Prinzipien, Perspektiven und Regeln der Hermeneutik. "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" von Heinrich von Kleist


Seminararbeit, 2010

10 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Hermeneutische Bearbeitung ausgewählter Textteile
1.1 Leitende Fragestellung und Vorverständnis
1.2 Entstehungszusammenhang
1.3 Semantischer Aspekt – hermeneutischer Zirkel
1.3.1 Die Kleistische Flasche2
1.3.2 Der "Donnerkeil" des Mirabeau
1.3.3 Elektrizität

2 Verstehen im hermeneutischen Zirkel

Einleitung

Im Folgenden werde ich den Text Kleists "Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden" heranziehen, um ausgewählte Prinzipien, Regeln und Perspektiven eines hermeneutischen Umgangs mit Texten herauszuarbeiten. Dabei beziehe ich mich vor allem auf Klafkis Theorietext, verwende aber auch Danners und Krons Texte über die Hermeneutik.1 Im ersten Kapitel beschäftige ich mich mit einzelnen hermeneutischen Arbeitsschritten; im zweiten Kapitel möchte ich herausarbeiten, was Kleist m.E. mit seinem Text zum Thema "Verstehen" beigetragen hat.

1 Hermeneutische Bearbeitung ausgewählter Textteile

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich mein erkenntnisleitendes Interesse und mein Vorverständnis bezüglich des Textes darzulegen und den Entstehungszusammenhang zu klären versuchen. Weiters möchte ich folgende Begriffe/Satzteile klären, um sie dann in den Kontext des Satzes bzw. (im zweiten Kapitel) des gesamten Briefes einzuordnen: die Kleistische Flasche (S. 537, Zeile 24f) und der "Donnerkeil" des Mirabeau (S. 536, Zeile 22) sowie den Satzteil "nach einem ähnlichen Gesetz; nach welchem in einem Körper, der von dem elektrischen Zustand Null ist, wenn er in eines elektrisierten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte Elektrizität erweckt wird" (S. 537, Zeile 10-13) (Kleist um 1806, zit. n. Barth, u.a. 1989, 537). Im Wesentlichen befasse ich mich eingehender mit dem Abschnitt bezüglich der Rede Mirabeaus (S. 536, Zeile 21 bis S. 537, Zeile 28)

1.1 Leitende Fragestellung und Vorverständnis

"Textinterpretation erfolgt immer unter bestimmten Fragestellungen, und in der Fragestellung drückt sich ein bestimmtes Vorverständnis des zu untersuchenden Zusammenhanges aus." (Klafki 2007, 134)

Die Frage, die ich mir zu Beginn meiner Arbeit stellte, ist folgende: In welcher Weise korrespondieren die Theorietexte (Danner, Kron, Klafki) mit dem "Gegenstandstext" von Kleist? Ich ging davon aus, dass eine gewisse Übereinstimmung der Texte in Bezug auf das Thema Verstehen gegeben ist und dass die Texte Verstehen zum Inhalt haben, da wir uns im

Rahmen des Seminars mit dem Thema Hermeneutik und mit dem Verstehen von Texten beschäftigten. Die Texte wurden vom Lehrveranstaltungsleiter ausgewählt, um eine Auseinandersetzung mit der Hermeneutik zu ermöglichen.

1.2 Entstehungszusammenhang

Kron (1999, 218) formuliert elf methodische Regeln zur Interpretation von Texten. Regel drei lautet: "Erforsche genau den Entstehungszusammenhang des Textes! (Quelle)".

Die inzwischen verschollene Abschrift stammt, wie im Kommentar zu Kleists Text zu finden ist, aus Kleists Dresdner Zeit 1807/1808 oder entstand bereits in Königsberg 1805/1806. Die Abschrift enthielt Korrekturen Kleists und Bleistiftmarkierungen für eine Gliederung in Absätze, was darauf hindeuten könnte, dass Kleist den Aufsatz publizieren wollte, und zwar in Cottas "Morgenblatt für gebildete Stände" wie Hans Joachim Kreutzer meint. Ebenfalls enthielt die Abschrift den zweimaligen Zusatz "Die Fortsetzung folgt"; diese Parenthese wurde jedoch nicht von Kleist hinzugefügt. Ursprünglich lautete der Titel "Über/Die allmähligen Gedanken/Beim Reden" und ist an Rühle von Lilienstern gerichtet. (Barth, u.a. 1989, 1119f)

Otto Rühle von Lilienstern war ein preußischer Generalleutnant und Militärschriftsteller. Er war 1795 zusammen mit Heinrich von Kleist Fähnrich im Garde-Regiment und mit ihm eng befreundet, was durch zahlreiche Briefe belegt ist. (Wikipedia, [2010d] 1).

1.3 Semantischer Aspekt – hermeneutischer Zirkel

"Ein notwendiges Moment der Interpretation ist die Frage nach der Bedeutung einzelner Worte oder Formen eines Textes“ (Klafki 2007, 138). Dieses Prinzip der hermeneutischen Bearbeitung von Texten werde ich an drei exemplarischen Begriffen bzw. Satzteilen versuchen zu bearbeiten.

1.3.1 Die Kleistische Flasche2

Zum "objektiven Geist" gehört laut Dilthey die Gemeinsamkeit aller Lebensbezüge, die er mit Wort, Satz, Gebärde, Höflichkeitsformel, Kunstwert und historischer Tat andeutet. Dieser "objektive Geist" ist nicht nur kultur-, sondern auch historisch bedingt. (Danner 2006, 53)

Als erstes Beispiel für die kulturelle und historische Bedingtheit möchten wir einen Begriff in Kleists Schrift nennen, der von uns vorerst nicht verstanden wurde – nämlich"die

Kleistische Flasche". Erst durch die hermeneutische Arbeit in dem Sinne den Teil aus dem Ganzen (der Begriff der Kleistischen Flasche) und das Ganze vom Teil her zu verstehen (jene Textpassage, die in Zusammenhang mit der Kleistischen Fasche steht), haben wir sowohl den Begriff als auch die Passage deuten können.

Im Brockhaus (1998, 286) findet sich unter Leidener Flasche (=kleistsche Flasche) folgendes: die kleistsche Flasche ist die älteste Form des elektrischen Kondensators; es ist ein innen und außen mit leitenden Belägen versehenes Glasgefäß und wurde 1745 unabhängig voneinander von dem Physiker E.J. von Kleist und dem Leidener Physiker P. von Musschenbroek erfunden. Ewald Georg von Kleist, auch Ewald Jürgen von Kleist, (1700-1748) war ein verstorbener Verwandter Kleists (Kleist 20102). Deshalb, so unsere Vermutung, erwähnte

Heinrich von Kleist die Kleistische Flasche und nicht die Leidener Flasche. Ob

Heinrich von Kleist der Leidener Physiker Musschenbroek bekannt war, konnten wir nicht herausfinden.

Wir haben die Kleistische Flasche in Verknüpfung mit der Textpassage um Mirabeau so gelesen, dass der Redner sich gleich eines Kondensators, der Energie speichert, in Rage redet, um sich dann durch das Reden auch wieder zu entladen und wie Kleist schreibt, der durch diese Entladung "neutral geworden ... plötzlich der Furcht vor dem Chatelet, und der Vorsicht, Raum" gibt.

Interessant fanden wir hierbei die Frage, warum Kleist gerade einen naturwissenschaftlichen Vergleich wählte. Wir fragten uns nach der Bedeutung der Naturwissenschaften in der damaligen Zeit und kamen zu der Erkenntnis, dass die Naturwissenschaften im 17. und 18. Jahrhundert einen Aufschwung erlebt und stark an Bedeutung gewonnen hatten. (Burkhart 1995, 81ff u. 187ff)

Vor diesem Hintergrund ist der an den Naturwissenschaften orientierte Vergleich sehr nahe liegend.

1.3.2 Der "Donnerkeil" des Mirabeau

Einen weiteren Aspekt, den ich beleuchten möchte, ist jener des"Donnerkeil des Mirabeau". Einen ersten Aufschluss, was mit diesem Ausdruck gemeint sein könnte, ist wieder in den Kommentaren nachzulesen: Der Comte de Mirabeau war als Abgeordneter des dritten Standes in die Versammlung der französischen Generalstände gewählt worden und gab mit seiner Rede 1789 das Signal für die Etablierung der Nationalversammlung als gesetzgebende Körperschaft (Barth, u.a. 1989, 1121).

Graf Mirabeau war während der Anfangszeit der Französischen Revolution Abgeordneter und Wortführer des Dritten Standes. Er erteilte dem Zeremonienmeister3 durch seinen "Donnerkeil" eine Abfuhr, als dieser ihm die Befehle des Königs überbrachte.

Unter "Donnerkeil" findet man bei Wikipedia [2010a] 1):

1. Belemniten, eine ausgestorbene Gruppe von Kopffüßern

2. Donnerkeil (Mythologie), in der Mythologie die Waffe des Thor, Zeus oder Jupiter

3.Varjar, in der hinduistischen Mythologie die Bezeichnung für die Waffe von Shiva, Indra oder Vayu

4. eine volkstümliche Bezeichnung für vorgeschichtliche Steinbeile, welche als magischer Schutz vor Blitzschlag u.a. diente.

Die literarischen Strömungen jener Zeit, in der Kleist diesen Brief schrieb, waren die der zu Ende gehenden Weimarer Klassik und jener der Romantik, die in etwa zeitgleich mit der Weimarer Klassik als Gegenströmung zu dieser einsetzte, jedoch zeitlich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein andauerte. Die Weimarer Klassik hat ihren Namen u.a. durch die Orientierung hin zur Antike erhalten. In Anlehnung an das antike Kunstideal wird in der Klassik nach Vollkommenheit, Harmonie, Humanität und der Übereinstimmung von Inhalt und Form gesucht. (Wikipedia [2010e] [3ff])

Diese Orientierung an der Antike lässt mich zu dem Schluss kommen, dass mit "Donnerkeil(en)" die Waffen des Zeus, welche Donnerkeile - also Blitze - waren, gemeint sind. Mirabeau schleudert dem Zeremonienmeister "Blitze" entgegen bzw. "schloß mit Bajonetten" (Kleist um 1806, zit. n. Barth, u.a. 1989, 536)

Er fertigte den Zeremonienmeister ab, indem er ihm erklärte, dass sie nicht weichen würden (gemeint ist der Dritte Stand), es sei denn, der König würde Gewalt anwenden.

[...]


1Folgende Theorietexte habe ich für meine Arbeit herangezogen:

Danner, H. (2006): Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik. München: UTB, 34-73.

Kron, F.W. (1999): Wissenschaftstheorie für Pädagogen. München: Reinhardt, 208-229

Klafki, W. (2007): Hermeneutische Verfahren in der Erziehungswissenschaft. In: Parmentier, M.,

Rittelmayer, Ch.: Einführung in die pädagogische Hermeneutik. Darmstadt: WBG,125-148

2 Diesen Teil meiner Ausarbeitung habe ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen Sigrid Erb und Ullrike Kröger bearbeitet. Deswegen ist dieser Abschnitt in der 1. Person Plural verfasst.

3 Der Zeremonienmeister befasste sich mit Staatszeremonien und war u.a. für die Weitergabe der Willensäußerungen des Königs verantwortlich (Wikipedia [2010c] 1).

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Details

Titel
Prinzipien, Perspektiven und Regeln der Hermeneutik. "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" von Heinrich von Kleist
Veranstaltung
Wissenschaftstheorie und bildungswiss. Forschungsmethoden - Hermeneutik
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V1039844
ISBN (eBook)
9783346472922
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hermeneutik, Kleist, Verstehen
Arbeit zitieren
Andrea Böck (Autor:in), 2010, Prinzipien, Perspektiven und Regeln der Hermeneutik. "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" von Heinrich von Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1039844

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