Medien und Sprachwandel. Der Einfluss neuer Medien auf die Jugendsprache


Hausarbeit, 2019

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition von Lesesozialisation

3 Die Familie als Vorbild

4 Geschlechtervergleich beim Lesen
4.1 Geschlechtsspezifische Differenzen und Gemeinsamkeiten
4.2 Mögliche Erklärungsansätze

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Forschung zu Familialen Einflüssen in der Lesesozialisation ist un­übersehbar von der Annahme geprägt, dass die Eltern die bedeutsamsten Akteure sind. Damit dominiert ein Ansatz, das Geschehen zwischen der Eltern- und Kindergeneration zu fokussieren. Andere Perspektiven, z.B. auf Großeltern oder Geschwister auf, also auf weitere inter- bzw. intrage- berationale Dynamiken, sind seltener anzutreffen, auch wenn es Hinweise auf den Vorbildcharakter von älteren Geschwistern gibt (Graf, 2007; Tel­ford; 1999).“1

Durch Hypothesen von Bildungswissenschaftlern wie Köcher, Hurrelmann und Bonfadelli, soll der Forschungsstand bezüglich der Lesesozialisation dem Rezipienten dieser Arbeit nahegebracht werden. „Je höher die Bildung in der Familie, desto länger ist die durch­schnittliche Lesedauer der Familienmitglieder. Bildung hat einen positiven Einfluss auf die durchschnittliche Lesedauer und einen negativen Einfluss auf die Fernsehdauer der Fami­lienmitglieder (Hypothese 1)“2 „Prä- und paraliterarische Interaktionen (z.B. Vorlesen und Erzählen) zwischen Eltern und jüngeren Geschwistern wirken sich oft positiv auf die Lese­gewohnheiten von Heranwachsenden aus: Je häufiger Eltern und Kinder diesbezüglich in­teragieren, desto mehr lesen die Heranwachsenden später (Hypothese 5).3 „Das Elternbild hat einen höheren Einfluss auf die Lesegewohnheit der Heranwachsenden, je häufiger El­tern und Kinder im Alltag interagieren (Hypothese 7).“4 „Mit zunehmenden Alter der Kinder sinkt der Einfluss der Eltern auf die Lesesozialisation (Hypothese 9.)“ „Mädchen lesen im Durchschnitt länger als Jungen, wobei sich mit zunehmender Bildung die Geschlechtsun­terschiede verringern (Hypothese 10).“5

Im Rahmen des Seminars Literarische Sozialisation beschäftige ich mich in dieser Arbeit mit der Frage, welchen Einfluss Familien auf die Lesesozialisation von Kindern im Vorschul­alter bis hin zum Grundschulalter haben. Im Fokus stehen auch die obengenannten Hypo­thesen. Zunächst wird definiert, was Lesesozialisation überhaupt ist, um Grundlagen dieser Arbeit zu klären. Kurzgefasst meint die Lesesozialisation die Aneignung der Kompetenz im Umgang mit Schriftlichkeit. Zu Beginn dieser Arbeit soll jedoch zunächst der Begriff der Lesesozialisation besonders anhand von Dr. Phillipp Maik genauer erklärt werden.6 Ferner ist es Ziel dieser Arbeit zu klären, welchen Einfluss Familien auf die Kinder während dieses Prozesses haben. Es gilt zu beleuchten, warum Familien und besonders die Eltern während der Lesegenese ihrer Kinder als Vorbild fungieren.

Welche Rolle spielt der Bildungsstand und der soziale Hintergrund der Eltern dabei? Wel­che Gemeinsamkeiten und Differenzen hat die Lesesozialisation im Hinblick auf das jewei­lige Geschlecht aufzuweisen? Welche Fragen und Diskussion werden durch die Differen­zen bei Mädchen und Jungen aufgeworfen? Abschließend wird in dieser Arbeit behandelt, welche Erklärungsansätze geboten werden und welcher am plausibelsten wirkt. All das sind Fragen und Thesen, die in dieser Arbeit geklärt werden sollen, soweit es der Forschungs­stand es zulässt.

2 Definition von Lesesozialisation

„Lesesozialisation meint die »Aneignung der Kompetenz zum Umgang mit Schriftlichkeit in Medienangeboten unterschiedlicher technischer Provenienz (Printmedien, audiovisuelle Medien, Computermedien) und unterschiedlicher Modalität (fiktionalästhetische und prag­matische Texte)."7 Unter Lesesozialisation wird nicht nur die Aneignung und Vermittlung der Fähigkeit Schriftliches zu dekodieren verstanden, sondern auch der Erwerb von Kom­munikationsinteressen sowie kultureller Haltungen, was im Einklang mit dem Begriff der literarischen Sozialisation steht. Damit ist die Kompetenz gemeint, beispielsweise fiktionale Texte in Form von Lesungen, Lyrik, Theater etc. rezipieren und verarbeiten zu können.8 „Eingebettet ist die Lesesozialisation in das Sozialkonzept. Unter Sozialisation versteht man den ,Prozess der Entstehung der menschlichen Persönlichkeit in wechselseitiger Abhän­gigkeit von der gesellschaftlich mitgeformten sozialen und dinglichen Umwelt. Im Vorder­grund steht dabei die Frage, wie aus dem Gattungswesen Mensch ein gesellschaftlich handlungsfähiges Subjekt wird‘ (Tillmann 1997: 10)."9 Im Forschungsschwerpunkt wird hin­sichtlich der Lesesozialisation in drei Problemebenen unterschieden:

„die diachron-historische des gesamtgesellschaftlichen Systems und seiner Veränderungen; die diachrom-individuelle der Lese- und Mediensozialisation in der Ontogenese; schließlich die synchron-systematische der derzeitigen Medienstruktur und -nutzung.“

Diese Arbeit berücksichtigt vorrangig letzteres und die Frage nach geschlechter­differenten Ausprägungen und Wirkungen.10

„Das Lesen ist also ein komplexer Prozess der Informationsverarbeitung, der sich bei jedem Menschen individuell verschieden abspielt und auf unterschiedlichen Ebenen gelingen kann."11 Aber worauf ist es zurück zu führen, dass das eine Kind zum lesenden Jugendli­chen wird und das andere nicht? Welche Faktoren und Mechanismen haben erheblichen Einfluss auf die Genese der Lesekompetenz eines Kindes? Um zu gewährleisten, dass sich bei dem Kind eine stabile Lesemotivation entwickelt, sollte der Anfang früh gemacht wer­den. Maus bezieht sich bei der Definition der Lesesozialisation auf Dijkstra, dieser geht davon aus, dass eine erfolgreich Lesesozialisation nicht ohne Einfluss der Familie pas- siert.12 Voraussetzung hierbei ist, dass das Kind bereits früh mit Büchern in jeglicher Form in Kontakt kommt. Bücher im Haushalt sowie der Zugang zu einer Bibliothek sind eines der Grundbedingungen. Nicht selten dienen Eltern ihren Kindern als Vorbild, indem sie bei­spielsweise selbst viel Lesen und das Lesen mit in den Alltag der Familie einbeziehen. Durch das Vorlesen sowie durch die Wiedergabe von Gelesenem kann eine Lesesozialisa­tion begünstigt werden.13

Wenn von Lesesozialisation gesprochen wird, sind zum einen der Prozess und zum ande­ren gesellschaftlichen Faktoren gemeint, unter dem das Individuum zu einem Leser oder Nichtleser entwickelt. Bei der Lesesozialisation handelt es sich beispielsweise um den Um­gang mit Schriftlichkeit in gedruckten Medien. Es geht dabei nicht nur darum, die Fähigkeit das Dekodieren von schriftlichen Texten zu erlernen, sondern auch um die Aneignung von Kommunikationsinteressen.14 Die Lesesozialisation lässt sich in zwei Gruppen unterteilen: die informelle Instanz, welche die Familie und den Freundeskreis umfasst sowie die for­melle Instanz, die sich aus Schule und Kindergarten zusammensetzt.15 Die Familie gilt bei der Lesesozialisation als wichtigstes Merkmal. Der Grund liegt darin, dass die Familie den frühsten, längsten und nachhaltigsten Einfluss auf das Individuum im Vorschulalter hat. Der Einfluss der Familie gilt als alltäglich, ungeplant und abhängig von Beziehungen. Das meint lediglich, dass es sich um eine ununterbrochene Beeinflussung seitens der Familie handelt, die weder zeitlich noch räumlich limitiert ist.16 Der Einfluss der Eltern entwickele sich stets aus der Beziehung und der Interaktion mit der Person hervor. Wie bereits erwähnt, ist daher die Grundaufgabe der Familie während der frühen Lesesozialisation so häufig und so oft wie möglich gemeinsame Lesesituationen mit dem Kind zu verbringen, beispielsweise bei Bibliotheksbesuchen. Fördert die Familie solche gemeinsamen Interaktionen mit dem Kind, hat das Einfluss auf die Literalitätsentwicklung der Kinder und außerdem auch erheblichen Einfluss auf die Lesefreude und die Leseintensität der Kinder.17

3 Die Familie als Vorbild

Während des Prozesses der Lesesozialisation bei Kindern im Vorschulalter gilt die Familie laut Bettina Hurrelmann als frühste sowie wirksamste Instanz der Lesesozialisation.

Der erhebliche Einfluss familialer Lesesozialisation kann auf den Status informeller Sozia­lisationen zurückgeführt werden. Denn im Gegensatz zu den Bedingungen schulischer So­zialisation, zeichnen sich die familialen Sozialisationsprozesse dadurch aus, dass sie all­täglich, unpräzise und unüberschaubar sind. Des Weiteren sind sie verstärkt personal aus­gerichtet. Anders als bei der schulischen Sozialisation geht es hierbei nicht um ein zeitlich beschränktes Lernarrangement.18 Bezüglich der früheren und mittleren Kindheit ist es mög­lich, die Aufgaben der Familie in drei Phasen zu differenzieren: Die erste Phase der Lese­sozialisation wird als prä- und paraliterarischen Kommunikation bezeichnet, es beschreibt die Phase während der Vorschulzeit. Ihr folgt die Phase des Erwerbs von basaler kognitiver Lesefähigkeit. Hurrelmann bezeichnet sie als Phase der Alphabetisierung und sie ist in der Phase der ersten und zweiten Klasse der Grundschule angesiedelt. Die abschließende dritte Phase nennt sich die Phase der selbständigen kindlichen Lektüre. Diese Phase ist dem achten bis zum zwölften Lebensjahr des Kindes zuzuordnen. Neben der Familie wird die zweite und dritte Phase am stärksten von der Schule und Peer beeinflusst und ge- prägt.19 Die Aufgaben der Familien in der früheren Lesesozialisation liegen darin, neben der Unterstützung bei der Aneignung mündlicher Sprachkompetenz auch darin, die Kinder in die Schriftlichkeit der Bücher einzuführen.20 Garbe stellt im weiteren klar heraus, dass es zu Missverständnissen komme, wenn es hieße, dass die Familie für den mündlichen Spracherwerb sorge und die Schule für den Schriftspracherwerb, dem ist ihrer Ansicht nach nicht so. Die Grundlandlagen für den Schriftspracherwerb sind bereits früh in der Kindheit vorhanden.21 Philipp referiert von Groeben und Schroeder, die beiden Wissenschaftler se­hen in den Eltern die Schlüsselfigur, wenn es um die Genese der Lesesozialisation von Kindern im Vorschulalter geht. Eltern aus den Unterschichten übergeben die Aufgabe des Lesens den Kindergärten oder Schulen, während Mittelschichtseltern hingegen unter ande­rem durch spielerische Aktivitäten eine literarische Einführung verwenden. Hierbei liegt der Unterschied darin, dass die literarische Erziehung auf den Habitus der Eltern und auf die Art und Weise der Förderung zurück zu führen ist.22 Die Erziehungswissenschaftlerin Margit Stamm ist ähnlicher Meinung, ihre Studie zeigt, dass Familien mit höherem Sozial- und Bildungsstatus die Genese von Kindern unter anderem kognitiven und sprachlichen Leis­tungen besser vermitteln können als familienergänzende Betreuung in Form von Kinder­garten. Dieser nachhaltige Entwicklungsprozess der Kinder steht mit formal höherem Bil­dungsniveau der Mutter sowie dem Vorhandensein von Geschwistern im Einklang, so Stamm. Sie demonstriert auch, dass der Besuch einer vorschulischen Bildungseinrichtun­gen wie Kindergärten oder Spielgruppen für Kinder aus diesem sozialen Milieu für eine erfolgreiche Lesesozialisation nicht unbedingt verpflichtend oder von Nachteil ist.23 Ihren Forschungsergebnissen aus Großbritannien und Deutschland ist zu entnehmen, dass Kin­der, die sozial benachteiligt sind sehr nachhaltig vom Besuch einer vorschulischen Bil­dungseinrichtung profitieren können, unter der Bedingung, dass die Qualität solcher Ein­richtungen hoch ist.24

[...]


1 Vgl. Philipp, Maik: Lesesozialisation in Kindheit und Jugend. Stuttgart 2011. W.Kohlhammer GmbH. S.94.

2 Wollscheid, Sabine: Lesesozialisation in der Familie: Eine Zeitbudgetanalyse zu Lesegewohnhei­ten. Wiesbaden 2008, VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 96-99.

3 ebenda.

4 ebenda.

5 ebenda.

6 Vgl. Garbe, Christine: Texte lesen: Lesekompetenz-Text verstehen- Lesedidaktik-Lesesozialisa­tion. Paderborn 2009. Schöningh. S. 170.

7 ebenda. S. 170.

8 Vgl. ebenda. S. 170.

9 Höft, Chantal: Familiale Lesesozialisation und Lesekompetenz. Saarbrücken 2008. VDM Verlag. S. 5. (zitiert nach Tillmann; 1997)

10 Groeben, Norbert: Lesesozialisation in der Mediengesellschaft: ein Schwerpunktprogramm. Tü­bingen 1999, Niemeyer, S. 2.

11 Maus, Eva: Wer (ver)führt zum Lesen?: Der Einfluss von Geschlechtsmustern auf die Lesemoti­vation von Jungen und Mädchen. Baltmannsweiler 2014, Schneider Verlag. S. 17.

12 Vgl. ebenda.

13 Vgl.ebenda.

14 Vgl. Wollscheid, Sabine: Lesesozialisation in der Familie: Eine Zeitbudgetanalyse zu Lesege­wohnheiten. Wiesbaden 2008, VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 29.

15 Vgl. Kaufmann, Eva: Die Lesekrise zu Beginn der Pubertät, Tübingen 2015. Franck Verlag. S. 22-23.

16 Vgl. ebenda.

17 Vgl. ebenda.

18 Vgl. Hurrelmann, Bettina: Lesesozialisation in der Mediengesellschaft. Weinheim und München 2004. Juventa Verlag. S. 169.

19 Vgl. Garbe, Christine: Texte lesen: Lesekompetenz-Text verstehen- Lesedidaktik-Lesesozialisa­tion. S. 179.

20 Vgl. ebenda S.180-181.

21 Vgl. ebenda.

22 Vgl. Philipp, Maik: Lesesozialisation in Kindheit und Jugend. S. 89.

23 Vgl. Isler, Dieter: Vorschulischer Erwerb von Literalität in Familien. Erkundigen im Mikrokosmos sprachlicher Praktiken und Fähigkeiten von 5- und 6 jährigen Kindern. Weinheim und Basel 2016. Beltz Juventa Verlag. S. 8.

24 Vgl. ebenda. S. 8.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Medien und Sprachwandel. Der Einfluss neuer Medien auf die Jugendsprache
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Institut für Germanistik IV)
Veranstaltung
Literarische Sozialisation
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V1033119
ISBN (eBook)
9783346441171
ISBN (Buch)
9783346441188
Sprache
Deutsch
Schlagworte
medien, sprachwandel, einfluss, jugendsprache
Arbeit zitieren
Alexander Adu (Autor), 2019, Medien und Sprachwandel. Der Einfluss neuer Medien auf die Jugendsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1033119

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