Der politisch-administrative Alltag der BRD ist bestimmt von einem dichten Netz von Aufgabenverflechtungen zwischen Bund und Ländern, so wirken der Bund und die Länder in vielen Entscheidungsbereichen zusammen. Die Mitwirkung der Länder in der Bundespolitik, ihre Vertretung bei der Entscheidungsfindung über gemeinsame Aufgaben sowie die Koordinierung der Länderpolitik ist Aufgabe der Regierungen und Verwaltungen der Länder. Mit ihrer Zustimmung zu mehr gemeinsamen Entscheidungen von Bund und Ländern tauschten die Landesregierungen Landesautonomie gegen bundespolitische Beteiligungsrechte ein. Dieser "Beteiligungsföderalismus" hat allerdings die Kehrseite einer Ausdünnung jener Politikbereiche, in denen das jeweilige Land alleine entscheiden kann, dies sind heute vor allem noch Bildung, Kultur, Medien, die Wirtschaftsförderung sowie Polizei, Kommunen und Verwaltung. Noch folgenreicher ist aber die Tatsache, dass die Landesparlamente zu den "Verlierern" in diesem Prozess gehören, denn ihnen bleibt häufig nur noch die Aufgabe, das in den Kompromissen von dem Bundestag beschlossene zu bestätigen. Die Landesparlamente leiden unter der daraus folgenden Beschneidung der eigenständigen Politikbereiche durch die europäische und nationale Politikkooperation.
Einen großen Bereich der Zusammenarbeit von Bund und Ländern stellen der Erlass und auch Änderungen von Gesetzen, Novellen und Rechtsverordnungen dar. So kann der Bundesrat z. B. wichtige Gesetzesvorhaben der Regierung verhindern, vor allem dann, wenn im Bundesrat und Bundestag die Mehrheiten unterschiedlich verteilt sind. Die Tatsache, dass die zustimmungspflichtigen Gesetze in der 13. Wahlperiode (1994-1998) 60 % ausmachten, zeigt die Verhinderungsmacht des Bundesrates. In Verwaltungsangelegenheiten ist die gegenseitige Rechts- und Amtshilfe von Bund und Ländern zu nennen. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Staatsanwaltschaften der Länder mit der Bundesstaatsanwaltschaft oder das Bundeskriminalamt mit der Kripo der Länder in vielen Aufgaben kooperieren. Auch das föderale Finanzsystem mit den horizontalen (zwischen den Ländern stattfindend) und den vertikalen (zwischen Bund und Ländern stattfindend) Finanzausgleich und der Steuerverteilung zwischen Bund und Ländern erfordert einen Kooperationsbedarf.
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
II. Die Entstehung & Entwicklung der Politikverflechtung im kooperativen Föderalismus
III. Die administrative Verflechtung
1. Formelle Verflechtungen
2. Informelle Verflechtungen
IV. Parteiennetzwerke
V. Die Koalitionsvielfalt bei den Bundes- und Landtagswahlen
VI. Die Kooperation von Exekutive & Legislative
VII. Der kooperative Exekutivföderalismus
VIII. Die Gemeinschaftsaufgaben im föderalistischen Staat
IX. Die Ländervertretungen beim Bund
X. Rechtliche Vereinbarungen der Politikverflechtungen
XI. Die Planungsverflechtungen im kooperativen Föderalismus
XII. Probleme der Politikverflechtung und Kritikpunkte
XIII. Die Diskussion um ein leistungsfähigeres Föderalsystem
XIV. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und Ausprägung des kooperativen Föderalismus in der Bundesrepublik Deutschland sowie das daraus resultierende Phänomen der Politikverflechtung. Ziel ist es, die administrativen und politischen Verflechtungen zwischen Bund und Ländern zu analysieren, deren Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit der Parlamente kritisch zu hinterfragen und die aktuelle Debatte um eine Reform des föderalen Systems nachzuvollziehen.
- Strukturelle Analyse der Politikverflechtung und ihrer historischen Entstehung.
- Untersuchung der administrativen Zusammenarbeit und informellen Abstimmungsprozesse.
- Bewertung der Rolle von Parteiennetzwerken im föderalen Gefüge.
- Analyse der Folgen für die Autonomie der Länderparlamente und den Wettbewerbsföderalismus.
- Diskussion von Reformansätzen zur Entflechtung der Staatsaufgaben.
Auszug aus dem Buch
Die administrative Verflechtung
Fast alle Bundesgesetze werden von den Ländern vollzogen. Somit besteht ein ständiger Abstimmungsbedarf zwischen den bundesstaatlichen Ebenen. Die damit verbundene Verflechtung von Bundesebenen und Landesebenen ist also eine direkte Folge der Aufgabenverteilung nach dem Grundgesetz: (Artikel 30, Kompetenzverteilung zwischen Bund und Länder) „Die Ausübung der staatlichen Befugnisse und die Erfüllung der staatlichen Aufgaben ist Sache der Länder, soweit dieses Grundgesetz keine andere Regelung trifft oder zulässt.“
Zu formellen Verflechtungen von Bundes- und Landesverwaltung kommt es vor allem bei der so genannten Mischverwaltung. So sind z. B. die Oberfinanzdirektionen ein Teil der Finanzverwaltung, und somit sowohl Institutionen des Bundes als auch des jeweiligen Landes. Bundesregierung und Landesregierung kooperieren bei der Personalauswahl, der Behördenorganisation und der Arbeitsweise eng miteinander. Die Eigenständigkeit der Länder bei der Bundesauftragsverwaltung ist stark eingeschränkt, während Bund und Länder im Rahmen der institutionellen Verflechtungen als gleichberechtigte Partner auftreten.
Bundesauftragsverwaltung bedeutet, dass Landesverwaltungen ein Bundesgesetz im Auftrag des Bundes ausführen. Beispielsweise greift die Bundesregierung durch den Erlass von Verwaltungsvorschriften in die Landesverwaltung ein und kann im Rahmen ihrer Aufsicht Weisungen an die Landesbehörden erteilen, Berichte anfordern und Beamte zur Kontrolle entsenden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Umreißt die Ausgangslage des Politikverflechtungssystems in der BRD und stellt die zentrale Problemstellung sowie Zielsetzung der Arbeit dar.
II. Die Entstehung & Entwicklung der Politikverflechtung im kooperativen Föderalismus: Analysiert den historischen Wandel der bundesstaatlichen Ordnung seit Ende der 1960er Jahre hin zu einem kooperativen System.
III. Die administrative Verflechtung: Beleuchtet die formellen und informellen Kontakte zwischen den Verwaltungen von Bund und Ländern sowie die Praxis der Bundesauftragsverwaltung.
IV. Parteiennetzwerke: Untersucht die überlagernde Rolle der Parteien bei der Verschränkung der politischen Ebenen im deutschen Bundesstaat.
V. Die Koalitionsvielfalt bei den Bundes- und Landtagswahlen: Diskutiert die zunehmende Divergenz zwischen nationalen Parteistrukturen und regionalen Wahlergebnissen.
VI. Die Kooperation von Exekutive & Legislative: Beschreibt die Rolle der „dritten Ebene“ und die Bedeutung informeller Absprachen für die Funktionsfähigkeit des Bundesrates.
VII. Der kooperative Exekutivföderalismus: Kritisiert die Schwächung der Landesparlamente durch exekutive Vorababsprachen.
VIII. Die Gemeinschaftsaufgaben im föderalistischen Staat: Erläutert das Instrumentarium der Mischfinanzierung und dessen Auswirkungen auf die Planungshoheit.
IX. Die Ländervertretungen beim Bund: Listet die Funktionen und Aufgaben der landeseigenen Vertretungen in Berlin auf.
X. Rechtliche Vereinbarungen der Politikverflechtungen: Analysiert Staatsverträge und Verwaltungsabkommen als rechtliche Instrumente der Länderkooperation.
XI. Die Planungsverflechtungen im kooperativen Föderalismus: Beschreibt die Rolle von Gremien wie dem Wissenschafts- und Finanzplanungsrat.
XII. Probleme der Politikverflechtung und Kritikpunkte: Führt die Reformhemmmnisse und Legitimitätsprobleme des kooperativen Systems auf.
XIII. Die Diskussion um ein leistungsfähigeres Föderalsystem: Stellt aktuelle Reformvorschläge zur Entflechtung und Kompetenzstärkung der Länder vor.
XIV. Schluss: Reflektiert über den Erfolg des Systems in der Vergangenheit und die Zukunftschancen des Wettbewerbsföderalismus.
Schlüsselwörter
Politikverflechtung, kooperativer Föderalismus, Bund-Länder-Beziehungen, Gemeinschaftsaufgaben, Exekutivföderalismus, Grundgesetz, Bundesrat, Verwaltungsföderalismus, Finanzverfassung, Parteiennetzwerke, Politikentflechtung, Wettbewerbsföderalismus, Gesetzgebung, Politikkoordination, Landesautonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der engen politischen und administrativen Verzahnung zwischen der Bundesebene und den deutschen Bundesländern, die als „Politikverflechtung“ bezeichnet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Entstehung dieser Verflechtungen, die Rolle der Parteien, die administrative Mischverwaltung, die Finanzverfassung sowie die Auswirkungen auf die parlamentarische Kontrolle.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Leser über den kooperativen Föderalismus in der BRD aufzuklären und die Auswirkungen auf die Länderparlamente sowie aktuelle Reformdiskussionen wissenschaftlich einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine politikwissenschaftliche Analyse der Strukturen, Verfassungsbestimmungen, Fachliteratur und aktueller politischer Debatten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die verschiedenen Ebenen der Zusammenarbeit, wie z.B. die Gemeinschaftsaufgaben, formelle und informelle Gremien sowie die Rolle der Parteien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Politikverflechtung, kooperativer Föderalismus, Bund-Länder-Verflechtung, Mischverwaltung und Föderalismusreform.
Wie beeinflussen Parteien die föderale Struktur?
Parteien wirken als Netzwerke, die über die Ebenen hinweg agieren, Interessen bündeln und so eine vertikale Überlagerung der staatlichen Gewaltenteilung bewirken.
Warum wird der kooperative Föderalismus oft als "Politikverflechtungsfalle" bezeichnet?
Der Begriff beschreibt das Problem, dass notwendige Reformen aufgrund des Konsenszwangs zwischen Bund und Ländern oft blockiert werden, was das System reformfeindlich und unbeweglich macht.
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- Dipl.-Journ. Korinna Dieck (Author), N. N. (Author), 2003, Kooperativer Föderalismus und Politikverflechtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10707