Noch Kinder und doch schon Täter? Sexuell übergriffiges Verhalten im Kindesalter

Erklärungsansätze zur Entstehung sexuell übergriffigen Verhaltens unter Kindern


Studienarbeit, 2020

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Grundbedurfnis Sexualitat
2.2 Kindliche und erwachsene Sexualitat
2.3 Sexueller Ubergriff oder kindliches Sexualverhalten?
2.4 Definitionen
2.4.1 Kindesalter
2.4.2 Sexuelle Ubergriffigkeit

3 Umfang der Arbeit, Recherche und Quellenauswahl
3.1 Aktueller Forschungsstand
3.2 Sexuell ubergriffiges und aggressives Verhalten im Kindesalter: Einflusse entwicklungsrelevanter Faktoren
3.3 Report of the ATSA Task Force on Children With Sexual Behavior Problems.

4 Theoretische Modelle zur Entstehung sexuell auffalligen Verhaltens von Kindern
4.1 Lerntheoretische Erklarungen
4.2 Bindungstheoretische Erklarungen

5 Ergebnisse
5.1 Ursachen und Erklarungsansatze fur sexuelle Ubergriffe durch Kinder
5.2 Eigene Missbrauchserfahrung
5.3 Risikofaktoren fur die Entwicklung sexueller Verhaltensprobleme jenseits von sexuellem Missbrauch
5.3.1 Misshandlung
5.3.2 Life Events
5.3.3 Familiare Situation
5.3.4 Geschlecht und Alter
5.3.5 Medien

6 Diskussion
6.1 Hauptergebnisse
6.2 Methodische Kritik und Limitationen

7 Fazit und Ausblick

III Literaturverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

Tabelle 1

Tabelle 2

Abbildung 1

1 Einleitung

Ende 2018 berichtete ein vierjahriges Madchen ihrem Vater von einem Geschehnis aus dem Kindergarten. Dabei hatten andere Kinder sie festgehalten und ausgezogen, um dann mit einem Stock in ihre Vagina zu piksen. Die beiden funfjahrigen Kinder, die diesen Vorfall initiiert haben, wiederholten das Ganze bei zwei weiteren Kindern (Himmelrath, 2019). Ein ahnliches Ereignis geschah 2016 in Newcastle. Hier hatten eine 13- und eine 14- Jahrige Teenagerin ein kleines Madchen mit Hilfe von Suftigkeiten zu sich gelockt. Zuvor googelten sie nach „Vergewaltigung“ im Internet. Die Polizei fand das Kind damals, bevor ein sexueller Missbrauch stattfand. Die Madchen wurden vom Gericht zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt.

Wie die beiden Teenager sind Kinder, die andere Kinder missbrauchen, selbst haufig Opfer gewesen. "Sie agieren das dann aus, um aus der Opferrolle herauszukommen", sagt der Psychologe Konig. Selten geht es kindlichen Tatern um sexuelle Befriedigung. Oft spielt Macht eine Rolle, jemand soll erniedrigt werden. Entsprechend sensibel muss man mit den Tatern umgehen. Im britischen Bericht heiftt es folgerichtig: "Kinder, die zerstorerisches Sexualverhalten zeigen, sollten zuallererst einmal behandelt werden wie Kinder." (Berndt, 2017)

Betrachtet man die Tatverdachtigenbelastungszahlen fur das Delikt „Sexueller Missbrauch von Kindern“, lasst sich feststellen, dass seit 1993 nicht nur ein drastischer Anstieg bei Jugendlichen verzeichnet wurde, sondern auch bei Kindern unter 14 Jahren. Dazu kommt, dass die Zahlen von Kindern zwischen 8 und 14 Jahren fur diese Straftat etwa doppelt so hoch sind, wie bei Erwachsenen. Diese Zahlen aus dem Hellfeld bestatigen, dass sexuell ubergriffiges Verhalten unter Kindern in einem erheblichen Ausmaft vorkommt. Hinzu kommen einige neuere Forschungsbefunde, die dazu tendieren dass sexuell ubergriffiges Verhalten unter Kindern ansteigt. Das Hauptproblem bei der Interpretation dieser Zahlen liegt darin, dass man nur relativ wenige Ruckschlusse auf das tatsachliche Ausmaft des Problems ziehen kann. Grund dafur besteht in der Differenzierung zwischen sexuell grenzverletzendem Verhalten und altersangemessenen sexuellen Aktivitaten. In Hinblick auf die vermehrten Erscheinungen von Publikationen zu diesem Thema wird jedoch generell deutlich, dass sexuelle Ubergriffe unter Kindern ein Problem darstellen, dem zunehmend Relevanz zugeschrieben wird (Mosser, 2012).

Deswegen stellt sich die Frage: Noch Kinder und doch schon Tater? In wieweit man sexuell ubergriffige Kinder als Tater bezeichnen sollte und wie ein solches Verhalten entstehen kann, wird im Folgenden erlautert.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Grundbedurfnis Sexualitat

Menschen sind sexuelle Wesen. „Sexualitat ist eine Lebensenergie, ein menschliches Grundbedurfnis, es ist der Wunsch nach korperlich- seelischer Lust, Wohlbefinden, Erotik, Leidenschaft und Zartlichkeit“ (Freund & Riedel- Breidenstein, 2006, S.18). Allerdings verandert sich die Sexualitat im Laufe des Lebens. Die meisten Menschen assoziieren mit dem Begriff Sexualitat jedoch nur Erwachsene oder Jugendliche. Es ist kaum bekannt, dass Menschen Sexualitat von Geburt an erleben. Das Kinder ebenfalls sexuelle Wesen sind, wird laut sexualpadagogischer Fachliteratur heute allgemein akzeptiert. Betrachtet man aber die mitunter erschrockenen und erstaunten Reaktionen auf kindliches Sexualverhalten, sind Zweifel an dieser Einschatzung durchaus berechtigt.

Das Verstandnis von Sexualitat ist haufig verengt und setzt Sexualitat mit erwachsener Sexualitat gleich, mit der Folge, dass man (zu Recht) Kinder mit diesen Formen der Sexualitat nicht in Verbindung bringen will. Diese Unkenntnis lasst Schreckensbilder entstehen von sexualisierten Kindern, die gleich Erwachsenen eine von sexuellem Begehren geleitete Sexualitat ausleben, und dies vollig enthemmt, weil sie anders als Erwachsene noch kaum moralische Kategorien entwickelt haben.(Freund & Riedel- Breidenstein, 2006, S.19).

Dies verdeutlicht die Wichtigkeit, den Unterschied zwischen kindlicher und erwachsener Sexualitat zu begreifen, damit die kindliche Sexualitat von Erwachsenen nicht als bedrohlich und befremdlich wahrgenommen wird, sondern als Teil der Personlichkeitsentwicklung.

2.2 Kindliche und erwachsene Sexualitat

Die erwachsene Sexualitat bezieht sich primar auf die Geschlechtsorgane und zielt meistens auf eine korperliche Vereinigung, sexuell befriedigende Hohepunkte und teils auch auf die Fortpflanzung. Die kindliche Sexualitat hingegen ist umfassender und vielfaltiger. Sie stellt keine unreife Form der erwachsenen Sexualitat dar. Die Sexualitat wird ganzheitlich erlebt. Die genitale Sexualitat ist noch nicht festgelegt, ihre Erregung wird aber schon in den ersten Lebensmonaten in ihr Handeln miteinbezogen. Die meisten Erwachsenen leben ihre Sexualitat unter einem Beziehungsaspekt mit ausgewahlten Sexualpartnern.

Kinder haben keine festen Sexualpartner, sondern richten ihr Interesse auf Menschen mit denen sie leben und die ihnen Nahe sind. Dabei konnen Kinder auch Gefuhle von Verliebtheit erleben. Diese Gefuhle sind aber nicht der Wunsch nach sexueller Vereinigung, sondern nach innigen Blicken, Schmusen, Kuscheln oder leichten Kussen. Erwachsene haben die gesellschaftlichen und biologischen Folgen sowie die moralischen Regeln, die durch Gesellschaft, Religion oder personliche Uberzeugungen vorgegeben sind, meistens im Blick. Kinder hingegen sind in ihrer Sexualitat spontan, unbefangen und voller Neugierde. Sie wollen keine Erwachsenensexualitat praktizieren, aber durchaus gemeinsam mit anderen Kindern eine solche imitieren, wenn sie uber Geschlechtsverkehr informiert sind. Aber auch dabei geht es um spielerische Neugier und nicht um Begehren und Lustgefuhle (Freund & Riedel- Breidenstein, 2006, S.20-22).

2.3 Sexueller Ubergriff oder kindliches Sexualverhalten?

Freund & Riedel- Breidenstein (2006) definieren einen sexuellen Ubergriff unter Kindem folgendermaften: „Ein sexueller Ubergriff unter Kindem liegt dann vor, wenn sexuelle Handlungen durch das ubergriffige Kind erzwungen werden bzw. das betroffene Kind sie unfreiwillig duldet oder sich unfreiwillig daran beteiligt. (S.67)“ Des Weiteren schreiben die Autoren von einem haufig vorkommenden Machtgefalle zwischen den ubergriffigen und betroffenen Kindern. Die ubergriffigen Kinder machen beispielsweise Versprechungen, Drohungen oder uben korperliche Gewalt aus. Die beiden Hauptmerkmale fur sexuell ubergriffiges Verhalten unter Kindern sind demnach Unfreiwilligkeit und Machtgefalle.

Die Trennungslinie zwischen sexuellen Aktivitaten und sexuell ubergriffigen Verhaltens stellt dabei die Unfreiwilligkeit dar. Wenn betroffenen Kindern sexuelle Handlungen aufgedrangt werden die sie grundsatzlich nicht wollen, spielt es zudem keine Rolle, ob dieses Kind die Handlungen mit anderen Kindern gerne ausubt oder am Vortag noch mit dem ubergriffigen Kind freiwillig unternommen hat. Das Vorverhalten des Kindes darf also nicht als Maftstab zur aktuellen Freiwilligkeit dienen. Sobald das ubergriffige Kind Druck auf das betroffene Kind ausubt, handelt es sich um einen sexuellen Ubergriff. Die Art und Weise wie das ubergriffige Kind hierbei vorgeht, kann einen Einblick in die Erfahrungswelt des Kindes geben. Kinder erlernen gewalttatiges Verhalten zum Beispiel zu Hause, im Freundeskreis oder verschiedenen Institutionen. Wenn Gewalt als

legitimes Mittel angesehen wird, um das angestrebte Ziel zu erreichen, wenden die Kinder es auch in Situationen an, in denen sie sexuelle Aktivitaten realisieren wollen. Aufterdem konnen bestimmte Aufterungen, die die ubergriffigen Kinder dabei verwenden, ebenfalls ein Anzeichen fur eigene sexuelle Missbrauchserfahrungen sein (Freund & Riedel- Breidenstein, 2006, S.67-68).

2.4 Definitionen

Im Folgenden sollen die wichtigsten Begrifflichkeiten dieser Arbeit definiert werden, um dem Leser eine Erleichterung zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn zu verschaffen.

2.4.1 Kindesalter

Laut dem achten Sozialgesetzbuch ist nach § 7 Kind, wer noch nicht 14 Jahre alt ist (Garcia, 2015). Diese Arbeit bezieht sich jedoch auch auf Kinder bis einschlieftlich 14 Jahre, da in vielen Publikationen, die fur diese Arbeit relevant sind, diese Altersspanne angegeben wird.

2.4.2 Sexuelle Ubergriffigkeit

Im Folgenden wird die sexuelle Ubergriffigkeit laut §177 des deutschen Strafgesetzbuches definiert.

Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr vornehmen lasst oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu funf Jahren bestraft. [...] (Garcia, 2016)

Diese Gesetzgebung bezieht sich auf vollmundige Personen und kann somit nicht auf Kinder, wie sie in dieser Arbeit definiert sind, angewendet werden. Trotz dessen ist die allgemeine Definition von einem sexuellen Ubergriff fur den Vergleich von kindlichen und erwachsenen sexuellen Ubergriffen von Relevanz.

3 Umfang der Arbeit, Recherche und Quellenauswahl

In dieser Arbeit werden zwei Studien zu sexuell ubergriffigen Verhalten unter Kindern vorgestellt, um verschiedene Forschungsergebnisse zu prasentieren. Dies soll einen moglichst breiten Uberblick zu der Thematik der Arbeit geben, um

Faktoren, die das sexuell ubergriffige Verhalten von

Kindern beeinflussen, identifizieren zu konnen.

Zudem werden zwei psychologische Theorien vorgestellt, anhand derer Erklarungsversuche zu den betreffenden Verhaltensweisen der Kinder unternommen werden.

Die Recherche erfolgte uber Google Scholar.

Die Literaturlage zu sexuell ubergriffigen Verhalten unter Kindern ist maftig, zudem behandeln die meisten Arbeiten die Entstehungsfaktoren nicht schwerpunkthaft. Trotzdem wurde eine ausreichende Anzahl von Publikationen gefunden, die die Thematik, teils sehr umfangreich, beleuchten.

3.1 Aktueller Forschungsstand

Die Thematik der sexuellen Ubergriffe bekommt immer mehr Relevanz, da wie in der Einleitung beschrieben, die sexuellen Ubergriffe unter Kindern zunehmen. Allerdings sind bisher nur wenige Studien verfugbar, die ubergriffige Kinder untersucht haben. Dies konnte daran liegen, dass die zu untersuchenden Personen noch nicht vollmundig sind. Deswegen mussen die Sorgeberechtigten einer Untersuchung oder Befragung zustimmen, was die Datenerhebung einschrankt. Zudem wird nur ein geringer Anteil von sexuellen Ubergriffen unter Kindern angezeigt, da viele Ubergriffe verharmlost werden oder den betroffenen Kindern nicht geglaubt wird (Freund & Riedel- Breidenstein, 2006, S.57). Aufterdem ist die Thematik der kindlichen Sexualitat noch immer mit einer Tabuisierung behaftet, weswegen viele Vorfalle wahrscheinlich nicht an die Offentlichkeit gelangen (Freund & Riedel- Breidenstein, 2006, S.59). So wird die Suche nach passenden Probanden erschwert. Hinzu kommt, dass die Studien, die sexuell ubergriffiges Verhalten unter Kindern untersuchen haufig nicht auf die Entstehung dieses Verhaltens eingehen und somit fur diese Arbeit eher ungeeignet sind. Nachfolgend werden zwei Studien zusammengefasst, die auf die Entstehung des problematischen Verhaltens eingehen und somit zur Beantwortung der Fragestellung dieser Arbeit dienen.

3.2 Sexuell ubergriffiges und aggressives

Verhalten im Kindesalter: Einflusse entwicklungsrelevanter Faktoren

Die Studie von Elsner, Hebebrandt und Konig wurde 2008 veroffentlicht. Das Hauptziel der Studie war eine Evaluation von bereits vorhandenen Behandlungs- programmen, sowie der Analyse von moglichen Pradiktoren, die ein positives oder negatives Behandlungsergebnis vorhersagen. Aufterdem wurde der Unterschied von sexuell ubergriffigen Jungen und ausschlieftlich aggressiven Jungen untersucht.

Die Stichprobe umfasst 75 Jungen, die zwischen 9 und 15 Jahre alt waren und aus 23 verschiedenen Behandlungseinrichtungen stammten. Die Studienergebnisse zeigen, dass sexuell ubergriffige Jungen zu 67,4% aus unvollstandigen Ursprungsfamilien kamen, in denen eine konstante mannliche Remerkunq. ‘ Gruppe def sexuell ubergriffigen Probanden (N = 46); ‘ Gruppe dec ausschlieClich aggressiv ubergriffigen Probanden (N = 29);' Anzahl der kompfettcn Batensatze.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Gruppenvergleich sexuell und ausschliefclich aggressiv ubergriffiger Probanden (Elsner et al., 2008)

Bezugsperson fehlte. Sie haben im Rahmen ihrer Entwicklung in einem starken Ausmaft psychische und korperliche Gewalterfahrungen machen mussen. „Die Bedeutung der Identifizierung mit einer autonomen, verfugbaren und als positiven Vorbild dienenden „Vaterfigur“ fur die Entwicklung eines Jungen ist unbestritten. Wird dieser Prozess durch einen fehlenden oder gewalttatigen Vater bzw. eine mannliche Bezugsperson beeintrachtigt, sind negative Auswirkungen auf die Ausbildung einer mannlichen Identitat wahrscheinlich“ (Elsner et al., 2008). Bei 44,1% der sexuell ubergriffigen Jungen lagen Informationen vor, dass die Kinder selbst sexuelle Missbrauchserfahrungen machen mussten. Bei 73,8% der sexuell ubergriffigen Jungen bestanden Auffalligkeiten im Bereich der sexuellen Entwicklung und ein erhohter Konsum von pornographischen Materialien. In der Studie von Elsner et al. stammten die Opfer in 87% der Falle aus dem familiaren oder sozialen Umfeld. Die Opfer waren in der Stichprobe zu 58.7% mannlich. 40% der ubergriffigen Jungen hatten ausschlieftlich mannliche Opfer und 10% sowohl weibliche als auch mannliche Opfer. „Der hohe Anteil an mannlichen Opfern konnte als Hinweis darauf verstanden werden, dass die sexuellen Ubergriffe nicht zwangslaufig als sexuell motiviert anzusehen sind, sondern ebenso Ausdruck einer generell erhohten Aggressionsbereitschaft sein konnen“ (Elsner et al., 2008). In etwa 66% der sexuellen Ubergriffe wurden die Opfer entweder uberredet oder ihnen wurde Gewalt angedroht, die sexuellen Handlungen zuzulassen oder zu erdulden. Dabei kam es in 12,2% der Falle zu einer tatsachlichen Gewaltanwendung. Sexuell ubergriffige Kinder hatten im Vergleich zu den aggressiv auffalligen Kindern zudem signifikant hohere Werte fur „Angstlichkeit und Depressivitat“. Fur beide Gruppen liegen jedoch alle Skalenwerte innerhalb des Normbereichs, so dass sie sich selbst insgesamt als wenig auffallig erleben (Elsner et al., 2008).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Gruppenvergleich sexuell und ausschließlich aggressiv übergriffiger Probanden (Elsner et al., 2008)

3.3 Report of the ATSA Task Force on Children With Sexual Behavior Problems

Die Studie ‘Report of the ATSA Task Force on Children With Sexual Behavior Problems' wurde von Chaffin et al. 2008 veroffentlicht. Die Task Force der Association for the Treatment of Sexual Abusers (ATSA) zur Behandlung von Kindern mit sexuellen Verhaltensproblemen wurde vom ATSA-Vorstand als Teil der Gesamtmission der ATSA gegrundet, um wirksame Interventionspraktiken fur Kinder zu fordern, die ein missbrauchliches Sexualverhalten an den Tag gelegt haben. Die Task Force wurde beauftragt, einen Bericht zu erstellen, der als Leitfaden fur die berufliche Praxis mit Kindern im Alter von 12 Jahren und junger dienen sollte und sich insbesondere mit der Frage befasst, welche Interventionsmodelle oder -komponenten am wirksamsten sind und welche Rolle die Familie bei der Intervention spielt. Zu den Hauptergebnissen des Berichts gehoren unter anderem die folgenden Punkte: Kinder mit sexuellen Verhaltensproblemen konnen in ihrem Schweregrad und ihrem potenziellen Schaden fur andere Kinder sehr unterschiedlich sein. Obwohl sie einige Merkmale gemeinsam haben, sind sie praktisch nicht charakteristisch und es gibt kein Profil oder keine Konstellation von Faktoren, die diese Kinder ubergreifend charakterisieren. Angesichts der Vielfalt der Kinder mit sexuellen Verhaltensproblemen sollten die meisten Interventionen - einschlieftlich der Entscheidungen uber Abschiebung, Unterbringung, Benachrichtigung anderer, Berichterstattung, gerichtliche Verurteilung und Einschrankungen des Kontakts mit anderen Kindern - sorgfaltig und von Fall zu Fall getroffen werden. Da sich Kinder und ihre Lebensumstande schnell andern konnen, sollten Entscheidungen regelmaftig uberpruft und revidiert werden. Trotz erheblicher Bedenken hinsichtlich des Fortschreitens von Sexualstraftaten bei Jugendlichen und Erwachsenen im spateren Erwachsenenalter deuten die vorliegenden Erkenntnisse darauf hin, dass Kinder mit sexuellen Verhaltensproblemen bei entsprechender Behandlung nur ein sehr geringes Risiko haben, zukunftige Sexualstraftaten zu begehen. Nach einer angemessenen ambulanten Kurzzeitbehandlung wurde festgestellt, dass Kinder mit sexuellen Verhaltensproblemen langfristig kein hoheres Risiko fur das Begehen von Sexualstraftaten in der Zukunft haben als andere klinische Populationen von Kindern (2-3%). Insgesamt scheinen Kinder mit sexuellen Verhaltensproblemen gut und schnell auf die Behandlung zu reagieren, insbesondere auf grundlegende kognitive, verhaltensbezogene oder psychoedukative Interventionen, an denen auch Eltern und/oder Betreuer beteiligt sind. Eine intensive und restriktive Behandlung von Kindern mit sexuellen Verhaltensproblemen scheint nur gelegentlich oder selten erforderlich zu sein. Kinder mit sexuellen Verhaltensproblemen unterscheiden sich von erwachsenen Sexualstraftatern. Dies scheint eine andere Population zu sein, nicht einfach eine jungere Version erwachsener Sexualstraftater. Offentliche Richtlinien, Beurteilungsverfahren und die meisten Behandlungsansatze, die fur erwachsene Sexualstraftater entwickelt wurden, sind fur diese Kinder ungeeignet. Gerichte, die Kinder in offentliche Register fur Sexualstraftater eintragen oder Kinder mit sexuellen Verhaltensproblemen ausgrenzen, bieten moglicherweise wenig oder gar keinen Schutz fur die Gemeinschaft, wahrend sie die Kinder potentieller Stigmatisierung und sozialer Benachteiligung aussetzen.

Die Ursprunge von sexuellen Verhaltensproblemen bei Kindern sind nicht eindeutig geklart. Fruhe Theorien betonten den sexuellen Missbrauch als die vorherrschende, wenn nicht gar einzige Ursache fur sexuelle Verhaltensprobleme bei Kindern. Kinder, die sexuell missbraucht worden sind, weisen eine hohere Haufigkeit sexuellen Verhaltens auf, als Kinder, die nicht sexuell missbraucht worden sind und sexuelle Missbrauchserfahrungen wurden in hohen Prozentsatzen von Kindern mit sexuellen Verhaltensproblemen gefunden. Das letzte Jahrzehnt der Forschung legt nahe, dass viele Kinder mit Sexualverhaltensproblemen keine bekannten Erfahrungen von sexuellem Missbrauch haben. Aktuelle Theorien betonen, dass der Ursprung und die Aufrechterhaltung von sexuellen Verhaltensproblemen in der Kindheit mit sexuellen Missbrauch, sowie familiaren, sozialen, wirtschaftlichen und entwicklungspsychologischen Faktoren zusammenhangen. Zu den Faktoren, die dazu beitragen, gehoren Misshandlung, minderwertige Erziehungspraktiken, der Kontakt zu Medien, die sexuelles Verhalten zeigen, das Leben in einer hochgradig sexualisierten Umgebung und die Exposition gegenuber familiarer Gewalt. Auch die Vererbung kann eine Rolle spielen. Bei einigen Kindern konnen sexuelle Verhaltensprobleme ein Teil eines Gesamtmusters storender Verhaltensprobleme sein und nicht eine isolierte oder spezifische Verhaltensstorung (Chaffin et al., 2008).

4 Theoretische Modelle zur Entstehung sexuell auffalligen Verhaltens von Kindern

Nicht nur atiologische Wirkfaktoren versuchen zu erklaren, warum Kinder ein sexuell auffalliges Verhalten entwickeln. In der Literatur werden vor allem auch theoretische Modelle zur Erklarung herangezogen. Hier werden zwei grundlegende Konzeptionen diskutiert. Zum einen der lerntheoretische Ansatz und zum anderen der bindungstheoretische Ansatz. Diese Ansatze schlieften sich weder gegenseitig aus, noch sind sie isoliert von anderen psychologischen Konzepten.

4.1 Lerntheoretische Erklarungen

Da ein hoher Anteil an sexuell auffalligen Kindern selbst Opfer sexuellen Missbrauchs geworden ist, kommt man bei der Suche nach theoretischen Erklarungen dieses Verhaltens schnell auf einen lerntheoretischen Fokus. Howells entwickelte in diesem Zuge schon 1981 den Begriff der ,sexuellen Lemtheorie'. Durch den sexuellen Missbrauch entwickeln manche Kinder ein sexuelles Lustempfinden, so kann es beispielsweise wahrend der Gewalthandlungen zu sexueller Erregung und Orgasmen kommen (Hall et al., 1998). Die betroffenen Kinder haben haufig Vernachlassigungen erlebt, so kann es vorkommen, dass sexuelle Kontakte als Belohnungen angesehen werden, weswegen es fur diese Kinder wenig Anlass gibt, dieses Verhalten zu loschen (Johnson & Doonan, 2005). Der Befund, dass Masturbation, sexuelle Fantasien und Lust in der Folge selbsterlittenem sexuellen Missbrauchs wichtige Pradiktoren fur die Entstehung von sexueller Devianz sind, spricht ebenfalls fur diese Theorie. Der lerntheoretische Ansatz von Bandura betont das Zusammenwirken von drei Variablen: Verhalten, kognitive und andere Personlichkeitsfaktoren und die Umwelt beeinflussen sich wechselseitig.

Wenn nun unangemessenes, kindliches, sexuelles Verhalten positiv verstarkt wird, so lernt das Kind, dass dieses Verhalten angemessen und normal ist und zudem belohnt wird. Friedrich & Trane (2002) erwahnen in ihrer Arbeit, dass Kinder schon sehr fruh lernen soziale und kulturelle Rollen und Regeln zu internalisieren. Demnach lernen Kinder in fruhem Alter, dass bestimmte Verhaltensweisen nur im Privaten stattfinden durfen. Diese Regeln lernen sie durch Rektionen von Erwachsenen und Formung. Die Sprache der Erwachsenen ist dabei ausschlaggebend, denn sie bestimmt ob das Verhalten in Ordnung ist oder nicht. Kinder die lernen, wie sie ihr Verhalten und ihre Emotionen regulieren konnen, konnen diese Fahigkeit auch auf ihr sexuelles Verhalten ubertragen. Kinder mit Problemen in der Selbstregulation neigen jedoch zur Entwicklung externalisierender Verhaltensweisen, wie zum Beispiel sexualisiertes Verhalten (Mosser, 2012).

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Noch Kinder und doch schon Täter? Sexuell übergriffiges Verhalten im Kindesalter
Untertitel
Erklärungsansätze zur Entstehung sexuell übergriffigen Verhaltens unter Kindern
Hochschule
Medical School Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
31
Katalognummer
V1034926
ISBN (eBook)
9783346442994
ISBN (Buch)
9783346443007
Sprache
Deutsch
Schlagworte
noch, kinder, täter, sexuell, verhalten, kindesalter, erklärungsansätze, entstehung, verhaltens, kindern
Arbeit zitieren
Nele Bielenberg (Autor), 2020, Noch Kinder und doch schon Täter? Sexuell übergriffiges Verhalten im Kindesalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1034926

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