen Ausführungen von der Idee geleitet, die Sonderstellung des Menschen und die klassische Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt aufzulösen. Dies wird als „Ontological Turn in the Anthropocene" bezeichnet. (Horn/Bergthaller 2019: 20)

Horn und Bergthaller sehen im Zeitalter des Anthropozäns die Notwendigkeit, die „Natur" nicht lediglich als passiven Hintergrund für menschliches Handeln zu interpretieren. Ebenso scheint ihnen klar zu sein, „dass die Wirkmacht des Menschen im Erdsystem nicht als intentionales und zielgerichtetes Handeln eines bewussten Akteurs verstanden werden kann". Jedoch sehen sie den Fokus auf die Ontologie kritisch und „glauben nicht, dass man den Aufgaben, mit denen uns das Anthropozän konfrontiert, durch die Einebnung von menschlichen und nicht-menschlichen Eigenschaften und Vermögen gerecht wird." (Horn/Bergthaller 2019: 21) Dabei übersehen sie meines Erachtens, die mit einer Neuordnung des Verhältnisses von Mensch und Natur verbundenen Möglichkeiten einer „Rückkehr" zur Natur, was sich in einem Aufweichen des Herrschaftsverhältnisses niederschlagen könnte. Sicherlich ist eine neue Ontologie für das Anthropozän kein Lösungskonzept für die ökologischen Katastrophen, aber es kann ein Ausgangspunkt sein für die Organisation einer verbesserten Koexistenz von menschlichen und nicht-menschlichen Wesen, indem sie nämlich als ein Kollektiv verstanden werden. Dadurch würde kollektives Handeln auch tatsächlich alle betroffenen und handelnden Akteure miteinbeziehen. Zweifellos ist es eine idealisierende politische Utopie, die Sonderstellung des Menschen aufzuweichen, indem Dingen, Landschaften und nicht-menschlichen Wesen ähnliche Fähigkeiten und Intentionen zugeschrieben werden, wie dem Menschen. Es erscheint mir ein notwendiger Ansatz um der Verflechtung von Natur und Gesellschaft sowie von menschlichen und nicht-menschlichen Wesen Rechnung zu tragen. Denn nur mit einem veränderten Verständnis davon, wer Teil der Gesellschaft bzw. des Kollektivs ist, bietet sich die Möglichkeit einer zielgerichteten politischen Repräsentation und einer rechtlichen Vertretung derjenigen, die bisher der Ausbeutung preisgegeben waren. In Anbetracht der hier diskutierten Herausforderungen des Anthropozäns und der daraus hervorgehenden Notwendigkeit einer Neuordnung des Mensch-Natur Verhältnisses, führt das folgende Kapitel als Grundlage für Latours Überlegungen zu einem „Parlament der Dinge", in die Kernelemente der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) ein.

4. Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT)

Die Akteur-Netzwerk-Theorie ist ein sozialwissenschaftlicher Ansatz, der seit den 1980er Jahren maßgeblich durch Beiträge der Soziologen Michel Callon, Bruno Latour und John Law entwickelt worden ist. Dabei erhebt dieser Ansatz den Anspruch, eine allgemeine Theorie des Sozialen zu konstruieren, indem er einer radikalen Strategie der Entgrenzung des Sozialen folgt. So werden Gesellschaft, Natur und Technik nicht mehr als getrennte Einheiten verstanden, vielmehr werden, neben dem Menschen auch natürliche und artifizielle Objekte sowie Tiere und Pflanzen als Teil der Sozialwelt interpretiert. Somit beschreibt der Begriff des Sozialen die Verknüpfung von verschiedenen Entitäten durch den Vorgang der Vernetzung, Übersetzung und Assoziation von menschlichen und nicht-menschlichen Wesen. (Kneer 2009: 20) Entscheidend dabei ist, dass nicht nur menschlichen, sondern auch nicht-menschlichen Entitäten Handlungsfähigkeit bzw. Aktivität (Agency) eingeräumt wird. Demnach entsteht das Soziale durch die Verbindungen von Entitäten aller Art. (Peuker 2011: 154 f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Anthropozän-Konzept als Herausforderung für das Mensch-Natur-Verhältnis. Umgang mit nicht-menschlicher Natur
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwisssenschaften)
Veranstaltung
Ökologische Politische Theorie
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V1008433
ISBN (eBook)
9783346396150
ISBN (Buch)
9783346396167
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anthropozän, Akteur-Netzwerk-Theorie, Parlament der Dinge, Bruno Latour, nicht-menschliche Natur
Arbeit zitieren
Janik Horstmann (Autor), 2020, Anthropozän-Konzept als Herausforderung für das Mensch-Natur-Verhältnis. Umgang mit nicht-menschlicher Natur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1008433

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