Beziehungspflege in sozialen Netzwerken. Das Modell des Soziologen Erving Goffman


Essay, 2016

7 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Leibniz Universität Hannover Institut für Soziologie Wintersemester 2015/16 Prüfungsessay

Modul: Wahlpflichtbereich A: Arbeit, Organisation und Sozialstaat I (AOS I).

Seminar: Interaktion, Netzwerk, Organisation: Einführung in Grundkonzepte sozialer Ordnungsbildung.

Beziehungspflege: Wenn Facebook nervt.

Name: Sergio Merz

Studiengang: BA Sozialwissenschaften Fachsemester: 3

Abgabetermin: 15.02.2016

Das Thema Beziehungspflege im Netz ist gesellschaftlich sehr aktuell, da dort nicht nur Menschen miteinander kommunizieren, sondern dort stellen sich auch unterschiedliche profitorientierte Organisationen vor. Aus diesem Grund wurde nun dieses Thema für meinen Essay gewählt. In der Seminarsitzung „Interaktion, Netzwerke, Organisation“ vom 07.12.15 befassten wir uns mit der Selbstdarstellung im Alltag. Dabei wurde im Seminar ein Auszug aus Erving Goffmans Werk „Wir alle spielen Theater“ verwendet. Das Theater mit seinen Akteuren und seiner Einrichtung (Bühne) wird von Goffman als soziologisches Konstrukt (Realitäts-Modell) verwendet. In seinem dramaturgischen Ansatz mit der Theorie der Vorder- und Hinterbühnen versucht er, unsere Realität abzubilden, und dies gelingt ihm sehr gut, da dieses Modell der Vorder- und Hinterbühnen sehr universell und auf jegliche soziologische Phänomene leicht übertragbar ist. Mein Essay sollte eine knappe Darstellung des dramaturgischen Ansatzes von Erving Goffman im Hinblick auf die Beziehungspflege im Netz sein. Dabei betrachte ich in meinem Essay ein Fallbeispiel aus der Sächsischer Online Zeitung: „Beziehungspflege: Wenn Facebook nervt“. Darauf aufbauend wird anhand von Facebook gezeigt, wie Goffmans Modell zur Analyse von sozialen Situationen im Netz eingesetzt werden kann. Da diese Internet-Plattform (Facebook) an sich eine große Vorderbühne ist, wo sich mehrere Millionen Menschen treffen können, passt es somit ganz gut zu Goffmans Modell der Realität. „Im März 2015 hatte Facebook rund 1,42 Milliarden monatlich aktive Nutzer“ (Statista 2015). Ziel meines Essays ist es, die sozialen Netzwerke (Facebook) mit den dazugehörigen Akteuren zu analysieren und aus der Perspektive Goffmans zu betrachten um eine positive oder negative Auswirkung auf die Beziehungspflege zu erschließen. Der Untersuchungsgegenstand in meinem Essay ist die Beziehungspflege. Hierfür sind aber als Erstes die Leitfragen notwendig. Die Leitfrage meines Essays lautet wie folgt: Was sind Leistungen und Vorteile der Interaktion unter Bedingungen persönlicher Anwesenheit? Welche Selbstdarstellungstechniken gehen bei facebook verloren und kann Vertrauensbildung bei facebook funktionieren? Die Begrifflichkeiten von Erving Goffman sind sehr spezifisch aufgebaut, aber dafür sind die Interpretationen auch für den Neugierigen sehr verständlich. In dem weiteren Verlauf dieses Essays werden die Begrifflichkeiten auftauchen, die sich in dem direkten Zusammenhang mit dem Theater wiederfinden.

Folgend wird näher auf die Begrifflichkeiten von Goffman eingegangen. Eine Darstellung definiert Goffman wie folgt: „Eine Darstellung (performance) kann als die Gesamttätigkeit eines bestimmten Teilnehmers an einer bestimmten Situation definiert werden, die dazu dient, die anderen Teilnehmer in irgendeiner Weise zu beeinflussen“ (Goffman 2008: 18). Ein Darsteller kann entweder aufrichtig oder zynisch sein. Goffman betont, dass alle zynischen Darsteller aus Eigennutz oder zum Zweck persönlichen Gewinns, ihr Publikum täuschen.

Goffmans Begriff „Rolle“ wird wie folgt definiert: „Das vorherbestimmte Handlungsmuster, das sich während einer Darstellung entfaltet und auch bei anderen Gelegenheiten vorgeführt oder durchgespielt werden kann, können wir Rolle (part) nennen“ (Goffman 2008: 18). Der Glaube an die eigene Rolle sei an dieser Stelle sehr wichtig. Das Bühnenbild ist auch ein wichtiges Attribut in Goffmans Modell der Realitätsabbildung. Dabei teilt Goffman das Bühnenbild in Vorderbühne und Hinterbühne. „Die Hinterbühne kann definiert werden als der zu einer Vorstellung gehörige Ort, an dem der durch die Darstellung hervorgerufene Eindruck bewusst und selbstverständlich widerlegt wird“ (Goffman 2008: 104). Die Vorderbühne ist im Gegenteil der Raum, in dem die Vorstellung stattfindet. Eine Fassade ist ein weiteres Element im Goffmans Modell der Realitätsabbildung: „Dementsprechend empfiehl es sich, denjenigen Teil der Darstellung des Einzelnen Fassade zu nennen, der regelmäßig in einer allgemeinen und vorherbestimmten Art dazu dient, die Situation für das Publikum der Vorstellung zu bestimmen“ (Goffman 2008: 23). Es gibt durchaus eine persönliche Fassade, die jedes Individuum für sich selbst bildet. Diese Fassade ist eine Art der Selbstdarstellung. Laut Goffmans Modell steht jeder Mensch als Schauspieler dem Publikum gegenüber und versucht, eine bestimmte Rolle in Wirklichkeit zu realisieren. Nachdem alle Begrifflichkeiten geklärt sind, lässt sich diese Theorie Goffmans von der „Perspektive des Theaters“ auf die sozialen Netzwerke und darauf aufbauende Beziehungspflege leicht übertragen. Folgend wird auf die erste Leitfrage eingegangen: Was sind Leistungen und Vorteile der Interaktion unter Bedingungen persönlicher Anwesenheit? Immer mehr Menschen pflegen die persönliche Beziehungen durch digitale Medien. In heutiger Gesellschaft versucht man durch eine Fernbeziehung eine Standartbeziehung (persönliche Anwesenheit) zu ersetzen. „Wer sich die Zahlen genauer ansieht, bekommt den Eindruck, dass Smartphone, Handy und PC den Trend zur Fernbeziehung fördern. Persönliche Treffen stehen erst auf Platz zwei“ (Sächsische Zeitung mobil 2012). Was man dabei aus der Sicht verliert, sei die Tatsache, dass eine persönliche Anwesenheit bietet mehr Vorteile als eine Virtuelle Anwesenheit an. Folgend wird auf Goffmans Modell eingegangen. Jeder Darsteller braucht im Hinblick auf eigenes Beruf oder Privatleben eine geeignete Fassade. Man weißt ja nicht welche der Fassaden die beste ist somit die erfolgreichste. „Da Fassaden meist gewählt und nicht geschaffen werden, müssen wir damit rechnen, daß Schwierigkeiten auftreten, wenn diejenigen, die eine bestimmte Aufgabe erfüllen, gezwungen sind, unter mehreren unterschiedlichen Fassaden eine geeignete auszuwählen“ (Goffman 2008: 28). Somit in der Realität kann jeder Darsteller beliebig eine Fassade wählen. Weiterer Aspekt in diesem Zusammenhang ist die Darstellung der eigener Arbeit nach Goffman. „In vielen Fällen ist die Tätigkeit einer Person von einem bestimmten sozialen Rang so wenig dazu geeignet, diesen Rang offenbar zu machen, daß der Darsteller einen beachtlichen Teil seiner Energie auf die Aufgabe verwenden muß, seine Rolle wirkungsvoll zu gestalten, und diese auf die Übermittlung gerichtete Tätigkeit verlangt häufig gerade andere Eigenschaften als die, die dramatisch dargestellt werden sollen“ (Goffman 2008: 32). Somit es verlangt von Akteuren sehr viel Arbeit an eigenem Profil, was eine Nachteil sein könnte. In unserem Realität wird eine Abweichung von bestehenden, gesellschaftlich gebildeten Fassaden, als eine Normbruch interpretiert und sanktioniert. Öfter hat man Probleme bei der Fassaden wahl. Es ist nicht nur ein Ausdruck der einer Persönlichkeit sondern auch die damit verbundene Handeln. Im Realität muss eine Abstimmung zwischen Ausdruck (Fassade) und Handeln (Interagieren) herrschen. „So findet sich der Einzelne häufig im Widerstreit zwischen Ausdruck und Handeln“ (Goffman 2008: 33). Somit wird eine Selbstdarstellung in der Realität von Mehreren Faktoren (Zeit, Umgebung, Position) beeinflusst. „Der Einzelne wird sich also bei seiner Selbstdarstellung vor anderen darum bemühen, die offiziell anerkannten Werte der Gesellschaft zu verkörpern und zu belegen, und zwar in stärkerem Maße als in seinem sonstigen Verhalten“ (Goffman 2008: 35). Somit müssen Darsteller eigene persönliche Fassade in sich unterdrücken und eine gesellschaftliche bzw. gesellschaftlich Anerkannte Fassade annehmen. Man muss somit viele Leistungen erbringen alles muss abgestimmt sein. Man hat aber auch gewisse Vorteile durch persönliche Anwesenheit. Die Zeit, die wir gemeinsam mit unseren Freunden verbringen, ist kostbar und man kann es nicht durch eine facebook ersetzen. Direkte Kontakte haben eine höhere Vertrauen als Virtuelle. „Und wie eine Umfrage der Partnerbörse Bildkontakte ergab, gibt es besonders im privaten Bereich Medien und Services, die ankommen und solche, die als eher nervig empfunden werden“ (Sächsische Zeitung mobil 2012). Persönliche Kontakt hat somit weiterhin eine höhere Priorität. Folgend wird auf die zweite Leitfrage eingegangen: Welche Selbstdarstellungstechniken gehen bei facebook verloren und kann Vertrauensbildung bei facebook funktionieren? Das Internet und genauer gesagt Facebook stellen eine Möglichkeit der Selbstdarstellung dar. Ob man diese Möglichkeit nutzt oder meidet, sei die andere Frage. Folgend werden die theoretischen Überlegungen Goffmans dargestellt (Theatermodell). Darsteller ist in dem Fall der Facebook-Profilinhaber. Der Profilinhaber (Facebook-Benutzer) kann diese Plattform (Bühne) beliebig gestalten und mit den eigenen Benutzerdaten (Geschlecht, Geburtstag, Wohnort, Beziehungsstatus) alles Mögliches machen: wahrhaftig preisgeben und dabei aufrichtig handeln oder an der einen oder anderen Stelle lügen und somit zynisch handeln. Jeder andere Facebook-Benutzer, der diese Bühne (Plattform) benutzt hofft, dass der Darsteller (Profilinhaber) dies nicht tut, somit nicht zynisch handelt. Es herrscht in dem sozialen Netzwerk (Facebook) eine Art Vertrauensverhältnis. Ergeben sich aus der Facebook-Benutzung positive Erfahrungen, wird dieses Vertrauen nur stärker, trifft man aber Profilinhaber die zynisch handeln, sinkt das Vertrauen und es führt unter anderem auch dazu, dass man diese Plattform endgültig kündigt durch eine Account Löschung. Facebook (Bühne) bietet für alle Benutzer die gleichen Profiloptionen. Somit kann jeder Benutzer sich durch diese Optionen selbst darstellen (Fassade bilden). Mit einer Selbstdarstellung im Netzt zieht man gezielt die Aufmerksamkeit der anderen Benutzer auf sich. Man bleibt mit Freunden und Bekannten immer online. Der Facebook-Benutzer ist bestrebt, die eigene Fassade schöner darzustellen, was wiederum einen engen Zusammenhang mit der Selbstdarstellung hat. Ein Darsteller versucht, sich bei der Selbstdarstellung im Netz möglichst wahrhaftig darzustellen (Alter, Position in der Gesellschaft). Eine Facebook-Option (Settings) ist eine Hinterbühne, da keiner, außer der Darsteller weiß, welche Daten (Alter, Geschlecht) da eingegeben sind. Es ist nicht zugänglich für das Publikum (andere Facebook-Nutzer). Falsche Angaben in der Hinterbühne können den dargestellten Eindruck der Realität zerstören. Der Darsteller (Facebook-Profilinhaber) kann bei unwahrhaftigen Angaben den guten Ruf verlieren. Somit wird eine Selbstdarstellung im Netz scheitern. Man verliert dann die seit Jahren bestehenden und gepflegten Kontakte. Jeder, der versucht, sich im Netz darzustellen, wird sich möglichst wahrhaftig darstellen. Dann wird die Kommunikation zwischen dem Ensemble und dem Darsteller wesentlich einfacher und man fördert die Vertrauen. „Obwohl eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme zur Verfügung stehen, ist das Telefonieren immer noch die beliebteste Art der Kommunikation unter Partnern“ (Sächsische Zeitung mobil 2012). Wenn man mit Bekannten telefoniert, kann die eigene Stimme preisgeben, ob man lügt oder ehrlich ist. Somit ist das telefonieren sehr beliebt, da dort die Vertrauen am stärksten vertreten ist. Bei Facebook im Gegenteil fehlt diese Vertrauen. Zusammenfassend lässt sich erschließen, dass eine Vertrauensbildung bei Facebook sehr problematisch ist. Wenn man auf ein Posting bei Facebook mit Verspätung reagiert, wird es als Ignorierung interpretiert und die Vertrauen sinkt. Aktivitäten bei Facebook rauben sehr viel zeit aus dem Privatleben, deswegen wird Facebook als nervig empfunden. Kommunikation via Facebook ist zwar schnell aber dafür sehr umständlich. „Der Grund dafür dürfte auch daran liegen, dass immer mehr Menschen das Smartphone nutzen, um zu kommunizieren, während der PC zur Arbeit oder zur Unterhaltung dient“ (Sächsische Zeitung mobil 2012). Positives dabei sei die Tatsache, dass die Selbstdarstellungen im Netz in einem Zusammenhang mit der Bewältigung von Unsicherheiten steht. Wenn es eben in der realen Welt nicht gelingt, eine Beziehung dauerhaft zu pflegen, wird sie durch eine virtuelle Beziehung ersetzt (Facebook- Bekanntschaften). Man bleibt dabei im Kontakt mit anderen, auch wenn man auf eine direkte Interaktion (körperliche Anwesenheit) verzichtet. Ein weiterer Punkt sei die fehlende körperliche Interaktion im Netz. „Denn das Web 2.0 zeichnet sich zwar durch interaktiven Gebrauch aus, allerdings fehlt dort, im Gegensatz zur direkten Interaktion, die körperliche Anwesenheit der Akteure“ (Mönkeberg 2013: 4). Somit kann ein Akteur nicht direkt sehen, mit wem er es zu tun hat, und auch nicht, wie sie oder er sich gerade fühlt. Selbstdarstellung im Netz ist somit ein künstlerisches Theaterstück der sich nicht so gut für die Beziehungspflege eignet. „Der Körper ist das Thema und der Ort, an dem die Selbstbefragung in äußere Sichtbarkeit umschlägt. Je wichtiger visuelle Medien werden, desto wichtiger wird auch die Sichtbarkeit des eigenen Selbst. Die Selbstbefragung muss präsentiert werden, und damit wandert der Ort des Selbst vom Inneren auf die Körperoberfläche“ (Schwietring 2009: 271). Das Web 2.0 ist das gängigste Erklärungsmodell für alle virtuellen Plattformen (Facebook, Twitter). Wer solche Plattformen benutzt, braucht eine entsprechende Fassade. „Dem Aufenthalt im Web 2.0 wohnt also ein Theatralisierungszwang inne: Man muss klar machen, wer man ist, um überhaupt als dieser ansprechbar zu sein“ (Mönkeberg 2013: 10). Die Theatralität und Unsicherheit im Netz stehen somit im direkten Zusammenhang miteinander. Wenn man Facebook aktiv benutzt, gehen die Selbstdarstellungstechniken wie Anerkennung der eigenen Person durch andere Menschen in der Gesellschaft verloren. Die Etablierung der eigenen Identität geht dabei verloren und die Wahrnehmungen verbale und nonverbale finden nicht statt.

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Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Beziehungspflege in sozialen Netzwerken. Das Modell des Soziologen Erving Goffman
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Interaktion, Netzwerk, Organisation: Einführung in Grundkonzepte sozialer Ordnungsbildung.
Note
1.0
Autor
Jahr
2016
Seiten
7
Katalognummer
V1030675
ISBN (eBook)
9783346444271
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beziehungspflege, Soziologie
Arbeit zitieren
Sergio Merz (Autor:in), 2016, Beziehungspflege in sozialen Netzwerken. Das Modell des Soziologen Erving Goffman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030675

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