Arabismen im Standardfranzösischen

Ihre Entwicklung während des Ägyptenfeldzugs Napoleon Bonapartes (1789-1799) und des Orientalismus, der Französischen Kolonialherrschaft und des 20. Jahrhunderts, sowie der Gegenwart


Hausarbeit, 2020

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Hinführung
2.1. Definitionen
2.2. Forschungsstand
2.3. Französisch-arabischer Sprach- und Kulturkontakt
2.3.1. Sprach- und Kulturkontakt
2.3.2. Sprachliche Adaptationen

3. Methodisches Vorgehen

4. Arabismen im Standardfranzösischen in der Neuzeit
4.1. Ägyptenfeldzug Napoleon Bonapartes (1798-1799) und Orientalismus
4.1.1. Historischer Kontext
4.1.2. Semantische Felder
4.1.3. Exemplarische Besprechung von Beispielwörtern
4.2. Französische Kolonialherrschaft
4.2.1. Historischer Kontext
4.2.2. Semantische Felder
4.2.3. Exemplarische Besprechung von Beispielwörtern
4.3. 20. Jahrhundert nach dem Ende der Kolonialherrschaft und die Gegenwart
4.3.1. Historischer Kontext
4.3.2. Semantische Felder
4.3.3. Exemplarische Besprechung von Beispielwörtern

5. Fazit und Ausblick

Anhang: Arabismen im Französischen nach semantischen Feldern von 1798 bis heute

Bibliografie

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Ils sont toujours présents en langue française et enrichissent encore aujourd’hui le vocabulaire français comme tout emprunt linguistique […]“ (Benkhouya 1998: 20 f.).

In diesem Zitat schreibt der Autor über den Einfluss von Wörtern arabischen Ursprungs in der französischen Sprache. Alcool, alchimie, avarie, couscous, taboulé – bei all diesen im Alltag gebräuchlichen Wörtern handelt es sich um Arabismen, also um Wörter arabischen Ursprungs, die im Französischen entlehnt wurden. Arabisch und Französisch sind zwar nur entfernt miteinander verwandt, haben sich in der Geschichte jedoch ständig beeinflusst (vgl. Walter/Baraké 2006: 13). Es finden sich aber nicht nur im Französischen Arabismen. Im gesamten romanischen Sprachraum nehmen sie einen wichtigen Platz ein (vgl. Quinsat 2006: 1). Dabei existieren direkte wie indirekte Arabismen. Seit dem frühen Mittelalter im Zuge der Ausbreitung des islamischen Glaubens bis heute im Kontext der politischen Konflikte im Nahen Osten und Nordafrika und des islamistischen Terrorismus gelangen Arabismen in andere Sprachen (vgl. Quinsat 2006: 1). Damit einhergehend existiert Makki (2005: IX) zufolge der französisch-arabische Sprach- und Kulturkontakt seit rund zwölf Jahrhunderten, die Beziehungen manifestieren sich insbesondere in der Lexik (vgl. Walter/Baraké 2006: 15). Die meisten Arabismen sind jedoch in den vergangenen 200 Jahren in die romanischen Sprachen gekommen (vgl. El Houssi 2001: 5), vor allem während der französischen Kolonialherrschaft in Nordafrika und im Nahen Osten. Wichtige semantische Felder sind hierbei Wissenschaft, Militär, Schifffahrt, Stoffe, Haus und Haushalt, Früchte und Tiere (vgl. Kiesler 2006: 1651).

Die Fragestellung, der in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden soll, lautet, aus welchen semantischen Gruppen direkte wie indirekte Arabismen im Standardfranzösischen entlehnt wurden und wie sich die Wörter vom arabischen Etymon zum Wort im Französischen entwickelt haben. Dieser Fragestellung liegt die Relevanz zugrunde, dass Arabismen im Standardfranzösischen bisher nicht gesondert erforscht wurden (vgl. ebd.). Der Beginn des Untersuchungszeitraums wird bei 1798 angesetzt, weil dort der Ägyptenfeldzug Napoleon Bonapartes begann und dieser eine Faszination und ein Interesse an dem antiken Ägypten weckte, was den Weg für den Orientalismus bereitete. Reiseberichte stellen dabei eine wichtige Quelle dar, um herauszufinden, welche Arabismen in dieser Zeit ins Französische gekommen sind. Zudem würde es den Rahmen der Arbeit übersteigen, würde noch die Zeit vor 1798 untersucht werden.

Zuerst werden wichtige Definitionen für das Verständnis der vorliegenden Arbeit geliefert (2.1.). Danach wird ein Überblick über den Forschungsstand zu Arabismen im Französischen gegeben (2.2.), woraufhin eine Darstellung des französisch-arabischen Sprach- und Kulturkontakts folgt (2.3.). Das methodische Vorgehen im analytischen Teil der Arbeit wird in 3. dargestellt. Der analytische Teil folgt in Kapitel 4., das sich in drei Teile gliedert (4.1., 4.2. und 4.3.), die jeweils einen definierten Abschnitt innerhalb des Zeitraums von 1798 bis heute behandeln. Abschließend wird ein Fazit gezogen und ein Ausblick gegeben (5.).

2. Theoretische Hinführung

2.1. Definitionen

Als Arabismus wird ein Wort arabischen Ursprungs bezeichnet. Dabei gibt es direkte wie indirekte Arabismen (vgl. Kiesler 2006: 1649). Direkte Arabismen kommen ohne eine sogenannte Verbindungssprache (langue intermédiaire) in eine andere Sprache (vgl. Makki 2005: XIV). Die höchste Zahl direkter Arabismen hat das Französische in der Neuzeit durch Handelsbeziehungen, über Reiseberichte, den Ägyptenfeldzug Napoleons 1798-99 und vor allem während der französischen Kolonisation im Maghreb bekommen (vgl. Kiesler 2006: 1650). Von indirekten Arabismen kann gesprochen werden, wenn diese eine oder mehrere Verbindungssprachen haben (vgl. Makki 2005: XIV). Kontzi (1998: 344) spricht auch von Wanderwörtern. Im Falle von indirekten Arabismen im Französischen sind Verbindungssprachen z. B. Griechisch, Latein, Hebräisch/Aramäisch, Persisch, Osmanisch-Türkisch und romanische Sprachen wie Spanisch, Italienisch und Portugiesisch (vgl. Christ 1991: 151). Bereits Steiger (1950: 6) stellt richtig fest, dass das arabische Sprachgebiet im Verlauf der Geschichte eine große Berührungsfläche mit anderen Sprach- und Kulturkreisen der mediterranen Region hatte.Laut Kontzi (1998: 344) kamen zur Zeit des Altfranzösischen die meisten Arabismen in die französische Sprache. Etwas weniger zahlreich waren Arabismen zur Zeit des Mittelfranzösischen und noch weniger kommen heutzutage. Dies steht jedoch im Widerspruch zu El Houssis (2001: 109 ff.) Ausführungen, kamen ihm zufolge doch 219 Wörter arabischen Ursprungs seit 1798 ins Französische. Wird angenommen, dass es im Französischen insgesamt ca. 400 bis 500 Arabismen gibt, kam damit seit 1798 ungefähr die Hälfte aller bekannten Arabismen ins Französische. Hieran wird deutlich, dass es in der Forschung Dissens darüber gibt, was als direkter und was als indirekter Arabismus gelten kann.

2.2. Forschungsstand

Was die Anzahl der Arabismen im Französischen betrifft, existieren in der Forschungsliteratur unterschiedliche Angaben. Baldinger (1972) zufolge gibt es 380 Arabismen im Französischen, Quinsat (1987) gibt 390 an. El Houssi (2001) führt in seinen Listen gar 546 Wörter arabischen Ursprungs auf. Er führt eine alphabetische Liste mit Arabismen im Französischen (vgl. ebd. 21 ff.), eine chronologische mit Angabe der Jahreszahlen, in denen die Arabismen zum ersten Mal im Französischen gebraucht wurden (vgl. ebd. 105 ff.) und eine mit graphischen Varianten (vgl. ebd. 113 ff.). Des Weiteren führt er eine Liste mit direkten (vgl. ebd. 144 ff.) und indirekten Arabismen. Die indirekten sind wiederum nach den Verbindungssprachen sortiert: Spanisch (vgl. ebd. 149 f.), Italienisch (vgl. ebd. 151 f.), Portugiesisch (vgl. ebd. 153), Latein (vgl. ebd. 154 f.), Okzitanisch (vgl. ebd. 156), Persisch und Türkisch (vgl. ebd. 157). In der letzten Liste sind die Arabismen nach semantischen Gruppen sortiert (vgl. ebd. 159 ff.). Insgesamt sind El Houssi (2001: 109 ff.) zufolge 219 Wörter arabischen Ursprungs seit 1798 ins Französische gekommen. Die meisten Arabismen seien in den vergangenen 200 Jahren in die romanischen Sprachen gekommen (vgl. ebd. 5). Auch Makki (2005: XII) kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als 500 Wörter im Französischen einen arabischen Ursprung aufweisen. Der Korpus, den er untersucht, basiert auf Wörtern aus dem TLF. Die dortigen Arabismen sind allerdings nur bis 1960 erfasst worden. Deshalb ergänzt der Autor den Korpus um häufig gebrauchte Arabismen, die in weiteren Publikationen aufgeführt werden, wie in dem FEW (1967) und in einigen arabisch-französischen und französisch-arabischen Wörterbüchern.

Baldinger (1972) wertet den 19. Band ‚Orientalia‘ des FEW aus, der einen Überblick insbesondere über die arabischen Einflüsse auf den französischen Wortschatz bietet (vgl. ebd. 13), und sortiert die dort aufgeführten Arabismen nach semantischen Feldern. Wichtige semantische Felder für die Arabismen, die nach 1798 ins Französische gekommen sind, sind Musikinstrumente und Tanz (vgl. ebd. 19 f.), Spiele und Schach (vgl. ebd. 20 f.), Handel (vgl. ebd. 21 ff.), Zoll und Steuern (vgl. ebd. 23 f.), Maße (vgl. ebd. 24 f.), Schifffahrt (vgl. ebd. 25 ff.), Stoffe (vgl. ebd. 28 ff.), Kleidung (vgl. ebd. 31 f.), Haus und Haushalt (vgl. ebd. 32 ff.), Speisen (vgl. ebd. 34 f.), Früchte (vgl. ebd. 35 f.) und Tiere (vgl. ebd. 36 ff.).

Laut Kiesler (2006: 1651) sind Arabismen im Standardfranzösischen bisher nicht gesondert erforscht worden. Christ (1991: 54) erforscht Wörter arabischen Ursprungs, die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Argot gekommen sind. Das Argot, ursprünglich die Sprache der Bettler und Gauner, ist der bas langage, der sich vulgärer, obszöner, sonst tabuisierter Wörter bedient (vgl. Müller 1975: 174). Walter/Baraké (2006) beschäftigen sich mit den Ursprüngen der arabischen Sprache, seiner Expansion und Diversifikation in verschiedene Varietäten, seiner Lautstruktur und Funktionsweise sowie mit der Entwicklung von der Schrift zur Kalligrafie. Zudem führen sie ein Glossar mit Wörtern im Französischen arabischen Ursprungs (vgl. ebd. 103 ff.) und eines mit Wörtern im Arabischen französischen Ursprungs (vgl. ebd. 159 ff.).

Quinsat (2006: 1) zufolge bietet der TLF(i) den gründlichsten, am besten dokumentierten Überblick über Arabismen im Französischen. Kleine französische Wörterbücher enthalten allgemein in etwa 400 Arabismen, während der TLF(i) fast 500 aufführt (vgl. Quinsat 2006: 9). Jedoch gilt es zu beachten, dass der TLF(i) seit 1994 nicht mehr aktualisiert wurde (ATILF: http://atilf.atilf.fr/). Quinsats Angaben gehen mit denen von El Houssi (2001) und Makki (2005) einher, die von über 500 Arabismen im Französischen ausgehen. Insgesamt kann also angenommen werden, dass es im Französischen in etwa 500 Wörter arabischen Ursprungs gibt.

Kiesler (2006: 1653) zufolge bewirkt die Aufnahme von Arabismen, dass es neue Homonyme und Synonyme im Französischen gibt. Die bisherige Forschung unterschätzt nach El Houssi (2001: 11) den Einfluss des Arabischen auf das Französische, dessen Lexeme über Jahrhunderte hinweg direkt wie indirekt ihren Weg ins Französische fanden. Sprachkontakt beeinflusse nicht nur die Entwicklung von Sprache, sondern auch die Entwicklung von Wissen (vgl. ebd. 12). Benkhouya (1998: 20) schätzt, dass Wörter arabischen Ursprungs nach wie vor ihren Weg ins Französische finden und weiterhin in Wörterbücher aufgenommen werden. Auch wenn diese Einschätzung bereits vor 22 Jahren getätigt wurde, kann davon ausgegangen werden, dass sie zutrifft, befindet sich Sprache doch durch den Kontakt mit anderen Sprachen und Kulturen in einem ständigen Wandel (vgl. Riehl 2014).

2.3. Französisch-arabischer Sprach- und Kulturkontakt

In einem ersten Schritt werden die wichtigsten Stationen des französisch-arabischen Sprach- und Kulturkontakts vorgestellt, um die Entlehnung von arabischen Wörtern im Französischen kontextuell nachvollziehen zu können (2.3.1.). Daraufhin folgt eine Erläuterung der sprachlichen Adaptationen, die bei der Entlehnung vorgenommen wurden (2.3.2.).

2.3.1. Sprach- und Kulturkontakt

Dem Kontakt von unterschiedlichen Sprachen liegt immer ein Kontakt der entsprechenden Bevölkerungen zugrunde (vgl. Kontzi 1998: 328). In der Forschungsliteratur herrscht der Konsens, dass Kontakte zwischen der arabischen und den romanischen Sprachen sowie zwischen den entsprechenden Bevölkerungen seit dem frühen Mittelalter existieren. Makki (2005: IX) etwa weist darauf hin, dass zwischen den französischen und arabischsprachigen Bevölkerungen über Jahrhunderte hinweg komplexe Beziehungen existier(t)en. Der Autor (2005: XIV ff.) führt die einzelnen Etappen des französisch-arabischen Sprach- und Kulturkontakts auf: Seit dem achten Jahrhundert n. Chr. beeinflusst das Arabische die französische Sprache. Vom achten bis zum 13. Jahrhundert, während der Dynastie der Abbassiden in Bagdad, wurde Vokabular aus den Bereichen der Mathematik, Chemie, Botanik und Astronomie von europäischen Sprachen aufgenommen, z. B. alchimie (Alchemie) < ar. kīmiyā‘ (Stein der Weisen) (vgl. FEW 19: 93) und estragon (Estragon) < ar. ṭarḫūn (Estragon) (vgl. FEW 19: 183). El Houssis (2001: 159 ff.) Ergebnisse bestätigen, dass Wörter aus den genannten semantischen Feldern überwiegend vor der Neuzeit ins Französische gekommen sind.

Das neunte bis 14. Jahrhundert waren von der Herrschaft der Mauren in Spanien geprägt. Dies kennzeichnet einen wichtigen Moment für den Sprachkontakt zwischen dem Arabischen und den romanischen Sprachen (vgl. Wartburg 1965: 75 f.). Wichtige semantische Felder im Französischen, in denen Arabismen dazugekommen sind, sind die Kochkunst, Kunst und Wissenschaft. Oft handelt es sich um indirekte Arabismen mit dem Spanischen als Verbindungssprache, wie bei lime (Zitrussorte) < sp. lima < ar. līma < pers. līmūn (Zitrone) (vgl. FEW 19: 109).

Das elfte bis 15. Jahrhundert wurden von den Kreuzzügen dominiert. Im Französischen wurde vor allem Vokabular aus den Bereichen Handel und See übernommen. Verbindungssprache ist hier oft das Italienische, genauer die genuesische und venezianische Varietät. Beispiele sind chiffre (Ziffer) < it. cif(e)ra < ar. ṣifr (Null) (vgl. FEW 19: 156 f.) und tarif (Tarif) < it. tariffa < ar. ta’rīfa (Bekanntmachung) (vgl. FEW 19: 184).

Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert besaß das Osmanische Reich seine größte Macht. Es beherrschte einen großen Teil der arabischsprachigen Welt. Vor allem aus dem Bereich des Alltagslebens kamen Arabismen ins Französische. Die Verbindungssprache ist oft Türkisch, wie bei hammam (öffentliches Bad im nahöstlichen Raum) < tur. hamam < ar. ḥammām (Bad) (vgl. FEW 19: 66).

Der Ägyptenfeldzug Napoleon Bonapartes von 1798 bis 1799 fachte im 19. Jahrhundert die Neugier von Intellektuellen am Nahen Osten an, die dorthin Reisen unternahmen und diese in Berichten festhielten. Darin bewerteten sie die Gegenden und die Lebensweise der Menschen, in die sie reisten und die sie kennenlernten, oft aus einer eurozentristischen Sicht, was als Orientalismus bezeichnet wird (ausführlicher dazu bei Said 1978). Die semantischen Felder, aus denen in dieser Periode vor allem Arabismen entlehnt wurden, sind die islamische Mythologie und die Kochkunst, wie éfrit (Wesen aus der islamischen Mythologie) und moussaka (Gericht aus Kartoffeln und gebratenem Gemüse) < ngr. mousakas < tür. musakka verdeutlichen.

Im 19. und 20. Jahrhundert beherrschte Frankreich als Kolonialmacht Teile des Nahen Ostens sowie Nord- und Westafrikas. Die Eroberung Algeriens 1830 war für den Aufbau des Kolonialreiches entscheidend. Das Französische beeinflusste in dieser Zeit das Arabische in Algerien und vice-versa. Arabismen kamen vor allem im militärischen Argot hinzu (vgl. Makki 2005: XIII), z. B. bled (kleines rudimentäres Dorf) < maghreb.-ar. blad (Land) < klass.-ar. bilād (vgl. FEW 19: 34) und toubib (Militärarzt) < ar. ṭabīb (Arzt) (vgl. FEW 19: 173).

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden nahezu alle Gebiete, die dem französischen Kolonialreich angehörten, in die Unabhängigkeit entlassen. Dieser Entlassung gingen breite Unabhängigkeitsbewegungen zuvor. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist von radikalen politischen und religiösen Bewegungen im Nahen Osten und Nordafrika geprägt. Zu dieser Zeit wurden aus den Bereichen Religion, Politik sowie Kochkunst und Musik Arabismen entlehnt. Nach dem Entlassen der Kolonien und Protektorate in die Unabhängigkeit fand viel Migration aus dem Nahen Osten und Nordafrika nach Europa statt, insbesondere nach Frankreich. Beispiele für Arabismen im Französischen aus dieser Zeit sind ayatollah (hoher Amtsträger des schiitischen Islams) < ar. âyat allâh (Zeichen Gottes) (vgl. Makki 2005: 15), intifada aus dem Kontext des israelisch-palästinensischen Konflikts (< ar. intifāḍa, Aufstand), raï (arabische Popmusik) und taboulé (Salat aus der libanesischen und syrischen Küche) < lib.-/syr.-ar. tabboûlé/tabboûla < ar. tabbala (würzen) (vgl. Makki 2005: 110).

2.3.2. Sprachliche Adaptationen

Bevor die sprachlichen Adaptationen vorgestellt werden, die im Französischen bei der Entlehnung arabischer Wörter erfolgen, soll zunächst darauf hingewiesen werden, dass sich ‚das Arabische‘ in das Hocharabische (ar. al ‘arabiyya al fousha) und in eine Vielzahl von Varietäten (langues arabes dialectales, ar. al ‘arabiyya ad-dârija) aufteilt. Dies ist relevant, weil nur bestimmte Varietäten für den französisch-arabischen Sprachkontakt wichtig sind: die maghrebinischen aus Nordafrika (Marokko, Algerien, Tunesien), die zudem von Berbersprachen beeinflusst sind sowie die libanesisch-syrische und ägyptische aus dem Nahen Osten. Das Hocharabische, die Sprache des Korans, ist eine reine Schriftsprache (vgl. Makki 2005: XIII).

Direktentlehnungen aus dem Arabischen im Französischen geben zuerst ein auditives Bild (image acoustique) wieder, das dann in ein visuelles Bild umgesetzt wird. Entlehnte Wörter werden zwar dem nationalen Lautbestand der entlehnenden Sprache, hier des Französischen, weitgehend angeglichen, jedoch bewirken die Eigentümlichkeiten des Lautbestands der entlehnenden (Französisch) und der entlehnten Sprache (Arabisch), die Neigung zur vereinfachten oder bequemeren Aussprache, Assimilation und Dissimilation, volkstümliche Anlehnung an bekanntere Wortformen sowie weitere, fast willkürlich erscheinende Ursachen, dass allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten nicht aufgestellt werden können. Das Arabische verfügt über eine relativ große Zahl an Lauten, die im Französischen nicht existieren, wie Laryngale, Pharyngale, emphatische Laute und Interdentale. Bei der Entlehnung wird der Laut, der im Französischen schwierig wiederzugeben ist, unterdrückt oder durch einen ähnlichen Laut aus der französischen Sprache ersetzt (vgl. Christ 1991: 93). Nach Roudet (1908: 253) existieren drei Möglichkeiten, ein Fremdwort der französischen Betonung anzupassen. Ist das Fremdwort ein Oxytonon (die letzte Silbe wird betont), gleicht sich die französische Akzentuierung problemlos an, da im Französischen für gewöhnlich die letzte Silbe betont wird. Ist das Fremdwort ein Paroxytonon (die vorletzte Silbe wird betont), wird die Betonung an das Französische angeglichen, indem der Endvokal ausgestoßen wird, womit das Wort zu einem Oxytonon wird. Alternativ kann auch ein e muet angehängt werden, denn das Französische erlaubt keinen anderen unbetonten Endvokal. Wenn das Fremdwort hingegen ein Proparoxytonon (die drittletzte Silbe wird betont) ist, werden entweder die letzten zwei Silben ausgestoßen oder die letzte und die Paenultima werden in ein Femininum abgewandelt. Dieser Fall ist bei arabischen Entlehnungen allerdings sehr selten (vgl. Christ 1991: 94).

Auf der Ebene der phonologischen Adaptation werden die Entlehnungen aus dem Arabischen den Akzentverhältnissen des Französischen angepasst, wodurch es gelegentlich zu Akzentverschiebungen kommt, wie bei caoua (Café) < ar. qáhwa (Kaffee) (vgl. FEW 19: 79) und lascar (Soldat) < ar. ‘áskar (Armee, Feldlager) (vgl. FEW 19: 106; Kiesler 2006: 1652). Des Weiteren wurde ein arabisches /a/ vor dem 19. Jahrhundert im Französischen vor einem Nasalkonsonanten oft zu dem Nasallaut /ã/, die die wichtigste Veränderung beim Übergang vom arabischen <a> zum Französischen <a> in der Graphie kennzeichnet. Dies war z. B. bei mazagran (kalter Kaffee, der in einem Glas serviert wird; vgl. FEW 19: 126) der Fall, bei dem das letzte <a> nasaliert wurde (vgl. Christ 1991: 109). /i/ und /u/ bleiben meist erhalten. Das arabische /ī/ ergibt im Französischen graphisch das ältere <-in> und das jüngere <-i> (vgl. Kiesler 2006: 1652). Der Langvokal /i:/ hat sich im Französischen in vielen Fällen erhalten. Aufgrund der Entwicklung von <i> in arabischen Dialekten wird es im Französischen zu <e> oder <i> (vgl. Christ 1991: 110). Der lange Vokal <ū> wird im Französischen phonologisch meist durch [u:], aber auch durch [o:] und [o] wiedergegeben. Graphisch kann er durch den Diphtong <ou> sowie durch <ô> und <o> umgesetzt werden (vgl. Christ 1991: 109; El Houssi 2001: 21 ff., 159 ff.).

Kiesler (2006: 1652) zufolge sind graphische Anpassungen bei arabischen Entlehnungen im Französischen grundsätzlich schwierig, was sicherlich mit den unterschiedlichen Ursprüngen des lateinischen und des arabischen Schriftsystems zusammenhängt. Kennzeichnend für Arabismen im Französischen sind die Endung auf <i> wie bei cadi (Richter; vgl. FEW 19: 75) und sloughi (Windhund; vgl. FEW 19: 160) sowie die Endung auf <h> wie bei casbah (Festung in Nordafrika; vgl. FEW 19: 89) und chleuh (Berbersprache). Weiterhin weisen Arabismen für das Französische ungewöhnliche Buchstaben wie <k> auf, so z. B. aboukorn (Nashorn; vgl. FEW 19: 2) und kif-kif (dasselbe; vgl. FEW 19: 93). Auch die Digraphen <dj> (z. B. caouadji (Inhaber eines Cafés; vgl. FEW 19: 79)) und <gh> (z. B. sloughi) charakterisieren Arabismen im Französischen. Weiterhin wird das arabische <w> im Französischen oft durch den Diphtong <ou> wiedergegeben (vgl. El Houssi 2001: 21 ff., 159 ff.), z. B. bei bédouin (Beduine) < ar. badawī (Bewohner der Wüste; vgl. FEW 19: 16). Ein arabisches <q> wird im Französischen oft zu <g> (vgl. El Houssi 2001: 21 ff., 159 ff.), wie bei foggara < ar. foqa:ra (vgl. El Houssi 2001: 161).

Beim Übergang vom Arabischen ins Französische ist der Verlust der im Arabischen existierenden Opposition von langem und kurzem Vokal kennzeichnend. Das arabische <a> wird im Französischen oft durch <e> repräsentiert, wie sérouel (Hosenart) < ar. sirwāl zeigt (vgl. Christ 1991: 108) und was auch die Auswertung der Listen El Houssis (2001: 21 ff., 159 ff.) ergibt. Wobei eine andere mögliche Form séroual lautet, in der sich das arabische <a> im Französischen erhalten hat (vgl. FEW 19: 160). Der Grund für den Erhalt des <a> ist laut Christ (1991: 109) in der Spontaneität des emprunt auditif zu identifizieren. Demnach geschieht die Reproduktion eines gehörten Begriffes meist spontan, aus der Notwendigkeit heraus, für die Menschen des Landes verständlich zu sein. Deshalb wurde bei Arabismen im Französischen der Endvokal meist bewahrt.

Im Hinblick auf graphische Adaptationen in der Silbenstruktur ist festzustellen, dass zwischen den beiden Elementen einer im Arabischen unverbundenen Konsonantengruppe im Französischen ein epenthetischer Vokal eingefügt wird, wie bei dem Wort meherry (Dromedarart) < ar. mahrī (vgl. FEW 19: 114; Makki 2005: 78). Des Weiteren werden geschlossene Silben im Arabischen zu offenen im Französischen, das im Allgemeinen durch die Verwendung offener Silben charakterisiert ist (vgl. Christ 1991: 110).

Auf morphologischer und lexikalischer Ebene nehmen entlehnte Verben aus dem Arabischen französische Endungen an, wie se barrer (ugs., sich verziehen, abhauen) < ar. berra. Kontaminationen und Volksetymologien betreffen meist indirekte Arabismen, wie (pomme d‘) orange (Orange) < it. melarancia (< mela + arancia < ar. nāranğ(a)). Auch gibt es Lehnübersetzungen, wie etwa sucre rouge (Mark des Zuckerrohrs) < ar. sukkar ‘aḥmar. Auch gibt es semantisch differenzierte Mehrfachentlehnungen (vgl. Kiesler 2006: 1652).

Insgesamt ist festzuhalten, dass das Französische vor allem im Rahmen seiner Kolonialherrschaft im Nahen Osten und Nordafrika Wörter arabischen Ursprungs entlehnt hat und dass phonologische und graphische Adaptationen an die Gegebenheiten des Standardfranzösischen nicht immer einfach sind.

3. Methodisches Vorgehen

Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit sind direkte wie indirekte Arabismen, die seit dem Jahr 1798 im Standardfranzösischen entlehnt wurden. Der Grund für die Wahl des Jahres 1798 als Beginn des Untersuchungszeitraums ist der Ägyptenfeldzug Napoleon Bonapartes, der hier seinen Anfang nahm und bis in das Jahr 1799 andauerte.

[...]

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Details

Titel
Arabismen im Standardfranzösischen
Untertitel
Ihre Entwicklung während des Ägyptenfeldzugs Napoleon Bonapartes (1789-1799) und des Orientalismus, der Französischen Kolonialherrschaft und des 20. Jahrhunderts, sowie der Gegenwart
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Romanische Philologie)
Veranstaltung
Sprach- und Kulturkontakt im mediterranen Raum
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
33
Katalognummer
V1113086
ISBN (eBook)
9783346479662
ISBN (Buch)
9783346479679
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachkontakt, kulturkontakt, französisch, arabisch, neuzeit, napoleon bonaparte, ägyptenfeldzug, arabismen, semantik, semantische felder, linguistik, lexik, sprachwissenschaft, mediterraner raum, mittelmeerraum, mittelmeer
Arbeit zitieren
Viktoria Woronin (Autor:in), 2020, Arabismen im Standardfranzösischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1113086

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