Die Berichterstattung zu Migration- und Fluchtbewegungen. Das Flüchtlingslager 'Moria' in den deutschen Medien


Hausarbeit, 2020

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Versicherheitlichung

3 Hintergrund zu Moria

4 Diskursanalyse

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

7 Appendix

1 Einleitung

Inwiefern ist in der Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Moria seit Entstehung des Lagers im Jahr 2013 eine Versicherheitlichung von Migration und Fluchtbewegungen zu beobachten?

Simon Goebel stellte 2019 die These auf, dass „[e]ine zentrale Legitimationsgrundlage fur das Betreiben und stetige Erweitern der Lagerunterbringung [von Migrant:innen und Gefluchteten] die dauerhafte, kontinuierliche und implizite Ausrufung eines Notstands [ist], der sich in der Wahrnehmung Schutzsuchender als Bedrohung begrundet“ (Goebel 2019: 226).

Doch inwiefern findet sich die Wahrnehmung von Gefluchteten und Migrant:innen als Bedrohung auch im deutschen Diskurs?

Im September 2020 ruckte das Fluchtlingslager Moria in der griechischen Agais nach einem Groftbrand erneut in das Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Die vorliegende Arbeit setzt sich deshalb mit einem Ausschnitt der Berichterstattung zu Moria auseinander, um herauszuarbeiten, wie die Lagerbewohner:innen in der deutschen Offentlichkeit imaginiert werden. Der Fokus wurde auf die Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelegt, da es sich hierbei um eine der drei auflagenstarksten uberregionalen Tageszeitungen Deutschlands handelt (statista 2020). Ziel der Seminararbeit ist es, die Frage zu beantworten, inwiefern in der Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zu Moria seit Entstehung des Lagers 2013 eine Versicherheitlichung von Migration und Fluchtbewegungen zu beobachten ist. Diese Fragestellung ist der Theorie der Versicherheitlichung zufolge von grofter Relevanz, da die diskursive Zuschreibung von Sicherheitsrisiken eine Legitimation auftergewohnlicher politischer Handlungen nach sich ziehen kann (vgl. Balzacq 2011: 3 und Dzihic et al. 2018: 2). Heidrun Friese schreibt dazu:

„Mobilitat fordert Nationalstaaten heraus. Als Erbe von Feudalismus und Absolutismus wurde dieser als (ethnisch) homogen gedacht, Sesshaftigkeit und territoriale Verbundenheit als der Normalfall, Mobilitat dagegen als Storung angesehen.“ (2019: 92). Dabei wurde das Lager in Moria als geeigneter Untersuchungsgegenstand ausgewahlt, da es bereits vor der deutlichen Zunahme an Flucht- und Migrationsbewegungen im April 2015 bestand und somit davon ausgegangen werden kann, dass Verschiebungen im Diskurs um gefluchtete und migrierende Personen sich auch in der Berichterstattung zu Moria niederschlagen. Daruber hinaus befindet sich das Lager an einer der Hauptfluchtrouten nach Europa und stellt durch seine geographische Nahe zur Turkei gewissermaften auch eine Manifestation der Grenz- und Migrationspolitik der Europaischen Union (EU) dar. Trotzdem muss bei der Einordnung der Ergebnisse dieser Arbeit berucksichtigt werden, dass an dieser Stelle nur ein kleiner Ausschnitt des deutschen Diskurses zu Flucht und Migration betrachtet wird. Eine Diskursanalyse der Publikationen anderer Zeitungen oder anderer Betrachtungsschwerpunkte in der Debatte konnen zu divergenten Ergebnissen fuhren.

Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird in einem Theorieteil zunachst der Begriff der Versicherheitlichung eingefuhrt, bevor konkret auf die Literatur, die bereits zur Versicherheitlichung von Migration und Flucht erschienen ist und die Typologie, die Heidrun Friese zur politischen Imagination des Fremden entwickelt hat, eingegangen wird. Anschlieftend erfolgt ein Uberblick uber die Entstehung und die Geschichte des Lagers Moria, um spater in der Diskursanalyse Verschiebungen in der Berichterstattung einzelnen Geschehnissen zuordnen zu konnen. Darauf folgt ein Abschnitt, in dem die Methodik der Diskursanalyse erlautert wird, bevor die Analyse selbst erfolgt und die Arbeit mit einem Fazit schlieftt.

Bisher wurde die Versicherheitlichung von Migration und Flucht vor allem auf EU-Ebene (vgl. etwa Baele et al. 2015) oder auf nationalstaatlicher Ebene anhand der Gesetzgebung oder Reden von Mitgliedern der Regierung (vgl. Lindvall 2015) betrachtet. Studien zur diskursiven Konstruktion von Gefluchteten oder Migrant:innen als Bedrohung oder Sicherheitsrisiko im medialen Diskurs bilden die Ausnahme. Vor allem in Bezug auf die Berichterstattung in Deutschland kann dieser Forschungsbereich nichtsdestotrotz als interessanter Analyserahmen angesehen werden, wenn erwogen wird, welche zentrale Rolle Deutschland einerseits in der europaischen Debatte zu Einwanderung und andererseits als Hauptzielland vieler Gefluchteter spielt (vgl. Lindvall 2015: 14).

2 Versicherheitlichung

2.1 Begriffsgeschichte und Theorie

Sicherheit wurde in den Internationalen Beziehungen (IB) lange Zeit vor allem im Kontext des Neorealismus gedacht. Dort bezog sich der Begriff auf objektive Bedrohungen, auf die Staaten mit verschiedenen Selbsthilfestrategien reagieren konnen (vgl. Fatima et al. 2019: 5). Das Konzept der Versicherheitlichung fuRt dagegen auf der Annahme, dass Bedrohungen nicht objektiv gegeben sind, sondern vielmehr sozial und diskursiv konstruiert werden (vgl. Balzacq 2011: 1). Dabei setzen verschiedene Schulen unterschiedliche Schwerpunkte. Zentral fur das Konzept der Kopenhagener Schule ist dabei der Sprechakt, in dem ein Umstand als Risiko oder Bedrohung benannt wird. Thierry Balzacq, der der Pariser Schule zugeordnet werden kann (vgl. Fatima et al. 2019: 7) betonte, dass Sprache zwar nicht die Realitat selbst konstruieren konne, aber dennoch einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Realitat habe (vgl. ebd. 2011: 12). Balzacq definiert Verischerheitlichung als:

„an articulate assemblage of practices whereby heuristic artefacts (metaphors, policy tools, image repertoires, analogies, stereotypes, emotions, etc.) are contextually mobilized by a securitizing actor, who works to prompt an audience to build a coherent network of implications (feelings, sensations, thoughts and intuitions), about the critical vulnerability of a referent object, that concurs with the securitizing actor's reasons for choices and actions, by investing the referent subject with such an aura of unprecedented threatening complexion that a customized policy must be undertaken immediately to block this development” (2011: 3, Hervorhebung wie im Original).

Damit fuhrte er neben dem Sprechakt, der zuvor im Zentrum der Analyse stand, auch die Kategorie des ,securitizing actors‘ ein, der einer ,audience‘ gegenuber glaubhaft zu vertreten versucht, dass ein ,referent object durch ein ,referent subject ‘ bedroht ist. Damit die Versicherheitlichung eines Themenfeldes beobachtbar wird, muss es sich bei dem Publikum um eine „empowering audience“ (Balzacq 2011: 8) handeln, die einerseits eine direkte Verbindung zu der diskutierten Angelegenheit und andererseits die Handlungsmoglichkeiten haben, um auf die konstruierte Bedrohung einzugehen. Damit wird Versicherheitlichung zu einem intersubjektiven Prozess, der zwischen ,securitizing actor und ,audience‘ stattfindet (vgl. ebd.: 34).

2.2 Die Versicherheitlichung von Flucht und Migration

Bezuglich der Frage, ob innerhalb der EU eine Versicherheitlichung von Flucht und Migration beobachtbar sei, kommen verschiedene Publikationen zu kontraren Schlussen, die zumeist stark vom untersuchten Gegenstand abhangen. Folgt man Stephane J. Baele und Olivier C. Sterck, handelt es sich bei der Frage nach der Versicherheitlichung eines Themenfeldes nicht um eine binare, die mit ,ja‘ (Versicherheitlichung hat stattgefunden) oder ,nein‘ (Versicherheitlichung ist nicht beobachtbar), sondern um einen graduellen Prozess (vgl. Baele et al. 2015: 1123f.). Dieser Ansatz wird auch dieser Arbeit zugrunde gelegt.

Nichtsdestotrotz finden sich immer wieder Publikationen, die zu einem eindeutigen Ergebnis kommen. So stellt etwa Anna Lindvall heraus, dass in dem von ihr untersuchten Zeitraum von April bis August 2015 die sogenannte ,Fluchtlingskrise‘ von der britischen Regierung versicherheitlicht wurde, wahrend dieser Prozess bei der deutschen Regierung nicht zu beobachten gewesen sei. Vielmehr waren im deutschen Diskurs uberraschenderweise nicht Bedrohungen zentral, die von den Migrant:innen und Gefluchteten ausgehen, sondern vielmehr Sicherheitsrisiken, die aus xenophoben oder nationalistischen Stromungen innerhalb der deutschen Gesellschaft erwachsen (vgl. Lindvall 2015: 32). Gleichzeitig bleibt diese Position umstritten. Thomas Muller etwa kommt zu dem Ergebnis, dass muslimische Gefluchtete sowohl in der britischen, als auch in der deutschen Gesellschaft als Sicherheitsproblem beschrieben und wahrgenommen werden (vgl. 2018:275), je nach Untersuchungsschwerpunkt gelangen die Forscher:innen demnach zu widerspruchlichen Aussagen.

Auch auf EU-Ebene konnte bisher in der Forschung kein Konsens daruber gefunden werden, ob Flucht und Migration aktuell bereits als versicherheitlicht angesehen werden konnen oder nicht. Ein differenzierteres Bild ergibt sich jedoch, wenn die einzelnen Gruppen von mobilen Menschen1 gesondert betrachtet werden, indem etwa zwischen legal und illegal eingewanderten Migrant:innen und Fluchtenden unterschieden wird. Laut Genfer Fluchtlingskonvention ist ein ,Fluchtling‘ eine Person, die „aus der begrundeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalitat, Zugehorigkeit zu einer bestimmten sozialen gruppe oder wegen ihrer politischen Uberzeugung sich au&erhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehorigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befurchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder die sich als staatenlose infolge solcher Ereignisse au&erhalb des Landes befindet, in welchem sie ihren gewohnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zuruckkehren kann oder wegen der erwahnten Befurchtungen nicht dorthin zuruckkehren will.“ (UNHCR 1951: Artikel 1)

Fur Migrant:innen gibt es keine international gultige Legaldefinition. Die UN spricht jedoch auf ihrer Website davon, dass eine Migrant:in eine Person ist, die ihr Herkunftsland verlasst, ungeachtet der Grunde fur diese Enscheidung.2 Die Bedeutung einer prazisen Verwendung dieser beiden Begriffe wird ersichtlich, wenn die bewusste Falschbenennung syrischer Gefluchteter als Migrant:innen oder „Wirtschaftsfluchtlinge“ (Gaugele et al. 2017) durch rechte Politiker:innen in Europa mit einbezogen wird. Diese habe zur Folge, dass nicht das Schutzbedurfnis der gefluchteten Personen im Zentrum steht, sondern stattdessen Angst vor einer ,Invasion der Wirtschaft' verbreitet werde, die den eigenen Wohlstand bedroht (vgl. Fatima et al. 2019: 4).

2.3 Die drei Arten der politischen Imagination des Fremden nach Heidrun Friese

Neben den Legaldefinitionen mobiler Menschen entstehen im Diskurs einer Gesellschaft verschiedene Imaginationen der fremden Personen, die neu in ein Land kommen. Heidrun Friese unterscheidet in dem Diskurs um Flucht und Migration zwischen der Betrachtung der Menschen als Opfer, als Bedrohung und als Helden. Spater sollen anhand ebenjener Typologie die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen Artikel zu Moria geordnet werden. Dazu werden an dieser Stelle die einzelnen Bilder zunachst ausfuhrlicher herausgearbeitet. Zur Konstruktion als Bedrohung und Opfer schreibt Friese:

„Auf der einen Seite zeigen die Bilder den Fluchtling als Aggressor, als Invasor, als Parasiten am Volkskorper. Auf der anderen werden Fluchtende zu unschuldigen Opfern grausamer Umstande, zu Opfern von Krieg und Gewalt, die nichts anderes suchen, als das schiere Leben in Sicherheit zu bringen und dafur erschreckende Risiken auf sich zu nehmen bereit sind, ja nehmen mussen. Der Fremde, der angsteinfloftende, bedrohliche Feind wird auf diese Weise neutralisiert, er wird zu einem passiven, hilfsbedurftigen Objekt, zu einem Schutzbefohlenen, der sich fur gewahrte Zuflucht und Asyl dankbar erweisen muss“ (Friese 2017: 47).

Die Rolle des:der Held:in imaginiert eine fluchtende oder migrierende Person als Menschen, dem „Mobilitat verwehrt wird und die sich das Recht dazu [nimmt, seinen] autonomen Willen“ selbst zu verwirklichen (Friese 2017: 68).

Dabei stellt Heidrun Friese fest, dass es zu geschlechterspezifisch unterschiedlichen Zuschreibungen kommt: Werden erwachsene mannliche Migranten und Gefluchtete vor allem als Bedrohung oder Helden gesehen, bleibt ihnen die Rolle der Opfer meist verwehrt, wahrend Frauen und Kindern vor allem die Rolle der Opfer zugeschrieben wird (ebd.: 31). Gemein ist allen drei Arten der Signifikation, dass sie die mobilen Menschen als ,fremd‘ und ,anders‘ kennzeichnet, sich also durch den Gebrauch dieser Bilder eine Abgrenzung von den Personengruppen verstetigt. Dieser Vorgang kann als Othering bezeichnet werden. Lilie Chouliaraki schreibt dazu:

„language may ‘Other' sufferers when it subsumes them under the general rule of numerical attributes, collective references or statistics. Such semiotic choices annihilate the sufferers [...] - that is, they deprive the sufferers of their corporeal and psychological qualities and remove them from the existential order to which the spectators belong” (2006: 89).

3 Hintergrund zu Moria

Interessant wird eine Untersuchung der medialen Darstellung des Lagers Moria dann, wenn Lager als „Orte [betrachtet werden], in denen der Umgang mit dem Risiko in Form von Migrant/inn/en, Fluchtlingen und anderen Grenzuberschreiter/inn/en konkret wird“ (Belina 2010: 194). Um die

Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besser einordnen zu konnen, erfolgt an dieser Stelle ein Uberblick uber die Geschichte und die Geschehnisse in Moria seit Lagergrundung.

Gegrundet wurde das Lager 2013 vom griechischen Ministerium des Inneren (vgl. Kuster et al. 2016: 22) „auf einem ehemaligem Militargelande“ (Martens 2020a: 1). Zunachst diente es dazu, irregulare Migrant:innen zu registrieren, bevor sie sich auf den weiteren Weg an das griechische Festland und zu anderen EU-Staaten machten. Als Ort des Transits brauchte das Lager bei Errichtung nur eine begrenzte Anzahl an sanitaren Einrichtungen und Schlafplatzen (vgl. Pallister-Wilkins 2020: S. 73/74). Dies anderte sich vor allem durch den Beschluss des europaischen Hotspot-Ansatzes3 und das Inkrafttreten des EU-Turkeiabkommens, das am 18. Marz 2016 beschlossen wurde. Dieser neue rechtliche Rahmen fuhrte dazu, dass das Lager zu einem Ort des standigen Aufenthaltes wurde, da ein Weiterreisen von den agaischen Inseln auf das griechische Festland nun nur noch mit anerkanntem Asyl moglich war. Auch nach Beschluss des EU-Turkei-Abkommens kamen weiterhin Migrant:innen und Gefluchtete auf Lesbos an. Zusammen mit einer starken Uberlastung bei der Bearbeitung der Asylantrage und einer deutlichen Unterbesetzung auf Seiten der griechischen Behorden fuhrten diese Regelungen schlieftlich zu einer starken Uberbelegung, der mehrmals dadurch zu begegnen versucht wurde, dass Teile der Lagerbewohner:innen in Lager auf dem griechischen Festland verlegt wurden. Geographisch fehlt es ab 2016 an Platz, um die Flache des Lagers nach mehreren Erweiterungen weiter auszudehnen, so stagnieren die offiziellen Kapazitaten fur etwa 3000 Personen. Neben den offiziellen Unterbringungsmoglichkeiten entstanden unterdessen viele provisorisch errichtete Schlafplatze in den umliegenden Olivenhainen (vgl. Pallister-Wilkins 2020: S. 77/78). Bereits 2015 bezeichnete „[d]as Internationale Rote Kreuz [...] die Zustande in Moria als „inakzeptabel“‘ (Martens 2020a: 2). Im August 2016 verkundet die Verwaltung von Moria, dass alle Platze ausgelastet seien, trotzdem leben bereits einen Monat spater 1000 weitere Personen in dem Lager, es kommt zu Spannungen zwischen den Lagerbewohner:innen und den Inselbewohner:innen (vgl. Martens 2020a: 3). Seitdem haben sich die Lebensbedingungen im Lager Moria nicht verbessert. Zur prekaren Situation im Lager schreibt Mary Malafeka 2018:

„Access to essential services, such as health care, is very limited as the responsible agency in Moria, KEELPNO and the Public Hospital of Mytilene are understaffed and appointments with doctors are hard to achieve. Moreover, the security situation in Moria has reached critical levels, tensions persist every day and incidents of violence and abuse are very common.” (2018)

Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen, Gewalt und Feuern. Im Februar 2020 erreicht die Bewohnerzahl ihren Hochststand. Zu diesem Zeitpunkt leben etwa 20.000 Menschen in dem Lager. Nach dem ersten offiziellen Corona-Fall im Lager im September vernichteten im selben Monat „die bis dahin groRten Brande fast die gesamte Infrastruktur des Lagers." (Martens 2020a: 6). Dadurch ruckt das Lager erneut in das Zentrum der medialen Aufmerksamkeit.

4 Diskursanalyse

4.1 Methodologische Uberlegungen: Erlauterung des Vorgehens und der Stichprobe

Grundlegend ist die vorliegende Arbeit in der Tradition der poststrukturalistischen Diskurstheorie zu sehen. Eva Herschinger und Judith Renner arbeiten die epistemologischen und onthologischen Grundannahmen dieser Art von Diskursanalyse heraus:

„Ontologisch verwerfen [poststrukturalistische Diskurstheorien] die Vorstellung, dass soziale Realitat anhand eines gegebenen und transzendenten Fixpunktes, wie etwa Natur, Gott oder die menschliche Vernunft stabilisiert werden konne. Realitat ist vielmehr als soziale Konstruktion zu begreifen, die durch Diskurse produziert und stabilisiert wird. [...] Epistemologisch nehmen die Theorien an, dass es keine fixierte „Wahrheit“ gibt.” (Herschinger et al. 2014: 13/14).

Vielmehr werde Wahrheit und das als ,richtig‘ oder ,falsch‘ erachtete immer wieder neu diskursiv verhandelt, sodass das jeweilige Wahrheitsverstandnis aus intersubjektiven Prozessen hervorgeht.

In dieser Arbeit soll die von Heidrun Friese aufgestellte Typologie der Imagination des Fremden als Bedrohung, Opfer oder Held Anwendung finden, um nachzuvollziehen, zu welchem Grad die einzelnen Bilder im deutschen Diskurs prasent sind und damit die Wahrnehmung der Leser:innen pragen. Neben den von Friese aufgestellten Imaginationen wird diese Codierung von Artikeln um die Kategorie „Neutral“ erganzt. Dieser Gruppe werden spater Artikel zugeordnet, die Gefluchtete und Migrant:innen nicht in einem Kontext beschreiben, der eine Einordnung in eine der drei Arten der Imagination erlaubt. Artikel, in denen verschiedene Bilder von Migrant:innen und Gefluchteten reproduzieren, werden doppelt codiert. Grund fur diese Vorgehensweise ist, dass ein Artikel beispielsweise gleichzeitig junge mannliche Gefluchtete als Bedrohung und migrierende Familien als Opfer darstellen kann.

Als sinnvoller Analyserahmen werden alle Zeitungsartikel, die in der Frankfurter Allgemeine zu dem Lager Moria erschienen sind, betrachtet. Dazu wurden zunachst alle Publikationen gesammelt, die die Suche nach dem Begriff „Moria“ im Archiv der Frankfurter Allgemeine ergeben haben. Nach einer ersten Durchsicht und einem Filtern aller Artikel, in denen der Begriff „Moria“ in einem anderen Kontext4 auftritt und die sich im Archiv doppeln, umfasste der zu analysierende Korpus 133 Publikationen. Auch Leserbriefe wurden dem Korpus entnommen, da diese zwar eine interessante Grundlage fur eine Analyse bieten konnen, allerdings in einem anderen Kontext entstanden sind.

Zeitungsartikel werden deshalb als geeigneter Analysegegenstand angesehen, weil sie eine der altesten Formen politischer Kommunikation darstellen und nach wie vor groften Einfluss auf das politische Geschehen in heutigen Demokratien haben (vgl. Muller 2017: 265). Fred Vultee schreibt zu der Rolle, die Zeitungen im Prozess der Versicherheitlichung zukommt: „Securitization is negotiated with multiple audiences: the political establishment and the public can provide “formal” and “moral” support respectively [...], but both audiences are addressed - and speak back - through the media” (2011: 80).

[...]


1 Etwa fluchtenden Familien oder illegale Migrant:innen

2 Vgl. UN: Refugees and migrants. Definitions, in: https://refugeesmigrants.un.org/definitions, abgerufen am 13.10.2020.

3 Der Grundgedanke von Hotspots ist der, dass „Zentren [errichtet werden], in denen die Menschen besonders schnell registriert und ihre Asylantrage rasch bearbeitet werden“ (Martens 2020: 1).

4 Etwa Strauss, Simon: Hier musste mal einer durchluften, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2015. Hierbei handelt es sich bspw. um die Besprechung eines Kammertheaterstucks, in dem zwei Figuren gemeinsam in das „Soria-Moria-Schloss“ reisen, thematisch besteht aber kein Zusammenhang zu Flucht oder Migration.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Berichterstattung zu Migration- und Fluchtbewegungen. Das Flüchtlingslager 'Moria' in den deutschen Medien
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Politik und Gesellschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
31
Katalognummer
V1040488
ISBN (eBook)
9783346469335
ISBN (Buch)
9783346469342
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Flucht, Diskursanalyse, Versicherheitlichung, Internationale Beziehungen, Geflüchtete, Flüchtlinge, Framing
Arbeit zitieren
Antonia Rappert (Autor:in), 2020, Die Berichterstattung zu Migration- und Fluchtbewegungen. Das Flüchtlingslager 'Moria' in den deutschen Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1040488

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