Die Sozialität des Menschen in der aristotelischen und platonischen politischen Theorie. Eine Kontroverse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Platon
2.1 Leben und Werk
2.2 Die platonische Auffassung der Sozialität des Menschen

3. Aristoteles
3.1 Leben und Werk
3.2 Die aristotelische Auffassung der Sozialität des Menschen

4. Fazit: Gegenüberstellung von Platon und Aristoteles bezüglich der Sozialität der Menschen

5. Literaturverzeichnis

Gender Erklärung

In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit in manchen Fällen das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechter-identitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

1. Einleitung

Raffaels berühmtes Wandgemälde „Causarum - Cognito“ im Vatikan, was übersetzt „Die Erkenntnis der Ursachen“ bedeutet, bekam den populären Namen „Die Schule von Athen“ erst zu einem späteren Zeitpunkt zugewiesen. Platon und Aristoteles stehen dabei im Zentrum des Gemäldes. Die Darstellung von Platon und Aristoteles durch den Maler Raffael wurde in Anlehnung an ihre Denkweise gewählt, dies soll das folgende Zitat aufzeigen.1

„So malte Raffael den königlichen Denker [Platon] mit zum Ideenreich weisenden Finger. Seine Füße und der spitz nach unten zulaufende Saum seines Mantels bilden eine ganz schmale Basis gegen die Erde hin, während der Körper sich nach oben breit entfaltet. […] Daneben malt Raffael den großen Denker ARISTOTELES […]. Ihn stellt Raffael mit beiden Füßen breit und fest auf dem Boden stehend und mit der Hand über die Fülle der Erscheinungen zeigend, dar.“2

In Raffaels Gemälde ist zu erkennen, dass Platon, mit dem Finger nach oben zeigend, als Philosoph der Ideen und Aristoteles, mit der Hand in die Mitte weisend, als Philosoph der Verbindung zwischen Erd- und Ideenreich zu verstehen ist. Somit lässt sich bei der Deutung der Abbildung beider Philosophen bereits ein grundsätzlicher Unterschied in ihrer philosophischen Herangehensweise erkennen. In der vorliegenden Arbeit soll auf den Unterschied zwischen Platon und Aristoteles, fokussierend auf die Auffassung der Sozialität des Menschen, Bezug genommen werden. Zu Beginn wird in groben Zügen das Leben und das Werk Platons chronologisch dargestellt. Daran anschließend soll die platonische Auffassung der Sozialität des Menschen betrachtet werden. Die Sozialität beschreibt in der Soziologie

„1) [den] Zustand oder die Qualität sich sozial zu verhalten […]
2) die Tendenz Gemeinschaften und Gruppen zu bilden [sowie die]
3) zweckfrei sich reproduzierende Reziprozität (Wechselseitigkeit).“3

Das Leben und das Werk des Aristoteles sowie die aristotelische Auffassung der Sozialität des Menschen folgen im dritten Kapitel. Die vorab dargestellten Ausführungen führen abschließend im vierten Kapitel zu einer vergleichenden Herausstellung der aristotelischen und platonischen Auffassung bezüglich der Sozialität der Menschen.

2. Platon

2.1 Leben und Werk

Platon wurde 428/7 v. Chr. in Athen als Sohn einer adeligen Familie geboren, welche in politischen Führungspositionen in Athen wirkten. Zu seinem engeren Familienkreis zählte Platons Vater Ariston, seine Mutter Periktione, seine zwei Brüder, Adeimantos und Glaukon sowie seine Schwester Potone. Außerdem hatte er noch einen Halbbruder Antiphon, welcher aus einer späteren Ehe seiner Mutter nach dem frühen Tod Aristons hervorging. In seiner Jugend und Kindheit erhielt er verschiedene, aufgrund seiner Herkunft üblichen Ausbildungen in den Bereichen der Literatur, Musik und Sport. Es wird angenommenen, dass sich Platon schon sehr früh mit unterschiedlichen philosophischen und sophistischen Schriften beschäftigt hatte.4 Kurze Zeit bevor Platon geboren wurde, zirka 460 bis 430 v. Chr., kam es zum Aufbau des klassischen Athens, dabei war die demokratische Regierungsform von besonderer Bedeutung. Die Zeit war geprägt durch Prosperität, in welcher Kunst und Wissenschaft an Bedeutung für die Gesellschaft gewannen.5 Folgendes Zitat soll wichtige politische Aspekte der genannten Zeit aufzeigen.

„Eine überschaubare Anzahl von Bürgern bilden […] eine politische und religiöse Gemeinschaft; die politische Macht üben alle Vollbürger in der Volksversammlung aus (Demokratie); die Ämter werden auf Zeit vergeben und wechseln die Inhaber; Rechtsbewußtsein (Dike), sittliche Gemeinsamkeit (Ethos) und selbstgesetztes Recht (Nomos) prägen die Lebensordnung der Bürger in der Polis. Nach außen erstrebt die Polis die wirtschaftliche Selbständigkeit (Autokratie). Mit dem Großreich Alexanders wurde die Polis von Monarchien abgelöst.“6

Platon jedoch verbrachte seine Kindheit und Jugend während der Zeit des stattfindenden Peloponnesischen Krieges (431 – 404 v. Chr.). Dieser führte dazu, dass Athen sein politisches Gewicht nach außen verloren hatte und Sizilien erstarkte. 404 v. Chr. kam es zur endgültigen Abschaffung der Demokratie in Athen und die Herrschaft der Dreißig Tyrannen in Athen begann. Kurz gesagt, fand ein politischer Wandel von der Polis zum Kosmopolitismus statt. Die Voraussetzung für den später existierenden Hellenismus stellte Alexander der Große, welcher die Weltherrschaft des griechischen Geistes begründete.7 Die Erfahrungen einer zunehmenden kritischen Hinterfragung der bestehenden und bis dahin lange Zeit bewährten Politik prägten Platons Leben und seine Ideen nachhaltig. Ein weiterer Faktor, welcher maßgeblich beeinflussend auf Platon wirkte, war die Lehre bei Sokrates, zu dem er mit Beginn seines 20. Lebensjahr kam. Sokrates, welcher als Platons Vorbild galt, regte unter anderem auch ihm zu kritischen Hinterfragen bezüglich des Lebens und der Politik an, wodurch eine zunehmende Verunsicherung bei Platon ausgelöst wurde. Nachdem Sokrates zirka 399 v. Chr. zu Unrecht zum Tode verurteilt wurde, entfernte sich Platon von der Politik.8 Trotz dieser Erfahrungen konnte er sich von der Politik nicht lossagen. Seine drei Reisen nach Sizilien und sein damit verbundener Gedanke, die beste Stadt als eine Philosophenstadt zu entwickeln, verwickelten ihn erneut in politische Strukturen. Die drei Reisen erzogen sich über die gesamte zweite Hälfte seiner Lebenszeit. Sizilien galt als ein „Machtzentrum im Mittelmeerraum“. Jedoch verliefen die Reisen nicht so, wie es sich Platon gewünscht hatte und die Umsetzung seiner Vorstellung der besten Stadt schlugen fehl.9 Platon gründete vor Beginn seiner zweiten Reise nach Sizilien, um 387 v. Chr., eine Akademie. Er war überzeugt, dass es nur die Philosophen sein können, welche den Menschen zu der Praxis und dem Erkennen des gerechten Handelns verhelfen. Sein bekanntester Schüler der Akademie war Aristoteles.10 Während seiner zweiten Lebenshälfte verfasste Platon seine vier bekanntesten Werke „Kriton“, „Politeia“, „Politikos“ und „Nomoi“, wobei die „Politeia“ als bekanntestes Hauptwerk gilt.

Die Frage nach der Gerechtigkeit und des gerechten Handelns steht im Fokus der platonischen Betrachtungen.11

„Die gemeinsame Problemstellung aller politiktheoretischen Überlegungen Platons lautet: Was macht eine optimale Herrschaft aus, oder anders formuliert: Unter welcher Herrschaft werden die Bürger zu guten Menschen? Ist es die Herrschaft des Gesetzes oder eines weisen Mannes - des Philosophen?“12

Platon verstarb 348/7 v. Chr. im Alter von 81 Jahren vermutlich in Athen. Die Leitung der Akademie übernahm der Sohn seiner Schwester Potone. Platon selbst blieb, laut Überlieferungen, unverheiratet und ohne Nachkommen.13 Abschließend lässt sich festhalten, dass Platons Lebenszeit durch verschiedene politische Umwälzungen geprägt war. Er selbst versuchte eine Antwort auf die Frage zu finden, in wie weit und durch wen gerechtes Handeln Anwendung finden lässt. Sein Lehrer Sokrates galt für ihn als Leitbild seines Denkens, aber auch Platon prägte die Handlungen und Ideen einer ebenfalls bedeutenden politiktheoretischen Person – Aristoteles. Auf Aristoteles soll im späteren Verlauf näher eingegangen werden. Im Folgenden Abschnitt steht zunächst die platonische Auffassung der Sozialität des Menschen im Fokus der Betrachtung.

2.2 Die platonische Auffassung der Sozialität des Menschen

Für das Verständnis der platonischen Auffassung bezüglich der Sozialität des Menschen, soll im Folgenden durch das Höhlengleichnis, welches Platon in seinem Werk der Politeia in dialogischer Form offengelegt hat, dargestellt werden. „Hierauf vergleiche nun, fuhr ich [Platon] fort, unsere Natur in bezug auf Bildung und Unbildung mit folgenden Erlebnis.“14 Die Höhle symbolisiert das Erdreich in welcher die Menschen leben. In dieser genannten Höhle leben die Menschen von Geburt an, an eine Wand gefesselt und nehmen nur die Schatten von den Gegenständen wahr, welche an die gegenüberliegende Höhlenwand projiziert werden. Außerhalb der Höhle befindet sich, symbolisiert durch das Erdreich, die Ideenwelt, in der die wahren Gegenstände und das wahre Leben existieren.15 Platon beschreibt die Menschen im Höhlengleichnis als Gefangene in der Scheinwelt, welche nicht fähig sind die Unwahrheit als diese zu identifizieren. Die ‚Höhlenmenschen‘ sind vertraut mit ihrer Umgebung und ihrem Wissen, sodass sie, nach Platons Auffassung, es aus eigener Kraft nicht versuchen werden aus der von ihnen bekannten Umwelt auszubrechen.16 Daraus lässt sich zum einen schlussfolgern, dass Platon sich selbst nicht als Teil dieser Menschen sieht, sondern einen übergeordneten Part einnimmt, welcher die Wahrheit hinter den Schein erkennt, was es ihm ermöglicht über die ‚Höhlenmenschen‘ zu urteilen. Er scheint ein Vertreter der Menschengruppe zu sein, welcher fähig ist den Menschen die Wahrheit entdecken zu lassen. Zum anderen wirken die Menschen für Platon als bedauernswert und zugleich naiv, da sie sich mit dem Zustand der Unwissenheit zufrieden zugeben scheinen. Platon benennt im Höhlengleichnis klar, welcher Menschengruppe es möglich ist sich aus der Welt des Scheinbaren zu befreien – die Philosophen. Es ist nicht der Masse, sondern nur Wenigen aus der Gesellschaft möglich die Wahrheit zu erkennen und ertragen zu können. Denn die erkennende Wahrheit beschreibt Platon als schmerzhaft, weswegen die Mehrheit der Menschen den Prozess der Erkenntnis nicht vollziehen wollen.17

„Dieser Prozeß ist nicht als kognitives Spezialtraining mißzuverstehen, er verändert den Charakter und die Lebensweise der Menschen, er macht ihn zu einem anderen, weiseren, besseren und glücklicheren Menschen. Dieser Prozeß hat ein natürliches Ziel, die Erkenntnis des Guten.“18

Trotzdem scheint es die Aufgabe der wenigen wahrhaften Philosophen zu sein auch die Seele der Menschen zu befreien, welche dies aus eigener Kraft nicht wollen, auch wenn der Preis hierbei Spott und Verachtung sowie im schlimmsten Fall der Tod für den Philosophen bedeuten kann.19 Platon beschreibt den Ausgang des Versuchs der Befreiung durch einen Philosophen wie folgt:

„[…] so würde man ihn auslachen und ihm sagen, er komme von seinem Aufstieg mit verdorbenen Augen zurück und es lohne sich, auch nur versuchsweise dort hinaufzugehen. Wer aber Hand anlegte, um sie zu befreien und hinaufzuführen, den würden sie wohl umbringen, wenn sie nur seiner habhaft werden und ihn töten könnten.“20

So sind es die Philosophen, welche die Menschen befreien können, sie zu ihrem Glück zwingen sollten und in der Hierarchie über ihnen stehen. Doch wie ordnet Platon die Gesellschaft, wie legitimiert er diese und welche Schlussfolgerungen ergeben sich für die platonische Auffassung der Sozialität der Menschen?

„Die Gründung der Stadt beginnt in der Politeia mit einer Stadtenstehungstheorie. Es ist eine Drei-Stadien-Theorie. Erst ist die Stadt gesund, dann wird sie krank und aufgeschwemmt, schließlich wird sie gereinigt und wieder fit gemacht für das Wesentliche, für die Gerechtigkeit.“21

In der platonischen Drei-Stadien-Theorie lässt sich seine Auffassung der Sozialität der Menschen erkennen. Platon begreift die Menschen zunächst in einen friedlichen Naturzustand. Eine Stadt entsteht aufgrund des Willens der Sicherung des eigenen Fortbestandes. Der Grund, eine politische Gemeinschaft einzugehen, sieht er ihn der Kooperation und der Arbeitsteilung der Menschen. So soll jeder das tun, wozu er am besten fähig ist. Da die Menschen auf ihre gegenseitige Unterstützung angewiesen sind, leben diese friedlich miteinander. Das gerechte Leben steht im Fokus der platonischen Auffassung einer gesunden Stadt. Die gesunde Stadt benötigt keinen Herrscher, da die Menschen ihre Arbeit und ihr Leben zunächst selbst gut regeln können.22 Platon schätzt diese Art zu leben langfristig als wirklichkeitsfremd ein, da nur eine anhaltende Bescheidenheit und Zufriedenheit der Menschen mit dem ihnen gegebenen Umständen diese Lebensform existieren lassen würde. Er beschreibt in dem zweiten Stadium das Resultat dieser Lebensweise als eine Befriedigung ausufernder Bedürfnisse, welche eine Herrschaft benötigt. Die Menschen streben zunehmend nach mehr Vergnügen und Gütern, so dass das Territorium der gesunden Stadt nicht mehr ausreicht, um diese gestiegenen Bedürfnisse erfüllen zu können. Daraus resultiert das Verlangen nach Gebietsvergrößerung, welche nur durch das Führen von Kriegen möglich sei.23 Glaukon bezeichnete diesen Zustand der Maßlosigkeit und Zügellosigkeit der Menschen in dem Dialog mit Platon als eine „Schweinepolis“. So unterscheidet sich der Mensch in dieser ehemals gesunden Stadt nicht von einem Tier, dem Schwein. Den Sinn eines gepflegten und gebildeten Lebens des Menschen ist in dieser Form der Stadt noch nicht vorherrschend.24 Das dritte Stadium ergibt sich aus der Misslichkeit der Schweinepolis, das Resultat der Veränderung in der Schweinepolis wird von Platon als ‚gereinigte Stadt‘ bezeichnet.

[...]


1 (Vgl. Schürz 1995, S.5&8)

2 (Schürz 1995, S. 11)

3 (Wortbedeutung.info)

4 (Vgl. Horn, Müller und Söder 2009, S. 1)

5 (Vgl. Blum 1997, S. 9)

6 (Blum, Platon 428-348 1997, S. 9f.)

7 (Vgl., Blum, Aristoteles 384-322 1997, S. 27)

8 (Vgl. Blum 1997, S. 8f.)

9 (Vgl. Ottmann 2001, S. 2ff.)

10 (Vgl. Horn, Müller und Söder 2009, S. 3f.)

11 (Vgl. Druwe 1993, S. 53ff.)

12 (Druwe 1993, S. 53)

13 (Vgl. Horn, Müller und Söder 2009, S.4)

14 (Platon 1991, S. 299)

15 (Vgl. Vierecke, Mayerhofer und Kohout 2013, S. 21)

16 (Vgl. Kersting 2006, S.224f.)

17 (Vgl. Kersting 2006, S. 227f.)

18 (Kersting 2006, S. 228)

19 (Vgl. Kersting 2006, S. 231)

20 (Platon 1991, S. 302 f.)

21 (Ottmann 2001, S. 33)

22 (Vgl. Ottmann 2001, S.33)

23 (Vgl. O. Höffe 2016, S. 33)

24 (Vgl. Ottmann 2001, S. 34)

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Sozialität des Menschen in der aristotelischen und platonischen politischen Theorie. Eine Kontroverse
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V1042570
ISBN (eBook)
9783346463623
ISBN (Buch)
9783346463630
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Politische Theorie, Aristoteles, Platon, Sozialität, Ideengeschichte, Vergleich Platon Aristoteles
Arbeit zitieren
Franziska Lax (Autor), 2020, Die Sozialität des Menschen in der aristotelischen und platonischen politischen Theorie. Eine Kontroverse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1042570

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