In dieser Arbeit wird Suhrawardis Beweis der Existenz platonischer Ideen in den Absätzen 94 und 95 seiner Philosophie der Erleuchtung erläutert, verstanden und kritisiert. Da sein Beweis wiederum eine Kritik an der Widerlegung derselbigen durch Avicenna ist, wird auch auf diese eingegangen.
Beide Beweise basieren auf den jeweiligen Existenzbegriffen. Daher wird sich zuerst knapp mit den jeweiligen Verständnissen von Existenz, wie sie in Suhrawardi: Philosophie der Erleuchtung und Avicenna: The Metaphysics of the Healing zu finden sind, befasst. Insbesondere den Einschränkungen im Bezug auf die Existenz in der intellektuellen Welt im Vergleich zur dinglichen Welt. Auf diesen basierend folgt dann die Diskussion der Beweise zu den platonischen Ideen. Es wird versucht, Suhrawardis Argumentation anhand seines eigenen Existenzbegriffes anzugreifen und zuletzt die Vereinbarkeit beider Standpunkte zu diskutieren.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Existenzbegriff
3 Platonische Ideen
3.1 Suhrawardīs Fürrede
3.2 Mögliche Gegenrede
4 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, Suhrawardīs Beweisführung für die Existenz platonischer Ideen, wie sie in den Absätzen 94 und 95 der „Philosophie der Erleuchtung“ dargelegt ist, kritisch zu analysieren und unter Einbeziehung von Avicennas Gegenposition zu bewerten.
- Analyse des Existenzbegriffs bei Suhrawardī und Avicenna
- Untersuchung der Beweisführung für platonische Ideen
- Kritische Auseinandersetzung mit der peripatetischen Widerlegung
- Diskussion der Vereinbarkeit der unterschiedlichen philosophischen Standpunkte
Auszug aus dem Buch
Argumentation 1: Die Begriffe Sein, Quiddität, Dinghaftigkeit und Wesen sind rein intellektuell.
wenn Sein lediglich ein anderer Ausdruck für die Schwärze wäre, dann würde es nicht in ein und derselben Bedeutung auf die Weiße, die Schwärze und die Substanz zutreffen.
sonst wenn man es andererseits als einen Bedeutungsgehalt betrachtet, der allgemeiner ist als die Substantialität, dann wenn es an sich selbstständig ist, dann kann es nicht von der Substanz ausgesagt werden, denn es steht dann im selben Verhältnis zu ihr wie zu anderem.
sonst wenn es jedoch in der Substanz ist, dann tritt es zweifellos in ihr auf, und dieses Auftreten ist das Sein. Wenn jedoch das Sein auftritt, so ist es ein Seiendes. wenn man nun die Tatsache, daß es seiend ist, lediglich als einen anderen Ausdruck für das Sein selbst ansieht, dann würde »seiend« nicht in ein und derselben Bedeutung auf das Sein und auf anderes zutreffen; denn bei den Dingen besagt der Begriff des Seienden, daß das Seiende etwas ist, dem Sein zukommt, beim Sein selbst jedoch würde er besagen, daß das Seiende mit dem Sein identisch ist. Von der Gesamtheit der Dinge sagen wir jedoch nur dann etwas, wenn dies in ein und derselben Bedeutung geschieht.
sonst wenn wir aber sagen: »Die Schwärze, von der wir angenommen hatten, sie sei abwesend, ist jetzt; zuerst ist ihr Sein nicht aufgetreten, dann ist es aufgetreten; das Auftreten des Seins ist also etwas anderes als dieses selbst« – wenn wir dies sagen, dann kommt dem Sein Sein zu, und dasselbe trifft dann auch auf das Sein des Seins zu und so fort. Das gemeinsame Vorhandensein unendlich vieler geordneter Eigenschaften ist jedoch absurd.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel stellt die Zielsetzung dar, Suhrawardīs Beweis platonischer Ideen auf Basis seines Existenzbegriffs kritisch zu beleuchten.
2 Existenzbegriff: Es wird die Differenz zwischen Suhrawardīs Auffassung des Seins als rein intellektuellem Begriff und Avicennas differenzierter ontologischer Einteilung in notwendiges und kontingentes Sein untersucht.
3 Platonische Ideen: In diesem Hauptteil wird Suhrawardīs Platon-Rezeption im Kontrast zur peripatetischen Kritik erörtert und die Möglichkeit einer rein intellektuellen Existenz als Basis für platonische Ideen diskutiert.
3.1 Suhrawardīs Fürrede: Hier wird der Ansatz Suhrawardīs analysiert, die peripatetische Ablehnung platonischer Formen durch eine eigene Argumentation zur Subsitenz im Intellekt zu entkräften.
3.2 Mögliche Gegenrede: Dieses Kapitel thematisiert die Konsequenzen von Suhrawardīs These, das Sein als intellektuelles Urteil zu begreifen, und die daraus resultierende Gefahr für die Stabilität seiner Theorie.
4 Fazit: Das Fazit resümiert, dass Suhrawardī zwar die Argumente gegen platonische Ideen erfolgreich herausfordern konnte, sein eigener Beweis jedoch teilweise stark in den Begrifflichkeiten seines Gegners Avicenna verhaftet bleibt.
Schlüsselwörter
Suhrawardī, Avicenna, Philosophie der Erleuchtung, Platonische Ideen, Existenzbegriff, Intellekt, Quiddität, Substantialität, Notwendiges Sein, Kontingentes Sein, Peripatetiker, Sein als Urteil, Ontologie, Metaphysik, Philosophie des Lichts
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Argumentation des Philosophen Suhrawardī bezüglich der Existenz platonischer Ideen und stellt diese in den Kontext der philosophischen Debatte mit der peripatetischen Tradition, insbesondere Avicenna.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Ontologie des Seins, die Differenzierung zwischen dinglicher und intellektueller Existenz sowie die Natur von Universalien und platonischen Formen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob Suhrawardī erfolgreich die Existenz platonischer Ideen beweisen kann, indem er sein eigenes Verständnis des Seins als rein intellektuellen Begriff gegen die aristotelisch-avicennische Lehre verteidigt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Der Autor verwendet eine textanalytische Methode, bei der er die „Philosophie der Erleuchtung“ (Hikmat al-ishraq) interpretiert und die Argumentationsschritte in formale Schemata (Argumentation 1-10) übersetzt, um die Logik auf Widersprüche zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Existenzbegriffs, die Auseinandersetzung mit der Existenz platonischer Ideen sowie eine detaillierte Gegenüberstellung der Positionen von Suhrawardī und Avicenna.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Suhrawardī, Avicenna, Existenzbegriff, Intellekt, Platonische Ideen und Quiddität.
Wie definiert Suhrawardī den Begriff des Seins im Vergleich zu seinem Umfeld?
Während die Peripatetiker das Sein als ein grundlegendes Prinzip der dinglichen Welt betrachten, definiert Suhrawardī das Sein als einen rein intellektuellen Bedeutungsgehalt, der primär vom Intellekt zugeschrieben wird.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor über die Belastbarkeit von Suhrawardīs Argumentation?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Suhrawardī zwar innovative Ansätze verfolgt, er sich jedoch bei der Beweisführung für die platonischen Ideen in einer theoretischen Sackgasse verfängt, da er dabei stark auf die von ihm selbst kritisierten Begrifflichkeiten Avicennas angewiesen bleibt.
- Arbeit zitieren
- Floris Remmert (Autor:in), 2021, Suhrawardi über platonische Ideen und die Philosophie der Erleuchtung. Vergleich von Existenzbegriffen bei Suhrawardi und bei Avicenna, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030143