Wer sind eigentlich potenzielle Amokläufer? Der kommunikationsarme Schüler in der hintersten Reihe, der sich lieber mit Zeichnen beschäftigt, als dem Unterricht der Lehrer zu folgen oder doch der schwarz gekleidete Eigenbrödler, der der Gothikszene der Schulhierarchie angehört? Sind diese einzelnen Personengruppen der Schubladengesellschaft Schule auch fähig, ihre Mitschüler oder Lehrer zu töten? Kann man tatsächlich so einfach anhand des Aussehens oder charakterlicher Merkmale jemanden als Amokläufer etikettieren?
Dieser Frage nachgehend, wird anhand verschiedener Risiko/-Einflussfaktoren aus dem psychologischen, sozialen, pädagogischen und kriminologischen Bereich der Versuch unternommen, ein Täterprofil zu erstellen. Und warum sind es in der Vergangenheit immer männliche Jugendliche gewesen, die einen Amokläufer begangen haben?
Zudem ist der Blick auf die Frühintervention und die Risikoanalyse wichtig, da diese sowohl für Polizistinnen und Polizisten als auch für Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Schülerinnen und Schüler dringenden Nachholbedarf hat. Wo ist die Grenze zwischen einem unangemessenen Scherz und einer ernsthaften Bedrohungslage? Was wäre, wenn es eine Software geben würde, die sich mit der Prävention von Amokläufen auseinandersetzt und die Möglichkeit bietet, risikobehaftete Jugendliche im Vorfeld zu erkennen? Als Antwort auf diese Frage entwickelte Jens Hoffmann das wissenschaftliche Computersystem DyRiAS. Was steckt hinter der Idee von DyRiAS und können 32 Fragen wirklich beurteilen, ob ein auffälliger Jugendlicher ein potentieller Amokläufer ist?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffserklärung
2.1 Amok (-lauf)
2.2 School Shooting
3. Amokläufe - ein Überblick
3.1 Phänomenologie
3.2 Der Ablauf eines Amoklaufs an einer Schule
4. Gibt es ein Täterprofil? – Tätermerkmale und Einflussfaktoren
4.1 Innere Faktoren
4.1.1 „Baustelle Pubertät“ – Entwicklung im Jugendalter
4.1.2 Psychische Störungen und Fantasiewelten
4.1.2.1 Narzissmus
4.1.2.2 Fantasiewelten
4.1.2.3 Andere relevante Persönlichkeitsmerkmale
4.2 Äußere Faktoren
4.2.1 Familien und Elternhaus
4.2.2 Freizeit und Peer Groups
4.2.3 Medienkonsum und Gewalt
4.2.4 Zugriff auf Waffen
4.2.5. Schule
5. Die Tätergruppe: junge männliche Amokläufer
5.1 Männliches und weibliches Geschlecht im Vergleich
5.2 Spezielle Risikofaktoren und Motive bei männlichen Amoktätern
6. Risikoeinschätzung bei Bedrohungslagen
6.1 Warum gegen erkennbare Warnsignale nichts unternommen wird
6.2 Alles rund um die Software DyRiAS
7. Polizeiarbeit und Amokläufe an Schulen
7.1 Prävention und Intervention
7.2 Die Einsatztaktik der Polizei
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Phänomenologie sowie die Ursachen von Amokläufen an Schulen, um ein besseres Verständnis für das Täterprofil und die Möglichkeiten der Früherkennung sowie polizeilicher Prävention zu entwickeln. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich der Übergang von jugendlichen Problemen zur geplanten Gewalttat vollzieht und welche Faktoren die Tat begünstigen.
- Phänomenologische Analyse und Abgrenzung der Begriffe Amok und School Shooting
- Untersuchung innerer und äußerer Einflussfaktoren auf die Täterentwicklung
- Analyse der geschlechtsspezifischen Komponente bei männlichen Tätern
- Evaluation des Bedrohungsmanagement-Systems DyRiAS
- Betrachtung präventiver Ansätze und polizeilicher Einsatztaktiken
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Ablauf eines Amoklaufs an einer Schule
Zwar wahren Amokläufe an Schulen oberflächlich den Anschein, als würde es sich bei ihnen um plötzliche und impulsive Taten handeln, jedoch stecken hinter diesen außergewöhnlichen Ereignissen meist eine genaue und detaillierte Planung, die über einen gewissen Zeitraum hin erfolgt (vgl. Robertz & Wickenhäuser: S. 33). Ein Hinweis auf die gute Vorbereitung eines Amoklaufs zeigt die verblüffend gleichgültige, konzentrierte und zielorientierte Arbeitsweise des jungen Täters. Jens Hoffmann charakterisiert die Handlungsweise eines Amoklaufs als Jagdmodus der Gewalt, der sich in einer Kontrolliertheit, Zielorientierung und innerer Ruhe des Täters äußert (vgl. Hoffmann 2003: S. 404).
Die Planungen und Vorbereitungshandlungen, die der Täter im Vorfeld trifft, geben ihm eine gewisse Sicherheit und ein Handlungskonstrukt, von dem in der Regel nicht abgewichen wurde. Ein prägnantes Beispiel dafür stellt die Amoktat an der Columbine High School 1999 dar. Dort zeigte sich, wie durchdacht Eric Harris und Dylan Klebold ihren Plan von Vornherein ausarbeiteten und auch so in die Tat umsetzten. Ein Tag vor dem Massaker schrieb Dylan Klebold in sein Tagebuch (orig. ins Deutsche übersetzt): „In etwa 26,5 Stunden wird die Verurteilung beginnen. Es ist seltsam zu wissen, dass ich bald sterben werde. Alles hat einen Hauch von Belanglosigkeit.“
Es ist also festzustellen, dass die Täter ihre größenwahnsinnigen Fantasien bereits im Vorfeld der Tat ausleben und alle möglichen Szenarien durchspielen. Aus dem Wunsch, einen planlosen Amoklauf zu begehen, werden konkrete Vorstellungen. Aus konkreten Vorstellungen werden präzise Vorbereitungshandlungen. Aus jenen wiederrum wird ein berechnend ausgestalteter Amoklauf an einer Schule. Der Tatort Schule wird in der Absicht ausgesucht, dass sich der vom Täter festgelegte Opferpool an einem gemeinsamen Ort befinden. Gleich dem Motto „Alle auf einen Streich“ wie bei dem Märchen „Das Tapfere Schneiderlein“. Die Schule bietet dem Täter auch eine öffentliche Bühne, auf der er seine Tat demonstrativ zur Schau stellen kann. Der Ort ist dem jugendlichen Amokläufer vertraut und eröffnet ihm so die Möglichkeit, sich innerhalb dieses selbstgewählten Aktionsraumes sicher zu bewegen (vgl. Bannenberg 2010).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik von Amokläufen an Schulen ein, thematisiert die mediale Wahrnehmung und formuliert die grundlegende Zielsetzung der Bachelorarbeit.
2. Begriffserklärung: Dieses Kapitel definiert und grenzt die Begriffe „Amok (-lauf)“ und „School Shooting“ voneinander ab, um eine einheitliche Grundlage für die Arbeit zu schaffen.
3. Amokläufe - ein Überblick: Hier werden statistische Daten zu Amokläufen an Schulen präsentiert und die methodische Planung hinter scheinbar impulsiven Taten erläutert.
4. Gibt es ein Täterprofil? – Tätermerkmale und Einflussfaktoren: Das zentrale Kapitel analysiert sowohl psychologische, soziale und familiäre Faktoren als auch den Einfluss von Medien und Zugang zu Waffen auf potenzielle Täter.
5. Die Tätergruppe: junge männliche Amokläufer: Dieses Kapitel beleuchtet, warum Amokläufe primär als männlich konnotiert sind und welche speziellen Rollenbilder sowie Risikofaktoren dabei eine Rolle spielen.
6. Risikoeinschätzung bei Bedrohungslagen: Es wird diskutiert, warum Warnsignale häufig übersehen werden und wie die Software DyRiAS als analytisches Instrument zur Risikoeinschätzung beitragen kann.
7. Polizeiarbeit und Amokläufe an Schulen: Das Kapitel behandelt die Rolle der Polizei in der Prävention sowie die Entwicklung spezifischer Einsatztaktiken nach dem Amoklauf von Erfurt.
8. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen, betont die Komplexität der Täterentwicklung und unterstreicht die Notwendigkeit vernetzter Präventionsarbeit.
Schlüsselwörter
Amoklauf, School Shooting, Täterprofil, Adoleszenz, Narzissmus, Prävention, DyRiAS, Schulgewalt, Männlichkeit, Risikoeinschätzung, Medienkonsum, Polizeiarbeit, Frühintervention, Sozialisationsinstanzen, Gewaltphantasien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem komplexen Phänomen von Amokläufen an Schulen, untersucht die Hintergründe von Tätern und bewertet präventive Möglichkeiten sowie polizeiliche Strategien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Täterpsychologie, dem Einfluss des sozialen Umfelds, der Rolle von Medien und Waffen sowie der methodischen Risikoeinschätzung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Entstehung von Amoktaten zu entwickeln, um Anzeichen frühzeitig zu erkennen und präventive Maßnahmen zu optimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender kriminologischer und psychologischer Studien sowie der Auswertung polizeilicher Erkenntnisse und Präventionskonzepte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse innerer und äußerer Risikofaktoren, die Untersuchung geschlechtsspezifischer Muster, die Vorstellung von DyRiAS und die Betrachtung polizeilicher Einsatztaktiken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Amoklauf, School Shooting, Täterprofil, Prävention, DyRiAS, Adoleszenz, Gewalt, Männlichkeit.
Was ist die spezifische Rolle der Schule bei der Entstehung von Amokläufen?
Die Schule dient als leistungsgeprägter Ort und soziale Bühne, an der Konflikte, Ausgrenzung oder das Gefühl des Versagens den Nährboden für Gewaltphantasien bilden können.
Wie unterscheidet sich die Täterrolle nach den Erkenntnissen der Arbeit?
Die Arbeit zeigt, dass Täter oft ein narzisstisches, kompensatorisches Männlichkeitsbild verfolgen, bei dem sie versuchen, erlittene Kränkungen durch die Ausübung von Macht über andere zu überwinden.
Welchen Zweck erfüllt die Software DyRiAS?
DyRiAS ist ein verhaltensorientiertes Instrument zur professionellen Risikoeinschätzung, das dabei hilft, bei auffälligen Personen komplexe Zusammenhänge zu analysieren und das Gefährdungspotenzial im Vorfeld zu bewerten.
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- Cara-Lea Holtkamp (Autor), 2021, Kognition und affektives Erleben jugendlicher Amokläufer. Risiko/-Einflussfaktoren aus dem psychologischen, sozialen, pädagogischen und kriminologischen Bereich, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1040237