Interreligiöses Lernen in der Schule. Das Hamburger Modell des Religionsunterrichts

Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus


Hausarbeit, 2021

14 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Religiös-kulturell pluralistisches Deutschland

Religionstheologische Positionen/Modelle zum interreligiösen Dialog

Wie findet interreligiöses Lernen bereits statt? – das Hamburger Modell des Religionsunterrichts für alle im Blick

Chancen, Perspektiven und Herausforderungen des interreligiösen Lernens

Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

„Das beste Mittel sich kennen zu lernen, ist der Versuch, andere zu verstehen. – André Gide“1

Interreligiöses Lernen ist insbesondere heutzutage in unserer multikulturellen und polyreligiösen Gesellschaft essenziell, damit Schüler*innen sich in diese Gesellschaft integrieren und an dieser partizipieren können. Wichtig ist es darzulegen, dass Schüler*innen im Alltag stetig mit der Tatsache des interreligiösen Lernens konfrontiert werden. Sei es in der Klasse mit andersgläubigen Mitschüler*innen, wenn ihnen auf dem Schulweg Frauen mit Hijab (islamisches Kopftuch) entgegen kommen, oder in den Medien wirksame Diskussionen über ein Kopftuchverbot und die Veröffentlichung von Publikationen wie beispielsweise „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin.

In dieser Hausarbeit soll das Thema interreligiöses Lernen im Religionsunterricht näher betrachtet werden, da es sich hierbei, um ein Thema handelt, das im Moment hauptsächlich alltäglich gelernt wird, nicht aber den flächendeckenden Weg in den Schulunterricht gefunden hat. Um sich mit interreligiösem Lernen adäquat auseinandersetzen zu können, soll zunächst die religiös-kulturelle Pluralität in Deutschland abgebildet werden. Hieran schließt sich eine Darlegung verschiedener Religionstheologischer Positionen zum interreligiösen Dialog. Danach sollen bereits bestehende Konzepte des interreligiösen Lernens untersucht werden, wobei der Fokus auf das Hamburger Modell des Religionsunterrichts für alle, gelegt werden soll. Abschließend sollen, in einem kritischen Fazit, die Chancen und Grenzen, der aufgezeigten Modelle, in Bezug auf interreligiöse Lernprozesse analysiert werden. Insbesondere soll hierbei die Frage geklärt werden, ob es sich bei interreligiösem Religionsunterricht noch um theologisch zentrierten Unterricht handelt, oder ob sich der Unterricht hin zu einer Art Religionskunde entwickelt.

Der Forschungsstand zu dieser recht neuen Thematik für den Religionsunterricht ist bereits recht breit und differenziert, sodass ein Abarbeiten aller Thesen, die in diesem Zusammenhang aufgestellt wurden, den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde. Daher sind in dieser Hausarbeit insbesondere die Positionen von John Hick, Monika Taut und Karlo Meyer berücksichtigt, sowie speziell für den „Hamburger Weg“2: Thorsten Knauth, Wolfram Weiße und Andreas Gloy.

Religiös-kulturell pluralistisches Deutschland

Wie bereits einleitend kurz erwähnt, existiert in Deutschland, unbestreitbar eine bereichernde, multikulturelle Gesellschaft. Zahlreiche Menschen verschiedener kultureller und religiöser Zugehörigkeit haben hier ihr Zuhause gefunden.

Insbesondere hervorzuheben ist dies, wenn man berücksichtigt, dass es erst circa hundertzehn Jahre her ist, dass das kirchliche und konfessionell organisierte Christentum die unangefochtene Religion in Europa war, beziehungsweise ist sie das noch immer, jedoch existieren mittlerweile bereichernde Einflüsse anderer Konfessionen Europa. Europa und die Welt werden nicht mehr geprägt von verschiedenen Missionierungskonzepten, wie das beispielsweise, das 1910 auf der Weltmissionskonferenz ausgerufene Motto ‚Evangelisierung der Welt in dieser Generation‘.3 Stattdessen sind die Konfrontation und der Dialog, sowie das allgemeine Wissen, um die (Ko-) Existenz der anderen Religionen, selbstverständlich geworden.4

Doch Deutschland auf Grund dieser neuen Einflüsse als ‚Multi-Kulti-Nation‘ abzutun, um einen Versuch zu wagen, den ausländischen Weltbilder, Kulturen, Religionen und Traditionen gerecht zu werden, wird diesem nicht so einfach und vor Allem nicht eindeutig gerecht. Dies liegt schlicht und ergreifend daran, dass auch in der Wissenschaft die Definition einer multikulturellen Gesellschaft nicht hinreichend eindeutig ist. Im Gros existieren zwei Positionen hierzu die sich diametral gegenüberstehen. Zum einen führt Werner Schiffauer die universalistische Definition an, die „nicht mehr von ‚Kulturen‘ […], sondern nur noch von Individuen […]“5 ausgeht. Es soll evident werden, dass wenn man „[…] letztlich nicht mehr von Kulturen spricht […]“6, diese auch nicht anerkannt werden können.7

Der universalistischen Position steht die kulturalistische Auffassung gegenüber, derer zu Folge ‚Kultur‘ etwas statisches, geschlossenes sei, worin Normen, Werte und Standards geteilt und Grenzen zu anderen ‚Kulturen‘ etabliert würden. Bezieht man diese Ansicht auf die Ausgestaltung einer multikulturellen Gesellschaft, wird mit der Beanspruchung des Rechts auf (kulturelle) Selbstverwirklichung auch ein „Recht auf Differenz“8 und Andersartigkeit gäbe.9 Schiffauer zeigt mit diesen widersprüchlichen Definitionen auf, dass eine eindeutige Bejahung oder Verneinung der These: Deutschland sei ein Multi-Kulti-Land (geworden), massiv von der positionsabhängigen Definition und Verwendung des Begriffs ‚Kultur‘ abhängig ist. Einfacher zu beantworten ist die These des multireligiösen Deutschlands denn es ist evident, dass in Deutschland verschiedene Religionen zusammenleben. Der säkulare Staat ermöglicht einen religiösen Pluralismus durch die Schaffung und Erhaltung der Religionsfreiheit. Dieser Pluralismus beschränkt sich jedoch nicht nur auf interreligiöse, sondern auch auf intrareligiöse Differenzen10. Wichtig für ein konfliktfreies Zusammenleben der verschiedenen Religionsgruppen ist es, für alle Beteiligten sich auf eben dieses Zusammenleben einzulassen und sich durch und mit diesem weiterzuentwickeln. Weiterentwicklung meint an dieser Stelle hinsichtlich der liberalen, demokratischen und sozialen Einstellung. Das bedeutet ein Handeln nach ethischen Grundsätzen, die unterschiedlichen religiösen und kulturellen Werte zu achten, Beziehungsgestaltung fördern durch Toleranz, Solidarität und Gerechtigkeit hinsichtlich einer Gleichberechtigung der Gemeinschaften und der Völkerverständigung11. Natürlich kann nicht vorausgesetzt werden, dass, folgt man diesen Richtlinien, das Zusammenleben stets harmonisch und konfliktfrei ablaufen wird. Daher sollten auftretende Konfliktsituationen vernunftgemäß gelöst werden, jedoch Konflikte auch ertragen werden können, denn eine absolute Übereinstimmung in sämtlichen Punkten zwischen verschiedenen Religionen scheint utopisch. Daher sollten eben diese Konfliktsituationen genutzt werden, um Verständnis zu erlangen und einen Austausch zu beleben. Dennoch sollten insbesondere die gemeinsamen Werte verteidigt werden, denn hierdurch wird das interreligiöse Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt.

Religionstheologische Positionen/Modelle zum interreligiösen Dialog

Im Folgenden sollen die drei bekanntesten religionstheologischen Positionen/Modelle zum interreligiösen Dialog vorgestellt werden, samt einer Abwägung über Chancen und Risiken der Verwendung jeder einzelnen.

Exklusivismus: nach der exklusivistischen Auffassung: „ extra ecclesiam nulla salus “ (kein(e) Heil(swahrheit) außerhalb der Kirche), wird bereits eindrucksvoll vermittelt, was von anderen Religionen und ihrem ebenfalls postulierten Wahrheitsanspruch gehalten wird. Nämlich, dass andere Religionen keine Heilsvermittlung leisten können. Unterschieden werden muss hier jedoch der radikale Exklusivismus vom gemäßigten Exklusivismus. Der radikale Exklusivismus zeichnet sich dadurch aus, dass eine Erlangung des Heils nicht ohne Religionszugehörigkeit möglich ist, wohingegen der gemäßigte Exklusivismus eine Heilsmöglichkeit auch ohne Religionszugehörigkeit verheißt. Als bekannten Vertreter des Exklusivismus sei Karl Barth zu nennen.

Ersichtlich sollte sein, dass diese Position zum interreligiösen Dialog, eben diesen erst gar nicht entstehen lassen kann, da sie in ihrer Intoleranz anderen Religionen gegenüber Dialogunfähig ist, weil sie ihnen den Wahrheitsanspruch und die Heilsvermittlung abspricht, sie also somit nicht auf eine Ebene mit sich selbst stellt sondern sich über andere Religionen erhebt.

Inkilusivismus: der Inklusivismus beschreibt eine Haltung, die dem gemäßigten Exklusivismus ähnlich ist. Nämlich, dass eine gewisse Heilswahrheit auch außerhalb der eigenen Religion vermittelt werden kann. Gleichzeitig geht der inklusivistische Betrachter davon aus, dass der Heilsweg der eigenen Religion als der definitive und unüberbietbare zu verstehen ist. Insbesondere Karl Rahner sei hier zu nennen der mit seiner These vom sogenannten Anonymen Christen, christliches Verhalten in anderen Religionen erkennt, fixiert und den Glaubenden so eine eigentliche Zugehörigkeit zum Christentum unterstellt, diese von ihnen aber nicht erkannt werde.

Für einen interreligiösen Dialog eignet sich dieses Modell ebenfalls nicht besonders gut, obwohl andere Heilswahrheiten anerkannt werden, jedoch nicht im selben Maße wie die der eigenen Religion. Betrachtet man dann noch die These von Karl Rahner, kann von einer andere vereinnahmenden Perspektive gesprochen werden die das Ziel habe, religiöse Vielfalt zu überwinden hin zu der allumfassenden Zugehörigkeit zur eigenen Religion.

Pluralismus: Das Modell Pluralistischer Religionstheologie, entwickelt von John Hick, eignet sich als einzige der drei Modelle für einen interreligiösen Dialog auf Augenhöhe. Manifestiert wird dies, durch die Anerkennung der Verkündigung von Heilswahrheit im gleichhohen Maße wie bei der eigenen Religion. Das bedeutet auch, dass es keine normative Religion gibt, die den anderen Religionen überlegen ist. Der Pluralismus erliegt folglich nicht der Hybris andere Religionen abzuwerten, sondern verkündet einen allgemeinen Heilswillen Gottes. Denn dieser steht bei diesem Modell im Zentrum (Theozentrismus) und keine Religion für sich.

Gleichzeitig muss im Pluralismus darauf geachtet werden, dass durch divergierende Wahrheitsansprüche schlechtesten falls Widersprüchlichkeiten postuliert werden könnten. Ebenfalls läuft der Pluralismus Gefahr zum Relativismus zu tendieren.

In untenstehender Grafik soll noch einmal vereinfacht dargestellt werden, in welcher Entwicklung die einzelnen Positionen entstanden und mittels welcher Fragestellungen einen Nachverfolgung der einzelnen Positionen ermöglicht wird.

Abbildung 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie findet interreligiöses Lernen bereits statt? – das Hamburger Modell des Religionsunterrichts für alle im Blick

Beschäftigt man sich mit der Durchführung interreligiöser Lernprozesse im Rahmen des Bildungsauftrages der Schule, beziehungsweise des Religionsunterrichts findet man diverse Konzepte, die den Schüler*innen einen adäquaten Zugang zum interreligiösen Dialog bieten sollen.

Interessant zu beobachten ist an dieser Stelle, dass die meisten dieser Zugänge zum interreligiösen Lernen physisch geschaffen werden. Das heißt, dass das tatsächliche Erfahren, das Kennenlernen einer Religion, über, für eben diese Religion spezifische Gegenstände fruchtbar gemacht werden soll. Gleichzeitig erfordert das Lernen an Gegenständen eine äußerst massive, dezidierte Vorbereitung der Lehrperson, wenn gleich fraglich ist, ob ein*e Religionslehrende*r, die Bedeutsamkeit des einzelnen Gegenstands vollumfänglich und authentisch erfassen und wiedergeben kann. Insbesondere dann, wenn dieser Gegenstand einer anderen Religion entstammt, derer die Lehrperson nicht zugehörig ist. Daher scheint es sinnvoll einen Experten der zu lehrenden Religion einzuladen über seine Religion, Bräuche und Traditionen zu berichten. Auch hier ist die Lehrperson erneut, als auch der Referierende gefragt, zu erläutern, dass dieser Bericht von eigenen Erfahrungen geprägt ist. Das bedeutet also, dass man schlechtesten Falls ein einseitig beleuchtetes Bild der Religion vermittelt bekommt, abhängig von den gemachten Erfahrungen und Intentionen des Referenten.

[...]


1 Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg, Gemeinsamer Orientierungsrahmen für die Bildung in Kindertagesbetreuung und Grundschule - Zwei Bildungseinrichtungen in gemeinsamer Bildungsverantwortung beim Übergang vom Elementarbereich in den Primarbereich, S.69.

2 Knauth, Thorsten, Dialogischer Religionsunterricht. Der Hamburger Weg eines Religionsunterrichts für alle, 2016.

3 Vgl. Vött, Matthias, Interreligiöse Dialogkompetenz. Ein Lernprogramm für den muslimisch-christlichen Dialog, S.29.

4 Vgl. ebd.

5 Schiffauer, Werner, Fremde in der Stadt. Zehn Essays über Kultur und Differenz, S.150.

6 ebd.

7 Vgl. Schiffauer, Werner, Fremde in der Stadt, S.150f.

8 ebd., S. 145.

9 Vgl. ebd. S.144f.

10 Vgl. Walke, Elisa, Wir leben in einer Zeit des religiösen Pluralismus.

11 Vgl. §2 II HSchG iVm. §2 I NSchG.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Interreligiöses Lernen in der Schule. Das Hamburger Modell des Religionsunterrichts
Untertitel
Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für katholische Theologie)
Veranstaltung
Religion gibt es nur im Plural - Interreligiöses Lernen und Differenzkompetenz
Note
1,6
Autor
Jahr
2021
Seiten
14
Katalognummer
V1014492
ISBN (eBook)
9783346436344
ISBN (Buch)
9783346436351
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedhofspädagogik, interreligiös, Unterricht, Religionsunterricht, Hamburg, Vergleich, Theologie, Religionsunterricht für alle, Herausforderung, Pluralität, Dialog, Interreligiöser Dialog, Differenzkompetenz, Exklusivismus, Inklusivismus, Pluralismus
Arbeit zitieren
Julian Bug (Autor:in), 2021, Interreligiöses Lernen in der Schule. Das Hamburger Modell des Religionsunterrichts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014492

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