Was ich glaube, ist Wahrheit. Möglichkeiten zum Erfassen kindlicher Glaubensaussagen im Religionsunterricht


Bachelorarbeit, 2018

66 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhalt

1 PROBLEMAUFRISS UND ZIELSTELLUNGEN

2 BEGRIFFSBESTIMMUNGEN
2.1 Einleitung
2.2 Glaubenserfahrung
2.3 Glaubensaussage
2.3.1 Glaubensaussage als Zeugnis
2.3.2 Glaubensaussage als Bekenntnis
2.4 Wahrheit
2.4.1 Bedingungen der Epistemologie
2.4.2 Begrundung der Anthropologie
2.5 Resumee

3 GELTUNGSANSPRUCH VON GLAUBENSAUSSAGEN
3.1 Kontextbezug von Glaubensaussagen
3.1.1 Lebensweltliche und historische Einordnung
3.1.2 Kategorische Einordnung
3.2 Glaubwurdigkeit
3.2.1 Glaubwurdigkeit eines bzw. einer Aussagenden
3.2.2 Glaubwurdigkeit einer Aussage
3.3 Interpersonale Kommunikation
3.3.1 Kommunikativer Akt
3.3.2 Asthetischer Akt
3.3.3 Spiritueller Akt
3.4 Resumee

4 MOGLICHKEITEN DES ERFASSENS KINDLICHER GLAUBENSAUSSAGEN IM UNTERRICHT
4.1 Zum allgemeinen Verstandnis einer Methodenvielfalt im Religionsunterricht
4.2 Kindertheologie
4.2.1 Kompetenzaufbau beim Theologisieren im Religionsunterricht
4.2.2 Rolle der Lehrkraft beim Einsatz von Methoden im Religionsunterricht
4.3 Geeignete Methoden zum Erfassen kindlicher Glaubensaussagen im Religionsunterricht
4.3.1 Fantasiereise
4.3.2 Uben der Kommunikation
4.3.3 Einsatz von Spielen
4.4 Resumee

5 CONCLUSIO

6 LITERATURVERZEICHNIS
6.1 Literaturen in Papierform
6.2 Literaturen in elektronischer Form (Internet)
6.3 Weiterfuhrende Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Soziokulturelles Umfeld und einwirkende Faktoren nach Sodling

Abbildung 2: Merkmale guten Unterrichts nach Meyer

Abbildung 3: Methodische Grundformen nach Rendle, Heinemann, Kuld, Moos & Muller

1 Problemaufriss und Zielstellungen

Kinder und Jugendliche stellen im Religionsunterricht Fragen hinsichtlich1 der Glaub- wurdigkeit unseres Glaubens. Sie wollen erfahren, was wahr ist, woran man glauben kann und mit welcher Gewissheit man den Glauben weiter vermitteln kann. Ebenso stellen sich glaubige Erwachsene die Frage, mit welchem Anspruch eine Aussage uber den eigenen Glauben objektives Recht auf Geltung hat. In einer Glaubensaus- sage teilt sich die erzahlende Person seinem Gegenuber mit und gibt somit ein per- sonliches Glaubenszeugnis uber subjektive Erfahrungen des Glaubens ab. Diese subjektiven Erfahrungen und Mitteilungen sind meist eine Begrundung fur den per­sonlichen Glauben. Doch welcher Anspruch kann diesen Glaubensaussagen zuge- sprochen werden? Handelt es sich dabei um bedeutende Personlichkeiten wie bei- spielsweise Karl Rahner, fragt sich so mancher ebenfalls, welchen Geltungsan- spruch folgender Aussage zugeschrieben werden kann: „Ich habe Gott unmittelbar erfahren. Ich habe Gott erfahren, den namenlosen und unergrundlichen, schweigenden und doch nahen, in der Dreifaltigkeit seiner Zuwendung zu mir.“ Neuhaus sieht die Aufgabe der Fundamentaltheologie darin, den Glauben an Jesus Christus auf der Basis der Vernunft zu bergrunden, welche auch fur nichtglaubige Menschen erreichbar ist. An dieser Stelle ist anzumerken, dass dies eine Basis fur viele Men- schen darstellt, fur die Gott und der Glaube erstmals in der Volksschule zum Gegen- stand der Auseinandersetzung werden. Fachdidaktikerinnen und Fachdidaktiker be- tonen stets, dass biblischer Unterricht einen Dialog zwischen dem Kind und der Bibel herstellen muss: „Botschaft hat stets mit Situationen des Lebens der Kinder zu tun. Glauben ist nicht loszukoppeln oder abzuheben von den Erfahrungen, die der Mensch taglich macht.“ Gelingt es, Kinder in ihrer Vorstellungskraft zu unterstutzen, erhalt man einen Einblick in das theologische Verstandnis ihrer Auffassungen und Motive. Aufgrund zahlreicher Diskussionen mit Kindern im Religionsunterricht in der Volksschule zu diesem Kontext stellt sich die Frage nach der Moglichkeit einer ge- zielten Ermittlung kindlicher Gottes- und Glaubensfragen.

So werden zu Beginn dieser Arbeit zentrale Begriffe wie2 Glaubenserfahrung und Glaubensaussage thematisiert. Daraus ergibt sich die Auseinandersetzung mit der kommunikativen Struktur jeder Aussage und den Auswirkungen einer objektivieren- den Weise auf das Forschungsergebnis. Im weiteren Teil der Arbeit soll nicht ein Schema aufgebaut werden, anhand dessen die Echtheit von Glaubensaussagen ge- pruft werden sollte, sondern der Anspruch auf Geltung unter Berucksichtigung des Kontextes, der Glaubwurdigkeit und der Komplexitat der Kommunikation diskutiert werden. Dadurch soll geklart und anschaulich gemacht werden, welchen vernunfti- gen und rationalen Geltungsanspruch eine auf subjektiver Glaubenserfahrung beru- hende Aussage auf objektiver Ebene erheben kann. Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, was mit Wahrheit im theologischen Sinn gemeint ist. Die Arbeit wird sich im Kernteil mit religionsdidaktischen Modellen auseinandersetzen, die eine Be- handlung des Themas in der Schule sowie die anschlieftende Beantwortung der Forschungsfrage unterstutzen. Durch einen Methodenvergleich ausgewahlter didak- tischer Modelle soll herausgefunden werden, inwiefern bestimmte Methoden bei der Ermittlung kindlicher Gottes- und Glaubensfragen nutzlich bzw. hinderlich sind. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf dem Theologisieren und Philosophieren mit Kindern liegen.

In diesem Zusammenhang ergibt sich folgende Fragestellung:

Inwiefern begunstigen bzw. hemmen bestimmte religionsdidaktische Methoden den Zugang der Kinder im Volksschulalter zum Verbalisieren subjektiver Glaubenserfah- rungen?

Ziel der Arbeit ist, bezuglich des Zusammenhangs zwischen rationalem Denken und religiosen Glaubensaussagen Fragen zu formulieren und entsprechend nachvoll- ziehbarer Gedankengange Antworten zu suchen, die Kinder im Volksschulalter gut annehmen konnen. Ein Vergleich ausgewahlter didaktischer Methoden im Religions- unterricht soll dabei ausschlaggebend sein. Auf der Basis fundamentaltheologischer Literatur soll ein Konnex zum schulpraktischen Unterricht hergestellt werden.

Die Arbeit wird textorientiert und hermeneutisch-kritisch, also interpretativ verfasst.

2 Begriffsbestimmungen

2.1 Einleitung

Im folgenden Kapitel werden die fur die vorliegende Arbeit relevanten Begriffe genau definiert und sollen fur ein leichtes Leseverstandnis sorgen. Zunachst wird auf den Begriff der Glaubenserfahrung eingegangen, im Weiteren auf den Begriff der Glau- bensaussage und die Charakteristika eines Zeugnisses und eines Bekenntnisses. Im Anschluss soll der Begriff der Wahrheit und die damit verbundene Subjektivitat erlau- tert werden. Das Ziel der Begriffsbestimmungen ist die Sicherstellung einer gemein- samen Basis des Verstandnisses fur das Lesen dieser Arbeit.3

2.2 Glaubenserfahrung

Aussagen des Glaubens beziehen sich stets auf Glaubenserfahrungen und sind so- gar in ihnen begrundet, womit deutlich wird, dass zunachst auf den Begriff der Glau- benserfahrung einzugehen ist. Im Rahmen dieser Arbeit bezeichnet der Begriff der Glaubenserfahrung eine subjektive Wahrnehmung Gottes, die sich fur das Subjekt in einem wahrhaftigen und meist sinnlichen Erlebnis konstituiert. Doring schreibt dazu im Lexikon fur Theologie und Kirche, dass jenes Ereignis vom Subjekt im objektiven Rahmen der christlichen Offenbarung und Uberlieferung gedeutet wird, stets jedoch ein subjektives Geschehen beschreibt. Die personliche Reflexion und die anschlie- ftende Kommunikation der Erfahrung im christlichen Kontext bewirkt, dass die Erfah- rung immer nur subjektiv uberliefert und vermittelt werden kann:

„Da Erfahrungen im sozialen Kontext stattfinden, sich versprachlichen lassen, mithin kommunikabel sind, kann also der Glaubende unter dem bestimmenden Licht des ihm angebotenen Glaubensinhalts aus der christlichen Erfahrungsge- schichte am heutigen Erfahrungsmaterial seine Glaubenserfahrung machen.“4

Da aus dem Zitat hervorgeht, dass Erfahrungen dieser Art kommunikabel seien, soll an dieser Stelle ein biblisches Beispiel von Bausenhart angefuhrt werden, der genau diesen Aufwand aufnimmt und erlautert. Simon Petrus bezeugt, dass Jesus von Nazareth der Messias sei, der Sohn des lebendigen Gottes.5 Er bezeugt dies auf der menschlichen Basis, da ihm nur die menschliche Erkenntnis zu Grunde liegt. Auch wenn Jesus ihm nachher sagt, dass er diese Erkenntnis von Gott hat („Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel“6 ), so wird nur der Ursprung der Erkenntnis erhoht, nicht jedoch der Modus, denn Simon Petrus denkt innerhalb des menschlichen Erkenntnishorizonts, in dem die Aussage und die Erfah- rung kommuniziert werden kann.7 8

Wie bereits deutlich gemacht, sind Glaubenserfahrungen stets subjektiv und konnen nur im Rahmen menschlicher Vernunft diskutiert und vermittelt werden. So betont auch Hohn, dass die Erkenntnis im weltlichen Erfahrungshorizont und unserer eigenen menschlichen Vernunft begrundet ist. Nun konnten jedoch Religionskritikerin- nen und -kritiker meinen, dass gottliche Erkenntnis niemals mit menschlicher Ver- nunft erfasst werden kann. An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass es fur diese Arbeit irrelevant ist, ob der Ursprung von Glaubenserfahrungen im personli­chen Glauben, der Gnade Gottes oder sogar in der eigenen Projektion von Vorstel- lungen oder Wunschen besteht. Die Arbeit mochte sich jedoch sehr wohl mit den Problemstellungen, die aus diesen verschiedenen Moglichkeiten des Ursprungs ei- ner Glaubensaussage erwachsen, befassen. Dabei ist vorauszusetzen, dass menschliche Vernunft genauso wie die Religionen (hier: im Christentum) den Grund- gehalt der Moral innehat:

„Alle Erkenntnis wird konsequent auf das gegrundet, wovon der selbstandig gewordene Vernunftgebrauch sich aus Prinzipien vergewissert, die ihm unmit- telbar evident sind oder die er aus eigener Welterfahrung selbst gewinnt. [...] Dies muss den Kernbestand des Christentums keineswegs antasten, da man davon ausgeht, dass autonomer Vernunftgebrauch in Religionsdingen auf je- den Fall die Existenz eines einzigen, gerechten und gutigen Gottes als gewiss erweisen werde, aber auch die Unsterblichkeit der Seele bekraftigen konne und vor allem betatigen werde, dass alle wahrhaft vernunftigen Menschen mit dem vom Christentum herausgestellten Grundgehalten des sittlich Guten und Bosen ubereinstimmen werden.“9

Problematisch werden Glaubenserfahrungen erst dann, wenn sie als Glaubensaus- sagen formuliert und fur auftenstehende zuganglich gemacht werden. Hier stellt sich die Frage nach der Glaubwurdigkeit des Subjektes, von dem die Aussage bzw. die Umschreibung der Glaubenserfahrung stammt. Die Frage nach der Glaubwurdigkeit der Person ist nur eine von mehreren Aspekten des Geltungsanspruches von Glau- bensaussagen. Damit spater an dieser Stelle angeknupft werden kann, ist es jedoch notig, zunachst den Begriff der Glaubensaussage und die damit verbundenen Cha- rakteristika zu erlautern.

2.3 Glaubensaussage

2.3.1 Glaubensaussage als Zeugnis

Wenn im religiosen Zusammenhang von einem Zeugnis die Rede ist, so betont Rahner, geht es nicht um eine Zeugnisaussage im juristischen Sinn. Derr Sinn ei- ner Aussage in der Forensik meint eine Auskunft uber eine bestimmte Sachlage oder einen Sachverhalt. In einer Zeugnissausage im Glauben teilt sich jedoch jemand mit. Dies geschieht in absoluter Freiheit, durch die auch in anderen eine Entscheidung zum Weitertragen aufgerufen werden soll. Diese Freiheit beschreiben wir als ein „Sichselbstgegebensein“, eine „Moglichkeit, in einem letzten, existentiell ,absoluten‘ Sinn uber sich zu verfugen“.10 11 12 13 Menschen, die ein Glaubenszeugnis abgeben, erfah- ren eine subjektive, innere groftartige Erfahrung des Glaubens, die das Zeugnis be- grundet. Diese Menschen mochten nicht nur ein Zeugnis mitteilen, sondern ebenfalls andere zum Nachdenken uber das Geschehen anregen und Menschen uberzeugen. In dieser Arbeit sind eben solche Aussagen unter Glaubensaussagen zu verstehen, die nicht nur einen Sachverhalt schildern, sondern ebenfalls eine Uberzeugung dar- stellen: „Artikulationen des Glaubens entspringen einer Glaubenserfahrung [... ]. Im Glaubenszeugnis wird [...] das Erfahrene [...] regeneriert und wieder zu erkennen sein.“ Auch Seeanner schreibt, dass die Glaubwurdigkeit jeder Verkundigung von der „innere[n] Beziehung zwischen der Mitteilung des Wortes Gottes und dem christlichen Zeugnis“ abhangt. Es wird deutlich, wie eng die Glaubenserfahrung mit einer darauffolgenden Glaubensaussage zusammenhangt. Noch klarer wird diese Ver- knupfung der Begriffe im Betrachten der Glaubensaussage mittels der Charakteristik eines Bekenntnisses.

2.3.2 Glaubensaussage als Bekenntnis

Beim Wort Bekenntnis denken wir sogleich an das Credo, in der sich die Kirche als ein „umfassendes Ich, das die Zeiten umspannt und eint“ bekennt. Die Kirche wird dabei gangig als Geschichtsraum verstanden, der sich in tragenden Grunderfahrun- gen begrundet und daraus uber viele Jahrhunderte hinweg seine Identitat bewahrt. Wie erahnt werden kann, ist fur das fruhere sowie auch das jetzige Bestehen der Kirche eine geschichtliche Verankerung aufterst wichtig und fur gewisse Problemati- ken und Debatten wohl ausschlaggebend. Ein anderes Verstandnis bietet sich je- doch ebenfalls an: Ritter beschreibt das Glaubensbekenntnis der Kirche als einen orientierenden Bekenntnisakt, indem er den Bekenntnischarakter einer Glaubenaussage von dieser Art eines gepragten Formelguts deutlich abgrenzt. Unter der Charakteristik einer Glaubensaussage als Bekenntnis wird namlich in diesem Fall mehr verstanden. So flieftt hier die Tatsache mit ein, dass jemand, der eine Glau- bensaussage tatigt, auch uberzeugen und auf andere einwirken mochte. Ein Be- kenntnis mochte ganz und gar dasselbe widerspiegeln, was es meint. Die Aussage soll sozusagen ein Echo auf ein bestimmtes Ereignis - die vorangegangene (Glaubens-)Erfahrung - sein.14 15 16 Dass sich Glaubensaussagen und Erfahrungen in der Hin- sicht gegenseitig stark bedingen, als dass eine Glaubensaussage stets als Reflexion einer Erfahrung zu verstehen ist, verdeutlicht Splett im folgenden Zitat:

„Wenn Gott als Gott sich zeigt, muss er sich letztlich unverwechselbar zeigen.

Da dies nicht unmittelbar geschieht, gehort die Reflexion mit ihrer Aufgabe kriti- scher Klarung zum Gesamtereignis dieses Sich-Zeigens. Doch eben als Refle­xion auf Erfahrung.“

So kann zusammenfassend gesagt werden, dass eine Glaubensaussage als Zeug- nis oder als Bekenntnis zwar unterschiedlichen Charakter, jedoch dasselbe Ziel vor Augen hat, namlich das Bekunden einer inneren, subjektiven Begebenheit, die ande- re Mitmenschen anstecken und zum Glauben ermutigen soll. Was sich in der per­sonlichen Wahrnehmung als aufterst angenehm und vollig nachvollziehbar anfuhlt, fuhrt beim dialogischen oder offentlichen Diskurs jedoch oftmals auf Nichtverstand- nis. Die Frage, was an diesen Aussagen wahr sei und geglaubt werden konne, ist dabei stets ein grower Diskussionspunkt.

2.4 Wahrheit

Der Begriff der Wahrheit stoftt bei so manchen Debatten auf ein hartes Urteil. Wer beansprucht das Vorrecht auf ein Wissen um die absolute Wahrheit? Im folgenden Teil sollen zwei Ansatze die Gottes- und Wahrheitserkenntnis beleuchten: die Epis- temologie und die Anthropologie. Anschlieftend sollen diese Ansatze miteinander verglichen werden. Daraus soll sich einerseits eine differenzierte Betrachtung des Begriffes Wahrheit erschlieften und andererseits begrundet werden, welcher Ansatz fur die vorliegende Forschungsarbeit bestimmend und tragend ist.

2.4.1 Bedingungen der Epistemologie

Die Fragen „Was ist wahr?“ und „Was ist Wahrheit?“ gehoren zu den Grundfragen des Menschen bei der Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens. Die griechische Philosophie hat bereits sehr fruh versucht, eine Antwort auf diese Fragen zu finden, woraus sich die Aussage ergibt, dass die Wahrheit primar durch Vernunft gefunden werden konne. Die Wissenschaft der vernunftigen Wahrheitserkenntnis - die Philosophie - hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wahrheit auf vernunftigem und rationalem Denken aufzubauen. Sowohl Platon als auch Aristoteles meinten, dass die Philosophie in der Verwunderung, also im Staunen begrundet sei: „Denn gar sehr ist dies der Zustand eines Freundes der Weisheit, die Verwunderung; ja esgibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen [...].“ Dieses Staunen be- schaftigt sich mit dem Leben, der menschlichen Existenz und der gesamten Welt. Deswegen lautet die vorrangige Frage der Philosophie, wie alles begann und woher alles stammt. Wo ist der Anfang und das Ende unseres Seins? An diesem Punkt setzt die Religion an, die Gott als den einzigen Schopfer des Ursprungs der Existenz voraussetzt. Es handelt sich bei der Gottesfrage also nicht nur um eine personliche Die Metaphysik, die vor allem von Aristoteles beleuchtet und diskutiert wird, stellt klar, dass es sich bei der Frage nach Gott um eine Gemeinsamkeit von Religion und Philosophie handelt und dass nicht die Religion ein Vorrecht auf die Frage nach Gott hat. Die Gottesfrage stellt somit eindeutig eine Schnittstelle und keinen Gegensatz zwischen der Vernunft und dem Glauben dar. So hat man sich im weiteren Schritt in der Antike auf der Suche nach der Bestatigung Gottes mit der Frage nach dem Be- weis einer Existenz Gottes beschaftigt. Das von Immanuel Kant herausgegebene Werk „Religion innerhalb der Grenzen der reinen Ve rnunft“ trug stark dazu bei, dass 19 von einem „Ende der Metaphysik“ gesprochen wurde. Die darauf entstandene kriti- sche Epistemologie der Moderne fangt mit ihrem Forschen noch weiter vorne an und sucht zunachst nach erkenntnistheoretischen Grundlagen einer objektiven und wah- ren Gotteserkenntnis. Sie will zunachst Bedingungen fur ein fundiertes und begrun- detes Wissen aufstellen. In seinen erkenntnistheoretischen Uberlegungen beschaf- tigt sich Ratzinger mit der Frage, ob „der Begriff der Wahrheit sinnvollerweise ube r- haupt auf die Religion angewandt werden kann, mit anderen Worten, ob es dem Menschen gegeben ist, die eigentliche Wahrheit uber Gott und die gottlichen Dinge zu erkennen.“ Aus epistemologischer Sicht wird also der menschliche, begrenzte Verstand kritisch hinterfragt und das Verstehen eines unendlichen Gottes als un- fassbar oder unmoglich verstanden. Der weitere Schritt nach vorausgesetzter positi- ver Erfahrung des unendlichen Gottes ist das Sprechen uber Ihn, das als Tatigen ei- ner Gottes- oder Glaubensaussage im bereits beschriebenen Sinn verstanden wer- den kann. Der linguistische Relativismus jedoch besagt, dass es der menschlichen Sprache nicht moglich sei, die religiose Wahrheit adaquat auszudrucken. Das Wun- derbare ist fur unser Verstandnis, unsere Wahrnehmung sowie unsere Vermitt- lungsweitergabe dermaften unerklarlich unfassbar, dass wir in unserem Menschsein nicht fahig sind, dies weiterzutragen. Was der Mensch weitergeben kann, ist somit nicht die vollkommene Wahrheit, sondern nur eine Deutung dieser. An diesem Punkt scheint es, dass jegliche Aufterung uber Gotteserfahrung nur auf subjektiver Ebene beruht und somit keine vernunftige Erkenntnis darstellt. Kants beruhmter Satz „Man muss das Wissen aufheben, um dem Glauben Platz zu machen“ verscharft diesen Unterschied zwischen dem Glauben und der Vernunft aus epistemologischer Sicht. Folglich ist eindeutig ersichtlich, dass dieser Ansatz sowohl fur glaubige als auch nichtglaubige Erwachsene in ihrer Sehnsucht nach Verstandnis nicht befriedigend ist.

2.4.2 Begrundung der Anthropologie

Eine besonders hilfreiche und fur diese Arbeit auch aus padagogischen Grunden re- levante Sicht bietet die Anthropologie. Ratzinger macht in einem Beispiel deutlich, dass der Mensch nie aufhoren wird, nach der Wahrheit zu suchen, so wie ein Blind- geborener bzw. eine Blindgeborene nicht aufhoren wird, nach der Ursache der Blindheit zu fragen: „Der Mensch kann sich nicht damit abfinden, fur das Wesentli- che ein Blindgeborener zu sein und zu bleiben. Der Abschied von der Wahrheit kann nie endgultig sein.“ Es wird deutlich, dass das Bestehen der Religion im eigentli- chen Bestehen des Menschen begrundet ist. Der Mensch ist ein rationales Wesen und es ist in der Natur des Menschen verankert, sich nach dem Sinn des Lebens zu fragen und das Sein verstehen zu wollen. Es gehort ebenfalls zur Natur des Men- schen, das Erfahrene weiterzutragen und anderen im sozialen Kontakt dieses zu vermitteln. Doch wie vermittelt man etwas deutlich Unvermittelbares? Zum linguisti- schen Relativismus aufterte sich Papst Johannes Paul II. in seiner das Verhaltnis von Glaube und Vernunft behandelten Enzyklika „Fides et Ratio“ wie folgt:

„Die Auslegung dieses Wortes darf uns nicht nur von einer Interpretation auf die andere verweisen, ohne uns je dahin zu bringen, in ihm eine schlichtweg wahre Aussage zu entnehmen; andernfalls gabe es Offenbarung Gottes nicht, sondern nur die Formulierung menschlicher Auffassungen uber Ihn und uber das, was Er wahrscheinlich von uns denkt.“

Hinter den unvollstandigen und begrenzten menschlichen Aussagen verbirgt sich eindeutig die Offenbarung Gottes, die trotz der Unvollkommenheit des menschlichen Verstandes zu erkennen ist. Auch im Ersten Korintherbrief ist davon die Rede: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur ratselhafte Umrisse, dann aber schauen17 18 19 wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“ Es ist bemerkenswert, wenn im gleichen Zusammenhang darauf hingewiesen werden kann, dass Jesus sagte: „Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, konnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Kinder vertrauen ihren Eltern voll- kommen, sozusagen blind. Werden nun wir als Kinder Gottes in Beziehung zu ihm gesetzt, so ergeben sich erstaunliche Parallelen unserer beiden Vorstellungen: Eine gewisse Naivitat in den kindlichen Erwartungen und die Sorglosigkeit sowie die Freude am Leben und am Lernen macht Kinder zu uneingeschrankt glaubenden Wesen. Oftmals fehlen uns jedoch genau jene Eigenschaften, die uns von einer reinen rationalen Sichtweise hin zu einer verknupfenden, ausgeglichenen Ansicht zwischen dem Glauben und der Vernunft bringen wurden. Aus diesem Grund soll die anthropologische Sicht in dieser Arbeit als leitend wirken, da es gerade die Kinder im Religionsunterricht sind, die in ihrer Offenheit fur neue Ansichten niemals aufhoren werden, nach dem Ursprung des Seins zu fragen. Und es sind die Kinder, die ihre Erfahrungen mit Gott in ihrer reinsten Form wiedergeben und uns womoglich mit ih- ren Glaubensaussagen gelegentlich verbluffen.20

2.5 Resumee

In diesem Kapitel ging es vorrangig um das Klaren der Begriffe Glaubenserfahrung, Glaubensaussage und des Begriffes Wahrheit. Fur den weiteren Verlauf der Arbeit kann festgehalten werden, dass (verbalisierte) Glaubensaussagen stets auf voran- gegangenen Glaubenserfahrungen beruhen. Grundsatzlich konnen zwei Arten von Glaubensaussagen unterschieden werden: Aussagen, die als Zeugnis oder Aussa- gen, die als Bekenntnis dienen. Beide haben das Bekennen einer inneren, subjekti- ven Begebenheit zum Ziel, sei es fur sich personlich oder fur andere. Es ist jedoch festzuhalten, dass Menschen in gewisser Hinsicht andere Menschen stets mit ihrer eigenen Uberzeugung begeistern mochten und Sehnsucht nach Anerkennung bzw.

Zustimmung haben. Solange Glaubenserfahrungen nicht mitanderen geteilt werden, stellt sich nicht die Frage nach der Wahrheit der Aussage, da die betreffende Person ihre Wahrheit bereits gefunden hat. Da Menschen aber stets nach der Erkenntnis ei- ner absoluten Wahrheit streben, stellt sich die Frage, was als wahr angesehen wer- den kann und was nicht. Begrundet auf dem Unterschied zwischen vernunftigem und rationalem Denken beschaftigt sich die Epistemologie mit der Frage nach der Wahr- heit. Eine weitere Sichtweise bietet die Anthropologie, die bestatigt, dass der Mensch niemals aufhoren wird, nach der Wahrheit zu suchen. So gilt es im weiteren Verlauf der Arbeit herauszufinden, wie dieses Suchen nach der Wahrheit im padagogischen Bereich mit Volksschulkindern gestaltet werden kann.21 22 23 24 25

3 Geltungsanspruch von Glaubensaussagen

Im folgenden Kapitel sollen drei Aspekte der Glaubwurdigkeit und Authentizitat klar- gestellt werden, die beim Verstandnis von Glaubensaussagen stets mitbedacht wer- den mussen. Dazu gehoren das Schaffen zeitlich geschichtlichen Kontextes und ei- ner Verortung in der Lebenswelt, das Beleuchten des Glaubenszeugen bzw. der Glaubenszeugin sowie das Eingehen auf die interpersonale Ebene der Kommunika- tion. Anhand ausgewahlter Literatur soll die These uberpruft werden, ob eine Offen- legung sowie das Verstandnis der vorliegenden Umstande einer Aussage zur Glaubwurdigkeit einer Rede von Gott beitragen und wie der Wusch nach Wahrheit bei kindlichen Glaubensaussagen im schulischen Religionsunterricht einzuschatzen ist. Die konkreten Annahmen bezuglich der Glaubwurdigkeit einer Aussage lauten:26

- Wenn Menschen die Umwelt in ihre Glaubensaussage einbeziehen, werden sie von anderen gut verstanden.
- Wenn Menschen ihr Verstandnis offenlegen und ihre Sichtweise rational be- grunden, wirken sie und ihre Aussage glaubwurdig.

In Bezug auf schulischen Religionsunterricht soll herausgefunden werden, welche didaktischen Methoden Kinder anregen, uber ihren Glauben zu sprechen. In diesem Zusammenhang sollen im schulpraktischen Teil der vorliegenden Arbeit folgende Thesen uberpruft werden:

- Wenn Kinder im Religionsunterricht uber ihren Glauben sprechen, so ist das auf eine ansprechende Methode zuruckzufuhren.
- Wenn Kinder im Religionsunterricht uber ihren Glauben sprechen, so konnen ihnen die anderen Kinder, vor allem jene ohne religioses Bekenntnis oder jene, die weniger religios sind, nicht folgen.

3.1 Kontextbezug von Glaubensaussagen

Das menschliche Verstandnis ist in einen Kontext eingebettet. Es wird zwischen dem lebensweltlichen bzw. historischen und dem kategorischen Kontext unterschieden. Im folgenden Kapitel sollen diese beiden naher betrachtet werden und zum Uberpru- fen der ersten These beitragen.

3.1.1 Lebensweltliche und historische Einordnung

Jede Glaubensaussage wird mittels dreier Bereiche eingegrenzt und beschrieben. Um eine Glaubensaussage als solche aufzufassen und wahrzunehmen, ist zu be- denken, dass sie durch den Bezug zu einem Kontext bedingt ist. Der kontextuelle Bezug und die historische Einordung des Lebens ermoglichen eine exakte Behand- lung einer separierten Aussage und dienen unter anderem dazu, Glaubwurdigkeit und Geltungsanspruch zu validieren. Es muss also zunachst das Dasein des Men- schen und dessen Konstruktion sowie Relationen zur Gesellschaft und der Welt be- schrieben werden.27 28

„Das Dasein ist ein Seiendes, das nicht nur unter anderem Seienden vor- kommt. Es ist vielmehr dadurch ontisch ausgezeichnet, dass es diesem Seien- den in seinem Sein um dieses sein selbst geht. [.] Dasein versteht sich in ir- gendeiner Weise und Ausdrucklichkeit in seinem Sein.“29

Das Dasein, wie es im Zitat beschrieben ist, erschlieftt sich dem Menschen in sich selbst, weil das Verstandnis des Seins auch automatisch die Seinsbestimmtheit des eigenen Daseins darstellt. Dies wird als ontische Auszeichnung des Daseins ver- standen, da es sich um ein ontologisches Verstandnis handelt. Wesentlich fur dieses Verstandnis ist aber auch die Bedingung der Verknupfung mit der Welt. Bereits das Verstehen des eigenen Daseins ist an die begegnende Welt angewiesen. Es ist also nicht davon auszugehen, dass das Sein in seiner Bestimmtheit vollig isoliert und auf sich allein gestellt existiert bzw. der oder die Seiende die Haltung einer grundlegen- den Ohnmacht gegenuber der Welt einnimmt. Die a-priori-Bestimmtheit der Relation zur Welt deutet auf eine Faktizitat des eigenen Weltentwurfes hin, die den Seienden bzw. die Seiende im Lebens- und Seinsentwurf einschrankt und bestimmt:

„Ohnmachtig ist dies alleine in dem Sinne, dass es sich ja schon auf die Welt angewiesen hat. Das apriorische Perfekt verweist auf die einzige Form von Faktizitat, die Heideggers Weltanalyse affirmiert: dass der Mensch durch die 30 unhintergehbare Faktizitat seines Weltentwurfs bestimmt ist.“

Die geschichtliche Wirklichkeit des Menschen pragt die eigene Existenz und be- stimmt des Weiteren seine Beziehung zur Welt. Es handelt sich jedoch nie zunachst um ein im Seienden freies Sein, das erst im Laufe der Zeit eine Beziehung zur Welt aufbaut, sondern setzt die Beziehung bereits voraus. Deswegen handelt es sich um 31 ein „In-der-Welt-Sein“. Es kann daher nicht davon gesprochen werden, der Mensch ware bei der Beschreibung seines Lebensentwurfs im Verhaltnis zur Welt das Sub- jekt, welches Kontakt zur Welt, also in diesem Fall einem Objekt, herstellt. Nach Hei­degger muss das Sein in der Welt als eine „Geworfenheit“ in die Welt verstanden werden. Das bedeutet, dass das „Dasein immer schon in die Welt ,geworfen‘ ist, die- se Geworfenheit aber im ,Entwurf‘ ubernimmt und den geworfenen Entwurf zu einem 32 gegliederten Bedeutungsganzen artikuliert.“ Es kann also festgehalten werden, dass die Geworfenheit des bzw. der Seienden in der Welt und die daraus resultie- rende zwangslaufige Verbundenheit und Relation zu ihr den Menschen bedingen und ihn in einem geschichtlichen Kontext verorten. Das jeweilige Bedeutungsganze der einzelnen Personen ermoglicht den Menschen eine Verortung in verschiedenen kontextuellen Zusammenhangen, da die geschichtliche Wirklichkeit aufgrund der ei- genen Position in der Welt einen individuellen Charakter hat. Ahnliche Vorstellungen sind auch bei Hans-Georg-Gadamer, Jurgen Habermas oder Ludwig Wittgenstein zu finden. Besonders einleuchtend scheint in diesem Zusammenhang vor allem der Be- griff des Horizonts, der von Gadamer gepragt wurde, der eindeutig eine Verwurze- lung in der Welt voraussetzt und somit die Moglichkeiten der Sichtweise auf naturli- 33 che Art einschrankt.

Unter Horizont ist als das in-der-Welt-Dasein zu verstehen, das durch den situativen Standort beeinflusst ist. Auch hier muss jedoch unterschieden werden, ob vom eige- nen, situationsbezogenen oder vom erlangten, historisch bedingten Horizont gespro- chen wird. Wer einen eigenen Horizont hat, ist sich der Bedeutung aller in diesem Horizont befindlichen Dinge bewusst und weift um deren Zusammenhang.30 31 32 33 34 Um die Erweiterung des historischen Horizonts sollte sich jeder bzw. jede bemuhen, der bzw. die eine Uberlieferung in ihrer Wirklichkeit verstehen und vollstandig erfassen mochte: „Die Aufgabe des historischen Verstehens schlie^t die Forderung ein, je- weils den historischen Horizont zu gewinnen, damit sich das, was man verstehen will, in seinen wahren Maften darstellt." Die Wichtigkeit der Einbettung in einen his- torischen Kontext wird auch im folgenden Zitat von Gadamer bestatigt:

„Wenn sich unser historisches Bewusstsein in historische Horizonte versetzt, so bedeutet das nicht eine Entruckung in fremde Welten, die nichts mit unserer ei- genen verbindet, sondern sie insgesamt bilden den einen groften, von innen her beweglichen Horizont, der uber die Grenzen des Gegenwartigen hinaus die Geschichtstiefe unseres Selbstbewusstseins umfasst.“35 36

Basierend auf diesen Uberlegungen soll ermittelt werden, wodurch ein authentisches und umfassendes geschichtliches Verstandnis zu erlangen ist, damit eine Glaubens- aussage Geltungsanspruch erhalt.

3.1.2 Kategorische Einordnung

Damit die Entstehungssituation einer Glaubensaussage moglichst genau rekonstru- iert werden kann, bedarf es einer genauen Prufung der Zeit und des Ortes der Ent- stehung, der angesprochenen Adressaten bzw. Adressatinnen sowie der Erfor- schung des kulturellen Umfelds, in dem die Aussage entstanden ist. Die Einflusse, die dabei auf sie einwirken, werden in der folgenden Grafik von Sodling gut darge- stellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Soziokulturelles Umfeld und einwirkende Faktoren nach Södling

In Abbildung 1 sind Einflüsse zu erkennen, die auf Zeugnisaussagen und deren Entstehung einwirken. Dazu gehören folgende Bereiche (äußerster Kreis im Uhrzeigersinn): Kultur, Religion, Politik, Ökonomie, Gesellschaft, Zeitgeschichte und Sprache. Diese genannten Faktoren bestimmen unsere Traditionen und bilden eine gemeinsame Vorgeschichte, der beide - sowohl Autor bzw. Autorin als auch Adressat bzw. Adressatin - angehören. Södling nennt das Zusammenspiel aller Faktoren „soziokulturelles Umfeld“. Dieses fließt beim Entstehen eines Textes bzw. einer Aussage in den Text bzw. die Aussage hinein, da die Person, die den Text schreibt bzw. die Aussage tätigt, niemals außerhalb des sozialen Geschehens steht, sondern Teil davon ist und das eigene Sein aus diesem Gesichtspunkt heraus beschreibt. Es wird davon ausgegangen, dass die Adressaten bzw. Adressatinnen über die gleiche Grundlage verfügen wie die Autorin bzw. der Autor sich im selben soziokulturellen Umfeld befinden, damit sie die Aussage in ihrer Wirklichkeit erkennen und passend auffassen. Hierbei wird also theologisch exegetisch vorgegangen, wobei ganz be- sonders auf Aspekte von literaturwissenschaftlicher Theorie eingegangen wird. Die gemeinsame Kenntnis der Gegenstande, der vorliegenden Sachverhalte sowie de Weltverstandnisses von Sender bzw. Senderin und Empfanger bzw. Empfangerin einer Botschaft ist auch laut Gulich und Raible unabdingbar notwendig: „Im optim a- len [...] Fall kann man hier von einer gemeinsamen Wirklichkeitsvorstellung sprechen.“ Mit Wirklichkeitsvorstellung wird also der gemeinsame Horizont verstanden, die als wesentliche Grundlage jeden Gespraches fur das Gelingen von Kommunika- tion notig ist und als Angleichung beider Kommunikationspartner bzw. Kommunikationspartnerinnen erwartet wird. So wird auch mittels der oben vorgestellten Abbil- dung deutlich, welche Elemente die Kontextualitat einer Aussage bzw. eines Textes beeinflussen und in diesem Sinne auch bestimmen. Das moglichst prazise Beschrei- ben der einzelnen Einflussfaktoren belegt in Folge die Wichtigkeit und Relevanz von kritisch historischen Methoden der Schriftauslegung.

Nun gilt es zu fragen, wie der Vorgang der Angleichung durchgefuhrt werden kann. Es handelt sich um einen rezeptiven, reflexiven Vorgang, der auch als kontextuelle Alphabetisierung genannt wird. Dieser Ausdruck spielt auf den Begriff der astheti- schen Alphabetisierung an, da von asthetischen Lernprozessen gesprochen wird, wenn sich das Subjekt zu einem asthetischen Ereignis in Verbindung setzt. Gleich- ermaften lauft dies beim Versuch des Verstehens einer Glaubensaussage, bei der sich der Horer bzw. die Horerin mit dem Gesprochenen in Beziehung setzen muss.37 38 39 40 Neben der personlichen Auseinandersetzung mit dem vermittelten historischen Hori- zont der mitgeteilten Aussage, der im ersten Teil dieses Kapitels erklart wurde, erfolgt der Vorgang der Alphabetisierung zugleich.

[...]


1 Vorgrimmler 1985, S. 22

2 Vgl. Neuhaus 2013, S. 11ff

3 Oser 1994, S. 50

4 Oser 1994, S. 50

5 Vgl. Mt 16, 16

6 Mt 16, 17

7 Vgl. Bausenhart 2010, S. 150f

8 Vgl. Hohn 2011, S. 157

9 Hohn 2011, S. 157

10 Vgl. Rahner 1972, S. 164f

11 Rahner 1972, S. 165

12 Bausenhart 2010, S. 90f

13 Seeanner 2012, S. 89

14 Kreiml 2012, S. 50

15 Vgl. Ritter 1984, S. 400.

16 Vgl. Bausenhart 2010, S. 48

17 Zur Glaubwurdigkeit von Aussagen und dem damit verbundenen Objektivitatsverstandnis siehe weiter unten in dieser Arbeit.

18 Kant 1787, AA III, 18

19 Ratzinger 2003, S. 133

20 Ratzinger 2003, S. 131

21 Splett 2005, S. 31

22 Vgl. Platon 1940, S. 581 Glaubensfrage, sondern um eine philosophische Frage, die auf vernunftbasiertem und geschichtlichem Verstandnis aufgebaut ist.

23 Ratzinger 2003, S. 106

24 Johannes Paul II. 1998, Nr. 84

25 1 Kor 13,12

26 Mt 18,3

27 Vgl. Bausenhart 2010, S. 87-90 Es ist in diesem Zusammenhang nicht zu vergessen, dass ein naiver Glaube und das damit verbundene Vertrau- en auch gewisse Gefahren bergen: Man bedenke beispielsweise Behandlungen von Kindern oder das Handeln von Sekten. Bei beiden wird ein zu hohes MaB des naiven Gutdunkens und Glaubens aufgebracht.

28 Bausenhart 1999, S. 58 Es ist zu beachten, dass die beiden genannten Merkmale (Kinder ohne religioses Bekenntnis und weniger reli- gios zu sein) nicht zwingend im proportionalen Verhaltnis zueinander zu verstehen sind, da es auch Kinder gibt, die keinem religiosen Bekenntnis angehoren und trotzdem religios sind oder umgekehrt Kinder mit religiosem Bekenntnis wenig religios sind.

29 Heidegger 2006, S. 12

30 Pocai 2001, S 62f

31 Bausenhart 1995, S. 58

32 Vgl. Heidegger 2006, S. 135;

33 Vgl. Bausenhart 1999, S. 57-71;

34 Vgl. Gadamer 2010, S. 284-289

35 Gadamer 2010, S. 286; Der Vollstandigkeit wegen muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass das Hinein- versetzen in einen geschichtlichen Kontext von Nietzsche im Hinblick auf die Notwendigkeit des eigenen Ver- standnisses kritisiert wird. (Vgl. Nietzsche 1964, S. 97ff). Aufgrund der Irrelevanz fur die Beantwortung der For- schungsfrage wird diesem Hinweis jedoch nicht weiter nachgegangen, da das lebensweltliche Bewusstsein beim Tatigen und Betrachten einer Glaubensaussage maBgeblich einflieBt

36 Gadamer 2010, S. 288

37 Sodling 1998, S. 104

38 Gulich/Railbe 1977, S. 38

39 Vgl. Habermas 2009, S. 114-117

40 Vgl. Kalloch/Leimgruber/Schwab 2009, S. 228f

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Was ich glaube, ist Wahrheit. Möglichkeiten zum Erfassen kindlicher Glaubensaussagen im Religionsunterricht
Hochschule
Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien / Krems  (Wien)
Note
1,00
Autor
Jahr
2018
Seiten
66
Katalognummer
V1022701
ISBN (eBook)
9783346439994
ISBN (Buch)
9783346440006
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fundamentaltheologie, Fachdidaktik, Glaubensaussagen, Methoden, Religionsunterricht, Glaubensvorstellung, Glaubensvorstellungen, Glaubensaussage, Kommunikation, Theologisieren, Philosophieren, Schulpraxis, Religionsmethode, Unterrichtsmethode, Didaktik, Praxis, Verbalisieren, Spiel, Spiel im Unterricht, Fantasiereise, Epistemologie, Glaubenserfahrung, Zeugnis, Bekenntnis, Anthropologie, Glaubwürdigkeit, Methodenvielfalt, Kompetenzaufbau
Arbeit zitieren
Michaela Saurugger (Autor:in), 2018, Was ich glaube, ist Wahrheit. Möglichkeiten zum Erfassen kindlicher Glaubensaussagen im Religionsunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1022701

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